
von Nitsrek
Eine rasante Zugfahrt
Hermine saß mit Luna, Neville und Ginny in einem Zugabteil, während der Hogwarts Express schon die Hälfte seiner Strecke durch die britische Landschaft zurückgelegt hatte. Der Himmel war grau, große Wolken hatten es zwischendurch regnen lassen und ein unangenehmer Wind heulte.
Sie sah aus dem Fenster, ihr Blick war jedoch in weite Ferne gerichtet und sie nahm nicht mal wahr, was außerhalb des Zuges ablief. Was Harry und Ron wohl gerade machten? Waren sie in Gefahr? Hatten sie eine Ahnung, was sie überhaupt tun und wo sie suchen sollten? Hermine seufzte schwer. Es war kein Neid, den sie auf Ron verspürte, weil er Harry begleiten durfte. Viel mehr spürte sie Angst um ihre beiden besten Freunde. Was wäre, wenn sie niemals zurückkämen? Dann wären Rons letzte Worte wirklich Bis bald. Und das letzte Gefühl, dass sie für ihn empfand, würde Wut sein.
Sie schüttelte den Kopf, als wäre sie aus einer Trance erwacht und bemerkte, dass Ginny sie die ganze Zeit über angesehen hatte. Ihr mussten ähnliche Dinge durch den Kopf gehen. Hermine zog das Stück verzaubertes Pergament und ihren Federkiel samt Tinte hervor.
Lieber Ron!
Toll, und was jetzt? Am besten neutral bleiben.
Wie geht es dir und Harry? Kommt ihr mit eurer Suche voran? Ginny und ich sitzen gerade im Hogwarts Express. In circa zwei Stunden müssten wir da sein. Luna hat sich mal wieder hinter einer neuen Ausgabe des Klitterers versteckt. Neville schnarcht vor sich hin. Du –
Nein, das konnte sie nicht schreiben. Sie kritzelte drüber.
Ihr fehlt mir. Bitte meldet euch, wenn es etwas Neues gibt.
Liebe Grüße auch von Ginny –
Hermine
Sie las es noch einmal durch. Dann tippte sie mit der Spitze ihres Zauberstabs auf das Pergament und die Worte verschwanden. Anschließend verstaute sie alles bis auf das Pergament wieder in ihrer Tasche. Sicher würde ziemlich schnell eine Antwort kommen.
Als sie aufsah, merkte sie, dass Ginny sie mit hochgezogenen Augenbrauen musterte. Hermine erwiderte den Blick fragend, und ihre Freundin nickte unauffällig in Richtung des Pergaments in ihrer Hand. Hermine senkte den Blick und freute sich, als sie dort bereits neue Wörter las, war jedoch ein wenig enttäuscht, als sie merkte, dass es eine Botschaft von Ginny war. Anscheinend wollte sie die anderen beiden nicht zuhören lassen.
Hat Ron dir noch nicht geschrieben?
Hermine grinste über die Neugier und kramte wieder ihre Feder hervor.
Nein. Wieso auch? Sie sind ja noch nicht lange weg.
Ginny runzelte die Stirn.
Nach zwei Minuten erschien ein neuer Text auf Hermines Pergament.
Harry hat mir gleich am nächsten Tag geschrieben. Und seitdem täglich. Er weiß, dass ich mir Sorgen mache. Ron ist ein Vollidiot. Am besten schreibe ich ihm auch mal.
Hermine spürte Panik in sich aufsteigen.
Nein, das musst du nicht. Ich bin mir sicher, dass er mir schreiben wird, sobald er die Gelegenheit dazu hat. Es ist schon in Ordnung, Ginny. Wirklich. Es ist ja nicht so, als ob wir ein Paar wären.
Sie konnte der Rothaarigen ansehen, dass sie da anderer Meinung war, doch glücklicherweise beließ sie es dabei.
Hermine verfiel wieder in ihre Starre und blickte aus dem Fenster.
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Auch Draco langweilte sich auf der Fahrt zurück zur Schule. Er saß fast allein in seinem Abteil, mal abgesehen von Pansy, die sich neben ihn gesetzt hatte, aber kaum mit ihm sprach. Draco konnte sich ein selbstgefälliges Grinsen nicht verkneifen. Er wusste, was in ihr vorging. Immerhin war sie jetzt schon sechs Jahre um ihn herumscharwenzelt und hatte ihm jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Und das würde sie auch jetzt gerne tun. Lächerlich. Zu dumm, dass auch sie die Tatsache nicht leugnen konnte, dass er die Todesser und den Dunklen Lord verraten hatte und nun irgendwie auf Potters Seite stand. Sich mit ihm einzulassen, würde Gefahren mit sich bringen, und mutig war Pansy noch nie gewesen. Einen kleinen Spaß konnte er sich aber doch wohl mit ihr erlauben.
Er beugte sich langsam über sie drüber und riss sie damit aus ihrem Halbschlaf. Pansy sah ihn aus großen Augen an und keuchte erstaunt.
„Entschuldige, Pansy, ich wollte nur kurz das Fenster aufmachen.“ Während er das eben Angekündigte auch tat, merkte er, wie sie seinen Duft einatmete. Sie war wirklich leicht zu durchschauen.
Er lehnte sich in seinem Platz zurück und grinste sie an. „Lust auf ein bisschen Spaß?“, fragte er und zuckte dabei mit beiden Augenbrauen.
Pansy schnappte nach Luft und antwortete nicht. Immerhin etwas. Ihr hirnloses Geplapper ging ihm nämlich sehr auf die Nerven. Als sie rot wurde, kicherte Draco boshaft.
„Hol deine Gedanken aus der Gosse, Pans. Als würde ich das hier im Zug mit dir machen, wo jeder uns sehen könnte.“
Sie warf ihm einen bösen Blick zu. „Wovon sprichst du?“
Er stand auf und ging in Richtung Abteiltür. „Andere Schüler ärgern?“ Er grinste einladend.
Pansy nickte gehorsam – braves Hündchen – und begleitete ihn auf den Gang. Gleiches Muster wie immer. Draco drängte sich an einer Schar jüngerer Schüler vorbei und gab vor, in Richtung Toilette zu gehen. Pansy blieb am Eingang ihres Abteils stehen. Sie sahen sich über die Kinder hinweg an und sprachen beide sehr leise einen Zauber.
Sofort war die Fröhlichkeit gestört.
„Au, mir sind deine Bücher auf den Fuß gefallen!“
„Mir dein Kessel!“
„Hast du mir eine Haarsträhne abgeschnitten???“
„Wie denn, ohne Schere?“
„Und wieso liegt dann der Großteil meines Pferdeschwanzes auf dem Boden?!“
Draco grinste. So hatte also Pansy gewählt. Er selbst war für den Zauber verantwortlich, der sämtliche Taschen reißen ließ.
In dem allgemeinen Tumult öffnete sich plötzlich die Tür zu einem angrenzenden Abteil und Granger steckte ihren Kopf raus. Sie blickte auf die Schüler, die schimpfend am Boden ihre Sachen zusammensuchten und wandte den Kopf dann nach rechts zu ihm. Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen, während sie auf den Gang trat und sich ihm zuwandte.
„Malfoy, ich weiß ja, dass du dir ganz toll vorkommen musst, wenn du es schaffst ein paar Drittklässler zu tyrannisieren, aber wieso suchst du dir nicht jemanden in deiner Größenordnung?“
Draco setzte gerade zu einer schnippischen Antwort an, als er über Grangers Schulter eine Bewegung wahrnahm. Ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken, hob er den Zauberstab, rief „Impedimentia!“, riss sie an sich und duckte sich mit ihr weg.
Ein lautes Krachen wies ihn darauf hin, dass Pansy gegen die Waggontür geprallt war.
„Alles okay?“, keuchte er und sah Granger an.
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Draco Malfoy wollte mich beschützen?
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Er merkte, wie sie lautlos nickte und drehte sich wieder dem Gang zu. Die Drittklässler starrten ihn verwirrt an und Pansy, die sich gerade wieder aufrichtete, funkelte wütend in seine Richtung.
Draco wusste nicht, warum er sie verhext hatte. Es wäre ihm so nie in den Sinn gekommen. Er ärgerte sich über sich und seine Reaktion. Was scherte es ihn, wenn dem Schlammblut was geschah? Noch mehr ärgerte er sich darüber, dass der Schwall aus Vanille- und Himbeerduft, den Granger ausströmte, immer noch in seiner Nase lag und er es sogar genoss. Weich, weiblich und süß. Er atmete noch mal tief ein.
Schließlich bemerkte er, dass er Granger immer noch im Arm hielt und er ließ sie abrupt los. Sie räusperte sich kurz und klopfte ihren Umhang ab, als wäre er staubig. Dabei murmelte sie vor sich hin.
Es dauerte einen Moment, bis er verstand, was sie sagte. „Er hat mich beschützt. Das ist doch nicht wahr. Er hat mich beschützt.“ Amüsiert verzog er den Mund zu einem kleinen Grinsen.
Granger hob ihren Blick. „Warum hast du mich -“
„Pansy! Wie dämlich bist du eigentlich!“ Die Slytherin zuckte überrascht zusammen. „Ich hätte dir schon mehr Verstand zugetraut. Einen Fluch auf das Schlammblut loszulassen ist ja an und für sich keine schlechte Idee, aber doch nicht, wenn du mindestens fünf Zeugen hast!“ Er deutete auf die Drittklässler. Pansy sah verwirrter aus als jemals zuvor.
Draco war erleichtert zu sehen, dass er anscheinend überzeugend wirkte. Er drehte sich zufrieden zu Granger um und sagte hochnäsig, „Diesmal hast du Glück gehabt. Ich würde mich aber nicht darauf verlassen, dass es anhält. Ach ja… ich habe nichts gesehen. Und ich bin mir sicher, dass unsere lieben Kleinen hier auch nichts gesehen haben, oder?“ Er wandte sich den anderen Schülern zu, die alle nickten. „Dachte ich es mir doch. Tja, Granger, da kann man leider nichts machen. Die Lehrer hätten sicher gerne Zeugen, wenn du ihnen gegenüber behauptest, dass eine Schülerin einen Fluch auf dich schießen wollte.“
Selbstzufrieden lief er zu Pansy, packte sie unsanft am Arm und zog sie in ihr gemeinsames Abteil zurück.
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Hermine kam sich ein bisschen vor wie in einem Traum. Sie wusste, dass Malfoy ein Scheusal war, er hatte es gerade eben wieder einmal eindrucksvoll bewiesen. Und trotzdem konnte sie über eine Sache nicht hinwegsehen, egal, wie er es hinstellte: Er hatte sie beschützt.
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@Rose_Weasley: Danke, ich freu mich, dass es dir gefällt. Ich hoffe, die beiden sind nicht zu sehr OoC.
@Morla79: Ich hoffe, das bleibt auch weiterhin so :-)
@richgirl: Und, auch diesmal zufrieden?
Das Ganze geht langsamer voran, als ich ursprünglich mal geplant hatte. Die beiden hätten eigentlich schon vor zwei Kapiteln wieder in Hogwarts sein sollen, aber anscheinend entwickelt die Geschichte ein Eigenleben. Ich freu mich schon auf eure neuen Kommentare.
Vielen Dank auch wieder an Eponine, meine Beta.
Liebe Grüße
Nitsrek
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