
von Lilly10
Severus war Dumbledore in dessen Büro gefolgt. Der ehemalige Direktor war so schnell gegangen, dass er sich beeilen hatte müssen, um ihm nachzukommen. Was hatte er jetzt bloß wieder im Sinn, fragte Severus sich fluchend. Er dachte anscheinend wirklich, dass alle anderen nichts weiter waren als seine Marionetten, mit denen er umspringen konnte, wie er wollte.
Nur wenige Minuten später stand er ihm in dessen Büro gegenüber.
„Was ist so wichtig, dass es nicht warten kann, Albus?“, fragte Severus missmutig.
„Lass Sirius in Ruhe, Severus.“, sagte Dumbledore mit ruhiger Stimme. „Er hat in seinem Leben genug gelitten und es ist bestimmt nicht leicht für ihn, dass du dich mit Marianne triffst.“
Severus sah ihn mit gerunzelter Stirn an. Schon wieder ein Vortrag – eigentlich war Severus alt genug, um selbst Entscheidungen treffen zu können. Warum maßte sich Albus andauernd an, ihn belehren zu müssen? Hatte er ihn jemals um seinen Rat gefragt? Ihn jemals um Hilfe gebeten? Nein. Trotzdem glaubte Albus anscheinend, dass er nicht ohne seine Ratschläge leben konnte...
„Es ist mir egal, was Black denkt.“, sagte Severus verächtlich. „Meine Abneigung gegen ihn wird sich dadurch bestimmt nicht ändern.“
Dumbledore sah ihn nachdenklich an.
„Aber du musst doch zugeben, dass es ein amüsanter Zufall ist, dass beide Frauen, denen du dein Herz geschenkt hast, gute Freunde von Sirius waren.“, fuhr er fort.
Severus sah ihn misstrauisch an.
„Was willst du damit sagen?“
„Nun, vielleicht seid ihr beide euch gar nicht so unähnlich – vielleicht waren es nur die Umstände, die euch dazu gebracht haben, euch zu hassen.“
Severus‘ Mundwinkel zuckte wütend. Er wusste genau, was Albus vorhatte.
„Glaub ja nicht, ich könnte mich mit diesem flohbesetzten Köter anfreunden.“, zischte er.
Dumbledore runzelte bei seinem Ton die Stirn.
„Ich sage dir nur eines, Severus: Wenn du vor Marianne genauso sprichst wie vor mir, dann darfst du dich nicht wundern, wenn du es erneut kaputt machst.“
Severus starrte den Direktor wortlos an. Seine Worte trafen ihn, denn er fürchtete nichts mehr.
„Ich denke es ist äußerst wichtig, dass du dir darüber im Klaren bist.“, fuhr Dumbledore fort. „Solltest du sie dazu zwingen sich zwischen euch Beiden zu entscheiden, dann wirst du sie schrecklich unglücklich machen.“
Severus wusste, dass Dumbledore recht hatte, aber es stimmte ihn trotzdem nicht versöhnlicher gegenüber Sirius.
„Es ist nicht so einfach, wie du dir das vorstellst, Albus.“, knurrte er.
„Nicht?", erwiderte Dumbledore. "Ich denke aber, es ist ziemlich logisch, was das Beste ist.“
„Logisch, vielleicht.“, erwiderte Severus. „Aber ich konnte Black noch nie ausstehen. Denkst du, ich kann die letzten zwanzig Jahre einfach so vergessen?“
„Irgendwann muss doch diese Feindschaft ein Ende haben.“, meinte Dumbledore. „Ihr seid zwei erwachsene Menschen – und nun wäre der beste Zeitpunkt dafür, diese Kindereien ein für alle Mal zu bereinigen.“
„Kindereien?“, zischte Severus. „Sie hätten mich damals fast umgebracht.“
„Es ist wirklich schade, Severus, dass dir Marianne so wenig zu bedeuten scheint...“
„Wie bitte?“, erwiderte Severus scharf.
Das konnte doch unmöglich sein Ernst sein. Albus wusste ganz genau, wie wichtig sie ihm war, wie konnte er da so etwas behaupten?
„Deine Streiterei mit Sirius scheint dir immer noch wichtiger zu sein als Mariannes Wohl.“, erklärte Dumbledore unerbittlich.
Severus blickte ihn wütend an.
„Seinetwegen war sie völlig aufgelöst. Ich wollte sie nur...“
„Beschützen?“, beendete Albus den Satz für ihn. „Ich für meinen Teil glaube nicht, dass es dir darum gegangen ist. Ich glaube vielmehr, du lässt dich von Sirius provozieren und hast dich selbst nicht unter Kontrolle.“
Severus fixierte ihn zornig und hätte ihm am liebsten einen Fluch an den Hals gejagt. Er hatte bestimmt nicht jahrelang spioniert und einen der gefährlichsten Zauberer getäuscht, um sich dann so etwas sagen zu lassen.
Doch gleichzeitig erkannte er, dass Albus selbst ihn eben provozieren wollte. Wenn er sich jetzt reizen ließ, bestätigte er nur seine Worte. Schnell unterdrückte er seine aufkeimenden Gefühle.
„Wenn ich will, habe ich mich sehr wohl unter Kontrolle, Albus.“, sagte er ruhig.
Albus lächelte leicht.
„Ich weiß.“, antwortete er. „Ich wünschte nur, du würdest diese Gabe auch einsetzen – und wenn es nur Marianne zuliebe ist.“
Severus wusste, dass es ein Fehler gewesen war, sich mit Sirius anzulegen, aber den würde er gegenüber Albus bestimmt nicht eingestehen. Es genügte, dass er es sich selbst eingestehen musste.
„Ist das alles?“, fragte er ruhig.
„Zu diesem Thema, ja.“, erwiderte Albus. Er hatte Severus‘ Geduld genug ausgereizt und vertraute darauf, dass er erreicht hatte, was er wollte. „Aber eigentlich wollte ich über etwas ganz anderes mit dir sprechen.“
Gott sei Dank, endlich ging es nicht mehr um ihn, dachte Severus, und entspannte sich wieder.
„Es geht um Xavier.“, fuhr Dumbledore fort. „Wie geht es ihm? Er war heute nicht bei der Feier, obwohl er bereits aus dem Krankenhaus entlassen wurde.“
„Der Trubel um seine Person wäre wohl groß, wenn er sich hier blicken ließe.“, antwortete Severus. „Außerdem gibt es bestimmt immer noch viele, die ihm misstrauen. Ich an seiner Stelle wäre auch nicht hierhergekommen.“
„Da hast du wohl recht...“, stimmte Albus zu.
Er sah nachdenklich vor sich hin und meinte dann:
„Trotzdem wäre es gut, wenn du den Kontakt mit ihm aufrecht erhältst.“
Severus nickte und Dumbledore verstummte. Er blickte seinen ehemaligen Kollegen an und lächelte dann.
„Es ist wirklich erstaunlich, welche Veränderungen es im letzten Jahr gegeben hat. So viele Dinge, die ich niemals vorhergesehen hätte...“
Severus wusste nicht, worauf er genau anspielte, aber er fragte auch nicht. Dumbledore sah zufrieden aus – so, als hätte er mit seiner Rolle als Direktor nun abgeschlossen.
„Ich wünsche dir eine gute Nacht, Severus.“
„Gute Nacht, Albus.“
Der friedvolle Ausdruck des ehemaligen Direktors sorgte dafür, dass Severus ihm die überdeutlichen Worte von vorhin vergab. Das hatte Albus noch jedes Mal geschafft – egal, wie wütend Severus auch gewesen sein mochte.
Zufrieden lächelnd sah Dumbledore seinem Kollegen nach. Nun würde alles seinen Lauf nehmen, ohne dass er sich mehr darum kümmern musste, dachte er. Eine wirklich schöne, ruhige Zeit war hiermit angebrochen.
Als Marianne am nächsten Tag aufwachte, war es bereits später Vormittag. Ihr Arm schmerzte immer noch sehr und sie nahm sich endlich die Zeit, ihren Arm zu begutachten. Als sie ihr Nachthemd nach oben zog, machte sie große Augen. Ein riesiger blauer Fleck prangte auf ihrer Haut und er schien geschwollen zu sein. Vorsichtig tastete sie den Arm ab, doch es schien nichts weiter passiert zu sein. Sie trug eine Creme auf, die zur Abschwellung beitragen würde, und machte sich dann auf den Weg nach Hogwarts zum Mittagessen.
Als sie in die große Halle kam und sich an den Ravenclaw-Tisch setzte, verstummten die Gespräche der tuschelnden Mädchen schlagartig. Marianne fühlte, dass sie einige beobachteten, aber sie gab sich so ruhig wie möglich. Sollten sie doch reden, dachte sie. Sie konnte sowieso nichts dagegen tun.
Ihre Freundinnen verhielten sich wie sonst auch und sprachen sie auch nicht auf den vergangenen Abend an, aber Marianne ahnte, dass ein paar von ihnen, wenn sie alleine mit ihnen war, sehr wohl nach Details fragen würden. Sollte Marianne ihnen dann die Wahrheit sagen? Oder wussten sie bereits alles?
Sie glaubte nicht, dass alle von ihnen akzeptieren würden, dass sie mit einem ehemaligen Professor etwas am Laufen hatte.
Mit den meisten von ihnen hatte sie auch eher oberflächliche Freundschaften, nur bei Lisa war es ihr sehr wichtig. Sie wollte ihre beste Freundin nicht verlieren und hoffte, dass sie es akzeptieren würde, wenn sie alles erfuhr.
Doch im Moment war sie vor unangenehmen Fragen in Sicherheit, denn keine sprach vor den anderen die Spekulationen aus, über die sie vorhin getuschelt hatten. Sie unterhielten sich über die Feier und lachten über die verschiedenen Anekdoten, die sie sich erzählten. Die meisten von ihnen waren bis spät in die Nacht hinein geblieben und hatten gefeiert. Vielleicht konnten sie sich ja gar nicht mehr daran erinnern, dachte Marianne hoffnungsvoll. Bestimmt war es für alle am besten, wenn ihr Ausrutscher von gestern einfach vergessen wurde.
Sie bemühte sich, an den Gesprächen teilzunehmen, doch es fiel ihr nicht so leicht, ausgelassen und lustig zu sein. Im Hinterkopf hatte sie immer den Gedanken, dass sie sowohl mit Sirius als auch mit Severus über gestern reden musste. Sie hatte ja heute schon gedacht, dass sie Sirius antreffen würde, aber seit gestern Nacht war er wie vom Erdboden verschluckt.
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