
von Lilly10
Am letzten Tag vor den Ferien versammelte Dumbledore wie jedes Jahr die Lehrer bei sich im Büro. Viele von ihnen gingen auf Reisen oder machten sonst irgendwie Urlaub, daher war es an der Zeit, ein paar Abschlussworte zu sprechen.
„Liebe Kollegen, wie jedes Jahr möchte ich mich bei euch verabschieden, bevor ihr abreist.“, verkündete Dumbledore. „Wir haben wieder ein erfolgreiches Schuljahr hinter uns gebracht. Leider Gottes war es auch von einigen Schrecksekunden geprägt, aber wir haben alles heil überstanden und alle Verletzungen wieder gut auskuriert. Nicht wahr, Filius?“
Flitwick nickte und zeigte seinen vollständig wiederhergestellten Fuß, den er sich im Kampf verletzt hatte. Dumbledore lächelte und sprach dann weiter:
„Um euch in noch besserer Stimmung in die wohlverdienten Ferien zu entlassen, habe ich eine weitere Neuigkeit für euch.“
Wenn vorher noch ein paar von ihnen getuschelt hatten, hatte Dumbledore nun die volle Aufmerksamkeit. Alle Lehrer, inklusive Snape, sahen ihn gespannt an. Was hatte er wohl zu verkünden?
„Harry Potter ist gestern mitsamt seinen beiden Freunden von seiner Reise zurückgekehrt.“, sagte der Direktor.
Snape starrte ihn an und zog die Augenbrauen in die Höhe.
Und das sollte die Überraschung sein? War das etwa sein Ernst? Diese Nachricht vermieste ihm eher die Stimmung als dass sie ihn aufheiterte. Wenn es nach ihm ginge, hätte Potter für immer wegbleiben können, dachte er mürrisch.
„Zu seinem Schutz habe ich niemandem von euch verraten, was er gemacht hat, aber jetzt kann ich euch Bescheid sagen: Er hat nach den Horkruxen gesucht, die Voldemort hergestellt hat, und er war mehr als erfolgreich. Er konnte sie alle vernichten, deshalb ist Voldemort jetzt doppelt geschwächt: Er hat innerhalb kürzester Zeit seine wichtigsten Todesser verloren und die Teile seiner Seele, die er abgespalten hat. Es sind uns heuer also bedeutungsvolle Schritte in diesem Kampf gelungen.“
Einige Lehrer hatten erneut zu tuscheln begonnen – die meisten wussten wohl nicht, was Horkruxe waren.
Dumbledore blickte in die Runde:
„Damit bleibt uns nur zu hoffen, dass das nächste ein genauso erfolgreiches Jahr wird...“
Als niemand mehr etwas zu sagen hatte, beendete er die Versammlung:
„Tja, dann bleibt mir nichts anderes mehr übrig, als euch einen schönen Sommer zu wünschen.“
Als sich alle vom Direktor verabschiedet hatten, verließ einer nach dem anderen das Büro. Doch Snape blieb, denn er wollte noch mit Dumbledore sprechen. Nachdem die Tür zugefallen war und sie alleine waren, sah Snape ihn an.
„Horkruxe?“, fragte Snape ungläubig. „Der dunkle Lord hat seine Seele aufgeteilt?“
„Ja, so ist es.“, bestätigte Dumbledore.
„Wie kommt es, dass ich nichts davon wusste, während diese ... diese Fünftklässler in alles eingeweiht sind!?“, fragte Snape bissig.
Wie konnte der Direktor ihm nur so etwas verschweigen, während er den Schülern alles erzählte? Wollte er ihn für dumm verkaufen, seine jahrelange Arbeit als Spion ins Lächerliche ziehen? Dumbledores Verhalten ging diesmal eindeutig zu weit und Snape war wirklich wütend. Wenn Dumbledore jemandem vertraute, dann musste es wohl er selbst sein und nicht dieses Narbengesicht mit seinen Freunden!
„Harry hat die Horkruxe zerstört, Severus, es war also eine gute Idee, ihn einzuweihen. Wohingegen es nichts geändert hätte, wenn du davon gewusst hättest.“
Snapes presste seine Zähne aufeinander und es kostete ihn viel, nicht in die Luft zu gehen. Er, der sich all die Jahre in Gefahr gebracht hatte, um Hogwarts zu schützen, war es also nicht wert, darüber Bescheid zu wissen! Wohingegen diesem eingebildeten Gryffindor all die Bewunderung und das Vertrauen einfach so zuflogen, ohne dass er jemals etwas dafür getan hätte...!
Snape verspürte den Drang, sich einfach umzudrehen und durch die Tür hinauszurauschen, doch er hielt sich zurück. Er wollte Genaueres darüber wissen.
„Warum hast du es mir verschwiegen?“, fragte Snape.
„Nun, durch deine Arbeit als Spion warst du häufig bei Voldemort. Wäre es ihm einmal gelungen, in deine Gedanken einzudringen, hätte er erfahren, dass wir über die Horkruxe Bescheid wissen – und das wollte ich verhindern.“, erklärte Dumbledore. "Außerdem wollte ich dich nicht zusätzlich belasten."
Snape erwiderte nichts. Der letztere Grund war annähernd einleuchtend, aber die Möglichkeit, dass der dunkle Lord in seine Gedanken eindringen hätte können, war einfach absurd. Als könnte das je jemandem gelingen! Doch Snape wollte sich nicht länger darüber aufregen und erwiderte nichts – und scheinbar sah Dumbledore das genauso.
„Also, Severus, was wirst du in den Ferien machen?“
„Ich werde natürlich hierbleiben um bereit zu sein, falls es erneut zu einem Kampf komm. Außerdem werde ich versuchen herauszubekommen, wo der derzeitige Aufenthaltsort des dunklen Lords ist.“, erklärte Snape.
„Jaja, die liebe Pflicht...“, seufzte Dumbledore beiläufig. „Aber eigentlich meinte ich, was du außerhalb deiner Verpflichtungen tun wirst.“
Was wollte der Direktor bloß hören? Er hatte schließlich noch nie Urlaub gemacht, dachte Snape und sah ihn stirnrunzelnd an.
„Bist du dir sicher, dass das alles ist, was du im Sommer tun willst?“, fuhr der Direktor fort.
„Ja, das bin ich.“, antwortete Snape tonlos.
Was ging es den Direktor überhaupt an?
„Na dann...“
Snape seufzte innerlich. Er wollte gar nicht wissen, worauf Dumbledore hinaus wollte, aber er kannte den Direktor so gut, dass er ahnte, dass er ohnehin nicht darum herum kam.
„Was?“, fragte er nach und das war Dumbledores Stichwort.
„Nun, ich meine nur, dass es vielleicht an der Zeit wäre, wieder einmal einen Blick in den Spiegel zu werfen...“, meinte der Direktor.
Snape wusste sofort, dass er nicht von irgendeinem Spiegel sprach. Er sprach vom Spiegel Nerhegeb.
„Ich brauche keinen Spiegel um zu wissen, was ich will.“, erwiderte er.
„Bist du sicher? Vielleicht haben sich deine Wünsche in letzter Zeit ein klein wenig verändert...“
„Seit damals habe ich immer nur Lily gesehen.“, entgegnete Snape. „Lily, die lebt. Warum sollte sich das ändern?“
Dumbledore sah ihn einfach nur bedeutungsvoll an.
„Ich werde niemals aufhören, Lily zu lieben.“, erwiderte Snape energisch, denn er bereute, dass er das letzte Mal das Gegenteil behauptet hatte.
„Wie du meinst...“, sagte Dumbledore.
Snape stand da und sah ihn wütend an. Der Direktor sprach nicht weiter, aber Snape fühlte die vielen unausgesprochenen Worte in der Luft. Als er sich umdrehte und aus dem Büro rauschen wollte, erhob Dumbledore wieder seine Stimme.
„Die 7. Klassen haben nun die Schule abgeschlossen...“, rief er ihm nach.
Snape blieb stehen und wandte sich wieder dem Direktor zu.
„Und...?“, fragte er gereizt.
„Sie sind also nicht mehr deine Schüler, Severus.“
„Ich weiß nicht, worauf du hinaus willst.“
Snapes drohender Blick sagte Dumbledore, dass er wollte, dass es auch so blieb, aber der Direktor lächelte nur kurz.
„Hör auf dein Herz, Severus.“, sagte er und blickte ihn warmherzig an.
Snape wandte erschrocken seinen Blick ab. Der Direktor wusste tatsächlich Bescheid! Aber wie hatte er es bloß erfahren? Hatte er es erahnt oder hatte sich Snape irgendwie verraten? Und warum war er nicht wütend oder empört?
„Komm schon, Severus... Du hast meinen Segen.“
Snape sah überrascht auf. Er hatte den Segen des Direktors? Tatsächlich? Dumbledore lächelte, als er Snapes ungläubige Miene sah. Niemals hatte er mit so etwas gerechnet. Schließlich ließ Snape endlich den Schutz der Verleugnung von sich abfallen und fragte nach:
„Ist das dein Ernst?“
„Mein größter Ernst.“, bestätigte Dumbledore mit freundlicher Miene. „Was sollte ich denn dagegen haben? Schließlich geht es ja von euch beiden aus.“
Snape sagte nichts mehr dazu. Er war erleichtert, dass Dumbledore nicht ausrastete, aber gleichzeitig war er auch völlig verblüfft. Wie konnte der Direktor nur so genau Bescheid wissen...? Doch dieser lächelte nur, denn er konnte an Snapes Gesichtsausdruck sehen, dass er mit seinen Vermutungen wieder einmal Recht hatte - und er war froh, dass Snape sich seine Gefühle endlich zugestand.
„Sie wird sich übrigens bald auf den Weg nach London machen.“, warf Dumbledore ein. „Also falls du sie aufhalten willst...“
"Nein, danke.", erwiderte Snape.
Dumbledore sah ihn überrascht an und fragte:
„Du willst nichts unternehmen?“
„So ist es.“
„Aber... was hast du denn zu verlieren, Severus?“
„Nun, allem voran meinen Ruf als seriöser Professor.“, erwiderte er prompt.
Dumbledore senkte den Kopf und sah ihn über seine Brillengläser an.
„Seit wann ist es dir denn so wichtig, was andere denken?“
Snape starrte ihn nur wütend an und sagte nichts.
„Du tust nichts Verbotenes, Severus. Niemand kann dir deine Kompetenz absprechen.“
„Sie ist zu jung.“, fuhr Snape fort.
Dumbledore lächelte und sagte dann:
„Severus, wie viele Argumente willst du noch finden? Denkst du nicht es ist an der Zeit, einfach mal auf deine Gefühle zu hören und nicht auf den Verstand? Liebe hat rein gar nichts mit Verstand zu tun, das solltest du eigentlich wissen. Und trotzdem entsteht so viel Gutes daraus.“
„Oder es endet in einer Katastrophe.“, erwiderte Snape trocken.
Dumbledore schüttelte ungläubig den Kopf.
Snape zog fragend die Augenbrauen in die Höhe, daher erklärte der Direktor seine Reaktion:
„Ich habe immer deinen Mut bewundert, den du als Spion bewiesen hast, daher wundert es mich umso mehr, wie wenig Mut du in dieser Sache zeigst. Wer hätte gedacht, dass die größte Angst des gefürchteten Zaubertrank-Professors die Liebe sein könnte...“
Snape sah ihn ungläubig an. Was fiel dem Direktor eigentlich ein! Nannte er ihn etwa einen Feigling?
„Darum geht es überhaupt nicht.“, bluffte er. „Es würde nicht funktionieren.“
Dumbledore entgegnete:
„Das ist ein Risiko, das jeder von uns eingehen muss, aber das ist noch lange kein Grund, es nicht zu versuchen. Du hast Angst, wieder jemanden zu verlieren und deshalb zögerst du, ist es nicht so?“
Dumbledore sah ihn erwartungsvoll an. Snape schnaubte, doch er konnte darauf nichts erwidern. Schließlich zuckte Dumbledore die Schultern und sagte:
„Aber es ist natürlich deine Sache, Severus...“
„Ja, das ist es.“, sagte Snape langsam. „Guten Tag, Albus.“
Damit drehte er sich um und verließ das Büro. Er hörte nicht, dass der Direktor enttäuscht seufzte, nachdem er die Tür geschlossen hatte. Dumbledore hatte wohl gehofft, dass das Gespräch sich besser entwickeln würde. Er hatte es riskiert und einmal wirklich Klartext mit Severus geredet, aber anscheinend war er noch nicht so weit.
Währenddessen rauschte Snape die Gänge entlang in Richtung der Kerker. Die Worte des Direktors hatten ihn unsicher gemacht und ließen ihn erneut wanken . Er war sich so sicher gewesen, dass es das Beste war, Marianne nie wieder zu sehen. Doch nun war er aufgewühlt und fragte sich, ob er einen Fehler machte. Nein, er tat genau das Richtige, überzeugte er sich selbst, als er durch die Tür in sein Büro rauschte.
Zur selben Zeit machte Marianne sich gerade fertig und als die letzten Koffer gepackt waren, umarmte sie unter Tränen ihre Freundinnen. Der Moment des Abschieds war gekommen. Es fiel ihr schwer, sich von ihnen zu verabschieden, auch wenn sie wusste, dass sie sich wiedersehen würden. Aber es war einfach nicht mehr dasselbe. Sie hatten so viele Jahre lang zusammen gewohnt und jetzt würden sie sich nur hin und wieder besuchen, wenn sie überhaupt noch Kontakt haben würden.
„Ich werde dir ganz viele Briefe schreiben.“, versprach Lisa.
Schließlich machte sich Marianne auf in Lupins Büro, denn mit ihm würde sie zum Grimmauld Platz apparieren. Er und Sirius hatten ihr angeboten, den Sommer über bei ihnen zu wohnen, bis sie eine eigene Wohnung in London gefunden hatte. Damit sie nicht so einsam war, hatte sie das Angebot gerne angenommen.
Sie ging alleine durch die Gänge und fühlte gleichzeitig Traurigkeit und Aufregung. Ein völlig neuer Lebensabschnitt stand vor ihr – aber trotzdem fiel es ihr schwer, den vergangenen hinter sich zu lassen. Sie hatte so viele schöne Erinnerungen an Hogwarts und hatte sich so wohl gefühlt.
Die Hoffnung, dass Snape sie wollte, hatte sie nun endgültig begraben. Sie war jetzt ein großes Mädchen und musste der Realität ins Auge blicken, hatte sie sich gesagt, Snape wollte nichts von ihr und so würde es auch bleiben. Sie war umso überraschter, als Snape plötzlich aus dem Gang neben ihr trat. Ihr Herz begann zu flattern als sie ihn endlich wiedersah und sie blieb stehen.
„Miss Richis...“, sagte er.
„Professor.“, begrüßte Marianne ihn.
„Sie sind auf dem Weg nach London?“
„Ja.“, erwiderte sie nervös und stellte ihr Gepäck ab.
„Ich habe gehört, dass Sie eine hervorragende Note in Zaubertränke bekommen haben...“, begann er. „Falls Sie gedenken, dieses Fach beruflich weiter zu verfolgen, bin ich gerne bereit, Sie zu unterstützen.“
Marianne sah ihn groß an und ihr Herz sprang vor Aufregung, sodass sie vergaß, etwas zu antworten. Hatte er das tatsächlich gerade gesagt oder träumte sie? Bot er ihr wirklich seine Hilfe an, wenn sie ihn brauchte?
„Sie wohnen den Sommer über am Grimmauld Platz, nicht wahr?“, fuhr Snape fort, als sie nichts sagte. Marianne nickte.
„Nun, Lupin wird Ihnen sicher gestatten, das Flohnetzwerk zu benutzen, wenn Sie nach Hogwarts kommen wollen. Die Verbindung in sein Büro ist immer noch frei.“
„Äh... ja, okay.“, stammelte sie.
Snapes linke Augenbraue zuckte leicht als er sie ansah, dann nickte er ihr zu und rauschte davon.
Marianne blieb zurück und als er außer Sichtweite war, hüpfte sie vor Glück auf und ab. Sie musste sich zurückhalten, um nicht laut zu schreien, doch sie war so glücklich, dass es ihr ziemlich schwer fiel. Snape hatte sie zu sich eingeladen! Naja, nicht direkt eingeladen, aber auf jeden Fall hatte er ihr eine Möglichkeit gegeben, sie wiederzusehen. Und das war wohl das Höchste, was sie von ihm erwarten konnte.
Als sie sich schließlich wieder beruhigt hatte, nahm sie ihr Gepäck wieder auf und ging weiter in Richtung Lupins Büro – ein breites Lächeln im Gesicht. Wie konnte dieser Mann nur solch eine Macht über all ihre Gefühle haben?? Sie ging glücklich weiter und wusste, dass sie nun den Tag genießen konnte.
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