
von Lilly10
Dumbledore stand auf und es wurde still im Saal. Er schritt vor zum Pult und begann zu sprechen:
„Liebe Schüler. Bevor ihr zu essen beginnt, möchte ich euch noch etwas mitteilen: Wie ihr wisst, sind vor mehreren Wochen einige Menschen getötet worden und wir wissen alle, wer dahinter steckt. In der letzten Zeit ist es wieder ruhig geworden, doch ich möchte euch alle dringend warnen: Voldemort ist immer noch eine Gefahr! Es wird erst zu Ende sein, wenn er wir ihn besiegt haben, deshalb haltet euch bitte alle an die Vorschriften: Betretet auf keinen Fall den Wald, geht nicht alleine nach Hogsmeade und entfernt euch nicht zu weit von Hogwarts. Ich möchte euch damit keine Angst einjagen - dieses Schloss ist vorerst ein Ort, an dem euch keine Gefahr droht - aber es ist zu eurer Sicherheit, die mir sehr wichtig ist.“
Dumledore ließ seine Blicke über die Schüler streifen, die ihn alle gespannt ansahen.
„Nun, dann wünsche ich euch einen guten Appetit.“, sagte Dumbledore und ging zurück zum Lehrertisch, um sich zu setzen. Die Schüler begannen wieder zu lärmen und zu plaudern, doch Marianne ließ etwas nicht los.
Sie hatte ein dumpfes Gefühl, dass etwas geschehen würde. Schon bald, ja, morgen würde etwas geschehen.
Plötzlich sah sie für einen Moment einen schwarzen Kamin vor sich. Marianne bekam Angst und fragte sich, was mit ihr los war.
Dumbledore hatte doch gesagt, dass sie hier sicher waren.
Doch plötzlich fühlte sie, dass diese Angst nicht grundlos war. Plötzlich wusste sie, dass es morgen passieren würde.
Marianne stand auf und Cho fragte sie, ob sie denn nichts essen wolle.
„Doch, ich komme gleich wieder.“, sagte Marianne und stand auf.
Sie ging auf den Lehrertisch zu, an dem die Professoren aßen und sich unterhielten. Marianne blieb vor dem Tisch stehen und Dumbledore verstummte, als er sie sah.
„Professor.“, sagte Marianne
„Was ist los, Marianne?“, fragte er sie freundlich.
„Morgen wird jemand getötet.“, sagte sie leise, doch plötzlich verstummten die Lehrer um Dumbledore und die Blicke wandten sich Marianne zu, die an ihrem Tisch stand.
Ihre Worte hatten sie hellhörig gemacht und nun sahen sie sie an. Einige warteten auf die Erklärung, warum sie das wusste, ein paar schienen verärgert, da Mariannes Worte die Stimmung gedrückt hatten, doch insgesamt waren sie alle besorgt.
Dumbledore sah sie lange an, dann sagte er, noch immer freundlich:
„Hat dir das jemand gesagt, Marianne?“
Das Mädchen schüttelte den Kopf.
„Woher weiß du es dann?“, fragte Dumbledore weiter.
Marianne fühlte sich irritiert von den Blicken der Professoren und sagte leise:
„Ich weiß es einfach.“
Nach einem kurzen Moment wandten sich einige der Lehrer wieder ab und nahmen ihre Gespräche wieder auf.
Das war wieder einmal ein kleines Mädchen, das glaubte, wichtig zu sein. So beruhigten sie sich selbst und verdrängten diese unangenehme Unterbrechung. Ein paar wenige, darunter Professor McGonagall, Professor Snape und Dumbledore, schienen dies nicht sofort als Spinnerei abzutun.
Sie blieben jedoch vorerst ruhig und Dumbledore sagte:
„Was weißt du noch darüber, Marianne? Kannst du mir noch etwas darüber sagen?“
„Ich … es ist bei einem Kamin, er ist ganz schwarz.“
„Der Kamin?“
Marianne nickte.
„Ich möchte, dass du nach dem Essen noch kurz mit mir kommst, in Ordnung?“, sagte Dumbledore ruhig und Marianne nickte erneut, dann drehte sie sich um und ging zurück zu ihrem Platz.
Sie hatte jedoch keinen Appetit mehr und stocherte nur lustlos in ihrem Essen.
Was hatte sie sich eigentlich dabei gedacht, so etwas vor allen Lehrern zu Dumbledore zu sagen, fragte sie sich.
Sie wusste doch nicht einmal, was sie ihm wirklich erzählen sollte. Sie wusste doch gar nicht, ob das wirklich stimmte, was sie sagte. Es war nur so, dass sie fühlte, dass es passieren würde, aber das konnte genauso gut Einbildung sein, dachte Marianne und bereute schon ihr voreiliges Handeln.
Was würde Dumbledore sie noch fragen?
Egal was er wissen wollte, sie würde ihm nicht mehr sagen können, als sie schon gesagt hatte und es würde so aussehen, als wollte sie sich nur wichtig machen.
Mit ungutem Gefühl folgte sie nach dem Mittagessen Dumbledore, der in Begleitung von Snape zu ihr kam, in sein Büro.
Dort bat er sie, sich zu setzen und sagte:
„Du hast gesagt, du weißt, dass morgen jemand getötet wird. Seit wann weißt du das?“
„Seit … seit vorhin, als Sie von … von Voldemort gesprochen haben.“, sagte Marianne und schämte sich bereits etwas, da sie nicht mehr wirklich daran glaubte, doch Dumbledore blieb freundlich:
„Gut. Kannst du mir beschreiben, wie das passierte, dass du es plötzlich gewusst hast?“
„Ich weiß es nicht genau, Professor …“
„Versuche einfach zu beschreiben, was du gefühlt hast.“
Marianne fühlte, wie Snape sie beobachtete und Dumbledores Blick auf ihr ruhte. Snapes Anwesenheit machte sie nervös.
„Ich … ich dachte an … an das, was Sie über Voldemort gesagt haben und plötzlich sah ich das Bild vor mir; den schwarzen Kamin, und dann … dann kam so eine kalte Angst in mir hoch. So beklemmend - als würde mir jemand den Oberkörper zusammendrücken. Ich bekam ein Gefühl … ein ganz deutliches Gefühl – dass etwas passieren würde.“
„… Ich verstehe, Marianne. Hattest du das schon einmal?“
„Nein.“
„Ist das alles, was du mir sagen kannst?“
„Ja.“, sagte Marianne.
„Ok, dann darfst du jetzt gehen, danke Marianne.“
Marianne stand zögernd auf und sah Dumbledore an.
„Professor. Was … was werden Sie jetzt tun?“
Er sah auf und erwiderte freundlich:
„Nun, leider können wir nicht alle Menschen mit schwarzen Kaminen aufsuchen, aber hier in Hogwarts gibt es keine schwarzen Kamine, also mach dir keine Sorgen. Wir sind hier in Sicherheit.“
Marianne nickte. Sie spürte den durchdringenden Blick von Snape auf ihr und die Situation wurde ihr noch unangenehmer. Schnell wandte sie sich um und ging hinaus.
Sie ging in die Bibliothek und verbrachte dort ihren Nachmittag mit lesen. Als sie abends ins Bett ging, dachte sie wieder daran, was sie beim Mittagessen gefühlt hatte. Beklemmung machte sich in ihr breit und sie wusste nicht, ob es wegen diesem Erlebnis war oder deshalb, weil sie nicht wusste, was sie sich wünschen sollte: Dass nichts passierte und sie als Wichtigtuerin da stand oder dass wirklich geschah, was sie gefühlt hatte?
Marianne wurde mulmig, wenn sie an den nächsten Tag dachte, doch irgendwann schlief sie ein. Um sieben Uhr läutete ihr Wecker und sie machte sich mit ihrem Freundinnen bereit für das Frühstück. Als sie in den Saal gingen, war es noch ruhig, nur hin und wieder flog eine Eule mit einem Paket durch das geöffnete Fenster. Als Marianne sich etwas zu Essen gemacht hatte, sah sie, dass ihre Eule mit der Zeitung auf sie zuflog und es gab ihr einen Stich ins Herz.
Was würde in der Zeitung stehen?
Sofort schlug sie sie auf, doch als sie durchblätterte war alles wie sonst, kein neuer Mord oder etwas dieser Art, kein Verbrechen, nichts.
Marianne begann zu essen und die Anspannung fiel immer mehr von ihr.
Der Tag verlief gewöhnlich, die Schulstunden waren eher langweilig und am Nachmittag ging Marianne mit ihren Freunden hinaus an den See. Die Sonne schien und es war ein warmer Tag. Unbewusst erwartete Marianne jeden Moment diese Nachricht, doch alles blieb ruhig.
Als sie am Abend ins Bett ging, war sie sich schließlich sicher, dass sie sich getäuscht hatte. Sie hoffte, dass auch die Lehrer den Vorfall bald vergessen würden und schlief bald ein.
Am nächsten Morgen klingelte der Wecker erneut um sieben und Marianne machte sich lustlos auf zum Essen. Ein neuer, langer Schultag stand vor ihr und sie wusste, dass sie sich gestern besser vorbereiten hätte sollen anstatt mit ihren Freundinnen am See zu sitzen.
Der Saal war nur halb voll und einige der Schüler saßen in Grüppchen zusammen und tuschelten. Müde goss sie etwas Milch und Haferflocken in ihre Schüssel und sah dabei ihre Eule nicht kommen. Plötzlich landete sie vor ihr auf dem Tisch und eine Feder verirrte sich in ihre Schüssel. Marianne fing genervt die Feder heraus, nahm ihr die Zeitung ab und – stockte.
Sie starrte das Bild an, das auf dem Titelblatt prangte und konnte es nicht fassen. Ein schwarzer Kamin war abgebildet, er war schwarz vom Russ und davor konnte man eine große Blutlache erkennen.
„Unfassbarer Mord in Salford – Middlesbrough.“, las sie in der obersten Zeile.
Sofort überflog sie den Text.
Ein fünfzig Jahre alter Mann war am Abend tot aufgefunden worden. Seine Leiche war zerstückelt und über dem Kamin aufgehängt worden. Von dem Täter war keine Spur und das Motiv unklar. So weit man wusste, war der Mann ein anständiger Zauberer gewesen, der seit zwanzig Jahren einen bürgerlichen Job hatte. Wie er jedoch zuvor sein Geld verdient hatte, war nicht bekannt. Er hinterlässt seine Frau und einen erwachsenen Sohn. - Mariannes Herz begann laut zu schlagen.
Was bedeutete das? Wie hatte sie so etwas vorhersehen können?
Plötzlich sah sie, dass Professor McGonagall den Saal betrat und auf sie zukam.
Marianne sah sie an und wusste, dass sie gemeint war. Ihr Gesicht war nicht wie sonst freundlich und aufgeschlossen, sondern ernst und streng.
„Professor Dumbledore möchte Sie sprechen, Miss Richis.“, sagte sie kurz und Marianne nickte. Ihre Freundinnen sahen verwundert auf, doch als sie erkannten, dass weder McGonagall noch Marianne ihnen erklären würde, was los war, vertieften sie sich wieder in ihre Zeitung.
Marianne lief hinter Professor McGonagall her und hatte Mühe, mit ihr Schritt zu halten. Ihr war etwas mulmig zumute, denn sie wusste nicht, wie Dumbledore darauf reagierte, dass sie diesen Mord vorhergesehen hatte und was das überhaupt für sie bedeutete. Konnte es sein, dass sie Marianne selbst für den Mord verantwortlich machten?
Professor McGonagall jedenfalls schien ihr nicht sehr wohl gesonnen zu sein und Marianne wünschte sich immer mehr, dass sie nichts gesagt hätte.
Als sie das Büro betrat, sah sie Dumbledore, Snape und Professor Moody versammelt.
Sie sprachen kein Wort, als Marianne eintrat, sondern sahen sie nur ernst an, Snape mit durchdringendem Blick.
„Marianne, wie du wahrscheinlich bereits gelesen hast, ist eingetreten, was du vorhergesagt hast.“, begann Dumbledore.
Marianne nickte und sah betroffen zu Boden. Sie fühlte sich, als hätte sie Schuld daran. Aber was dachten die anderen?
„Das bedeutet also, dass du Dinge vorhergesehen hast. Du fragst dich wahrscheinlich, wie du das gemacht hast.“
Marianne nickte bedrückt.
„Nun, so etwas passiert nicht einfach. Niemandem fliegt die Zukunft in die Hände, man kann nicht einfach sehen, was passieren wird - es sei denn …“
Marianne sah ihn erwartungsvoll an.
„Es sei denn, ein Mensch überträgt seine Gedanken.“
Marianne sah Dumbledore an.
Sie hatte sich etwas eingeschüchtert gefühlt, als sie vorhin ins Büro kam und sich alle Blicke auf sie gerichtet hatten, doch nun ergriff sie das Wort und fragte:
„Das heißt, dass der … der Mörder mir seine Gedanken übertragen hat? Dass er zu dem Zeitpunkt, als ich den Kamin gesehen habe, bereits vorhatte, dort jemanden zu töten?“
„Ja, das ist völlig richtig gedacht.“, erwiderte Dumbledore.
„Und wissen Sie, wer … wer ihn getötet hat?“
„Nun, ich habe zu dem Zeitpunkt, als du diese Vorahnung hattest, gerade von Voldemort gesprochen. Professor Snape vermutet, dass der Gedanke an ihn diese Übertragung ausgelöst hat und das würde bedeuten, dass er es war, der diesen Mann getötet hat.“
Marianne sah ihn an und sagte nichts.
Sie wusste nicht, ob es nun gut oder schlecht war, dass sie Voldemorts Gedanken gesehen hatte, doch es machte ihr Angst und ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter. Doch auch Snapes durchdringender Blick flößte ihr Angst ein, sie hatte das Gefühl, er wusste genau, was hier passierte und – dass er sie dafür zur Rechenschaft ziehen würde.
„Nun, Marianne, wir wissen nicht, wie das zustande kommen konnte, aber Professor Snape ist Meister in dem Fach der Okklumentik und Legilimentik und hat sich bereit erklärt, das zu untersuchen. Am Wichtigsten ist, dass wir herausfinden, ob Voldemort auch in deine Gedanken eindringen kann.“
Marianne nickte und wagte nicht zu widersprechen, denn die Lage schien ernst zu sein.
Wenn Voldemort wirklich ihre Gedanken lesen konnte, würde er dadurch sehr viel über Hogwarts erfahren.
Von der Vorstellung, Snapes Versuchskaninchen zu sein, war Marianne jedoch nicht sehr erfreut. Snape hasste die Ravenclaws nicht so wie die Gryffindors und Hufflepuffs, doch die gute Freundschaft mit Sirius und Remus hatte sie bei Snape unbeliebt gemacht, da half auch nicht, dass Snape wusste, dass sie Harry Potter nicht mochte.
Jeder, der mit seinem Erzfeind Sirius befreundet war, hatte als seine Schülerin nichts zu lachen, das hatte Marianne schon mehrmals erfahren. Snape würde sie bestimmt dafür büßen lassen, wenn sie außer Reichweite Dumbledores waren.
Dumbledore unterbrach ihre Gedanken, als er sagte:
„Professor Snape wird heute Nachmittag beginnen, dich Okklumentik zu lehren … Das ist vorerst alles. Und solltest du wieder etwas sehen, berichte es einem von uns Vieren.“
Marianne nickte, verabschiedete sich von den Professoren und verließ Dumbledores Büro.
„Severus, eines noch.“, sagte Dumbledore, bevor er seinen Kollegen gehen ließ.
„Ja?“, erwiderte er und wandte sich zu ihm um.
„Mach ihr das Leben nicht schwerer, als es sein muss.“
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst, Albus.“, erwiderte Snape knapp.
„Versuch wenigstens, etwas netter zu ihr zu sein, als üblich.“
Als Snape nicht antwortete, sagte Dumbledore bittend:
„Severus.“
Nach einem kurzen Moment erwiderte er:
„Wie du meinst … Guten Abend, Albus.“
Damit verbeugte er sich kurz und verließ das Büro.
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