
von Lilly10
Als Marianne am nächsten Tag aufstand, erfuhr sie, dass Dumbledore für den Nachmittag eine Versammlung einberufen hatte, um ihnen die Neuigkeiten mitzuteilen. Nach dem Mittagessen flohte sie daher mit Remus und Sirius nach Hogwarts und folgte ihnen durch die Gänge hinunter in die große Halle.
Als sie eintraten sah sie, dass die Betten bereits abgebaut und die Krankenstation mitsamt den Verletzten wieder in den Flügel verlegt worden war. Marianne fragte sich, ob Severus dort lag oder ob er auch zur Versammlung kam. Ein leichtes Ziehen in der Magengegend verdeutlichte ihr, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte, dass sie ihn ignorierte, dass sie nicht einmal nachfragte, wie es um ihn stand. Aber sie hätte nicht gewusst, an wen sie sich wenden sollte, und es kam nicht in Frage für sie, ihn aufzusuchen.
Sie versammelten sich am Ende der Treppe und warteten dort, bis alle da waren. Schließlich trat Dumbeldore ein und mit ihm Severus. Marianne gab es einen kleinen Stich, als sie ihn sah. Auf der einen Seite fühlte sie, wie sehr sie ihn liebte und dass es sie wie magisch zu ihm hinzog, auf der anderen Seite war sie durch sein Verhalten verletzt.
Sie riss sich schnell von seinem Anblick los und wartete darauf, dass Dumbledore mit seiner Rede begann. Er wechselte noch ein paar Worte mit Severus, dann stieg er die Treppen hinauf und trat ans Rednerpult. Er wartete wie immer ein paar Sekunden, bis er die Aufmerksamkeit aller hatte.
„Liebe Freunde.“, begann er schließlich.
Marianne fand, dass seine Miene ernster war als sonst und fragte sich, was dahinter steckte oder ob sie es sich nur einbildete.
„Als erstes muss ich euch leider eine sehr schlechte Nachricht überbringen: Sturgis Podmore ist letzte Nacht seinen Verletzungen erlegen. Die Ärzte haben stundenlang um ihn gekämpft und ihr Bestes gegeben, aber sie haben es leider nicht geschafft, ihn zu retten.“
Marianne stand betroffen da und starrte Dumbledore an. Sie hörte von ein paar Seiten mehrere unterdrückte Schluchzer, aber sie wollte nicht sehen, von wem sie kamen.
„Ich weiß, dass es sehr schwer für euch ist, und besonders für seine engen Freunde, diese Nachricht zu bekommen. Aber ich hoffe, dass ihr all das Gute, das ihn ausgemacht hat, in Erinnerung behaltet. Er hat sich im Kampf tapfer geschlagen und keine Gefahr gescheut, er hat sich mit voller Willenskraft für unsere Sache eingesetzt und selbst dann noch alles gegeben, als seine Verwandten ermordet wurden. Er war ein mutiger Mann und ich hoffe, dass ihr ihn so in Erinnerung behaltet... Ich möchte hier an dieser Stelle ein Schweigeminute einlegen, um an Sturgis Podmore zu denken.“
Marianne folgte dem Beispiel der anderen und senkte die Augen. Sie dachte an die wenigen Momente, an denen sie Sturgis Podmore begegnet war, doch es waren nicht viele. Sie war betroffen über seinen Tod und starrte vor sich hin, während die leisen Schluchzer aus der Menge andauerten. Schließlich hob Dumbledore den Kopf und holte die Versammelten aus ihren Gedanken.
„Ich danke euch für diese Minute. Sturgis Podmore wird am Freitag beerdigt und es wird eine Tafel hier in Hogwarts aufgestellt, die an ihn erinnert.“, sagte er.
„Es gibt noch weitere Nachrichten.", fuhr er fort. "Aber diese sind Gott sei Dank von positiver Natur. Die Verletzten, die im Krankenhaus liegen, sind am Weg der Besserung. Harry geht es schon viel besser und ich möchte, dass ihr erfahrt, wie tapfer er gekämpft hat. Voldemort hat versucht, während dem Kampf zu fliehen und ist mit Harry appariert. Was während ihrer Abwesenheit vorgefallen ist, weiß nur Harry selbst, Tatsache ist aber, dass es ihm gelungen ist, Voldemort zu töten. Er hat es anschließend noch geschafft, wieder zurück zu apparieren, wo wir uns seiner annehmen konnten und ihn versorgt haben. Seine Verletzungen waren gravierend und deshalb befindet er sich noch auf der Krankenstation, er wird aber wieder völlig gesund werden.“
Ein lautes Gemurmel war entstanden und viele tauschten ihre Meinungen über Harrys Einsatz aus. Als Marianne einen kleinen Blick seitwärts wagte, sah sie, dass Severus den Direktor ansah und keinerlei Regung zeigte. Bevor er ihren Blick bemerken konnte, wandte sie sich schnell wieder ab und folgte den Worten des Direktors.
„Außerdem ist auch Xavier Malfoy bereits auf dem Weg der Besserung - ihn möchte ich hier erwähnen, da wir alle ohne nicht hierstehen würden. Er hat uns den genauen Plan von Voldemort verraten und somit dafür gesorgt, dass wir sie überraschen konnten. Leider wurde Xavier während seinem Kampf von Crouch jr. heftig in die Mangel genommen - dank der schnellen Reaktion von Professor Snape konnte jedoch Schlimmeres verhindert werden.“
Marianne wurde aufmerksam. Dank Severus‘ Reaktion? Was hatte das zu bedeuten? Hatte Severus ihm das Leben gerettet?
„Xavier wurde von Crouch jr. bis in den Wald hinein verfolgt. Severus hat dies beobachtet und ist ihnen gefolgt, wobei es ihm gelang, Crouch jr. außer Gefecht zu setzen. Er hat Xavier hierher gebracht und dadurch konnte er sofort von Poppy verarztet werden.“
Marianne starrte Dumbledore an und schluckte. Er hatte gegen Crouch jr. gekämpft?
Sie wusste, wie der Todesser aussah, da er schon öfter in der Zeitung abgebildet gewesen war, und erinnerte sich, dass er verrückt war und gefährlich aussah. Außerdem war er unberechenbar und besaß keinerlei Gewissen.
Sie schauderte, als sie daran dachte, dass Severus sich in Lebensgefahr begeben hatte, um Xavier zu retten. Xavier Malfoy, der sie zu Schulzeiten bedrängt und den sie immer gehasst hatte. Der Sohn des Todessers, der sie damals gefoltert und bedroht hatte...
Marianne spürte, dass ihr Tränen in die Augen traten, und sie wischte sie schnell fort. Severus hatte sein Leben aufs Spiel gesetzt – für diesen Slytherin. Er hätte sein Leben verlieren können und war trotzdem das Risiko eingegangen. Wie konnte er das nur tun? Warum brachte er sein Leben in Gefahr, um den Sohn eines Todessers zu retten? Wie hätte sie weiterleben sollen, wenn er gestorben wäre? Hatte er jemals daran gedacht? Hatte er daran gedacht, was er ihr damit angetan hätte?
Marianne war voller Wut, denn sie spürte, wie leicht es hätte passieren können, dass Severus ihr entrissen worden wäre. Es war leichter für sie, wütend zu sein, denn es verhinderte, dass sie den Schock spürte, der immer noch in ihr saß, und es verhinderte das Mitleid und die Bewunderung, die sie für Severus verspürt hätte.
Marianne hörte den Worten Dumbledores nicht mehr zu, denn die Gefühle wühlten sie zu sehr auf. Erst als der Direktor die Versammlung beendete, nahm sie das Geschehen um sich herum wieder wahr. Sie sah gerade noch, dass Severus in Richtung Kerker verschwand. Am liebsten wäre sie ihm sofort nachgelaufen, aber sie hielt sich zurück. Es wäre auffällig gegenüber den anderen, ihm jetzt nachzueilen.
Sie lauschte dem Gespräch ihrer Freunde, die über Podmores Tod sprachen. Marianne selbst hatte ihn kaum gekannt, sie hatte ihn nur damals gesehen, als die Todesser in Hogwarts eingedrungen waren. Damals hatte er Severus gemeinsam mit Moody stark bedrängt, weil sie dachten, dass er immer noch in Voldemorts Dienst stand. Sie hörte von Flitwick, dass Podmores letzter Fluch, den er mit seinem Zauberstab ausgelöst hatte, der Sectumsempra gewesen war. Marianne kannte den Fluch nicht und dachte nicht weiter darüber nach. Schließlich nutzte sie den richtigen Zeitpunkt und stahl sich davon, ohne dass es jemand merkte.
Schnell verließ sie die große Halle und ging die vertrauten Gänge in den Kerker hinunter in Richtung Severus‘ Privatgemächer. Sie war sich sicher, ihn dort zu finden und klopfte fest an die Tür - entschlossen, ihn endlich zur Rede zu stellen.
„Ja.“, kam es von drinnen, und Marianne trat ein.
Sie erblickte ihn, wie er am Tresen stand und gerade ein Glas Whiskey leerte. Er schien nicht überrascht, als er sie sah, und stellte das Glas ab.
Bevor er etwas sagen konnte, sagte Marianne in angriffslustigem Ton:
„Du hast also Malfoy das Leben gerettet...!?“
Severus runzelte bei ihrem Ton die Stirn.
„Hätte ich ihn Crouch überlassen sollen?“, erwiderte er.
Marianne machte den Mund auf um etwas zu sagen, doch sie bemerkte, dass ihr die Antwort stecken blieb. Das ‚Ja‘ wollte einfach nicht aus ihr heraus. Nein, sie wünschte Xavier nicht den Tod, aber...
„Malfoy ist nicht wie sein Vater.“, erklärte Severus. „Er hat erkannt, dass er den falschen Weg eingeschlagen hat. Er hat seine Fehler bereut und den Orden unterstützt, ich hätte ihn niemals sterben lassen können.“
„Du hättest selbst dabei sterben können.“, sagte sie leise.
Sein Schweigen bestätigte Marianne in ihrer Annahme.
„Hast du dabei je an mich gedacht?“, fragte sie ihn weiter und wurde erneut wütend. „Wäre es dir denn egal gewesen, wenn wir uns nie wieder gesehen hätten!“
Marianne brach ab, denn sie merkte, dass dieses Thema sie schon wieder zum Weinen brachte. Warum tat er nur solche Sachen? Sie wollte nicht daran denken, was sie täte, wenn er nicht zurückgekommen wäre. Wenn er im Wald im Kampf getötet worden wäre und sie ihn auf einer Bahre zurückgebracht hätten. Sie merkte, dass sie leicht zitterte und blinzelte, um die Tränen zurückzuhalten.
„Es war Krieg und ich bin schon lange in diesen Kampf verwickelt.“, sagte Severus. „Natürlich musste ich kämpfen, ich hatte keine andere Wahl.“
Eine kurze Stille entstand, dann fügte er hinzu:
„Ich hatte große Angst, dich niemals wieder zu sehen, Marianne.“
Die letzten Worte waren nicht mehr als ein Flüstern gewesen.
Marianne schluckte.
„Und warum hast du den anderen dann gesagt, sie sollen mich einsperren?“, sagte sie mit einer Mischung von Trauer und Verständnislosigkeit.
Severus sah sie an und zog die Augenbrauen zusammen. Marianne dachte, er wollte es abstreiten und fuhr mit lauter Stimme fort:
„Ich weiß, dass du dafür gesorgt hast, dass die anderen glauben, es sei ein guter Plan. Sirius hat mir davon erzählt, Severus!“, sagte sie. „Du hast den anderen gesagt, Voldemort könnte mich beeinflussen, wenn ich in seiner Nähe bin! Dass es besser ist, dass ich bei dem Kampf nicht dabei bin.“
„Marianne, ich habe dir doch bereits gesagt, dass ich dich schützen wollte. Ich wollte verhindern, dass...“
„Es ist aber immer noch meine Entscheidung, ob ich kämpfe oder nicht!“, unterbrach sie ihn laut. „Ich habe mir geschworen, meine Eltern zu rächen, und du hast mich davon abgehalten."
Marianne steigerte sich immer mehr in ihre Wut hinein und sie schleuderte Severus alles entgegen, was sie wütend machte:
"Weißt du eigentlich, wie man sich fühlt, wenn man von einem Hauselfen festgehalten wird, während die anderen gegen Todesser kämpfen!? Wie man sich fühlt, wenn man nichts tun kann, während die anderen in Lebensgefahr sind???“
Marianne blickte ihn wütend an und ihr Brustkorb hob und senkte sich. Sie war sich todsicher, dass sie in allem Recht hatte, was sie sagte, und dass Severus erkennen musste, dass er Unrecht getan hatte. Doch als Severus still blieb, beruhigte sie sich langsam etwas. Warum sagte er nichts auf ihre Anschuldigungen?
Severus blickte sie an und war hin und her gerissen. Er wusste, dass er Marianne verletzt hatte und dass sie daran zweifelte, ob sie ihm vertrauen konnte. Er konnte sie jetzt nicht mehr mit leeren Worten beruhigen, er musste verhindern, dass der Streit noch weiter eskalierte!
Schließlich erkannte er, dass es nur den einen Weg gab, um Marianne nicht zu verlieren: Er musste ihr die Wahrheit sagen - die ganze Wahrheit, sonst würde sie seine Handlungen niemals verstehen. Er zögerte noch einen Moment, doch dann war die Entscheidung gefallen.
„Marianne, der Grund dafür ist eine lange Geschichte...“, begann er.
Ach, es gab also einen Grund, dachte Marianne sarkastisch und sah ihn skeptisch an.
„Wenn du nichts dagegen hast, setze ich mich, bevor ich weiter erzähle.“, sagte Severus und hinkte mühsam in Richtung des Sofas.
Als Marianne dies beobachtete, erschrak sie leicht. Sie hatte ihn angeschrien, während er an seiner Verletzung litt...
„Natürlich.“, sagte sie leise und beschämt.
Sie folgte ihm still und setzte sich aufs Sofa. Severus hatte sich in seinem Lehnstuhl niedergelassen und sah ihr in die Augen.
„Es gab eine Zeit, in der es mich selbst zur dunklen Seite gezogen hat...“, begann er und beobachtete die Wirkung seiner Worte auf Marianne. Dann sprach er weiter:
„Ich wusste damals, worauf ich mich einließ, ich war kein Opfer der Umstände wie Xavier, denn die dunklen Künste haben mich von klein an angezogen.“
Marianne schlug die Augen nieder. Sie konnte seinen Blick nicht mehr erwidern, denn ihre Gefühle spiegelten sich in ihrem Gesicht wieder.
Sie stellte sich vor, wie Severus Voldemort beigetreten war und Menschen für ihn gequält hatte, wie Severus mit schwarzer Kutte vor ihm stand und jeden Befehl ausführte, den Voldemort ihm erteilte. Was hatte er damals alles getan? Und was sie noch viel mehr beschäftigte: Warum erzählte er ihr das jetzt?
Severus‘ Mundwinkel zuckte, als er erkannte, was in Marianne vorging.
„Du weißt natürlich davon.“, stellte er fest. „Ich nehme an, Black hat dir alles genauestens erzählt...“
Marianne sah auf und schüttelte leicht den Kopf.
„Er hat es einmal erwähnt.“, hauchte sie.
Severus sah sie an und fuhr dann fort:
„Ich habe damals immer versucht, mich so stark wie möglich von meinem Erzfeind, einem Jungen aus Gryffindor, zu unterscheiden. Ich wollte mit keinem Haar so sein wie er – und trotzdem hatten wir immer eines gemeinsam: Die Liebe zu einer bestimmten Frau.“
Marianne blieb beinahe das Herz stehen, als sie seine Worte vernahm.
Natürlich war ihr klar gewesen, dass sie sehr viel nicht über ihn wusste, aber es war unangenehm, von einer anderen Frau in seinem Leben zu hören. Noch dazu eine, die er scheinbar geliebt hatte.
Sie sah ihn unsicher an und fragte sich, ob sie diese Geschichte hören wollte. Doch es war nicht ihre Entscheidung, denn Severus sprach bereits weiter:
„Ich habe sie sehr geliebt, aber gleichzeitig habe ich sie mit meinem Verhalten von mir gestoßen. Aus heutiger Sicht ist es nur verständlich, dass sie sich für den anderen entschieden hat. Sie lebten ihr Leben und bekamen ein Kind, aber ich habe niemals aufgehört, sie zu lieben. Sie war das einzig Schöne, was ich bis dahin gekannt hatte.“
Marianne schluckte. Sie verstand noch immer den Zusammenhang mit dem gestrigen Vorfall nicht und fragte sich, warum er ihr das erzählte. Liebte er diese Frau immer noch? Sah er sie noch? Lebte sie hier in der Nähe? Tausend Fragen schwirrten in ihrem Kopf herum und sie wartete, dass er weitersprach. Als sie es wagte, ihn wieder anzusehen, blickte Severus sie nicht mehr an, sondern starrte ins Nichts.
„Der Tag kam, an dem ich vom Tod der Beiden erfahren habe.“, sagte er. „Der dunkle Lord hatte sie getötet. Ich werde diesen Tag niemals vergessen. Meine Welt ist zusammengebrochen und ich dachte, ich könnte ihren Verlust nicht ertragen. Ich wollte nichts anderes, als selbst zu sterben, aber eines gab mir den Willen, weiterzuleben: Der Wunsch, sie zu rächen, den dunklen Lord zu töten.“
Mariannes Atem ging schnell. Sie erfuhr so viel über Severus und das alles auf einmal. Es war schwer, das alles zu verarbeiten, sich Severus vorzustellen, wie er eine andere Frau liebte. Wie eifersüchtig musste er gewesen sein, als sie sich für den anderen entschieden hatte. Wie schlimm musste es gewesen sein, dass sie seine Liebe nicht erwiderte, dass sie sein Herz gebrochen hatte. Und wie musste er gelitten haben, als er sie schließlich ganz verlor.
„Ich fühlte mich schuldig an ihrem Tod, weil ich ihm Informationen überbracht hatte, die schließlich dazu führten, dass er sie aus dem Weg räumen wollte. Ich habe erkannt, dass ich am falschen Weg war, dass ich mich für die falsche Seite eingesetzt hatte, aber natürlich war es zu spät...“
Marianne sah, wie sich sein Blick in der Erinnerung verlor. Sie hatte das Gefühl, als konnte er jede Erinnerung immer noch vor sich sehen. Niemals hatte sie ihn so verletzlich gesehen.
„Ich werde niemals vergessen, wie ich sie gefunden habe: Sie lag am Boden und war schon mehrere Stunden tot.“, sprach er. „Ich schüttelte sie, ich rief nach ihr, aber ich konnte rein gar nichts mehr ausrichten. Ich konnte sie nicht retten und wusste gleichzeitig, dass ich Mitschuld war an dem, was geschehen war...“
Marianne war so erschüttert von seinen Erzählungen, dass sie sich zusammenreißen musste, um nicht erneut zu weinen. Was hatte er nur alles durchgemacht! Seine Vergangenheit war schlimmer, als sie sich jemals vorgestellt hatte. Am liebsten hätte sie all das Leid von ihm genommen, aber sie wusste, dass sie das nicht konnte.
„Ich wollte damals, dass die Welt untergeht und ich mit ihr. Zuerst war ich verzweifelt, wusste nicht, wie ich weiter leben sollte, dann wütend, danach hypnotisiert. Schließlich habe ich mich dazu entschlossen, mein Leben dem Kampf gegen diesen Tyrannen zu widmen, und nichts anderes galt mehr in meinem Leben. Viele Jahre lang habe ich keine Frau mehr angesehen und ich redete mir ein, dass ich ohnehin nur Schlechtes über sie bringen würde."
Schließlich schien Severus wieder in die Gegenwart zurück zu kommen, denn sein Blick verlor seine Starre und seine Stimme wurde wieder fester.
"Es ist nicht lange her, da habe ich mir geschworen, denselben Fehler nicht noch einmal zu machen. Ich würde es nie wieder dazu kommen zu lassen, dass ich eine Frau, die ich liebe, in Gefahr bringe. Ich würde sogar alles in meiner Macht stehende tun, um das zu verhindern. Alles.“
Severus‘ Blick streifte sie und er fragte sich, ob sie ahnte, was er ihr sagen wollte. Ob sie verstehen würde, warum er so gehandelt hatte.
„In den letzten Wochen tat ich daher alles um zu verhindern, dass sich diese Geschichte wiederholt.“, fuhr er fort. „Ich habe dafür gesorgt, dass du nicht dazu kommen würdest zu kämpfen, dass du nicht einmal in die Nähe irgendeiner Gefahr kommen könntest...“
Marianne starrte ihn an und erkannte langsam, was er ihr sagen wollte. Sie verstand, warum er sie ohne ihr Wissen vom Kampf abgehalten hatte, verstand, welche Angst ihn dazu getrieben hatte, und erkannte, auf welchen Erfahrungen seine Handlungen beruhten. Aber sagte er nicht gleichzeitig damit, dass er sie liebte? Ihre Augen waren nass und sie schlug die Augen nieder. Sie hatte ihm solches Unrecht getan.
„Ich würde es nicht überleben, noch einmal dasselbe durchzumachen.“, hörte sie ihn flüstern.
Marianne sah auf, doch Severus hatte seinen Blick wieder abgewandt. Während sie ihn ansah, hob und senkte sich ihre Brust schnell. Plötzlich fiel es ihr leicht, sich in seine Position zu denken und sie verstand, warum er so weit gegangen war, um sie zu schützen. Warum er wirklich alles getan hatte, um sie vom Kampf fernzuhalten.
„Es... es tut mir Leid, Severus.“, stammelte sie bloß.
Sie wusste selbst nicht, ob sie damit seine Vergangenheit meinte oder die Tatsache, dass sie ihn beschimpft und angeschrien hatte, die Tatsache, dass sie auch nur eine Sekunde lang wütend auf ihn gewesen war. Wahrscheinlich beides.
Sprachlos saß sie da und versuchte, die Geschichte irgendwie zu verdauen. Sie hatte keine Ahnung, was sie weiter sagen sollte. Sie war erschüttert und der vergebliche Wunsch, all das ungeschehen zu machen, wuchs immer stärker in ihr und schmerzte, da es unmöglich war.
Sie merkte es kaum, aber sie hatte ihm alles vergeben, alles verziehen, weswegen sie ihm vorher gegrollt hatte. Sie war hergekommen, um ihn zur Rede zu stellen und hatte eine Entschuldigung erwartet, und nun war sie es, die sich entschuldigte...
Es gab jedoch noch eine Frage, die ihr auf der Zunge brannte und sie konnte sie nicht länger zurückhalten. Sie wollte es wissen, und obwohl sie Zweifel hatte, dass er es ihr sagen wollte, ging sie das Risiko ein, keine Antwort zu bekommen.
„Wer war diese Frau, Severus?“, sagte sie leise.
Severus sah nun wieder auf.
Er blickte sie für einen Moment an und schließlich antwortete er:
„Ihr Name war Lily – Lily Potter, geborene Evans.“
Marianne starrte ihn an. Sie merkte überhaupt nicht, dass ihre Augen größer wurden und sie die Luft anhielt. Severus hatte Lily Potter geliebt? Harry Potters Mutter? ...
Sie hatte weder Harrys Mutter noch seinen Vater gekannt, aber sie wusste, dass sein Vater ein guter Freund von Sirius und Remus gewesen war. Deshalb war James also Severus‘ Erzfeind gewesen: Er hatte dieselbe Frau geliebt wie Severus Snape.
Marianne hatte keine Ahnung, wie sie mit dieser Information umgehen sollte.
„Weiß... weiß Harry davon?“, fragte sie.
„Nein.“, sagte Severus. „Niemand weiß davon – und es darf auch nie jemand erfahren.“
Marianne nickte sofort.
„Natürlich.“
Schließlich sprudelten die Worte aus ihr heraus:
„Severus, ich ... es tut mir leid, dass ich wütend war. Ich wusste all das nicht und... ich hätte dich niemals angeschrien, wenn ich...“
Sie verstummte, denn sie hatte keine Ahnung, welche Worte ihre Handlungen wieder gutmachen konnten.
„Es tut mir leid.“, flüsterte sie schließlich erneut.
Severus lächelte trocken. Ihm hatte das alles schon sein ganzes Leben lang leid getan, aber er hatte irgendwann erkannt, dass es nichts daran ändern würde. Es würde nichts daran ändern, dass Lily tot war und er sie verloren hatte.
Es war tatsächlich nicht lange her, da hatte er endlich mit diesem Punkt abgeschlossen und gleichzeitig hatte ihn etwas anderes zu beschäftigen begonnen: Marianne. Er hatte schließlich eingesehen, dass er seine Gefühle nicht verleugnen konnte.
Er war erleichtert, als er sah, dass sie seine Geschichte verstand und ihm seine Handlungen verzeihen würde.
„Danke, dass du mir davon erzählt hast.“, sagte Marianne leise.
Sie sah ihn an und er lächelte kurz. Plötzlich fiel Marianne auf, wie erschöpft Severus aussah. Er hatte eingefallene Wangen und sein Bein musste ihm immer noch große Schmerzen bereiten.
„Möchtest du dich eine Weile ausruhen?“, fragte sie.
Severus schüttelte den Kopf.
„Es wird noch genug Zeit sein, um mich auszuruhen.“
Er streckte die Hand nach ihr aus und Marianne erfasste sie. Sie setzte sich neben ihn und er drückte sie mit dem linken Arm fest an sich. Marianne sah ihn an und strich über die Kontur seiner Wange. Gott sei Dank war das meiste an ihm noch heil - auch wenn er im Gesicht einige Kratzer hatte. Als sie ihn ansah merkte sie, wie sehr sie ihn liebte und wie sehr sie der Streit mit ihm belastet hatte. Schließlich drückte sie sich stürmisch an ihn und umarmte ihn fest.
„Ich bin so froh, dass du hier bist. Ich hatte solche Angst um dich.“, flüsterte sie.
Sie schwor sich, dass sie es niemals wieder zulassen würde, dass er in Gefahr war.
Severus strich ihr zärtlich übers Haar und Marianne vergaß für einen Moment alles, was sie in den letzten Stunden durchlebt hatte. Jetzt zählte nur dieser eine, schöne Moment und sie schloss die Augen, um seine Nähe zu genießen. Um seine zärtlichen Berührungen zu spüren.
Es war schrecklich für sie gewesen war, ihm fern zu sein, seine Nähe nicht zu spüren. Doch jetzt fühlte sie sich wieder zu Hause und sie nahm seinen männlichen Geruch wahr, der ihr nun schon so vertraut war.
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