
von Vistin
James schloss die Augen und erwartete die Klauen und Zähne des Monsters. Doch er hörte nur einen dumpfen Aufschlag. Er riss die Augen wieder auf und sah den haarigen Kopf des Untiers vor sich am Boden liegen. Ungelenk krabbelte er von dem schier leblosen Körper weg und versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Als er sich aufrichtete, glaubte er, das Monster würde sich bewegen, doch als er genauer hinsah, bemerkte er, dass es sich verwandelte. Die lange Schnauze schrumpfte, die Pranken wurden immer kleiner, der gebeugte Rücken wurde gerade, das Fell immer kürzer.
Auch Sirius und Peter hatten sich aufgerichtet und standen so nah an James, dass sich ihre Schultern berührten. Alle drei starrten gebannt auf das Wolfstier, das im letzten Licht des Tages immer menschlicher wurde. Nach wenigen Minuten war das Monster verschwunden und auf dem Boden lag ein Junge, nicht älter als James. Das Gesicht und die Arme voller Blut, das aus tiefen Schnitt- und Schürfwunden sickerte. James bemerkte erst jetzt die dunkle Gestalt, die mit schnellen Schritten auf sie zu kam. Der Mann trat an den Jungen heran und breitete seinen Mantel über ihm aus. Blondes, langes Haar fiel aus der Kapuze und James versuchte, den Namen des Mannes auszusprechen, doch sein Hals und Mund waren rau wie Schmirgelpapier.
„Professor Eridanus?“, fragte Sirius den Mann, der den nackten Jungen in den Mantel wickelte.
„War das Abenteuer genug?“, erwiderte die vertraute Stimme des Astronomielehrers.
James spürte, wie erneut Angst in ihm aufstieg. Diesmal keine um sein Leben, sondern vor der Strafe, die sie erwartete. Eridanus nahm den Jungen auf den Arm und drehte sich zu James um.
„Wenn der Mond nicht schon so tief gestanden hätte, hätte ich nicht zugelassen, dass ihr das Fenster öffnet. Einen Werwolf im vollen Bann des Mondes kann man nicht mit einem Betäubungszauber stoppen“, erklärte Eridanus und bedeutete ihnen zu folgen, während er sich auf den Weg zurück ins Dorf machte. Der Kopf des Jungen lag gegen Eridanus' Schulter gelehnt und erst im Kontrast mit dem hellen Umhang erkannte James das Gesicht.
„Sie haben bewusst riskiert, dass es uns tötet?“, fragte Sirius und seine Stimme klang schockiert. Eridanus lachte leise auf.
„Wer von uns hat hier was riskiert, Mr. Black?“, fragte er mild doch mit einem Unterton von Sarkasmus. James sah Sirius' Reaktion nicht, er starrte immer noch in das blutige Gesicht des Jungen in Eridanus' Armen. Er konnte nicht glauben, was er gesehen hatte, nicht begreifen, was er jetzt sah und hörte. Das konnte einfach nicht wahr sein.
„Haben Sie auf uns gewartet?“, fragte Peter und seine Stimme klang, als wäre er einer Ohnmacht nahe.
Eridanus zuckte mit den Schultern. „Ich habe jeden Vollmond hier Wache gehalten, sonst wäre es zu gefährlich. Auf euch warte ich erst seit dem Tag, an dem ihr in Professor Periculs Büro wart.“
„Ich ... ich muss mich setzen“, stotterte Peter und ließ sich ins Gras fallen.
„Ihr könnt euch glücklich schätzen; nicht jede Begegnung mit einem Werwolf ist nur so aufregend“, kommentierte Eridanus und sah zu Peter zurück. „Aber keine Sorge, es ist nicht mehr weit.“
James und Sirius zogen Peter wieder auf die Beine und stützten ihn die letzten Meter bis zum Zaun. Eridanus sagte etwas in einer fremden Sprache und aus der Krone eines nahen Baumes schwebte ein großer Teppich hervor. Eridanus legte den Jungen darauf und setzte sich daneben.
„Na los, setzt euch, oder wollt ihr zu Fuß zum Schloss laufen?“
Noch während des Fluges wurde es vollkommen dunkel, doch James starrte immer noch auf das blutverschmierte Gesicht, obwohl er es gar nicht richtig sehen konnte. Er wusste, dass es da war, er wusste, dass es dasselbe war wie die grässliche Schnauze, die zwischen den Brettern durchgebrochen war. Ihm war schlecht und er zitterte. Noch immer stand Schweiß auf seiner Stirn, obwohl der kalte Fahrtwind immer mehr davon mit sich nahm. Die Landschaft um ihn herum verschwand, die Lichter des näherkommenden Schlosses begannen zu flirren und dann sah James nur noch das fahle Rund des Mondes vor sich, stumm und bedrohlich in der Dunkelheit hängend.
„James?! Wach auf!“ Eine eisig kalte Hand schlug leicht gegen seine Wange und James öffnete die Augen. Er lag auf dem fliegenden Teppich, der knapp einen Meter über dem feuchten Sand des Schulhofs schwebte. Peter hatte sich über ihn gelehnt und lächelte jetzt matt.
„Wir sind da, komm schon.“
Sie gingen hinter Eridanus, der den Jungen trug, durch leere Korridore zum Krankenflügel hoch. Madam Pomfrey kam ihnen mit einer schwebenden Trage entgegen.
„Geht es ihm gut? Oh, meine Güte, so viel Blut.“ Sie half Eridanus, den Bewusstlosen auf die Trage zu legen, und wandte sich dann ruckartig an die drei Jungen.
„Ist mit euch alles in Ordnung? Hat er euch gebissen oder gekratzt?“ Sie begann sofort, ihre Gesichter und Arme zu untersuchen, wogegen sie sich vor Erschöpfung und Angst nicht wehren konnten.
„Er hat sie nicht einmal berührt, Poppy. Keine Sorge, das hätte ich nie zugelassen.“
Madam Pomfrey funkelte Eridanus böse an.
„Natürlich nicht! Wie komme ich nur auf den Gedanken, dass ihnen was passiert sein könnte, wenn sie das Schloss auf die Zentauren wissen welchen Wegen verlassen und sich allein draußen rumschlagen!?“ Eridanus schenkte ihr nur ein mildes Lächeln.
„Kommt mit, alle drei, sofort! Ihr müsst aus den nassen Sachen raus.“
Madam Pomfrey scheuchte sie den Gang entlang in die Krankenstation, die Trage folgte ihr.
* * *
„Ist er es wirklich?“, flüsterte Peter, als sie eine Stunde später in Nachtanzügen und mit heißem Zitronentee versorgt in den Betten der Krankenstation hockten.
James nickte. „Ja, es ist ...“ Er konnte den Namen nicht aussprechen.
„Remus“, beendete Sirius mit kalter Stimme den Satz für ihn.
„Er ist ein Werwolf, er war es die ganze Zeit über!“ Sirius' Stimme klang entrüstet.
„Wir haben monatelang den Schlafsaal mit ihm geteilt und er hätte uns jederzeit töten können!“ Peters Stimme zitterte, doch James konnte nicht sicher sagen, ob vor Angst oder Wut. Er wusste ja nicht einmal, was er selbst empfand.
Remus Lupin war ein Werwolf, ein Monster. Ein Monster, das in seinem Klassenraum gesessen hatte, das sich ein Zimmer mit ihm teilte, mit dem er gesprochen, gegessen und gelacht hatte. Zuerst die vom Ministerium ausgelösten Kämpfe im Verbotenen Wald, jetzt Werwölfe an der Schule. James spürte, wie die Bilder, die er sich von Hogwarts gemacht hatte, schwarz anliefen und zu modrigen Fetzen zerfielen.
Jemand klopfte an den Türrahmen ihres Krankenzimmers und James sah auf. Eridanus stand in der Tür und musterte sie aufmerksam.
„Geht es euch wieder besser?“, fragte er und trat in den Raum. Peter nickte, doch James wollte ihm nicht antworten. Eridanus nahm sich einen Stuhl und setzte sich an das Fußende der Betten.
„Das, was heute Abend passiert ist“, begann er zu sprechen, und beobachtete sie dabei aufmerksam, „hätte nie geschehen können, wenn Professor Dippet noch der Schulleiter von Hogwarts wäre.“ James wollte etwas sagen, es erschien ihm falsch, Dumbledore die Schuld zuzuschieben. Es war allein Eridanus, der tatenlos zugesehen hatte, wie das Monster sie angriff. Doch er kam nicht dazu, denn Eridanus sprach weiter: „Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich an eurer Stelle hätte bedauert, eine solche Erfahrung verpasst zu haben.“ James starrte Eridanus entgeistert an. Er verstand nicht, was der Astronomielehrer damit meinte. Was war an der Erfahrung, fast zerfleischt worden zu sein, so toll?
„Das ist nicht Ihr Ernst, oder?“, fragte Sirius. Eridanus lächelte und lehnte sich vor.
„Es gibt in ganz Großbritannien etwa vierzig Menschen mit Lykanthropie, so ganz genau weiß man es nicht. Die meisten sind zwar registriert, weil sie nach der Ansteckung in Krankenhäuser eingeliefert wurden, aber einige schaffen es, ihre Erkrankung geheim zu halten. Sie werden von den Zauberern Werwölfe genannt, aber das ist falsch, denn sie sind nur acht bis vierzehn Stunden im Monat Wölfe. Die meiste Zeit ihres Lebens sind sie normale Menschen. Menschen, die niemandem etwas tun wollen und sich daher zum Vollmond einsperren oder menschenleere Gebiete aufsuchen. Einen Werwolf zu sehen, ist nur zwei oder drei Leuten pro Jahr gegönnt. Doch obwohl solche Begegnungen so selten sind, fürchten die Menschen Lykanthropiekranke den ganzen Monat über. Wer Lykanthropie hat, ist meistens obdachlos, lebt in Wäldern oder auf der Straße, er kann keinem Beruf nachgehen und nicht einkaufen. Werwölfe sind nur wenige Stunden im Monat für die anderen Menschen gefährlich, doch die Menschen gefährden sie ihr ganzes Leben lang. Sie verurteilen sie zu Armut, Hunger und Einsamkeit. Ein solches Schicksal würde doch jeden Menschen gefährlich machen.“
Eridanus hatte sehr eindringlich gesprochen. Seine Stimme war voller Feuer, das James dem verträumten Lehrer gar nicht zugetraut hätte. Und seine Worte machten Eindruck. James überlegte, ob die Wut, die er auf Remus spürte, wirklich dem Werwolf galt, den er nur wenige Minuten lang gefürchtet hatte, oder ob er nicht auf den Menschen Remus wütend war, der sich monatelang wie ein Ekel verhalten hatte.
„Die Gelegenheit, ein solches Schicksal zu verhindern, ist selten. Die Entscheidung, Remus Lupin in Hogwarts aufzunehmen, wurde nicht leichtfertig getroffen. Die Hütte ist den ganzen Monat über mit Zaubern geschützt, die dafür sorgen, dass Bewohner und Besucher sie meiden. Wir haben alle Eventualitäten dabei bedacht, auch die, dass es jemand herausfinden würde. Dass es einer von euch wird, war uns auch sehr bald klar, auch wenn wir nicht mit einem solchen Timing gerechnet haben. Ich für meinen Teil bin jedoch sehr zufrieden damit, wie es gelaufen ist.“
Sirius machte ein herablassendes Geräusch.
„Teilen Sie meine Meinung nicht, Mr. Black? Dann sagen Sie mir doch: Was hätte ich sagen können, was tun können, um Sie daran zu hindern, zur Heulenden Hütte zu gehen?“
Sirius breitete die Arme aus. „Sie hätten verhindern können, dass uns dieses Monster angreift!“
„Das habe ich doch getan, oder wurde Ihnen auch nur ein Haar gekrümmt? Außerdem ist er kein Monster, er ist ein elfjähriger Junge wie Sie. Ein Junge, der Freunde braucht, die eine realistische Vorstellung von seiner Krankheit haben.“ James beobachtete, wie die wenige Farbe aus Sirius' Gesicht wich. Eridanus hatte genau ins Schwarze getroffen und aus dem zufriedenen Blick seiner Augen schlussfolgerte James, dass er das genau wusste.
„Sie erwarten, dass wir uns mit Remus anfreunden, weil wir ihn als Wolf gesehen haben?“, fragte James ungläubig. Eridanus schüttelte den Kopf.
„Nein, ich hoffe, dass Sie sich mit Remus anfreunden, obwohl Sie ihn als Wolf gesehen haben.“
„Sie sitzen am falschen Bett, Professor“, erwiderte Peter und sah Eridanus kalt an. „Wir waren mit Remus befreundet, bevor er uns die Freundschaft kündigte.“
Eridanus nickte und senkte den Blick.
„Das Leben ist für keinen von uns einfach, vor allem dann nicht, wenn es sich ändert.“ Dann sah er wieder auf und seine Gesichtszüge wurden strenger, wieder mehr wie die eines Lehrers. „Mir war es wichtig, dass Sie das alles wissen und dass Sie verstehen, dass Hogwarts wirklich gefährlich sein kann. Was aber nicht heißen soll, dass man sich deswegen im Schlafsaal verstecken sollte. Weder Sie noch sonst jemand wird der Heulenden Hütte je wieder so nah kommen können wie heute Nacht, ich rate Ihnen, es auch nicht mehr zu versuchen. Für heute war der Schrecken aber Strafe genug. Ich werde Ihnen keine Strafarbeit aufgeben und keine Punkte abziehen. Was Sie mit Remus' Geheimnis machen, ist Ihnen überlassen. Finden Sie selber heraus, wie es ist, das Schicksal eines anderen in den Händen zu halten. Gute Nacht, erholen Sie sich gut.“
Nachdem Eridanus gegangen war, sprachen sie nicht mehr. Schweigend tranken sie den kaltgewordenen Tee aus und legten sich hin. James fiel fast sofort in einen unruhigen Schlaf. In seinem Traum saß er in der Fensternische des Aufenthaltsraumes und blätterte panisch in seinen Astronomieunterlagen und in einem Kalender, während vor dem Fenster immer wieder eine blasse Scheibe auf- und unterging. Die Seiten des Kalenders klebten zusammen und er wusste nicht, welches Symbol in den astronomischen Tabellen für Vollmond und welches für Neumond stand. Er glaubte zu spüren, wie Fell auf seinem Rücken wuchs und er hörte das fürchterliche Fauchen neben sich und der Mond drehte immer schneller seine Bahnen vor dem Fenster, wurde immer heller, immer größer.
Dann war er plötzlich in einem feuchten Verließ, sein Vater stand neben ihm und erzählte stolz, sie hätten einen umherziehenden Werwolf gefangengenommen. Zwei Männer kamen und zogen ein Netz hinter sich her, in dem ein fürchterliches Monster zappelte. Sie warfen es in eine Zelle und verriegelten die Gitter. Alamdus Potter legte James die Hand auf die Schulter und sagte, das Untier könne niemandem mehr schaden. In der Zelle verwandelte sich das Wesen aber, wurde zu einem dürren Mann mit einem erschöpften Gesicht, dessen Züge zu jung für sein graues Haar waren.
Schweißgebadet fuhr James auf und starrte mit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit eines unbekannten Zimmers. Regen prasselte leise gegen die Scheiben und er hörte Peter gurgelnd schnarchen. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit, er erkannte das Krankenzimmer und die offene Tür. Jetzt erinnerte er sich, dass sein Vater ihm wirklich einmal von der Gefangennahme eines Werwolfs erzählt hatte. James hatte sich damals ein Tier, etwas haariges vorgestellt, erst jetzt verstand er, das damals ein Mensch nach Askaban geschickt wurde. Ein Mensch, der nichts getan hatte, außer krank zu sein. James erschauderte.
Er war hellwach und wusste, dass er nicht mehr einschlafen würde, daher stand er auf und schlich in den Nebenraum. Um eines der Betten war der Vorhang zugezogen. James ging hinüber und zog den Stoff zur Seite. Ein kleines Nachtlämpchen stand auf dem Tisch und warf ein warmes, oranges Licht in Remus' Gesicht. Die Verletzungen waren schon fast ganz verheilt.
Remus war nicht mehr bewusstlos, doch er schlief tief. James setzte sich auf den Stuhl, der am Fußende stand und zog die Knie an. Seine Füße waren eiskalt, daher stellte er sie auf Remus' Matratze ab und zog ein Eckchen der Decke darüber.
Plötzlich ergab alles Sinn: Remus' ständiges Verschwinden, seine Erschöpfung, wenn er wieder auftauchte, sogar seine schlechte Laune wurde verständlich. James dachte an die winzige Hütte, ohne Fenster, ohne Türen, versuchte sich vorzustellen, wie es war, darin zu hocken, eingesperrt in völliger Dunkelheit. James versank in seinen Überlegungen und vielleicht nickte er sogar ein, auf jeden Fall merkte er nicht, wie die Sonne aufging. Erst Madam Pomfreys sanfte Hand auf seiner Schulter ließ ihn aufschrecken.
„Es wird Zeit, mein Lieber. Ihr müsst zum Frühstück runtergehen.“
Auf dem Weg zur Großen Halle zog James Peter und Sirius in eine kleine Nische.
„Wir werden ihn nicht verraten, zumindest noch nicht. Ich will es zuerst richtig verstehen.“ Es war keine Frage oder Aufforderung es war eine Feststellung und die beiden anderen nickten zustimmend.
„Wir werden erzählen, dass wir uns heute Nacht aus dem Schloss geschlichen haben und in den See gestürzt sind, weshalb wir die Nacht auf der Krankenstation verbringen mussten. Das entspricht ja auch fast der Wahrheit. Heute Abend um halb sieben treffen wir uns in der Bibliothek. Wenn jemand fragt: Wir müssen eine Strafarbeit schreiben.“
* * *
Camille hatte Recht, Slytherins Werkstatt hatte Potential. Einige der Bücher, die hier standen, waren in der verbotenen Abteilung der Bibliothek untergebracht und Lily verstand auch sofort wieso. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, einige der Zaubertränke zu brauen. Gerade köchelte der Harmonietrank in einem kleinen Kessel vor ihr, der ihr unter anderem deshalb hervorragend gelang, weil sie in einer Schublade einen selbstrührenden Löffel gefunden hatte, der sie davor bewahrte, zwei Stunden mit der Hand rühren zu müssen.
Es machte sie stolz, dass sie einen Trank brauen konnte, der als schwierig bezeichnet wurde, aber sie war sich noch nicht sicher, ob sie ihn verwenden wollte, denn er wurde auch als gefährlich beschrieben. Der Trank beugte den Willen. Menschen, die ihn einnahmen, wurden ruhiger, kompromissbereiter, aber auch leichter beeinflussbar, ihnen wurde Vieles egal. Außerdem konnte er abhängig machen und zu Wutausbrüchen führen, wenn er abgesetzt wurde.
Lily wusste nicht, ob sie so weit gehen wollte. Der Trank versprach ihr friedliche Osterferien mit ihrer Schwester, drohte aber mit einer sehr wütenden Petunia, sobald Lily wieder abreiste. Eigentlich konnte es ihr aber egal sein, sie würde Petunia dann nicht mehr sehen und ihre Eltern auch nicht. Doch vielleicht würde es Petunia schaden, wenn sie wütend und streitlustig zurück nach St. Clare ginge?
Professor Flitwick wiederholte immer wieder, dass es wichtig war, verantwortungsbewusst mit der Magie umzugehen. Doch Lily fand nicht, dass die reinblütigen Schüler sich an diese Regel hielten. Erst gestern hatte jemand Camille so verhext, dass sie nicht mehr wusste, was ein Löffel war, und sie wäre beim Abendessen fast an einem erstickt. Nicht gerade verantwortungsbewusst. Und sie wollte doch nur zwei Wochen ohne Streit und Sticheleien. Das war nicht schlimm und wenn Petunia danach etwas schlechte Laune hätte ... Sie war doch auch ohne Magie oft ein Miesepeter.
Lilys Blick blieb an einem Absatz über die Abwandlungen des Harmonietrankes hängen. Der Harmonietrank war dafür gemacht, demjenigen eingeflößt zu werden, der streitlustig war. Aber wenn man ein paar weitere Zutaten hinzufügte, konnte man das ändern und aus dem Harmonietrank wurde der Ignorier-trank. Lily überflog die Spalte mit den Wirkungsweisen und je mehr sie las, desto interessierter wurde sie.
* * *
„Ich habe mal etwas anderes gefunden.“ Sirius ließ einen schweren Folianten zu Peter und James hinüberschweben. „Das ist eine Ausgabe des Besenflug, es handelt eigentlich von Reisezielen, die nicht bei Vollmond aufgesucht werden sollten, aber sie haben auch einen Artikel über Werwölfe.“
„'Die Furcht vor Werwölfen ist vollkommen unbegründet', erklärt Professor Szczyga, eine breitschultrige Frau mit kräftigen Händen, der man die Erfahrung mit magischen Wesen ansieht. 'Die Menschen fürchten nicht den Tod, sterben kann man dank der Magie recht problemlos auch zuhause. Ich erinnere hier nur an die tödlichen Verbrennungen bei der falschen Nutzung des Flopulvers, an die Zersplinterung beim Apparieren, an Vergiftungen durch blinde Hauselfen. Unfälle bei magischen Experimenten oder der Haltung magischer Wesen wie Hypogreifen oder Drachen machen 30% der Todesfälle unter den Zauberern aus und kosten jährlich auch hunderte von Muggeln das Leben. Verglichen damit sind die paar tödlichen Werwolfsangriffe weltweit ein Witz. Die Angst vor den Werwölfen ist die Angst vor der Ansteckung; sie fürchten nicht zu sterben, sie fürchten zu überleben. Dabei ist das Schicksal von Lykanthropiekranken außerhalb des Vollmonds hausgemacht. Großbritannien hat ein Gesetz erlassen, das Lykanthropiekranken verbietet, einen Beruf auszuüben, ein Zauberstabverbot wird gerade diskutiert. In Rumänien wurden Reservate eingerichtet, also Hütten im Wald, ohne Kamine oder fließend Wasser, von einem magischen Zaun umgeben, in denen Lykanthropiekranke auch außerhalb des Vollmonds leben müssen. Wird ein Lykanthropiekranker außerhalb des Reservates aufgegriffen, kann er ohne Verfahren hingerichtet werden. Dabei hat eine neue Studie festgestellt, dass zufällige Angriffe immer tödlich verlaufen und durch Fehlverhalten des Opfers ausgelöst wurden. Die Angriffe mit folgender Ansteckung waren hingegen von dem Werwolf beabsichtigt.' Da müssen wir natürlich sofort nachhaken und fragen, ob das heißen soll, dass Lykanthropiekranke absichtlich Jagd auf Menschen machen. 'Nein, nein', wehrt die Wissenschaftlerin ab. 'Nicht die Lykanthropiekranken im Allgemeinen. Doch es gibt Menschen, die sich selbst absichtlich mit Lykanthropie anstecken, um sie später als Waffe zu benutzen. Diese Menschen sind schon als Menschen böse und gefährlich, sie werden es nicht durch die Krankheit. Würden sie nicht als Werwölfe andere verletzen, würden sie es mit dem Zauberstab tun.' Wir bedanken uns bei Frau Professor Szczyga und fassen zusammen: Von Werwölfen geht keine Gefahr aus, wenn man ihre Rückzugsgebiete bei Vollmond meidet“, las Peter das Interview laut vor.
Informationen über Werwölfe zu bekommen, war keine leichte Aufgabe. Es gab Gruppen, die Werwölfe wie Götter anbeteten und sich freiwillig zerfleischen ließen. Von Seiten des Ministeriums wurden sie wie Monster behandelt und es gab unendlich viele Gesetze, die Werwölfen alles Mögliche verboten. James hatte sogar ein Gesetz gefunden, das es Werwölfen verbot, sich Frauen zu nähern. Aber James traute dem Urteilsvermögen des Ministeriums nicht mehr so richtig, seit sie mit Hagrid gesprochen hatten.
„So wirklich bringt uns das nicht weiter. Ich habe ja kapiert, dass Werwölfe eigentlich Menschen sind, die nur ein paar Stunden lang zum Wolf werden, aber das ändert nichts daran, dass Remus ein Ekel ist“, erklärte Peter.
„Es erklärt aber, wieso er ein Ekel ist.“ James hatte, durch den Artikel inspiriert, ein rumänisches Buch aus dem Regal gezogen und auch gleich einen Volltreffer gelandet. Er hob das Buch hoch und zeigte Peter und Sirius ein Bild.
„Wenn ich wüsste, dass so etwas meine Zukunft sein kann, wäre ich auch kein Sonnenscheinchen.“
Das Bild zeigte dürre Gestalten in abgerissener Kleidung, die mit verbeulten Schüsseln Wasser aus einem Bach schöpften. Im Hintergrund standen Hütten, oder eher Verschläge aus grobem Holz.
„Und was sollen wir jetzt tun?“, fragte Sirius und stützte seinen Kopf müde auf einem Stapel Bücher ab.
„Ich weiß es nicht“, gab James zu, „doch wir sollten alles dafür tun, dass sonst niemand herausfindet, was in der Heulenden Hütte passiert. Ich glaube, ich könnte nicht damit leben, jemandem so etwas angetan zu haben.“ Eine alte Frau auf dem Bild sank am Ufer zu Boden und begann krampfhaft zu weinen. James schlug das Buch zu.
* * *
Remus kam erst am Dienstag zum Unterricht und James bereitete sich darauf vor, Remus' prüfenden Blick die ganze Doppelstunde Zaubertränke ertragen zu müssen.
„Hihi, Froschaugen, wie eklig. Wie kann man das in etwas reintun, was getrunken wird!?“, lachte Lily, eindeutig zu laut für eine Unterrichtsstunde. James sah zu den Mädchen herüber. Lilys Haar war ungekämmt und fiel ihr wild über den Rücken, ihr Gesicht strahlte eine naive Freude aus, die James unpassend erschien. Lilys Verhalten war so merkwürdig, dass sie James sogar von Remus ablenkte. Sie befolgte Professor Slughorns Anweisungen nicht, kritzelte in ihrem Heft rum, lag halb auf dem Tisch und summte komische Lieder, während Professor Slughorn an der Tafel Dinge erklärte.
„Miss Evans, glauben Sie etwa, Sie müssten nicht mehr aufpassen, nur weil Sie die Klassenbeste in Zaubertränken sind?“, fuhr Slughorn sie an, als sein Geduldsfaden in der zweiten Hälfte der Stunde endlich riess.
„Pff“, antwortete Lily und kippelte auf ihrem Stuhl. „Zaubertränke - so ein Blödsinn. Zauberei gibt es doch gar nicht, alles nur dumme Tricks.“
Snape und seine Freunde, die hinter James saßen, brachen bei den Worten in lautes Gelächter aus und James wurde erst jetzt bewusst, dass sie schon den ganzen Morgen über gekichert hatten.
„Ruhe da hinten!“, rief Slughorn und sah mit einer Mischung aus Ärger und Sorge wieder zu Lily.
„Was ist heute mit Ihnen los, Miss Evans, sind Sie krank?“, fragte Slughorn und in seiner Stimme siegte die Sorge über den Ärger.
„Dimencio“, flüsterte Snape und Lilys Augen wurden glasig.
„Wer sind Sie überhaupt?“, fuhr Lily den Zaubertrankmeister an und sprang von ihrem Stuhl, der laut auf den Boden schlug.
Snape und Rosier rutschten vor stummem Lachen unter den Tisch.
„Sie ist verhext, Professor!“, rief James, über sich selbst erstaunt.
„Wie meinen Sie das, Mr. Potter?“, fragte Slughorn, während Lily sich auf den Boden legte und anfing, mit einem Filzstift die Bodenfliesen mit Blümchen zu verzieren.
„Snape hat ihr gerade einen der Konfusionszauber verpasst, bestimmt war es nicht der erste, so wie sich Lily heute verhält.“
Slughorn sah ungläubig zu Snape herüber. „Stimmt das, Mr. Snape?“
James wollte sich gerade über die dumme Frage aufregen, als Snape mit „Ja“ antwortete.
„Finden Sie nicht auch, Professor, dass es widerlich ist, wie sich diese Muggel immer verstellen? Sie sollten sich doch mal so verhalten, wie sie sind - ist doch viel passender, oder?“ Snapes Stimme klang arrogant und herablassend und hinterließ eine Art Echo im Klassenzimmer, in dem plötzlich absolute Stille herrschte.
„Das ... Sie ...“, stotterte Slughorn unsicher, schüttelte leicht den Kopf und setzte neu an.
„Bringen Sie Miss Evans auf die Krankenstation, Miss Alent. Ich glaube, sie braucht dringend Hilfe.“ Die ganze Klasse sah zu, wie Sarina versuchte, Lily hochzuziehen und hinauszuführen. Lily wehrte sich und schrie, dass sie nicht krank wäre, ihr ginge es gut und sie wolle jetzt diese hässlichen Fliesen schön machen. James sah zu Snape herüber, der nicht mehr lachte. Snape beobachtete Slughorn mit ernster und konzentrierter Miene, Lily beachtete er gar nicht mehr.
Als die Tür endlich hinter Sarina und Lily ins Schloss fiel, drehte sich Slughorn wieder zu Snape, begegnete seinem kalten Blick und sah sofort wieder weg.
„Sowas ...“, versuchte es Slughorn erneut, „so etwas dürfen Sie nicht sagen, Mr. Snape. Wie schwer es mir auch fällt, aber das macht 10 Punkte Abzug für Slytherin und Sie ...“ Wieder versuchte Slughorn Snape anzusehen und wieder scheiterte er daran. „Sie werden eine Strafarbeit erfüllen müssen, ich werde noch mit Mr. Filch verabreden, welche. Und jetzt zurück, zurück zu unserer Arbeit. Wo waren wir stehengeblieben?“
James fühlte sich überfordert. Was war hier los? Hatte Snape Lily nicht erst vor wenigen Wochen beschützt? Wieso griff er sie jetzt so öffentlich an und was sollte dieser Müll von wegen Muggel? So langsam war ihm das hier alles zu viel. Er hoffte, dass die Woche bald um war und er in die Osterferien konnte.
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