
von Lilly10
Marianne stand in Spinners End im oberen Stockwerk vor dem Spiegel. Sie hatte sich in den letzten 10 Jahren stark verändert und war eine richtige Frau geworden. Es gefiel ihr, sich so im Spiegel zu sehen. Der Altersunterschied zu Severus machte nun nicht mehr so viel aus wie damals und sie wurden nicht mehr angestarrt, wenn sie gemeinsam essen gingen.
Marianne hatte eben ihr neues Gewand angezogen und drehte sich vor dem Spiegel hin und her. Ja, so konnte sie gehen. Sie freute sich schon auf den Abend, so lange hatte sie Remus, Tonks und Teddy nicht gesehen. Bestimmt war Teddy schon wieder um einige Zentimeter gewachsen, seit sie sie besucht hatte. Es war wirklich schön zu sehen, wie liebevoll die kleine Familie miteinander umging.
Sirius besuchte Remus jedes Mal, wenn er in Schottland war, und heute Abend war so ein Tag. Sie lächelte, als sie daran dachte, dass sie ihn heute wiedersehen würde. Er hatte sich in den letzten Jahren kaum verändert, bis auf eines:
Er hatte vor ein paar Jahren eine Frau kennengelernt, die ihm mehr wert war, als es sonst seine flüchtigen Bekanntschaften gewesen waren.
Marianne war gespannt, ob er sie heute Abend mitbringen würde, denn sie war unheimlich neugierig auf sie. Auf jeden Fall musste sie viel Geduld haben, sonst würde sie es nicht akzeptieren, dass Sirius immer wieder auf Reisen ging...
Marianne grinste als sie daran dachte, wie sie Sirius – und natürlich Remus – kennen gelernt hatte. Seit dem hatte sich so viel verändert, dachte sie und versank in den Erinnerungen an ihre erste Begegnung.
Marianne folgte Aaron durch die Gänge in Hogwarts. Mit offenem Mund staunte sie über alles, was sie sah: Die Gemälde, die sich bewegten, die langen, verwirrenden Gänge, die nur mit Fackeln beleuchtet waren, die vielen Teppiche, die alle möglichen Geheimgänge zu verdecken schienen...
Noch niemals hatte sie in den elf Jahren, die sie jetzt alt war, etwas Ähnliches gesehen. Marianne war begeistert von diesem Schloss und konnte sich kaum vorstellen, dass es tatsächlich eine Schule war. Was für ein Traum wäre es, hier zu wohnen. Aaron trat eben eine Wendeltreppe hinauf und Marianne folgte ihm, bis er vor einer Tür stehen blieb.
„Da sind wir.", erklärte ihr Ziehvater. "Das ist das Büro von Albus Dumbledore, dem Direktor.“
Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals.
Man konnte bereits ein paar Stimmen hören, die aus dem Raum hinter der Tür drangen. Bevor Aaron die Tür öffnen konnte, wurde sie bereits aufgeschlagen und ein Mann eilte hindurch. Abrupt blieb er vor ihnen stehen, um sie nicht zusammen zu laufen. Marianne sah ihn neugierig an. Er hatte längere schwarze Haare und war schwarz gekleidet. Sein Gesicht war leicht verzogen und Marianne hatte das Gefühl, dass er sehr erschöpft war – oder litt er an Schmerzen? Irgendetwas stimmte nicht mit ihm, dachte sie. Sie konnte ihn jedoch nicht mehr länger betrachten, denn der Mann rauschte an ihnen vorbei und eilte die Treppe hinunter. Als Marianne ihm nachblickte, sah sie, wie sich der Mantel hinter ihm aufbauschte.
Aaron war währenddessen bereits eingetreten.
„Kommst du?“
Marianne nickte und folgte ihm schnell. Am anderen Ende des Raumes saß ein Mann hinter einem Schreibtisch. Er war sehr eigentümlich gekleidet, sehr groß und hatte einen langen Bart – und er lächelte. Er stand auf und kam auf sie zu, um Aaron die Hand zu schütteln.
„Es freut mich, dass ihr hier seid.“, sagte er, dann reichte er auch Marianne die Hand.
„Du bist also Marianne...“, stellte er fest.
Sie nickte.
„Ich bin Albus Dumbledore, der Leiter dieser Schule."
Er zog seinen Zauberstab heraus und richtete ihn auf den Schreibtisch. Eine gläserne Schale schwebte auf sie zu und blieb vor Marianne in der Luft stehen.
„Lemon Drop?“, fragte er.
„Danke.“, sagte Marianne erfreut und nahm sich eines.
Während er sich selbst eines nahm und in den Mund steckte, sagte er zu Aaron:
"Ich habe die Beiden hierher eingeladen. Sie müssten gleich da sein.“
Im selben Moment ertönte ein lautes Stimmengewirr von draußen. Sofort sahen sie zur Tür, doch sie konnten nichts verstehen, außer dass jemand laut stritt.
„Entschuldigt mich.“, sagte Dumbledore und eilte zur Tür und die Treppe hinunter.
Sie hörten seine Stimme, aber sie konnten nicht verstehen, was er sagte. Nur wenige Momente später kam er die Treppe wieder herauf und zwei Männer folgten ihm.
Der eine war groß und hatte kurze Haare. Er sah Marianne freundlich an, als er eintrat. Der andere hatte lange, gewellte Haare, und sah etwas heruntergekommen aus, außerdem hatte er einen grimmigen Gesichtsausdruck.
Marianne hatte Beide schon auf einem Foto gesehen – es waren Remus und Sirius, bei denen sie während der Ferien wohnen würde.
War der eine immer so missmutig wie jetzt, fragte sie sich, als sein Blick auf sie fiel und sich auf seinem Gesicht plötzlich ein Lächeln breit machte.
"Hey!", rief er und kam auf sie zu.
„Marianne, richtig?“, fragte er und schüttelte ihr die Hand so heftig, dass es sie als Ganzes schüttelte.
Sie nickte.
„Sirius Black.“, erklärte er. „Ich freue mich darauf, dich kennen zu lernen und mein Haus mit dir zu teilen.“
Nun schmunzelte er und Marianne fand ihn gleich viel sympathischer als vorhin, als er durch die Tür gekommen war. Seine schlechte Laune war scheinbar im Nu verflogen.
„Kannst du schon ein paar Zaubersprüche?“
Marianne verneinte.
„Na, dann weiß ich ja schon, was wir machen, bevor die Schule anfängt.“, grinste er.
Marianne lächelte. Sie fand ihn immer sympathischer.
„Da fällt mir ein, ich muss wohl vorher noch ein wenig aufräumen und abstauben, bevor du kommst.“, fuhr er fort.
„Warum?“
„Na, so wie diese Bruchbude jetzt aussieht, kann ich keine Lady bei mir aufnehmen.“
Marianne lächelte. Hatte er sie eben gerade Lady genannt? Sie war doch erst elf Jahre alt...
Trotzdem gefiel es ihr.
„Hast du bis jetzt alleine in dem Haus gewohnt?“, fragte sie aus kindlicher Neugier.
Sirius verzog einen Mundwinkel zu einem schrägen Lächeln.
„Nein, ich habe bis jetzt gar nicht in diesem Haus gewohnt.“, erklärte er.
„Wo denn dann?“, fragte sie weiter.
Er sah sie einen Moment an.
„Weit weg von hier.“, sagte er schließlich. „Ich werde es dir bestimmt einmal erzählen, aber jetzt bist du noch zu klein dafür.“
Marianne schob schmollend die Lippe vor, doch bevor Sirius auf ihren Klein-Mädchen-Charme anspringen konnte, drehte er sich um und deutete auf den anderen Mann, der sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte.“
„Das ist übrigens Remus, er wird auch am Grimmauld Platz wohnen.“
Remus kam auf sie zu und reichte ihr die Hand. Seine Hand fühlte sich weich und warm an und er schüttelte sie nicht so heftig, wie Sirius es getan hatte.
„Schön, dich kennenzulernen, Marianne.“, sagte er.
„Freust du dich schon auf die Schule?“
„Oh ja.“, antwortete Marianne.
„Das solltest du auch.“, sagte Sirius. „Es ist die beste Zeit des Lebens und Hogwarts ist einfach unvergleichlich. Remus und ich haben uns auch dort kennen gelernt und sind seit der ersten Klasse befreundet.“
„Wirklich?“, sagte Marianne und machte große Augen.
Sie konnte sich kaum vorstellen, dass diese Männer auch einmal so jung gewesen und in diese Schule gegangen waren.
Scheinbar hatte Sirius ihren Gesichtsausdruck richtig gedeutet, denn er lachte.
„Ja, es ist kaum vorstellbar, dass ich auch mal so klein war, nicht?“, rief er.
„Ich bin doch gar nicht klein.“, erwiderte Marianne. Schließlich sagte Aaron immer, wie groß sie schon geworden war...
„Naja, wenn du es mit mir aufnehmen willst, musst noch etwas wachsen, nicht?“, meinte er und stellte sich näher an sie heran, um den Unterschied zu verdeutlichen. Sie reichte ihm etwa bis zur Brust.
Remus grinste und sagte:
„Soll ich dich erinnern, wie klein DU in diesem Alter warst?“
An Marianne gewandt erklärte er:
„Sirius war in der ersten Klasse einer der Kleinsten.“
„Tja: Klein, aber oho.“, erwiderte Sirius. „Eines der wenigen Dinge, wo es nicht auf die Größe ankommt.“, fügte er hinzu und zwinkerte Remus zu.
Dieser verdrehte die Augen, doch Marianne verstand nicht, worum es ging.
Nun, 17 Jahre später, lachte Marianne leise darüber. Ja, Sirius hatte sich seit damals wirklich kaum verändert. Sie stand immer noch vorm Spiegel und war in Erinnerungen versunken.
Marianne dachte gerne zurück an ihre Schulzeit. Es waren sehr schöne Jahre gewesen, lediglich an ihr letztes Jahr in Hogwarts dachte sie mit gemischten Gefühlen zurück, denn es war unheimlich nervenaufreibend gewesen:
Der Kampf gegen Voldemort, der Druck in der Schule und natürlich ihre Liebe zu Severus, die damals entbrannte.
Damals hatte ihr Severus das Leben zur Hölle gemacht, hatte sie zum Nachsitzen verdonnert und sie in der Klasse niedergemacht. Sie hatte richtige Angst vor ihm gehabt und konnte kaum glauben, dass es derselbe Mann gewesen war, den sie jetzt liebte.
Wenn sie damals schon gewusst hätte, dass er ebenso für sie fühlte... Dass er sie lediglich beschützen wollte... So lange war sie im Unklaren gewesen, aber trotz all der Strapazen, die sie in dieser Zeit auf sich nehmen musste, war es der Beginn ihrer Beziehung zu Severus gewesen. Aus diesem Grund würde sie sich niemals wünschen, sie hätte es nicht erlebt.
Marianne schmunzelte. Wie nervös sie jedes Mal gewesen war, bevor sie ihn gesehen hatte... Wenn sie ihn in Hogwarts besucht hatte und schüchtern an seiner Tür geklopft hatte...
Auch jetzt, 10 Jahre später, erzeugte Severus noch eine Gänsehaut bei ihr. Es reichten ein paar Worte, ein Blick, eine Geste, die sie verstehen ließen, worauf er hinauswollte. Sie hatten weit nicht mehr so häufig Sex wie früher, aber es war jedes Mal aufregend und intensiv, fast wie am Anfang. Es würde ihr wohl niemand glauben, wie schön es mit ihm war, aber sie wusste es besser – und das war ja das Wichtigste.
Sie ging die Treppen hinunter und trat ins Wohnzimmer ein, um sich von Severus zu verabschieden. Es war nicht immer einfach in ihrer Beziehung gewesen, aber sie hatten auch die Tiefen durchgestanden. Marianne hatte ihn immer besser kennengelernt und somit verstanden, wie sie mit ihm umgehen musste. Er sprach noch immer nicht gerne über seine Gefühle, aber er hatte eben eine andere Weise, es auszudrücken. Sie konnte meistens erkennen, was er fühlte, ohne dass er es aussprechen musste – jedenfalls dann, wenn er es ihr wissen lassen wollte. Wenn er etwas verschweigen wollte, konnte er immer noch seine Rolle perfekt spielen und sich nichts anmerken lassen.
Als sie nun auf das Sofa zuging, auf dem er saß, und sich ihre Blicke trafen, wusste sie, was er dachte: Er war etwas traurig, dass sie ihn diesen Abend alleine ließ â€“ immerhin war es Wochenende und sie mussten beide nicht arbeiten. Unter der Woche, wenn sie beide ihrem Job nachgingen - Marianne stellte für das Ministerium Zaubertränke her - sahen sie sich immer erst spät am Abend. Trotzdem ließ er sie gehen, ohne verstimmt zu sein, denn er gönnte ihr, dass sie Freunde hatte, die sie gerne besuchte. Gleichzeitig war er froh, dass sie ihn nicht bat, mitzukommen.
Obwohl so viel Zeit vergangen war, hatte er sich mit Remus und Sirius nicht anfreunden können. Immerhin wollten sich Sirius und er nicht mehr an die Gurgel springen, wenn sie sich zufällig begegneten und das war ja schon ein großer Fortschritt. Sirius hatte mit der Zeit seine Aggression Severus gegenüber abgelegt. Er war ohnehin nicht oft in Schottland und wenn bei den gemeinsamen Abenden die Sprache auf Severus kam, ignorierte er dies so gut er konnte. Marianne glaubte, dass er die Tatsache gerne verdrängte, dass sie mit Severus zusammen war, aber er gleichzeitig war er auch aus dem Alter herausgewachsen, in dem er es ständig darauf anlegte, mit jemandem zu streiten. Er hatte jetzt Besseres zu tun und war ruhiger geworden – wohl zu einem großen Teil aufgrund seiner Freundin.
Severus war aufgestanden, um sie zu verabschieden, und sie sah zu ihm hoch.
„Bis später, Severus.“
Er beugte sich zu ihr und nahm ihren Kopf in seine Hände, um sie zärtlich auf die Lippen zu küssen. Sie schloss die Augen und genoss das Gefühl, seine Lippen auf den ihren zu spüren und dabei seinen Duft aufzunehmen. Dann löste er sich wieder von ihr und sie sah ihn an.
„Ich werde bestimmt noch wach sein.“, sagte er.
„Dann freue ich mich umso mehr auf später.“, antwortete sie und zwinkerte ihm zu.
Severus‘ Mundwinkel zuckte. Er wusste, was Marianne damit andeuten wollte.
Sie strich ihm zärtlich eine Strähne aus seinem Gesicht und blickte ihn an. Sie konnte bereits einzelne graue Haare zwischen seinen schwarzen entdecken, aber sie fand, dass es ihn nur noch attraktiver machte.
„Viel Spaß.“, sagte er.
Sie küsste ihn noch einmal kurz, dann löste sie sich von ihm und ging zur Haustür. Bevor sie hinaus ging, warf sie noch einen Blick zurück ins Wohnzimmer. Severus war zum Bücherregal gegangen und stand nun suchend davor. Sie beobachtete, wie seine – vom Saum seines Hemds halb verdeckte - Hand über die Buchrücken fuhr. Sein schwarzer Gehrock lag wie immer eng an seinem Körper an, mit den Jahren hatte er jedoch ein wenig zugenommen und er war nicht mehr so dünn wie damals. Marianne lächelte bei seinem Anblick. Sie liebte diesen Mann wirklich abgöttisch. Außerdem freute sie sich darauf, ihn nachher seinem Gehrock zu entledigen. Mit diesem Lächeln im Gesicht trat sie durch die Haustür und schloss sie. Ein kühler Wind blies ihr um das Gesicht und sie zog sich den Umhang fester um den Körper, dann ging sie den Kiesweg in der Dämmerung entlang. Als sie ans Ende gelangte, apparierte sie.
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