
von Lilly10
Der Nachmittag verging wie im Flug und abends, nachdem sie alle ein leckeres Festessen verspeist hatten, wurden die Tische und Bänke weggeräumt und der Raum zu einer Art Ballsaal umfunktioniert. Auf der einen Seite wurden Stehtische aufgestellt und die andere Seite wurde für die Band und die Tänzer freigelassen. Dort, wo normalerweise die Lehrertische standen, wurde eine Bar aufgebaut.
Marianne stellte sich mit Fred, George und seiner Freundin, Lisa und ein paar anderen an einen Stehtisch. Es war lustig in ihrer Runde, denn die Zwillinge brachten sie immer wieder zum Lachen.
Da Marianne schon ein paar Butterbiere getrunken hatte, begann sie die Wirkung zu spüren und lachte noch lauter als sonst. Doch zusammen mit der Hintergrundmusik der Band trug ihr Schwips mit der Zeit dazu bei, dass sie leicht sentimental wurde. Es war so ein schönes Fest und sie konnte es nicht mit Severus verbringen – obwohl er nur wenige Meter von ihr entfernt irgendwo in der Menge stand. Sie hielt unauffällig nach ihm Ausschau, konnte ihn aber nirgends entdecken.
„Hey!“, riefen die Zwillinge plötzlich und Marianne schreckte aus ihren Gedanken.
Die Beiden begrüßten gerade lauthals zwei Jungen, die sich zu ihnen gestellt hatten.
„Die zwei Hübschen hier kennt ihr noch nicht.“, sagte Fred und deutete zu den Mädels. „Rudi, Paul: Das sind Marianne und Lisa.“
„Hi.“, begrüßten sie sich.
Paul war ein wirklich gut aussehender Junge – Marianne fand ihn attraktiv, aber da hätte ihr wohl jede andere zugestimmt. Die Vier unterhielten sich miteinander und Marianne merkte, dass auch Lisa Paul attraktiv fand. Unauffällig begann sie ein Gespräch mit dem anderen – Rudi – damit die beiden sich ungestört unterhalten konnten. Marianne selbst hatte schließlich keinerlei Interesse an ihm – welcher Mann könnte sie schon interessieren, wenn sie bereits den interessantesten Mann liebte...?
Rudi war im Vergleich mit Paul viel weniger attraktiv, er hatte eine ziemliche Knollnase und seine Kleidung war wenig ansprechend. Dafür war er aber wirklich witzig. Marianne scherzte mit ihm, als er plötzlich fragte:
„Hast du eigentlich einen Freund?“
„Äh – ja.“, sagte sie, nachdem sie bemerkt hatte, dass George und Fred sie hören konnten.
Rudi schien leicht enttäuscht zu sein.
„Wo hast du ihn denn gelassen?“, fragte er weiter.
„Er muss arbeiten.“, log sie.
„Oh, verstehe.“, erwiderte Rudi. „Dann können wir ja eine Runde tanzen. Möchtest du?“
„Danke, aber eher nicht.“, sagte sie zögernd.
Würde Severus es gutheißen, wenn sie mit einem anderen tanzte?
„Aber dein Freund ist doch nicht hier.“
„Ich möchte trotzdem nicht.“, antwortete sie und suchte nach einer Ausrede. „Ich kann überhaupt nicht tanzen.“
„Ach was.“, sagte er, nahm ihre Hand und zog sie mit sich.
Na gut, Severus hatte doch bestimmt nichts dagegen, oder? Marianne ließ es geschehen und ging mit ihm.
Nach ein paar Tänzen merkte sie, dass Rudi versuchte, ihr näher zu kommen. Seine Hände rutschten immer weiter nach unten und er hielt sie immer enger. Schnell erklärte sie ihm, dass sie eine Pause brauche und kehrte zum Tisch zurück.
Marianne hatte Recht behalten in ihrer Annahme, dass Severus ihr Tanzen verfolgt hatte. Normalerweise hätte er sich von einem Jungen wie diesem nicht aus der Ruhe bringen lassen – was hatte dieser Naseweis schon, was er nicht hatte...?
Doch Severus fragte sich immer noch, was Marianne eigentlich an ihm fand. Er war im Vergleich zu ihr alt, häufig missmutig und konnte keine sehr glorreiche Vergangenheit aufweisen. Und nun, da er Marianne ausgelassen mit dem Jungen tanzen sah, verdeutlichte es ihm erneut, was er ihr nicht bieten konnte:
Ein normales Leben, rauschende Parties und ausgelassene Tänze. Ob Marianne das fehlen würde? Klar, sie konnte jeder Zeit mit jemand anderem auf Parties gehen – er würde sie nicht davon abhalten – aber konnte es nicht leicht passieren, dass sie merkte, dass er nicht das war, was sie wollte? Er sah, wie sie lachte, als der Junge sie herum wirbelte.
Severus atmete tief durch und stoppte seine Gedankengänge. Mach dir nicht solche Gedanken darüber, sagte er sich und wandte sich um. Er würde Marianne nicht länger beobachten, denn das führte nur zu weiteren Überlegungen in dieser Richtung. Nein, er vertraute darauf, dass sie ihn genauso liebte wie er sie.
Doch gleichzeitig bekam er ein schlechtes Gewissen. Er hatte sich noch nie wirklich zu ihr bekannt.
Kränkte er Marianne damit? ... Was hatte er sich damit eigentlich gedacht? Wenn er sich mit Marianne eine Zukunft vorstellen und sie nicht an einen anderen verlieren wollte, musste er solch ein Verhalten schnellstens ablegen... Er musste ihr sagen, dass er eine Beziehung eingehen wollte. Verwundert fragte sich Severus, seit wann er sich solche Gedanken machte. War er etwa in seinen alten Tagen doch noch lernfähig geblieben...?
Als es Mitternacht schlug, stoppte die Musik und Dumbledore erklärte, dass es draußen eine Überraschung gebe. Alle bahnten sich sofort einen Weg nach draußen und verteilten sich über den Hof und die Terrassen.
Plötzlich rauschten mehrere Raketen in die Luft, explodierten und regneten als goldene Streifen vom Himmel. Damit hatte ein riesiges Feuerwerk begonnen und viele „Ahs“ und „Ohs“ erklangen.
Es war so wunderschön und romantisch: Das beleuchtete Schloss im Hintergrund, der dunkle See, der durch die Raketen aufleuchtete.
Es war ein weiteres Zeichen dafür, dass sie triumphiert hatten, dass ein Krieg zu Ende war, der so lange die Herzen der Menschen beengt hatte. Vielen kamen vor Überwältigung die Tränen. Die Paare hatten sich zusammen gestellt und umarmten sich, während überall am Himmel bunte Farben glitzerten. Marianne stand alleine in der Menge.
Die Sehnsucht nach Severus‘ Nähe wurde immer größer und sie ließ ihren Blick streifen. Wenige Minuten später erblickte sie ihn in der Menge, denn er bahnte sich gerade einen Weg in Richtung Schloss. Ohne weiter darüber nachzudenken, folgte Marianne ihm. Sie wollte lieber bei ihm sein, als weiter alleine das Feuerwerk zu bestaunen. Und sie wollte unbedingt kurz mit ihm sprechen.
Als sie es endlich schaffte, ins Schloss zu kommen, sah sie den Saum seines Umhangs gerade noch um eine Ecke verschwinden. Sie folgte ihm den Gang entlang um die nächste Ecke.
„Severus!“, rief sie leise, als sie sicher war, dass niemand anderer sie hören konnte.
Er drehte sich um. Er hatte sie nicht gehört, da das Feuerwerk ziemlich laut war.
„Marianne.“, sagte er überrascht.
Sie ging auf ihn zu. Seine Mundwinkel verzogen sich kurz zu einem Lächeln und er musterte sie.
„Du siehst gut aus.“, sagte er anerkennend.
Marianne erwiderte sein Lächeln.
„Danke.“, sagte sie geschmeichelt.
„Komm.“, sagte Severus und nahm ihre Hand, um sie an sich zu ziehen.
Endlich war sie mit ihm allein. Er beugte sich zu ihr hinunter und sie küssten sich zärtlich.
Er verlor kein Wort über ihren Tanz mit dem Jungen, aber Marianne war sich trotzdem sicher, dass er sie gesehen hatte. Sie schloss daraus, dass es ihm nichts ausmachte, wenn sie mit den Jungs Spaß hatte.
Er hatte auch allen Grund, ihr zu vertrauen, dachte sie, denn sie würde ihn niemals betrügen und ihm auch keinen anderen vorziehen. Marianne hoffte, dass er das wusste.
Nach ein paar Minuten trennten sie sich wieder und Marianne nahm an, dass Severus in seine Privatgemächer zurückkehren würde, schließlich hielt ihn nichts lange auf solchen Feiern.
Sie selbst ging wieder hinaus zu ihren Freunden, um den Rest des Feuerwerks mitzuerleben. Es gab großen Applaus als es schließlich zu Ende war und Dumbledore dankte den Weasley-Zwillingen, die einen großen Beitrag dazu geleistet und die Raketen eigens angefertigt hatten.
Dann erklärte der ehemalige Direktor, dass das offizielle Ende der Feier gekommen war, dass aber gerne jeder noch zur After-Show-Party eingeladen sei, die in der großen Halle steigen würde.
Marianne und ihre Freunde wollten sich das natürlich nicht entgehen lassen und selbst einige der älteren Generation, wie Remus und Sirius, kamen mit.
Der Saal füllte sich immerhin noch halb und sie stellten sich an die Bar, um Wein zu trinken. Die Band spielte nun Rockmusik. Die Party wurde immer wilder und manche begannen, auf die Bar zu steigen und dort zu tanzen. Marianne wurde immer betrunkener und ausgelassener und ihre Freunde zogen sie mit auf die Tanzfläche. Sie hatten großen Spaß miteinander, bis Marianne schließlich müde wurde und an die Bar ging, um sich auf einem der Hocker auszuruhen.
Doch die anderen ließen sie nicht so einfach sitzen. Rudi und ein paar Mädchen standen auf der Bar und tanzten dort. Er streckte ihr die Hand hin und meinte:
„Nun komm schon, worauf wartest du noch?“
Sie blickte überlegend zu ihm hinauf und plötzlich überkam sie die Abenteuerlust. Wann hatte sie schon jemals auf einer Bar getanzt?
„Na gut.“, sagte Marianne und ließ sich von ihm hinauf ziehen.
Es machte Spaß, dort oben zu stehen. Von dort konnte sie alle überblicken. Es tat so gut, endlich einmal wieder richtig zu feiern. Es war ewig lange her und so eine schwere Zeit dazwischen gelegen, sodass sie fast vergessen hatte, wie es sich anfühlte. Sie wusste nicht, wie lange sie dort oben war, aber es machte Spaß.
Nach ein paar Minuten ertönte ein Lied der Wyrd Sisters, das sie besonders gerne mochte. Laut sang sie mit, als ihr Blick plötzlich die Gestalt eines fiel, der eben durch die Eingangstür der großen Halle trat: Severus.
Oh Gott – er war noch hier. Marianne hatte nicht damit gerechnet. Er durfte sie doch so nicht sehen - tanzend auf einer Bar!
Vor Schreck trat sie einen Schritt zurück und stolperte über irgendeinen Fuß. Sie verlor das Gleichgewicht und suchte nach Halt, aber sie übersah dabei das Ende des Tisches. Als sie merkte, dass sie fiel, schrie sie auf und riss die Arme in die Höhe, doch sie bekam nichts zu fassen. Sie ruderte mit den Händen in der Luft, doch sie fiel rückwärts vom Tisch. Irgendwie bekam sie doch noch ein Kleidungsstück zu fassen und riss jemanden mit sich von der Bar hinunter. Sie streifte mit einem Arm einen Barhocker und krachte dann am Boden auf.
Als Marianne mit dem Rücken aufschlug, verdrängte das Adrenalin den Alkohol in ihrem Blut und sie war schlagartig wieder nüchtern. Sie versuchte, Luft zu holen, doch es ging nicht. Sie keuchte und merkte nebenbei, dass alle auf sie zu rannten.
„Marianne, geht es dir gut?“
Sie konnte nicht antworten und versuchte verzweifelt, einzuatmen. Sie zog die Luft ein, aber sie hatte das Gefühl, dass es nichts half. Sie röchelte und fühlte, dass ihr Kopf hochrot wurde.
Es kam ihr wie eine halbe Ewigkeit vor, doch dann spürte sie, dass jemand sie von hinten hoch hob und ihren Oberkörper nach vorne hievte. Sie kam auf den Knien zu sitzen und endlich merkte sie, dass sie wieder Luft in ihre Lungen bekam. Sie hustete und versuchte gleichzeitig zu atmen. In ihrem Kopf pochte das Blut.
„Marianne, atme ganz langsam ein und aus, hörst du!?“
Sie merkte, dass plötzlich Severus neben ihr kniete. Er war es, der gesprochen hatte, und sie streckte eine Hand nach ihm aus.
„Severus.“, presste sie verzweifelt heraus.
Er ergriff ihre Hand und hielt sie fest. Noch immer fiel es ihr schwer, genug Luft zu bekommen. Er legte ihr die andere Hand auf ihren Rücken und sagte:
„Du musst versuchen, ganz ruhig in meine Hand hinein zu atmen.“
Sie befolgte seine Anweisungen und es gelang ihr immer besser.
„Kannst du aufstehen?“, fragte er sie.
Marianne nickte.
Er half ihr hoch und führte sie dann zu einem Stuhl, damit sie sich setzen konnte.
„Bringt mir ein Glas Wasser.“, ordnete er an.
Jemand reichte ihm schnell eines und er sorgte dafür, dass Marianne ein paar Schlucke zu sich nahm. Noch immer standen alle, die sich noch in der großen Halle befunden hatten, um sie herum und sahen besorgt zu. Doch Marianne merkte, dass sie nicht nur besorgt waren, sondern auch ungewöhnlich still, fast erstaunt.
Als es ihr besser ging, sah sie auf und erblickte die Gesichter, die sie neugierig anstarrten. Marianne fühlte sich plötzlich unwohl. Warum verhielten sie sich so eigenartig? Gleichzeitig sah sie, dass Remus Sirius aus der großen Halle zerrte und sie heftig aufeinander einsprachen. Sie hatte keine Ahnung, was dort vor sich ging. Alles schwirrte noch in ihrem Kopf und ihr Arm tat höllisch weh.
„Geht es dir wieder gut?“, fragte schließlich jemand.
„Ja, danke. Alles wieder in Ordnung.“, sagte Marianne. „Ich möchte nur noch einen Moment sitzen bleiben.“
Sie hoffte, dass sich der Kreis um sie herum auflösen würde.
Nachdem die Leute wieder auf die Tanzfläche und zu den Stehtischen zurückgekehrt waren, sah Marianne zu Severus auf. Er hatte einen merkwürdigen Gesichtsausdruck, er schien irgendwie verkniffen und presste die Lippen fest aufeinander. Außerdem starrte er zu den anderen hinüber, die weitersprachen, als sei nichts gewesen.
„Was ist los?“, flüsterte Marianne ihm zu.
Sein Blick flog zu ihr und er sah sie ernst, fast streng, an.
„Sie reden über uns.“, sagte er leise.
„Wirklich?“, fragte Marianne und blickte zu ihnen hinüber.
Als Marianne die letzte Minute noch einmal in ihrem Kopf durchspielte, wurde sie immer geschockter: Oh Gott, was hatte sie getan? Sie hatte ihn Severus genannt. Niemand war mit den Lehrern per du, weder mit Flitwick, McGonagall oder Trelawney – aber schon gar nicht mit Snape. Marianne wusste das und sie ahnte, dass es Raum für Spekulationen bot.
Zu allem Übel hatte sie auch noch die Hand nach ihm ausgestreckt. Sie hätte jeden anderen um seelischen Beistand bitten können – aber sie hatte nach Severus gesehen. Bestimmt war ihr Verhalten für Außenstehende mehr als eigenartig.
Aber ahnten sie wirklich, wie ernst es zwischen ihnen war? Dass sie sich regelmäßig trafen? Das konnte doch nicht sein, oder...?
Bange wandte sie langsam den Kopf zu ihm und sah zu ihm auf. War er wütend auf sie? Sie schluckte.
„Severus, es tut mir Leid...“, flüsterte sie leise.
„Es ist nicht deine Schuld.“, erwiderte er.
Schließlich fügte er hinzu:
„Es ist besser, ich gehe jetzt.“
Sie wollte ihn zurückhalten, aber er hatte sich bereits umgedreht und schritt in Richtung Ausgang. Sie blickte ihm nach. Oh nein, wie konnte sie nur so blöd gewesen sein!? Betroffen blieb sie sitzen und hatte keine Ahnung, was sie tun sollte. Sie wusste weder, was Severus dachte, noch, was sie tun konnte, um die Situation nicht noch zu verschlimmern.
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