
von Vistin
Spätsommer 1978
"Und jetzt hab ich die Spieldose doch nicht wiedergefunden."
Severus blickte überrascht von seinem Weinglas auf.
"Welche Spieldose?", fragte er Regulus, dessen Gesicht selbst im roten Licht der untergehenden Sonne erschreckend blass und farblos wirkte.
"Ich glaube, Sirius hat sie mir immer aufgezogen, als ich noch ein ganz kleines Kind war. Ich erinnere mich nur noch an diese Melodie und an Kinderhände, die den goldenen Schlüssel drehten." Regulus schloss die Augen und summte einen beschwingten Walzer.
"Vielleicht hat Mum sie irgendwann rausgeschmissen. Ich hab sie auf jeden Fall nie wirklich zu Gesicht bekommen. In der Zeit, an die ich mich erinnern kann, war sie nicht mehr da." Regulus' Blick war auf einen Punkt weit hinter der Hecke des kleinen, verwilderten Gartens gerichtet, und er sprach wie zu sich selbst, als er fortfuhr: "Ich war gerade drei oder so und Sirius fünf, da kam er in unser Zimmer gerannt, kippte den Koffer mit den Holzklötzen aus und begann seine Anziehsachen und Spielzeug reinzupacken; er schrie, er würde hier ausziehen und nie wiederkommen. Und dann hielt er plötzlich inne und schaute mich an, wie ich da völlig verschreckt auf dem Boden saß, und fragte völlig selbstverständlich, wieso ich nicht packen würde, ich müsse doch mitkommen." Regulus lachte bitter.
"Ich glaube, Sirius hat mich am Anfang noch richtig gemocht. Mit seinem ersten Besen hat er mich auch noch fliegen lassen. Ich bin direkt an die Hauswand geknallt und hab mir den Arm gebrochen. Ich weiß nicht mehr, ob der Besen es überlebt hat, aber an die Worte meiner Mutter, als ich tränenüberströmt zu ihr kam, erinnere ich mich noch genau. Weißt du, was sie gesagt hat?" Severus sparte sich eine Reaktion, denn Regulus beachtete ihn ohnehin nicht.
"Sie sagte: Dafür hab ich jetzt keine Zeit. War ja auch unverschämt von mir, mir an einem Dienstag den Arm zu brechen. Ich weiß noch genau, dass es ein Dienstag gewesen ist, denn sie war zu spät für den Wohltätige-Hexen-Dienstagstee, und der hätte ja nicht an einem Mittwoch stattfinden können." Ganz kurz flammte der Sarkasmus, der für Regulus so typisch war, auf, doch seine Stimme blieb kraftlos.
"Bei uns gab es zum Tee immer diese Gurkensandwiches, mit Sonnenblumenkernen und so einer süßlichen Remoulade. Ich hab die Dinger geliebt. Wenn Besuch da war, stand ich immer als braver Junge an der Seite meiner Mutter Spalier, nur in der Hoffnung, der Besuch würde mich niedlich finden und mir noch ein solches Sandwich anbieten. Ist das nicht krank? Im wohlhabendsten Zaubererhaus Englands hatten die beiden Erben der Familiendynastie nicht genug zu essen. Versteh mich nicht falsch, Süßigkeiten gab es massenhaft, Sirius hat sich gut drei Jahre nur von Schokofröschen ernährt. Der kann noch heute einen Ochsen fressen, ohne dass man es ihm ansieht. Mit Leckereien wurden wir vollgestopft, aber was richtige Mahlzeiten anging, da war mein Vater pedantisch. Gegessen wurde nur pünktlich um 7 Uhr, um 12:30 Uhr und um 19 Uhr. Um 17:15 Uhr gab es Tee, keine Minute später, keine früher. Natürlich durften wir nicht in die Küche, und die Hauselfen gehorchen mir heute noch nicht wirklich." Er schüttelte den Kopf, als ob er seine eigenen Worte nicht glauben konnte.
"Vater ist immer noch davon überzeugt, dass wir quasi im Paradis lebten. Idiot! Um sieben bist du als Kind noch nicht wach genug zum Essen, zum Mittagessen kamen wir meistens zu spät, weil unser Hauslehrer uns fast täglich wegen irgendeiner Kleinigkeit nachsitzen ließ, zum Tee durften wir Kinder selten ins Empfangszimmer, also gab es nur eine Tasse Tee und ein Sandwich auf die Hand. Und beim Abendessen waren fast immer Gäste, da durfte man nicht zu gierig erscheinen, sonst wurde man sofort nach oben geschickt, wo es dann nur noch Süßigkeiten gab. Seit ich sechs bin, kann ich Schokolade nicht mehr sehen!" Er machte ein würgendes Geräusch und nippte an seinem Glas. Von Severus, der ihn besorgt beobachtete, schien er immer noch keine Notiz zu nehmen.
"Sirius hat mir das immer übelgenommen. Wenn mit Essensentzug gedroht wurde, brach ich immer zusammen, ich konnte einfach nicht von Bohnen aller Geschmacksrichtungen leben; die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht süß waren, war immer noch zu gering. Er war mit der Zeit immer mehr davon überzeugt, dass ich gegen ihn war, da half es auch nicht mehr, ihm meinen Nachtisch abzutreten. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, zwei Brüder werden zu Feinden wegen Gurkensandwiches. Meine Eltern sind Genies, der Dunkle Lord sollte sich mehr um sie bemühen. Mit ihren Techniken würde er die Zauberergesellschaft im Handumdrehen entzweien, ohne den Zauberstab zu heben. Aber nein, meine Eltern bekommen kalte Füße. Die langjährige Freundin meiner Mutter aus dem Rosenverein hat es erwischt. Dolohow hat sie umgelegt, weil ihr Sohn zu den Auroren gegangen ist. Als ich letzte Woche beim Tee war, die Sandwiches haben ihre Wirkung nicht verloren, hat sie mich doch glatt mit den Worten 'Sei vorsichtig' verabschiedet. Die Situation muss im Moment echt beschissen sein, wenn selbst meine Mutter merkt, war abgeht. Tue es nicht, Sev!" Regulus blickte plötzlich auf, und seine Augen waren wach und aufmerksam auf Severus gerichtet. "Ich bin noch nicht weggetreten. Du weißt, dass ich mich in Okklumentik mit dir messen kann, ich will es aber nicht müssen. Ich habe Gründe, es dir nicht zu sagen, und zumindest du solltest mir vertrauen, wenn es sonst schon keiner tut."
Severus senkte den Blick. Er vertraute ihm ja, er machte sich nur Sorgen. Regulus hatte noch nie an Severus' Haustür geklingelt. Das hatte noch keiner getan. Severus hatte das Geräusch nicht sofort erkannt, so wenige Leute, die ihn besuchten, kannten die Funktionsweise einer elektrischen Türklingel.
"Lass uns was trinken, einfach nur so, und reden, wer weiß, ob wir noch mal dazu kommen“, hatte Regulus gesagt und eine Flasche Rotwein hervorgeholt, und jetzt saßen sie hier im Garten und Regulus erzählte über Gurkensandwiches. Das verunsicherte Severus außerordentlich, es machte ihm fast Angst. Diese für andere selbstverständliche und völlig normale Situation war für die Umstände, in denen sie lebten, so ungewöhnlich, dass sie bedrohlich wirkte.
"Was ist passiert, Regulus?" Severus hatte diese Frage an diesem Abend schon mehrmals gestellt und keine Antwort bekommen, und auch diesmal lächelte Regulus nur matt und bot ihm noch ein Glas Wein an.
"Richtig schlimm wurde es, als Sirius nach Hogwarts ging", erzählte Regulus weiter, ohne Severus’ fragend verwirrten Blick zu beachten. "Und dann wurde er auch noch nach Gryffindor gewählt. Generationen von Blacks waren treue Schüler Slytherins gewesen, und Sirius landet bei den Roten. Die Entscheidung des Hutes hatte mein Schicksal besiegelt. Diese vier Monate bis Weihnachten waren ein Horror: Mum scheuchte mich nur rum. Ein Mittagessen habe ich seitdem nicht mehr gesehen, denn ich wurde auf die Werte und Prinzipien Slytherins abgerichtet, den ganzen Tag. Aber ich hatte ja ein Ziel, das mir beim Durchhalten geholfen hat. Ich habe die ersten drei Türchen an meinem Adventskalender am ersten Dezember geöffnet und an die Eule verfüttert. So zählte ich die Tage bis Sirius’ Ankunft und nicht die bis Weihnachten. Und dann ist er einfach an mir vorbeigegangen, ohne ein Wort." Regulus leerte sein Glas in einem Zug und schenkte sich nach. Severus wunderte sich, wie eingefallen und knochig das sonst so runde, fast schon pausbäckige Gesicht seines Freundes wirkte. Regulus hatte in Hogwarts alles nachgeholt, was ihm in seinem Elternhaus gefehlt hatte. Und jetzt sah er aus wie ein Inferi, ausgemergelt und abgemagert. Es war, als würde er vor Severus' Augen sterben.
"Als Mum mich in diesem steifen Festumhang zur Weihnachtsfeier des Vereins−der−Frauen−von−sadistischen−Vollidioten−die−soviel−Geld−verdienen−dass−sie−die−
ganze−Insel−ernähren−könnten−nur−nie−auf−die −Idee−kämen−sowas−zu−tun, oder etwas ähnliches, gezerrt hat und Sirius zu Hause bleiben 'musste', hat er mich nicht mal angesehen. Seitdem haben wir nicht mehr gesprochen, uns nur noch angeschrieen. Ich war einfach aus Trotz immer anderer Meinung als er. Er tat mir Unrecht, und ich zahlte es ihm mit gleicher Münze heim." Seine Stimme wurde brüchig und er rieb sich die tränenden Augen. Dann schien er sich wieder zu fassen. "Sorg dafür, dass er es irgendwann erfährt."
Severus hatte das Glas weggestellt und sich aufgerichtet.
"Verdammt noch mal, Regulus! Was hast du angerichtet!" In Severus' Kopf drängten sich dunkle Vorahnungen in den Fokus seiner Aufmerksamkeit. Mit einem geübten Blick suchte er den Garten ab, denn es schien, als wäre die Welt plötzlich verstummt. Seine Hand ballte sich auf dem Tisch zur Faust; er musste sich zusammennehmen, um Regulus nicht am Umhang zu ergreifen und ihn zu schütteln.
"Ich weiß es doch selbst nicht mal genau. Aber ich hab alles arrangiert, es wird sich klären wenn es soweit ist. Du musst nur darauf vertrauen, dass ich nicht der letzte Vollidiot bin. Aber es wird Zeit." Regulus erhob sich, und Severus folgte seinem Beispiel.
"Was auch immer vorgefallen ist, wir können es regeln", erinnerte Severus, doch Regulus schüttelte den Kopf.
"Nein, diesmal nicht. Ich will es nicht mal versuchen. Es ist mein Opfer für unsere gemeinsame Sache. Ich will nur, dass Sirius es irgendwann erfährt."
"Was erfährt?" fragte Severus, als sein gegenüber nicht weitersprach.
"Alles. Alles was vorgefallen ist, seitdem er nicht mehr zugehört hat", antwortete Regulus und disapparierte. Severus wollte nicht darüber nachdenken, was gerade passiert war. Er goss den reichlichen Rest der Flasche in sein Glas und ließ sich wieder in den alten Lehnstuhl fallen.
Es war inzwischen Nacht geworden.
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.