
von Nitsrek
Jahr 1
Ich erinnere mich noch, wie ich zum ersten Mal die Winkelgasse betreten hatte. Es war die totale Reizüberflutung. Die ganzen fremden und ungewöhnlichen Geräusche, Gerüche, Eindrücke. Es gab tatsächlich eine Bank, die von Kobolden geführt wurde. Kobolde! Und ich… ich war eine Hexe. Als wäre ich eines Morgens aufgewacht und hätte mich plötzlich in einem Märchen befunden. Nur mit dem kleinen Unterschied, das meins wahr ist.
Ich lief durch die enge Gasse, bestaunte die Schaufenster und deren Inhalt und kramte meine Liste hervor, auf der die Dinge standen, die ich brauchte. Umhänge… Ah, da war ja das Geschäft von Madame Malkins. Ich öffnete die Tür und ein leises Klingeln ertönte über mir.
„Bin sofort da!“, kam eine freundliche Stimme aus den Tiefen des Ladens.
Sollte sie sich ruhig Zeit lassen. Ich trat weiter in das Geschäft ein und bewunderte die vielen verschiedenen Stoffe und die Umhänge, die von Kleiderpuppen getragen wurden. Ich schritt um ein Regal herum und erblickte dahinter eine kleine alte, geschäftig wirkende Frau, die um einen Jungen, der in etwa mein Alter hatte, herum wuselte. Er hatte auffallend helles, blondes Haar, das mit Haargel an seinen Kopf geklatscht war. ich fragte mich, ob er tatsächlich der Meinung war, dass das gut aussah. Ein spöttisches Lächeln trat auf mein Gesicht.
In diesem Augenblick hob er seinen Kopf und seine Augen trafen meine. Eisblau. Und eiskalt. Ungewöhnlich für einen Zehnjährigen.
Er hob eine Augenbraue – was ihm ein leicht arrogantes Aussehen gab und seine Augen noch kühler wirken ließ – und sprach mit barscher Stimme, „Machst du dich über mich lustig?“
Ich war ein wenig überrascht, erinnerte mich dann jedoch daran, dass er sicher nicht meine Gedanken lesen konnte. Mein Lächeln wurde breiter.
„Sind wir etwa paranoid?“, fragte ich herausfordernd.
Der Junge blickte mich finster an und ĂĽberlegte kurz, was er darauf antworten sollte. Als er nichts sagte, fuhr ich fort.
„Schon einmal daran gedacht, dass es einfach Menschen gibt, die so freundlich sind und jemanden anlächeln, wenn sie ihn sehen?“
Der Junge blickte etwas verwirrt drein, konnte aber schließlich nicht anders und lächelte unbewusst zurück.
„Gehst du auch nach Hogwarts?“, fragte er, nachdem er mich kurz gemustert hatte.
Ich nickte. „Ja, zum ersten Mal. Mein Name ist Hermine Granger.“
„Draco Malfoy. Ich hoffe, ich werde ein Slytherin-Schüler“, sagte er mit Stolz. „In welches Haus würdest du gerne kommen?“
„Ich bin mir nicht ganz sicher. An und für sich würde ich sagen, ich passe am besten nach Ravenclaw. Ich lerne relativ schnell und gern. Wobei Gryffindor auch seinen Reiz hat. Es wäre eine Ehre, dort Schülerin zu sein. Hufflepuff eher ungern; nach dem, was ich über Helga Hufflepuff gelesen habe, nimmt sie irgendwie den Überschuss, der keine auffälligen Charaktereigenschaften hat und deshalb keinem der anderen Häuser zugeordnet wird. Und Slytherin… würde mich aus den gleichen Gründen wie Ravenclaw ansprechen, allerdings beunruhigt es mich ein bisschen, dass schon so viele dunkle Magier aus Slytherin stammen. Außerdem finde ich es nicht gut, dass Slytherin seinerzeit so ein Aufheben darum gemacht hat, ob man Reinblüter war oder nicht…“
Ich bemerkte, dass ich mal wieder zuviel auf einmal geredet hatte… Der Junge – Draco – wirkte etwas gelangweilt und sah mich herablassend an.
„Ich finde diese Trennung gut. Außerdem hat Slytherin den besten Hauslehrer überhaupt. Ich kenne ihn glücklicher Weise schon von meinem Vater. Ich hoffe, dass Professor Snape diese Verbindung berücksichtigen und mir gute Noten geben wird“, erzählte er frei heraus.
Ich sah ihn empört an. „Möchtest du nicht lieber nach deiner eigenen Leistung beurteilt werden?“
Draco zuckte mit den Schultern. „Das wird aufs Gleiche hinaus laufen. Snape unterrichtet Zaubertränke. Ein sehr interessantes Fach, und meiner Meinung nach auch relativ einfach. Was soll schon so schwer daran sein, ein Rezept nachzulesen und dann genau das zu tun, was dort steht?“ Er schnaubte.
„Die Tränke, die wir im ersten Jahr zubereiten sollen, sind nicht gerade einfach!“, antwortete ich und Draco sah mich fragend an.
Ich spürte, wie ich rot wurde und erklärte stammelnd, „Naja, ich… Ich habe mir vorhin unsere Schulbücher gekauft und schon etwas darin geblättert. Zum Glück sind es noch ein paar Tage bis zur Abfahrt, dann kann ich schon einmal lernen…“
Draco sah mich zweifelnd an. „Ehrlich, ähm… Hermine? – Naja, egal wie du heißt – hast du keine Freunde? Es sind Ferien, da lernt man doch nicht!“
Ich funkelte ihn böse an. „Doch, ich habe Freunde, aber dummerweise werden die wohl kein Verständnis für solche Sachen haben. Es war schon schwer genug, ihnen beizubringen, dass ich nicht weiter mit ihnen die gleiche Schule besuchen werde!“
Dracos Augen leuchteten auf. „Wohin werden sie dann gehen? Durmstrang?“ Die Begeisterung in seiner Stimme war deutlich zu hören.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, keine Zauberschule. Halt auf eine normale Schule.“
Sein Blick verfinsterte sich. „’Normal’? Sag bloß, du bist mit Muggeln befreundet!“
Ich rollte mit den Augen. „Ich wüsste zwar nicht, was es dich angeht, mit wem ich befreundet bin oder war, aber ja, ich habe Muggel als Freunde. Kunststück, ich weiß ja auch erst seit ein paar Wochen, dass ich magische Fähigkeiten habe.“
Dracos Kinnlade klappte auf. „Du bist ein Muggel?“
Ich runzelte die Stirn. „Nicht mehr.“
Er lachte höhnisch. „Der ist gut! Du kannst nicht ‚nicht mehr’ sagen. Entweder du bist ein Rein- oder Halbblut oder du bist ein Muggel. Selbst wenn du zaubern kannst, ändert das doch nichts an deinem Status!“
Langsam aber sicher war meine Geduld am Ende. „Mein Status? Es gibt keinen Status, du kannst als Reinblüter ein schlechter Zauberer und als Muggel trotzdem ein sehr guter Zauberer sein, wenn du dich genug anstrengst! Lebst du noch im Mittelalter?“
Ein finsterer Blick war die Antwort. Dann schlich sich leise Skepsis in seinen Gesichtsausdruck. „Woher weißt du dieses ganze Zeug über Hogwarts und die Geschichte, wenn du ein Muggel bist?“
„Siehst du, das belegt meine Aussage ja nur! Dir wäre nicht einmal aufgefallen, dass ich nicht zu ‚euch’ gehöre. Mit ein bisschen Anstrengung kann man sich ganz leicht anpassen und zu eurer Gesellschaft gehören.“
Er schüttelte mit einem grauenvoll mitleidigem Lächeln seinen Kopf. „Leute wie du werden nie zu uns gehören!“
Damit drehte er sich von mir weg, wobei Madame Malkins, die die ganze Zeit so getan hatte, als wäre sie nicht anwesend, ein paar Nadeln aus der Hand fielen.
Sie warf mir einen entschuldigenden Blick zu, den Draco zum Glück nicht sah und ich drehte mich um und verließ den Laden. Ich würde später wieder kommen, wenn dieses Ekel hoffentlich verschwunden war.
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Ein paar Tage später saß ich bereits im Hogwarts-Express, zusammen mit einem leicht plump wirkenden Jungen namens Neville, der leider seine Kröte verloren hatte.
Nachdem es eine relativ lange Zugfahrt war, half ich ihm bei der Suche nach ihr und traf dabei tatsächlich auf Harry Potter. Den Harry Potter. Gut, normalen Leuten sagte das gar nichts, aber unter den Zauberern war er eine lebende Legende. Durch ihn wurde der größte dunkle Zauberer – Lord Vol… Nein, Du-weißt-schon-wer – besiegt, auch wenn bis heute keiner erklären konnte, wie es passiert war. Komischerweise verbrachte er seine Zeit mit einem recht seltsamen Jungen, der wirklich lächerliche Vorstellungen von Magie hatte. Weasley oder so hieß er. Und von Sauberkeit hielt er anscheinend auch nichts. Gut, seine Sache.
Nach der Zugfahrt fuhren wir in einen kleinen Booten über den Dunklen See und betraten endlich das Schloss. Ein mir vertrauter blonder Haarschopf befand sich direkt schräg vor mir, als wir vor Professor McGonagall, Hauslehrerin von Gryffindor zum Stehen kamen. Flankiert war er von zwei gorilla-ähnlichen, dumpf dreinblickenden Jungen, die ihm anscheinend – aus irgendwelchen fraglichen Gründen – aufs Wort gehorchten.
Auch er schien begeistert über die Anwesenheit von Harry Potter. Andersherum konnte man das jedoch nicht behaupten. Vielleicht hätte Draco den Rothaarigen nicht beleidigen sollen, mit dem Harry die Zugfahrt verbracht hatte.
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, als Harry Draco zu verstehen gab, dass er keinen Bedarf an einer Freundschaft mit ihm hatte.
Gut, unser – Harrys und meins – Kennenlernen war zwar auch nicht astrein verlaufen, aber wenigstens hatten das nicht alle Erstklässler auf einmal mitbekommen.
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Nach dem Vorfall mit dem Troll änderte sich das jedoch schnell. Wir waren irgendwie quitt, nachdem ich sie nicht an McGonagall verraten hatte und ich merkte schnell, dass sie bei ihrem Rätsel meine Hilfe und mein Wissen gebrauchen konnten.
Fast jeden Abend verbrachte ich in der Bibliothek, um herauszufinden, wer Nicolas Flamel war. Manchmal mit den beiden Jungs, manchmal – da es eigentlich aufs Gleiche rauskam – alleine.
Und schließlich fanden wir die Antwort und es gelang Harry tatsächlich den Stein der Weisen zu retten und – niemand hätte es für möglich gehalten – Du-weißt-schon-wen bzw. seine Überreste, die irgendwie in Professor Quirells Hinterkopf lebten (die Stelle habe ich nicht so ganz verstanden) erneut in die Flucht zu schlagen. Wir sollten aufpassen, er wird sicher versuchen, wieder an die Macht zu kommen.
Was weder Harry noch Ron jemals wussten:
Eines Abends, als ich in der Bibliothek saß, hörte ich, wie sich die Tür öffnete und jemand eintrat. Ich schenkte dem Neuankömmling keine besondere Beachtung, bis schließlich ein Schatten auf meine Buchseite fiel und ich aufblickte.
Sofort wurde mein Blick misstrauisch. „Kann ich dir helfen oder macht es dir einfach Spaß, mich vom Lesen abzuhalten?“
Draco grinste arrogant. „Granger, wohnst du hier? Du bist fast jeden Abend in der Bibliothek!“
Ich verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte mich zurück. „Ich wusste nicht, dass mein Leben interessant genug ist, um deine Aufmerksamkeit zu erregen, Malfoy. Verfolgst du mich?“
Malfoy presste seine Lippen aufeinander. „Du kommst dir wohl stark vor, jetzt, wo du zu Potters Hofstaat gehörst!“, brachte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Ich reagierte mit einem freundlichen Lächeln. „Ja, weißt du, netterweise hat Harry mir eine Stelle in seinem Hofstaat angeboten. Er hat gesagt, dass es bereits einen anderen Bewerber gab – irgendeinen Blonden – aber er hat sich gegen ihn entschieden, weil er keinen Hofnarr wollte.“
Für einen kurzen Moment flackerte Empörung auf Malfoys Gesicht auf, er fing sich jedoch rasch wieder.
„Lustig, Granger“, war alles, was ich zur Antwort bekam.
Stille breitete sich zwischen uns aus, während er mich anstarrte.
„Sonst noch was oder war es das? Ich würde gerne weiterlesen“, brach ich als Erste das Schweigen.
Malfoy zog seine Augenbrauen zusammen, sein Gesicht wurde ernst und er schien… nervös? Seine Augen wanderten in Richtung Boden. „Ich wollte eigentlich…“
Seine Stimme verlor sich und ich blickte ihn wartend an. „Was?“
Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, schnellte sein Kopf nach oben und er sah mich wütend an. „Ach, vergiss es!“, schnauzte er mich an und stürmte aus der Bibliothek.
Ich sah ihm verwundert hinterher. Nein, vergessen wĂĽrde ich das garantiert nicht.
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Hallo ihr Lieben,
ich hoffe, das erste Kapitel hat Euch gefallen.
Es wird pro Jahr ein Kapitel geben, falls es zu lang werden sollte vielleicht auch zwei. Und am Ende kommen wir in die Gegenwart.
WĂĽrde mich ĂĽber Kommentare freuen.
Liebe GrĂĽĂźe
Nitsrek
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