
von Dracodormiens
21. Anstrengende Suche
An den nächsten beiden Tagen verkürzten sie ihre Ruderpartien etwas, denn alle hatten schrecklichen Muskelkater, gegen den nicht einmal Draco etwas ausrichten konnte. Trotz magischer Hilfe waren ihre Ausflüge anstrengend, und ebensowenig erfolgreich wie beim ersten Versuch. Am dritten Tag hatten sich die Schmerzen jedoch etwas gegeben. Nach dem Frühstück schoben sie wie immer das Boot ins Wasser. Das Einsteigen klappte jetzt schon etwas eleganter als am Anfang, und auch was das Rudern betraf, war Sinead mit ihren Schülern zufrieden. Draco lenkte das Boot auf den Kanal hinaus. Hermine studierte die Seekarte. „Wollen wir es noch einmal bei den Untiefen versuchen?“ fragte Blaise. „Die scheinen mir nach wie vor am vielversprechendsten zu sein.“ Draco änderte geringfügig den Kurs und steuerte das Boot zu den Felsen. Die anderen probierten wieder einmal, mit Hilfe von Detektionszaubern die Insel aufzufinden, die nicht nur unsichtbar, sondern auch unspürbar sein musste. Sonst hätten sie schon längst mit dem Boot dagegenstoßen müssen, denn sie hatten sicher jeden Quadratmeter des Kanals mehrfach befahren, wie Ron ungeduldig schimpfend meinte. Blaise murmelte Beschwörungen vor sich hin.
Plötzlich schrie Draco warnend auf und zeigte nach hinten. Erschrocken drehten sich alle um. In diesem Moment hob sich das Boot unerwartet auf einer großen Welle. Luna verlor das Gleichgewicht und fiel mit einem Aufschrei über Bord. Die Freunde stürzten auf die Seite des Bootes, wo sie verschwunden war, doch Sinead schrie: „Nicht alle auf eine Seite, sonst kentern wir noch!“ Sie sah sich suchend um. In diesem Augenblick tauchte Luna schräg hinter dem Boot wieder auf. Sie versuchte, möglichst nicht den scharfkantigen Felsen zu nahe zu kommen, und schwamm auf das Boot zu. Sinead zog ihr T-Shirt über den Kopf, sprang kurzerhand ins Wasser und half ihr hinein, bevor sie sich selbst wieder an Bord zog.
„Puh, das hätte auch schiefgehen können!“ seufzte sie und ließ sich neben Blaise auf die Bank fallen, während Draco das Boot wieder in ruhigeres Wasser lenkte und Hermine Lunas Kleider und Sineads Bikini mit einem Zauberspruch trocknete. „Wo kam denn diese Riesenwelle plötzlich her?!“
Blaise sah nachdenklich auf die Felsen. „Wenn ich bloß wüsste, welchen Zauberspruch ich in dem Moment gerade benutzt hatte, und wo!“ Er dachte angestrengt nach. Dann hob er den Zauberstab. „Festhalten!“ forderte er die anderen auf und murmelte eine Beschwörung. Wieder erhob sich eine große Welle zwischen den Felsen und Untiefen. Zufrieden strahlte er. „Da das kein Wellenzauber oder sowas ist, muss es wohl etwas mit der Insel zu tun haben...“ Ron sprang aufgeregt auf. Das Boot schwankte, und beinahe wäre er auch noch ins Wasser gefallen. Hastig setzte er sich wieder hin.
„Ja, das muss einer der Abwehrzauber sein, die auf der Insel liegen.“ überlegte Hermine aufgeregt. „Wir sind also an der richtigen Stelle!“ freute Sinead sich.
Ron grummelte ein wenig verlegen vor sich hin. „Ohne meine Seekrankheit hätten wir das auch schon früher finden können...“
„Naja, was heißt finden“, bremste Blaise ihn. „Wir sind noch weit davon entfernt, die Insel wirklich enttarnt zu haben, wir wissen nur ungefähr, wo sie ist. Wirklich schade, dass Kreacher darüber nichts wusste...“
Vorsichtig fuhren sie wieder näher an die Felsengruppe heran. Doch an dem Felsen, der der Ursprung der Welle gewesen zu sein schien, war weder mit bloßem Auge noch mit Magie irgendetwas Auffälliges zu entdecken. Außer, dass auf einen bestimmten Zauberspruch hin eben diese Welle auftauchte.
Schließlich gaben sie vorläufig auf, und Blaise und Luna ruderten das Boot zurück.
Als sie diesmal wieder an den Strand zurückkamen, stand dort der alte Mann, von dem sie das Ruderboot gemietet hatten. „Wollt ihr die Ausleihdauer noch verlängern?“ fragte er. „Dann müsst ihr wieder im voraus bezahlen.“ „Ja, unbedingt.“ sagte Blaise. Hermine rannte zum Zelt, um ihren Geldbeutel zu holen. „Was macht ihr da draußen eigentlich den ganzen Tag?“ fragte der Bootsverleiher neugierig. „Ihr solltet nicht zu nah an die Felsen da heranfahren, das ist gefährlich.“ „Ach, wir rudern nur so ein bisschen herum...“ sagte Ron unsicher, während Luna gleichzeitig fröhlich drauflosplapperte: „Wissen Sie, wir suchen nach Meerjungfrauen und Seeschlangen...“ Draco, Sinead und Blaise tauschten einen Blick und seufzten. Blaise holte hinter Lunas Rücken seinen Zauberstab aus der Tasche und richtete ihn unauffällig auf den alten Mann. „Obliviate!“ Sofort wurden dessen Augen glasig. „Mr. Cussler?“ fragte Ron vorsichtig.
In diesem Moment kam Hermine zurück. „Oje, hat er angefangen, neugierige Fragen zu stellen? Wir hätten wirklich daran denken sollen, dass es auffällt, wenn wir jeden Tag einfach so da herumrudern, besonders in der Nähe der Klippen!“ Sie öffnete ihren Geldbeutel. „Mr. Cussler? Das reicht doch für noch eine Woche, oder?“ Der Bootsverleiher nahm geistesabwesend die Scheine entgegen, die sie ihm reichte. „Verleihen Sie auch Angeln, Mr. Cussler?“ fragte Sinead. Hermine warf ihr einen anerkennenden Blick zu. Das war eine gute Idee, sich als Angler zu tarnen. Langsam wurden die Augen des alten Mannes wieder klarer. Es war nur ein schwacher Vergessenszauber gewesen, mit dem Blaise ihn belegt hatte. „Ja, Angeln habe ich auch. Aber dann müsst ihr nachts rausfahren, dann beißen sie besser.“ Er drehte sich um und ging zu der kleinen Hütte mit dem Schild „Clive Cusslers Bootsverleih“ hinüber. Die sechs Freunde folgten ihm und suchten sich jeder eine Angel aus. Auch Köder verkaufte er ihnen.
„Also, nicht vergessen, nachts beißen sie besser.“ wiederholte er, als sie sich verabschiedeten. Misstrauisch betrachtete Draco die Angel in seiner Hand. „Also, ich werde damit definitiv keinen einzigen Fisch fangen!“ Hermine grinste. „Ist ja nur Tarnung...“ „Wollen wir nicht wirklich heute nacht noch mal rausfahren?“ fragte Luna und sah verträumt in die sich im Waser spiegelnden roten Strahlen der sinkenden Sonne. Sinead folgte ihrem Blick. Plötzlich blinzelte sie erstaunt. „Was ist los?“ fragte Blaise. „Ach, nichts...“ meinte sie zögernd. „Ich hab schon Halluzinationen, gerade dachte ich, ich hätte die Insel gesehen.“ Sie lachte verlegen. Die anderen starrten ebenfalls in Richtung der Felsen, aber sie sahen nichts als Klippen und Schaumkronen. „Nee, da ist leider nichts zu sehen...“ Hermine wandte sich als letzte zum Gehen, da ruckte ihr Kopf noch einmal herum. Aus dem Augenwinkel hatte sie doch gerade... nein, es waren doch nur Felsen. Kopfschüttelnd machte sie sich auf den Weg zu den Zelten. Das fehlte noch, dass sie jetzt schon Wahnvorstellungen bekamen...
Blaise entzündete ein Lagerfeuer, und die sechs ließen sich vor den Zelten in den Sand fallen. Draco streckte sich lang aus und legte den Kopf in Hermines Schoß. Ein wenig geistesabwesend zerwuschelte sie seine Haare. „He, meine Frisur!“ maulte er empört. Die anderen grinsten. Hermine strich seine Haare wieder glatt und lehnte sich zurück. „Lunas Idee war gar nicht schlecht, wir sollten vielleicht wirklich heute nacht nochmal rausfahren“, sagte sie. Erstaunt sahen die anderen sie an. „Warum?“ Sie zuckte die Schultern. „Naja, weil das eine Sache ist, die wir noch nicht ausprobiert haben. Vielleicht gibt es ja Zauber, die nur tagsüber wirken, oder so...“ Ganz überzeugt war sie selbst nicht von ihrer Begründung, von solchen Zaubern hatte sie noch nie etwas gehört. Aber Sinead sprang ihr bei. „Ja, warum eigentlich nicht? Wenn schon nichts anderes, dann ist es eben ein romantischer Mondscheinausflug...“
„Ja, ein romantischer Ausflug mit zwei Pärchen und zwei Singles“, bemerkte Ron trocken. Doch als Hermine wieder einmal schuldbewusst zu ihm hinübersah, lächelte er und zwinkerte ihr zu. Sie seufzte in Gedanken erleichtert auf. Anscheinend fing Ron langsam an, es zu akzeptieren...
Draco rollte sich widerwillig von Hermines Schoß herunter und richtete sich auf. „Mir ist da gerade was eingefallen...“ Nachdenklich starrte er in die Flammen und rieb sich mit der Hand über die Stirn. Die anderen beobachteten ihn gespannt. „Ich hab tatsächlich mal etwas von Zaubern gehört, die man nur nachts aufheben kann“, sagte er langsam. „Da war auch noch irgendetwas mit dem Mond...“ Er versuchte sich zu erinnern, zuckte dann aber die Schultern. „Tut mir leid, das ist alles, was mir im Moment einfällt.“ Luna sah zum Himmel. „Vollmond haben wir erst übermorgen. Probieren wir es trotzdem schon heute?“ Unschlüssig schauten die sechs sich an. Dann schüttelte Hermine den Kopf. „Das hat wahrscheinlich wenig Sinn. Wir sollten bis zum Vollmond warten.“ „Hoffentlich war es nicht bei Neumond...“ grübelte Draco mit gerunzelter Stirn. „Verflixt, wenn ich mich bloß besser erinnern könnte, wo ich davon gehört oder gelesen habe....“
„Schlaf eine Nacht drüber“, schlug Hermine vor. „Es bringt doch nichts, wenn man Erinnerungen krampfhaft erzwingen will. Meistens tauchen sie dann auf, wenn du am wenigsten damit rechnest.“
„Warum war dein Vater eigentlich überhaupt bei eurem Haus?“ fragte Sinead plötzlich. „Das haben wir uns vor lauter Schreck und wegen der ganzen Horcruxsache noch gar nicht gefragt, oder?“
„Drüber nachgedacht hab ich.“ gab Draco zu. „Eigentlich ist es ja ziemlich dämlich von ihm... Andererseits rechnet das Ministerium bestimmt am wenigsten damit, dass er ausgerechnet nach Hause flieht - aber riskant ist es schon. Er muss wohl einen bestimmten Grund haben...“
„Vielleicht hat er gehofft, dich dort zu finden...“, meinte Blaise. „Dumbledore meinte doch, er wäre bestimmt auf der Suche nach dir.“ Draco zuckte die Schultern. „Kann sein. Aber hierher ist er uns sicher nicht gefolgt.“ „Dein Wort in Merlins Ohr“, seufzte Hermine und ließ den Kopf an seine Schulter sinken. Er legte den Arm um sie.
Ron zog seine Münze aus der Tasche. „Mal sehen, was es bei Harry und Ginny Neues gibt“, sagte er und begann, eine Nachricht zu verfassen.
Nach einigen Minuten sah er auf. „Im alten Haus von Harrys Eltern ist zwar das Obergeschoss zerstört, aber sie haben im alten Wohnzimmer ihr Lager aufgeschlagen. Dachten, im Pub wären sie zu auffällig. Neville, Dean und Seamus hatten schon eine ganze Menge Dinge von Gryffindor zusammengesammelt, sie sind jetzt dabei, die alle zu überprüfen. Bisher aber erfolglos.“ Plötzlich wurde auch Hermines Münze warm. Erstaunt zog sie sie hervor. Dann grinste sie. „Was ist?“ fragte Draco neugierig. „Ach, nichts...“ wich sie aus und rückte ein Stück zur Seite, während sie die Münze in der Hand verbarg und Ginnys Bericht darüber verfolgte, wie froh sie war, dass nicht mehr Ron als ihr Aufpasser dabei war.
„Ron hielt Harry ja für sehr viel gefährlicher als sämtliche Todesser zusammen.“ schrieb sie. „Zumindest für meine Unschuld. Fred sieht das zum Glück etwas lockerer... Todesser haben wir bisher noch keine zu Gesicht bekommen, und ihr?“
Hermine verneinte. „Aber wir befürchten ja, dass Lucius Malfoy hinter Draco her ist. Ich glaube zwar nicht, dass er uns findet, aber ich habe trotzdem Angst um Draco...“ gestand sie.
„Wie sollte er euch denn finden? Kopf hoch!“ versuchte Ginny sie aufzumuntern. „Ich wünsche euch noch viel Erfolg!!“
Hermine steckte die Münze wieder in die Tasche, nachdem sie Ginny ein letztes Mal geantwortet hatte.„Also, da wir heute nacht nicht mehr aufs Wasser wollen, gehe ich jetzt ins Bett“, gähnte sie und stand auf. Blaise, Sinead und Draco schlossen sich an, nur Luna und Ron blieben noch sitzen. „Ich schaue noch ein bisschen die Sterne an...“, sagte Luna verträumt. „Dann gute Nacht!“, meinte Hermine. Die vier verschwanden im Zelt.
Luna schaute Ron durchdringend an. „Du bist in Hermine verliebt.“ stellte sie fest. Es klang nicht wie eine Frage. Ron seufzte und grinste schief. „Das scheint jeder außer Hermine gemerkt zu haben. Aber ehrlich, ich versuche, mich für sie zu freuen... Ist nur nicht so einfach.“ Luna nickte verständnisvoll und schaute wieder in den Himmel. „Mars scheint hell heute nacht.“
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