
von Lilly10
Snapes Erinnerung machte einen Zeitsprung und im nächsten Moment befand sich Dumbledore in einer weiteren, am darauf folgenden Tag stattfindenden Erinnerung. Auch diesmal folgte er Snape, der zielstrebig den Weg entlang auf ein großes Haus zuging. Das Haus wirkte etwas heruntergekommen, aber man konnte erkennen, dass es einmal eine schöne Villa gewesen sein musste.
Schon von weitem richtete Snape seinen Zauberstab auf die Tür, die sofort aufging und ihn hindurch ließ. Er schritt durch einen großen Saal, dessen einziger Einrichtungsgegenstand ein Luster war, deshalb strahlte der Raum eine kalte und ungemütliche Atmosphäre aus. Snape durchquerte den Saal und als er durch die nächste Tür wollte, ging diese auf, noch bevor er den Zauberstab gehoben hatte. Wurmschwanz erschien in der Tür und stellte sich ihm in den Weg. Er schien gewusst zu haben, dass Snape auf dem Weg war, denn er sah nicht überrascht aus.
„Was willst du hier?“, fragte er mit seiner dünnen, verschlagenen Stimme.
„Ich muss mit ihm sprechen, es ist dringend.“, antwortete Snape.
Wurmschwanz musterte ihn.
„Warte hier.“, sagte er schließlich und schloss die Tür.
Snape blieb stehen, wo er war und wartete, ohne sich einen Zentimeter zu bewegen. Es waren etwa zwei Minuten vergangen, da kam Wurmschwanz zurück und forderte ihn mit einem Nicken auf, einzutreten. Snape rauschte an ihm vorbei und achtete nicht weiter auf den niederen Assistenten des dunklen Lords. Dumbledore folgte ihm, als er durch den Raum hindurch ging und durch eine weitere Türe auf der rechten Seite trat. Dort befand sich ein großer Raum mit einem langen Tisch und vielen Stühlen, an dessen rechten Ende Voldemort saß. Snape blieb stehen und er wandte den Kopf.
„Severus, welch ein seltener Gast! Ich höre, du hast Neuigkeiten...“
„Ich komme im Auftrag Dumbledores. Er ist misstrauisch geworden und verlangt Informationen über Eure Pläne.“
„Nun, dann sag ihm, dass es nicht mehr lange dauern wird.“, sagte er und grinste, während er mit seinen Fingerspitzen zärtlich über seinen Zauberstab strich, als wäre es ein geliebtes Haustier.
„Was habt Ihr vor?“
„Was genau ist nicht von Bedeutung für dich, Severus.", erwiderte er. "Aber es ist gut, dass du hier bist, denn ich brauche etwas von dir: Ich muss wissen, wie Dumbledore die schwarzmagischen Schutzzauber manipuliert hat. Es ist die letzte Hürde, die ich noch nicht überwinden konnte...“
„Er wird es mir niemals verraten, Mylord. “, entgegnete Snape. "Um an die Informationen heranzukommen, müsste ich in Dumbledores Denkarium eindringen."
„So ist es.“
Snape sah ihn an, doch Voldemort sagte nichts weiter.
„Das ist unmöglich.“, stellte Snape fest.
Voldemort schnellte von seinem großen Sessel und kam auf ihn zu.
„Unmöglich, Severus?“, fragte er, während er in einem Bogen um ihn herum ging. „Gerade von dir hätte ich nicht erwartet, so etwas zu hören. Du solltest doch wissen, dass für mich nichts unmöglich ist.“
Snape hielt dem stechenden Blick Voldemorts ruhig stand und erwiderte:
„Ich werde mein Bestes tun, Mylord.“
„Es liegt in deinem Interesse, Severus. Du weißt, wie ärgerlich ich werde, wenn mich meine Todesser enttäuschen.“
Oh ja, Snape erinnerte sich nur allzu gut an die Schmerzen, die er unter Voldemorts Zorn bereits erlebt hatte. Er musste ganz bestimmt nicht darauf hingewiesen werden, was es bedeutete, den dunklen Lord zu enttäuschen.
Voldemort war um ihn herum gegangen und stand nun hinter ihm. Er spürte die bedrohliche Anwesenheit in seinem Rücken, doch er stand ruhig da und verbarg seine Unruhe. Würde er ihn erneut foltern? Der Schmerz konnte ihn jeden Moment treffen – und die Erwartung dessen war fast genauso schlimm.
Snape bereute bereits, dass er gezögert hatte.
„Severus.“, hörte er den dunklen Lord sagen.
Voldemort stellte sich vor ihn und sah ihm in die Augen.
„Wo liegt deine Loyalität?“
„Bei Euch, Herr.“, antwortete Snape ohne zu zögern. „Schon immer.“
Voldemort schien mit dieser Antwort zufrieden, denn er zeigte sein hässliches Lächeln.
„Gut. Trotzdem erwarte ich mir eine größere Bereitschaft von dir, wenn ich mit einer Aufgabe an dich trete. Was habe ich davon, dass du in Hogwarts sitzt, wenn du mir die Informationen nicht beschaffst, die ich verlange?“
„Welche Information ist es genau, die Ihr benötigt?“, fragte Snape, ohne auf Voldemorts Drohungen einzugehen.
„Ich habe bereits einen Weg gefunden, die Schwachstellen der Schutzzauber auszunützen, doch Dumbledore hat den schwarzmagischen Bann weiterentwickelt. Ich muss wissen, wie er ihn verändert hat. Jeder Fluch hat irgendwo eine Lücke, eine Schwachstelle, an der er angreifbar ist... Nur er besitzt dieses Wissen und ich brauche es so schnell wie möglich.“
„Ich werde mich darum kümmern.“, versprach Snape.
„Und noch eines, Severus...“, sagte Voldemort. Er war zu seinem Sessel zurückgegangen und ließ sich wieder darauf nieder. „Dieses Mädchen, das meine Gedanken gelesen hat... sie ist für mich sehr interessant...“
„Ihr meint Marianne Richis.“, stellte Snape ruhig fest.
„Richtig. Ihre Gabe, über Distanz Legilimentik auszuüben, ist bemerkenswert. Es wäre von äußerstem Vorteil, sie zu besitzen...“
„Sie ist nicht im Stande, es zu kontrollieren, Mylord.“, entgegnete Snape, doch Voldemort ging nicht darauf ein.
„Sie ist deine Schülerin, Severus, erzähl mir mehr von ihr.“
„Nun, sie ist eine Schülerin wie jede andere, es ist nichts Besonderes an ihr. Ich habe sie im Auftrag Dumbledores in Okklumentik unterrichtet, deshalb kann sie ihren Geist schützen, sie ist aber nicht imstande zu kontrollieren, in wessen Geist sie eindringt. Dass sie damals in Eure Gedanken eingedrungen ist war nichts weiter als ein Zufall und wie Ihr wisst, hat es sich nicht wiederholt.“
„Man könnte sie in Legilimentik einweisen...“, überlegte Voldemort. „Mit etwas Druck könnte man sie dazu bringen, es zu erlernen und mir die Informationen zu übermitteln, die ich haben will. Sie könnte in Dumbledores Gedanken eindringen...“
Snape entgegnete nichts. Voldemort sah nachdenklich vor sich hin, dann sagte er:
„Was denkst du, Severus?“
„Ich denke, dass sie mindestens ein halbes Jahr brauchen würde, um Legilimentik zu erlernen. Mit Verlaub, Sir, es wäre viel Aufwand und es gibt keinen Hinweis darauf, dass es überhaupt funktionieren kann, denn es hat noch niemand zuvor über Distanz Gedanken gelesen.“
Snapes Blick fiel auf die riesige Schlange Nagini, die gerade aus einem Winkel angekrochen kam und an Voldemorts Bein hinauf glitt. Während er nachdachte, strich er gedankenverloren über ihren Kopf. Nagini wandte sich ihm hissend zu und schließlich sah Voldemort sie an.
„Du hast Hunger, nicht wahr, Nagini?“, sprach er zu ihr.
Die riesige Schlange befand sich nun fast zur Gänze auf Voldemorts Schoß und glitt über seinen Arm hinauf um seinen Nacken herum.
„Ich weiß, an deinem letzten Mahl war nicht viel dran, aber ich habe bereits eine neue Mahlzeit für dich...“
Er begann, in Parselmund mit der Schlange zu reden. Snape hatte keine Ahnung, was es bedeutete und sein Herz schlug schneller. Er hatte eine Abneigung gegen diese Schlange und dass er nicht verstand, was der dunkle Lord mit ihr sprach, machte es nicht besser. Trotzdem blieb Snape stehen, wo er war und wartete, bis Voldemort sich ihm wieder zuwenden würde. Gleichzeitig versuchte er die Anspannung zu unterdrücken, die der Anblick des sich windenden Tiers in ihm auslöste.
Plötzlich lächelte Voldemort kurz und Snape fragte sich, ob dieser seine Unruhe wahrgenommen hatte. Dann sah er Snape wieder an und sagte:
„Ich möchte, dass du mir die Informationen so schnell wie möglich beschaffst. Danach erwarte ich dich wieder hier.“
„Wie Ihr wünscht, Mylord.“
Snape neigte langsam den Kopf vor ihm, dann wandte er sich um und eilte durch den Saal in Richtung Ausgang, froh, diesen schrecklichen Ort hinter sich lassen zu können.
Im nächsten Moment zog Dumbledore die Nase aus dem Denkarium. Er ließ die Erinnerungen eine Weile auf sich wirken und wandte sich dann an Snape:
„Vielen Dank, Severus. Ich habe bereits befürchtet, dass Bathilda tot ist..."
Snape nickte. Er selbst hatte Bathilda nicht gekannt, aber er wusste, dass sie eine alte Freundin Dumbledores war.
"Aber ich bin froh, dass sie standgehalten hat, sie hat ihm tatsächlich nichts Brauchbares verraten...", fuhr der Direktor schließlich fort. "Sie hat dafür gesorgt, dass Hogwarts nicht in unmittelbarer Gefahr ist, aber wir müssen trotzdem wachsam und vorsichtig bleiben.“
„Selbstverständlich.“, erwiderte Snape. „Sollen wir die anderen Lehrer benachrichtigen?“
„Nein, derzeit sehe ich noch keinen Grund dafür. Aber Voldemort hat Recht, die Schutzzauber sind in der Tat noch immer angreifbar, trotz meiner Veränderungen. Ich werde zur Sicherheit einen zusätzlichen Schutz auf das Schlossgebäude legen; Hogwarts ist dann immer noch geschützt, sollte es ihm gelingen, ins Gelände einzudringen.“
Snape nickte und Dumbledore fuhr fort:
„Berichte ihm von meinen Änderungen am Anti-Eindringlingsfluch, diese Informationen sind ohnehin nutzlos, denn der Zauber wird von den anderen schwarzmagischen Schutzzaubern abgedeckt.“
„Gut.", sagte Snape. "Und bezüglich Richis?“
„Nun, die Ausflüge nach Hogsmeade könnten ein Problem darstellen...“, erwiderte Dumbledore. „Es ist die einzige Möglichkeit, wo Voldemort sie angreifen könnte.“
„Das ist kein Problem. Ich werde ihr untersagen, dort hinzugehen.“, erwiderte Snape.
Dumbledore sah ihn überrascht an.
„Sie hat ohnehin noch eine Strafe ausständig.“, erklärte Snape.
„Ja, das weiß ich.“, erwiderte Dumbledore.
Snape runzelte die Stirn.
„Ist sie etwa angekrochen gekommen, um sich über mich zu beschweren?!“, fragte er und sein linker Mundwinkel zuckte verächtlich. Der Direktor schüttelte den Kopf.
„Nein, im Gegenteil, Severus: Sie kam in dein Büro, um sich der Strafe zu stellen.“
Snapes triumphierendes Lächeln verschwand und Dumbledore fragte:
„Was ist denn diesmal das Verbrechen, das sie begangen hat, Severus?“
„Sie hat einen Zeitumkehrer benutzt.“, knurrte er.
„Hmm...“, machte der Direktor anerkennend und meinte dann: „Nun, die Schüler werden immer kreativer.“
„Frecher wäre der treffendere Ausdruck dafür.“, erwiderte Snape scharf, doch Dumbledore lächelte nur – wie immer, wenn einer der Schüler einen besonderen Streich ausgeheckt hatte.
„Nun, eigentlich hatte ich den Eindruck, sie versucht alles, um es dir Recht zu machen. Sie hat sogar deinen Mantel zurückgebracht.“
„Meinen Mantel?“
„Ja. Ich war in deinem Büro, als Marianne kam.“
Plötzlich fiel es Snape wieder ein. Er hatte Marianne nach dem Konzert seinen Mantel geliehen. Er blickte den Direktor an, denn es musste wohl komisch auf ihn wirken, dass eine Schülerin mit seinem Mantel herumlief. Er wollte gerade zu einer Erklärung ansetzen, als Dumbledore weitersprach:
„Sie hat sich nach dir erkundigt.“
„Das kann ich mir vorstellen.“, erwiderte er zynisch. „Sie hat wohl gehofft, dass ich nicht mehr zurückkomme und sie ihrer Strafe entgehen kann.“
„Im Gegenteil, Severus.“, entgegnete Dumbledore. „Lupin ist gestern Abend bei mir gewesen und hat mich gefragt, was los ist. Scheinbar hat sie sich Sorgen gemacht, als sie hörte, dass du weg bist.“
„Tatsächlich?“, spottete er. „Wie rührend...“
Dumbledore zuckte mit den Schultern.
„Ich möchte nur, dass du weißt, dass du auch den Schülern nicht egal bist.“
Snape schnaubte.
„Danke, darauf kann ich verzichten.“
„Wie du meinst...“
Damit entließ der Direktor Snape und als die Tür zugefallen war, lehnte er sich zurück und seufzte zufrieden. Das hast du wieder einmal gut hingekriegt, Albus, sagte er zu sich selbst und lächelte.
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