
von Sisilia D.S.
Es war keine Stunde vergangen, als Sisilia an der Themse entlang ging und die Gegend der Southwarkdocks genau musterte. Dies war nicht wirklich ein Ort, an dem man sich wohlfühlen konnte. Im Gegenteil, irgendwie hatte sie das Gefühl, in einem schlechten Krimi gelandet zu sein. Obwohl es hinter den Docks eine Gegend gab, in der viele Berühmtheiten wohnten, wie der Schauspieler Michael Caine oder Enid Blyton, die Kinderbuchautorin, oder gar der Schriftstelle Robert Browning.
Ihr Blick wanderte über das Wasser der Themse, das graubraun war und nicht gerade einladend aussah. Es gab auch keine Frachtschiffe, die be- oder entladen wurden, oder LKWs, die darauf warteten, Ware aufzunehmen oder abzuliefern. Aber das war kein Wunder, denn die Docks waren ja alle zwischen 1960 und 1980 still gelegt worden. In den meisten Gebieten waren die Lagerhallen abgerissen und Wohngebäude erstellt worden. Das hier waren wohl nur noch die letzten Überbleibsel aus einer längst vergangenen Zeit. Sisilia hatte ein Stück weiter unten ein Schild missachtet, auf dem „Betreten verboten“ stand und hoffte nur, dass sie niemand aufhalten würde.
Ihr Blick wanderte jetzt über die verschiedenen Lagerhallen, die teilweise sehr marode aussahen. Eingeschlagene Fenster, abgedeckte Dächer, und die Wände waren überall mit buntem Graffiti voll geschmiert, oftmals so bunt, dass man die ursprünglichen Nummern, die jede der Hallen erhalten hatte, entweder gar nicht mehr oder nur schwer lesen konnte. Doch Sisilia zählte einfach mit, da nach der Lagerhalle Nummer 6 keine der Ziffern mehr zu erkennen gewesen war.
Vor der vermeintlichen Nummer 13 blieb sie dann schließlich und endlich stehen. Noch einmal sah sie sich unauffällig nach allen Seiten um, bevor sie auf das große Tor zuging.
Erst als sie schon fast davor stand, konnte sie die kleine 13 auf dem riesigen Blechtor erkennen. Mit einem schnellen geübten Griff hatte Sisilia ihren Zauberstab aus dem Hosenbund gezogen und hielt ihn nun in ihrer rechten Hand, während sie die linke nach dem Türknauf ausstreckte und versuchte, die Türe zu öffnen. Doch diese war verschlossen. Einen Moment überlegte sie, ob sie einen Hintereingang suchen oder die Tür magisch öffnen sollte.
Da sie aber keine Lust hatte, noch groß Räuber und Gendarme zu spielen, öffnete sie die Türe mit einem kaum hörbaren „Alohomora“ und schlüpfte dann schnell in die Halle.
Hier drin war es ziemlich dämmerig, und ihre Augen brauchten eine ganze Weile, bis sie sich einigermaßen daran gewöhnt hatten und sie die vielen leeren Regale, die hier noch standen, und auch einige riesige Kisten erkennen konnte.
Das Dämmerlicht erzeugte in ihr ein seltsames Unwohlsein, und kurzerhand beschloss sie, etwas Licht ins Dunkel zu bringen.
„Lumos“, es war nur ein Hauchen, doch die Spitze des Zauberstabes leuchtete mit einem Mal hell auf und verteilte sein Licht. Die kahlen grauen Wände verschluckten das Licht eher, als dass sie es brachen, und während Sisilia vorsichtig weiterging, fielen ihr der Zentimeter dicke Staub und die vielen Spinnweben auf, die in und zwischen den Regalen hingen. Der Gedanke, aus Versehen durch so ein Spinnennetz zu laufen und dabei vielleicht noch eine dieser ekelhaften Spinnen in ihrem Haar wieder zu finden, erzeugten eine Gänsehaut bei ihr. So blieb sie mitten auf dem Weg stehen und sah sich suchend um.
„Mr. Snape? Wenn Sie da sind, zeigen Sie sich. Ich verspüre nicht die geringste Lust, mit Ihnen Verstecken zu spielen“, rief sie dann.
Heftig zuckte sie zusammen, als direkt neben ihr eine dunkle Gestalt zwischen zwei fast zwei Meter hohen Kisten heraustrat.
„Ach nein? Das ist schade, es hätte mir gefallen, Sie noch ein wenig dabei zu beobachten.“
„Wie überaus freundlich“, gab sie leicht gereizt zurück. Sie mochte den Ort hier nicht, und das schlug sich merklich auf ihre Stimmung nieder.
„Das bin ich doch immer“, erklärte er, wobei seine Lippen für einen Moment eine lustige Wellenlinie bildeten.
Sisilias Blick blieb einen Moment auf Snapes Lippen hängen, und als sie sich endlich wieder loseisen und ihm in die Augen sehen konnte, war dessen Ausdruck wieder sehr ernst.
„Zwar hab ich im Augenblick keine Ahnung, warum Sie mich hier her bestellt haben, aber ich würde Ihnen gerne vorab eine Frage stellen“, begann sie, und Severus hob nur kurz auffordernd die Hand.
„Gut. Was haben Sie in Hogwarts gemacht? Warum haben Sie sich dort eingeschlichen, was wollten Sie dort?“
Severus Snape ließ sie einen langen Moment nicht aus den Augen, bevor er zu sprechen begann
„Sind Sie noch nicht selber darauf gekommen?“, wollte er dann wissen.
„Nein, sonst hätte ich doch nicht gefragt. Nun?“, bohrte sie nach.
„Sie bekommen die Antwort, doch zuvor möchte ich Ihnen eine Gegenfrage stellen.“
„Ja?“
„Was, glauben Sie, hätte Mr. Potter getan, wenn ich ihm einen Eule geschickt und ihm mitgeteilt hätte, dass sich eines der gesuchten Horcruxe in Hogwarts befindet, und zwar im Besitz von Professor Trelawney?“
„Nun, ähm …“, Sisilia sah ihn verwundert an, denn sie hatte keine Ahnung, auf was worauf er hinaus wollte.
„Versetzen Sie sich in Mr. Potter, Miss Dumbledore.“
„Nun, ich … ich denke, ich würde annehmen, dass mich jemand gewaltig auf den Arm nimmt, oder mir eine Falle stellt“, antwortete sie ehrlich.
„Genau dies, Miss Dumbledore. Doch was würde Potter tun, wenn er glauben würde, ich wäre hinter irgendetwas her und es wäre mir leider nicht gelungen, es zu bekommen?“
„Er würde versuchen, herauszubekommen, was Sie dort wollten“, antwortete sie, und jetzt ging ihr ein Licht auf.
„Dann waren Sie nur in Hogwarts, um Harry Potter auf die Spur des Bechers zu locken? Es war alles ... inszeniert? Sie haben riskiert, geschnappt zu werden, nur damit Harry neugierig wird und diesen Becher finden kann?“
„Sie haben doch einen sehr scharfen Verstand. Hätte mich auch gewundert, wenn dem nicht so gewesen wäre. Hören Sie zu, Miss Dumbledore. Ich habe Sie hauptsächlich hierher gebeten, weil ich wissen wollte, wie weit Potter ist. Ihren Worten kann ich entnehmen, dass er die Tasse gefunden hat. Hat er sie schon zerstört?“, wollte er jetzt wissen.
Sisilia hingegen schüttelte nur den Kopf.
„Sie riskieren Ihre Freiheit, vielleicht sogar Ihr Leben, nur damit Harry diesen Becher findet?“, hakte sie nach.
„Mein Leben war nie wirklich in Gefahr. Und genauso wenig meine Freiheit. Sie vergessen, dass ich mehr als mein halbes Leben in Hogwarts gelebt habe. Ich kenne dort jeden Stein, fast jeden Geheimgang, jede Abkürzung und jedes Versteck. Glauben Sie wirklich, man könnte mich dort fassen, wenn ich es nicht wollte?“, fragte er fast gleichmütig.
„Ja … nun … ich weiß nicht“, antwortete Sisilia unsicher.
„Wenn das jetzt geklärt ist, könnten wir vielleicht wieder zu meiner Frage zurückkommen?“
„Einen Moment noch. Ich hab noch etwas.“
„Noch etwas? Gut, dann fragen Sie, damit wir weiter kommen. Ich hatte nicht vor, die ganze Nacht hier zu verbringen“, erklärte er.
Sisilia nickte, nahm den Rucksack von den Schultern und holte das Buch heraus, das sie jetzt an einer beliebigen Stelle aufschlug.
„Kennen Sie das?“, fragte sie jetzt wieder mit fester Stimme und Snapes Augen wurden groß.
„Woher haben Sie …“, begann er, doch dann schien ihm ein Gedanke zu kommen.
„Potter“, antwortete er sich dann nur selber. „Das Buch ist also tatsächlich in seinem Besitz.“
„Sieht so aus. Er hat mir erklärt, wie er dazu kam, und es war im Grunde nur ein Zufall.“
„Nein.“
„Wie bitte?“
„Ich sagte „nein“. Ich dachte nicht, dass ich so undeutlich spreche. Es war kein Zufall“, erklärte er grinsend.
„Es war nicht so einfach, ihm das Buch in die Finger zu spielen, aber … wie auch immer, er scheint es für den Unterricht sehr fleißig genutzt zu haben. Sie hätten mal sein Gesicht sehen sollen, als ihm klar wurde, dass dies mein Buch war“, erklärte er leicht amüsiert.
„Sie haben es ihm gesagt?“
„Ja, wenn auch in einem anderen Zusammenhang. Doch ich denke, es ist jetzt wieder an der Zeit, dass das Buch zurück zu seinem Eigentümer gelangt“, und er streckte seine Hand danach aus, doch Sisilia zog es schnell zurück und drückte es an ihre Brust.
„Tut mir leid, Mr. Snape. Ich hab Harry versprochen, dass ich es ihm wieder gebe, und ich pflege meine Versprechen zu halten.
„Wozu braucht der Junge es noch?“
„Er sucht nach einem Weg, das Horcrux zu zerstören.“
„In einem Zaubertränkebuch?“
„Nun, er hatte gehofft, Sie hätten vielleicht etwas darin hinterlassen, was ihm und seinen Freunden weiterhelfen könnte.“
„Der Junge beginnt zu denken, wie erfreulich. Aber ich muss Sie enttäuschen. Dunkle Fluche und wie man sie brechen kann, werden darin garantiert nicht zu finden sein …“, er musterte sie nachdenklich.
„Hören Sie, Miss. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich denke, es werden sich noch ein paar ungenutzte Stellen in dem Buch finden. Ich werde dort ein paar der wichtigsten Flüche und Gegenflüche, von denen ich denke, dass einer der richtige sein könnte, eintragen. Erzählen Sie doch einfach, dass Sie diese mit Hilfe eines Sichtbarkeitszaubers gefunden hätten. Und dann sorgen Sie dafür, dass Potter den Becher zerstört.“
Ohne ihn aus den Augen zu lassen, hatte sie die ganze Zeit zugehört, und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass es ihm nicht leicht fiel, diesen Vorschlag zu machen. Dennoch nickte sie und hob ihm das Buch entgegen, doch dann zögerte sie einen Moment.
„Ich bekomme das Buch wieder?“, fragte sie noch einmal nach.
„Soll ich es Ihnen schwören?“
„Nein, schon gut, ich glaub Ihnen“, erwiderte sie hastig. Sie reichte ihm das Buch, und er schlug es auf. Kurz blätterte er darin, wobei man sah, dass er das Buch in- und auswendig kennen musste, denn zielsicher fand er die Seiten, auf denen noch etwas Platz war. Er zog seinen Zauberstab und tippte auf die Seite, wo dann in seiner eigenen Handschrift, einige Zeilen erschienen. Das Ganze wiederholte er fünf Mal und nickte dann zufrieden.
„Wenn er den Fluch aufgehoben hat, der gleichzeitig auch eine Art Schutzschild für den Gegenstand ist, kann er ihn einfach mit „destruere“ zerstören.“
„Das ist alles?“, fragte Sisilia ungläubig.
„So einfach, wie Sie sich das jetzt vorstellen, ist es auch nicht. Ich kann mich täuschen und der Schutzzauber ist ein anderer, als die, von denen ich glaube, dass der Lord sie verwendet haben könnte. Wenn dem so sein sollte, dann wartet noch verdammt viel Arbeit auf Potter und seine Freunde.“
Nachdenklich mustert Sisilia nun den ehemaligen Zaubertränkeprofessor.
„Was überlegen Sie?“, fragte er und reichte ihr das Buch.
„Ich würde gern wissen, warum Sie das alles tun?“
„Weil ich ein Versprechen gegeben habe und in der Schuld von jemandem stehe“, antwortete er nur knapp, und an seiner Haltung und seinem Gesicht konnte sie sehen, dass er schon mehr gesagt hatte, als er eigentlich wollte. Sie nahm das Buch zurück und steckte es in ihren Rucksack, den sie gleich wieder auf die Schulter setzte.
„Warum haben Sie mich eigentlich her bestellt?“, wollte sie dann wissen.
„Das hatte ich Ihnen doch gesagt. Ich wollte wissen, wie weit Potter mit dem …“ Weiter kam er nicht, da in diesem Moment mit einem lauten Gepolter das Tor aufgestoßen wurde. Snape griff nach Sisilias Zauberstab, und das Licht erlosch, während er sie gleichzeitig mit sich zog, zwischen die zwei hohen Holzkisten.
„Shhh“, machte er noch und drückte sich mit dem Rücken gegen die Holzwand. Sie konnte deutlich Schritte hören, von mehreren Personen, welche die Halle betraten.
„Hast du die Kohle dabei?“ fragte eine tiefe, kratzige Stimme, die einen Furcht einflößenden Unterton mit sich trug.
Sisilia erschrak schon allein vom Klang der Stimme, und ihr wurde mit einem Schlag bewusst, dass dieser Mann in seinem Leben alles andere als ein Engel gewesen war.
„Hast du denn die Ware dabei?“, stellte ein weiterer Mann die Gegenfrage, und ein hohles Lachen erklang.
„Gut, wir tauschen hier. Ware gegen Knete“, sagte der Erste, wobei seine Stimme sich anhörte wie ein Reibeisen.
„Nachdem ich die Ware gesehen und getestet habe“, widersprach der zweite Gauner, und dann hörten sie Geräusche, die unverkennbar von Schusswaffen kamen, die entsichert wurden.
Mit einem ängstlichen Blick sah Sisilia zu Severus, der irgendwie die Gabe hatte, fast mit der Dunkelheit zu verschmelzen. Sie musste zweimal hinsehen, um sich zu vergewissern, dass er noch neben ihr stand. Er legte beruhigend eine Hand auf ihren Arm und deutete ihr an, einfach gelassen zu bleiben. Vielleicht hoffte er, dass sie Glück hätten und die Männer ihr Geschäft schnell erledigten und dann wieder verschwänden.
Wieder konnten sie hören, wie Stoff raschelte und sich die Männer dort drüben zu bewegen schienen. Kurz war es still, und dann hörten sie wieder Stimmen.
Plötzlich erschrak Sisilia, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte, und hätte Severus ihr nicht im letzten Moment den Mund zugehalten, hätte sie bestimmt aufgeschrien.
Als er sie wieder losließ, deutete er kurz auf sie und auf den Boden vor sich. Natürlich verstand sie sofort, was er von ihr wollte, doch hatte sie keine Ahnung, was er vorhatte. Aber noch bevor sie fragen konnte, war Snape zwischen den Holzkisten verschwunden.
Nervös lauschte sie in das Dämmerlicht, doch sie konnte nichts hören, außer dem leise rasselnden Atmen der Männer, die irgendwas dort vorn taten.
Eine ganze Zeit lang blieb sie bewegungslos stehen und konzentrierte sich nur auf die Geräusche, doch Severus kam nicht zurück. Was tat er bloß? Er war doch nicht etwa einfach abgehauen?
Ungeduldig werdend, begann sie nervös auf ihrer Unterlippe herumzukauen und schob sich etwas weiter nach vorn, in der Hoffnung besser hören zu können oder auch etwas zu sehen. Doch schnell zog sie wieder den Kopf ein, als sie eine Hand mit einer Pistole ganz in ihrer Nähe gesehen hatte.
Wo blieb Severus nur so lange? Was hatte er vor?
Es vergingen noch ein paar Minuten, in denen sich nichts tat und die Männer schließlich begannen, über den Preis zu verhandeln.
Auf einmal begann ihre Nase fürchterlich zu jucken, was wohl von dem vielen Staub kam, der von den Kerlen da vorn aufgewirbelt worden war. Schnell hielt sie ihre Nase zu und begann an dieser zu reiben, um das Jucken zu unterdrücken. Nach einiger Zeit ließ es auch tatsächlich nach, doch in dem Moment, als sie die Hand wegnahm, passierte es ...
Der Juckreiz kehrte mit solcher Wucht zurück, dass sie ihn nicht mehr unterdrücken konnte und niesen musste.
Noch ehe sie begriff, was los war, wurde sie auch schon am Arm gepackt und zwischen den Kisten hervor gezogen.
„Sieh mal einer an. Wen haben wir denn da? Eine Schnüfflerin?“, fragte der Mann mit der tiefen kratzigen Stimme. Der Kerl, der sie gepackt hatte, legte jetzt seine Hand in ihren Nacken und drückte seine Pistole gegen ihre Schläfe.
„Hören Sie, das ist nicht so, wie es aussieht. Ich … hab mich verlaufen“, log sie. Doch im selben Moment, als sie das gesagt hatte, wurde ihr klar, wie unsinnig das war.
„Verlaufen? Hierher?“, knarrte er höhnisch und lachte dann laut und kalt auf.
„Ich weiß, das klingt dumm, aber es stimmt. Ich … wollte mich nur etwas umsehen. Ich wusste nicht, dass hier noch jemand ist“, versuchte sie sich jetzt heraus zu winden, doch sie spürte, dass sie sich immer weiter in den Schlamassel redete.
An ihren Zauberstab kam sie nicht heran, denn sie war sich sicher: Wenn sie auch nur eine falsche Bewegung machen würde, hätte sie eine hübsche kleine Kugel im Kopf. Und die würde auch Hexen töten.
Ihre Knie begannen nun leicht zu zittern, und unauffällig sah sie sich um, hoffte, Snape irgendwo zu entdecken, doch wieder kam die Überlegung in ihr auf, ob er sich aus dem Staub gemacht haben könnte. Außerdem registrierte sie entsetzt, dass sie es nicht nur mit den beiden Sprechern, sondern mit insgesamt vier verkommen aussehenden Männern zu tun hatte. Aber ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen, als der kleine glatzköpfige Kerl mit der rauen Stimme seine Hand an ihre Gurgel legte.
„Und jetzt raus mit der Sprache, für wen arbeitest du, schönes Kind? Und diesmal keine Lügen. Ich kann sehr unangenehm werden, und es wäre wirklich schade um dein hübsches Gesicht“, sagte er eiskalt und zog mit der anderen Hand ein Springmesser aus der Tasche, das er knapp vor ihrem Gesicht aufschnappen ließ.
Sisilia schluckte und starrte ängstlich auf das silberne Metall in seiner Hand. Ihr war klar, dass er keine Scherze machte, und wenn nicht noch ein Wunder geschah, würde sie den Tag hier wohl nicht überleben. Der von ihm ausdünstende penetrante Schweißgestank machte die Lage auch viel nicht besser, ihr wurde schon übel davon; allerdings brachte diese Betrachtung sie wenigstens wieder zu klarem Verstand...
Wieder dachte sie darüber nach, ob sie versuchen sollte, an ihren Zauberstab zu kommen, doch da keuchte der widerliche Stinker auf und ließ sein Messer fallen, als wäre es glühend heiß geworden. Gleichzeitig ließ er ihre Kehle los und umfasste seine Hand, deren Handfläche tatsächlich rot war und auf der sich noch während sie darauf blickte riesige Brandblasen bildeten. Er starrte einen Moment lang darauf und bückte sich dann fluchend nach dem Messer, das allerdings gerade als er es ergreifen wollte über den Fußboden davon schoss, ein paar Meter von ihm weg.
Wieder fluchte der Mann auf und machte seinem Schmerz und seiner Wut in Formulierungen direkt aus der untersten Schublade Luft, die Sisilia noch nie zuvor gehört hatte.
Aber in der Sekunde, als sie das Messer sich wie von selber durch den Raum bewegen sah, wurde ihr endgültig klar, dass sich Snape keineswegs in Sicherheit gebracht hatte, sondern irgendwo versteckt auf eine günstige Gelegenheit wartete, um die Verbrecher auszuschalten. Dadurch nun etwas mutiger geworden, überlegte sie, was sie tun sollte. Hinhalten … ja, das war wohl das Beste.
„Was für ein Gangster sind Sie denn, wenn Sie nicht mal ein Messer festhalten können“, lachte sie nun sarkastisch auf, doch bereute sie es sofort wieder, denn der dritte Mann, welcher inzwischen neben ihr stand, versetzte ihr eine derartig heftige Ohrfeige, dass ihr Kopf nach links flog und sie laut aufkeuchte. Sie konnte jeden Finger der Hand überdeutlich auf ihrer Wange spüren, die jetzt heiß brannte.
„Pass auf was du sagst, Kleine“, zischte der Schläger sie an, und Sisilia warf ihm einen verächtlichen Blick zu.
Inzwischen hatte der Verletzte sein Messer wieder aufgehoben, hielt es aber in der anderen Hand und kam zu der kleinen Gruppe zurück.
„Lasst uns das Geschäft abschließen, um die Kleine kümmere ich mich nachher persönlich. Irgendwie gefällt sie mir“, sagt er grinsend, und seine Nase bewegte sich wie die eines Schweins, während er grunzend lachte. Angewidert hob Sisilia ihr Kinn etwas an, doch dann spürte sie erneut den Lauf der Waffe an ihrer Schläfe und eine beunruhigend derbe Hand um ihren Nacken.
„Könnten Sie das Ding vielleicht woanders hinhalten?“, fragte sie, darauf gefasst, dass sie gleich wieder eine gelangt bekommen würde. Doch die beiden Männer blieben einfach ruhig stehen und bewegten sich nicht. Einzig und allein der Griff in ihrem Genick verstärkte sich, und allein das ließ ihr schon den Schweiß auf die Stirn treten. Ihr wurde nämlich mit einem Mal klar, dass die kräftigen Hände des Kerls garantiert in der Lage waren, ihr mit einem Ruck den Hals zu brechen. So beschloss sie, doch lieber ihren Mund zu halten und nichts mehr zu sagen.
Die Männer tauschten nach eine kurzen Gespräch zwei Koffer aus, einer voll mit Kokain und der andere mit Geld. Der Mann, der jetzt das Geld hatte, verabschiedete sich und verließ mit seinem Kumpel das Gebäude, wobei sie den beiden Zurückbleibenden und der Frau noch hämisch „viel Spaß“ wünschten.
Der Mann, der ihr vorhin ins Gesicht geschlagen hatte, blieb noch einmal kurz stehen, leckte mit der Zunge über seine Handfläche und tat so, als würde er ihr diesen Gruß pustend zuschicken. Als sie ihn nur angewidert anblickte, lachte er amüsiert und folgte seinem Boss.
„So. Und nun zu dir, meine kleine widerborstige Wildkatze. Was machen wir mit dir?“, fragte der Typ mit der kratzigen Stimme grinsend, kam auf sie zu und ließ die Messerspitze vorsichtig über ihre Wange gleiten, zu ihren Lippen und dann an ihrem Kinn hinunter. Sisilia versuchte sich nicht zu bewegen, auch nicht als der kalte Stahl an ihrem Hals weiter nach unten rutschte und sie das Gefühl hatte, es würde eine heiße Spur auf ihrer Haut hinterlassen. Sie wagte weder zu atmen noch zu schlucken, während die Klinge ihren Hals berührte. Das Gesicht des Mannes war irgendwie widerlich. Er roch nach Schweiß und nach kaltem Rauch. Seine Zähne, die er ihr jetzt mit einem unmissverständlichen Grinsen präsentierte, waren gelb vom Nikotin, und sein lüsterner Blick, als er mit dem Messer ihre Bluse etwas anhob, um darunter zu sehen, ließ in ihr Übelkeit hochsteigen.
„Nicht schlecht, würde ich sagen. Ich mach dir einen Vorschlag, Süße. Du erlaubst uns, dass wir uns ein wenig mit dir amüsieren, und dann lassen wir dich vielleicht laufen …“, begann er, und Sisilia hatte schon Luft geholt, um zu widersprechen, als er sie mit einem energischen Winken seiner verletzten Hand stoppte. „Wenn du nicht kooperierst, Schnecke, dann werden wir uns dennoch mit dir amüsieren und dich anschließend umlegen. Du hast die Wahl“, erklärte der Widerling vor ihr und lachte, wobei der zweite Mann mit der Pistole in das Lachen mit einstimmte und nun seinen Körper leicht reibend gegen den ihren drückte.
Dann auf einmal sah sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung, und es fiel ihr verdammt schwer, nicht dort hinzusehen und dadurch Snape vielleicht zu verraten. So starrte sie einfach weiterhin in das Gesicht dieses Kerls, auch wenn es sie anekelte.
„Bitte töten Sie mich nicht“, flehte sie, um ihre Widersacher abzulenken.
„Dann wirst du mitspielen, ja?“, fragte der mit dem Messer noch einmal nach.
Sisilia schluckte und nickte kaum merklich.
„Lass sie los, Pat!“, gab er dem anderen die Anweisung, griff nach ihr und zog sie zu sich, ihren Arm drehte er ihr auf den Rücken und presste sie dann an seine schmierige Brust. Da er genauso groß war wie Sisilia, blickte sie ihm jetzt direkt in Augen. Rechts von ihr blitzte sein Messer auf, und ihr wurde schlagartig klar, dass, wenn Snape nicht schnellstens eingriff, der Kerl vielleicht noch bekam, was er wollte.
Nämlich sie.
Ihre Knie begannen schon wieder zu zittern, und als der Mann vor ihr seinen Kopf auf sie zu bewegte, um sie zu küssen, zog sie instinktiv ihren eigenen angeekelt zurück.
„Na, na. Du wirst doch nicht noch kneifen wollen? Ich dachte wir hätten einen Deal?“, flüsterte er ihr kalt entgegen, und sie musste schwer darum kämpfen, dass ihr Magen nicht zu rebellieren begann.
Doch in dem Moment, als sie schon fast die Lippen des Kerls auf ihren spürte, wurde dieser von ihr weggerissen und krachte mit dem Rücken gegen eine der hohen Kisten. Keine Sekunde später erklang der Knall einer Pistole, und dann ging alles sehr schnell.
Sisilia spürte nur noch, wie sie fast brutal zu Boden gestoßen wurde. Als sie sich aufrappeln wollte, prallte etwas gegen sie und drückte sie erneut auf den hinunter, wobei sie unbequem auf dem Rucksack landete, ihr Hinterkopf jedoch hart auf schmutzigen Beton krachte und sie für eine winzige Sekunde das Bewusstsein verlor. Als ihr Blick wieder klarer wurde, saß der widerliche Kerl auf ihrem Bauch und machte sich an ihrer Bluse zu schaffen.
Als sie sich wehren wollte, hielt er ihr erneut das Messer unter die Nase. Neben sich hörte sie Kampfgeräusche, traute sich wegen der scharfen Klinge vor ihrem Gesicht nur nicht, den Kopf dorthin zu drehen. Wieder bellte ein Schuss, und sie zuckte merklich zusammen. Ihr Herz schlug so heftig, dass sie glaubte, es würde jeden Moment zerspringen. Der Kerl über ihr heulte auf, aber als sie gerade seine Unaufmerksamkeit ausnutzen und ihm entkommen wollte, spürte sie einen heftigen Schmerz von der linken Brust bis zu ihrer Schulter. Sie blickte geschockt dorthin und sah, wie sich ihre Bluse rot zu färben begann.
Dann schoss ein Schatten von irgendwoher auf sie zu, stieß den Mann von ihr hinunter und traf sie gleichzeitig an der Schläfe, worauf für sie die Lichter ausgingen.
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