
von Vistin
Remus zeigte Talent für Timing und blieb gerade an dem Samstag spurlos verschwunden, an dem Jaqueline und Peter die Karte des dritten Kerkergeschosses vollendeten und James nach tagelanger Recherche in der Bibliothek endlich auf eine Idee kam, mit der man das überraschende Auftauchen von Lehrern und Hausmeistern unterbinden konnte.
„Ich bin die ganze Bibliothek abgegangen, da ist er nicht“, erklärte Jaqueline, als sie sich nach einer umfassenden Suchaktion als Letzte im verabredeten Aufenthaltsraum einfand.
„Ist doch auch egal, wo der steckt, er taucht schon wieder auf. Sag lieber was du herausgefunden hast“, drängelte Sirius genervt.
„Remus ist derjenige, der weiß, wie wir durch die Tür kommen, ohne ihn läuft gar nichts“, motzte ihn James an.
„Ist dein Plan so gut, dass wir sofort los können?“, fragte Sirius erstaunt und James kam sich blöd vor, als er kleinlaut zugeben musste, dass er noch gar nicht wusste, ob sein Plan realisierbar war.
„Dann spuck keine großen Töne, sondern sag an, was du vorhast, damit wir an die Arbeit gehen können. Das Ganze dauert mir viel zu lange.“
James warf Sirius einen bösen Blick zu, begann jedoch zu erzählen: „Als wir diese Strafarbeit für McGonagall schreiben mussten, da ist mir ein Beschluss aufgefallen, nach dem die Überwachung der Schüler mit magischen Mitteln abgelehnt wurde. Das ist mir vorgestern wieder eingefallen und ich habe nach Zaubersprüchen gesucht, die es einem ermöglichen, Menschen zu überwachen und ich habe auch einige gefunden. Ein paar sind echt aufwändig, aber zwei davon sind machbar. Wir brauchen ein paar Zutaten für die intelligente Tinte, die ist echt knifflig, aber wenn wir die Tinte hinbekommen, sind es nur noch drei Zaubersprüche, das sollte zu schaffen sein.“
„Über intelligente Tinte habe ich schon mal was gelesen“, murmelte Peter und begann in seinen Büchern zu blättern.
„Was genau macht dieser Zauber dann?“, fragt Jaqueline und schnitt Sirius, der wieder meckern wollte, das Wort ab.
„Man kann mit der Tinte Abbilder der Menschen machen, dann wird sich die Tinte genauso verhalten wie die Menschen. Wenn wir zum Beispiel McGonagall mit intelligenter Tinte in die Karte reinschreiben, wird uns die Tinte immer zeigen, wo sich die echte McGonagall befindet. Das können wir mit allen Lehrern und mit Filch machen, dann werden wir gewarnt sein, wenn sie sich nähern und durch den alten Beschleunigungsgang haben wir immer eine Fluchtmöglichkeit.“
Sirius stand auf und warf sich seine Tasche über die Schulter.
„Wo willst du hin?“, fragte James misstrauisch.
„Hausaufgaben machen. Sagt Bescheid, wenn ihr vor Weihnachten fertig werdet.“
„Ekel“, zischte Jaqueline ,als die Tür hinter Sirius ins Schloss gefallen war.
* * *
Remus tauchte erst am Vormittag des nächsten Tages auf und sah arg übernächtigt aus, als James und Peter ihn mit ihren Plänen und Neuigkeiten überfielen.
„Black hat natürlich rumgezickt, was hat der Typ eigentlich?“
„Größere Probleme als dich vielleicht?“, antwortete Remus wie beiläufig, während er das Rezept für intelligente Tinte durchsah.
James brauchte einen Moment, um sich wieder zu fangen, doch dann zog er Remus das Buch weg und sah ihn ernst an.
„Was meinst du damit?“
Remus' Blick war bitter und sein Gesicht hatte etwas Spöttisches, als er antwortete: „Du glaubst ernsthaft, dass das Leben nur Sonnenschein und Kürbisbutter ist, oder?“
„Fängst du jetzt auch an, Remus?“ James mochte zwar Remus' direkte und etwas ruppige Art, aber seine letzten Worte hatten nichts, was sie entschuldigt hätte. Remus setzte sich auf und sah James direkt in die Augen.
„Nein, ich fange nicht erst jetzt an, schon im Zug wollte ich nur in Ruhe gelassen werden, aber was ich auch mache, ich werde dich und dein Schoßhündchen nicht los!“
Peter wurde bei diesen Worten blass und als Remus das bemerkte, huschte etwas wie Bedauern über seine Züge. Doch bevor James die Chance nutzen konnte, um das Gespräch wieder zu beruhigen, hatte Remus den Anflug von Schuld überwunden und sprach mit fester Stimme weiter.
„Du wirst es als Muttersöhnchen und Papas Liebling vielleicht nicht glauben, aber es gibt Familien, die nicht so toll funktionieren. Es gibt schwerwiegendere Probleme als heulende Hütten und es gibt Menschen, die dich eben nicht leiden können. Akzeptiere das und lass die Leute in Frieden, die in Frieden gelassen werden wollen!“
Remus nahm seine Schultasche und verschwand im Treppenhaus zu den Jungenschlafzimmern.
James fühlte sich wie erschlagen, er hatte immer das Gefühl gehabt, dass Remus gerne Zeit mit ihm verbrachte. Er hatte seine spitzen Bemerkungen nie ernst genommen, weil sie ja beide Gryffindors waren und Remus' Sprüche nie verletzend formuliert und meistens durchaus angebracht waren. Es fiel James schwer zu begreifen, dass er sich geirrt hatte. Er sah Remus einige Sekunden lang nach, dann wandte er sich zu Peter der angespannt in das Zaubertränkebuch starrte.
„Du bist kein Schoßhündchen“, sagte James mit brüchiger Stimme, „du bist mein bester Freund.“
Doch er konnte Peter dabei nicht ansehen, was nicht an Peter lag, sondern an dem beißenden Gefühl der Enttäuschung die in ihm wuchs.
* * *
Lily war erstaunt gewesen, wie ernst Severus ihre Vereinbarung nahm. Er hatte in den letzten Tagen alle ihre Hausarbeiten gelesen und einen ganzen Abend über den Büchern gesessen, mit denen Lily bislang versucht hatte, zaubern zu lernen.
Ihr erstes offizielles Nachhilfetreffen in dem kleinen, vergessenen Hausaufgabenraum im dritten Stock, direkt neben dem Kettenschacht der Turmuhr, verlief bislang jedoch sehr deprimierend. Severus hatte Lily mit knappen Anweisungen Verwandlungsaufgaben gestellt und ihr die Gegenstände, die sie verwandeln sollte, nach dem zweiten Fehlversuch wortlos wieder abgenommen, um mit selten mehr als zwei Worten eine neue Aufgabe zu stellen.
Jetzt sollte sie eine Münze in einen Knopf verwandeln, was natürlich nicht gelang.
„Du weißt aber schon, dass du die Münze verwandeln sollst und nicht den Zauberstab, oder?“
Lily blinzelte Severus verwirrt an.
„Was meinst du damit?“
Severus antwortete nicht, sondern nahm ihr den Zauberstab aus der Hand und legte eine zweite Münze auf den Tisch.
„Der Zauberspruch, um zwei Dinge aneinander auszurichten, lautet Symmetria. Konzentriere dich auf die Münzen, lege deine Hände einfach daneben und sprich den Zauberspruch.“
„Ohne den Zauberstab?“, fragte Lily unsicher.
„Mach einfach.“
Er sah sie nicht mal an, sondern beobachtete nur die Münzen. Lily verstand nicht, worauf er hinaus wollte, aber sie hatte diesen Deal vorgeschlagen und er hatte ihn bislang erfüllt. Sie musste einfach darauf vertrauen, dass er ihr helfen wollte.
Und es machte keinen Unterschied, ob sie die Zauberbücher oder Severus nicht verstand. Beides verwirrte sie gleichermaßen, nur dass sie von Severus, im Gegensatz zu den Büchern, erwarten konnte, dass er mitdachte.
Lily atmete resigniert aus, legte ihre Hände auf den Tisch neben die Münzen und sagte: „Symmetria.“
Die rechte Münze sprang auf die linke und drehte sich so, dass sie völlig deckungsgleich aufeinander zum liegen kamen.
Lily starrte die Münzen ungläubig an.
Sie hatte gezaubert, sie hatte beim ersten Versuch einen ihr unbekannten Zauber angewendet und das ohne Zauberstab.
„Wie ist das möglich?“
„Es ist nicht der Zauberstab, der zaubert, sondern du. Hier. Verwandle sie in Knöpfe.“ Er reichte ihr den Zauberstab zurück und schlug eins seiner eigenen Bücher auf.
* * *
Der Streit mit Sirius und Remus hatte James tiefer getroffen, als er es sich selbst eingestehen wollte. Er hatte geglaubt, in ihnen Freunde gefunden zu haben, die seine Interessen und seinen Tatendrang teilten, aber in Wirklichkeit war er ihnen nur auf die Nerven gegangen.
Peter versuchte nach Leibeskräften, James wieder aufzumuntern, und Peter hatte die Tür des Türklopfers und die Heulende Hütte nicht aufgegeben. Er braute heimlich an der intelligenten Tinte und schrieb ganze Abende lang an der Karte von Hogwarts. James wollte jedoch nichts mehr damit zu tun haben, seine Neugier auf die Heulende Hütte und auf die Geheimnisse von Professor Pericul war wie ausgelöscht. Daher begann er auch Peter immer mehr zu meiden.
Bis Dezember hatte James sich so weit abgeschottet, dass er nur noch mit Jaqueline Hausaufgaben machte und sich mit ihr über Quidditch und die Muggelwelt unterhielt, abends nach Ausgangssperre mit Brix Zaubererschach spielte und im Bett mit zugezogenen Vorhängen seine Kriminalromane las.
* * *
Lily konnte einfach nicht aufhören zu grinsen, als sie am ersten Dezember ihr erstes Annehmbar in Verwandlungen bekam. Sie war so glücklich, dass sie es sich nicht verkneifen konnte, Severus ein tonloses „Annehmbar“ zuzuhauchen, als er mit den anderen Slytherins in den Klassenraum für Zaubertheorie kam und von Sarina, die sich neben Lily setzte, ausgebremst wurde. Lily war sich nicht sicher, aber sie glaubte, ein Lächeln über seine Lippen huschen zu sehen. Er sah sie jedoch nicht an und Lily hütete sich, ihn direkt anzusprechen, denn auch das war Teil ihres Deals gewesen. Keiner durfte erfahren, dass Severus ihr half. Lily hatte nicht einmal Naomi etwas davon erzählt, nur Sarina wusste es. Daher zerrte Lily sie auch bei der ersten Gelegenheit weg von den anderen Schülern, hinaus in die beißende Kälte.
„Die Nachhilfe scheint ja Früchte zu tragen“, stellte Sarina fest und sah Lily erwartungsvoll und bedeutungsschwanger an. Lily blinzelte mehrmals verwirrt, bevor sie bemerkte, dass Sarina sowohl eine Muggelmetapher richtig verwendet hatte, als auch den gewagten Schluss gezogen, dass Lilys gute Laune auf die Note in Verwandlungen zurückzuführen war. Lily lächelte noch breiter und legte Sarina einen Arm um die Schultern.
„Ganz kurz war ich mir nicht sicher, ob ich die Richtige aus dem Schloss gezerrt habe, du redest ja schon wie ein echter Muggel.“
Obwohl Sarina große Fortschritte in der Umgangssprache machte, war Lilys Scherz zu viel für sie und sie waren schon am See angelangt, als Lily endlich erklärt hatte, was sie genau gemeint hatte.
„Ich bin wirklich dumm“, stellte Sarina am Ende fest und sah zu Boden. Lily hakte sich bei ihr ein und lächelte sie an.
„Nein, du hast nur dein ganzes bisheriges Leben allein mit deinen Eltern und Hauselfen verbracht und weder die einen noch die anderen neigen dazu, so dumme Witze zu machen wie ich. Also bist du nicht dumm, sondern zu bedauern, weil du eine Freundin wie mich abbekommen hast.“
Sarina setzte an zu erklären, dass Lily die beste Freundin sei, die sie sich je vorstellen könnte, doch Lily unterbrach sie: „Ich weiß, das hast du schon gesagt, aber ich wollte bescheiden wirken und dich aufwerten, denn auch du bist eine tolle Freundin, auch wenn ich jetzt immer noch nicht dazu gekommen bin, dir von der Nachhilfe zu erzählen.“
Sarina schwang ihren Zauberstab und trocknete eine Bank am Ufer des Sees, damit sie sich setzen konnten.
„In Ordnung“, sagte Sarina und lächelte Lily an, „du erzählst mir jetzt von der Nachhilfe und ein ander Mal kannst du mir dann erklären, wieso man Sachen sagt, die man nicht ernst meint, nur um bescheiden zu wirken, obwohl man es ja nicht ist, weil man es ja nicht ernst meint.“
Lily lachte erneut, sie konnte nur selten ernst sein, wenn Sarina in ihrer Nähe war, obwohl Lily sie nie auslachte. Manchmal glaube sie, dass es aufgestautes Lachen sei, das immer dann explodierte, wenn Sarina da war, weil ihr Sarinas Gegenwart zeigte, dass man nichts als selbstverständlich nehmen konnte.
Dann begann sie zu erzählen, welche Zauber sie schon beherrschte und welche Tricks Severus ihr gezeigt hatte, um ihre Konzentration auf das richtige Objekt zu richten.
„Hast du gewusst, dass es eine Methode gibt, Dinge eindeutig zu verhexen, so dass der Zauber sein Ziel nicht verfehlen kann? Severus versucht gerade mir das beizubringen, weil ich dann auch endlich den Schwebezauber kontrollieren könnte, momentan schweben die Dinge noch dauernd aus dem Fokus meines Zauberstabes.“
„Ja, Sev hat mir erzählt, dass er noch nie davon gehört hätte, dass ein Zauberer so von seinem Zauberstab behindert werden würde wie du.“ Lily sah Sarina erstaunt an. „Ihr redet über mich?“
Sarinas Gesicht wurde blass, und in ihren Augen stand die Angst, etwas Wichtiges falsch gemacht zu haben.
„Darf man das nicht? Ich hab nur gefragt, wie ihr so vorankommt, weil Severus letzte Woche dauernd in Zaubern mal anders gelesen hat und ich dachte, dass er etwas für dich vorbereitet.“
Lily überwand ihr Erstaunen und griff nach Sarinas Händen.
„Keine Sorge, du darfst mit Severus über mich reden, solange ihr nichts Schlechtes über mich sagt, das würde man dann nämlich Lästern nennen und das ist nicht nett, vor allem nicht unter Freunden. Ich war nur erstaunt, dass du Severus so gut kennst, dass er mit dir über meine Nachhilfe spricht. Rr hat mir eigentlich angeordnet, dass es außerhalb des Hausaufgabenraums im dritten Stock kein Thema wäre.“
Sarina schien zu überlegen, was sie sagen sollte, und fragte dann vorsichtig: „Ist es etwas Schlechtes, wenn man nachts nicht schläft?“
Lily war unerwartete Fragen von Sarina inzwischen gewohnt und schüttelte den Kopf, neugierig auf das, was Sarina wirklich sagen wollte.
„Severus und ich, wir sind nachts oft wach und dann sitzen wir manchmal zusammen und reden.“
Lily entging es nicht, dass Sarina durch ihre Nachfrage Severus als einen Freund definiert hatte und als sie darüber nachdachte, fiel ihr auf, dass die Szene, in der Severus und Sarina zusammen im dunklen Gemeinschaftsraum saßen und redeten, sehr gut in das Bild passte, das sie sich bisher von den beiden gemacht hatte.
„Wieso könnt ihr denn nicht schlafen?“, fragte Lily nach einigen Sekunden des Schweigens. Sarina zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß nicht, manchmal wache ich mitten in der Nacht auf und bin munter und dann kann ich nicht mehr einschlafen. Severus wirkt hingegen oft müde, wenn er nachts noch wach ist. Ich glaube, er hat tagsüber nicht die Zeit oder die Ruhe, gewisse Dinge zu tun, und das holt er nachts auf.“
Lily war versucht zu fragen, was für Dinge Severus in der Nacht nachholte und sie wusste, dass Sarina es ihr gesagt hätte, aber eigentlich war das Severus' Sache und es ging sie nichts an.
Er hatte ihr in den letzten Wochen sehr geholfen und ihr viele Dinge erklärt und beigebracht, es erschien ihr falsch, ihm jetzt nachzuspionieren. Ihr Deal lief in knapp zwei Wochen aus, dann würde sie ihm erklären, wie er den Ikkefryse-Trank ohne Gletschereis brauen konnte und sie wäre mit ihrer Zauberei wieder alleine.
Lily musste sehr tief in ihre Überlegungen versunken sein, denn Sarina berührte vorsichtig ihren Arm und fragte, ob alles in Ordnung wäre. Lily blickte auf und sah in Sarinas Augen, die genauso grün waren wie ihre eigenen.
Sie musste einen anderen Weg finden, die Abmachung mit Severus zu verlängern; Erpressung kam nicht in Frage, vor allem dann nicht, wenn sie dafür die Unsicherheit einer Freundin ausnutzen musste.
Lily lächelte wieder, entschuldigte sich für die indiskrete Frage und begann Sarina zu erklären, dass man bestimmte Informationen über andere nicht weitergab.
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