
von Nitsrek
Treffen am Kamin
Sonntag Morgen. Noch so früh, dass kein Vogelgezwitscher zu hören und keine Sonnenstrahlen zu sehen waren. Hermine lag trotzdem bereits mit offenen Augen im Bett. Sie hatte diese Nacht wenig Schlaf gehabt. Nachdem sie mit Ginny noch bis nach Mitternacht darüber diskutiert hatte, was für ein gefühlloser Klotz ihr Bruder war (seine Schwester hatte das Gespräch angefangen), war sie erst um circa halb Eins in ihr Zimmer zurückgekehrt und hatte sich ins Bett gelegt. Auch dann hatte es erst einmal nicht funktioniert. In ihrem Kopf hatten sich immer wieder der Kuss und Rons Reaktion darauf abgespielt. Und auch, wenn sie vor Ginny so tun konnte, als wäre es nicht weiter schlimm gewesen, als sie allein im Bett gelegen hatte, hatte sie gespürt, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Als sie wieder aufgewacht war, hatte sie auf die Uhr geschaut und gesehen, dass es erst kurz vor Drei war. Und seit diesem Zeitpunkt hatte sie kein Auge mehr zugetan, sondern einfach nur vor sich ins Dunkel gestarrt.
Inzwischen war es heller. Erneut blickte sie auf die Uhr. Punkt Fünf. Klasse. Bis die anderen aufwachten, würden noch zwei Stunden vergehen. Sie schlüpfte lautlos aus dem Bett, zog ihre Hausschuhe an, überlegte kurz, ob sie auch einen Morgenmantel überwerfen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Wer sollte sie so früh am Tag schon sehen? Sie trug ihren Lieblingspyjama: rote Boxershorts mit einem weißen Trägertop, auf dem ein goldener Schnatz auf Brusthöhe zu sehen war. Sie konnte mit Quidditch nichts anfangen, jedoch hatte sie das Ensemble zusammen mit Ginny mal beim Shoppen gesehen und der Stoff hatte es ihr angetan. Satin. Sie liebte ihn. Er gab ihr das Gefühl, weiblich, vielleicht sogar verletzlich zu wirken. Was sie ja eigentlich auch war. Sie würde es nur niemandem zeigen.
Leise öffnete sie die Tür und schlich die Treppen runter und betrat das Esszimmer. Im Kamin lag noch orange leuchtende Kohle und erwärmte das Zimmer. Vor ihm standen, dem Kamin zugewandt, ein kleines, gemütliches Zweisitzer-Sofa und ein großer Ohrensessel. Der Raum war jedoch leer. Sie ging leise in die Küche und setzte sich Teewasser auf. Gedankenverloren sah sie dabei zu, wie das Wasser immer stärker kochte, bis es schließlich die für sie perfekte Temperatur erreicht hatte. Sie goss das Wasser in ihre Lieblingstasse (ein unförmiger Tonklumpen, auf dem „Hermy“ stand, ein Geschenk von Hagrid) und hängte anschließend einen Beutel „Logik-Tee“ (ein Geburtstagsgeschenk von Fred und George) in die heiße Flüssigkeit. Genau das, was sie jetzt brauchte. Logik. Nicht dieser Gefühlsquatsch, der gerade in ihr herrschte. Das brachte nur Ärger. Kühle Logik.
Mit dem Getränk in der Hand kehrte sie zurück ins Esszimmer und ging auf das Sofa zu. Sie wandte sich nach links, um sich auf ihren Lieblingsplatz zu setzen, als sie etwas hörte und aufschreckte.
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„So früh schon wach?“, fragte Draco, während er Granger dabei beobachtete, wie sie es sich auf dem Sofa bequem machen wollte.
Mit ihrer Reaktion hatte er jedoch nicht gerechnet. Sie quietschte kurz erschrocken und dann fiel etwas mit einem Klirren zu Boden und zersprang in hunderte kleiner Scherben.
„Verdammt!“, schimpfte sie und Draco bemerkte, wie sich auch Wasser auf dem Boden ausbreitete. Jedoch nicht nur dort. Gut die Hälfte des dampfend heißen Wassers war über ihre Beine gelaufen. Moment. Ihre Beine? Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie nur Boxershorts und Hausschuhe an ihrem Unterkörper trug. Satin-Boxershorts. Kurz. Das Glühen der Kohlen reflektierte auf ihren glatten, langen, bronzefarbenen Beinen. Wer hätte das gedacht? Das trug sie zum Schlafen? Sein Blick wanderte weiter nach oben ihren Oberkörper entlang. Und dazu ein Trägertop. Weiß. Nichts drunter. Eindeutig nichts drunter. Er konnte sehen, wie ihre Brustwarzen sich abzeichneten.
Als sie keuchte, erwachte er aus seiner Beobachtung und ihm wurde bewusst, dass sie sich verbrannt hatte. Er runzelte die Stirn. Er hatte sie nicht erschrecken wollen, hatte aber bereits neugierig beobachtet, wie sie vorhin in die Küche geschlichen war. Er stand auf und ging ein paar Schritte auf sie zu. Natürlich wurde er gleich mit einem bösen, misstrauischen Blick bedacht. Er rollte mit den Augen.
„Keine Panik, ich beiße nicht“, sagte er mit spöttischem Unterton. Sie sah ihn immer noch fragend an. „Setz dich hin.“
Sie bewegte sich kein Stück. Als wäre sie aus Stein.
„Setz dich hin, dann kann ich mir das mal anschauen!“, wiederholte er, diesmal energischer.
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Anschauen? Nie im Leben.
„Ich will nicht, dass du dir ‚das mal anschaust’!“, antwortete sie schnippisch.
Malfoy zog eine Augenbraue nach oben, doch auch seine Mundwinkel hoben sich. „Glaub mir, Granger, auch ich könnte mir Besseres vorstellen, als dich halbnackt anzuschauen, aber wenn das nicht behandelt wird, gibt das ein paar üble Brandblasen.“
Hermine errötete bei der Bemerkung. Warum hatte sie sich nicht den Morgenmantel angezogen? Dumme Kuh.
Zögernd setzte sie sich aufs Sofa. Malfoy richtete seinen Zauberstab auf die zerstörte Tasse und sprach „Reparo!“. Die vielen kleinen Tonsplitter setzten sich wieder zusammen. Er runzelte die Stirn. „Da hat irgendwas nicht richtig funktioniert“, erklärte er Hermine und zeigte ihr die Tasse.
„Die gehört so“, antwortete sie kleinlaut. Sie schwankte zwischen Lachen und Empörung, als sie sein verwirrtes Gesicht sah. Gut, die Tasse war kein Meisterwerk, aber sie kam von Hagrid und er hatte sich angestrengt. Schließlich zuckte er die Schultern und schwang seinen Zauberstab darüber. „Aguamenti!“
Wasser ergoss sich in die wieder hergestellte Tasse. Er zog ein Stofftuch aus seiner schwarzen Leinenhose und tauchte es in die Flüssigkeit. Anschließend hob er es über ihr rechtes Bein, das am meisten Tee abbekommen hatte, und drehte es dort aus. Das Gefühl von Kälte dämmte den Schmerz ein wenig ein. Während er die Aktion mehrere Male wiederholte, studierte sie ihn. Er trug eine schwarze Stoffhose. Baumwolle, würde sie tippen. Und am Oberkörper ein karmesin-rotes Hemd. Rot. Malfoy. Und rot. Das war neu. Nicht nur, dass er weder komplett schwarz, noch seine Hausfarben trug, nein, er trug auch noch die Farbe, die er, zumindest auf Hogwarts, verabscheute. Es sah gut aus. Seine relativ helle Haut war ein starker Kontrast zu dem kräftigen Rot und seine blauen Augen leuchteten hell.
Dann fiel ihr etwas ein.
„Das könnte ich dich auch fragen.“
Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte er zuerst keine Ahnung, wovon sie gerade sprach. Aber schließlich grinste er und antwortete frech, „Du hast eine unglaublich schnelle Reaktionszeit.“
Sie schnaubte.
Zu Hermines Überraschung lachte er kurz und fuhr dann fort, „Ich konnte nicht mehr schlafen.“
Ach was? Soweit war ich auch schon.
Als sie nicht antwortete, erklärte er, „Was soll ich auf Hogwarts? Die Hälfte meiner Freunde wird weg sein. Die meisten von ihnen haben Väter, die zu den Todessern gezählt werden. Sie würden es nicht wagen, nach Hogwarts zurückzukehren, solange McGonagall dort das Sagen hat.“
Hermine war von seiner Ehrlichkeit erstaunt. Warum erzählte er ihr das? Er musste sich sehr einsam fühlen. Sie lächelte. „Ich glaube, du solltest dir neue Freunde zulegen“, antwortete sie sanft. Sie wollte ihn nicht ärgern. Aber das zählte ja wohl als Tatsache, oder nicht?
Er starrte kurz ins Feuer. „Ich bin fertig.“ Hermine blickte ihn irritiert an. „Mit deinen Verletzungen.“
Sie hatte gar nicht bemerkt, dass der Schmerz nachgelassen hatte. Erfreut lächelte sie ihn an. „Danke.“
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Nun grinste auch er. Danke. Wer hätte je gedacht, dass Hermine Granger sich mal bei Draco Malfoy für irgendetwas bedanken würde?
Er stand auf und setzte sich wieder in seinen Sessel. Auch sie saß weiterhin auf dem Sofa, doch keiner von beiden sagte etwas. Es war jedoch nicht das übliche, spannungsgeladene Schweigen, sondern es fühlte sich eigentlich ganz angenehm an. Nein, es fühlte sich okay an. Angenehm wäre übertrieben.
Er drehte seinen Kopf zu ihr. „Du hast noch nicht gesagt, wieso du schon wach bist.“
Granger stöhnte, schloss die Augen und ließ den Kopf nach hinten gegen die Sofalehne fallen. „Das ist nicht wichtig.“
„Doch nicht etwa wegen der Sache mit dem Wiesel?“, fragte er spöttisch.
Sie öffnete die Augen. „Woher weißt -“
Er zog die Augenbrauen zusammen. „Granger, ich bin nicht dämlich.“ Ein Grinsen huschte über sein Gesicht, als er bemerkte, dass sie sich gerade eine passende, vorlaute Antwort verkniff. „Ich verstehe nicht, was du in ihm siehst“, erklärte er wahrheitsgemäß.
Sie lächelte in sich hinein. „Das verlangt auch niemand von dir.“ Sie hielt inne. „Ich auch nicht“, kicherte sie.
Draco war verwirrt. „Was, du auch nicht?“
„Ich versteh nicht, was ich in ihm sehe und ich weiß nicht, was ich in ihm sehe.“ Sie seufzte. „Er ist für mich einer der wichtigsten Menschen auf der Welt, aber manchmal könnte ich…“ Anscheinend fiel ihr jetzt erst auf, mit wem sie da überhaupt sprach.
Einer der wichtigsten Menschen auf der Welt? Er hatte in Dracos Augen bisher nichts getan, was diesen Status rechtfertigen würde. Er hatte sich über die Jahre hinweg mit ihr gestritten und sich vertragen, gestritten und sich vertragen, ihr eine Szene wegen Krum gemacht und sich vertragen, sie geärgert, indem er was mit dieser Brown-Kuh anfing und vertragen. Draco konnte nur den Kopf schütteln. Er hatte sie auch oft genug geärgert, trotzdem würde sie ihn definitiv nicht zu den wichtigsten Personen in ihrem Leben zählen.
Was zur Hölle dachte er da eigentlich?
„Ich werde jetzt nach oben gehen und schauen, ob ich alles eingepackt habe“, sagte er und erhob sich aus seinem Sessel. „Wir sehen uns.“ Damit war er zur Tür raus.
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Hermine verdrehte die Augen. Wir sehen uns. Wir wohnen zur Zeit im gleichen Haus, fahren in ein paar Stunden mit dem Zug nach Hogwarts und werden dort dann zusammen eine Wohnung haben. Natürlich sehen wir uns. Es blieb nichts anderes übrig.
Auch sie stand jetzt auf. Sie wollte auch noch ihr Gepäck kontrollieren, bevor es losging. Vorher wollte sie aber noch die Tasse zurück in die Küche bringen. Sie nahm sie vom Boden und bemerkte, dass Malfoys Tuch noch über den Rand hing. In der linken unteren Ecke des seidigen, weißen Quadrates, das von grünem Garn eingefasst war, wand sich eine silberne Schlange zu den Buchstaben DM. Es roch nach Minze und grünem Tee. Lecker. Sie faltete es zusammen, und da sie keine Hosentasche hatte, klemmte sie es vorne zwischen ihren Hosenbund und ihre Haut. Der weiche Stoff fühlte sich kühl an ihrer Haut an. Sie würde es ihm zurückgeben. Es würde noch ausreichend Möglichkeiten dafür geben.
Eine neue Entwicklung. Hermine hat außer Ginny niemanden mehr, mit dem sie über ihre Probleme sprechen könnte, und auch Draco scheint ziemlich allein dazustehen. Vielleicht schaffen die beiden es ja, zumindest manchmal normale Gespräche zu führen. Freu mich weiter über eure Kommentare. Danke auch an Eponine, die wieder fleißig mitgeholfen hat.
Liebe Grüße
Kerstin
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