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Fanfiction

110 Begebenheiten aus Lily Evans Leben - 10. Erinnerung

von jujube58

Es ist so weit. Ich habe irgendwie im Moment ein bisschen Schreibblockade, aber trotzdem ist etwas zum zehnten Titel auf der Liste entstanden, das ich für nicht völlig schrecklich halte. Ich bin gespannt, was ihr dazu sagt :)

Dieser Oneshot ist für Königskind und Moreya. Weil ihr Severus wolltet. Ich hoffe, es gefällt euch ♥
_________________________________________________
Erinnerung



Das Porträt der Fetten Dame wurde langsam geöffnet, ein Mädchen trat in den dunklen Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Ihre Unterlippe zitterte, in ihren grünen Mandelaugen sammelten sich Tränen. Mit dem Rücken sank sie an der Wand neben dem Porträtloch hinab, kauerte sich auf den Boden. Ihr Kopf sank auf ihre angewinkelten Knie, die Haare verbargen sie wie ein schützender Vorhang. Wie in Stein gemeißelt saß sie da, nur Schluchzer, die ihren Körper von Zeit zu Zeit durchfuhren, zeigten, dass sie lebte.

Sechs Jahre war es her, dass sie sich kennen gelernt hatten. Sechs Jahre, die sie immer stärker verbunden hatten. Sechs Jahre, die aus Skepsis Freundschaft gemacht hatten. Eine Freundschaft, die sich über die Meinung anderer, unterschiedliche Häuser, Streit und Vorurteile hinweggesetzt hatte. Eine Freundschaft, die von außen stark und unzerstörbar schien, im Inneren aber immer maroder geworden war; um am Ende nur noch ein Abklatsch dessen zu sein, was sie zu Beginn ausgemacht hatte.
Die Gryffindor und der Slytherin. Die rothaarige, fleißige, lebhafte Muggelstämmige und der fetthaarige, kauzige, zurückgezogene Halbblüter. Ein seltsames Paar, schon seit sie sich das erste Mal auf einem Kinderspielplatz in einem Muggelwohngebiet getroffen hatte. Ein seltsames Paar, das aber trotzdem irgendwie zusammenpasste und durch etwas verbunden war, das kein anderer durchdringen konnte.

Das Mädchen weinte lautlos, während der Mond den verlassenen Raum erhellte. Es war vorbei. Endgültig vorbei. Nachdem sie sich so oft gestritten hatten, nachdem sie sich immer weiter voneinander entfernt hatten. Nachdem er dieses eine Wort gesagt hatte. Beim Gedanken daran musste sie nach Luft schnappen. Es tat weh. Die Erinnerung daran schmerzte mindestens genauso, wie es sie damals geschmerzt hatte. Wie konnte ein Wort alles zerstören? Wie konnte ein Wort so viel Bedeutung haben, dass dadurch die Hoffnung auf eine Versöhnung endgültig aufgegeben werden musste? Ein Wort - und die Erinnerung an tausend wunderschöne Augenblicke verblassten zusehends im Schatten des laut tönenden, stetig nachhallenden Klanges der aneinander gereihten Buchstaben.
Alles zwischen ihnen war schon immer abhängig gewesen von kleinen, dennoch unglaublich bedeutenden Worten.

„Du bist eine Hexe!“ „Das ist nicht sehr nett!“ Beleidigt wendete sie sich von dem schwarzhaarigen Jungen in den dunklen, abgetragenen Kleidern ab. Hexe. Ein Schimpfwort für ein kleines Mädchen mit roten Haaren. Aber trotzdem hatte etwas Bedeutendes in seiner Stimme gelegen. Etwas, das mehr war als eine bloße Beleidigung. Seine Augen hatten irgendwie geglänzt dabei, sodass sie sich auch die nächsten Tage nicht von dem Klang des Wortes trennen konnte.
Heimlich suchte sie den seltsamen Jungen, wollte mehr von ihm wissen. Er erzählte ihr von einer Welt, so unbeschreiblich magisch, dass sie ihm glauben wollte, ihm glauben musste!
Dann ein Brief aus schwerem Pergament, mit grüner Tinte beschriftet. Hogwartsschule für Hexerei und Zauberei. Die ersehnten Worte, die die Gewissheit brachten, dass er die Wahrheit erzählt hatte. „Ich habe den Brief auch bekommen! Ich gehe nach Hogwarts!“ Und ein Strahlen in seinem Gesicht, grenzenlose Freude.

Der Hut rutschte ihr sofort über die Augen und eine piepsige Stimme begann in ihr Ohr zu flüstern. „Eine Menge Klugheit, aber auch sehr, sehr viel Mut und Tapferkeit. Deswegen gehörst du nach GRYFFINDOR!“ Nur kurze Zeit später verkündete der Hut lautstark, dass ihr Freund nicht in ihr Haus kommen würde. „Slytherin“, sprach er und erschuf so eine scheinbar unüberwindbare Kluft zwischen ihnen.
„Aber wir sind doch immer noch die besten Freunde. Wir schaffen das! Nur weil wir in anderen Häusern sind, heißt das ja nicht, dass wir uns hassen müssen.“ Er nickte bestätigend und drückte ihre Hand, wie um ihr zu versprechen, dass sie für immer Freund bleiben würden. Ein Versprechen, das erst notwendig wurde, weil der Hut sie durch zwei Wörter in unterschiedliche Welten geschickt hatte, weil nur ein solches Versprechen ihrer Freundschaft scheinbar etwas Beständiges verleihen konnte.

„Ich mag diese Typen nicht, mit denen du in letzter Zeit immer rumhängst. Avery und Mulciber.“ „Ach das ist doch nichts Ernstes!“ „Doch, das ist Schwarze Magie!“ Zwei Worte, in denen so viel mitschwang. Sie entfernten sich voneinander, sie drifteten immer weiter in andere Richtungen ab.
Und dann das Ende. „Ich brauche keine Hilfe von Schlammblütern!“ Schlammblut.
Ein Wort. Ein Wort, das alles zerstört hatte. Ein Wort, das eine Freundschaft, die so viele Worte, so viele Kluften überwunden hatte, zerstörte.
Schon wieder musste sie nach Luft schnappen, weil der Schmerz sie zu zerschneiden schien. Es tat nicht genauso weh, wie damals. Es schmerzte bei jedem Gedanken daran immer mehr, bohrte sich immer tiefer und streute Salz in die nicht heilen wollende Wunde.

Es blieb nichts mehr davon. Nach sechs Jahren, nach Freundschaftsversprechen, nach Streit und tausenden wunderbaren Momenten blieben nur noch die Erinnerung. Die Erinnerung an den Menschen, der ihr von der magischen Welt erzählt hatte, an den Menschen, der sie getröstet hatte, als ihre Schwester nicht auf ihre Briefe antwortete, an den Menschen, der ihr einer der besten Freunde gewesen war, die sie in ihrem Leben das Glück gehabt hatte zu treffen. Es blieb nur noch die Erinnerung an den Menschen, der sich langsam von ihr abgewendet hatte, weil sie das falsche Blut hatte.


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Wenn man wie ich über Böses schreibt und wenn einer der beschriebenen Figuren im Grunde ein Psychopath ist, hat man die Pflicht, das wirklich Böse zu zeigen, nämlich, dass Menschen getötet werden.
Joanne K. Rowling