
von Nitsrek
Der erste Gedanke, den Hermine bemerkte, als sie am nächsten Morgen aufwachte, war, dass alles wehtat. Die Muskeln in ihren Armen und Beinen, und vor allem in ihrem Bauch, waren alle wund. Selbst ihre Lippen schmerzten vom Küssen und der Schmerz zwischen ihren Beinen ließ sie jammern. Es war nicht schrecklich, aber sie würde zumindest ein paar Tage lang definitiv keinen Sex haben wollen. Sie hatte Sex gehabt… Der Gedanke brachte ihr Gehirn ins Stolpern und ihr Atem verfing sich in ihrem Hals. War Malfoy noch da? Seine Seite des Bettes war leer, aber noch warm. Sie setzte sich und sah sich um.
„Endlich aufgewacht?“ Draco sah sie von seinem Platz beim Feuer an, zog sein Hemd an, dann seinen Umhang, bis es keine Kleidung mehr übrig hatte.
„Wie spät ist es?“, fragte Hermine besorgt. Im Raum der Wünsche gab es keine Fenster.
„Zeit, zurückzukehren“, antwortete Draco. „Deine Freunde sollen sich nicht fragen müssen, was mit dir passiert ist, oder?“
Hermine schüttelte bestimmt ihren Kopf und kletterte aus dem Bett. All ihre Kleidung lag auf dem Sofa, also lief sie zu Malfoy. Sie konnte seine Augen auf ihrem nackten Körper spüren und fühlte sich noch unbehaglicher an als letzte Nacht.
„Ich weiß, ich schulde dir was“, sagte Draco grinsend, als er seine Schuhe band. „Nächstes Mal?“
Hermine nickte und wurde rot, lachte fast über die Absurdität, dass sie sich jetzt, nach der letzten Nacht, schämte. Sie zog ihren Rock an und knöpfte ihre Bluse zu. Vielleicht sollte sie gleich zu den Waschräumen gehen.
Als Draco seine Schultasche auf seine Schulter hob und sich zum Gehen wandte, rief Granger ihn zurück.
„Draco?“
Draco sträubte sich. Er würde sich nie daran gewöhnen. „Lass niemanden hören, dass du mich so nennst.“
Seine Stimme war kalt. Aber er hatte Recht, sie hatte darauf bestanden, dass niemand es wissen durfte. „Richtig.“
„Ich schicke dir eine Eule“, sagte er, als er die Tür öffnete. Große Gesten würden jetzt nichts bringen. Er war ihr ohnehin schon näher, als er sein sollte.
Er war verschwunden. Keine Berührung, kein Kuss, keine Zeremonie. Er hatte bekommen, was er wollte, und war gegangen, dachte Hermine bitter. Vielleicht war es das letzte Mal…
Nein. Er hatte mehr als einmal von einem „nächsten Mal“ gesprochen. Und so oder so, sie hatte jetzt keine Zeit, an ihn zu denken. Sie musste baden, sich zurecht machen, und zum Gryffindor-Turm zurückkehren, bevor jemand merkte, dass sie weg gewesen war.
*****
Hermine kehrte vom Bad der Vertrauensschüler zurück und fühlte sich wieder mehr wie sie selbst. Sie hatte keine Kleidung zum Wechseln dabei gehabt, also säuberte und änderte sie ihren Schulumhang so gut es ging. Sie wollte nicht, dass die Leute fragten, wieso sie ihren Umhang an einem Samstag auf der Rückkehr vom Badezimmer trug. Die verwandelte Kleidung musste ausreichen, bis sie auf ihrem Zimmer war und sich umziehen konnte.
Sie traf auf ihrem Rückweg zum Turm niemanden, und wie durch ein Wunder waren die meisten ihrer Gryffindor-Kameraden beim Frühstück, als sie die Stufen zu ihrem Zimmer erklomm. Sie zog sich saubere Kleidung an und lief erleichtert zurück in den Gemeinschaftsraum, als sie dort Ron und Ginny entdeckte.
„Da bist du ja“, sagte Ron lächelnd. „Wo zum Himmel bist du gewesen?“
Hermine erwiderte sein Lächeln und unterdrückte ihre Scham. „Ich habe lange geschlafen und dann gebadet.“
„Aber wir haben vor dem Frühstück an deine Tür geklopft“, antwortete Ron erstaunt.
„Dann muss ich wohl tief und fest geschlafen haben“, sagte Hermine entschuldigend. „Ich habe lange gelernt.“
Es war inzwischen zu einfach, sie anzulügen.
Ron rollte mit den Augen. Ginny lächelte und hielt ihr ein in eine Serviette gewickeltes Paket hin.
„Wir haben dir für den Fall Toast mitgebracht.“
Hermine nahm das Paket und öffnete es, plötzlich am Verhungern beim Geruch des Toasts. Sie dankte Ginny und biss hinein.
Ron widmete seine Aufmerksamkeit wieder einer Partie Zaubererschach, die er gegen die anderen Figuren spielte. Ginny beobachtete Hermine ruhig, als sie den Toast mit ungewöhnlicher Geschwindigkeit aufaß.
„Hermine?“, fragte Ginny zögernd.
„Ja?“ Hermine fühlte sich nun um Welten besser, wo sie sauber und ihr Magen nicht länger leer war. Sie wischte abwesend mit ihrer Hand die Krümel weg.
„Kann ich eine Minute mit dir reden?“ Ginny versuchte, ihre Stimme leise zu halten.
Ron sah sie scharf an, da er nicht ausgeschlossen werden wollte. „Warum könnt ihr nicht vor mir reden?“
„Es geht um Frauensachen, Ronald.“ Ginny sah ihn finster an und deutete Hermine, ihr nach oben zu folgen.
„Oh.“ Ron kehrte abrupt zu seinem Spiel zurück.
Hermine folgte Ginny nach oben in ihr Zimmer (in Ginnys Schlafsaal hätten sie keine Ruhe gehabt) und schloss die Tür hinter ihnen. Ein paranoider Teil von ihr war sich sicher zu wissen, was Ginny mit ihr besprechen wollte, aber sie versuchte, die Nerven unter Kontrolle zu halten.
„Was gibt es, Ginny?“, fragte Hermine lässig und setzte sich an den Rand ihres Bettes und bot Ginny einen Platz neben sich an.
„Geht es dir gut?“ Ginny setzte sich neben ihre Freundin und sah sie besorgt an.
„Natürlich. Mir geht es gut.“ Hermine hielt ihre Stimme vorsichtig leise.
„Es sieht nicht so aus“, sagte Ginny unbestimmt. Als Hermine protestieren wollte, sagte sie, „Schau, Ron ist vielleicht so dumm wie einer von Hagrids Steinkuchen, und zweimal so dickhäutig, aber beleidige mich nicht.“
Hermines selbstbewusster Ausdruck wankte. „Ist es so offensichtlich?“
„Wahrscheinlich nicht. Ich bin nur… Ich weiß, wie es ist, etwas Großes zu verbergen. Ich erkenne die Anzeichen.“
Hermine war entsetzt und erinnerte sich an das furchtbare Geheimnis von Tom Riddles Tagebuch, dass Ginny einst verborgen hatte. „Oh, Ginny, das hier ist nicht so. Ich meine, niemand wird verletzt oder sowas.“
„Bist du sicher?“, fragte Ginny mit einem mitleidigen Unterton.
„Was meinst du?“ Hermines Herz sank, als ihr die Kälte in Malfoys Worten früher an diesem Morgen einfiel.
„Hermine, ich kam vor zwei Jahren zu dir, als ich dachte, dass ich nie eine Chance bei Harry haben würde, und du hast es für dich behalten.“ Sie legte ermutigend eine Hand auf Hermines. „Jetzt kannst du mir vertrauen.“
Hermine zögerte. „Du hast Recht. Du hast Recht, es tut mir leid. Es ist nur… Ich denke nicht, dass irgendwer… vielleicht nicht einmal du… es verstehen könnte.“ Sie sah unsicher weg.
„Probier es aus.“ Ginny starrte ihre Freundin ernst an.
Hermine schluckte, fragte sich, wie sie sich ernsthaft verraten konnte, nach allem, was sie getan hatte, um es zu vermeiden. „Ich treffe mich mit jemandem“, sagte sie ruhig.
„Ich dachte mir, dass das der Fall ist.“ Ginny nickte akzeptierend.
Hermine seufzte, fühlte sich wie ein Idiot.
„Kenne ich ihn… oder sie?“, fragte Ginny vorsichtig, wollte keine Behauptungen aufstellen.
„Oh, ja“, sagte Hermine bitter. „Du kennst ihn.“
„Gryffindor?“, fragte Ginny mit einem freundlichen Lächeln, als ob sie ein Spiel spielten.
„Nein.“ Hermines Stimme klang hohl.
„Hmm… Ravenclaw? Die haben ein paar gut aussehende, kluge Typen da.“ Ginny versuchte, fröhlich zu klingen.
Hermine schüttelte den Kopf und sah auf ihre Füße.
„Hufflepuff“, fragte Ginny ernster, da ihr die Erkenntnis bereits dämmerte.
Hermine schloss ihre Augen, konzentrierte sich auf ihre Atmung. Es war schwieriger, es einer Freundin zu gestehen, als sie es sich vorgestellt hatte.
„Dann…“, Ginny hielt inne. „Oh, Hermine, es tut mir so leid“ Ginny legte ihren Arm um ihre Freundin, als Hermine ihr Gesicht in ihren Händen versteckte.
Es gab nur eine Handvoll Leute, die in Frage kamen, dachte Ginny. Crabbe und Goyle standen nicht zur Debatte. Zabini, vielleicht… und Malfoy.
Als Hermine Ginny ansah, ließen die Tränen, die ihre Wangen fleckten, das Schlimmste vermuten. Sie hatte sich bisher nicht schuldig gefühlt, weil sie ihn traf. Sie war nervös gewesen, aufgeregt, sogar frustriert, aber niemals schuldig. Sie hatte sich versprochen, sich ihrer Entscheidung nicht zu schämen. Aber die Art, wie Ginny sie ansah, gab ihr das Gefühl, als hätte sie etwas Unverzeihliches getan.
Ginny versuchte, ihren Schock und ihre Aversion über diese Entdeckung zu unterdrücken und stellte fest, welch furchtbare Nebenwirkungen diese Beziehung auf Hermine hatte, in Anbetracht der Verachtung der Gryffindors gegenüber den Slytherins allgemein, mal abgesehen davon, dass Malfoy eine der Personen war, die Harry am meisten hasste.
„Malfoy“, seufzte Ginny, als ob sie eine große Last aufgenommen hätte.
„Bitte sag es nicht Harry“, bat Hermine sanft. „Ich weiß, ich sollte nicht von dir verlangen, dass du ihm Dinge verheimlichst, aber ich glaube, ich könnte es nicht ertragen, wenn er es wüsste. Oder Ron.“ Es schüttelte sie, als frische Tränen aus ihren Augen liefen. „Er würde mir nie vergeben, oder wollen…je so von mir denken, wie ich es gewollt hätte.“
„Ich werde niemandem etwas sagen“, versprach Ginny und umarmte Hermine sanft.
Hermine fühlte sich erschüttert. Warum war sie so aufgeregt? Sie und Malfoy hatten Spaß. Er gab ihr ein gutes Gefühl. Was war daran falsch? Aber das Mitleid, mit dem Ginny sie ansah, machte alles so falsch.
„Hast du mit ihm geschlafen?“, fragte Ginny nach einem Moment zögernd.
„Ja“, gab Hermine leise nach einer Pause zu und rieb ihr Gesicht an ihrem Ärmel. Ihre Antwort schockierte selbst sie. Vierundzwanzig Stunden vorher wäre sie so anders gewesen.
Ginny schluckte und erholte sich, versuchte, ein Urteil aus ihrer Stimme zu halten. „Liebst du ihn?“
Es wäre unfair, Hermine dafür zu verurteilen, dass sie so einen gemeinen Mistkerl liebte. Hermine war so voller Liebe, dass es auch für diejenigen genug gab, die sie nicht verdienten. Ginny kannte nur zu gut die Unmöglichkeit, zu kontrollieren, in wen man sich verliebte. In diesem Punkt hatte sie sehr viel mehr Glück als Hermine gehabt.
„Ist es schlimmer, wenn ich es tue oder wenn ich es nicht tue?“ Hermine fühlte sich plötzlich von Schuld überwältigt. Ihr Herz schmerzte genauso, wie wenn er ihr seine falsche Zuneigung gezeigt hatte. „Entweder mache ich mir etwas vor oder ich benutze ihn.“
„Denkst du, dass ihm…“, Ginny suchte nach den richtigen Worten, „etwas an dir liegt?“
Hermine lachte bitter. „Was interessiert Malfoy schon außer sich selbst?“
Sie war ungerecht ihm gegenüber, und das wusste sie. Aber sie wusste auch, dass er sie kaum lieben würde. Das hatte ihr zu Beginn nicht das Geringste ausgemacht, aber mit jedem Tag wurde es schwieriger, der Wahrheit ins Auge zu sehen.
Ginny hielt inne. „Also ist es nur Sex?“
„Ja… Nein. Ich weiß nicht.“ Hermine schüttelte verwirrt den Kopf. „Am Anfang schon. Ich wollte nur wissen, wie es ist. Ich war so wütend auf Ron… Ich weiß nicht, was ich mir gedacht habe. Und es fühlte sich so gut an, aber ich konnte nicht verhindern, dass ich Gefühle entwickelte.“ Sie hielt inne und atmete tief ein, dachte nach. „Manchmal ist er anders. Zumindest bei mir. Netter.“
Ginny sah sie ungläubig an.
„Ich weiß, wie das klingt, aber an ihm ist mehr, als ich glauben wollte. Und das macht es nur schwerer. Ich weiß, du musst denken, dass ich nur versuche, mein Tun zu rechtfertigen, aber…“
Hermine machte eine Pause und Ginny rieb sanft ihre Schulter. „Du musst dich nicht rechtfertigen. Sag mir einfach, was immer du mir sagen willst.“
Hermine atmete tief ein. „Er ist im Prinzip die gleiche Person, die er schon immer war, aber irgendwie auch nicht. Er spricht mit mir. Er hat meinen Vornamen gesagt, als wir… naja, du weißt schon. Gott, ich kann es tun, aber nicht einmal sagen.“
„Was glaubst du, wirst du tun?“, fragte Ginny nach einem Moment.
„Ich weiß nicht. Ich will es nicht beenden. Es macht Spaß. Auch wenn ich weiß, dass es nie mehr wird.“ Hermine fühlte sich plötzlich töricht. Ihr Kopf lag im Maul des Tigers und sie hatte nicht die Vernunft, ihn wegzuziehen, bevor er es schloss.
„Wenn er dich zwingt…“ Ginny wusste nicht, was sie sagen würde, wenn es so wäre.
„Nein, Gin“, antwortete Hermine ausdrücklich. „So ist es nicht. Bitte, mach dir keine Sorgen. Ich bin mir sicher, dass er bald von mir genervt ist, und dann wird all das nur eine komische Geschichte sein, die niemand glauben wird.“
Es entstand eine lange Pause und Ginny stand auf zum Gehen.
„Du kannst nicht beeinflussen, wen du liebst, Hermine“, sagte sie mit großem Nachdruck, als sie ihre Hand auf den Türgriff legte.
„Er auch nicht.“
Ginny nickte und schlüpfte aus dem Zimmer. Hermine legte sich auf ihr Bett, voll angezogen, zu einer Kugel zusammengerollt. Es gab soviel zu bedenken, und ihr Gehirn konnte keinen klaren Gedanken fassen. Selbst nach dem Bad und in ihren neuen Klamotten fühlte sie sich, als könne sie ihn immer noch riechen. Sie konnte ihn auf sich sehen, ihn in ihrem Mund schmecken, ihn in sich spüren. Sie brauchte mehr von ihm, und es gab keine Möglichkeit, es jemals wirklich zu kriegen.
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