
von Vistin
„War es nun der Agaricus Campestrix Brutalis oder der Agaricus Campestrix Velocis, der zur Herstellung von Laufsalbe verwendet wird?“ James saß mit Remus und Peter an einem Tisch im Gemeinschaftsraum und grübelte über seinem Aufsatz für Kräuterkunde.
„Das finde ich auch verwirrend“, sagte Peter und blätterte in einem Buch.
„Anscheinend macht man die Laufsalbe aus dem Agaricus Campestrix Brutalis, denn diese braucht man, um den Agaricus Campestrix Velocis überhaupt erst zu erwischen. Aber wieso sollte man das wollen?“
Remus schrieb bereits sein zweites Blatt Papier voll und hörte den beiden gar nicht zu. Erst als sich ihm zwei Augenpaare fragend zuwandten und ihn nervös machten, blickte er auf. Mit einem genervten Seufzen legte er die Feder zur Seite: „Was gibt’s?“
„Agaricus Campestrix Velocis“, klärte ihn James auf. „Wir wollen wissen, wozu der gut sein soll.“
Remus überflog seine Unterlagen.
„Ähhh. Für Rührei? Durchgenommen haben wir nur den Agaricus Campestrix Brutalis und den Agaricus Xanthoderma Sordidus, der zwar giftig ist, aber aus dem man intelligente Tinte gewinnen kann. Wie ich schon sagte, Potter, schlag mal nach, wozu man Ohren gebrauchen kann.“
„Mach ich, versprochen. Aber morgen, für heute hab ich genug“, gab James zurück und schob seine Unterlagen vom Tisch in seine Tasche.
Den Rest des Abends bis zu ihrer Astronomiestunde verbrachte er, in einige Kissen verkrochen, mit dem neuen Horrorroman von Phesten Korung, der immer wieder zur Handlung passende, gruselige Geräusche von sich gab und Remus, der versuchte für Verwandlung zu lernen, fast in den Wahnsinn trieb. Auf dem Weg zum Astronomieklassenzimmer trafen sie Frank. Er kam gerade zusammen mit einem braunhaarigen Jungen um die Ecke, als James, Remus und Peter anhielten, um zu überprüfen, ob sie auch den richtigen Turm erwischt hatten.
„Hallo, James! Tag, Remus, Peter! Schön, euch mal wiederzusehen“, begrüßte Frank sie fröhlich. Findet ihr nicht auch, dass man diese Stunde ruhig vorverlegen könnte? Es ist schon seit einer Stunde zappenduster draußen. Ach übrigens, das ist Nathan. Nathan, das sind James, Peter und Remus." Nathan schüttelte ihnen reihum die Hand.
„Du bist James? James Potter? Einer der Ravenclaws hat erzählt, du hättest gleich in der ersten Verwandlungsstunde einen Fingerhut in eine lebende Schnecke verwandelt, stimmt das?“ James grinste und fuhr sich mit der Hand durch das wirre Haar.
„Es war die zweite Stunde, aber ja, es war eine echte Schnecke.“ Als sie den zugigen Raum ganz oben im höchsten Turm des Schlosses erreicht hatten, waren sie alle ziemlich aus der Puste. Die Schüler aus Gryffindor und Hufflepuff saßen bereits gähnend auf schlanken, hohen Stühlen vor Kristallobjektiven. Sie bestanden aus verschiedenen, flachen Ringen, die so gegeneinander verstellt waren, dass sie eine Art Kugel bildeten. In der Mitte des Raumes führte eine Leiter nach oben aufs Dach. An dieser stand der blonde Lehrer, den James schon bei der Begrüßungsfeier gesehen hatte.
„Jetzt sollten wir vollzählig sein“, sagte dieser und blickte milde auf die fünf Nachzügler.
„Eben wurde die Frage gestellt, ob man die Unterrichtsstunde im Winter nicht früher abhalten könnte. Ich muss euch enttäuschen, das ist leider nicht möglich. Ich bin seit jeher ein ausgesprochener Nachtmensch und eigentlich werde ich vor Mitternacht kaum richtig wach. Wundert euch also nicht, wenn ich es im ersten Teil der Stunde nicht schaffe zur Sache zu kommen.“ Ein schelmisches Lächeln huschte über seine Lippen und eine Handvoll Mädchen lief rot an, während sie hinter vorgehaltener Hand kicherten.
Der Professor hob seinen Zauberstab und zeichnete damit eine schwungvolle Acht in die Luft. Die Objektive stellten sich ein und in der Mitte der Kugeln konnte man das Bild einer Sternengruppe erkennen. Von einigen Mädchen kam ein schwärmerisches Seufzen, bei dem James nicht beurteilen konnte, ob es den Sternen oder dem Zauberspruch galt. Er fand beides eher wenig beeindruckend.
„Ich bin übrigens Professor Eridanus und werde euch in den folgenden Stunden in die Schönheit und Weisheit der Sterne einführen. Was ihr nun vor euch seht, ist das Bild der Andromeda. Dieses Sternbild ist im September sehr einfach zu erkennen. Bitte prägt euch diese Sternenkonstellation gut ein. Wir werden heute den Umgang mit den magischen Kristallteleskopen üben - für eure Handteleskope ist es zu bewölkt.“
James fiel auf, dass einige der Mädchen außergewöhnlich konzentriert Professor Eridanus’ Worten lauschten, während er selbst sich sehr zusammenreißen musste, um nicht einzuschlafen.
* * *
Am nächsten Morgen wurde James von einem Sonnenstrahl, der durch den Vorhang in sein Bett fiel, geweckt. Zuerst versuchte er, ihn zu ignorieren, doch die morgendliche Sonne kannte keine Gnade und irgendwann gab er auf. Erst als er aus dem Bad zurückkam, bemerkte er die Stille im Raum. Er war der Letzte. Verunsichert sah er auf Remus' Wecker; es war bereits halb zehn und er war noch immer im Schlafanzug.
Zehn Minuten später traf er völlig außer Atem in der Großen Halle ein: „Hättet ihr mich nicht wecken können?“, beschwerte er sich bei Peter und Remus.
„Haben wir versucht. War völlig zwecklos“, antwortete Remus trocken und blätterte in einem Magazin.
Kaum hatte James platzgenommen, hüpfte ein kleiner, gepunkteter Vogel von der Fensterbank eines der schmalen Fenster im obersten Drittel der Halle. Sofort wurde er von einem großen Paket nach unten gerissen und taumelte, ehe er durch energisches Flügelschlagen wieder aufstieg und zum Gryffindortisch flatterte.
„Christopher!“, begrüßte James den Kauz erfreut, der auf seiner Schulter landete, wobei das Paket gegen James' Brust schlug.
„Wo warst du so lange?“, fragte James und knotete das Paket von Christophers Fuß los. Der winzige Sperlingskauz piepte freudig und hüpfte auf James’ Kopf, wo er anfing, an dessen Haaren zu zupfen. Ein paar Mädchen kicherten, während James das Paket unter die Lupe nahm. Es war in graues, wetterfestes Papier eingepackt, wie es seine Großmutter für Butterbrote verwendete, wenn er und sein Großvater Touren durch Finnland unternahmen. An das Paketband waren zwei Briefe geknotet. Der eine war in der schönen, geschwungenen Schrift seiner Großmutter adressiert, auf dem anderen stand bloß „J. Potter“. Diesen Umschlag öffnete er zuerst.
Lieber James,
es tut mir Leid, dass ich Deine Eule so lange aufgehalten habe. Aber Deine Großmutter wäre sicher nicht einverstanden gewesen, dass ich Dir dieses Geschenk jetzt schon zukommen lasse. Daher musste ich Christopher abfangen, nachdem sie ihn bereits losgeschickt hatte. Ursprünglich hatte er eine Schachtel mit selbstgezauberten Keksen dabei, aber auf die wirst Du leider verzichten müssen. Beide Pakete hat der Kleine nicht hochbekommen, und dass er bis Hogwarts zu Fuß geht, konnte ich nicht zulassen. Doch den Verzicht wirst Du nicht bereuen, denn ich schicke Dir etwas viel Besseres - meinen alten Unsichtbarkeitsumhang. Ich kenne uns Pottermänner recht gut, und ich weiß, wie spannend Hogwarts für einen jungen Gryffindor wie Dich sein kann. Der Umhang soll Dir helfen, bei Deinen Abenteuern einigermaßen ungeschoren davonzukommen.
Ich wünsche Dir viel Vergnügen.
Großvater
Schnell riss James das Papier auf, und ein silbrig seidiger Stoff ergoss sich auf seinen Schoß.
„Wow, was ist das?“, fragte Peter sofort, doch James unterbrach ihn: „Psst! Leise, die Lehrer sollten es lieber nicht erfahren. Das ist ein Tarnumhang, von meinem Großvater.“ Auch Remus beugte sich zu James herüber und betrachtete den feinen Stoff auf dessen Knien.
„Er sieht nicht gerade unsichtbar aus“, stellte er fest.
„Es funktioniert nur in eine Richtung. Schau!“ James faltete den Umhang an einer Seite auseinander und legte seine Hand unter den Stoff: Sie verschwand.
„Klasse!“, kam es erneut von Peter, diesmal verstohlen leise, und sofort schmiedete er Pläne: „Den kann man benutzen, um sich aus Geschichte der Zauberei zu schleichen. Professor Binns würde nicht merken, dass einer fehlt.“
„Aber er würde merken, wenn sich die Tür öffnen und wieder schließen würde, ohne dass jemand rein- oder rausgeht“, zerstörte Remus Peters Hoffnungen.
„Und wir sollten jetzt los. Sonst erfahren wir, ob es Professor Binns auffällt, wenn drei Schüler gar nicht erst zum Unterricht erscheinen.“
Diesmal schaffte es Professor Binns bereits nach einer Minute, James' Interesse verpuffen zu lassen. Deshalb zog James seine Verwandlungsunterlagen hervor und versuchte, seinen Bleistift flüsternd in einen Regenwurm zu verwandeln. Aber es wollte nicht so recht funktionieren, der Stift zuckte zwar ab und an, blieb jedoch genauso hölzern wie zuvor.
In Auswahl nichtmagischer Künste war es fast noch schlimmer, denn im Gegensatz zu Professor Binns achtete die rundliche Professor Customary sehr pingelig auf die Aufmerksamkeit ihrer Schüler, während sie ihnen die wichtigsten Autoren des 14. Jahrhunderts nach Merlin vorstellte.
„So, da drin haben wir jetzt Unterricht“, sagte Peter und deutete auf eine Tür mit zwei dicken Striemen, wie von messerscharfen Krallen. „Nicht gerade einladend.“
In dem geräumigen Klassenzimmer saßen bereits einige Schüler. James’ Miene verfinsterte sich, als er das blondgelockte Slytherinmädchen entdeckte. Sie saß auf einem Schreibtisch vor einem dunkelhäutigen Jungen und kicherte ausgelassen.
Weitere Schüler trudelten ein, und es wurden noch reichlich Gespräche geführt, als sich die Tür knarrend öffnete und der Rücken eines Erwachsenen im Türrahmen auftauchte. Der Mann war recht groß und über seine breiten Schultern fiel langes, schwarzes Haar. Langsam trat er rückwärts in den Raum und jetzt sahen die Schüler, wieso er ihnen den Rücken zuwandte. Er hatte die Tür mit dem Ellbogen öffnen müssen, denn er hatte die Hände voll mit länglichen Käfigen, in denen kleine, schwarze Tiere rumorten. Er manövrierte die Käfige geschickt bis zum Pult, stellte sie ab und drehte sich energisch zur Klasse um. Mit einem abschätzigen Blick musterte er die Schüler, bevor er sich vorstellte:„Ich bin Professor Pericul, Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste. Ich möchte Sie warnen, und ich werde es nur einmal tun. In diesem Unterricht ist absoluter Gehorsam überlebenswichtig, denn jeder falsche Schritt, jedes Wort an der falschen Stelle, jeder unüberlegte Zauber kann Ihren Tod bedeuten.“ Seiner tiefen, kalten Stimme folgte absolute Stille. Die Schüler wagten nicht einmal zu atmen. Pericul schien den Moment zu genießen, denn sein Lächeln wurde etwas breiter und seine Hand strich genüsslich über seinen schwarzen Bart.
„Heute werden wir uns mit dem einfachsten Abwehrzauber beschäftigen. Um ihn zu üben, habe ich Ihnen hier einige Terreurdore mitgebracht. Oft werden sie auch Kellerschreck genannt. Sie sind im Grunde ungefährlich und bei Tageslicht nicht einmal angsteinflößend. Doch sind es sehr selbstbewusste kleine Biester, und es ist Magie vonnöten, um sie zu verscheuchen. Mr. Shacklebolt, bitte helfen Sie mir, die Käfige zu verteilen, es sind genug für alle da.“ Der dunkelhäutige Junge aus Slytherin stand auf und trat neben Professor Pericul. Die Terreurdore sprangen in ihren Käfigen herum und gaben schrille Laute von sich, während Shacklebolt und Pericul sie auf die Tische verteilten. Peter schob den Käfig mit seiner Federmappe von sich weg. Remus hingegen betrachtete das schwarze Wesen sehr interessiert. Es sah aus wie eine große, haarige Spinne, nur hatte es deutlich mehr Beine und man konnte weder ein Vorne noch ein Hinten identifizieren, das war schon beim Oben und Unten schwer genug.
„Stellen Sie die Käfige so hin, dass Sie die schmale Seite vor sich haben. Dann können sich Ihnen die Kleinen nähern und wieder entfernen. Wie Sie sehen, versuchen sie, zu Ihnen zu gelangen. Ohne den Käfig würden sie Sie anspringen und unter Ihre Kleidung krabbeln. Miss Thores, die Tierchen sind eingesperrt, es gibt für Sie also keinen Grund zu wimmern!“, fuhr Pericul die vor Angst zitternde Crystal in der ersten Reihe an. „Terreurdore können zwar nicht beißen, aber ihre Beine hinterlassen unangenehme Unterkühlungen. Um sie sich daher vom Leib zu halten, verwenden wir einen einfachen Zauberspruch.“ Er trat hinter sein Pult und richtete den letzten verbliebenen Käfig auf sich aus. Sofort versuchte das Tier, durch die Käfigmaschen zu ihm zu gelangen.
„Znikaj!“, erklang Periculs Stimme gebieterisch und das haarige Etwas flüchtete auf die andere Seite des Käfigs.
„Das Wort alleine hat noch keine Wirkung, obwohl sich die harten Zischlaute hervorragend für Abwehrzauber eignen“, erläuterte Pericul, „es ist jedoch die Überzeugung, der Befehl, der erst den gewünschten Erfolg hervorruft. Bitte versuchen Sie den Zauberspruch einige Male, ich werde rumgehen und mir Ihre Fortschritte ansehen.“
James richtete seinen Zauberstab auf das in seinem Käfig zappelnde Wesen und sprach den Zauberspruch, doch der Terreurdor zuckte nur kurz. Erst nach einigen Versuchen hatte James das spinnenartige Tier soweit, zurückzuspringen, wenn er den Zauber wirkte. Da unterbrach ein Klirren und Kreischen seine Konzentration. Eine Reihe vor ihm führte sich Blacks Terreurdor auf wie wild, obwohl der dunkelhaarige Junge seinen Zauberstab gar nicht darauf gerichtet hatte.
„Mr. Black, glauben Sie, das Sie das heute noch zustande bringen? Oder muss ich wegen Ihnen die Einführung des einfachsten Verteidigungszaubers auf eine weitere Stunde ausdehnen?“, kommentierte Pericul kühl, während er an Blacks Tisch vorbeiging. James sah sich um. Das blonde Mädchen hatte seinen Zauberstab auf Blacks Käfig gerichtet und flüsterte etwas. Kaum hatte sich Pericul abgewandt, beruhigte sich das Tier wieder und das Mädchen drehte sich kichernd um. Black richtete seinen Zauberstab auf das Tier und zischte: „Znikaj!“ Auf der Stelle floh das Wesen zitternd an die andere Seite des Käfigs.
Im zweiten Teil der Doppelstunde nahmen sie Wesen durch, die sich ähnlich wie der Terreurdor von diesem Abwehrzauber beeindrucken ließen. Gerade als sich Professor Pericul von der Tafel abwandte, um eine weitere Frage zu stellen, begann Blacks Stuhl zu bocken. Immer wieder schien er Zentimeter hochgestemmt und dann wieder fallengelassen zu werden. Black hatte Mühe sitzenzubleiben.
„Mr. Black! Es wäre äußerst liebenswürdig, wenn Sie aufhören würden, meinen Unterricht zu stören“, wies Pericul ihn ruhig aber drohend zurecht. Auf Blacks Wangen bildeten sich vor Wut kleine rote Flecken.
„Bitte notieren Sie sich folgende Merkmale“, sagte Pericul an die Klasse gewandt, „damit Sie in Zukunft schnell feststellen können, ob Ihnen dieser Zauber weiterhelfen kann.“ Pericul wandte sich wieder zur Tafel, und mit einem Mal begann eine Papyrusrolle nach Blacks Fingern zu schnappen. Jetzt reichte es endgültig! James hob den Zauberstab und rief: "Rictumsempra!" Im selben Moment hörte er Blacks Stimme rufen: „Furunculus!“ Das blonde Mädchen begann schallend zu lachen, während ihr grünliche Tentakel aus dem Gesicht sprossen. Pericul wirbelte herum und fauchte: „Potter, Black, nachsitzen! Mr. Shacklebolt, begleiten Sie Miss Cristen auf die Krankenstation“, wandte er sich dann an den Jungen, der versuchte, das von Lachkrämpfen geschüttelte Mädchen vom Boden hochzuziehen.
* * *
„Wieso hast du das getan, James? Sie hat doch nicht dich gehänselt“, fragte Peter später beim Essen.
„Sie ist eine fiese Slytherin.“ Mürrisch stopfte sich James ein Würstchen in den Mund.
„Das können wir uns doch nicht gefallen lassen, immerhin ist Black ein Gryffindor, und wenn er schlecht dasteht, fällt es auf uns alle zurück.“
„Strafarbeiten für gleich zwei Schüler sind hingegen die reinste Ehre für Gryffindor“, kommentierte Remus spitz, doch gerade jetzt passte James Remus' Sarkasmus gar nicht. Er kochte innerlich, Camilles Verhalten war so unfair, und Pericul zog auch noch mit.
„Vielleicht solltest du mal nachlesen, wie man es schafft, auch mal die Klappe zu halten“, fuhr James Remus an. Waren heute alle gegen ihn? Black war ja auch komisch, er hätte etwas sagen müssen, als Pericul sie zur Strafarbeit verdonnert hatte. Aber er hatte geschwiegen, fast als würde er Camille in Schutz nehmen. James schob den Teller klirrend von sich und machte sich auf den Weg zu Periculs Büro, während Peter und Remus irritierte Blicke tauschten.
James kam nicht weit, bereits an der Treppe zum zweiten Stockwerk wurde er von einem kräftigen Arm zurückgerissen und gegen die Wand gedrückt.
„Was war das für eine Aktion heute morgen? Glaubst du tatsächlich, ich brauche Hilfe von einem wie dir?“ Black strich sich das lange Haar aus den Augen, die James jetzt böse anfunkelten.
„Was soll das!? Glaubst du, du hast das alleinige Recht, nervende Slytherins abzuschießen?“ James richtete sich zu seiner vollen Größe auf, war jedoch immer noch einen halben Kopf kleiner als Black.
„Camille ist meine Sache. Ich brauche niemanden, der sich einmischt!“, zischte Black und lief die Treppe hinauf. James folgte ihm.
„Da irrst du dich gewaltig!“ Er holte Black auf halber Höhe ein.
„Wir sind beide Gryffindors, und wenn so eine dumme Kuh es darauf anlegt, dass uns Punkte abgezogen werden, dann ist es unsere Sache, nicht nur deine.“
„Du quasselst so einen Mist, Potter! Du hast nicht den geringsten Schimmer, was abgeht, spielst dich aber als der große Anführer auf!“, warf Black James herablassend vor und trat an ihm vorbei. „Bleib lieber bei deinem Scheiß. Diese Sache verstehst du einfach nicht.“
James fühlte sich, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Er verstand Blacks Verhalten tatsächlich nicht.
* * *
Periculs Büro erinnerte an eine Geisterbahn, überall hingen gruselige Artefakte und Käfige mit furchterregenden Wesen. Eine Regalwand war mit Büchern vollgestellt, von denen einige wütend zitterten und andere sogar festgekettet waren. In der Mitte befand sich ein großer, dunkler Schreibtisch auf Drachenklauen. Dahinter stand Pericul. Das flackernde Licht des Kerzenleuchters warf diabolische Schatten in sein Gesicht, während er mit ruhiger Stimme sagte: „Ich möchte gar nicht erst wissen, welche Gründe Ihr Verhalten hatte. Fakt ist, dass ich so etwas in meinem Unterricht nicht dulden werde.“ Er holte zwei große Einmachgläser aus einem Regal, in dem James bereits eine eingelegte Hand und Augäpfel entdeckt hatte.
„Ich habe Mr. Filch gebeten, Sie beide hinunter in die Kerker zu begleiten und Ihnen einen Kellerraum zu zeigen, in dem ich Wühlschnecken angesetzt habe. Achten Sie darauf, dass keine entkommt, die Tierchen vermehren sich sehr schnell. Und es wäre doch wirklich ein Jammer, wenn Sie die Schnecken im ganzen Schloss sammeln müssten.“ Ein Lächeln huschte über seine Lippen, als er ergänzte: „Für den Rest des Schuljahres.“ Dann beugte er sich zu ihnen vor und drückte ihnen die Gläser in die Hand.
„Sie werden mir jeweils zwei Dutzend bringen.“ Er setzte sich und schlug ein Heft auf, während sich James und Sirius zur Tür wandten.
„Oh, bevor ich es vergesse.“ Pericul blickte nicht einmal von seinen Notizen auf.
„Ihre Zauberstäbe lassen Sie bitte hier.“
James legte seinen Zauberstab neben den von Black, und obwohl Pericul stur auf seine Unterlagen hinuntersah, war James überzeugt, dass er grinste. Vor der Tür wurden sie bereits von Filch, dem mürrischen Hausmeister, erwartet. Mit einem fiesen Kichern und leisem Gemurmel führte er die beiden Jungen drei Stockwerke tief in den Keller und dann durch einen langen, dunklen Flur. Vor einer schweren, modrigen Tür blieben sie stehen.
„Da drin, hehehe, nette Schnecken sind das, werdet schon sehen.“ Filch reichte Black eine Fackel und schloss dann die Tür auf. Dahinter lag ein winziger Raum mit einer weiteren Tür an der Wand gegenüber.
„Ich schließe euch ein. Wenn ihr genug Schnecken gesammelt habt, läutet hier.“ Er deutete auf eine Schnur, die aus einem Loch in der Wand hing.
„Wird euch eine Lehre sein. Ja, hehe, eine echte Lehre“, murmelte er und scheuchte die beiden in den kleinen Zwischenraum. Dann schloss er die Tür, und James hörte den Schlüssel im Schloss klicken. James hätte es nie zugegeben, doch ihm war mulmig zumute. Dummerweise musste er es nicht zugeben, denn man sah es ihm wohl an.
„Schau an, der große Held bekommt es mit der Angst zu tun“, spottete Black. „Das sollte dir eine Lehre sein, dich nicht mehr in fremde Angelegenheiten einzumischen.“
„Ich soll Angst haben? Schau dich mal an, Muttersöhnchen. Du fällst doch in Ohnmacht, wenn du auch nur einen Finger krummmachen musst“, zischte James und stieß die Tür vor ihnen auf. Ein modriger Geruch nach alter Erde und feuchtem Stein stieg ihm in die Nase, und seine Füße sanken in feuchtem Morast ein, der den Boden bedeckte. Die klassenraumgroße Kammer war leer, doch sie war erfüllt von einem merkwürdigen Gefühl der Hektik.
Black zog gerade die Tür hinter sich ins Schloss, da zischte etwas Schwarzes an ihnen vorbei und klatschte mit einem Geräusch wie ein nasser Schwamm gegen die Tür. Quietschend rutschte eine faustgroße, schwarze Schnecke die Tür herab. James griff nach ihr, doch da schnellte sie schon wieder an ihm vorbei und war in der modrigen Erde verschwunden.
„Verdammte Biester“, fluchte James.
„Du bist einfach nur unfähig“, murmelte Black gerade noch so laut, dass James es hören konnte.
„Halt's Maul, Angeber, und mach es erstmal besser!“ James bereute es inzwischen, Black beigestanden zu haben, und fragte sich, wie der Hut auf die Idee gekommen war, diesen arroganten Gockel nach Gryffindor zu schicken. Black zuckte lässig mit den Schultern und lächelte ein Lächeln, das James zur Weißglut brachte, vor allem weil Sirius tatsächlich bereits seine erste Schnecke ins Glas stopfte.
„Die muss halb tot gewesen sein“, kommentierte James.
„Selbst wenn, im Gegensatz zu dir hab ich schon eine.“ James stürzte sich wütend auf eine Schnecke und bekam sie zu fassen. Als er sie ins Glas stopfte, rann ihm der Schleim den Unterarm hinunter. Zehn Minuten vergingen in wütender Stille, dann rutschte James in der lockeren, feuchten Erde aus und fiel hin.
„Endlich deine Bestimmung gefunden, was? Im Dreck rumkriechen“, lachte Sirius ihn aus. James hatte keinen Zauberstab zur Hand, daher schlug er einfach zu. Seine Faust traf Black mehr an der Schulter als im Gesicht, doch in seiner gebückten Haltung reichte das, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Black taumelte, fiel, und in der weichen Erde sanken seine Hände tief ein. James warf sich, blind vor Wut, auf ihn. Dreckklumpen spritzten und Schnecken flohen an die Wände. James hatte sich bisher kaum geprügelt, Black war es wohl nicht anders gegangen, wodurch es mehr ein ungeschicktes Balgen wurde. James kam erst wieder zu sich, als er einen harten Haken gegen das Kinn bekam. Er taumelte zurück und blickte sich um. Blacks Nase blutete, und James merkte, dass er sich schmerzhaft auf die Zunge gebissen hatte.
„Na, geht’s dir jetzt besser?“, fragte Black, während er sich aufrappelte und den Dreck aus seinen Kleidern klopfte.
„Halt's Maul, Black, sonst kriegt deine arrogante Nase noch mehr drauf“, knurrte James und griff wieder nach seinem Glas. Er wusste nicht, was in ihn gefahren war, aber er wollte nicht alles noch schlimmer machen. Wenn sein Vater herausbekäme, dass er bereits in der ersten Woche einen Mitschüler verprügelt hatte ...
Sirius sah ihn eine Weile abschätzig an und wischte sich dann das Blut von der Nase. „Guter Schlag, Potter. Hätte ich einer Memme wie dir gar nicht zugetraut.“ James warf ihm einen wütenden Blick zu und sammelte die Schnecken ein, die sie während ihres Gerangels plattgewalzt hatten.
Es war bereits nach Mitternacht, als James und Sirius mit zwei vollen Gläsern mit Schnecken und von oben bis unten mit modrig feuchter Erde verdreckt an der Schnur im Zwischenraum zogen. Mr. Filch ließ sie warten, und so stellten sie erst mit dem einsamen Schlag der großen Turmuhr die Gläser auf Periculs Schreibtisch.
„Gute Arbeit. Sie können jetzt zu Bett gehen“, sagte Pericul, ohne von seiner Arbeit aufzublicken. James und Sirius steckten ihre Zauberstäbe ein und wandten sich zum Gehen.
„Übrigens!“, ergänzte Pericul, als sie bereits an der Tür waren. „Das waren hervorragende Flüche, meine Herren. Aber sie funktionieren auch, wenn man sie flüstert.“ Ein Mundwinkel zuckte im schwarzen Haar seines Bartes, als er kurz zu den beiden aufblickte und dann die Gläser ins Regal räumte.
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