
von Tainted_Love
Von seinem Fenster aus konnte er sehen, wie die ersten, dünnen Sonnenstrahlen an diesem Morgen sich über die Berge erhoben und das Dunkel der Nacht verdrängten. Durch die geschlossene Glasscheibe konnte er die Vögel zwitschern hören, die Frische des neu begonnenen Tages fast schon spüren.
Doch dies alles ging an ihm vorbei, wie schon die Tage zuvor. Die Sonne, die am Himmel emporstieg, ließ die Welt heller werden - scheinbar. Wie falsch doch dieser Eindruck war.
Mit ausdruckslosem Blick starrte er hinaus, nahm von dem, was sich draußen abspielte, nichts wahr. Nichts von den Dingen, welche einen neuen, fröhlichen Tag ankündigten. Für ihn würde auch dieser trostlos werden, wie jeder andere, schwarz, ohne Hoffnung. Worauf sollte er sich auch jemals wieder freuen können?
Ein leises Klopfen an die hölzerne Zimmertür ließ ihn aufschrecken. Seit Stunden, so kam es ihm zumindest vor, saß er am Fenster, in seine düsteren Gedanken versunken. „George?“ Hermine steckte den Kopf durch den kleinen Spalt herein, den sie die Tür geöffnet hatte. Sie sprach seinen Namen so leise, als hätte sie Angst, wenn sie die Stimme ein wenig hob, würde er zerbrechen. „Das Frühstück ist fertig.“
George murrte nur. Kein einziges Mal hatte er Essen gemeinsam mit seiner Familie, Hermine und Harry eingenommen, seit er der Trauer verfallen war. Überhaupt aß er fast gar nichts mehr. Wurde der Hunger dann doch einmal zu groß, stahl er sich nur hinunter in die Küche, wenn er sicher war, dass er allein war.
Hermine sah ihn mit einem flehenden Blick an. „Bitte, George!“ Und sie blieb solange stehen, bis George nachgab. „Na gut, okay, ich komme!“, antwortete er und stand gereizt von seinem Platz auf. Hermine bedachte ihn mit einem dankbaren Blick und schloss die Tür hinter sich. George seufzte. Er wartete noch einige Augenblicke, überlegte, ob er nicht doch lieber hier bleiben sollte, aber dann entschloss er sich doch dazu, der Bitte nachzugehen, die sicherlich nicht alleine von Hermine stammte, sondern von der ganzen Familie.
Als er die Küche betrat, saßen bereits alle um den Esstisch herum. Seine Fläche war zwar groß, doch trotzdem wirkte es, als böge er sich unter der Last des ausgiebigen Frühstückgedecks. Stille breitete sich aus, als er in der Tür erschien und stehen blieb, alle sahen wortlos zu ihm auf. Die Spannung, die im Raum lag, machte ihn fast wahnsinnig; am liebsten hätte er auf dem Absatz kehrt gemacht und wäre wieder in sein Zimmer hinaufgeflüchtet.
Sein Vater war der erste, der das Gespräch wieder aufnahm, und auch die anderen begannen sich zögerlich erneut ihren Tätigkeiten zuzuwenden, griffen nach Semmeln, die sie mit Marmelade bestrichen, oder rührten in ihrem Kaffee.
George setzt sich auf seinen üblichen Platz. Er versuchte sein Möglichstes, nicht daran zu denken, dass sein Zwillingsbruder sonst neben ihm gesessen hatte, sie schon am Morgen ihre Scherze gerissen hatten. Es versetzte ihm Stiche, als seine Gedanken trotzdem immer wieder genau an den Punkt schweiften, und er presste die Lippen aufeinander, schluckte. Alle anderen aßen und redeten nun, so gespielt gut gelaunt, dass man es schon wieder merken musste, dass alles eine große Lüge war.
Die Augen des Rothaarigen wanderten von einem zum anderen. Er dachte in dem Moment nicht im Entferntesten daran, dass es ihnen vielleicht genauso ging wie ihm, oder jedenfalls beinahe. Irgendwann reichte es ihm. Sie waren doch alle miteinander nichts als Heuchler! Er knallte das Messer, mit welchem er gerade ein Brötchen bestrich, auf den Teller und alle fuhren erschrocken zusammen. Es widerte ihn an. Wie konnten sie nur so tun, als wäre alles in Ordnung, als wäre es nie anders gewesen?
Wortlos erhob George sich vom Tisch, den Ruf seines Vaters, die betroffenen Gesichter und das durch sein Verhalten ausgelöste Schluchzen seiner Mutter ungeachtet. Er kehrte in sein Zimmer zurück, verschloss die Tür hinter sich und lehnte sich dagegen. Ein schweres Seufzen drang aus seiner Brust herauf, er hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen, und sein leerer Blick fiel von seinem, dessen Laken zerwühlt und verknittert war, auf das Bett seines Bruders. Verlassen, wie noch niemals gebraucht, stand es da, und es zog Georges Blick an sich und ließ ihn lange nicht mehr los.
Fred war weg. Für immer.
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