
von Lily Longbottom
Hätte ich die Wahl gehabt, wäre ich der Sohn eines Muggelgeborenen oder ich wäre das fünfte Kind einer Großfamilie, oder der Sohn irgendeines Geschäftsinhabers in der Winkelgasse geworden. Doch ich hatte nie die Wahl, und so wurde ich in die mächtigste Reinblüterfamilie der damaligen Zeit hineingeboren.
Mit meiner Kindheit verbinde ich zum größten Teil Dunkelheit, Einsamkeit und Leere. Die ersten Dinge, die ich beigebracht bekam, womöglich sogar bevor ich richtig laufen konnte, war der Hass gegen die Muggelstämmigen, oder wie meine Mutter sie nannte: die Schlammblüter.
Jedes Mal, wenn meine Mutter von ihnen sprach, war ihre Stimme voll von Hass und Verachtung. Dieser Hass ging auf mich nie so leicht über, wie auf meinen Bruder Regulus. Heute denke ich sogar, dass er sie womöglich noch nicht einmal gehasst hat, sondern die Einstellung meiner Eltern einfach akzeptierte. Er hinterfragte die Dinge nicht so, wie ich es immer tat. Es fiel mir einfach sehr schwer, mir etwas unter diesen Schlammblütern vorzustellen, was wohl vor allen Dingen daran lag, dass ich ,bis ich sieben war, nie näheren Kontakt zu ihnen hatte. Es kam nämlich recht selten vor, dass meine Eltern mir die Gelegenheit ließen, die Welt außerhalb des Grimmauldplatzes zu erkunden. Damals war der Grimmauldplatz zudem fast ausschließlich von Zauberern bewohnt, aber auch die zogen langsam weg, da es immer schwieriger wurde, in einem von so vielen Muggeln bevölkerten Viertel unbemerkt Magie auszuüben.
Eines Tages, ich muss damals so um die sieben Jahre alt gewesen sein, fragte ich meine Mutter, warum genau man Muggelstämmige nun als Schlammblüter bezeichnete.
Meine Mutter starrte mich eine ganze Zeit lang mit einem unergründlichen Gesichtsausdruck an. Ich befürchtete schon, sie würde wieder eine ihrer berühmten Wutausbrüche bekommen, doch als sie den Mund öffnete war ihr Stimme weich wie die einer Katze. Sie schnalzte missbilligend.
„Ich fürchte, dir mangelt es an der gewissen Black’schen Intelligenz mein lieber Sirius, sonst hättest du das schon längst begriffen. Aber ich werde heute noch einmal nachsichtig sein und es dir erklären.“ Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass sie mir das jemals so genau erklärt hatte, aber das behielt ich lieber für mich. Sie führte mich in den Salon zu unserem großen Familienstammbaum, der dort an der Wand thronte.
Damals hatte ich diesen Familienstammbaum immer sehr bewundert und war furchtbar stolz darauf, ein Teil davon zu sein.
Meine Mutter deutete auf die vielen Verzweigungen und erklärte mit ehrfurchtsamer Stimme: „Unsere Vorfahren kann man bis ins tiefe Mittelalter zurückverfolgen und dabei“, ihre Augen bekamen den gewohnten fanatischen Glanz, „ dabei war kein einziger Halb und“, sie gluckste verächtlich, „natürlich erst recht kein Schlammblüter.“
Ich nickte ungeduldig. Das hatte ich schon oft gehört. „Aber was ist denn nun so schlimm an den Schlammblütern?“
Die Wangen meiner Mutter röteten sich leicht. „Sie sind absolut verachtenswerte Kreaturen, Mutanten, Dummköpfe!“
Ich nickte nachdenklich. „Willst du damit sagen, dass sie dumm sind?“ Meine Mutter runzelte leicht die Stirn. „Sicher, unter anderem.“
„Aber“, wandte ich ein, „können sie denn etwas dafür, dass sie nicht so sind wie wir?“
„Können sie etwas dafür“, äffte sie mich nach. „Ich fürchte, du erkennst das Grundproblem nicht. Sie sind einfach nicht so wie wir. Was spielt es da für eine Rolle, ob sie etwas dafür können?“ Ich versuchte eine Weile aus dieser Antwort schlau zu werden, gab es dann aber auf. Möglicherweise war ich ja tatsächlich zu dumm, um meine Mutter zu verstehen. Langsam aber sicher setzte sich ein Bild in meinem Kopf fest. Ein Bild von stinkenden, grausamen und hässlichen Muggeln. Das konnte die einzig logische Erklärung auf die Verachtung meiner Familie gegenüber ihnen sein. Das konnte der einzige vernünftige Grund sein, warum man sie Schlammblüter nannte.
Denn grundlos trugen sie diesen Beinnamen doch bestimmt nicht. Oder doch?
Manchmal sind es die kleinen Ereignisse, die dazu beitragen, dass sich unsere Welteinstellung von den einen auf den anderen Tag komplett verändert. Gut möglich, dass das selten ist. Mir allerdings sollte dies erfahren und zwar nur einige wenige Monate, nachdem ich meine Mutter nach den Schlammblütern gefragt hatte.
Meine Mutter war stets bekannt für ihre teilweise sehr heftigen Wutanfälle. Sie erinnerte mich dann immer an einen Vulkan. Meist begannen diese Wutattacken mit einem ganz harmlosen Gesprächsthema. Zunächst wirkten ihre Kommentare dann nur recht bissig, aber ungefährlich. Dann wurden ihre Aussagen immer heftiger und lauter. Im Vulkan fing es langsam an zu brodeln. Im dritten Stadium, dem Vulkanausbruch, ließ sie kein Wort mehr zu sich vordringen und fing an zu schreien und mit Sachen um sich zu werfen. Besser man suchte bei Anbruch dieses dritten Stadiums die Flucht, versuchte außer Reichweite des Lava spuckenden Vulkans zu kommen.
.„Es sind schon wieder Muggel in den Grimmauldplatz gezogen“, grummelte mein Vater gerade dumpf, als ich eines Vormittags die Küche betrat. „ Was? Schon wieder?“, fragte Mutter ärgerlich.
„Ja“, erwiderte mein Vater missmutig. „Sie sind ins alte Griffinhaus gezogen.“
„Oh ja die Griffins waren noch gute Menschen, gute Zauberer. Was würden sie wohl sagen, wenn sie wüssten, dass sich nun Schlammblüter in ihr Haus eingenistet haben“, fragte Mutter und stierte eine Weile gedankenverloren aus dem Fenster.
Dass meine Mutter sie als gute Menschen bezeichnete verstand ich in diesem Moment nicht so recht, wo ich schließlich wusste , dass man sie im vergangenem Jahr nach Askaban gebracht hatte, weil sie in einen Unfall verwickelt gewesen waren, bei dem ,den Gerüchten zu Folge, ein Muggel seinen Arm verloren hatte. Ich überlegte, ob ich meine Eltern danach fragen sollte, hielt es aber dann für besser, mich zurückzuhalten. Wahrscheinlich gehörte dies wieder zu diesen speziellen Dingen, für die ich einfach zu dumm war, um sie zu verstehen.
„Vor 50 Jahren noch lebten am Grimmauldplatz nur Zauberer. Ein Muggel hätte es nie gewagt hier herzuziehen. Nie!“, giftete sie. „Vielleicht hätten wir es unseren Nachbarn doch gleich tun sollen und einfach wegziehen sollen, bevor immer mehr Schlammblüter hier rüberziehen.“, seufzte Vater missmutig. Meine Mutter fuhr blitzschnell herum. „Du meinst, wir sollen uns aus unserem eigenen Haus vertreiben lassen? Einem Haus, in dem schon Generationen von Blacks lebten? Von dreckigen Schlammblütern vertreiben lassen? Niemals ! Niemand wird es je schaffen mich aus diesem Haus zu vertreiben!“ Der Vulkan hatte wieder angefangen zu kochen.
Wütend riss sie Kreacher, der gerade das Mittagessen zubereitete, das Kartoffelmesser aus der Hand und fing wild an Kartoffel zu schälen.(Oder sollte man besser sagen zerstückeln?) Einer Tätigkeit, der sie nicht nachging, um Kreacher Arbeit zu ersparen, sondern viel eher, um sich abzureagieren. Kreacher beobachtete sie ehrfürchtig, als gäbe es nichts Spannenderes, als seiner Herrin beim Zerstümmeln von Kartoffeln zuzusehen.
„Zu Zeiten meiner Groß- und Urgroßväter hätte man sie längst aus diesem Gebiet vertrieben. Man hätte nie zugelassen, dass sich Schlammblüter hier einnisten. Dreckiges Ungeziefer! Aber dank einer Regierung von widerwärtigen Blutsverrätern, die überhaupt nichts mehr für ehrliche Zauberer wie uns übrig hat, ist so etwas nicht mehr möglich!“, schrie meine Mutter, nun wild mit dem Kartoffelmesser in der Luft rum furtelnd. „Der Schlimmste von allen ist dieser dreckige Halbblüterfreund Albus Dumbledore, der auch noch für den Unterricht unserer Kinder zuständig ist und sie mit seinen ach so edlen Ansichten besudelt.“
Ich ging lieber ein wenig außer Reichweite des Messers, denn der Vulkan war wieder kurz vorm Ausbruch.
„Mäuschen beruhig dich“, versuchte Vater meine Mutter zu beschwichtigen. „Wir werden….“
ICH SOLL MICH BERUHIGEN, WENN UNSERE STRAßE VON DRECKIGEN SCHLAMMBLÜTERN VERSEUCHT WIRD? VON ABARTIGEN MUTANTEN UND MISSGEBURTEN? WIE KANN ICH MICH DA BERUHIGEN? ES IST MEIN GUTES RECHT, MICH DARÜBER AUFZUREGEN! Hastig floh ich aus der Küche. Keine Sekunde zu spät, denn ich vernahm bereits ein zischendes Geräusch, das sich verdächtig nach einem durch die Luft fliegenden Kartoffelmesser anhörte.
Doch es war nicht dieses „Gespräch“, das diesen Tag besonders machte, sondern der Entschluss, den ich danach fasste.
Ich wollte dieses Haus aufsuchen, in dem diese Schlammblüter lebten. Ich wollte sie endlich einmal von Nahen erleben, und den Grund für all diesen Hass erfahren. Ich wusste genau, dass meine Mutter es mir nicht erlauben würde, einfach so das Haus zu verlassen, deswegen entschied ich mich, es heimlich zu tun. Einen Moment lang überlegte ich sogar Regulus mitzunehmen, aber wahrscheinlich würde er mir nur ein Hindernis bei meiner Mission sein und mich nachher doch verpetzten. Das durfte ich auf keinen Fall riskieren, denn für mich war das Ganze ein furchtbar spannendes Abenteuer. Schließlich waren diese Muggel ja allen Anschein nach gemeingefährlich. Aber mich konnte nichts so leicht abschrecken. Eines Tages würde ich Regulus von meiner Mission erzählen und er würde mich meines Mutes wegen gewiss bewundern.
Ja, das waren meine Gedanken zu diesem Zeitpunkt, an dem ich noch nicht ahnen konnte, dass alles ganz anders verlaufen würde, als ich es mir je vorgestellt hätte.
Schon am nächsten Nachmittag riskierte ich es dann. Es gelang mir, mich unbemerkt aus dem Haus zu schleichen.
Ich war furchtbar aufgeregt als ich die Straße entlang schritt. Mein Herz pochte schon jetzt wild und ich spürte ein eigenartiges Kribbeln in meinen Fingerspitzen. Zugleich verspürte ich aber eine freudige Erregung bei dem Gedanken an meine Mission und wieder hielt ich mich für furchtbar mutig,dass ich einen solch gewaltigen Schritt wagte und freiwillig nach diesen Schlammblütern suchte.
Es war das erste Mal seit Langem, dass ich das Haus verließ und es fühlte sich wunderbar an.
Die ohnehin nicht besonders dicht bewohnte Straße wirkte wie ausgestorben, denn die meisten Häuser, in denen einmal Zauberer gewohnt hatten, standen ja inzwischen leer. Nahe beim alten Griffinhaus blieb ich schließlich stehen. Noch konnte ich umkehren, doch meine Beine trugen mich immer näher heran. Auf den ersten Blick wirkte alles recht normal.
Ein Umzugswagen stand vor dem Haus. Hastig versteckte ich mich hinter einer Hecke und beobachtete eine junge Frau, die gerade eine Kommode ins Haus schleppte.
Ob das wirklich die Muggel waren? Diese Frau jedenfalls wirkte auf den ersten Blick ganz normal.
Ich versuchte einen weiteren Blick auf sie zu erhaschen. Ich wollte ihr Gesicht sehen. Also beugte ich mich noch ein wenig weiter vor und erwartete eine verunstaltete, abscheuliche Fratze zu sehen. Doch ich wurde enttäuscht. Die Frau war sogar sehr hübsch. Als ich mich abwandte war ich mir nur einem sicher: Dies war kein Muggel. Diese Frau sah aus wie jeder andere Mensch auch und das hieß, dass sie auf keinen Fall ein Muggel sein konnten.
„Was machst du denn hier?“ Erschrocken fuhr ich herum. Vor mir stand braunhaariger Junge meines Alters und grinste breit als er mein verdutztes Gesicht sah. „Gehörst du zu dem Haus dort?“, fragte ich ihn. „Ja, wir sind gerade erst hier her hergezogen“, antwortete dieser Stirn runzelnd. Plötzlich kam mir eine, meiner Meinung nach, wirklich geniale Idee. Ich musste einfach testen, ob es sich hier um Muggel handelte.
„Ich suche den Zauberstab meiner Eltern.“ Er schaute mich verständnislos an.
„Sie müssen ihn hier verloren haben, weißt du.“ Dann hellte sich das Gesicht des Jungen plötzlich auf. „Verstehe, deine Eltern können also Zaubertricks.“ Das war der endgültige Beweis: die neuen Nachbarn waren keine Muggel. Ich verspürte eine eigenartige Mischung aus Enttäuschung und Erleichterung zugleich. „Ja, sie können zaubern“, antwortete ich. „Ich hab mich ja noch gar nicht vorgestellt“, rief der Junge plötzlich. „Ich heiße Mike“. „Sirius“, meinte ich ein wenig verlegen. „Weißt du, ich kann auch zaubern“, erzählte Mike mit leuchtenden Augen.
„Wirklich? Darfst du das denn schon?“ „Na ja ich kann nicht sehr nicht viel, aber immerhin etwas.“, antwortete er strahlend. „Sind deine Eltern denn professionelle Zauberer? Kommen sie vom Zirkus?“ Was zum Teufel war nur ein Zirkus?
„Ähm ja“, antwortete ich unschlüssig.(Wenn ich es mir recht überlegte, hörte sich Zirkus ein wenig nach Zaubern an) „Komm doch mit rein“, rief Mike munter und ich folgte ihm ins Haus. „Ich weiß, das ist alles ziemlich unmodern hier. Hier gibt es noch nicht einmal Heizungen, sondern nur diesen ollen Kamin dort.“
(Was war an dieser Einrichtung unmodern?) Aber immerhin haben wir schon mal einen Fernseher“, plapperte er munter weiter und zeigte auf etwas, das aussah wie eine schwarze Blechkiste. Bewegliche Bilder liefen darauf ab. Unfassbar! Fasziniert trat ich näher und beobachtete einen vornehm gekleideten Mann, der von einem Orkan nahe bei London erzählte. „Warte ich hole meinen Zauberkasten“, rief Mike, der mein Erstaunen offenbar nicht bemerkt hatte.
Nach ein paar Sekunden kam er wieder. Er trug einen blauen Hut mit gelben Sternchen auf dem Kopf und in seiner Hand hielt er einen schwarzen Stab. „Ist das ein echter Zauberstab?“, fragte ich bewundernd. „Klar“, grinste Mike stolz. „Er gehört ganz allein mir.“ „ Darf ich ihn mal halten“, fragte ich ihn ehrfürchtig. Er reichte mir den Zauberstab. Seltsam, er fühlte sich an wie ein einfaches Stück Plastik. Ich schwang ihn einmal in der Luft, doch nichts geschah. Merkwürdig. Die junge Frau von eben betrat den Raum. Als sie uns sah, lächelte sie. „Hast du schon einen neuen Freund gefunden, Mike? „Ich bin Mrs. Lee, Mikes Mutter.“, stellte sie sich vor. „Ich heiße Sirius Black“, erwiderte ich ihre Begrüßung. „Möchtest du nicht zum Tee bleiben?“, bot sie mir an. „Danke, das würde ich gern“, antwortete ich ein wenig überrumpelt von so viel Freundlichkeit. (Es war das erste Mal, dass mich jemand zum Tee einlud) „Gut, dann setzt euch doch schon mal an den Tisch. Ich komme gleich.“ Kurze Zeit später kam sie mit einer dampfenden Kanne Tee und einem Korb mit gerösteten Toast wieder und setzte sich ebenfalls an den Tisch. „Wohnst du auch hier in der Straße?“, fragte sie mich mit einem freundlichen Lächeln. Hastig schluckte ich einen gewaltigen Bissen Toast herunter. „Ja, ich wohne am Grimmauldplatz Nr. 12.“ „Hast du Sirius schon ein paar von deinen Tricks vorgeführt?“, wandte sie sich nun an ihren Sohn. Er ist wirklich ein großartiger Zauberer,“ erzählte sie mir strahlend. „Ich darf erst zaubern wenn ich nach Hogwarts komme“, erklärte ich. „Wer oder was ist Hogwarts“, fragte Mrs. Lee mich neugierig. „Sie kennen Hogwarts nicht? Das ist eine Zauberschule, die berühmteste von ganz England um genau zu sein!“ „Eine Zauberschule? Mrs. Lee schaute mich eine Weile verdutzt an. Dann lachte sie schallend auf. „Du hast wirklich eine blühende Fantasie, mein Junge.“ Auf einmal machte sich wieder ein seltsames Gefühl in mir breit. Irgendetwas stimmte nicht. „Sie sind doch auch Zauberer, oder?“, platzte es schließlich aus mir heraus. Wieder lachte sie laut auf. „Zauberer? Wie kommst du denn darauf? „ Mike ist der einzige von uns, der Zaubertricks beherrscht, falls du das meinst.“ Ein Kloß schien sich in meinem Hals festzusetzen.
Das sollten also tatsächlich Muggel sein? Die Schlammblüter, von denen meine Eltern immer so gern redeten. Wie konnte das sein? Ich hatte also die ganze Zeit mit Muggeln am Tisch gesessen ohne es zu bemerken? Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass diese herzensguten Menschen der Abschaum sein sollte, über den meine Mutter immer wetterte.
Plötzlich kam mir ein weiterer Gedanke.
Vielleicht wussten meine Eltern ja gar nicht, dass Muggel überhaupt nicht böse waren. Womöglich hatten sie sogar selber noch nie welche gesehen. Wahrscheinlich war das alles ein riesengroßes Missverständnis. In diesem Moment wollte ich nur eins: nach Hause gehen und ihnen sagen, wie sehr sie sich die ganze Zeit geirrt hatten. Hastig stand ich auf. „Danke für den Tee, Mrs. Lee, aber ich muss jetzt wirklich nach Hause.“ „Oh, ich habe doch hoffentlich nichts Falsches gesagt?“ „Nein, das haben Sie nicht.“, rief ich schon halb auf dem Weg zur Tür.
Ich fing an zu rennen, vorbei an all den Häusern, bis ich schließlich am Grimmauldplatz Nr. 12 ankam. Hastig schlüpfte ich durch die Türe Meine Mutter stand schon im Flur, die Arme wütend in die Hüften gestemmt erwartete sie mich. „Wo bist du gewesen?“, fuhr sie mich böse an. Ich war natürlich viel zu spät. An den Ärger, der mir somit bevorstand, hatte ich gar nicht mehr gedacht. Aber das spielte jetzt ohnehin keine Rolle mehr. „Es ist alles ein großes Missverständnis mit den Muggeln“, platzte ich hervor. „Wie meinst du das?“, zischte meine Mutter mit böse funkelnden Augen. „Sie sind gar keine Schlammblüter. Ihr habt euch geirrt. Sie sind ganz normale Menschen. Sie stinken nicht, sie sind auch nicht dumm. Sie sind sogar richtig nett. Sie haben tolle Geräte, Fernseher und so.
Die Augen meiner Mutter verengten sich zu Schlitzen. Ihre Stimme wirkte nun wie eine einzige Drohung. „Willst du etwa damit sagen, dass du dich mit dreckigen Schlammblütern abgegeben hast?“ Sie schrie nicht, sie blieb ganz ruhig. Womöglich hätte ich spätestens jetzt begreifen sollen, dass etwas nicht stimmte. „Verstehst du nicht?“ Ich hatte inzwischen angefangen zu schreien. Sie musste doch begreifen, was ich meinte. „Es sind ganz normale Menschen wie du und ich, nur dass sie keine magischen Kräfte haben. Du wusstest das bisher bestimmt nicht, aber es ist so! Ich habe es doch selber erlebt. Das ist alles ein großes Missverständnis. Ihr habt euch geirrt!“
„Haben wir das“, fragte sie langsam. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte ich schon, sie würde mir glauben. Sie trat auf mich zu und das nächste was ich vernahm war ein stechender Schmerz an meiner rechten Wange. Ich taumelte und fiel zu Boden. Es dauerte eine Weile bis ich begriffen hatte, dass meine Mutter mir eine Ohrfeige verpasst hatte. Sie baute sich mit vor Zorn funkelnden Augen vor mir auf. Ich wich vor ihr zurück, wäre am liebsten auf die Größe einer Maus zusammengeschrumpft und hätte mich verkrochen. Irgendwo, weit weg von diesem Menschen über mir. Es war das erste Mal, dass meine Mutter mir richtige Angst machte.
„Du wirst dich nie wieder mit diesen abnormalen Missgeburten treffen. Und begreif es endlich: Zauberer sind die einzig wahre Rasse. Für die Anderen wird in dieser Welt bald kein Platz mehr sein! Hast du mich verstanden?“ Ihre Augen sprühten vor Zorn. Ein Speicheltropfen landete auf meiner Nase.
„Und steh endlich auf wenn ich mit dir rede, du Schwächling!“ Meine Wange brannte wie Feuer, doch ich ließ sie los und erhob mich. Ich schaute in ihre zornigen Augen. Sie waren gelb, wie die eines Raubtiers. Warum fiel mir das erst jetzt auf?
„Ja Mutter, ich habe es verstanden“, meinte ich und war furchtbar erleichtert, dass meine Stimme fest klang. Ich hatte es tatsächlich verstanden. Ich hatte so viel verstanden wie es einem sieben-jährigen Jungen nur möglich war. Falls das Böse wirklich existierte, dann nicht unter den Muggeln. Nicht sie waren die Bösen. Es war immer nur hier gewesen in diesem Haus, in dieser Familie. Ich fühlte mich wie in einem Käfig voller angriffslustiger Schlangen.
Und das Schlimmste war: ich war mitten unter ihnen.
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