
von Nitsrek
Jahr 7
Die Schlacht war vorüber. Harry hatte gesiegt und Voldemort war… keine Bedrohung mehr.
Die Große Halle, die voller Schüler, Eltern und Lehrer war, brummte förmlich vor Erleichterung, Freude und Ausgelassenheit.
Viele lagen sich in den Armen, Tränen im Gesicht, teils vor Freude, teils vor Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen.
Auch ich weinte. Fred, Lupin, Tonks… alle nicht länger am Leben. Ron hielt mich im Arm und strich mir beruhigend über den Rücken. Es fühlte sich… gut an. Ebenso wie der Kuss, den ich ihm, als die Schlacht noch in vollem Gange gewesen war, geschenkt hatte.
Ich wusste selbst nicht, weshalb ich es getan hatte. Es spielte so vieles mit hinein. Angst, ihn zu verlieren, Angst, selbst nicht mehr lange am Leben zu sein, der Drang, endlich wieder etwas zu fühlen… Denn das hatte ich schon lang nicht mehr. Gefühlt. Zu meiner eigenen Sicherheit.
Ich hatte Draco seit Langem nicht gesehen. Das erste Zusammentreffen seit unserem… Verhältnis im sechsten Jahr hatte auf dem Anwesen der Malfoys stattgefunden. Ich kann mich noch genau daran erinnern.
Ich hatte furchtbare Panik, als die Greifer uns den Malfoys vorführten und schließlich Draco fragten, ob er uns bzw. mich nicht erkenne. Ich hatte mich kaum getraut, meinen Kopf zu heben, sicher, dass gleich mein Todesurteil gefällt werden würde. Als ich jedoch schließlich meinen Mut zusammengenommen und ihn angesehen hatte, erschrak ich beinahe. Sein Gesicht war bleich, noch mehr als sonst, sein Körper ausgemergelt, seine Augen… tot. Er zitterte und erwiderte meinen Blick und für einen kurzen Moment flackerte Leben darin, als er mich erkannte und seine Augen sich vor Schreck weiteten. Und dann hatte er etwas getan, was ich in diesem Moment nie erwartet hätte: Er hatte seinen Kopf geschüttelt und die Frage mit einem „Kann sein“ abgetan.
Mein Blick war zu Bellatrix gehuscht, die ihn für einen kurzen Moment mit einem wahnsinnigen Ausdruck auf dem Gesicht anstarrte und ich hatte Angst, dass sie ihm etwas tun würde. Zum Glück hatte sich meine Befürchtung nicht erfüllt.
Während sie mich folterte und ich kurz davor war, das Bewusstsein zu verlieren, warf Draco mir unbemerkt und lautlos Blicke zu. Seine Augen glitzerten und seine Fäuste waren so angespannt, dass sie fast weiß waren. Ich konnte den inneren Kampf, den er mit sich führte, förmlich sehen.
Ebenso wie die Erleichterung, die kurz auf sein Gesicht trat, als Harry, Ron und Dobby mich retteten und mit mir fort apparierten.
Und jetzt saß ich hier, in der Großen Halle, und tat mein Bestes, nicht zu ihm hinüber zu schauen. Ich befürchtete, dass jeder sofort erkennen würde, was ich fühlte. Stattdessen stand ich in Rons Umarmung und wünschte mir insgeheim, er wäre ein anderer. Ungerecht, aber leider wahr.
Ich löste mich von Ron und entschuldigte mich damit, dass ich mal an die frische Luft müsste. Ron nickte verständnisvoll und ich verließ eiligen Schrittes die Halle, während ich seinen Blick auf mir spürte, ebenso wie mir die Tränen von Neuem übers Gesicht liefen. Nicht länger Tränen der Trauer, sondern Tränen einer überwältigenden Verzweiflung.
Was Harry und Ron niemals wussten:
Ich verließ das Schloss, lief ein paar Schritte rechts an der Mauer entlang und erbrach mich. Hustend richtete ich meinen Oberkörper wieder auf, hielt meinen Kopf und rutschte, mich an die Schlosswand lehnend, zu Boden. Mit einem gemurmelten „Evanesco“ ließ ich die unschöne Pfütze neben mir verschwinden und vergrub meinen Kopf dann zwischen meinen Armen.
So saß ich für eine gefühlte Ewigkeit einfach nur da, bis das Gras unweit von mir raschelte. Ich drehte meinen Kopf leicht zur Seite und hielt die Luft an, als ich den Jungen… nein, den Mann vor mir erkannte.
Langsam kam er näher. „Wie geht es dir?“
Ich schnaubte verächtlich. „Blendend… sieht man das nicht?“
Er machte noch ein paar Schritte auf mich zu, setzte sich jedoch nicht zu mir. „Ja, dein kalkweißes Gesicht lässt darauf schließen“, antwortete er trocken und grinste unsicher.
Ich sah ihm in die Augen. „Ausgerechnet du sprichst darüber, dass ich blass bin?“
Ich begann, zu lachen und nach ein paar Sekunden verschwand sein überraschter Gesichtsausdruck und er lachte ebenso, während er mir seine Hand entgegen streckte.
„Komm schon, Granger, steh auf!“
Ich wischte mir die Tränen ab und nahm seine Hand, zog mich an ihr hoch. Immer noch leicht benebelt geriet ich ins Schwanken und fiel schließlich gegen ihn. Draco strauchelte ein bisschen, behielt jedoch sein Gleichgewicht und legte seine Hände auf meine Hüfte. Meine Hände lagen an seiner Brust.
Wortlos blickte ich in sein Gesicht hinauf. Die Luft knisterte wieder. Es war, als wäre er nie weg gewesen. Seine grauen Augen sahen mich an, nicht kalt und abschätzend, sondern wohlige Schauer verursachend.
Mein Herz klopfte mir bis zum Hals und ich war mir sicher, dass auch er es hören konnte. Ich errötete leicht.
Er räusperte sich und strich unbewusst meine Hüfte entlang. „Ich… Du hast mir gefehlt.“ Es war kaum ein Flüstern, aber für mich wirkte es wie ein Schrei.
Ich schluckte und mein Blick verfing sich an seinen Lippen. Ich spürte seinen Atem auf meinem Gesicht und atmete heftig ein und aus. Vorsichtig sah ich ihm in die Augen.
„Du mir auch.“ Hatte ich das gesagt? Mir kam es eher so vor, als stünde ich als unbeteiligter Beobachter einfach daneben und würde Zeugin einer intimen Begegnung.
Er hob seine Hand und strich mir eine Strähne aus dem Gesicht, während sich sein Mund immer mehr meinem näherte.
*****
„Hermine?“
Ich zuckte zusammen und stolperte ein paar Schritte rückwärts. Draco sah mich mit einem interessierten Gesichtsausdruck an.
Ein paar Sekunden später kam Ron aus dem Schlossportal und lächelte, als er mich erkannte.
„Da bist du ja, ich habe mir schon Sorgen gemacht“, sagte er, während er auf mich zu kam und Draco einen merkwürdigen Blick zuwarf.
Neben mir blieb er stehen. „Kommst du wieder mit rein?“, fragte er mich, ohne Draco weiter zu beachten.
Ich betete, dass auch Draco seinen Mund halten würde, und nickte.
„Ich komme gleich, Ron, geh ruhig schon einmal vor.“ Er musterte mich stirnrunzelnd. Ich rollte mit den Augen. „Geh schon, ich habe nur kurz noch etwas zu besprechen.“
Ron warf uns beiden einen sehr skeptischen Blick zu, zuckte dann jedoch die Schultern.
„Klar. Lass mich nicht zu lang warten.“
Er packte meine Hand, zog mich zu sich und küsste mich auf den Mund.
Mein Körper erstarrte und aus den Augenwinkeln sah ich, dass auch Draco seinen Körper anspannte.
Oh nein…
Ron entließ mich, lächelte mich noch einmal an und betrat dann wieder das Schloss.
Was Harry und Ron niemals wussten:
Mir entwich die Luft. Ich drehte mich zu Draco, der mich mit undefinierbarem Gesichtsausdruck anstarrte und nichts sagte. Die Ruhe war jedoch keineswegs angenehm. Sie war die Vorbotin des Sturms.
Ich konnte ihn nicht länger ansehen und wich daher seinem Blick aus, während ich zu einer Erklärung ansetzte.
„Draco, ich…“ Doch er unterbrach mich.
„Hat das Wiesel also doch noch das winzige Bisschen Mut gefunden?“, höhnte er, seine Stimme kalt, schneidend.
Ich funkelte ihn an. „Du bist nicht fair.“
Er zuckte mit den Schultern. „Das Leben anscheinend auch nicht.“
Die Gleichgültigkeit, mit der er sprach, brachte mich zum Kochen.
„Was hätte ich deiner Meinung nach tun sollen?“, fuhr ich ihn an. „Auf dich warten? Den Todesser, der Dumbledore auf dem Gewissen hat?“
Sein Gesicht wurde noch eine Spur bleicher und ich wusste, dass es ein Schlag unter die Gürtellinie gewesen war. Na und? Wenn er unfair spielte, durfte ich das auch.
Seine Stimme zitterte leicht, als er auf meinen Vorwurf antwortete. „Ich habe Dumbledore nicht getötet.“
Ich lachte verächtlich. „Ja, und wir alle wissen, dass das nur auf deine Nächstenliebe zurückzuführen ist. Nicht auf die Tatsache, dass du einfach zu feige warst.“
Ich verletzte ihn absichtlich. Es war die leichteste Art, uns auseinander zu bringen. Anders würde ich nicht die Kraft aufbringen, mich von ihm fernzuhalten. Er musste mich einfach hassen.
Bevor ich zu Ende gesprochen hatte, packte er mich an den Oberarmen und stieß mich gegen die Schlossmauer.
Ich schluchzte und sah ihn unter halb geschlossenen Lidern an.
Sein Gesicht war rot vor Zorn und er atmete schnell ein und aus. In seinen Augen stand eine blinde Wut, doch noch deutlicher war der Schmerz zu erkennen, den meine Worte in ihm auslösten.
„Hermine…“
Es war ein kaum hörbares Flehen.
Ich öffnete meine Augen ganz und blickte ihm offen ins Gesicht, während mir neue, heiße Tränen über die Wangen strömten.
„Sag mir, dass das wirklich dein Ernst ist. Sag es mir und ich lasse dich los und wir vergessen, was jemals zwischen uns war.“
Ich schnaubte und warf ihm einen finsteren Blick zu. „Was soll schon zwischen uns gewesen sein? Außer, dass du mich zu einer Witzfigur gemacht hast!“
Draco blieb jedoch ruhig und durchbohrte mich mit seinem Blick.
„Du weißt, dass es nicht so war.“
Ich schluchzte erneut. Ja, ich wusste es. Ich wusste, dass ich mehr empfunden hatte, als ich jemals irgendwem gegenüber zugeben würde und ich war trotz allem, was passiert war, immer noch sicher, dass auch er mehr gefühlt hatte als reine Bedürfnisbefriedigung.
„Sag mir, dass du es ehrlich meinst und es ist erledigt“, wiederholte er tonlos.
Ich straffte meine Schulter. Gut, wenn er es unbedingt so wollte, sollte er es haben.
„Es ist mein...“ Ich geriet ins Stocken, fing mich jedoch wieder. „Ich meine jedes einzelne…“
Ich ließ meinen Kopf hängen und meine Locken fielen mir ins Gesicht.
Meine Stimme war ein Flüstern, als ich sprach.
„Ich kann nicht.“
Ich hasste mich. Ich hasste mich für meine Schwäche, nicht lügen zu können, wenn es darauf ankam. Für meine Schwäche, nicht vor ihm verbergen zu können, wie hilflos und schwach ich war. Für meine Schwäche, mich nicht wehren zu können - zu wollen? - als er einen Finger an mein Kinn führte, meinen Kopf anhob und seine Lippen auf meine drückte.
Eine wohlige Wärme breitete sich in meinem gesamten Körper aus, als ich endlich spürte, was ich ein ganzes Jahr lang Tag und Nacht vermisst hatte.
Meine Arme schlangen sich wie von selbst um seinen Hals und zogen ihn enger an mich.
Er stöhnte, als keine noch so winzige Lücke mehr zwischen unseren Körpern bestand.
Ein Schauer lief über meinen Rücken, als seine Zunge meine berührte. Diese Vertrautheit… sein Geruch, sein Geschmack, sein Klang…
Aber es war falsch. Und ungerecht Ron gegenüber.
Ich nahm alle Kraft zusammen, die ich hatte, und schubste ihn sanft, aber bestimmt, etwas von mir weg.
Er blickte mich verwirrt an. „Was hast du?“
Geistesabwesend fuhr ich mit meinen Fingern meinen Mund nach, spürte immer noch das Gefühl seiner Lippen darauf.
„Du solltest gehen.“ Meine Stimme war fest und täuschte ihn tatsächlich über meine Unsicherheit hinweg. Erstaunlich, wie man nur sah, was man sehen wollte. Er bemerkte nicht einmal, dass meine Knie zitterten.
Enttäuschung trat auf sein Gesicht, als die Worte zu ihm durchdrangen. Ich verabscheute mich einen Moment lang selbst, aber einer von uns musste vernünftig sein.
Eine Ewigkeit - so kam es mir zumindest vor - starrte er mich an, brannte mit seinen Augen Löcher in meinen Körper, bis er sich schließlich von mir abwandte und wortlos davon ging.
Ich merkte erst, dass ich die Luft angehalten hatte, als er nicht mehr zu sehen war und ich langsam und vorsichtig ausatmete.
Die salzigen Tränen brannten in meinen Augen.
„Ich hasse dich“, flüsterte ich, ohne, dass er es hören konnte.
Und stellte zu meinem großen Entsetzen mit einem schmerzhaften Stich in meiner Brust zum ersten Mal fest, dass ich ihn liebte.
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Hier also Jahr 7. Diesmal ohne große Liebesszenen - ja, muss auch manchmal sein.
@Hermiine-Ginny: Vielen Dank.
@Evelin1: Diesmal wieder ein wenig länger gedauert, aber immer noch im Rahmen, hoffe ich.
@morla79: Puh, hast du mich jetzt geschockt. Aber ich habe nochmal nachgelesen, was ich geschrieben habe. Sie hat ihm das Hemd nicht ausgezogen, sie hat es ihm von den Schultern gestreift...also steckten seine Arme noch drin *puh**g* Außerdem wäre es ja auch noch dunkel gewesen ;) (gute Ausrede *ggg*). Und ja, böse Hermine, aber wer ist nicht manchmal gerne unartig?
@hpine: Vielen Dank für dieses sehr schöne Kompliment. Ich fühle mich wirklich geehrt :) Ich hoffe, dass ich deinen Erwartungen auch mit diesem und den noch folgenden Kapiteln gerecht werde.
@Draco_Malfoy: Ausgerechnet dieses Mal wollte Hermine unbedingt bei Verstand bleiben, auch wenn es knapp war. Für Draco nicht unbedingt der beste Zeitpunkt.
@Stebo1991: Vielen Dank. Ich geb mein Bestes, um Euch nicht zu lange warten zu lassen.
@Mia: Ja, und jetzt noch mehr ;)
Hier also Jahr 7. Etwas kürzer als bisher, aber was sollte während der Suche nach den Horkruxen schon groß passieren, wenn man nicht zu sehr die Handlung ändern will? Ich hoffe, ihr seid nicht böse, dass es nicht gerade nach Happy-End für die beiden aussieht.
LG
Nitsrek
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