
von Lilly10
Mit den Schulbüchern im Arm ging sie die Treppen hinab und sah – Snape, wie er den Kachelofen einheizte. Er ließ die Holzscheite in den Ofen fliegen und schließlich entzündete er mit einem Zauberspruch das Feuer. Marianne konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, als sie sich vorstellte, was ihre Freundinnen sagen würden, wenn sie sie mit Snape an einem Kachelofen sitzen sehen würden.
„Was gibt es da zu grinsen!“, sagte Snape laut und Mariannes Lächeln verschwand.
Snape schien alles zu bemerken, was ihm einen Grund verschaffte, sie anzufahren. Doch so schnell wĂĽrde sie sich nicht klein kriegen lassen, daher erwiderte sie:
„Oh, da gäbe es einiges …“
Snape richtete sich auf und drehte sich ruckartig zu ihr um, sodass ein paar Strähnen in sein Gesicht fielen.
„Fordern Sie mich nicht heraus, Miss Richis.“, sagte Snape mit drohender Stimme.
„Setzen!“, ordnete er an und Marianne ging zu dem großen Tisch, der in dem Raum stand.
Als Snape sich davon ĂĽberzeugt hatte, dass das Feuer brannte, schritt er mit wallendem Umhang zu ihr. Er setzte sich ihr gegenĂĽber und sah sie an.
„Machen Sie sich darauf gefasst, dass nun alles etwas anders laufen wird, als Sie es gewohnt sind. Ich dulde weder freche, ungehorsame noch verweichlichte Schüler, so wie die anderen Lehrer in Hogwarts.“
„Verstanden, Professor.“, sagte Marianne resigniert.
Mit jedem anderen Lehrer wäre es hier bestimmt gemütlich geworden, dachte Marianne, doch mit Snape… Plötzlich fühlte sie sich sehr einsam.
Den einzigen Vorteil im Okklumentik-Unterricht sah sie darin, dass sie wenigstens die Möglichkeit bekam, ihre Gedanken vor ihm zu verschließen und nicht wie ein offenes Buch vor ihm zu sitzen.
„Sie haben jeden Tag acht Stunden Unterricht. Von acht bis zwölf und von ein bis fünf Uhr. Hier unten haben Sie die Möglichkeit, zu essen - außerhalb der Unterrichtszeiten, versteht sich.“
Marianne nickte und sagte:
„Und an den Wochenenden?“
„Sie haben Sonntag frei und gelegentlich mittwochs, wenn ich nicht da bin. Aber ich rate Ihnen, diese Zeit zum Lernen zu nützen, wenn Sie nicht für immer hier bleiben wollen. Ich persönlich gebe dem Direktor Auskunft darüber, wenn Sie bereit sind, dieses Haus zu verlassen. Okklumentik ist eine Kunst, die nur mit äußerster Hingabe und Disziplin erlernbar ist, haben Sie verstanden?“
Marianne nickte und fühlte sich plötzlich so, als wäre sie hier eingesperrt und Snape ihr Gefängniswärter. Er war die einzige Kontaktmöglichkeit nach außen und ihr Mut sank bei dem Gedanken an die nächsten Wochen.
„Gut – nun zum Thema. Sie wissen ja bereits, was das bedeutet. Der Dunkle Lord ist ein Meister der Legilimentik, selbst ich muss immer noch auf der Hut sein, wenn ich vor ihm stehe. Normalerweise ist für Legilimentik der Augenkontakt entscheidend, weshalb ich mich in seiner Abwesenheit nicht verschließen muss – bei Ihnen scheint dies aber anders zu sein. Es scheint so, als teilten Sie bei dem kürzlichen Vorfall seine Gedanken und Gefühle, ausgelöst alleine dadurch, dass Sie an ihn dachten.“
„Aber wie kann das sein?“, fragte Marianne. „Ich meine, warum passiert das gerade mir…?“
„Das braucht Sie nicht zu kümmern.“, sagte Snape knapp.
„Wir werden lediglich daran arbeiten, dass er nicht mehr in ihre Gedanken eindringen kann. Also, stehen Sie auf und nehmen Sie Ihren Zauberstab in die Hand, Miss Richis.“
Marianne stand nervös auf, während Snape um den Tisch herumging und sich ihr gegenüber stellte. „Versuchen Sie jetzt, mich daran zu hindern, in Ihre Gedanken einzudringen.“
Marianne sah ihn unsicher an. Sie hatte keine Ahnung, was er von ihr erwartete und ihr Kopf schwirrte voll unbeantworteter Fragen. Sie hatte keine Gelegenheit, ihn zu fragen, denn er hob bereits seinen Zauberstab und richtete ihn auf sie. Am liebsten hätte sie sich umgedreht und wäre weggelaufen, doch sie wollte sich keine Blöße geben.
„Bereit?“, fragte Snape und Marianne nickte.
„Gut. Legilimens!“, rief er und der Raum löste sich vor ihren Augen auf.
Bilder schossen durch ihren Kopf und dann sah sie sich selbst, wie sie einen Korridor in Hogwarts entlang ging. Es war dunkel und die Fackeln an der Wand flackerten. Nach kurzer Zeit hörte sie ein paar Stimmen, die immer näher kamen, bis schließlich eine kleine Bande von Slytherin-Schülern um die Ecke bog.
‚Hey, Süße!’, machte einer von ihnen sie an und die anderen lachten.
‚Hör auf mich so zu nennen, Xavier!’, fuhr Marianne ihn an und ging schnell weiter.
Sie kam jedoch nicht weit, als er plötzlich hinter einer anderen Ecke hervorkam und ihr den Weg versperrte.
‚Hey Kleine, du warst vorhin aber nicht sehr höflich zu mir…’
‚Ich bin nicht deine Kleine! Und jetzt lass mich zufrieden.’
Marianne wollte an ihm vorbei gehen, doch er stellte sich ihr in den Weg.
‚Was soll das, lass mich vorbei!’, sagte Marianne scharf und griff nach ihrem Zauberstab, doch Xavier packte sie und presste sie an die Wand, sodass sie ihren Arm nicht mehr bewegen konnte.
‚Hey, ich tu dir doch nichts, aber es wäre doch eine Verschwendung, deinen scharfen Körper unbenutzt zu lassen…’
Marianne begann sich zu wehren und schlug nach ihm, doch er war stärker und bekam ihre Handgelenke zu fassen. Er drückte seine kalten, dünnen Lippen auf ihre und plötzlich fühlte sie, wie seine Hände ihr zwischen die Beine fassten. Marianne schrie laut auf und plötzlich gab es einen lauten Knall.
Sie öffnete die Augen und erkannte, dass sie sich wieder in der Hütte befand. Sie lag am Rücken und ihre Unterarme brannten höllisch. Als sie hinunter sah, bemerkte sie, dass sie überall an ihren Armen blutete und kleine Glassplitter in ihrer Haut steckten. Schließlich sah sie die Glasscherben um sich herum liegen. Sie war wohl rückwärts gegangen und gegen die Glasvitrine gefallen, dachte sie.
Bevor sie sich alles erklären konnte, packte sie Snape am Arm und zog sie auf.
„Was sollte das denn?“, schnauzte er sie verächtlich an.
„Glauben Sie etwa, Sie können vor dem dunklen Lord davonlaufen, wenn er in ihre Gedanken eindringt?“
Marianne sah beschämt zu Boden.
„Nein...“, erwiderte sie.
„Na los, auf was warten Sie noch? Gehen Sie ins Bad und waschen Sie sich das Blut ab.“
Marianne nickte und lief an ihm vorbei. Es brannte höllisch, als sie ihre Arme unter das Wasser hielt und sie verfluchte Snape innerlich. Sie hatte doch nur versucht, ihn davon abzuhalten, ihre ganze Erinnerung zu sehen. Sie zog alle Scherben aus ihren Wunden, die sie finden konnte, und tupfte dann das Blut ab. Sie klebte ein paar Pflaster darauf und ging dann zurück zu Snape.
Sie sah, dass die Glasvitrine wieder heil war und auch die Scherben waren verschwunden. Snape saĂź am Tisch und sah sie streng an.
„Sie schulden mir ein paar Erklärungen.", begann er forsch. "Also, wer war das?“
„Wer war was?“
„Der Junge in Ihren Erinnerungen, Miss Richis!“
Marianne sah zu Boden. Er hatte also all das gesehen, was sie selbst gesehen hatte.
„Das … das war Xavier Malfoy, Dracos Bruder.“
„Ah …! Nun, ich vermute Sie wissen, dass solche Tätigkeiten in den Schulkorridoren nicht erwünscht sind! Zehn Punkte Abzug für Ravenclaw!“
Der Zorn auf Snape brodelte in ihr hoch, und er war so stark, dass sie sich sogar auĂźerstande fĂĽhlte, irgendetwas dagegen zu sagen. Sirius hatte Recht behalten, Snape nutzte ihre Situation schamlos aus und er war nicht nur ungerecht, er war fies und gemein!
„Dieser erste Versuch war wirklich miserabel Miss Richis, Sie haben es nicht geschafft, mich aufzuhalten. Haben Sie etwa vergessen, dass Sie Zauberkräfte besitzen?"
Spöttisch sah er sie an und Marianne war zum Heulen zumute.
"Nun gut, vergessen wir diesen ersten Versuch und probieren wir es erneut, aber diesmal setzen Sie bitte Ihren Zauberstab ein.“, fuhr Snape fort und hob erneut seinen Zauberstab.
Marianne fand wieder zu sich und wurde wĂĽtend.
„Sie haben mir nicht erklärt, wie ich mich wehren soll, Professor!“, sagte sie zornig und starrte ihn finster an.
„Denken Sie an nichts und machen Sie sich frei von Emotionen – das dürfte Ihnen ja wohl nicht schwer fallen!“, erwiderte Snape und sein linker Mundwinkel zuckte höhnisch.
Marianne starrte ihn an. Sie wusste, dass sie momentan außerstande war, sich von allen Emotionen zu lösen. Nicht jetzt, nachdem Snape seine Rolle als Lehrer vollkommen ausgenützt und sie verspottet hatte.
„Also ...“, begann er.
Marianne atmete tief durch und zwang sich, ihren Zorn beiseite zu schieben. Es ging hier nicht um Snape, es ging darum, Okklumentik zu lernen. Marianne versuchte, an nichts mehr zu denken und nichts mehr zu fĂĽhlen, doch es fiel ihr unglaublich schwer.
„Eins – zwei – drei – Legilimens!“
Marianne sah eine weite Landschaft vor sich, die mit Bergen und Wäldern bedeckt war. Ein kühler Luftzug rauschte durch die Haare, die ihr kindliches Gesicht umrahmten. Sie war noch ein junges Mädchen und stand auf der Terrasse ihres einstigen Zuhauses. Plötzlich sah sie, dass ihr Ziehvater neben ihr stand. Er war lautlos zu ihr getreten und sie hatte ihn nicht kommen sehen. Er hatte längere braune Haare und ein schönes Gesicht, doch die Worte, die er sprach, waren alles andere als schön und sollten ihr noch lange in den Ohren hallen.
„Ich weiß, was dich beschäftigt, Marianne. Du fragst dich noch immer, warum deine Eltern nicht bei dir sind …“
Marianne nickte und starrte traurig in die Ferne.
„Das ist der Grund, warum ich mit dir sprechen möchte. Du bist nun 10 geworden und ich erachte dich als alt genug um zu erfahren, was mit deinen Eltern geschehen ist.“
Marianne wandte sich zu ihm und blickte ihn bange an. So lange hatte sie darauf gewartet, es endlich zu erfahren, und nun dass es so weit war, hatte sie Angst davor. Er führte sie mit sich und sie setzten sich auf ihr Bett. Marianne sah ihn ängstlich und gleichzeitig erwartungsvoll an.
„Marianne, deine Eltern haben dich sehr geliebt. Sie hätten dich niemals alleine gelassen, wenn sie gekonnt hätten - aber sie sind vor vielen Jahren gestorben.“
Marianne saĂź wie versteinert und sah ihren Ziehvater aus groĂźen Augen an.
„Es schmerzt mich sehr, dir das mitteilen zu müssen.“
Marianne hatte ihre Trauer nicht mehr unterdrücken können. Sie verbarg ihr Gesicht in ihren Händen und begann leise zu schluchzen, während die Tränen von ihren langen, dunklen Wimpern tropften. Sie hatte so sehr gehofft, ihre leiblichen Eltern eines Tages wiederzusehen.
Ihr Ziehvater streckte seine Hand aus und hob ihr Kinn. Sie sah langsam auf und blickte in seine Augen. Sie spĂĽrte die Liebe, die von ihm ausging und er sagte:
„Ich hoffe du weißt, dass ich dich wie meine eigene Tochter liebe.“
Sie sah ihm mit von den Tränen glänzenden Augen in die seinen und Marianne spürte, dass er mit ihr litt. Doch dann sagte sie leise:
„Wie sind sie gestorben?“
Ihr Ziehvater blickte zu Boden und sagte dann:
„Sie wurden von Zauberern getötet, die von Du-w…“
„NEEEEIIIIN!“
Marianne kniete keuchend am Boden und fand sich wieder in der Hütte. Sie zitterte heftig und fühlte, dass tatsächlich Tränen in ihren Augen standen. Sie hatte schon so lange nicht mehr an diesen Tag gedacht, aber nun merkte sie, dass sie kein Wort davon vergessen hatte. Zu sehr hatten sich die Worte ihres Ziehvaters Aaron in ihr Gedächtnis eingebrannt.
Snape stand vor ihr und blickte verachtend auf sie herab:
„Werden Sie jetzt sentimental?“
„Mein Leben Sie nichts an!“, rief sie.
„Nun, dann verteidigen Sie sich, lassen Sie mich nicht so weit eindringen!“
Der Zorn flammte erneut in ihr hoch und sie hätte ihm am liebsten einen Fluch auf den Hals gejagt. Snape gönnte ihr jedoch keine Pause und er fuhr sie an:
„Stehen Sie auf!“
Marianne zitterte leicht, trotzdem bemühte sie sich, seiner Anordnung Folge zu leisten. Die Erinnerung war so frisch, als ob sie es gerade erst erlebt hätte und hatte alte Wunden wieder aufgebrochen. Auf weichen Füßen stand sie da und stützte sich an der Sessellehne ab, während ihr Herz klopfte.
„Also, was war diesmal das Problem!“
„Ich kann das nicht. Sie geben mir keine Zeit um mich zu konzentrieren!“, beschwerte sie sich.
„Nun, ich möchte sehen, wie Sie vor dem dunklen Lord stehen und ihn darum bitten, Ihnen Zeit zu geben, um sich vorzubereiten.“, erwiderte Snape sarkastisch.
„Wir werden diese Arbeit morgen fortsetzen. Jeden Abend üben Sie, was wir heute gemacht haben! Lösen Sie Ihren Geist von allen Gefühlen, machen Sie ihn leer, frei von allem und finden Sie Ruhe, verstanden?“
„In Ordnung.“, erwiderte Marianne.
Snape fixierte sie:
„Und seien Sie gewarnt, Miss Richis, ich werde es merken, wenn Sie nicht geübt haben …“
„Ja, Professor.“, murmelte Marianne und hörte ihm kaum zu. Noch immer weilten ihre Gedanken bei ihrer Erinnerung und sie war froh, aus Snapes Nähe zu kommen.
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