
von Lilly10
Marianne nahm Snapes Zaubertränke regelmäßig ein, doch mit der Zeit vergaß sie die Erlebnisse und brauchte sie immer weniger. Die Gewissheit, dass Lucius Malfoy hinter Gittern saß, half ihr, über die Erinnerungen hinweg zu kommen.
Gleichzeitig kamen die Abschlussprüfungen immer näher und sie musste immer mehr lernen, daher hatte sie wenig Zeit zum Nachdenken und akzeptierte irgendwann auch, dass Snape Abstand zu ihr hielt. Er behandelte sie nach außen hin wie jeden anderen Schüler, weder besonders freundlich noch besonders unfreundlich. Ihr Vertrauen darin, dass er es ernst meinte und nur darauf wartete, dass sie die Schule beendete, geriet immer mehr ins Wanken, doch sie hatte gar keine Zeit, sich zu viele Gedanken zu machen, denn sie saß die meiste Zeit mit ihren Freundinnen im Zimmer und lernte.
Die Wochen vergingen und draußen wurde es immer wärmer. Hin und wieder gönnte sich Marianne in den Lernpausen einen Spaziergang um den See.
Als sie eines Nachmittags durch die Tore hinaustrat, blendete sich bereits die Sonne, doch bald gewöhnte sie sich an die Helligkeit und ließ sich von den ersten warmen Sonnenstrahlen das Gesicht wärmen. Es war wunderschön, wie der See glitzerte und die Vögel zwitscherten, und sie schritt alleine den Weg entlang über die Wiese. Eigentlich hätte sie in dem Moment wunschlos glücklich sein müssen, doch sie fühlte ein unangenehmes Brennen in ihrer Brust. Sie spürte, dass es die Sehnsucht war, und dieses Gefühl war ihr nur allzu gut bekannt.
Immer, wenn sie etwas Schönes erlebte, sehnte sie sich nach Snapes Nähe – all die schönen Momente wären nur dann perfekt, wenn er bei ihr wäre und das Erlebnis mit ihr teilte. Wie schön wäre es doch, wenn sie mit ihm diesen Weg entlang gehen könnte – an seiner Seite. Würde er es irgendwann einmal zulassen...?
Sie ging weiter, während sie die Bienen summen hörte, und setzte sich schließlich ins Gras und lehnte sich an einen warmen Stein. Sie blickte über den See und wünschte sich Snape herbei, doch sie wusste, dass sie umsonst wartete. Er hatte ihr sehr klar gemacht, dass er es nicht wollte. Schließlich schloss sie die Augen und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen, während sie von ihm träumte. Was machte er wohl gerade? Und dachte er auch so oft an sie wie sie an ihn? Sie war müde und nach einiger Zeit döste sie leicht ein.
„Miss Richis, was machen Sie denn hier?“
Die Stimme riss Marianne wieder auf. Sie öffnete überrascht ihre Augen, denn sie hatte hier mit niemandem gerechnet. Sie war leicht enttäuscht, als sie McGonagall vor sich sah. Sie hatte sich doch Snape herbeigewünscht.
„Ich mache nur eine kurze Pause, Professor.“, antwortete sie.
„Verstehe.“, erwiderte McGonagall. „Nun, da sich gerade die Gelegenheit dazu bietet, möchte ich Ihnen noch etwas sagen. Es ist zwar nicht direkt meine Aufgabe, weil ich nicht Ihre Hauslehrerin bin, aber Sie sollten wissen, dass Sie jederzeit zu mir kommen können, wenn Sie über etwas reden möchten.“
Marianne sah zu ihr hoch und fragte sich, worauf sie hinaus wollte. McGonagall schien ihr die Verwunderung anzusehen und sprach weiter:
„Ich habe bemerkt, dass Sie die letzten Monate sehr - wie soll ich sagen - sehr viel Zeit beim Nachsitzen verbracht haben und Ihre Leistung im Unterricht sehr stark schwankt...“
Marianne starrte sie an. Wollte McGonagall sie zu Recht weisen oder worauf lief dieses Gespräch hinaus?
„Worauf auch immer dieses Nachsitzen und diese Schwankungen begründet waren - wenn es irgendetwas gibt, das Sie jemandem anvertrauen möchten, dann können Sie jederzeit zu mir kommen.“
Marianne war immer noch verwundert, aber sie antwortete höflich.
„... Vielen Dank, Professor.“
McGonagall nickte und beendete dann dieses Gesprächsthema, indem sie zum Himmel blickte.
„Es wird bereits kühl, ich mache mich auf zum Schloss. Sie sollten übrigens aufpassen, dass Sie sich nicht erkälten – die Prüfungen stehen ja vor der Tür.“
„Ja, Sie haben recht, das werde ich.“, versprach Marianne und damit eilte McGonagall davon in Richtung Schloss.
Marianne blieb sitzen und sah ihr verwundert nach. Was sollte das denn bedeuten? Hatte die Professorin irgendetwas mitbekommen? Irgendetwas gehört, das sie Verdacht schöpfen ließ? Marianne konnte es sich nicht vorstellen, aber man wusste ja nie, welche Wände alle Ohren hatten...
Schließlich stand Marianne auf. Es war tatsächlich schon kühl geworden und außerdem wollte das angenehme Gefühl von vorhin nicht mehr zurückkommen. Sie ging zurück ins Schloss und setzte sich zu ihren Freundinnen zum Abendessen.
Auch die letzten beiden Wochen vergingen und schließlich stand der Prüfungstag bevor. Marianne war bereits am Vortag wahnsinnig nervös – genauso wie ihre Freundinnen.
„Was ist, wenn ich durchfalle...!?“, sagte Lissie besorgt.
„Du wirst ganz bestimmt nicht durchfallen.“, beruhigte sie Lisa. „Ich kenn dich doch, du wirst überall die Bestnote haben.“
Lissie lachte nur verzweifelt auf und Jenny begann plötzlich, panisch in ihren Unterlagen nach etwas zu suchen:
„Oh Gott, ich kann mich nicht mehr erinnern, wann der erste Zauberer-Aufstand stattgefunden hat.“
Genauso hektisch und angespannt verlief der ganze Abend vor den Prüfungen. Marianne war froh, als sie ins Bett gingen und den Lernstoff endlich liegen ließen.
Am nächsten Tag waren alle Mädchen bereits vor dem Wecker munter und standen viel zu bald auf. Keiner hatte Hunger, deshalb warteten sie fiebrig darauf, dass sie endlich die Prüfungen hinter sich bringen konnten.
Eine halbe Stunde später war es so weit und sie gingen gemeinsam hinunter in die große Halle. Alles war umgebaut, die langen Bänke der vier Häuser waren verschwunden und stattdessen standen lauter Einzeltische mit einem bestimmten Abstand nebeneinander - und jeder bekam einen eigenen Tisch zugewiesen. Die Schüler sammelten sich und als endlich jeder an seinem Platz saß und Ruhe eingekehrt war, bekamen sie die Prüfungsbogen. Marianne schlug nervös die erste Seite auf und las die erste Frage durch. Gott sei Dank, sie konnte sie ohne Probleme beantworten. Auch zu den nächsten fiel ihr etwas ein, das sie schreiben konnte, auch wenn sie sich nicht hundertprozentig sicher war, dass es richtig war...
Es dauerte drei Stunden, doch die Prüfungen liefen für Marianne und ihre Freundinnen gut. Marianne schrieb fast die ganze Zeit durch und ihre Hand schmerzte, als sie nach drei Stunden ihren Prüfungsbogen abgab. Sie waren völlig am Ende, als sich die Freundinnen danach vor der Halle trafen. Müde sahen sie sich an, doch schließlich überwog die Euphorie.
„Wir haben es geschafft!“, riefen sie und sie fielen sich um den Hals.
So ganz konnten sie es noch gar nicht glauben, dass sie tatsächlich die Schule abgeschlossen hatten. In ein paar Tagen würden sie abreisen und ein völlig neues Leben würde beginnen...
Es war ziemlich warm draußen und sie verbrachten einen schönen restlichen Tag, denn sie entschieden, zur Feier des Tages an den See zu gehen und zu Picknicken.
Ein paar Tage später hielt Marianne ihr Abschlusszeugnis in der Hand und las es sofort aufgeregt durch:
Zauberkunst: Erwartungen übertroffen
Verwandlung: Erwartungen übertroffen
Astronomie: Annehmbar
Zaubertränke: Ohnegleichen
Verteidigung gegen die dunklen Künste: Ohnegleichen
Kräuterkunde: Annehmbar
Geschichte der Zauberei: Erwartungen übertroffen
Alte Runen: Ohnegleichen
Arithmantik: Erwartungen übertroffen
Wahrsagen: Annehmbar
Marianne konnte es kaum fassen, dass sie so gute Noten bekommen hatte, aber besonders glücklich machte sie die hervorragende Note in Zaubertränke. Snapes Nachhilfe in Sachen Zaubertränke hatte ihr sehr viel gebracht – bestimmt würde er stolz sein, wenn er ihre Note sah. Aber würde er sie überhaupt sehen...? Marianne dachte an Snape und ihr Herz schlug höher. Wie er sich wohl verhalten würde, wenn sie ihn wiedersah? Sie war jetzt offiziell keine Schülerin mehr...
„Hey, was hast du denn bekommen?“, unterbrach Lisa ihre Gedanken. Sie tauschten ihre Zeugnisse aus und freuten sich gemeinsam über die guten Noten. Sie waren richtig aufgeregt. Nun hatten sie tatsächlich die Schule abgeschlossen! Es stand ein weiteres aufregendes Kapitel ihres Lebens vor ihnen, aber Marianne hoffte, dass sie durch gewisse Umstände noch mit der Schule in Verbindung bleiben würde.
In den nächsten Tagen hatte Marianne keine Schule mehr und sie verbrachte die Zeit daher mit ihren Freundinnen. Sie hielt andauernd Ausschau nach Snape, wenn sie durch die Gänge ging, aber sie traf ihn einfach nicht. Konnte es sein, dass er gar nicht mehr in Hogwarts war? Wo war er normalerweise in den Ferien? Je näher der Tag der Abreise kam, desto enttäuschter wurde Marianne. War es ihm denn egal, dass sie sich nicht sahen? Dachte er überhaupt nicht mehr an sie? Er hatte doch immer noch die Karte der Rumtreiber und konnte so sehen, wo sie sich befand. Ging er ihr denn absichtlich aus dem Weg?
Am Morgen des letzten Tages wachte sie schweren Herzens auf und fühlte die Gewissheit, dass er sie nicht wiedersehen wollte. Andernfalls hätte er ihr bestimmt geschrieben, oder sie zufällig im Gang getroffen, dachte sie. Doch er hatte nicht einmal den Versuch gestartet, Kontakt mit ihr aufzunehmen oder sie zu sehen. Ihr Herz fühlte sich schwer an und sie war schrecklich enttäuscht und traurig. Wie sollte sie nur die nächsten Wochen verbringen? Es hätte ein schöner Abschnitt ihres Lebens werden sollen, aber so würde sie ihn nicht genießen können. Sie würde Snape nie wieder sehen und scheinbar war ihm das völlig egal. Sogar eine Träne bahnte sich den Weg über ihr Gesicht, als sie im Bett lag und zu dieser Erkenntnis kam. Sie war wohl nur ein Spiel für ihn gewesen. Machte er das auch mit anderen Schülerinnen? Schnell wischte sie die Träne weg, bevor eine ihrer Freundinnen sie sah.
Was hatte sie sich denn eigentlich erwartet? Dass er sie bitten würde zu bleiben? Dass er sie fragen würde, ob sie mit ihm ausging?
Marianne lachte verzweifelt bei dieser Vorstellung. Es war ein schöner Traum gewesen, daran zu glauben, aber jetzt war es zu spät, um diese Hoffnung aufrecht erhalten zu können. Die Schule war aus und es war wohl an der Zeit für sie, erwachsen zu werden und ihre irrealen Träume hinter sich zu lassen. Mit gedrückter Stimmung stand sie auf und zog sich an. Sie beachtete kaum den Raum, durch den sie die letzten paar Male gehen würde und trat ins Bad, um sich zu waschen und fertig zu machen. Sie war froh, wenn die Verabschiedung hinter ihr war – sie hasste es, Abschied zu nehmen. Sie hatte es so sehr gehofft, so sehr dafür gebetet, dass er auch so fühlte wie sie – aber sie hatte sich wohl die ganze Zeit etwas vorgemacht...
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.
Zurück zur Übersicht - Weiter zum nächsten Kapitel