Abseits des Pfades - Der Erwachsene achtet auf Taten, das Kind auf Liebe
von Miss-Snape
Die Vögel zwitscherten, Blütenblätter öffneten sich den strahlend blauen Himmel, die Sonne ragte aus dem Horizont und durchflutete ein rosa tapeziertes Zimmer.
Ein kleines Mädchen lag friedlich schlafend in ihrem Himmelbett. In ihren Armen lag ein großer, leicht ramponierter Teddybär – sie hatte ihn zum Tag ihrer Geburt geschenkt bekommen.
Leise wurde die Tür geöffnet, eine zierliche, mit Sommersprossen übersäte Frau trat hinein und schlich auf Zehenspitzen zu ihrer neunjährigen Tochter hinüber.
Sie kniete sich vor das Bett und strich zärtlich über das verwuschelte Haar ihres Kindes bevor sie sie sanft wachrüttelte.
Verschlafen rieb sich das kleine Mädchen die Augen.
„Guten Morgen mein Schatz.“
„Guten Morgen Mama.“ Gähnend richtete sie sich auf.
„Das Frühstück ist gleich fertig. Am Besten du ziehst dich jetzt um und kommst dann mit deiner Schwester nach unten“, lächelte ihre Mutter, während sie sich noch reckte und streckte.
Drei Minuten später war sie für den Tag fertig angezogen und klopfte an der Tür ihrer Schwester.
„Lily? Bist du das? Komm rein.“
Lily öffnete die Tür und hüpfte freudig zu ihrer Schwester: „Guck mal aus dem Fenster Tunia, heute ist richtig schönes Wetter! Wollen wir nach dem Frühstück draußen im Sandkasten spielen?“ Petunia blickte hinaus.
„Schon... aber denk daran, heute ist Sonntag, wir müssen Mama erst beim Abwaschen helfen.“ Lily seufzte.
’Warum freut sie sich nicht einfach mal darüber, dass heute so ein schöner Tag ist? Warum muss sie immer gleich so negativ denken? Dann müssen wir halt vorher abwaschen, ist doch egal.'
„Du bist und bleibst ein Miesepeter“, neckte Lily sie und rannte schnell los in die Küche bevor Petunia sich dafür rächen konnte.
Nach dem Abwasch stĂĽrmte sie ungestĂĽm nach drauĂźen, ihre Schwester am Handgelenk packend.
Petunia jammerte zwar, dass Lily sie zu fest gepackt hätte und sie bestimmt noch einen blauen Fleck davon tragen würde, aber nach einer Weile wurde sogar Petunia von Lilys Laune angesteckt und wurde zunehmend lockerer.
Die Sonnenstrahlen, die auf ihrer Haut prickelten und die warmen Windbrisen, die ihr Haar zerzausten, trugen wohl auch ihren Teil dazu bei.
Die beiden Schwestern bauten zusammen an einer Sandburg und alberten herum.
’Hach, ich hätte jetzt solche Lust auf den Spielplatz zu gehen und wieder zu schaukeln, aber Tunia würde ausflippen, wenn ich das jetzt vorschlagen würde und sie ist gerade so lustig drauf.’
Seit Lily von den Jungen der Snapes angesprochen wurde, dass sie eine Hexe sei und ihr von einem Ort namens Hogwarts erzählt hatte, sah Petunia Lilys Kunststücke auf der Schaukel mit anderen Augen.
Vorher hatte sie einfach nur Angst um Lily gehabt, aber seit Lily ihr noch mehr von Severus’ Erzählungen berichtet hatte, wurde sie jedes Mal fuchsteufelswild, wenn Lily nur anfing davon zu reden, geschweige denn Außergewöhnliches vollführte.
Ihren Eltern hatte sie noch nichts erzählt, nur Petunia wusste davon.
Und natĂĽrlich Severus.
’Erst wenn ich den Brief aus Hogwarts in den Händen halte, werde ich Mama und Papa davon erzählen. Ansonsten würden sie noch denken, dass ich nicht alle Tassen im Schrank habe, immerhin habe ich anfangs ja selbst nicht daran geglaubt. Womöglich würden sie mir sogar noch den Umgang mit Sev verbieten! ...was er wohl gerade macht?'
Kaum spuckte ihr dieser Gedanke durch den Kopf, erblickte sie Severus auf der anderen Seite des Gartens hinter dem Zaun. Ihre Augen glänzten vor Freude.
Schnell, sie musste sich eine Ausrede einfallen lassen um zu ihm gelangen zu können, ohne dass Petunia ihn bemerkte – Lily wollte sie nicht unnötig in Rage versetzen.
Sie schielte zu Petunia rüber – diese war gerade mit voller Konzentration dabei einen Graben um die Burg zu schaufeln. Lily nutzte diesen Moment und machte eine Handbewegung zu Severus, die deutlich machte, dass er sich hinter den Busch knien sollte.
„Ähm... Tunia?“
„Hmpf?!“
„Ich glaube, ich habe gestern mein Armband dort im Busch verloren, ich glaube, ich gehe es mal eben suchen...“
„Joa... mach“, brummelte Petunia, ganz versunken in ihre Arbeit.
Schnell huschte Lily zu Sev und krabbelte in das Gestrüpp. Nun knieten sie sich gegenüber, nur der hölzerne Lattenzaun trennte sie.
„Hey Sev, wie geht es dir?“
„Hallo Lily... Mir geht es gut, du bist ja jetzt da.“
Severus’ Finger zogen kleine Spiralen in der Erde.
„Ja, ich finde es auch schön dich zu sehen. Heute ist wunderbares Wetter, findest du nicht?“
Severus blickte in den Himmel als wĂĽrde er jetzt erst diesen herrlichen Tag bemerken.
„Jaaah... Wollen wir zum Spielplatz?“
Lily schwieg.
Severus’ Augen verengten sich zu Schlitzen.
„Ist es wegen deiner Muggelschwester?“
Sie schwieg weiterhin.
„Lily...“ Severus’ Blick bohrte sich in ihre grünen Augen.
Sie steckte ihre Hand durch den Zaun und griff nach Severus’ Hand.
Augenblicklich stoppte er seine kreisenden Bewegungen in der Erde.
„Du weißt doch, wie Tunia reagiert. Ich möchte sie nicht noch mehr reizen und bitte nenn sie nicht so. Wer weiß, vielleicht ist sie gar kein Muggel, vielleicht ist sie wie wir.“
Severus schnaubte.
„Ich weiß, du bist anderer Meinung. Aber ich werde die Hoffnung erst aufgeben, wenn sie keinen Brief aus Hogwarts bekommt.“
Sie löste ihre Hand wieder von Severus und blickte ihn bittend an.
„Hm... okay.“, lenkte er widerwillig ein.
„Wenn du möchtest könnten wir morgen Nachmittag zum Fluss“, schlug Lily vor.
Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen nickte Severus: „Ja, lass uns das tun.“
Lily bemerkte, dass zwei ältere Jungs in die schmale, mit Kirschbäumen bepflanzte Seitenstraße einbogen, wo ihr Haus stand.
Kaum hatten sie den Weg passiert, zeigte einer von ihnen mit dem Finger auf Severus, der am Zaun hockte – sie tuschelten miteinander.
„Lily?“ Severus’ Stimme ließ ihren Blick wieder abschweifen.
„Wir sind doch Freunde, oder?“
Unsicher blickte er sie an.
„Die allerbesten Freunde“, lächelte Lily.
„Guck dir mal diesen Penner an!“
Plötzlich standen die beiden Jugendlichen hinter Severus, Lily quiekte erschrocken.
Verwirrt drehte Severus sich um und blickte in zwei fies grinsende Gesichter.
„Und quieken wie ein Mädchen tut er auch noch“, lachte der Größere von beiden, sein Kumpel stimmte mit ein.
Anscheinend konnten sie Lily im Dickicht nicht sehen.
„Hey Rob, ich glaube, ich habe den schon einmal in diesem verlausten Loch, Spinner’s End, gesehen“, bemerkte der zweite Junge höhnisch – er war eher klein und rundlich.
„Na, kein Wunder, dass der da hockt – sucht bestimmt nach etwas Essbarem“, feixte der andere und trat einen Schritt vor, „Dann sollte ich mal so freundlich sein und ihm etwas ins Maul stopfen, oder?! Wie wäre es mit leckerer feuchter Erde, Kleiner?“
Er grinste zu Severus herunter, packte ihn am Kragen und zog ihm mit einem Ruck hoch. Wie ein Fisch am Haken hing Severus zappelnd in der Luft.
Entsetzt sprang Lily aus dem Gebüsch: „Stopp! Lasst ihn in Ruhe!“
Ăśberrascht starrten die Jugendlichen sie an, doch sie fingen sich schnell wieder.
„Oooh“, säuselte der Molligere, „Hat der kleine Hosenscheißer eine Freundin? Wie süüüüß.“
Lily wurde hochrot und ballte ihre Hände zu Fäuste. „Lasst ihn in Ruhe oder ich komme rüber!“
„Hahaha, hast du das gehört, Dick? Sie will sich mit uns anlegen.“
„Die schafft es doch nicht mal über den Zaun“, erwiderte sein Kumpel prustend.
Das war zuviel! Lily setzte ihren FuĂź auf den Zaun und stemmte sich mit aller Kraft hoch. Kaum war sie auf der gegenĂĽberliegenden Seite gelandet, rannte sie wutschnaubend auf den pummeligen Jungen zu und schubste ihn mit voller Wucht.
Dieser taumelte verdutzt ein paar Zentimeter zurĂĽck.
Nun lieĂź der andere Severus los - er prallte hart auf dem Boden auf.
„Komm Dick, wir gehen. Mädchen schlägt man nicht, und anders würden wir die nicht los werden“, knurrte er und blickte ein letztes Mal gehässig auf Lily und Severus, der sich gerade wieder aufrappelte.
Als die beiden Jungs verschwunden waren, rannte Lily auf Severus zu und schlang ihre Arme um ihn.
„Oh Severus, zum Glück geht es dir gut!“
Doch Severus löste sich aus ihrer Umarmung und schubste sie weg. Seine Hände verkrampften sich zu Fäusten, sie konnte sehen wie sich seine Knöchel weiß abzeichneten.
„Ich brauche deine Hilfe nicht! Ich brauche keine Hilfe von einem Mädchen!“
Das Wort Mädchen zischte er mit purer Abscheu.
Lily starrte ihn perplex an. Doch bevor sie etwas erwidern konnte, drehte Severus sich um und rannte davon.
Immer noch stand Lily auf der StraĂźe und starrte auf den Punkt, wo vor ein paar Minuten noch Severus ihr gegenĂĽber stand.
’Wieso ist er denn so wütend geworden? Ich wollte ihn doch nur beschützen. Er kann mich doch nicht so anmeckern. Ich habe doch gar nichts Böses getan!’
Lily war verletzt... und enttäuscht. Sie konnte seine Reaktion einfach nicht verstehen.
Langsam hievte sie sich wieder ĂĽber den Zaun und krabbelte aus dem Busch hinaus.
„Das hat aber lange gedauert. Hast du denn dein Armband wiedergefunden?“, rief Petunia zu ihr rüber.
„Nein...“, flüsterte Lily.
Der Vormittag ging schnell vorüber, auch der Nachmittag zog an ihr vorbei. Sie war immer noch sehr betroffen von Severus’ Worten.
Am Abend saß sie alleine im Garten auf der Hollywoodschaukel. Es dämmerte bereits.
Lily ließ ihren Blick über den Garten schweifen als sie plötzlich einen Schatten an einen der Kirschbäume bemerkte. Der Umriss kam ihr bekannt vor und plötzlich machte es Klick. Das war Severus!
Sie sprang von der Hollywoodschaukel und lief zu ihm rĂĽber, wieder trennte der Zaun sie beide.
Severus hatte bemerkt, dass sie ihn erblickt hatte und schritt langsam auf sie zu.
Als sie sich gegenĂĽber standen, musterte er Lilys Gesicht, doch dann senkte er den Kopf.
Niemand von beiden sagte etwas.
Doch dann beugte Lily sich ĂĽber den Zaun, zog ihn zu sich ran, umfasste sein Kinn und schob seinen Kopf nach oben.
Sie blickte ihm eindringlich in seine tiefschwarzen Augen.
„Ich weiß, dass es dir Leid tut“, und umarmte ihn.
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Samstag, 01.07.
Freitag, 02.06.
Mittwoch, 24.05.
Aber ich habe gelernt, auf allen möglichen Arten von Papieren zu schreiben. Die Namen der Hogwarts-Häuser sind auf einer Flugzeug-Kotztüte entstanden - ja, sie war leer.
Joanne K. Rowling