
von Minimuffin
„Sieht das nicht wundervoll aus, Ray?“, flüsterte ich leise. „Sieht das nicht wundervoll auf, wie all die Pflanzen vom Schnee zugedeckt werden? Wie der Wind sie in den Winterschlaf singt und wie das Eis den See zudeckt?“
„Ja, Shany, das sieht wundervoll aus“, murmelte Ray in mein Haar. Zufrieden kuschelte ich mich an ihn. Wir schwiegen wieder und starrten einfach weiter hinaus auf den See. Sogar der riesige Krake schlief seinen Schlaf.
Weit in der Ferne hörten wir einen Kauz sein Schlaflied singen, doch ansonsten hörten wir nichts außer den Sternen, die uns leise anfunkelten.
„Du hast ja Gänsehaut“, schnurrte Ray dann und strich mir über den Arm unter meiner dicken Jacke.
„Weil du mich so verrückt machst“, hauchte ich und küsste ihn liebevoll.
„Verführerin“, knurrte Ray leise, als er sich von mir löste. Ich kicherte mädchenhaft zur Antwort und lehnte mich an ihn. Es war eine wunderschöne Nacht, wenn auch kalt.
Mein Blick löste sich sanft vom See und blieb dann an dem märchenhaften Schloss im Hintergrund hängen. Wahrhaftig, hinter mir stand mein Prinz und neben mir war unser beider Schloss, unser zu Hause. Mit all seinen Zinnen und Türmen, Erkern und Fenstern, die teilweise schwach beleuchtet waren, fühlte ich mich um Jahrhunderte zurückversetzt. Leise seufzte ich, vor Glück.
Doch wir bemerkten es nicht – wir bemerkten nicht, dass der See immer weiter zufror.
„Lass uns noch ein Stückchen gehen“, murmelte Ray an mein Ohr und ich nickte zustimmend. Zärtlich nahm er seine Hand in meine und schlenderte langsam mit mir um den See herum. Es war Silvesterabend, die meisten Schüler waren bei ihren Eltern, doch die wenigen, die geblieben waren, saßen jetzt in ihren Gemeinschaftsräumen und feierten ins neue Jahr hinein. Nur ich und Ray nicht – wir wollten unsere ganz eigene, kleine Silvesterparty feiern, und zwar hier draußen am See ohne irgendetwas, nur mit uns beiden.
„Noch ein einhalb Stunden, dann sind wir genau ein Jahr zusammen“, flüsterte Ray plötzlich. Ich sah ihn an und sah sein Strahlen in seinen Augen, das er erst hatte, seit er mit mir zusammen war. Es war der schönste Liebesbeweis, den er mir machen konnte – mich einfach so anzusehen. Ich seufzte leise und war hin und weg. Ich sah nicht, wohin wir gingen, ich sah ihn einfach an und sah ihn doch nicht. Ich durchlebte gerade noch einmal unsere schönsten Stunden.
„Woran denkst du?“, fragte Ray und lachte leise. Er setzte sich auf den Boden, den Rücken gegen einen alten Baum gelehnt, und zog mich neben sich.
„An uns“, sagte ich nur und sah wieder auf den See hinaus. Ich wusste, dass der wundervollste Mensch auf Erden neben mir lächelte.
Es kam mir vor wie Wochen, doch es war nicht sehr lange, wie wir da so saĂźen.
„In einer Dreiviertelstunde“, knabberte Ray an meinem Ohr. Ich kicherte leise und stieß ihn etwas weg.
„Ray! Du weißt doch, dass ich da kitzelig bin!“
„Was meinst du denn, warum ich es mache?“
Ich lachte laut auf. Dies war der Ray, den ich liebte. Einen anderen gab es auch gar nicht.
Wir saßen noch eine kurze Weile so da, doch plötzlich wurde mir immer kälter.
„Ray, mir ist kalt!“
Ich spĂĽrte, wie auch er sich aufrichtete unter mir und leicht anfing zu zittern. Dann stand er auf, lieĂź mich aber nicht los, sondern zog mich dicht neben sich.
„Ray, was ist los?“
„Schau dir mal ganz genau den See an, Darling. Fällt dir was auf?“
Ich kniff die Augen zusammen und starrte auf das Wasser. Ja, es war mit Eis überzogen, nicht verwunderlich im Winter … Aber dann sah ich es auch.
„Vorhin … vorhin war die Mitte des Sees doch noch nicht zugefroren, oder?“
„Nein, das war sie nicht. Und es ist unmöglich, dass diese große Fläche in so kurzer Zeit gefriert.“
„Aber …“
Und dann wurde es dunkel.
Die Lichter des Schlosses schienen erloschen zu sein, ich sah die Sterne nicht mehr und auch keinen Mond. Ich hörte den kleinen Kauz nicht mehr, nur noch Rays und meinen eigenen Atem.
„Ray!“, rief ich mit schriller Stimme. „Ray! Du glaubst doch nicht, dass -“ Ray hielt mir den Mund zu.
„Still!“, zischte er und suchte nach seinem Zauberstab. Ich schluckte herzhaft, sagte aber nichts mehr und holte ebenfalls meinen Zauberstab hervor.
Und dann hörte ich es.
Es war ein lautes Atmen, eher ein Keuchen. Ich hatte es noch nie zuvor gehört, doch ich wusste, zu wem es gehörte.
„Expecto Patronum!“, rief Ray da auch schon und zielte hinter uns. Nichts geschah. Ich tat es ihm nach, doch auch bei mir geschah nichts.
‚Verdammt!’ dachte ich. ‚Wieso wurde uns nur nie dieser verfluchte Patronus beigebracht? Was muss man besonderes tun? Wutscheln und Wedeln?’
Ich versuchte es, doch es bewirkte rein gar nichts. Jetzt kamen sie auch von vorne und von den Seiten. Sie schnitten uns jegliche Fluchtmöglichkeit ab.
Es waren viel zu viele Dementoren.
Ich spürte, wie jegliches Glück, dass ich eben noch empfunden hatte, aus mir wich, mich verlies, als hätte es Angst vor mir, als hätte ich ihm nur das schrecklichste angetan. Ich hörte die ekligen, schmatzenden Geräusche von Ray und seiner ersten Flamme. Schon damals war ich in ihn verliebt gewesen und es hatte mir das Herz gebrochen.
Ray neben mir sackte zu Boden.
„Ray!“, schrie ich ihn an. „Steh sofort wieder auf, hörst du! Ray, steh auf!“
Doch es war, als würde er mich nicht hören, er presste seine Hände vor sein Gesicht und wimmerte leise.
„Ray“, flüsterte ich, meine Stimme versagte. Ich ließ seine Hand los ohne zu wissen was ich tat, mein Zauberstab fiel aus meiner anderen. Ich wusste nicht woher ich dies wusste, doch ich war mir sicher, dass es für ihn zu spät war. Ich wusste, dass er nicht mehr kämpfen würde, dass seine Erinnerungen, welche auch immer es waren, für ihn zu schlimm sein würden. Ich wusste, dass er den erlösenden Kuss herbeisehnte.
Ich wich zurück, weg von ihm, zum ersten Mal in meinem Leben. Ich starrte ihn an, entsetzt, angewidert? Mein Blick und auch meine Gefühle waren undefinierbar, auch für mich. Da kniete er, wimmernd, leicht schwankend. Einer der Dementoren, groß und schwarz, beängstigend, löste sich aus dem Kreis und näherte sich ihm. Ich sah, was ich nicht sehen wollte, ich sah, wo ich nicht wegschauen konnte; Ich sah, wie der Dementor meinem Ray die Hände, beinahe zärtlich, vom Gesicht nahm und sanft sein Kinn nach oben drückte. Ich sah, wie die große und schwarze Kapuze sich meinem geliebten Gesicht näherte. Ich hörte es. Ich hörte den Kuss. Er klang haargenau so wie der Kuss von Ray und seiner Ex.
Ich brach zusammen, als ich Ray dort auf dem Boden liegend sah. Beinahe regungslos, nur flach atmend und die Augen weit aufgerissen, zwar war noch leben in ihnen, doch sie wirkten starr und leer.
„Ray“, schluchzte ich immer wieder, „Ray.“
Ich hörte, spürte, wie die erstarrte Luft neben mir sich sanft bewegte, als ich meine Finger etwas auseinander schob, sah ich etwas Schwarzes vor mir, leicht über dem Boden schwebend. Es war ein Dementor.
‚Ja’, dachte ich nur. Mehr nicht.
Dieses ‚Ja’, diese Bestätigung, dass ich es wirklich wollte, die Bestätigung dafür, was ich wusste, seit Ray den Kuss bekommen hatte – ich würde nicht mehr ohne ihn leben können. Ich wollte für immer bei ihm sein, so sein wie er, für ihn erreichbar. Würde ich nicht genau das sein, wenn ich auch den Kuss bekommen würde, wenn meine Seele frei wäre?
Freiwillig schob ich meine Hände auseinander, jegliches Denken war abgeschaltet, für immer; Dann spürte ich noch lange, kalte Finger unter meinem Kinn, ich hielt meine Augen geschlossen und ich spürte raue Lippen auf meinen.
„Oh Shany“, hörte ich ein leises, trauriges Seufzen; es war ein Seufzen in mir, aber es kam nicht von mir. Es kam von Ray.
„Ray“, hauchte ich, als der Dementor sich von mir löste. „Ich komme.“
Dann weiĂź ich nur noch, wie ich zu Boden sank und dann setzte meine Erinnerung aus.
Aber lange lag ich nicht da, dann erhob ich mich wieder und stand auf.
Aber ich stand nicht im Schnee, nein –
Ich stand in mir.
Ich blickte hinunter und sah meinen Körper, genau wie Rays, dort liegen. Ich war nur noch eine Art Geist, fast vollständig durchsichtig, doch unsichtbar für alle. Selbst für unsichtbare Geister.
Zitternd stieg ich in den Schnee, sah mich suchend um.
Doch nirgends sah ich Ray.
Ich suchte, blickte, schaute, starrte. Ich verzweifelte.
Ich vernahm eine hohe, höhnische Stimme, körperlos, und doch konnte ich sie sofort den Dementoren zuordnen.
„Du brauchst nicht suchen, das ist nicht der Himmel. Du bist alleine, für den Rest der Ewigkeit. Du wirst auch keine anderen Seelen wiederfinden. Du wirst alle Menschen sehen können, doch sie werden dich nie bemerken können.
Du wirst für immer alleine sein.“
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