
von Vistin
A/N: Hallo ihr Lieben! Vielen Dank fĂĽr die Reviews! Es tut mir echt leid, dass es so langsam vorangeht, aber ich habe einen neuen, sehr coolen, aber eben auch sehr stressigen Job und komme gerade nicht wirklich zum Schreiben, das wird aber hoffentlich bald besser.
* * * ooOoo * * *
„Was soll der Mist?“ Remus stand breitbeinig in der Tür zu einem ungenutzten Klassenraum im Kerker und blinzelte misstrauisch zwischen James, Sirius und Peter hin und her.
„Die Form muss 31 Tage aushärten, jetzt ist es perfekt, über die Weihnachstferien ist die Chance, dass man sie entdeckt, viel geringer und sie ist pünktlich zum neuen Jahr fertig“, erklärte James.
„Ich meine nicht den Zeitpunkt, ich meine die ganze hirnrissige Idee! Ich steige garantiert nicht in einen gigantischen Kessel voller Kleister!“, rief Remus.
„Es ist kein Kleister, es ist Ton, Nachahmton“, korrigierte ihn Peter.
„Was jetzt sooo den überwältigenden Unterschied macht! Wieso sucht ihr nicht weiter nach Mosaiken? Ihr habt doch erst drei gefunden, das ist nicht gerade viel.“
„Die Mosaike können wir jederzeit suchen. Außerdem ist die ganze Mosaiksache witzlos, wenn wir zwar alle gefunden haben, der schlauste Kopf unter uns jedoch in einem Zwinger sitzt!“, stellte Sirius fest.
„Wieso Zwinger? Es läuft doch alles super, keiner hört mehr auf Tom und er hat keine Möglichkeit etwas zu beweisen, das reicht doch.“
„In Hogwarts gibt es fast 400 Schüler und die meisten sind pfiffiger als Tom, wir haben der Theorie vielleicht einen Dämpfer versetzt, aber das heißt nicht, dass sie nicht wieder aufflammen kann. Das sagt sogar Pericul.“
„Na und? Wir haben doch ein ganzes Arsenal an Tricks, um sie zu verwirren.“
„Es ist trotzdem auffällig, wenn wir zu jedem Vollmond irgendeine Show abziehen. Längerfristig gesehen, ist das eher der eindeutige Beweis, als eine Widerlegung“, argumentierte Peter.
„Widerlegung?“, fragte Sirius skeptisch.
„Ja, du weißt schon. Wir würden eher den Beweis liefern als es widerlegen“, erklärte Peter
„Dann sag es doch auch so und red nicht so geschwollen.“
„Klappe“, fuhr ihnen James dazwischen. „Remus, mit dem Golem können wir während der Vollmondphasen einfach so tun, als ob nichts wäre, keine merkwürdigen Aktionen, keine Ausreden, nichts.“
Remus sah zwischen James und dem brodelndem Kessel hin und her.
„Wenn ihr eure dämlichen Idee zumindest im Voraus mit mir besprechen würdet“, jammerte er resigniert. „Aber nein, ich werde immer vor vollendete Tatsachen gestellt, das ist zum Kotzen!“
„Wir hatten drei Idee, bis wir zu dem Golem gekommen sind, die alle schief gelaufen sind. Hätten wir jede einzelne mit dir ausdiskutiert, wären wir erst in einem Jahr soweit wie wir jetzt sind. Es ist einfach vernünftiger, sich nur einmal mit dir anzulegen. Und du bist doch immer so für die Vernunft, oder?“, erklärte James.
„Also bevor ich nackt in einen brodelnden Kessel steige, solltet ihr noch einmal ganz genau erklären, wie das hier funktionieren soll.“
James konnte das siegesgewisse Grinsen nicht unterdrücken, als er zu erklären anfing: „Es ist im Grunde ganz simpel. Du steigst in den Ton und tauchst ganz unter. Wenn du wieder herauskommst, nimmst du den Ton mit, der deine Form kennt, du wirst die Luft anhalten müssen, aber nur ganz kurz, zumindest, wenn wir den Ton richtig angemischt haben.“
„Und wenn nicht?“, unterbrach ihn Remus erschrocken.
„Kein Ding, für den Fall haben wir ja das Wasser“, beruhigte ihn Sirius und deutete auf mehrere Eimer, die an der hinteren Wand standen.
„Aber wir haben den Ton richtig angemischt, da bin ich mir sicher“, unterbrach James, ungeduldig, mit seiner Erklärung fortzufahren. „Er wird nur ganz kurz an dir haften und dann abfließen, um einen Kelch zu bilden. In den Kelch füllen wir dann den restlichen Ton und lassen das Ganze einen Monat stehen. Du musst bei der Sache übrigens nicht nackt sein, die Unterhose kannst du anbehalten, ist wahrscheinlich auch besser so, so wird der Golem nämlich auch gleich eine anhaben. Doch ein am Körper festgewachsener Umhang wäre auffällig und Problematisch, wenn der Golem an deiner Stelle ins Bett gehen muss, oder so. Duschen kann der Golem sowieso nicht, aber das sollte kein Problem sein: Ich glaube nicht, dass jemand auf die Idee kommt, dass du ein Werwolf bist, nur weil du dir zu Vollmond nie die Zähne putzt.“
„Komm zum Punkt, James! Wie soll dieser Haufen Ton ich sein?“, drängte Remus.
„Das funktioniert über eine Papierrolle in seinem Kopf. Der Golem wird genau so aussehen wie du, wir werden ihm deine Klamotten anziehen und ihm deine Hausaufgaben und ein paar Zettel mit Anweisungen in den Kopf stopfen. So wird er im Unterricht Fragen beantworten können, sogar ein paar Zauber wirken und so reden wie du. OK, es wird nicht perfekt sein, aber wir werden den Golem keinen Moment allein lassen und dann sollte das schon klappen.“ Unerwarteter Stolz durchfuhr James, als er seine Erklärung beendete, doch Remus schien nicht begeistert zu sein.
„Ich glaube nicht, dass eine Tonpuppe mich so gut nachahmen kann, dass es keiner merkt.“
„Nein, natürlich nicht, du bist ein unverwechselbares Individuum, das sich so viele enge Freunde gemacht hat, dass es schmerzlich vermisst wird, wenn es auch nur einen Funken Charme einbüßen muss“, erinnerte Sirius theatralisch.
„Und das war jetzt sowas von nicht geschwollen!“, stichelte Peter herablassend.
„Das war Absicht!“, konterte Sirius.
„Wieso bin ich nochmal mit euch befreundet?“, fragte Remus James, während der Wortwechsel zwischen Sirius und Peter weiterging.
„Weil du keine andere Wahl hast“, antwortete James grinsend. Remus beugte sich über den Kessel und beobachtete die grau-braune Brühe, dann zog er sich den Umhang über den Kopf und meinte: „Beruhigend, ich dachte schon, es wäre meine Schuld.“
* * *
Severus stand auf der Galerie im dritten Stock, die auf die Eingangshalle hinausging und beobachtete die wenigen Schüler, die sich in dicken Mänteln, mit Schals und Handschuhen anschickten, es mit dem Dezemberwetter aufzunehmen. Die sechs Stockwerke hohe Eingangshalle wurde von vier Reihen Säulen gehalten. Die Reihen begannen an der Vorderfassade und liefen bis zu der Wand mit den Stundengläsern, die den Punktestand der Häuser anzeigten. Severus war die Symmetrie bereits im ersten Schuljahr aufgefallen. Die Punktegläser bildeten eine Art Achse, zwischen den Säulen auf der einen Seite und den Tischen der Schüler auf der anderen. Natürlich, das Wort „Säule“ war eine Metapher, aber verstanden Steine Metaphern? Die Eingangshalle, mit den vielen Türen und Treppen, die in jeden anderen Teil des Schlosses führten und die Große Halle, als Speisesaal und Treffpunkt der gesamten Schule, bildeten zusammen das Herz von Hogwarts. Hier passierte all das, was die ganze Schule betraf. Doch im Grunde war es zu banal, Steine, Macht und Menschen schön sauber aufgereiht, es war noch nicht einmal besonders raffiniert. Außerdem brachte es ihn nicht weiter, selbst wenn dieser Hauptbereich des Schlosses ein Symbol der Säulen war, es war nur das: ein Symbol. Keine der Säulenreihen hatte Kratzer oder andere Schäden, die Punktegläser waren alle gleich und unbeschädigt. OK, auf der anderen Seite der Wand saßen je nachdem mehr oder weniger kranke Leute, aber auch das konnte nicht als eine Beschädigung gewertet werden. Die Magie, die Energie, die wahren Säulen konnte man wahrscheinlich nicht sehen, aber vielleicht konnte man sie messen? Vielleicht gab es eine Möglichkeit, die Säulen abzubilden. Magie war auch nur eine Kraft, wie die Erdanziehung und die konnte man an Dingen wie Gewicht erkennen. Severus warf sich den Ranzen auf den Rücken und machte sich gedankenverloren auf den Weg zur Bibliothek.
„Also wirklich, Snape, das ist ja ekelhaft, schon einmal etwas von Taschentüchern gehört?“
Aus einem Reflex heraus fuhr sich Severus mit dem Ärmel über die Nase, noch bevor er erkannte, von wem der Spruch kam. Jaqueline quiekte halb angewidert halb lachend.
„Hab ich doch gesagt! Es ist ein Reflex. Bei dem Zinken muss er immer befürchten, dass da Stalaktiten heraushängen“, lachte Black. Severus blinzelte verwirrt. Irgendwie war ihm klar, dass er wütend werden sollte, doch das passierte nicht. Sein Kopf war noch so sehr mit den Überlegungen über die vier Säulen von Hogwarts beschäftigt, dass er fast gefragt hätte, was Black damit meinen würde. Doch im letzten Moment wurde ihm bewusst, dass das die absolut falsche Reaktion wäre. Er war nicht wütend und daher nicht schlagfertig, außerdem war der Witz so nüchtern betrachtet wirklich nur dumm. Oder vielleicht redete er es sich das ein, weil ihm keine Erwiderung einfiel. In Ermangelung einer Alternative drehte sich Severus um und ging einfach weiter. Er muss jedoch schneller gegangen sein als beabsichtigt, denn Potters Stimme klang schon ganz weit weg, als er ihm nachrief: „Flennst du jetzt etwa? Das war doch nicht böse gemeint, Schniefelus.“ Jaqueline und Black brachen in Gelächter aus.
Severus wunderte sich selbst, doch er drehte sich nicht um. Es war merkwĂĽrdig, Longbottom hatte er wegen weniger angefahren und er wusste, dass er auch gegen Potter ankommen wĂĽrde, er hatte keine Angst, oder so etwas. Doch diesmal war ihm der Spott egal.
Sarina saß ganz allein an dem großen Tisch direkt bei Madam Pince. Eigentlich war das der Straftisch für Schüler, die mit Schokoladenfingern in der Bibliothek erwischt worden sind. Doch vor Sarina stapelten sich uralte Kladden und ziegelsteindicke Wörterbücher, während Madam Pince sie keineswegs misstrauisch sondern eher interessiert beobachtete und immer wieder in dem Teil der Bibliothek verschwand, in dem die besonders alten und wertvollen Bücher aufbewahrt wurden, um Sarina einen weiteren in Leder gebundenen Band zu bringen.
„Bleib weg!“, zischte Madam Pince als Severus sich Sarina näherte.
„Ich bin sauber“, erklärte sich Severus schnell und hob die Hände, um es zu demonstrieren. Madam Pince huschte wie ein gigantischer Geier herbei und ergriff seine Handgelenke. Von oben herab musterte sie seine Finger durch ihre dicken Brillengläser von allen Seiten.
„In Ordnung“, erklärte sie nach Minuten der Musterung, „aber blättere ganz langsam und vorsichtig. Ich habe dich im Auge!“
„Was ist das alles?“, fragte Severus flüsternd, während er sich neben Sarina setzte.
„Alte Magie“, flüsterte Sarina, „zumindest der ungefährliche Teil davon.“
Sie hob einen dicken Wälzer und holte ein Notizheft hervor, das sie Severus in die Hand drückte. Er blätterte die mit einer winzigen, engen Schrift beschriebenen Blätter durch, bis ihm mehrere ungewöhnlich kurze Zeilen auffielen:
Gryffindor = Merliner
Ravenclaw = Collector
Slytherin = Wahrer
Hufflepuff = Adepten
Da Madam Pince gerade eine Gruppe von Drittklässlern mit einem scharfen Psssst angefahren hatte, stieß Severus Sarina nur leicht an und deutete auf die Zeilen. Sarina erhob sich etwas von ihrem Stuhl, um den Tisch zu überblicken, griff nach einem Ziegelstein in blauem Einband, der am anderen Ende des Tisches lag und reichte ihn Severus. Auf dem Deckel war ein kurzer Titel eingeprägt, Severus erkannte die Schrift als kyrillisch und ganz kurz hatte er das Gefühl, Sarina würde ihn veralbern. Er öffnete den Mund um ihr dafür einen ironischen Kommentar zu liefern, doch sein Kopf war schneller: Sarina scherzte nicht - wenn sie ihm dieses Buch zur Erklärung anbot, hatte sie auch eine Möglichkeit, es zu lesen.
„Ich kann kein Russisch“, stellte er sachlich fest.
„Es ist Portugiesisch“, erwiderte Sarina und reichte ihm eine kleine Flasche und einen Teelöffel.
„Nicht über den Büchern!“, zischte Madam Pince.
Severus betrachtete das Etikett, es zeigte die Karikatur eines Fisches mit einem schiefen Turm auf dem Kopf. „Babelfischessenz“ stand in geschwungenen Buchstaben darunter.
„Mittel zur kurzfristigen Erlangung von Fremdsprachenkenntnissen. Zuverlässigkeit nicht garantiert. Für Kinder unzugänglich aufbewahren. Bei übermäßigem Konsum kann es zu verbalem Durchfall kommen.“
Severus drehte den Verschluss auf, goss etwas von der grün-braunen Flüssigkeit auf den Löffel und überlegte, was gefährlicher war: Zaubertränke, die von Zweitklässlern wie ihm zubereitet worden waren, oder solche, die vor Kindern versteckt werden sollten.
Dann steckte er sich den Löffel in den Mund. Die Babelfischessenz schmeckte nach Lebertran und Hering, doch sie wirkte erstaunlich schnell. Kaum hatte Severus die Augen nach dem Verziehen des Gesichts wieder geöffnet, las er „Zauberschulen“ auf dem blauen Einband.
Er schlug das Buch auf und war erstaunt, wie viele Einträge er fand, doch dann verstand er, dass hier keineswegs Schulen im Sinne von Hogwarts gemeint waren. Es handelte sich um ein Lexikon von alten Zauberervereinigungen, sozusagen ihren Philosophien. Severus schlug unter Adepten nach und las:
Die kleinste bekannte Gruppierung, wobei die tatsächliche Anzahl der Anhänger nicht bestimmt werden konnte. Regional beschränkt auf Irland, Wales, Schottland, Island, Norwegen, sowie Teile Preußens und des Köngigreichs Polen. Zentrale Überzeugung ist die Nicht-Fassbarkeit der Magie. Einzelgängerische Lebensweise. Eingang in die Muggelmythologie als Druiden und Hexen. Bekannteste Anhänger: Cassandra, Lena Babajaga, Helga Hufflepuff.
Es schloss sich eine sehr lange und umfassende Beschreibung an, doch Severus übersprang sie und suchte nach den anderen von Sarina rausgeschriebenen Schulen. Die Merliner stellten sich als Kriegerorden heraus, die Magie als Waffe gegen das Böse sahen, die Collector waren Bibliothekare und Schreiber, während die Wahrer als verschiedene Geheimbünde in die Muggelgeschichte eingegangen waren. Die Werte der vier Häuser so deutlich in den Werten und Überzeugungen dieser Schulen zu finden, die eine mehr als 5000jährige Geschichte hatten, veränderte die Dimensionen. Bisher hatte Severus gedacht, die Säulen würden auf der Macht der vier Gründer beruhen, weil sie der Ursprung der vier Häuser waren. Doch das waren sie eben nicht, sie waren nur der Wendepunkt einer viel längeren Linie. Als die Gründer den vier Magieschulen einen Sitz gaben, einen magischen Ort, floss die Magie, die bisher wie ein Nomade ihren Anhängern gefolgt war, an diesem Ort zusammen und bildete einen größeren Strom, eine Säule.
„Na? Zum Trotteltisch verdonnert, weil du dir die Nase an einem Buch abgewischt hast?“, zischte es hinter Severus und er zuckte zusammen. Jaquelline kicherte, während Potter mit einem breiten Grinsen auf Severus' Erwiderung zu warten schien. Doch Severus fiel nichts ein. Es ärgerte ihn, dass ihm nichts einfiel, Potters Beleidigung ärgerte ihn nicht, was ihn wieder verwirrte und erst recht dazu führte, dass er nur schweigen konnte. Aber vielleicht musste er überhaupt nichts sagen ...
Severus drehte sich schweigend von James weg und lehnte sich wieder ĂĽber Sarinas Notizen. Jetzt war es an James, verwirrt zu sein.
„Bei Merlins Bart, habe ich dich etwa sprachlos gemacht?“, fragte Potter in gespielter Sorge und trat hinter Severus. „Oder sind die Hausaufgaben so ...“
„Weg da!“, kreischte Madam Pince und Potter sprang zurück.
„Nicht mehr als zwei Schüler an den antiquarischen Bänden. Außerdem bist du ja nass! Wie kannst du es wagen, mit nasser Kleidung in die Bibliothek zu kommen?“ Madam Pince ergriff Potter am Ärmel auf dem zwei Regentropfen lagen und zerrte ihn zum Ausgang. Severus sah ihm grinsend nach.
Als er wieder nach den Notizen griff, bemerkte er, dass Sarina ihn lächelnd beobachtete.
„Ich habe doch nichts gemacht“, rechtfertigte sich Severus unsicher, was Sarinas Lächeln noch breiter machte.
„Eben“, sagte sie mysteriös und versank wieder in einem dicken Wälzer.
In den letzten Monaten war ihm Sarina immer unheimlicher geworden. Anfangs war ihre Freundschaft eine Zweckgemeinschaft, sie hockten oft nächtelang gemeinsam im Gemeinschaftsraum und Sarina war keiner der Menschen, die Severus nicht ertrug. Ganz im Gegenteil, sie war angenehm. OK, sie war ein Mädchen, das auf gewisse Dinge eben emotional reagierte, aber an ihr hatte Severus gelernt, dass der Mensch die tatsächlichen Gefühle nur sehr kurz empfand. Man war nur eine Minute lang traurig, oder nur wenige Sekunden überrascht, danach verlängerten die Menschen das Gefühl durch ihr Verhalten, um zu demonstrieren, dass es echt war. Sarina hatte diese Angewohnheit nicht, sie wurde kurz traurig, wenn sie an etwas Trauriges dachte und sobald sie wieder abgelenkt war, war sie wieder normal, ohne das schlechte Gewissen, es dem Grund für den Traueranfall schuldig zu sein, länger traurig zu bleiben. Auch konnte man sie nicht überraschen oder schockieren, was auch immer man ihr erzählte sie schwieg einen Augenblick und dachte nach und dann war das Ungewöhnlichste bereits in ihr Weltbild eingebaut und völlig normal. Doch nicht nur er hatte an ihr gelernt, wie Menschen und ihre Reaktionen funktionierten, sie hatte an ihnen allen gelernt und da sie inzwischen eingesehen hatte, dass sie völlig normal empfand und dachte, es nur anders zeigte, als die Welt um sie herum, entwickelte sie eine Art von Hellsicht, die Severus gar nicht passte. Es gab so viele Dinge, über die er nicht reden wollte, Sarina tat ihm den Gefallen und sprach sie nicht an, doch das machte es in gewissen Fällen noch schlimmer, denn es gab auch Dinge, von denen wollte Severus nicht einmal, dass sie jemand wusste. Und da Sarina seinen Wunsch, gewisse Themen nicht anzuschneiden, akzeptierte, erfuhr Severus auch nicht, ob sie gewisse Themen überhaupt kannte. Severus lehnte sich zurück und vergrub sein Gesicht in den Händen. Etwas lief furchtbar schief. Nein, ganz viele Dinge liefen furchtbar schief.
* * *
Irgendetwas lief schief, doch Lily konnte noch nicht ganz sagen, was und wieso. Sie war vom Ehrgeiz ihrer Freunde und ihrem Interesse sehr begeistert. Das Rätsel um die Säulen von Hogwarts entpuppte sich zwar sehr bald als dröge Recherche in uralten Büchern doch Sarina und Severus blühten bei dieser Arbeit geradezu auf. Camille und Kingsley hatten sich auf alte Karten und Pläne des Schlosses spezialisiert und entwickelten ein richtig gutes Gespür für das Schloss und seinen Schmuck. Naomi und Alice übernahmen die Organisation und den Informationsaustausch, außerdem schmuggelten sie Butterbrote in die Bibliothek und standen Schmiere, während Kingsley verschlossene Türen aufbrach. Doch Lily fand sich in einer Position wieder, die sie nicht hatte haben wollen. Wenn sie in die Bibliothek kam, wurde sie mit Notizen und Berichten überhäuft, und wenn sie nach einem Buch greifen wollte, um bei der Recherche zu helfen, wurde sie mit der Aussage: „Das machen wir schon“ weggeschickt.
Bei Camille bekam sie sogar schroffere Abfuhren, die meistens darauf hinausliefen, dass sie als brave Gryffindor es nicht riskieren sollte, erwischt zu werden. Alice und Naomi hingegen kamen dauernd auf sie zu, doch nicht um sie um Hilfe zu bitten, sondern um ihr Papierbündel zu überreichen und Zusammenfassung davon abzugeben, was sie dazu gebracht hatte, die Notizen so und nicht anders zu ordnen. Es war nicht so, dass es keine Arbeit gewesen wäre, die unendlichen Zusammenfassungen aus der Bibliothek und die Notizen und Fotos aus den Fluren und Kellern des Schlosses zu sichten und zu einem ganzen Bild zusammen zu setzen. Aber Lily hatte das Gefühl, dass ihr dadurch ein Privileg zuteil wurde, das sie nicht verdiente, sie sollten diese Auswertung zusammen machen, doch außer ihr sah das keiner so.
„Du bist diejenige mit den prophetischen Träumen. Die Lösung liegt in den Bildern, die das Schloss dir geschickt hat, nur du kannst diese Botschaft in diesem Chaos aus Informationen wiederfinden, also tue es auch“, erklärte ihr Alice eines Abends, als sie über dem inzwischen gewaltigem Berg aus Informationen saßen.
„Ich habe das Gefühl, dass ihr inzwischen mehr über die Säulen von Hogwarts wisst als ich“, widersprach ihr Lily. Alice legte einige Zettel zusammen und hexte ihnen einen blauen Rand an. Dann sah sie auf und bedachte Lily mit einem Blick der sie fast erstarren ließ. In den letzten Wochen hatte Lily Gelegenheit gehabt, Alice etwas näher kennenzulernen, doch wie sehr sie sich auch aus dieser Bekanntschaft Klarheit über Severus erhofft hatte, sie hatte nur noch mehr Rätsel über Alice bekommen. Wenn Alice mit höchster Konzentration, Sorgfalt und Zielstrebigkeit Informationen, Quellen und Bilder sortierte, dann verstand Lily, wieso Severus sie mochte. Doch wenn sie kichernd und in kindlicher Sprache Blödsinn erzählend mit ihren Freundinnen durch die Flure hüpfte, fragte sich Lily, wie Severus sie ertrug. Und dann waren da diese Momente, in denen Alice dunkel wurde. Lily konnte es nicht anders beschreiben, Alice war ein süßes Mädchen, nicht das, was Lily als hübsch bezeichnet hätte, sie hatte eher den Reiz eines Hundebabys. Und in ihrem Verhalten war sie immer lieb und freundlich. Doch sie konnte sich von einem Moment zum anderen verändern, eben dunkel werden. Sie wurde nicht patzig oder gemein, nein, sie sah einen dann an und sagte etwas und man gehorchte. Selbst Severus gehorchte, ohne einen einzigen dummen Spruch. Der Blick, mit dem Alice Lily jetzt musterte, gehörte in die Kategorie „dunkel“. Er ließ Lily innehalten und sie fühlte sich plötzlich vollkommen unsicher.
„Du weist nicht, was du alles kannst“, sagte Alice dann und das Dunkle verschwand wieder und Lily sah in ein rundes, fröhliches Gesicht. Alice' Worte waren keine Frage, nur eine Feststellung, was Lily verwirrte.
„Hat Severus dir irgendetwas erzählt? Ich meine, über mich?“
„Natürlich, er erzählt mir alles. Aber ich werde dir nicht erzählen, was er mir erzählt hat. Hat damit hier auch gar nichts zu tun. Du musst mir einfach glauben, dass diese Aufgabe wirklich die beste für dich ist. Wir liefern die Puzzelstücke und du musst sie zusammensetzen.“
„Es fällt mir schwer, mich auf dieses Rätsel zu konzentrieren, wenn meine Freunde mir andauernd neue auferlegen.“
„Oh, ich bin nicht deine Freundin. Und es gibt auch kein anderes Rätsel, nur Dinge, über die wir nicht reden.“ Lily blieb der Mund offen stehen. Alice schob Lily drei weitere Papierstapel hin und stand auf.
„Ich muss los, sonst komme ich nicht mehr vor der großen Abends-aufs-Klo-geh-Zeit in den Gemeinschaftsraum. Wir sehen uns dann morgen!“
* * *
„Das Herz von Hogwarts?“ James versuchte flüsternd zu schreien. „Und das findest du zwei Tage vor den Weihnachtsferien? Auf dem Buch ist ein Mosaik, das hätte uns früher auffallen sollen!“
„Ja, es wäre uns auch aufgefallen, wenn wir nicht nur das ganze Schloss, sondern auch alle 60 Billiarden Bücher in der Bibliothek durchgesucht hätten“, kommentierte Remus sarkastisch und nahm Peter das Buch aus der Hand.
„Es war ein glücklicher Zufall. Der Mooskopf hat von Slughorn eine Sondererlaubnis, um in den ganz alten Büchern zu recherchieren, da ist mir der Einband aufgefallen. Und dann habe ich einfach zugegriffen als keiner hinsah.“
„James? Hast du überhaupt mal in das Buch hineingesehen?“ Remus gelang es nicht zu flüstern. Er sprach in seiner üblichen ironischen Tonlage nur deutlich leiser.
„Natürlich nicht, ich habe es ja eben erst gesehen.“
Remus stöhnte und verdrehte die Augen.
„Wie oft muss ich mich eigentlich noch wiederholen? Zuerst denken, dann aufregen, oder noch besser: nur denken.“ Remus schlug die erste Seite des Buches auf und hielt es James vor die Nase. „Mein Gälisch ist zwar nicht sehr gut, aber dem Zettel der hier drin liegt zufolge, ist das ein Märchenbuch der Muggel.“
James griff nach dem Zettel, der das Siegel der Bibliothek von Hogwarts trug und las.
„Wie kann ein Muggel von Hogwarts wissen?“, fragte er verwirrt.
„Muggel können Hogwarts zwar nicht erreichen, aber sie können trotzdem davon hören, vor allem damals, das Buch ist fast tausend Jahre alt.“
„Wenn es ein Muggel-Märchen ist, wieso ist es dann hier? Ich meine, wieso sollte die Bibliothek von Hogwarts ein Buch aufbewahren in dem nur Märchen stehen?“, fragte Peter.
„Ich weiß es nicht, vielleicht aus Spaß, damit man nachlesen kann, was Muggel über Hogwarts gedacht haben.“
„Auch in Märchen steckt etwas Wahrheit“, sagte Sirius nachdenklich und blätterte vorsichtig durch das Buch. „Dass es Märchen sind, würde ich nicht als Problem ansehen, eher dass es Gälisch ist, aber der Mooskopf und Schniefelus sitzen seit Tagen in diesen alten Schinken, es gibt also eine Möglichkeit, sie zu lesen, und das ohne den Grad unheimlich toller Zauberer in Sprachen der Zauberkünste.“
Ein Aufruhr unterbrach Sirius' Ăśberlegungen.
„Sie suchen das Buch“, flüsterte Peter und wurde blass.
„Wenn Pince merkt, dass wir es geklaut haben, wird sie uns zerreißen und sie wird es herausfinden, wenn das Buch nicht sofort auftaucht“, erklärte Remus. James grinste nur.
„Kein Thema“, beruhigte er seine Freunde und zog den Tarnumhang aus dem Ranzen.
Wenige Minuten später fand Madam Pince Das Herz von Hogwars unter dem Regal hinter Snape und verdonnerte ihn zu drei Stunden staubwischen.
„Ist ja nicht so, als ob er es nicht verdient hätte“, grinste James und drehte sich von Madam Pince weg, die Snape und Sarina immer noch ankeifte.
„Wir klauen das Buch am Abend vor den Weihnachtsferien, oder genauer, ich klaue es. Allein ist es sicherer und die antiquarische Sammlung ist ja nur mit ein paar Schlössern gesichert. Über die Ferien sollte nicht auffallen, dass das Buch fehlt und wenn, ist es eh egal, wir sind ja nicht hier.“
„Ich schon“, widersprach Peter. „Mein Dad ist über Weihnachten in China, da kann ich auch gleich hier bleiben und auf den Golem aufpassen.“
„Dann halte den Kopf unten“, warnte Sirius. „Meide die Bibliothek vielleicht ganz.“
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