
von holiholly
(Ron)
Lavender kam zur Tür herein. Ron gab keine Antwort und wischte sich eine Träne von der Wange, die er bislang noch nicht bemerkt hatte.
Er hatte die größte Lust, Lavender aus dem Haus zu werfen.
Missmutig erhob er sich.
(Lavender)
Lavender fühlte sich schlecht und hätte am liebsten geweint. Mr. Smith hatte ihr James weggenommen; er lebte nun bei dem Ehepaar Greengrass, das selbst keine Kinder bekommen konnte und sich vor einem halben Jahr bei der Adoptionsstelle gemeldet hatte. Mrs. Greengrass war Lavender ziemlich freundlich vorgekommen, sie hatte auch erzählt, sie habe seit Jahren Erfahrungen mit Kleinkindern, da sie in einer Kinderkrippe arbeitete. Trotzdem war Lavender ganz aufgelöst über den Verlust ihres Sohnes.
Und nun war sie zurück bei Ron im Haus und dieser stand ihr mit rotem Gesicht gegenüber. Weshalb hatte er geweint? Hatte er Mitleid mit ihr? Lavender spürte Dankbarkeit in sich aufkommen.
"Nur damit du es weisst - ", begann Ron, und seine harsche Stimme passte gar nicht zu seinem verweinten Gesicht, "Hermine ist vorläufig ausgezogen. Und zwar wegen dir! Sie denkt, ich sollte mich nicht deiner annehmen, sie meint, ich sei noch in dich verliebt. Ist dir klar, dass das nicht stimmt?"
Lavender starrte betroffen auf den Boden. Dann nickte sie.
Sie schaffte es gut, ihre aufkeimende Hoffnung zu kaschieren. Ein Glücksgefühl durchströmte sie, ein euphorisches Glücksgefühl, das sie schon seit James' Geburt nicht mehr gefühlt hatte.
Hier war ihre letzte Chance, Ron zurückzugewinnen. Wenn sie jetzt wieder so etwas wie eine Beziehung anfingen, würde Hermine Ron garantiert verlassen und sie hatte endlich wieder einen Partner. Ron konnte sie trösten und die Leere in ihrem Inneren betäuben.
Doch Ron schien ihre Gedanken teilweise erraten zu haben, denn er betonte: "Wenn du versuchen willst, mich... anzumachen, dann werfe ich dich definitiv hinaus. Alles klar?"
Lavender errötete leicht, nickte aber trotzdem. Sie würde auf eine günstige Gelegenheit warten. Vielleicht mit ein wenig Alkohol im Spiel...
Sehnsüchtig dachte sie an die fünf Joints, die sie gut zwischen ihrer Unterwäsche im Koffer versteckt hatte. Sie hatte vor, sie für den Notfall aufzusparen, und keinesfalls zu rauchen, wenn Ron dabei war.
Wortlos setzten sich die zwei auf die Couch, Lavender mit einem unterdrückten Lächeln, Ron mit verzweifelter Mine. Lavender rückte ein Stück näher.
"Lavender... willst du nicht duschen gehen?", sagte Ron und zuckte zurück, als sie neben ihm saß. Stank sie denn wirklich dermassen? Lavenders Geruchssinn war nicht mehr der Beste. Außerdem hatten sie die Monate, die sie in James' stinkendem Haus verbracht hatte abgehärtet, sodass sie sich kaum noch an unangenehmen Gerüchen störte.
"Warum nicht...", sagte Lavender und erhob sich langsam. "Kannst du was zum Essen zubereiten? Es ist immerhin halb sechs."
Während Ron per Aufrufezauber das Kochbuch herholte, zog sich Lavender im Bad aus und ließ sich eine Wanne warmes Wasser ein. Nach einigem Überlegen fielen ihr die Badeschaum-Sprüche wieder ein, die sie in Hogwarts gelernt hatten, und bald darauf war der ganze Raum voller purpurner und smaragdgrüner Bläschen, die erst in einer Stunde platzen würden.
Vergnügt wie ein kleines Kind spielte Lavender mit den Bläschen, bis das Wasser fertig eingelaufen war. Als sie in die Wanne steigen wollte, fiel ihr Blick auf den grossen Spiegel, und zum ersten Mal seit Wochen sah sie sich selbst komplett nackt. Ihre Haut war blass geworden, doch das war noch das Schönste an ihren Körper. Ihre Brüste waren gewachsen, seitdem sie James geboren hatte. Sie war viel schlanker als jemals zuvor, vielleicht sogar untergewichtig. Ihr Haar war struppig und ihr Gesicht wirkte leer und abstoßend, als hätte sie eine Woche lang durchgefeiert. Jetzt konnte sie nachvollziehen, wieso niemand sie mochte.
Langsam stieg Lavender in die Wanne und versank in den Bläschen. Das Gefühl von Wasser an ihrem Körper war so ungewohnt. So lag sie fünf Minuten, zehn Minuten, fünfzehn Minuten lang da. In der Küche hörte sie Ron fluchen, typisch Mann, dachte sie. Wahrscheinlich ist er zum ersten Mal in seinem Leben am Herd, weil Hermine sonst immer kocht... Wo Hermine wohl hingegangen war? Vielleicht fand sie ja einen neuen Freund da draußen, dachte Lavender erfreut. Vielleicht hatte sie einen One-night-stand mit einem Typen und fühlte sich so schuldig, dass sie sich nicht mehr nach Hause traute...
Die Blasen begannen sich langsam aufzulösen. Lavender hatte die letzten Minuten damit verbracht, ihren imaginären Sohn zu baden. Was tat er wohl gerade? Mrs Greengrass hatte ihr erlaubt, am nächsten Tag nochmals vorbeizusehen. Wie sie sich schon darauf freute! Sie richtete sich langsam auf und begann sich mithilfe ihres Zauberstabes zu waschen. Im Gedanken an eine wahrscheinlich immer gut gepflegte Hermine versuchte sie, ihre Augenbrauen zu zupfen und die Achselhaare zu entfernen. Im Schränkchen oberhalb der Toilette fand sie eine Phiole mit Hermines Handschrift, die "Silberhaar-Shampoo" anzeigte. Kurzentschlossen wusch sie ihre Haare damit.
Zehn Minuten später war sie so sauber wie schon seit Wochen nicht mehr. Ihre Haare glänzten tatsächlich silbern, nachdem sie sie mit heisser Luft aus ihrem Zauberstab geföhnt hatte.
Ihr Blick fiel auf ihre - wie sie jetzt realisierte - doch ziemlich schmutzigen Kleider, und dann auf Hermines Bademantel. Ohne zu überlegen zog sie sich ihn über.
"Na endlich, das hat ja gedauert!", sagte Ron wenig erfreut. Neben ihm stand ein verkohlter Auflauf auf dem Tisch. Lavender wusste, dass er Hermine genauso vermissen musste, wie sie James vermisste.
"Also, der Nudelauflauf ist angebrannt, aber vielleicht fällt dir ein besseres Nachtessen ein."
Er erhob seinen Blick und erkannte Lavender in Hermines Bademantel. Seine einzige Reaktion war ein müdes Heben der Augenbrauen. Dann ließ er den verkohlten Auflauf mit einem Schlenker seines Zauberstabes verschwinden und ließ resigniert den Kopf hängen.
"Ihr habt Dosensuppe", sagte Lavender, nachdem sie prüfend die Regale durchgesehen hatte. Ron hob erneut die Augenbrauen. Auch er sah erschöpft aus. "Gut, dann machen wir Dosensuppe. Und du erzählst mir währenddessen, was du in den nächsten Wochen zu tun gedenkst."
"Wie meinst du das?", fragte Lavender langsam, während Ron die Dosensuppe aufwärmte. Sie hatte gar keine Lust darauf, etwas zu unternehmen.
"Ich meine... du willst wohl nicht die ganze Zeit hier drinnen bleiben!", sagte Ron. "Vielleicht willst du neue Leute kennen lernen oder mal in ein Restaurant oder in einen Park gehen..."
Da kannte er sie schlecht.
"Neue Leute kennen lernen... wozu? Ich hab' doch dich und James!"
Ron schien gar nicht erfreut über ihre Antwort.
"Übrigens, James ist doch auch dein Sohn. Könntest du ihn nicht zurückholen? Wir leben ja jetzt doch zusammen..."
"Das fehlte gerade noch", sagte Ron harsch. "Ich habe keine Ahnung, wie man mit kleinen Kindern umgeht!"
Lavender sagte nichts. Ihr kam die flüchtige Idee, den Ausschnitt ihres Bademantels "wie zufällig" aufgehen zu lassen. Doch Ron würde diesen Trick sofort durchschauen.
"War ja nur ein Vorschlag!", sagte sie nach einer kurzen Pause. "Übrigens wäre es noch nett von dir, wenn du nicht jedes Mal so tun würdest, als würde ich dich verführen wollen!"
Ron, der zuvor von ihr zurückgewichen war, blickte genervt zur Seite.
"Ich habe immer noch das Gefühl, dass du mit mir zusammen sein willst!", sagte er langsam. "Das stimmt doch, was?"
Lavender stritt es natürlich sofort ab. Tatsächlich aber verspürte sie keine Lust auf eine Beziehung zu irgendjemandem, eher brauchte sie ein wenig geistige Liebe.
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.
Zurück zur Übersicht - Weiter zum nächsten Kapitel