
von Vistin
„Bist du Alice?“ Lily hatte das Mädchen den ganzen Tag beobachtet und war sich sicher, dass sie die Richtige ansprach, aber sie brauchte einen unverfänglichen Satz für den Anfang. Severus hatte sie zusagen müssen, in der Öffentlichkeit keine Verbindung zwischen ihm und Alice aufkommen zu lassen. Lily hatte viel kompliziertere Auflagen erwartet. Immerhin sollte sie in der Öffentlichkeit so tun, als ob sie schreckliche Angst vor ihm hätte, Sarina spielte seine größte Gegnerin und Camille tat so, als wäre er etwas ekliges, das an ihrem Schuh klebt, wobei sich Lily nicht ganz sicher war, ob Camille das wirklich nur spielte. Alice war also nur eine weitere Figur in Severus' Laientheater.
Das Mädchen sah Lily skeptisch an und nickte. Alice war einen guten Kopf kleiner als Lily und ihr rundes Gesicht hatte etwas Naiv-Fröhliches.
„Hallo, ich bin Lily Evans, aus der Zweiten. Professor Sughorn hat gemeint, du könntest Nachhilfe in Zaubertränken gebrauchen und ich solle mal mit dir reden. Hättest du jetzt ein paar Minuten Zeit?“ Alice warf einen unsicheren Blick zu ihren Freundinnen, doch dann stimmte sie zu und begleitete Lily aus dem Hausaufgabenraum hinaus.
„Ich brauche keine Nachhilfe. Ich habe doch nur dieses eine Annehmbar bekommen“, verteidigte sich Alice noch während sie gingen. Lily lächelte sie nur an und führte sie in einen besonders kleinen Hausaufgabenraum.
„Ich weiß, aber ich durfte ja nicht sagen, dass ich eigentlich wegen Severus mit dir sprechen will“, erklärte Lily, kaum dass sie die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.
„Wegen wem?“ Lily stutzte. Alice Erstaunen war so vollkommen, dass Lily es nicht für gespielt halten konnte.
„Severus Snape, dein ehemaliger Nachbar, er meinte ihr würdet euch kennen.“
Alice zuckte verwirrt mit den Schultern. Lily wurde immer unsicherer. Hatte Severus ihr nicht gesagt, dass sie kommen würde? Natürlich, Alice spielte die Rolle der Unbekannten, aber so gut konnte sie doch nicht sein. Lily entschied sich für eine letzte Offensive, denn sie glaubte nicht, dass Severus sie reingelegt hatte.
„Wir sind hier allein, Alice, keiner wird dich mit Severus in Verbindung bringen. Ich muss mit dir über eine aufregende Sache reden, also hör bitte auf mit den Theater.“
„Theater ist gut! Du holst mich unter einem Vorwand von meinen Freundinnen weg, bringst mich in einen einsamen Raum und laberst etwas von einem Kerl, den ich nicht kenne. Ich habe genug von dem Blödsinn, ich verschwinde.“ Alice drängte sich an Lily vorbei und ließ sie verwirrt stehen.
* * *
„Du wolltest doch wissen, ob sie vertrauenswürdig ist. Das ist doch der Beweis. Sie verrät nie etwas.“ Lily war wutentbrannt in die Werkstatt gestürmt und hatte Severus zur Rede gestellt. Doch diese Antwort machte sie fast sprachlos.
„Du hast ihr gesagt, sie soll nicht mit mir reden?“, fragte Lily fassungslos.
„Wann soll ich das denn getan haben? Wir haben gestern Nacht beschlossen, dass wir sie einweihen. Selbst wenn ich aus dem Gemeinschaftsraum gekommen wäre, wie hätte ich in den Ravenclawturm kommen sollen? Und dann hast du sie doch beobachtet. Das ist es ja gerade: Sie weiß nichts, daher redet sie nicht mit dir.“
Lily ließ sich aufs Sofa fallen.
„Na super! Du hast mich also auflaufen lassen. Wieso machst du das immer wieder?“ Lily war nicht mehr wütend, nur noch resigniert. Neben Severus war sie eine Anfängerin.
Severus zog die Schultern hoch und setzte eine Miene auf, die wohl unschuldig wirken sollte.
„Wieso auflaufen lassen? Du wolltest einen Beweis ihrer Vertrauenswürdigkeit, ich wusste, dass du den bekommen würdest, wenn du versuchen würdest, mit Alice zu sprechen, also habe ich dich gelassen. Wenn Alice einfach so mit dir geredet hätte, wer hätte dir dann garantieren sollen, dass sie nicht genauso blauäugig über die Werkstatt redet?“
Das Schlimmste an solchen Situationen war, dass Severus sie verdient gewann. Auf diesem Gebiet konnte man ihn nicht übertreffen. Lily hätte gerne etwas gehabt, in dem sie besser war als Severus, aber inzwischen war er ihr sogar in Zaubertränken überlegen und auf James' Niveau wollte sie auf keinen Fall sinken, obwohl Anna und Crystal seine „Streiche“ immer brüllend komisch fanden. Lily fand es nicht witzig, einen Besen zu verhexen, damit er in sechs Metern Höhe anfängt zu bocken. So ein Quatsch war gefährlich und unfair, denn wenn man sich an einem Besen festklammern musste, konnte man noch nicht einmal den Zauberstab ziehen, um sich zu wehren.
Severus hatte diesen, ach so geistreichen, Spaß auf seine eigene Art beantwortet. James verlor zwei Wochen lang seine Hausaufgaben, ohne zu wissen wie das passieren konnte. Anna wachte eines Morgens mit merkwürdigen Pickeln auf ihrem Hintern auf, die selbst Madam Pomfrey nicht sofort weghexen konnte. Naomi kapierte den Witz erst zwei Tage später, doch als sie endlich begriff, dass es eine Retourkutsche für den Spruch „Kannst du auf einem Besen noch nicht einmal ruhig sitzen bleiben?“ war, bekam sie jedes Mal einen Lachkrampf, wenn sie Anna sah. Die Lachkrämpfe blieben, auch nachdem Anna nach einer Woche endlich wieder normal auf einem Stuhl sitzen konnte.
Lily fand seine Rache an Crystal am kreativsten: Crystal bekam Albträume, Albträume von so schrecklichen Dingen wie Kaugummi im Haar und abgebrochenen Fingernägeln. Lily bekam Bauchschmerzen vor Lachen, als sie eines Morgens von Beekeys beruhigender Stimme wach wurde, die der völlig aufgelösten Crystal erklärte, dass ihr ganz sicher nicht mit dreizehn die Haare ausfallen würden.
„OK, erzähl du ihr von dem Geheimgang und sag ihr auch, dass sie doch bitte das nächste Mal mit mir reden soll, vor allem, wenn wir uns in Ravenclaws Lesesaal treffen.“
* * *
„Wieso kann Eridanus das nicht machen?“, flüsterte Peter und korrigierte zum dreißigsten Mal die Position eines Kristalls. Es war bereits vier Uhr morgens und James konnte sich kaum noch auf den Beinen halten.
„Weil Eridanus ein Hufflepuff ist“, erklärte James und gähnte. „Er kann hier nicht rein.“
„Aber er ist ein Lehrer?“
„Einmal Hufflepuff, immer Hufflepuff. Der Zauber, der dafür sorgt, dass man niemandem das Passwort verraten kann, macht nur eine einzige Ausnahme, und zwar beim Schulleiter“, erzählte Sirius, der über jede Gelegenheit, von dem Aufbauplan aufzublicken, dankbar war. Der Zauber, den Pericul und Eridanus ausgesucht hatten, war sehr kompliziert und verlangte Vorbereitungen an verschiedenen Orten im Schloss. Im Gemeinschaftsraum wurden die meisten Kristalle aufgestellt, weil es dort besonders viele Menschen geben würde, die das Signal stören könnten.
„Wer soll eigentlich Remus spielen?“, fragte Sirius und gähnte.
„Ich mach das“, meldete sich Peter. „Ich glaube, ich bekomme das ganz gut hin. Ich habe schon mit Madam Pomfrey gesprochen, sie hext einen Doppelgänger von mir in eines der Krankenbetten und wird dafür sorgen, dass Tom mich zwar zu sehen bekommt, aber nicht nahe genug herankommt, um zu merken, dass es nur ein Illusionszauber ist. Wir müssen nur aufpassen, dass ich oft genug an die Kristalle herankomme.“
„Was soll das hier?“ James' Herz setzte einen Moment aus, doch als er sich umdrehte, stand nicht Tom sondern Remus in der Tür zu den Schlafsälen.
„Wir hätten ihm auch etwas von dem Schlafpulver geben sollen“, meckerte Sirius und atmete tief durch.
„Was treibt ihr hier?“, fragte Remus erneut. James grinste ihn breit an.
„Wir nehmen uns deines kleinen, haarigen Problems an“, verkündete er stolz.
„Was?“ Remus sah verschlafen und verwirrt von einem zum anderen.
„Ich habe mit Eridanus und Pericul über Tom gesprochen, sie haben mir einen Zauber gezeigt, mit dem wir Tom und allen anderen vormachen können, dass du morgen beim Vollmond ganz normal im Unterricht sitzt.“ Remus blinzelte James an.
„Ich weiß, ich wiederhole mich, aber: Was?“ Sirius hatte seinen Kopf auf den Arm gestützt und seine Augen waren nur noch schmale Schlitze.
„Können wir dir das morgen erklären? Wir müssen noch den einen Stein ausrichten und ich will echt ins Bett“, sagte er und versuchte dabei, nicht zu gähnen. Remus schüttelte verständnislos den Kopf und ging wieder in den Turm der Jungenschlafsäle.
James und Sirius folgten ihm nur wenige Minuten später, Peter blieb noch und versuchte sich die Anordnung der Kristalle einzuprägen. Die Idee, dass er Remus spielen sollte, schien ihn richtig zu fesseln.
* * *
„Na super, noch mehr Aufwand.“ Remus hatte gerade zugesehen, wie Peter vor einer erstaunlich großen Zuschauermenge, die nach dem Training des Quidditch-Teams auf den Tribünen sitzengeblieben war, um die spärliche Herbstsonne zu genießen, mit James' Nimbus 1000 in die Aufbauten gekracht ist. Remus war mit allen anderen erschrocken aufgesprungen. Erst als er Pericul entdeckte hatte, wurde er misstrauisch.
„Es ist kein Aufwand, es ist Spaß“, versicherte ihm James. Sie saßen nun alleine auf der Tribüne, die Sonne ging gerade unter und es wurde empfindlich kalt. Kalt war gut: So kurz vor dem Vollmond half ihm kaltes Wetter beim Denken. Es war, als würde der Wind das Gemüt des Wolfes kühlen, der nur darauf wartete, auszubrechen. Remus wusste, dass das Blödsinn war, im Gegensatz zu Wetterereignissen wie Regen oder Sturm hatte die Temperatur keine Auswirkung auf die Intensität des Mondes und damit auch nicht auf den Wolf. Es war vernünftig, sich an die Zahlen und Werte zu klammern. Die Mondwerte waren das einzige, das er im Voraus kannte, es war das, worauf er sich vorbereiten konnte. Dabei hätte er schon längst einsehen müssen, dass es an Lykantropie nichts gab, was man vorhersehen konnte. Im Dezember, in einer stürmischen Nacht, lag der Mondwert bei fünfzehn, doch Remus fühlte sich gut, er roch den Schnee, spürte den Wind durch die Kleidung hindurch, er hörte das leise, entfernte Knirschen von Eis. Er war ganz ruhig und wartete ohne Angst auf den Mondaufgang. In verregneten Sommernächten erreichte der Mond nur werte von dreizehn, doch die Hitze trieb Remus oft schon Tage vor dem Vollmond um. Er konnte nicht schlafen, war gereizt, spürte, hörte, roch jede Einzelheit um sich herum. Er schrie dann oft und vor allem seine Eltern bekamen es ab. Nach dem Vollmond tat es ihm dann leid, doch dann war da dieses komische Gefühl. Dieses Gefühl, schlecht behandelt zu werden, wenn ihm alles weh tat, weil gebrochene Knochen und Wunden jeglicher Art auf einmal zu heilen begannen, dann fand er die Welt gemein und konnte sich einfach nicht entschuldigen.
Remus sah zu James und Sirius auf. Unter ihren Augen hingen dunkle Schatten, weil sie die vergangene Nacht kaum geschlafen hatten, doch sie strahlten ihn an. Vor einem Jahr hatte er alles getan, um sie los zu werden und sie saßen immer noch da. Er hatte ihnen Dinge an den Kopf geschmissen, die er heute bereute, doch sie saßen da, obwohl er sich nicht entschuldigt hatte. Das machte James und Sirius wohl zu guten Freunden, dachte Remus und etwas in ihm gefror: Es machte ihn aber nicht normal. Er schüttelte resigniert den Kopf. Die Mondwerte hatten doch Recht: Im Sommer war er vielleicht unbeherrscht, doch im Winter war er gemein.
„Das könnt ihr nicht tun“, sagte er dann und durch die Kälte stieg ein undefinierbares Gefühl auf. Es fühlte sich an, als würde er gleich losheulen und gleichzeitig waren da Wut und Angst. Es war wie ein großer, schleimiger Knoten, der ihm die Brust und den Hals abschnürte.
„Das ist doch alles Blödsinn.“
Remus stand auf und wandte sich zum Gehen.
„Es ist nicht deine Entscheidung, Remus.“ In Sirius Stimme lag Überheblichkeit. Remus blieb stehen und drehte sich um.
„Ich kann Tom nicht leiden“, fuhr Sirius fort. „Er ist ein arroganter Besserwisser und ich will nicht, dass er Recht hat. Daher werde ich morgen alles tun, dass die Illusion nicht auffliegt. Du kannst mitmachen oder auch nicht. Wenn nicht sind wir Gegner und du solltest mit dem Rücken an der Wand entlang gehen. Ich tue dir morgen keinen Gefallen, ich werde Tom fertig machen.“ James schien über die Ansprache genauso überrascht zu sein wie Remus. Er starrte Sirius skeptisch an, schüttelte dann den Kopf, als würde er einen Verwirrungszauber abschütteln und wandte sich dann an Remus.
„Also mir geht es da schon um dich. Aber auch ich tue dir keinen Gefallen, sondern mir. Ich kann dich echt gut leiden, du magst das anders sehen, aber ich will, dass du auf der Schule bleibst. Sonst habe ich ja niemanden zum Schachspielen. Alles reine Selbstsucht.“ Remus wollte nicht, doch er schmunzelte.
Das ganze vergangene Schuljahr hatten ihm Sarah, Eridanus und Madam Pomfrey erklärt, dass er Freunde bräuchte. Remus hatte das immer mit Mitleid, erwiesenen Gefallen und Sorgen verbunden, dabei ertrug er es nicht einmal, seine Eltern zu sehen. Seine Mutter war ergraut und ganz mager, dabei war sie gar nicht alt und sein Vater lachte über alles, dabei konnte sich Remus nicht daran erinnern, wann er ihn ehrlich lächeln gesehen hat. Alle Menschen trieben nur Aufwand seinetwegen und sie bemitleideten ihn. Remus fand das zum Kotzen.
Dass er Freunde finden würden, denen Mitleid egal war, hatte er sich nie vorstellen können. Doch da saßen sie. Zwei Jungen, die ganz ehrlich darauf versessen waren, ihm zu helfen, weil sie sich den Spaß nicht entgehen lassen wollten. Das war eine Vorstellung, die Remus erst einmal verarbeiten musste, doch für den Augenblick gab er einfach nur auf.
„Wie habt ihr euch das nochmal gedacht? Das mit dem Umhang, mein ich.“ James' Augen leuchteten auf.
„Ganz einfach. Ich bringe ihn gleich zu Peter auf die Krankenstation. Peter kommt unter dem Umhang heute Nacht in den Schlafsaal zurück und ihr tauscht, nachdem du den Kristall über deinem Bett aktiviert hast.“
* * *
James wachte mit einem merkwürdigen Gefühl im Bauch auf. Eigentlich hatte er wach bleiben wollen, um dabei zu sein, wenn Peter zurückkam, doch er war dann irgendwie doch eingeschlafen und das Buch, das er hatte lesen wollen, lag mit zerknitterten Seiten neben seinem Bett.
Er hörte das Rumoren seiner Schlafsaalkameraden, traute sich jedoch nicht, seinen Vorhang aufzuziehen. Hatte alles geklappt? Würde Tom Peter für Remus halten? Oder lieferten sie ihm gerade den absoluten Beweis dafür, dass Remus ein Werwolf war?
„Aufstehen, Potter!“ Jemand schlug mit der flachen Hand gegen einen der Bettpfosten.
James zog den Vorhang zur Seite und tat betont verschlafen. Doch dann konnte er sein Erstaunen nicht unterdrücken. In der Mitte des Raumes stand Remus. Er sah aus wie Remus, bewegte sich wie Remus und klang wie Remus, als er Tom eine spöttische Bemerkung zuwarf.
James hatte nicht erwartet, das der Zauber so wirkte. Er hatte gedacht, dass es verwirrender wäre. Vielleicht, dass man Peter sah und nur dachte man würde Remus sehen, doch selbst wenn es so war, hätte er es dann bemerkt? Egal wie James es sich jetzt genau vorgestellt hatte, das hier war zu klar, zu eindeutig, einfach zu echt. Ein beunruhigender Gedanke schoss James durch den Kopf: Was, wenn das nicht der Zauber war? Wenn der Austausch nicht geklappt hatte und da wirklich Remus stand? James war Remus' Einlenken am gestrigen Abend irgendwie merkwürdig vorgekommen, vielleicht wollte er die Schule mit einem gigantischen Knall verlassen ... James wollte den Gedanken nicht weiterführen. So war Remus einfach nicht, so konnte er einfach nicht sein.
„Beweg dich, James, wir kommen sonst zu spät zu Customary“, ermahnte Remus und James' Unsicherheit stieg. Hätte Peter diesen Satz so formuliert?
James hätte den Jungen vor sich gerne in eine ruhige Ecke gezerrt und gefragt wer er nun wirklich war. Doch das konnte er nicht riskieren, denn Tom ließ sie keinen Moment aus den Augen.
Im Aufenthaltsraum stieß Sirius zu ihnen. Er gab sich völlig normal und das half James, die Nervosität etwas zu unterdrücken. Sie mussten sich ganz normal benehmen, sonst war der ganze Plan ruiniert. Doch die Unsicherheit, ob er jetzt mit Remus oder mit Peter sprach, machte es James nicht gerade einfach, normal zu sein. Was James jedoch freute, war, dass Tom seine Verwirrung ganz offen zur Schau trug. Er konnte einfach nicht glauben, dass Remus drei Stunden vor Mondaufgang scherzend am Frühstückstisch saß und Rührei aß. Tom hatte seinen Verdacht recht offen im Gryffindorturm verkündet, obwohl ihm niemand so richtig geglaubt hatte, doch Chris Lee war neben James und seinen Freunden der einzige, der Tom ganz offen als Spinner bezeichnet hatte. Jetzt saß Chris Remus gegenüber und fragte grinsend, ob Remus seinen Maulkorb dabei hätte. Remus tat gespielt erschrocken und meinte, der hinge mit der Gassileine noch im Schlafsaal. James lachte mit und seine Sorge schlug immer mehr in Bewunderung für Peters schauspielerische Leistungen um.
In der kleinen Pause zwischen der zweiten und dritten Stunde erfuhr James endlich, dass der Austausch tatsächlich geklappt hatte und er mit Peter redete, obwohl er in Remus' Gesicht sah. Doch da hatte James die Zusage eigentlich nicht mehr nötig. Obwohl Peter Remus' Benehmen und die Art zu sprechen perfekt nachstellte, konnte er Remus' Leistungen in Verwandlungen nicht erreichen. James und Sirius mussten ihm helfen und James war sehr erstaunt, dass Professor McGonagall nicht nur im richtigen Moment wegsah, sondern Tom auch passend ablenkte.
In Pflege magischer Geschöpfe waren James und Sirius endlich warm genug geworden, die Show richtig zu genießen. Der Mondaufgang war für 11:11 Uhr angekündigt, doch Tom war schon im ersten Teil der Doppelstunde so unaufmerksam, das Professor Kesselbrand ihn zur Ordnung rufen musste. Und das, obwohl Kesselbrand in dem Moment gerade mit einer Zwergschildkröte, die eigentlich zur Kommunikation mit Meermenschen genutzt werden konnte, kämpfte. Das Tier hatte sich in seinen Ellbogen verbissen und dabei auch den Umhang erwischt, so dass Kesselbrands Arm an seiner Seite festgeklammert war und er das Tier nicht erreichen konnte.
So wie James Peter kannte, würde es beim Mondaufgang ein großes Finale geben und er beobachtete mit einer gespielt ängstlichen Miene den Dunstigen Horizont. Tom biss an und als die Turmuhr elf Uhr schlug, zuckte Toms Kopf ängstlich zwischen dem Horizont, Remus und Kesselbrand hin und her. James konnte sein Panik gut verstehen. Kesselbrand war sicher keine Hilfe gegen einen Werwolf, obwohl? Kesselbrand gab eine gute Ablenkung ab, denn auch ein Werwolf würde dem Drang aller Tiere nachgeben müssen und zuerst Kesselbrand beißen, ehe er sich an jemand anderem vergriff. James musste sich umdrehen, damit Tom sein Grinsen nicht bemerkte.
Kurz nach elf Uhr tauchte der blasse Mond am dunstigen Horizont auf. Der falsche Remus sah von dem Aquarium mit Meeresgetier, an dem sie gearbeitet hatten, nicht auf. Als ob er den Mond wirklich spüren würde, sackte er in die Knie, begann zu zucken und würgende Geräusche zu machen. Jaqueline, die neben ihm stand, sprang schreiend zurück. Tom war blass wie ein Gespenst, James und Sirius legten sich ins Zeug und stürzten sich besorgt auf Remus. Der Zufall kam ihnen zu Hilfe, denn genau in diesem Moment setze sich eine der Schuleulen auf Kesselbrands Kopf und begann sein Gesicht hingebungsvoll mit den Flügeln zu bearbeiten.
Als Remus zu knurren anfing und James und Sirius panisch von ihm wegsprangen, hielt Tom es nicht mehr aus.
„Ich sagte doch, dass er ein Werwolf ist! Er wird uns alle töten!“, schrie er und deutete mit einem zittrigen Arm auf den am Boden zusammengekauerten Remus. Beekje begann zu kreischen, ein Junge aus Ravenclaw fragte etwas, das James nicht verstand. Da sprang Remus auf und stürzte sich auf Tom. Tom schrie auf und versuchte wegzurennen, doch er stolperte über seine eigene Füße und fiel hin.
„Buh!“, rief Remus und blieb mit ausgebreiteten Armen über Tom stehen. James und Sirius bogen sich vor Lachen.
„Ihr seid elende Idioten!“, rief Jaqueline und schlug mit den Fäusten gegen James Arm.
„Ich habe mich tierisch erschrocken!“, beschwerte sie sich, doch auch auf ihren Lippen machte sich ein Grinsen breit.
„Das war gemein!“, meckerte Anna, die die blasse Beekje tröstete, und meinte es im Gegensatz zu Jaqueline vollkommen ernst. Chris lachte herzhaft und versuchte den Ravenclaws zwischen krampfhaften Lachernd zu erzählen, was eigentlich passiert war.Das Gelächter wurde immer lauter.
Tom hatte bei Remus' scheinbarem Angriff die Augen geschlossen und den Arm vors Gesicht gehoben, er war völlig weiß geworden und zitterte. Das Gelächter seiner Mitschüler drang nur sehr langsam zu ihm durch, doch kaum hatte er sich weit genug gefangen um zu erkennen, dass da ein Mensch und kein Wolf vor ihm stand, sprang er schon auf und fuhr Remus wütend an: „Hast du sie noch alle!? Ich hätte mich verletzen können!“
„Wie?“, fragte Remus spöttisch und stützte sich die Arme in die Hüften. „Indem du dir an einem Grashalm den Fuß brichst? Aber du hast Recht: Jemand, der doof genug ist zu glauben, dass ein Werwolf einfach so nach Hogwarts gehen könnte, ist sicher in der Lage, sich auf einer Wiese umzubringen.“ Tom funkelte Remus wütend an, in seinen Augen standen Tränen und James überlegte, ob aus Scham oder Wut.
„Was ist passiert?“, fragte Kesselbrand, in der einen Hand eine zappelnde und nach ihm schnappende Eule, an der anderen Hand die Schildkröte, die sich jetzt in seinem Daumen festgebissen hatte.
„Nichts, Professor“, erklärte der falsche Remus. „Ich hatte mich nur verschluckt.“
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.
Zurück zur Übersicht - Weiter zum nächsten Kapitel