110 Begebenheiten aus Lily Evans Leben - 9. Noch einmal Atmen
von jujube58
Ein großer Dank geht wie immer an die lieben Reviewschreiber und an alle, die meine Geschichte verfolgen! Endlich habe ich das neue Kapitel geschafft und wünsche euch naürlich viel Spaß beim Lesen.
Liebe Grüße, jujube
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Noch einmal atmen
Als ich ein kleines Mädchen war, hat mir mein Dad immer gesagt, ich solle jeden Atemzug genießen. Da waren wir am Meer und er wollte, dass ich die salzige Luft einatme, den Geruch von Seetang und den von Bratwurst, den der Wind herbeigetragen hat. Oder wir waren in einer Bäckerei und ich sollte die warme Süße der verschiedenen Kuchen und Törtchen im ganzen Körper spüren.
Ich habe meine Atemzüge genossen, habe immer, wenn ich an einem schönen, einem besonderen, einem abscheulichen Ort war ganz tief eingeatmet und ihn so in Erinnerung behalten. Ganz genau weiß ich noch, wie die Bettwäsche bei meiner Oma nach Waschmittel und Stärke geduftet hat und die Kuhfladen auf der grünen Frühlingswiese, auf der wir als Kinder immer Fangen gespielt haben. Auch den Geruch des Krankenhauses, in das ich nach einem Fahrradunfall mit einem gebrochenen Arm musste, dieses Gemisch aus Gummisohlen, Krankheit und Desinfektionsmittel werde ich nie vergessen. Ebenso verbinde ich den Duft von Harrys Haaren mit so viel, genau wie den von James' Lieblingstee und den des Parfüms, das ich auf unserer Hochzeit getragen habe. An jedem Duft hängen Erinnerungen, jeder tiefe Atemzug kann eine Geschichte erzählen.
Meine Mum hat mir gesagt, ich solle tief einatmen, wenn ich vor etwas Angst hätte. Das war, als ich mein erstes Referat in der Schule halten musste und vor Nervosität am Abend vorher kaum einschlafen konnte. Aber auch, als ich das erste Mal durch die Absperrung zwischen Gleis 9 und 10 im Bahnhof King's Cross gehen musste, um zum Hogwarts-Express zu gelangen, hat sie mir diesen Tipp gegeben.
Ich habe immer tief durchgeatmet, wenn ich vor etwas Angst hatte. Und jedes Mal hat es mir geholfen, das zu tun, was ich fürchtete. Einmal wäre da dieser grässliche Tag, an dem ich zu Professor McGonagall gerufen wurde, um ihr zu erklären, warum ich mitten auf dem Korridor eine lautstarke Diskussion mit James Potter gehabt hatte. Ich hab mich kaum getraut an ihre Tür zu klopfen, doch ich habe es geschafft und es überlebt. Und ein anderes Mal war mein erstes Date mit James. Ich hatte unglaubliche Panik, dass es schrecklich werden würde. Aber ein tiefer Atemzug hat mich beruhigen können, sodass ich mich dann doch aus meinem Zimmer gewagt habe. Und es hat sich gelohnt!
Ich laufe, die Luft geht mir aus. Die Treppe hinauf, Harry in meinen Armen. Tränen in meinen Augen, seine Worte noch im Ohr. „Lily, nimm Harry und lauf! Er ist es, ich werde ihn aufhalten!“ Da, die Tür zum Kinderzimmer. Unten eine kalte, schnarrende Stimme. Sie spricht zwei Worte, zwei Worte, auf die ein dumpfer Aufschlag folgt. Zwei Worte, die eine Welt in mir zusammenbrechen lassen. Er ist tot! James ist tot!
Nur noch ein Gedanke findet Platz in meinem Kopf. Ich muss Harry retten, muss ihn beschützen, weil er sein ganzes Leben noch vor sich hat. Auf der Treppe sind schon die Schritte des Angreifers zu hören. Schnell schiebe ich die kleine Kommode vor die Tür, den Stuhl hinterher. Doch er fegt alles mit einem Wink seines Zauberstabs beiseite, rauscht in den Raum. Die Augen rot und kalt. Glühend vor Mordlust, glitzernd vor Vorfreude.
Harry, er darf nicht sterben! Harry! Ich lasse ihn in sein Bettchen sinken, breite die Arme vor ihm aus. Ihm darf nichts geschehen. Nicht einmal meinen Zauberstab habe ich dabei. Er liegt in der Küche, direkt neben dem Herd, wo ich noch vor einer Stunde das Essen für uns zubereitet habe. Tief habe ich den Duft der Kürbispastete eingeatmet, die das ganze Haus erfüllt hat. Der Duft, der James mit Harry auf dem Arm aus dem Garten ins Haus getrieben hat. Hungrig vom Ballspielen und Besenfliegen.
Er tritt näher, immer noch dieses fanatische Glimmen in den Augen. Er darf ihm nichts tun! Dann soll er mich nehmen, mich töten, aber Harry muss leben!
„Nicht Harry, nicht er, bitte nicht Harry!“ Verzweiflung, meine ganze Angst klingen in den Worten mit. Doch es hilft nichts, er verlangt, dass ich zur Seite gehen soll. Nein, das werde ich nicht tun. Ich werde nicht zulassen, dass mein Baby, mein Sonnenschein, getötet wird.
„Bitte! Nimm mich an seiner Stelle!“ In seinen Augen ein wütendes Flackern.
„Das ist meine letzte Warnung!“ Er möchte nicht mich, er ist wegen Harry hier. Aber ich werde es nicht geschehen lassen. Dafür ist er noch viel zu klein, dafür hat er noch viel zu wenig von Leben gesehen. Nie durfte er den Geruch von Hogwarts' alten Gemäuern riechen, die Luft nach einem Sommerregen. Nie hat er seine eigenen Weihnachtsplätzchen ausgestochen und im Backofen braun werden sehen, noch hat er die Schönheit der weiten See mit eigenen Augen bestaunen dürfen. Es kann nicht jetzt schon zu Ende sein!
Und mein Leben? Viel zu kurz, um schon zu enden, aber doch länger als seins. Ich habe vieles erlebt, durfte meine große, meine wahre Liebe finden. Einen Sohn bekommen, der mir so viel bedeutet und dem ich alles geben würde. Sogar mein Leben.
Mit zitternder Stimme bitte ich ihn noch einmal. „Nicht Harry! Bitte! Hab Gnade… Nicht Harry, bitte nicht Harry - Ich werde alles tun…“ Und es stimmt. Ich werde alles tun. Sogar fest in seine rot glühenden Augen blicken, in denen die Mordlust glitzert. Noch einmal atme ich, noch einmal sauge ich alles in mich ein, was an diesem Ort ist. Der Geruch der Kürbispastete hängt noch schwach in der Luft, auf der Fensterbank verbreiten einige bunte Blüten einen sonnigen Duft. Noch einmal atme ich, noch einmal überwinde ich alle Angst. Es ist nur ein neues Abenteuer, eines, von dem mir noch keiner erzählt hat. Ein Abenteuer, das ich zusammen mit James werde bestreiten können, damit Harry noch nicht seinen Lebensatem aushauchen muss.
Ein allerletztes Mal bevor ich die zwei Worte höre, die mein Leben auslöschen werden. Avada Kedavra.
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Es gibt einen Grund dafür, warum alle großen Fantasy- und Science-Fiction-Filme im Gedächtnis der Leute geblieben sind. Sie haben eine große Tiefe und nicht nur eine oberflächliche Handlung. Und deswegen werden wir in 50 oder 100 Jahren auch immer noch die Harry-Potter-Bücher lesen und hoffentlich die Filme anschauen.
Michael Goldenberg