
von Nitsrek
Vorsichtige Pläne
Harry, Ron, Hermine und Ginny saßen zusammen vor dem Kamin im Esszimmer. Ginny lehnte an Harry, der ihr immer wieder mit der Hand über den Arm strich. Ron beobachtete sie mit einer Mischung aus Misstrauen und Neugierde. Als ob er noch etwas lernen könnte. Hermine saß im Schneidersitz und hatte Krummbein auf dem Schoß. Sie kraulte seine Ohren, während er leise schnurrte und starrte ins Feuern. Die flackernden Flammen spiegelten sich in ihren Augen.
„Wie macht sie sich so? Ist sie kooperativ? Gibt sie euch Informationen?“, fragte Hermine, wissensdurstig wie immer. Keiner brauchte eine Erklärung, von wem sie sprach.
Harry neigte unmerklich den Kopf. „Sie war etwas empört, als wir ihr sagten, dass sie von uns über die Pläne Voldemorts befragt werden würde und dazu Veritaserum trinken müsste, hat aber schließlich doch zugestimmt.“
Ron schanubte verächtlich. „Was hat sie denn erwartet? Haben wir etwa einen Grund ihr zu vertrauen? Woher sollen wir wissen, dass sie nicht genau so schäbig und hinterhältig wie ihr Sohn ist?“
„Ron!“, erklang es von Ginny und Hermine gleichzeitig in einem leicht genervten, ungeduldigen Ton. Ron sah sie irritiert an.
„Lass es gut sein.“, sagte Ginny tonlos. „Dadurch wird sich auch nichts ändern. Außerdem hatten wir das schon hundert Mal.“
Ron schob schmollend seinen Unterkiefer vor, sagte aber nichts mehr.
„Und könnt ihr mit den Informationen etwas anfangen?“, fuhr Hermine mit dem eigentlichen Thema fort.
„Ja, es gibt einiges, was wir noch nicht wussten. Wir haben Informationen erhalten über die Rangfolge der Todesser untereinander. So wie es im Moment aussieht, hat Snape wohl den größten Stein im Brett bei Voldemort. Bellatrix steht immer noch in Ungnade wegen der Sache mit der Prophezeiung. Über die Horkruxe selbst weiß sie leider nichts. Sie bezweifelt auch, dass ihr Mann etwas davon gewusst hatte. Laut ihrer Aussage hat Voldemort zuviel Angst davor, dass jemand aus seinen eigenen Reihen ihn stürzen würde, wenn es die Möglichkeit gäbe.“
Hermine nickte. „Unter normalen Umständen vielleicht etwas paranoid, aber aus Voldemorts Sicht durchaus nachvollziehbar. Immerhin sieht er sie ja nicht als seine Freunde, sondern als seine Diener.“
Sie machte eine Pause und griff nach ihrer Teetasse, die auf einem kleinen Tischchen neben ihr stand. Sie schloss ihre Hände um das wärmende Behältnis und trank einen großen Schluck. Die Wärme erfüllte sie. Sie sammelte den Mut, um das anzusprechen, wovor sie sich am meisten fürchtete.
„Harry… was hast du jetzt vor?“
Er hatte gewusst, dass sie ihn das bald fragen würde. Es war noch eine Woche, bis ihr letztes Schuljahr anbrach. Professor McGonagall, die inzwischen die Rolle der Schulleiterin übernommen hatte, hatte vor zwei Tagen die Bücherlisten für die siebte Klasse per Eule geschickt.
Dennoch wusste Harry nicht, wie er das formulieren sollte, was in ihm vorging. Er hatte bisher mit niemandem darüber gesprochen, nicht einmal mit Ginny. Es vor ihr zuzugeben, würde ihm am schwersten fallen. Er schluckte.
Hermine sah, wie die Zahnräder in seinem Kopf in Bewegung kamen. Dass er lange überlegen musste, bevor er antwortete, war schon Anzeichen genug dafür, dass ihr nicht gefallen würde, was er zu sagen hatte. Es fröstelte sie.
„Ich werde nicht nach Hogwarts zurückkehren.“ sagte Harry entschlossen, aber in einem Atemzug, um es möglichst schnell hinter sich zu bringen.
Hermine hörte die Wörter und registrierte ihre Bedeutung, trotzdem schien sie wie betäubt. Sie sah, wie Ginny sich unbewusst versteifte und ein undurchdringlicher Ausdruck auf ihr Gesicht wanderte.
„Ich kann es nicht. Ich muss beenden, was Dumbledore angefangen hat. Er hat mich an die Thematik rangeführt, und er musste sein Leben dafür lassen, dass er auf dem richtigen Weg war. Schon allein die Tatsache, dass es eine Möglichkeit gibt, Voldemort zu töten, lässt mich nicht länger ruhig halten. Laut der Prophezeiung kann nur ich die Welt, die wir kennen, vor ihm retten.“
Hermine war still geblieben, aber ihre Lippen hatten sich zu einer schmalen Linie zusammen gezogen. „Wir werden nicht nach Hogwarts zurückkehren?“, fragte sie kaum hörbar.
Harry sah sie ganz verwirrt an. „Was? Nein! Ihr werdet zurückkehren. Erstens weiß ich ganz genau, dass du darauf brennst, weiterhin zur Schule zu gehen und zweitens brauche ich auch Augen und Ohren in Hogwarts. Drittens ist das der einzige Platz, an dem du und Ginny wenigstens halbwegs sicher seid.“
Ginny richtete sich auf und sah Harry unverwandt an. „Du schickst mich auch zurück?“ Sie machte eine Pause. „Du willst mich loswerden?“
Er konnte sie nicht ansehen. Ihre Stimme zitterte. Er starrte auf den Boden. „Ich will dich natürlich nicht loswerden. Aber ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass du bei mir bist und ich am Ende daran Schuld bin, dass du verletzt wirst oder… oder…“ Er konnte und wollte seine schlimmste Befürchtung nicht in Worte fassen.
Ginny antwortete nicht. Stattdessen sah Hermine ihn fragend an. Sie hatte es also gemerkt.
„Wieso sprichst du nur davon, dass Ginny und ich zurück nach Hogwarts gehen? Was ist mit Ron?“
Ron, der bis zu diesem Augenblick tief in Gedanken versunken war, hob den Kopf. Auch er hatte sich diese Frage bis gerade eben gestellt, hatte sich jedoch nicht getraut, sie auszusprechen.
Harry blickte von Hermine zu Ron und wieder zurück. „Ich habe noch nicht mit ihm darüber gesprochen.“, antwortete er, als ob Ron nicht im Raum wäre. „Aber ich hatte mir überlegt, dass es vielleicht ganz gut wäre, wenn er mich auf meiner Suche begleiten würde.“
Rons Gesichtsausdruck wechselte von Unglauben zu Freude. „Was? Natürlich geh ich mit dir mit. Das wird super!“
Hermine schnaubte undamenhaft. „Ron, weißt du überhaupt, wovon du sprichst? Ihr macht keinen Campingurlaub, ihr sucht Horkurxe! Das wird nicht super! Das wird lebensgefährlich! Du kannst doch nicht einfach so spontan innerhalb von Sekunden entscheiden, ob du bereit bist, dein Leben aufs Spiel zu setzen!“ Beim letzten Satz war sie deutlich lauter geworden.
Ron funkelte sie an. Er wusste, dass sie sich Sorgen machte, dennoch fand er eine von Hermines nervigsten Eigenschaften, dass sie ständig alle bemutterte und versuchte, anderen Vorschriften zu machen. Bevor er lange nachgedacht hatte, antwortete er: „Es geht dich doch gar nichts an, was ich entscheide! Du bist nicht mein Kindermädchen, also hör auf, dich immer einzumischen!“
Aus Hermines Gesicht war alle Farbe gewichen. Die Flammen des Kaminfeuers spiegelten sich in ihrem Augen und sie warf Ron einen kalten Blick zu, während sie aufstand und das Zimmer ohne ein weiteres Wort verließ.
Ginny schüttelte den Kopf. „Weißt du Ron, ich kenne dich jetzt seit sechzehn Jahren, und trotzdem überrascht es mich manchmal immer noch, was für ein Vollidiot du sein kannst!“
Harry konnte sich ein Grinsen nicht unterdrücken. Während Ginny mit dem Rücken zu Harry aufstand, sagte sie „Und du brauchst gar nicht so zu grinsen. Wir reden später auch noch.“ Anschließend folgte sie Hermine nach außen.
Harry sah Ron verwirrt an. „Woher weiß sie das nur immer?“
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„Hermine?“
„In der Küche.“, antwortete Hermines Stimme aus der Tür rechts von Ginny.
Die zierliche Rothaarige betrat den Raum und sah auf den schlanken Rücken ihrer besten Freundin. „Alles in Ordnung?“
„Natürlich.“ Ginny lächelte. Sie kannte dieses „natürlich“. Sie benutzte es selbst oft genug.
„Ron ist ein Idiot.“, sagte sie leise.
Jetzt musste Hermine doch grinsen. „Aber das ist doch nicht Neues.“, antwortete sie, während sie das heiße Wasser aus der Teekanne in eine Tasse goss.
Ginny sah ihr ruhig dabei zu. Hermine bereitete das Essen für Draco und seine Mutter vor. Der Teller mit heißer Tomatensuppe dampfte verlockend und Ginny sah überrascht, das auf beiden Tabletts ein kleiner Schokoladenkeks als Nachspeise lag.
Hermine fing den Blick auf und antwortete „Ich bin vielleicht ein Schlammblut in ihren Augen, aber ich werde sicher keine schlechte Gastgeberin sein.“
Ginny kicherte. „Gastgeberin? Sie sind quasi unsere Geiseln, also sind wir von Haus auf schon mal schlechte Gastgeber! Und bitte nenn dich nicht selbst Schlammblut, es ist schon schlimm genug, wenn andere das tun!“
Hermine zuckte mit den Schultern. „Stimmt auch wieder. Ich bringe ihnen jetzt ihr Essen. Locomotor, Tabletts!“
Sie lief langsam Richtung Küchentür, damit auch ja keine Suppe über den Tellerrand schwappte. „Es ist wirklich alles in Ordnung.“,sagte sie noch leise, bevor sie zur Tür raus ging. Trotzdem sah Ginny die Tränen auf ihrem Gesicht.
Hier also das dritte Kapitel. Ron hat wie immer das Taktgefühl eines Krückstocks, aber so kennen wir ihn ja auch. Bitte schreibt weiter Kommentare, ich freue mich sehr über die, die ich bereits habe.
Liebe Grüße
Nitsrek
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