
von Lilly10
Ein paar Tage später war Marianne erneut bei Severus. Sie tranken Wein, unterhielten sich über dies und das und lasen nebeneinander Bücher. Die Zeit verging und es wurde immer später am Abend, doch da gab es noch etwas, das Marianne am Herzen lag. Nach einer Weile starrte sie das Buch nur mehr an, in dem sie gelesen hatte, und fragte sich, wie sie beginnen sollte. Schließlich senkte sie das Buch und blickte Severus von der Seite her an. Es dauerte nicht lange, bis er ihren Blick bemerkte und sie fragend ansah.
„Severus, ich ... ich wollte über etwas mit dir sprechen.“, begann sie.
Er wandte sich ihr zu. Marianne konnte in seinem Gesicht nichts lesen, aber sie merkte, dass sie sofort seine volle Aufmerksamkeit hatte.
„Was gibt es?“, fragte er.
Seine Stimme war etwas anders als sonst, zögerlicher, und Marianne hatte plötzlich das Gefühl, dass er nicht wusste, ob er hören wollte, was sie zu sagen hatte. Doch sie nahm ihren Mut zusammen und sprach aus, was ihr am Herzen lag:
„Ich möchte bald vom Grimmauld Platz wegziehen und eine eigene Wohnung in London haben.“
„Nun...“, begann er und meinte sarkastisch: „Dazu kann ich dich nur beglückwünschen.“
Marianne hielt für einen Moment inne, als sie seine Worte vernahm, denn sie wusste, dass er auf ihre Mitbewohner anspielte. Er würde es wohl keinen Moment in dem Haus aushalten, in dem sie lebte. Doch sie entschied sich, den Seitenhieb auf Remus und Sirius zu übergehen und sprach weiter:
„Es ist nur... ich kann dann nicht mehr nach Hogwarts flohen.“
Marianne wartete kurz, aber als er nicht weitersprach, tat sie es:
„Ich... ich möchte dich weiterhin sehen, Severus, aber ich weiß nicht, wie das funktionieren soll.“
Severus' Mundwinkel zuckte amüsiert und Mariannes Herz sprang vor Freude. Sie sah ihn nicht oft lächeln, daher fasste sie es umso positiver auf.
„Wir werden bestimmt eine Lösung dafür finden.“, hörte sie ihn mit bestimmter Stimme sagen und sie atmete erleichtert auf.
„Komm.“, sagte er und streckte die Hand nach ihr aus.
Marianne rückte näher zu ihm und er umarmte sie. Sie drängte sich an ihn und er hielt sie fest, während sie ihre Wange auf seine Schulter legte.
„Es überrascht mich, dass du dich darum sorgst.“, sagte er plötzlich leise. „Genauso wie es mich überrascht, dass du immer noch zu mir kommst...“, fügte er zynisch hinzu.
Marianne spürte, wie ihr Herz vor Glück raste. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass es noch schöner werden konnte, und drückte sich noch fester an sich. Auch wenn sie nie viele Worte über ihre Gefühle verloren, bekam Marianne doch immer mehr das Gefühl, dass auch sie wichtig für ihn war.
Marianne genoss die Stunden mit Severus sehr und es fiel ihr immer einfacher, in seiner Anwesenheit ruhig und entspannt zu sein und nicht mehr den Lehrer, sondern den Mann in ihm zu sehen.
Sie verbrachten eine weitere leidenschaftliche Nacht miteinander und als Marianne sich am Morgen von ihm verabschiedete, gingen sie gemeinsam zur Tür.
„Danke für den schönen Abend gestern.“, sagte sie.
Severus lächelte nur kurz und sagte nichts.
„Wann sehen wir uns denn wieder?“, wollte Marianne wissen.
Sein Lächeln verschwand und er zögerte kurz.
„Ich weiß es noch nicht, ich habe derzeit sehr viel zu tun.“
Marianne war etwas enttäuscht, denn sie hoffte, ihn schon sehr bald wiederzusehen.
„Ich eule dir.“, fügte er hinzu.
„Okay.“, gab sich Marianne geschlagen, denn sie wollte ihm auf keinen Fall das Gefühl geben, dass sie sich an ihn klammerte.
Er war ein erwachsener Mann und seine Freiheit gewöhnt, deshalb war sie vorsichtig.
„Bis bald, Severus.“, sagte sie.
„Guten Tag, Marianne.“, erwiderte er.
Marianne ging und Severus sah ihr nach, dann schloss er gedankenverloren die Tür.
Marianne wartete einen Tag, zwei Tage, drei Tage, doch sie hörte nichts von Severus. Sie wurde immer unruhiger und ihre Laune sank immer weiter, denn sie verstand nicht, warum er ihr nicht schrieb. Konnte er in den Ferien so viel zu tun haben, dass er keine Zeit hatte? Sie machte sich immer größere Sorgen.
Hatte sie sich getäuscht? Erwiderte er ihre Gefühle etwa nicht genauso stark? Oder hatte sie irgendetwas falsch gemacht?
Sie saß schlecht gelaunt in der Küche herum. Nicht einmal Sirius und Remus waren hier, die sie sonst immer aufheitern konnten. Es war ungewöhnlich, dass die beiden so oft weg waren, aber es kam in den letzten Tagen immer öfter vor. Wo waren die Beiden bloß die ganze Zeit? Erst jetzt machte sie sich Gedanken darüber.
Gelangweilt und traurig starrte sie in die Luft, als plötzlich ein leises Pochen am Fenster ertönte. Sie blickte hinüber und sah eine kleine, zerzauste Eule am Fensterbrett sitzen. Für einen Moment pochte ihr Herz schneller, doch dann verging die Freude schnell wieder. Es war keine Eule von Hogwarts. Es war also auch keine Eule von Severus...
Sie stand auf und ging hinüber, um das Fenster zu öffnen. Sofort sprang die kleine Eule herein und Marianne nahm ihr den Brief ab. Sie gab ihr ein Leckerli und die Eule flog davon, während sie sich wieder aufs Sofa setzte und den Brief öffnete.
„Hi Marianne,
alles klar? Ich hab für Samstag zwei Karten für die Wyrd Sisters. Bestimmt willst du sie mit mir anschauen, nicht wahr? ;) Ich hol dich um sieben Uhr ab.
George“
Marianne musste lächeln, denn es war ein typischer Brief von einem Weasley-Zwilling. Doch dann überlegte sie, was sie antworten sollte, und starrte den Brief an.
Sie hatte eigentlich gehofft, dass sie am Samstag Severus sehen würde, doch das war bereits morgen und er hatte immer noch nicht geschrieben. Trotz kam in ihr hoch und sie entschied sich, mit George dort hinzugehen. Wenn Severus ihr nicht früher schreiben konnte, dann hatte sie eben keine Zeit mehr. Sie fasste den Entschluss, das Angebot anzunehmen. Irgendwie freute sie sich auch darauf, denn die Wyrd Sisters waren eine super Band und es würde bestimmt sehr lustig werden.
Die Zeit schritt voran und noch immer wartete Marianne auf ein Lebenszeichen von Severus, jedoch vergeblich. Die ersehnte Eule erschien nicht am Fenster und Marianne wurde immer trauriger – und zorniger. Warum tat er ihr das an? Bestimmt wusste er, wie sehr sie darauf wartete.
Warum schrieb er ihr nicht einfach? Was konnte der Grund sein, dass er sie nicht sehen wollte?
Die Fragen quälten sie, doch sie wollte sich nicht aufdrängen und ihn besuchen, ohne dass er sie eingeladen hätte. Schließlich hatte er gesagt, er würde ihr eulen. Und sie konnte ihn ja schlecht zum Grimmauld Platz einladen...
Als der nächste Tag anbrach hatte sich Marianne damit abgefunden, dass sie Severus auch an diesem Tag nicht sehen würde. Sie hatte schlechte Laune und überhaupt keine Lust, mit George auf das Konzert zu gehen. Doch sie wollte ihn nicht enttäuschen und da sie schon zugesagt hatte, ließ sie sich um sieben Uhr von ihm abholen.
Als Marianne ihm die Tür öffnete, lächelte er kurz und begrüßte sie dann mit einer Umarmung.
„Hi, schön dich zu sehen.“, sagte er.
Marianne zwang sich dazu, sein Lächeln zu erwidern und sich nichts anmerken zu lassen. Sie trat mit ihm hinaus und dann apparierten sie gemeinsam zu einem Ort außerhalb Londons, an dem das Konzert stattfinden würde.
Das Areal war riesig und Marianne sah sich etwas verloren um, als sie dort ankamen. Es waren bereits viele Zauberer anwesend, die alle in eine Richtung zu gehen schienen. Doch Marianne konnte ihr Ziel nicht erkennen, da sie zu klein war, um die Menschen zu überblicken. Plötzlich wurde Marianne angerempelt und sie verlor beinahe das Gleichgewicht.
„Komm.“, sagte George und streckte ihr die Hand hin.
Marianne zögerte kurz, doch dann nahm sie seine Hand und ließ sich von ihm durch die Menge führen. Er schien zu wissen, wo sich die Bühne befand, und steuerte genau darauf zu. Sie schafften es sogar, ziemlich nahe dorthin zu kommen und suchten sich einen geeigneten Platz.
„Hast du gehört, dass sich der Gitarrist gestern die Hand verstaucht hat?“, begann George ein Gespräch.
Marianne verneinte.
„Aber er spielt trotzdem, ist das nicht super? Sowas ist ein Musiker mit Leib und Seele.“
Sie hatte nicht viel Ahnung vom Gitarre spielen, aber sie ahnte, dass es sehr schmerzhaft sein musste, mit einer verstauchten Hand zu spielen.
„Du warst doch damals mit ihnen auf der Bühne, nicht wahr?“, wechselte er das Thema, als sie nicht viel sagte.
„Als sie am Schulball aufgetreten sind?“
Marianne lachte, als sie sich daran erinnerte.
„Oh ja, das war echt super.“
„Vielleicht holen sie dich ja wieder auf die Bühne.“
Marianne grinste.
„Bei den vielen Leuten will ich nicht unbedingt da rauf.“
„Ach was, das wär bestimmt super! Dann kommst du vielleicht in die Zeitung.“
„Oh Gott, nein. Das will ich lieber vermeiden.“
Sie fragte sich, wie Severus wohl aussehen würde, wenn er so ein Foto von ihr in der Zeitung entdecken würde. Doch ihre Gedanken wurden unterbrochen, als die Musiker auf die Bühne kamen. Die Menge begann zu kreischen und zu applaudieren und zu johlen. Auch Marianne war begeistert, als sie die Jungs wieder auf der Bühne sah und pfiff mit den anderen um die Wette. Plötzlich erfasste sie die Begeisterung, die sie auch vorher schon empfunden hätte, wenn sie nicht die Gedanken um Severus beschäftigt hätten.
Als die Wyrd Sisters das erste Lied spielten, gingen George und Marianne mit der Menge mit. Sie sprangen und sangen mit und Marianne vergaß alles andere. Die Musik war super und die Band legte eine super Show hin.
Die Beiden genossen den Abend und merkten kaum, dass drei Stunden vergangen waren, als die Band schließlich das Ende des Abends verkündete. Enttäuscht schrien die Fans und verlangten eine Zugabe, die die Jungs schließlich gewährten. Noch einmal rockten die Zuschauer mit der Band mit, doch schließlich gingen sie schweißüberströmt von der Bühne.
Lachend und begeistert machten sich Marianne und George auf den Rückweg.
„War das nicht super!?“, sagte George.
„Oh ja, der Wahnsinn.“, bestätigte Marianne.
Erst jetzt merkten sie, dass sie völlig erschöpft waren, deshalb apparierten sie nach London zurück und setzten sich in das erste Pub, das sie fanden.
Sie sprachen über das Konzert, doch Marianne hatte das Gefühl, dass George näher war, als es unter Freunden üblich war. Sie rutschte unauffällig etwas weiter weg, doch nach kurzer Zeit überkam sie erneut das Gefühl.
George erzählte währenddessen von einem anderen Konzert, auf dem er gewesen war.
„... und die Wachmänner wollten uns nicht weiter vor lassen, sie meinten, wir bräuchten VIP-Pässe, um in den abgesperrten Bereich zu kommen. Wir haben uns also wieder in die Menge gemischt und dort unsere Stinkbomben gezündet. Die haben die Wachmänner ziemlich beschäftigt.“
Marianne lachte.
„Das kann ich mir vorstellen.“
„Oh.", sagte George und berührte wie zufällig ihre Hand. "Und weißt du was?“
Marianne erschrak leicht, aber sie fühlte auch, wie es in ihr kribbelte. George versuchte tatsächlich, ihr näher zu kommen. Möglicherweise hätte sie ihn auch gemocht, wenn Severus nicht bereits ihr Herz besesseb hätte. Marianne war sich ziemlich sicher, dass sie darauf eingestiegen wäre, doch da sie auf eine Beziehung mit Severus hoffte, kam es nicht für sie in Frage.
Wie soll ich mich da bloß wieder rauswinden, fragte sie sich. Sie hörte George nur mehr am Rande zu und überlegte, wie sie es ihm klarmachen sollte, dass sie nicht mehr von ihm wollte als Freundschaft. Glücklicherweise versuchte er nicht, ihr noch näher zu kommen.
Nach einer halben Stunde bezahlte er für ihre Getränke und begleitete Marianne zurück zum Grimmauld Platz.
„Danke für den lustigen Abend.“, sagte Marianne.
„Ja, war echt cool.“, bestätigte George grinsend.
Marianne wollte die Tür aufmachen, doch George hielt sie zurück und sagte:
„Warte!“
Sie drehte sich um und sah ihn bange an. Was würde jetzt bloß kommen?
„Du bist echt ein cooles Mädchen.“, sagte er.
Marianne lächelte, doch als sie merkte, dass er sich ihr näherte, ging sie erschrocken einen Schritt zurück.
„George, warte...“, sagte sie leise.
George hielt sofort inne und sah sie an.
„Was? Ich... ich dachte...“
„Tut mir leid.“, erwiderte Marianne. „Aber... es geht leider nicht.“
Es fiel ihr keine passendere Ausrede ein und sie hoffte, dass er es so hinnehmen würde.
„Warum nicht?“, fragte er verdutzt.
Marianne überlegte fieberhaft, was sie ihm sagen sollte und entschied sich schließlich, dass es besser war, bei der Wahrheit zu bleiben.
„Es gibt da einen anderen...“, antwortete sie leise.
George sah sie ungläubig an.
„Und... das sagst du mir erst jetzt?“, fragte er.
„Ich dachte, dass wir Freunde sind, George.“, erwiderte Marianne, obwohl sie geahnt hatte, dass George es anders sah.
„Nachdem ich dich nach einem Date gefragt habe...?“, fragte er und zog die Augenbrauen in die Höhe.
„Tut ... tut mir leid.“, sagte sie und bekam ein immer schlechteres Gewissen.
Warum war sie überhaupt mit ihm mitgegangen? Ja, sie erinnerte sich. Sie war unzufrieden gewesen und wollte nicht länger darauf warten, dass Severus ihr schrieb. Und George musste nun darunter leiden.
„Können wir trotzdem Freunde bleiben?“
Es war blöd, diese Frage zu stellen, aber es war das einzige, was ihr einfiel.
„Sicher.“, meinte er betont locker. „Und wenn du's dir anders überlegst, dann sag mir Bescheid, klar?“, fügte er hinzu und stieß sie zwinkernd an.
Marianne lachte.
„Gut, mach ich.“
Sie war froh, dass er es nicht so schlimm aufzunehmen schien und sie verabschiedete sich von ihm mit einem Küsschen auf die Wange.
„Bis bald.“, sagte er noch und ging dann die Straße hinunter.
Marianne sah ihm nach. George war in ihrem Alter. Er war nett, lustig, aufmerksam und jeder mochte ihn. Es wäre sicher schön, mit ihm zusammen zu sein. Bestimmt würde er sie glücklich machen... Aber sie hatte sich ja ausgerechnet in ihren Lehrer verlieben müssen, der sie andauernd nur unglücklich machte. Tagelang wartete sie nun schon auf eine Nachricht von ihm, doch ihre Gefühle konnte sie nun mal nicht ändern. Und sie wollte es auch nicht, denn sie bezweifelte, dass sie mit George solche intensiven Momente erlebt hätte, wie sie es mit Severus tat... Da konnte sie nur hoffen, dass die Gefühle hauptsächlich positiver Natur sein würden und sich nicht, so wie derzeit, auf die negativen beschränken würden.
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