
von Looney&Soey
Ich saß zusammengekauert auf unserem Sofa im Fuchsbau.
Meine frischvereinte Familie war nicht da.
Obwohl ‚frischvereint’, konnte man ja gar nicht sagen.
Obwohl man Percy durchaus wieder als Mitglied unsere Familie bezeichnen durfte.
Dennoch, Fred war tot.
Er war in Hogwarts getötet worden.
Im letzten finalen Kampf.
So wie viele andere, die ich kennen und lieben gelernt hatte.
Ich zog die Knie dicht an meinen Körper und legte mein Kinn darauf.
Meine Gedanken schweiften ab.
All das, was ich in den letzten Wochen so erfolgreich verdrängt hatte, überrollte mich wieder.
Ich kam mir so vor, als stünde ich kurz vorm Ersticken.
Als würde ich in einem tiefen, dunklen See ertrinken.
Ich spürte, wie sich meine Augen mit Tränen füllten und ich konnte sie nicht zurückhalten.
Sie rollten unaufhaltsam über meine Wangen und tropften auf meine Hose.
Voldemort war besiegt.
In einer der grausamsten Schlachten der Geschichte.
Seine Anhänger hatten ohne Gnade gemordet.
#####
Freds starres Gesicht tauchte vor mir auf und verschwamm wieder, als könnten meine Tränen dieses Bild wegwischen und ungeschehen machen.
Die toten, leeren Augen. Die blasse Haut, die die Sommersprossen umso deutlicher hervorstechen ließ.
Ich war nach der Schlacht mit gefühllosem Körper neben ihm zu Boden gesunken.
Hatte mich nicht getraut, ihn anzufassen.
Doch mein Blick konnte nicht von ihm weichen.
Die Schlacht.
Ich hatte gekämpft.
Mit Luna.
Ich war den Todesflüchen ausgewichen, die hinter mir große Stücke aus der Mauer geschlagen hatten.
Ich war über Leichen gestolpert, hatte mich verletzt, und war schließlich erfolgreich entkommen.
#####
Ich vergrub mein Gesicht in meinen inzwischen tränennassen Händen.
#####
Die Leichen.
Vom Astronomieturm herunter gestoßene Köper lagen verdreht und erstarrt im Gras.
Die Gesichter voll kalter, panischer Angst.
Leer und ausdruckslos blickten die Augen in die Ferne, wie die Fenster eines verlassenen Hauses.
Wie im Traum wandelte ich zwischen den toten Menschen hindurch, auf der Suche nach Verletzten, oder bekannten Gesichtern.
Überall auf den Ländereien, lagen sie reglos da.
Manche verletzt und blutüberströmt mit geschlossenen Augen.
Das Blut sickerte noch aus ihren Wunden hervor und tränkte den inzwischen dunkelroten Boden.
Manche sahen so aus, als ruhten sie sich nur aus. Der Todesfluch.
Ein kleines Mädchen regte sich noch schwach.
Ich wusste, dass es bald sterben würde, und ging zu ihm hin.
Ich stolperte über Leichen, die ganz eindeutig Bellatrix Lestranges Handschrift trugen.
Sie hatten Stichwunden, vom Messer einer unbarmherzigen, grausamen Frau.
Anscheinend hatte sie noch ein zweites, mit dem ersten hatte sie ja schon Dobby getötet, wie Harry mir erzählt hatte.
Harry.
Wir hatten uns in meinem fünften Schuljahr voneinander getrennt.
Harry hätte es nicht ertragen, wenn mir etwas zustoßen würde, nur weil er mit mir zusammen war.
Das war die schlimmste Zeit für mich.
Ich hatte das Gefühl, ich wäre auf mich alleingestellt, verlassen.
Ich liebte ihn.
Ob er jetzt wieder mit mir zusammen sein konnte?
Ich hoffte es, ich betete.
Ich flehte.
Ob er überhaupt noch an mich dachte?
Ich schüttelte den Kopf.
Daran wollte ich nicht denken.
Ich wollte es vergessen. Alles.
Es würde alles sowieso nur noch schlimmer machen.
Wieder tauchte das Bild des kleinen Mädchens vor mir auf.
Ich hatte mich neben sie hingekniet und ihre Hand gehalten.
Sie hatte geweint.
Sie wollte zu ihrer Mutter.
Ich sagte ihr, dass alles wieder gut werden würde.
Es war eine Lüge, und das wusste ich.
Doch ich wollte, dass sie in Frieden starb.
Mit der Hoffnung auf etwas, was wahrscheinlich nicht eintreten würde.
Ich hatte versucht das Mädchen hochzuheben, um sie zu Madam Pomfrey in die große Halle zu bringen.
Doch sie war zu schwer.
Meine Hand zitterte und konnte meinen Zauberstab nicht halten.
Ein Gefühl der Schuld überkam mich.
Und gleichzeitig hasste ich mich.
Ich konnte ihr nicht helfen.
Der Kampf hatte mich geschwächt.
Als ich aufgeben wollte, bekam ich endlich Hilfe von einem älteren Schüler.
Er blutete aus zahlreichen Wunden.
Neuen, wie alten, die die Carrows verursacht hatten.
Sein Umhang war zerfetzt und hing an ihm herunter.
Er hob sie zusammen mit mir hoch, und wir brachten sie ins Schloss.
Ob sie überlebt hat, weiß ich bis heute nicht.
Ich war so durcheinander und fühlte mich wie gelähmt.
Ich war durchs Schloss gegangen, an den Leichen der Todesser und der Schüler vorbei, ohne sie wirklich zu sehen.
Ich wusste nicht, nach wem oder was ich suchte.
Meine Familie hatte sich in der großen Halle um die Leichen von Tonks, Lupin und Fred gescharrt.
Doch ich wollte sie nicht sehen.
Später würde ich zu ihnen gehen.
Fred. Percy hatte mir erzählt, was passiert war.
Ich wusste, dass er mich nie wieder trösten würde, wenn ich traurig war, oder mich ärgern, wenn ich wütend war.
Dennoch hatte ich den Sinn seiner Worte noch nicht begriffen.
Trümmer versperrten mir den Weg.
Ein Gefühl der Verzweiflung überkam mich.
Was, wenn dahinter oder darunter jemand lag, den ich kannte?
Ich versuchte erfolglos die blutbefleckten Steine und Holzbalken weg zu schieben.
Doch ich schaffte es nicht.
Ein totgeglaubter Todesser neben mir, stieß unter Qualen ein Röcheln aus, blickte mich flehend an und packte meinen Knöchel, mit zitternden, aber dennoch starken Händen, seine letzte Tat, bevor seine Augen erloschen.
Ich schrie erschrocken auf.
Der Kopf des Mannes sackte zur Seite.
Er war tot.
Ich schüttelte seine Hand ab, stolperte rückwärts und fiel über ein Mädchen, das ich schon öfter in meinem Gemeinschaftsraum gesehen hatte.
Sie hatte eine tiefe, blutige Bisswunde.
Fenrir Greyback, schoss es mir durch den Kopf.
Ihre Augen und ihr Mund waren weit aufgerissen.
Beide Hände auf ihren Bauch gepresst, lag sie zusammengekrümmt auf dem Gang.
Noch bevor sie aufgrund ihrer Wunde verbluten konnte, hatte ein Todesfluch sie getroffen.
Es herrschte eine tödliche Stille.
Ich wusste, dass Harry jetzt irgendwo da draußen gegen Voldemort kämpfte. Und dann, sah es so aus, als würde meine Welt zusammenbrechen.
Harry war offenbar tot.
Getötet durch Lord Voldemort.
Ich hatte geschrieen.
Ich war verzweifelt.
Und geschockt.
Ich dachte, er würde es wie immer schaffen dem knappen Tod zu entrinnen.
Und ich hatte recht, plötzlich hatte er wieder gelebt.
Ich hatte ihn gesehen.
Ich konnte nicht fassen, was geschehen war.
Ich konnte es nicht erklären.
Doch, dass Harry lebte, war das Einzige was zählte.
Ich hatte zusammen mit Hermine und Luna gegen Bellatrix gekämpft, bis die treueste Anhängerin des dunklen Lords ebenfalls gefallen war, genau wie ihr Herr.
Er war von Harry besiegt worden.
Ich lehnte an der Schulter meiner Mutter, unfähig zu denken.
Professor McGonagall hatte die Haustische wieder herbeigezaubert.
Es war vorbei.
Endgültig vorbei.
Vodemort war gefallen.
Und viele seiner Anhänger ebenfalls.
#####
Meine Trauer verwandelte sich in salzige Tränen, ich schluchzte ganz leise, und ließ mich seitwärts aufs Sofa gleiten.
Nun lag ich ausgestreckt und weinte die stumme Trauer um meine Freunde, und insbesondere um Harry während der Schlacht, und die Traurigkeit, meinen Bruder verloren zu haben, aus mir heraus.
Lange Zeit lag ich so da.
Neben mir stand ein Wäschekorb, mit unseren frisch gewaschenen Sachen.
Unter anderem auch mein uraltes Stofftier, mein blauer Hase, den Mum wohl mitgenommen hatte, denn das alte, ramponierte Kuscheltier war schon lange nicht mehr mit Wasser in Berührung gekommen.
Obwohl ich kein kleines Kind mehr war, zog ich ihn heraus, drückte ihn an mich und schlief, immer noch weinend und nun von heftigen Schluchzern geschüttelt auf dem Sofa ein.
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.