
von Lilly10
Plötzlich klopfte es an ihrem Fenster in London und Marianne sah auf. Eine weiße Schleiereule saß dort und pochte mit dem Schnabel an das Glas. Sie ging hin und betrachtete sie bewundernd. Noch nie hatte sie so ein schönes Tier gesehen, mit so langen, glänzenden Federn. Als die Eule ihren Kopf drehte und sie schräg ansah, kam Marianne endlich auf die Idee, ihr zu öffnen. Sie flatterte herein und ließ sich am Tisch nieder. Marianne ging zu ihr.
Du bist wirklich ein schönes Tierchen, dachte sie und streichelte ihr über den Kopf.
Schnell zog sie die Hand weg, als die Eule nach ihr pickte.
„Ja, ja. Ist ja schon gut.“, murmelte sie und holte ein paar Leckerbissen für sie aus der Schublade.
Danach schien die Eule zufrieden zu sein und Marianne nahm ihr den Brief ab. Es war ein weißes Kuvert, das sie nicht erkennen ließ, wer geschrieben hatte. Sie riss es auf und faltete den Zettel auseinander.
„Liebe Marianne. Ich befinde mich gerade...“
Marianne unterbrach das Lesen und sah aufgeregt zum Ende des Briefes, um zu sehen, wer ihn geschrieben hatte.
„Alles Liebe, Sirius.“, stand unten geschrieben.
Ihr Herz klopfte freudig und sie lächelte glücklich. Sirius hatte ihr geschrieben! Tränen traten in ihre Augen, während sie nun begann, den Brief von Anfang an zu lesen. Wenn Sirius ihr geschrieben hatte, hatte er ihr bestimmt vergeben. Er war ihr nicht mehr böse, endlich war alles gut!
Schließlich las sie von vorne:
„Liebe Marianne.
Ich befinde mich gerade in einem Land, das ziemlich weit weg von England ist. Meine Reise hat mich zufällig dorthin verschlagen und es ist wirklich aufregend hier. Ich habe schon so viel erlebt, dass ich gar nicht alles in den Brief schreiben kann. Jetzt sitze ich gerade an einem Lagerfeuer und mache es mir für die Nacht gemütlich. Ich kann dir gar nicht sagen, wie schön es ist, hingehen zu können, wo man möchte. Ich bin so glücklich wie noch nie – das einzige, was mir nun noch fehlt, sind Remus und du. Ich hoffe, es geht dir gut!
Alles Liebe, Sirius.“
Marianne ließ lächelnd den Brief sinken. Gott sei Dank, es ging ihm gut. Erst jetzt merkte sie, wie sehr sie ihn vermisst hatte – es wäre schrecklich gewesen, wenn sie sich nicht mehr versöhnt hätten.
Erneut klopfte etwas und Marianne wandte den Kopf, doch das Fensterbrett war leer. Sie wunderte sich, wo das Geräusch hergekommen war. Schon wieder ertönte das Geräusch, doch sie konnte nichts erkennen. Sie horchte genauer hin: Da, schon wieder dieses Pochen. Was war das bloß?
Das Klopfen wurde immer eindringlicher und plötzlich schrak sie auf. Sie schlug die Augen auf und wusste erst nicht, wo sie sich befand, doch dann merkte sie, dass sie in ihrer Wohnung im Bett lag.
Schließlich kam sie in die Realität zurück und eine Traurigkeit umfing sie. Sie hatte bloß geträumt, Sirius hatte ihr nicht geschrieben – es war bloß ein Wunschtraum gewesen!
Plötzlich ertönte wieder ein Klopfen und Marianne wandte den Kopf. Am Fensterbrett saß eine kleine braune Eule. Deshalb war sie also aufgewacht! Sofort sprang sie aus dem Bett und lief zum Fenster. Konnte die Eule von Sirius sein?
Zur selben Zeit saß Severus bereits in der großen Halle auf seinem Platz. Der Raum war voll von den Schülern und die Direktorin stand am Pult und hielt eine lange Rede zum Beginn der Schulzeit.
Severus hörte kaum hin, denn es war in etwa dasselbe, was Albus jedes Jahr erzählte. Sein Blick schweifte indessen über die aufgeregten Erstklässler, die vorne standen und jedem Wort der Direktorin lauschten. Sie standen dicht aneinander gedrängt, als würde ihnen die Nähe der anderen Sicherheit bieten. Einige tuschelten leise und Severus wusste genau, dass es dieselben waren, die auch später im Unterricht stören würden. Sie konnten nicht einmal jetzt den Mund halten... Severus starrte sie an, doch die Schüler tuschelten ungestört weiter - sie kannten und fürchteten den strengen Blick des Zaubertrank-Professors noch nicht.
Einige lange Minuten später war Minerva endlich mit ihrer Rede fertig. Ein Neuling nach dem anderen setzte sich auf den Stuhl und bekam den Hut aufgesetzt. Severus lehnte sich zurück - es war jedesmal eine ewig lange Prozedur.
Nur wenn der Hut 'Slytherin' rief, erwachte sein Interesse ein wenig und er besah sich den Schüler etwas genauer. Er hoffte, dass ihn der Jahrgang nicht enttäuschen würde und einige unter ihnen waren, die Potential hatten.
Nach einer gefühlten halben Ewigkeit war die Versammlung in der großen Halle zu Ende und Severus stand auf. Auch die anderen Lehrer taten es ihm gleich.
"Hallo, Severus.", kam es von neben ihm und er wandte seinen Kopf.
Remus stand da und lächelte ihn an. Severus nickte ihm kurz zu, aber es schien ihm, als wartete Remus noch auf etwas.
Sicher, er hätte kurz mit ihm sprechen können, hätte ihn zu seinem Baby belückwünschen können, aber darauf konnte er lange warten. Er war zwar mit Marianne zusammen, aber er war immer noch Severus Snape, es hatte sich nichts geändert. Es würde bestimmt nicht lange dauern, bis Lupin das realisieren würde, dachte er und rauschte davon.
Die Woche verging und als Severus am Freitagmorgen nach dem Frühstück die große Halle verlassen wollte, hielt Minerva ihn auf.
"Severus!"
Er blieb neben ihrem Stuhl stehen und sah sie an.
"Ja?"
"Ich würde dich nach dem Unterricht gerne in meinem Büro sprechen.", sagte sie.
"Natürlich, Minerva.", erwiderte Severus.
Während er davon rauschte, stöhnte er innerlich. Was wollte die Direktorin bloß von ihm? Er war es ja von Albus gewöhnt, dass er ihn andauernd sprechen wollte, aber konnte er nicht einmal jetzt seine Ruhe haben? Der Krieg war vorbei, er war nicht mehr wichtig, also was wollte sie von ihm?
Als Severus am Nachmittag in Minervas Büro trat, sah sie auf.
„Hallo, Minerva.“, sagte er ruhig.
Sie nickte nur knapp.
„Setz dich, Severus.“
Er zögerte einen Moment. Wollte sie ihm jetzt schon vorschreiben, was er tun sollte? Trotzdem ging Severus schließlich auf sie zu und ließ sich auf einem Stuhl vor dem Schreibtisch der Direktorin nieder. Was konnte so wichtig sein, dass er sich deshalb setzen sollte? Wachsam sah er sie an, aber aus ihrem Gesichtsausdruck konnte man nichts schließen. Sie hätte sich gut als Spionin geeignet, dachte er kurz, doch dann verwarf er den Gedanken wieder. Sie wäre viel zu mitfühlend gewesen...
„Severus.“, begann sie. „Bevor Albus mir den Posten als Direktor übergeben hat, hat er erwähnt, dass du dich, wie jedes Jahr, als Lehrer für „Verteidigung gegen die dunklen Künste“ beworben hast. Ich möchte nicht, dass es gleich zu Beginn zu Missverständnissen kommt, deshalb wollte ich dir persönlich sagen, dass ich dir dieses Fach nicht übergeben kann. Remus Lupin ist, wie du weißt, auch dieses Jahr wieder an der Schule angestellt und wird wie gewohnt den Unterricht fortführen. Aus diesem Grund wirst du wieder das Fach „Zaubertränke“ unterrichten.“
Severus unterdrückte ein leicht spöttisches Grinsen. Wenn die neue Direktorin für solch unwichtige Gespräche so viel Zeit aufwendete, würde sie nicht weit kommen, dachte er bei sich. Wenn er sich bei Albus für den Posten beworben hatte, hatte er nicht einmal eine Absage bekommen.
„Das habe ich bereits erwartet.“, antwortete er.
Es herrschte ein kurzes Schweigen zwischen den beiden. Irgendetwas schien Minerva noch am Herzen zu liegen, dachte Severus. Aber er hatte keine Ahnung, was es war.
„Severus, ich weiß, dass wir hin und wieder unsere Schwierigkeiten miteinander hatten.“, begann sie schließlich. „Aber ich möchte, dass du weißt, dass ich dich sehr schätze. Ich bewundere dich wirklich für deinen Mut und deine Einsatzbereitschaft, die du in den letzten Jahren bewiesen hast. Dadurch verstehe ich auch etwaige Ausbrüche gegenüber den Schülern, die mit Nachsitzen oder Punkteabzug geendet haben. Ich möchte aber, dass du nun, da die Zeiten nicht mehr so finster sind, den Schülern gegenüber etwas rücksichtsvoller bist.“
Severus sah sie an, ohne eine Regung zu zeigen. Darauf wollte sie also hinaus. Er kannte Minerva schon lange und wusste, dass sie resolut war und die Dinge gerne von Anfang an klarstellte. Langsam nickte er.
„Gut.“, sagte sie. "Es freut mich, dass wir hier einer Meinung sind."
"Ist das alles?", fragte Severus.
"Ja, das ist alles.", erwiderte sie. "Auf eine gute Zusammenarbeit, Severus."
Er stand auf.
"Und ich freue mich wirklich für dich, dass du dein Glück nun gefunden hast...“, fügte sie noch hinzu und zwinkerte kurz.
Severus' Miene verfinsterte sich. Er hasste solche Anspielungen. Wollte sie sich jetzt auch in sein Privatleben einmischen?
„Guten Tag, Minerva.“, erwiderte er, ohne darauf einzugehen.
Sie nickte ihm zu und als er das Büro der Direktorin verließ, seufzte er. Warum mussten sich die Direktoren immer das Recht herausnehmen, über sein Privatleben zu sprechen? Konnten sie ihn nicht einfach seine Arbeit machen und ihn ansonsten in Frieden lassen?
Tja, er musste wohl damit leben: Es hatte sich nichts geändert. Jedenfalls fast nichts.
Mit diesem Gedanken trat er durch das Tor von Hogwarts hinaus ins Freie. Die Sonne stand genau gegenüber von ihm am Himmel und schien ihm grell in die Augen. Er blinzelte und hielt sich schützend einen Arm vor sein Gesicht, bis er sich an das Licht gewöhnt hatte. Dann ging er eiligen Schrittes den kleinen Weg entlang über die Wiese und sein Herz klopfte vor Freude. Marianne wartete bereits auf ihn.
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