
von Vistin
„Klar hält sich Black für etwas Besseres. Wie seine ganze Familie. Mein Dad ist immer ganz fertig, wenn einer von denen kommt, um die Firma zu inspizieren. Der alte Black ist nie mit etwas zufrieden, sagt Dad. Black sagt immer nur, dass es noch besser sein könnte, und Dad macht dann monatelang Überstunden, aber auch dann ist es nicht gut genug.“ Peters Stimme klang bitter.
Es war Abend geworden, bevor James endlich mit Peter allein war und ihm von der Schlägerei erzählen konnte. Vor Remus wollte er nichts sagen, weil dieser sich zu gut mit Black verstand. Sie interessierten sich beide für magische Kreaturen und hatten in den letzten Tagen mehrmals über der neusten Ausgabe von „Monster der Vergangenheit“ zusammengehockt.
McGonagall hatte er sogar anlügen müssen, als sie ihn gefragt hatte, woher er das blaue Auge habe. Er hatte einfach behauptet, er wäre bei der Schneckenjagd gegen die Türklinke gestoßen. Nur Peter, dessen Vater bei einer Firma der Blacks arbeitete, traute James zu, die Lage richtig zu beurteilen.
„Aber der Hut hat nicht mal eine Sekunde gezögert. Black wurde sofort zum Gryffindor ausgerufen. Wie kann ein solcher Mistkerl so eindeutig ein Gryffindor sein?“, ereiferte sich James, während er halbherzig im Astronomielexikon blätterte. Er hatte einen harten Tag gehabt. In der Nacht war sein Auge zugeschwollen und er war vor Müdigkeit halb tot. Ohne Peter, der ihn geradezu von Klassenraum zu Klassenraum schleifte und darauf Acht gab, dass James nicht einschlief, oder dabei zumindest nicht erwischt wurde, hätte James diesen Tag sicher nicht überstanden. Und jetzt musste er noch Hausaufgaben machen, von denen er nicht einmal wusste, wer sie ihm aufgegeben hatte.
„Ich weiß nicht recht, wie der Hut seine Wahl trifft. Wie kann so ein Stück Lumpen überhaupt wissen, wie man so ist? Mein Dad meinte einmal, der Hut habe nur deshalb immer recht, weil die Leute nach der Wahl so werden, wie es für das Haus, in das sie gesteckt wurden, typisch ist.“
James musste sich den Satz mehrmals im Kopf vorsagen, bevor er ihn begriff - er war wirklich fertig.
„Du meinst, der Hut hat mich nicht nach Gryffindor geschickt, weil ich mutig bin, sondern, dass ich irgendwann mal mutig werde, weil ich ein Gryffindor geworden bin?“ James legte zweifelnd die Stirn in Falten.
„Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich mich vor der Auswahl nicht wirklich mutig oder so gefühlt habe, aber so langsam fühle ich mich schon wie ein Gryffindor. Vielleicht ist die Erkenntnis bei Black nur noch nicht durchgedrungen.“ Peter grinste, dann warf er einen kritischen Blick auf James' zittrige Zeichnung des Westfirmaments und nahm ihm das Blatt weg.
„Beim allwissenden Zentaur! James, gib das her, ich mach das schon. Geh du lieber schlafen, morgen zerre ich dich nicht mehr aus dem Bett, das ist nämlich verdammt anstrengend.“
* * *
Früh zu Bett zu gehen half nicht wirklich. James war einfach kein Frühaufsteher. Bei seinem Privatlehrer vor Hogwarts hatte er durchsetzen können, erst um zehn Uhr anzufangen. In Hogwarts ging das nicht, aber James nahm sich vor, in der Bibliothek nach einem Aufwachtrank oder so zu suchen. So was musste es geben, immerhin gab es anscheinend hundert Schlaftränke, die ihnen Slughorn alle in der letzten Stunde vor dem Wochenende noch erklären wollte.
James achtete kaum auf die Rezepte an der Tafel und kam mit seinem Trank auch gar nicht voran, da er recht unüberlegt Zutaten in den Topf warf. Seine ganze Aufmerksamkeit galt Snape, dessen Kessel bereits bei Slughorns Erklärungen im Vorfeld verdächtig gebrodelt hatte und nun hochkochte.
Wilkes und Rosier umringten den Kessel kichernd, während Snape eine letzte Zutat hineinwarf und eine schleimige, grüne Hand aus dem Kessel nach Crystals Haar griff. James versuchte sie noch zu warnen, doch das Ding, das da aus dem Kessel schoss, war zu schnell. Die Finger verfingen sich im blonden Haar. Crystal schrie, während sich das grüne Zeug immer weiter ausbreitete. Als sie versuchte, den Glibber rauszuziehen, umklammerte es ihre Hände und verklebte ihr die Finger. Anna, die neben ihr stand, versuchte ihr zu helfen, und da wurde auch sie angesprungen. Das glitschige Grün krabbelte den Mädchen die Arme hoch und umschlang sie immer mehr. James hatte den Zauberstab gezogen, doch er wusste nicht, was das war und wie er es aufhalten konnte.
Professor Slughorn drängte sich durch die Menge der erschrockenen Schüler und trat sofort wieder einen Schritt zurück, als er die glibbrige Masse bemerkte. Anna und Crystal waren inzwischen fast komplett von der grünen Masse eingehüllt, die ihnen in Mund und Nase zu kriechen drohte. Slughorn zog seinen Zauberstab, und der grüne Schleim gefror.
„Und jetzt schnell! Schnell zur Krankenstation. Sie beide. Schnell, macht den Weg frei!“, befahl Slughorn und scheuchte die Schüler aus dem Weg. Die Mädchen liefen weinend aus dem Raum.
„Miss ... Na, Sie da! Gehen Sie ihnen nach, damit sie auch bei Madam Pomfrey ankommen!“, schickte Slughorn Naomi hinterher. Mit einem Schwung seines Zauberstabes ließ er die zappelnden Reste auf dem Boden gefrieren und dann durch den Raum in einen massiven Mülleimer schweben.
„Woher kam dieses Zeug?“, fragte Slughorn stirnrunzelnd die umstehenden Schüler. Die Slytherins schüttelten nur die Köpfe.
„Es ist aus Snapes Kessel gesprungen, Professor“, entfuhr es James wütend. Slughorn sah von James zu Snape und wieder zurück, dann trat er an die drei Kessel auf Snapes Tisch. Mit einem Schlenker des Zauberstabes ließ er einen langen Schöpflöffel erscheinen und tunkte ihn in den ersten Topf. Er ließ die rote Flüssigkeit von der Kelle wieder in den Kessel plätschern.
„Hmmm, das ist der Toskanische Schlummerzauber“, murmelte er leise, trat an den nächsten Kessel und schöpfte etwas Grünes, das jedoch viel flüssiger war als der Schleim, der die Mädchen angefallen hatte.
„Eindeutig Walisischer Moostee, wenn auch nicht ganz gelungen.“ Er trat an den letzten Kessel und James stutzte. War das grüne Zeug nicht aus dem mittleren Kessel gekommen? Er sah zu Snape, der selbstgefällig lächelte. Im dritten Topf fand Slughorn den Gute-Nacht-Trunk aus Thailand und lobte Adalina für die gute Arbeit, weil er genau den richtigen Orangeton hatte.
„Sie müssen sich geirrt haben, Mr. Potter“, wandte sich Slughorn wieder an James.
„Vielleicht kam es aus einem der Regale“, fuhr Slughorn murmelnd fort und bückte sich ächzend, um in die Regale unter den Tischen zu sehen.
„Auf jeden Fall würde ich sagen, wir beenden den Unterricht für heute. Vielleicht versteckt sich hier noch mehr von dem Zeug. Bitte beschäftigen Sie sich mit den verschiedenen Schlaftränken und schreiben bis zur nächsten Stunde einen Aufsatz über die verschiedenen Anwendungsbereiche.“
James warf mürrisch seine Sachen in die Tasche, da wurde er von Snape angerempelt, der ihm auf dem Weg zur Tür „Petze!“ zuzischte und Rosier fügte hinzu: „Und dann nicht mal 'ne Gute.“ James knirschte mit den Zähnen; am liebsten hätte er Snape einen Fluch verpasst, doch zweimal Nachsitzen in der ersten Woche wäre ihm zuviel des Guten gewesen.
* * *
Von seinem Groll auf Snape wurde James erst durch Kestra wieder abgelenkt. Sie war in ihren Ferien oft James' Babysitterin gewesen und hatte ihm auch das Fliegen beigebracht. Er traf sie auf dem Weg zum Tee, und sie lud ihn und Peter ein, bei den Auswahlspielen der Ravenclaws zuzusehen.
Das Auswahlspiel verlief jedoch nicht so, wie Kestra es sich vorgestellt hatte. Als neue dritte Jägerin wurde nämlich ihre Halbschwester Lidia ausgewählt, und James konnte ihr selbst von der Tribüne aus ansehen, dass ihr das gar nicht passte.
„Meinst du das geht gut? Ich als Kapitän würde keine zwei Spielerinnen wollen, die sich nicht ausstehen können. Vielleicht verlässt Kestra sogar das Team“, grübelte James, während die Ravenclaws das Feld räumten.
„Kestra wird das Team bestimmt nicht verlassen“, widersprach Peter.
„Sie ist eine super Jägerin. Und wenn sie das Stipendium bei den Tornados haben will, von dem Tante Anna gesprochen hat, muss sie diese Saison spielen.“ Peter war schon immer bestens über die Gerüchte und Ereignisse der Londoner Zaubererschaft informiert gewesen, der einzige Vorteil, den er daraus ziehen konnte, dass seine Mutter ihn ständig zu ihren Teegesellschaften mitgeschleppt hatte.
Doch von dem Skandal um Kestras Vater hatte sogar James gehört: Kestras Vater hatte neben seiner Ehefrau in der Zaubererwelt auch noch eine Muggelfrau geheiratet. Ganz lange hatte keiner gewusst, dass Kestra eine Halbschwester hatte, doch irgendwann hatte es Kestras Mum herausgefunden und ihren Mann - in einer gigantischen Szene - mitten in der Nacht vor die Tür gesetzt. Das Vertuschungskommando des Ministeriums musste eingreifen und die Muggel der Nachbarschaft verhexen. Kestras Vater war danach zu Lidia und der Muggelfrau gezogen, und James hatte ihn seitdem nicht mehr gesehen. Und Kestra hatte beim Babysitten immer klar gemacht, dass ihr Vater kein Thema mehr war.
„Und? Gibt es was Neues aus der Heulenden Hütte?“ James erkannte die Stimme sofort. Black kam mit Remus und den Zwillingen Elina und Eliane, den Jägerinnen von Gryffindor auf die Tribüne.
„Mann, Sirius, dich interessieren die dummen Gerüchte doch nicht wirklich?“ Remus sah Black herausfordernd an, doch Elina, die aufgewecktere der Schwestern, begann sofort zu erzählen: „Es wird immer schlimmer. Mrs. Kinkel, die bei der Post arbeitet, war in der Nähe der Hütte mit ihrem Hund Baster spazieren. Jetzt liegt sie auf der Station für schwere Schockzustände im St. Mungos. Mum war sie gestern besuchen, aber die arme Frau kann noch nicht sprechen. Mum sagt, sie habe furchtbar ausgesehen; ihre Augen waren so weit aufgerissen, dass sie sie kaum wieder schließen konnte, und ihre Lippen zitterten so stark, dass man nicht verstehen konnte, was sie zu sagen versuchte. Dad meint, das müssen wirklich derbe Gespenster sein, die in die Hütte eingezogen sind.“
Sirius und die beiden Mädchen setzten sich eine Reihe vor James und Peter. Remus stöhnte nur gelangweilt auf und rutschte eine Reihe auf zu James.
„Ein Haufen öder Gespenster in einem Verschlag zwanzig Minuten vor dem Dorf und alle machen einen Aufstand, als hätte man den Schrumpfhörnigen Schnarchkakler entdeckt“, beschwerte sich Remus bei James, doch so laut, dass auch Sirius ihn noch hören konnte. Doch James war ihm kein Trost, denn auch ihn hatte die Vorstellung einer Heulenden Hütte gepackt, und er lauschte gespannt.
Benjy Fenwick, der breitschultrige Hüter des Teams hatte das Thema ebenfalls aufgeschnappt und fragte: „Wisst ihr eigentlich, wozu diese Hütte überhaupt gebaut wurde? Die haben doch im letzten Frühjahr damit angefangen. Ich erinnere mich noch, wie wir zum Valentinstag auf dem Hügel hinter dem Dorf picknicken wollten und plötzlich standen da überall Zäune und die fingen an zu buddeln. So ein bärbeißiger Sicherheitstroll hat uns davongejagt. Als ob das nötig gewesen wäre. Wer hat schon Lust, neben einer staubenden Baustelle zu picknicken?“ Eliane nickte.
„Ja, das war schon merkwürdig. Als wir letzten Sommer heimkamen, stand die Hütte schon, doch kaum war sie fertig, da vernagelten sie schon die Fenster, und eine Tür hat sie nie bekommen; der Eingang wurde gleich zugemauert. Ich habe nie gesehen, dass da jemand eingezogen wäre. Aber nachts hat es da immer wieder bläulich geleuchtet.“ James war hin und weg. Eine Hütte, in der es spukte. In der es so richtig spukte, nicht nur ein paar gelangweilte Geister, die das mit dem Sterben nicht ganz hinbekommen hatten, sondern richtige Gespenster. Zwar gab es auch in Hogwarts einen Poltergeist, nämlich Peeves, dessen Scherze und Streiche durchaus amüsant waren, doch in dem großen Schloss verlor sich sein Treiben auffällig. Außerdem musste selbst James zugeben, dass mit Zauberkleber beschmierte Tische ihren Reiz verloren, wenn an ihnen die eigenen Hausaufgaben für Verwandlungen klebten, die man ganz dringend für die nächste Stunde brauchte.
„In Hogsmeade wird jetzt überall vor der Hütte gewarnt. Und Mr. Sterkins, der Bürgermeister, hat Dumbledore angeblich gebeten, sich die Hütte mal näher anzuschauen, bevor noch andere zu Schaden kommen.“ Elina hätte sicher noch weiter erzählen können, doch Ishtar, der Teamkapitän, rief sie von der Tribüne auf die Besen, um mit den Auswahltests zu beginnen. Zwar brauchte Gryffindor nur einen neuen Treiber, doch die Hufflepuffs mussten fast ihr ganzes Team erneuern und drängten daher zur Eile, um nicht im Dunkeln spielen zu müssen.
„Wow. Eine Hütte, in der es so richtig, ernsthaft spukt. Seit es das Gesetz zur Beschränkung der Geisteraktivität gibt, ist so was richtig selten geworden“, begeisterte sich James, während Remus das Gesicht verzweifelt in den Händen barg.
„Nicht du auch noch! Kann man sich nachträglich in ein anderes Haus versetzen lassen?“, fragte er Peter in gespielter Hoffnung, doch Peter grinste nur und schüttelte entschuldigend den Kopf.
„Das ist ja gemein!“, gab Remus auf und deutete aufs Spielfeld. „Ihr habt übrigens gerade einen astreinen Abschuss verpasst. War die doofe Hütte das wert?“
* * *
James ließ die Heulende Hütte nicht wieder los. Am Wochenende in der Bibliothek, als sie eigentlich über Schlaftränke recherchieren wollten, suchte James auf Landkarten der Umgebung den kürzesten Weg zu dieser Hütte, was nicht leicht war, denn die Hütte war nicht einmal auf den sich selbst aktualisierenden Karten des Amtes für magische Orientierung verzeichnet. Daher beschloss er, die Zwillinge, die mit ihren Eltern in Hogsmeade wohnten, genauer auszufragen.
Am besten ging das bei den Trainingsspielen des Teams, und so verbrachten James und Peter die letzten sonnigen Nachmittage des Herbstes auf der Tribüne des Quidditchfelds. Das einzig Dumme daran war, dass auch Black sich die Trainingsstunden anschaute, doch der stumme Waffenstillstand schien zu halten, und sie kamen sich nicht mehr in die Quere.
Außerdem hatte sich Black Periculs Rat zu Herzen genommen, er wehrte sich gegen Cristen ohne sich erwischen zu lassen. James machte es Spaß, die stummen Zaubererkämpfe auf den Fluren und in Klassenzimmern zu beobachten und war nach allem was zwischen ihm und Black vorgefallen war, sehr überrascht, wie schwer es ihm fiel, sich rauszuhalten. Vor allem als die Gryffindor Lily Cristen auf dem Schulhof vor einer Ladung mutierendem Juckpulver rettete, die Black ihr als Rache für eine Schluckaufpfeffer-Attacke verpassen wollte, konnte James sich nicht zurückhalten und blaffte zumindest Lily an, ob sie sich nicht schäme, mit diesem Slytherinpack rumzuhängen.
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.
Zurück zur Übersicht - Weiter zum nächsten Kapitel