
von Nitsrek
Draco wusste, dass er es wahrscheinlich bereuen würde, vor allem, wenn Theo davon erfuhr, aber es war einfach eine zu gute Gelegenheit, um sie nur vorübergehen zu lassen. Vor allen Dingen war Draco ein Opportunist. Und fairer Weise musste man sagen, dass Hermine es sich selbst zuzuschreiben hatte, wenn sie sich zu einer Wette überreden ließ. Er wollte sie wirklich, wirklich schlagen und es ihr dann unter die Nase reiben. Bevorzugt so öffentlich wie möglich.
Er hatte nicht mit bösen Hintergedanken gehandelt. Er hatte tatsächlich abgewartet, bevor er den fünften Stock betreten hatte, bis er dachte, sie wäre fort; nur um den Frieden zu bewahren. Als sie aus irgendeinem Grund trotzdem dort gewesen war und ihn auch noch fast umgerannt hätte, war er bewusst höflich geblieben und ihr sogar gesagt, warum er dort war, bevor sie irgendwelche wilden Schlussfolgerungen ziehen konnte. Er hatte seiner Meinung sogar ihre Belustigung auf seine Kosten mit Humor geduldet.
Aber sie hörte einfach nicht auf, ihn lächerlich zu machen, und das nervte ihn. Er war so freundlich, wie man es nur erwarten konnte, gewesen, und trotzdem sprach sie mit ihm, als wäre er gerade zwei Jahre alt. Er wollte sie verletzen, und jetzt hatte er eine Möglichkeit – sie war zu eingebildet, um auch nur den Gedanken zuzulassen, dass er mehr über Bücher wissen könnte als sie, selbst nachdem er ihr den Grund erklärt hatte.
Sie würde die Herausforderung annehmen und dafür bezahlen.
Er pfiff fröhlich vor sich hin, als er schließlich seine einsamen Runden beendet hatte und den Slytherin-Gemeinschaftsraum betrat.
„Sieh an, wenn das nicht unser Draco Malfoy persönlich ist… und noch dazu mit widerlicher Selbstzufriedenheit!“
Draco zuckte fast zusammen. „Pansy!“, rief er aus. „Ähm, was machst du hier? Ich meine…“ Er schüttelte den Kopf und kniff sich mit einer Grimasse in den Nasenrücken. Fragen, was sie in ihrem Gemeinschaftsraum machte, ganz clever. „Warum bist du so spät noch auf?“
„Ich warte ehrlich gesagt auf dich“, antwortete sie, legte ihre Zeitschrift beiseite und stand von ihrem Platz auf.
Draco fühlte sich unbehaglich. Es war unangenehm, in ihrer Nähe zu sein. Seit der dritten Klasse lief etwas zwischen ihnen, und auch, wenn er Blaise gegenüber oberflächlich tat, war es… merkwürdig, dass es nicht mehr so war. Sie hatten Spaß gehabt. Ehrlichen, lachen-bis-der-Bauch-weh-tut-du-heulst-und-fast-erstickst Spaß. Er hatte sich matt gefühlt, als sie einen Schritt nach vorne gewagt hatten, und anscheinend gab es in Pansys Augen keinen Schritt zurück, weswegen er hatte Schluss machen müssen. Seitdem war sie wütend auf ihn.
Sie machte ein paar Schritte auf ihn zu und er stellte fest, dass er ihr Aussehen bewunderte. Er hatte gehört, wie Potter sie einst als Mopsgesicht bezeichnet hatte, woraufhin Granger gekichert hatte, aber das stimmte einfach nicht. Pansy war durch und durch feminin. Sie war zierlich und schlank, mit einem herzförmigen Gesicht, klaren blauen Augen und der süßesten Nase, die er je gesehen hatte. Sie hatte ihn natürlich fast kastriert, als er ihre Nase ein einziges Mal so bezeichnet hatte, aber so sah er sie eben. Die seidigen blonden Locken, die ihr Gesicht einrahmten, hatte er einst als gesponnenes Gold an einem Sommertag betrachtet – dieser Vergleich hatte ihm nicht fast eine Kastration eingehandelt, sondern schließlich dafür gesorgt, dass er fast eine ganze Stunde kalt duschen musste. Er erinnerte sich deutlich an jenen Tag.
„Was willst du, Pansy?“, fragte er, leicht überrascht von der Rauheit seiner Stimme.
„Nun, zuerst einmal…“, sagte sie und boxte ihm gegen die Brust.
„Au!“, rief er, mehr überrascht als etwas anderes. „Wofür war das denn?“
„Du bist so ein Mistkerl, Malfoy! Wer hat dir erlaubt, mich wochenlang hängen zu lassen?“
Draco war ehrlich verwirrt. „Hängen? Habe ich etwas vergessen?“
„So kann man das sagen“, sagte sie, als sie zurück zum Sofa spazierte und ihm bedeutete, sich neben sie zu setzen. Er betrachtete sie etwas besorgt und rieb seine Brust, bevor er ihr gehorchte. „Du hast vergessen“, fuhr sie fort, als er saß, „zurück gekrochen zu kommen und mich um Verzeihung anzuflehen.“
Dracos Mund klappte auf. Er warf ihr einen schnellen Blick zu, um zu prüfen, ob sie Witze machte, aber sie wirkte vollkommen ernsthaft. Er räusperte sich. Dann räusperte er sich noch einmal.
„Mit diesem Husten solltest du mal zu Madam Pomfrey gehen“, sagte Pansy im Plauderton.
„Also, was soll ich dazu sagen, Pans?“, fragte er schließlich. „Ich habe damals gemeint, was ich gesagt habe. Und du hattest offensichtlich nicht das Bedürfnis, mir meinen Freiraum – Au!“ Sie hatte ihm mit ihrer Zeitschrift auf den Kopf geschlagen. Ziemlich stark sogar.
Er funkelte sie an und sie rollte mit den Augen, während sie das Magazin wieder glättete. „Dummer Junge“, grummelte sie. „Was du gesagt hast, war, dass ich mich glücklich schätzen sollte, dass du mich ein- oder zweimal die Woche in deine Nähe kommen lässt, wenn du dich einsam fühlst.“
Draco spürte, wie er errötete. „So habe ich das nicht gesagt. Niemals!“
Pansy ignorierte ihn. „Nun, ich kann zugeben, dass ich vielleicht etwas zu enthusiastisch war, aber du hättest kaum weniger begeistert wirken können, und ich weiß auch, warum.“ Sie blickte ihm in die Augen. „Du versuchst, alles loszuwerden, was an dein altes Leben erinnert.“
Sie hielt inne und er konnte nicht anders, als sie schockiert anzustarren.
„Ich dachte, du bemerkst deinen Fehler, aber bisher hast du das nicht, und ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll“, fuhr sie fort. „Soll ich seelenruhig abwarten oder soll ich mein Leben weiterleben?“ Draco antwortete immer noch nicht und Pansy seufzte. „Also, es ist noch nicht so lange, aber ich denke, ich will einfach nur wissen… Willst du wirklich, dass es vorbei ist?“
Draco war komplett überrumpelt. Er öffnete seinen Mund, um zu sprechen, aber kein Laut kam. Ihr Blick war unnachgiebig und ihre Augen ruhig, aber er konnte tief verborgen ihre Verletzlichkeit sehen. Er hatte nicht den Drang, ihr weh zu tun. Bevor er sich mit Blaise angefreundet hatte, war sie am ehesten ein wirklicher Freund gewesen.
„Ich wollte nie, dass es vorbei ist“, sagte er schließlich. „Ich wollte nur… weniger.“
Sie nickte langsam. „Ich bin bereit, Kompromisse einzugehen, wenn du das auch bist.“
Er lächelte sie an. „Natürlich.“
„Gut“, sagte sie nickend und stand auf.
„Wohin gehst du?“, fragte Draco leicht verwirrt. Sie hatte heute diese Wirkung auf ihn.
„Ins Bett“, antwortete sie. „Du wirst heute Nacht viel Freiraum haben.“ Sie lief zu ihrem Schlafsaal.
Draco konnte nur den Kopf schütteln. Was war gerade passiert?
+++++
Zwei Tage später erhielt Draco ein Päckchen von Zuhause. Nicht diesem neuen Ort, an dem seine Mutter sich versteckte. Das wäre zu gefährlich gewesen. Jede Kommunikation, die er dieses Jahr mit ihr wünschte, musste oder Dumbledore oder Snape laufen, auch wenn Draco Snape derzeit nicht weiter vertraute, als er ihn werfen konnte. Nein, dieses Päckchen kam vom wirklichen Zuhause, dem Manor.
Er legte es vorsichtig beiseite und widmete sich wieder seinem Frühstück. Er wusste, was darin war. Er hatte es selbst angefordert. Er hatte darauf vertraut, dass die Hauselfen immer noch an die Familie, und dass, selbst wenn sein Vater Du-weißt-schon-wem noch so verbunden war, wie Draco vermutet, er sie nicht davon abhalten würde, Draco etwas zu geben, worum er höflich bat.
Natürlich würde sein Vater vielleicht bald herausfinden, was genau Draco von ihnen gewollt hatte, aber Draco glaubte, dass er mit dieser Information nicht viel anfangen können würde. Jeder wusste, dass Draco wieder in Hogwarts war, und ihm Probleme zu bereiten, würde nur dazu führen, dass er sich offenbaren müsste.
Dennoch waren die Dinge in dem Päckchen – wenn auch unschuldig für das ungeschulte Auge – sehr gefährlich und außerdem gesetzeswidrig. Er hatte befürchtet, dass das Päckchen durch Sicherheitsbestimmungen abgefangen werden würde, da es kaum eine Erklärung gäbe, wofür er es brauchte, aber andererseits… handelte es sich nicht um auffällige Magie. Die Objekte waren nicht verflucht, und wenn man sie berührte oder einen Zauber auf sie sprach, würde absolut nichts passieren.
Seine Vorfahren waren schlauer.
Es gab nur einen Weg, dass sie funktionierten. Man musste keinen Zauber sprechen oder sie pünktlich zum Vollmond aktivieren oder Ähnliches. Man musste sie nur… benutzen. Tatsächlich war es so simpel, dass das Ministerium sie bereits in der Hand hatte und nicht bemerkte, um was es sich handelte.
Als er zu Ende gefrühstückt hatte, nahm er sein Päckchen und lief zurück zu seinem Schlafsaal. Es war Zeit für den Unterricht.
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„Was ist das?“
Draco wirbelte herum und ließ beinahe fallen, was er am Feuer studiert hatte. Der Unterricht war vorbei und seine Neugier hatte ihn besiegt. Er hatte sie noch nie so genau betrachtet. „Himmel, Blaise“, sagte er mit einem finsteren Blick. „Du hast mir fast einen Herzinfarkt verschafft.“
„Schuldgefühle, was?“, grinste Blaise und ließ sich in den nächsten Sessel fallen. „Ist das Schmuck? Du erkaufst dir jetzt also Pansys Freundlichkeit… oder vielleicht noch anderes?“
Dracos Stirnrunzeln vertiefte sich. „Schluss jetzt! Red nicht so über meine Freundin.“
Blaise hob eine Augenbraue. „Also stimmt es. Ihr seid wieder zusammen.“
Draco nickte zustimmend und wandte sich wieder den Dingen zu.
„Wie nett, dass du mich über die wichtigen Dinge in deinem Leben auf dem Laufenden hältst.“
Draco zuckte mit den Schultern.
„Und jetzt kaufst du ihr Schmuck?“, beharrte Blaise.
Draco schüttelte den Kopf. „Ist nicht für Pansy.“
Stille. „Okay“, sagte Blaise schließlich. „Und kannst du mir erklären, warum du wieder mit Pansy zusammen bist, die so offensichtlich Gefühle für dich hat, nur um sie gleich zu betrügen?“
„Was?“ Draco blickte seinen Freund an. „Ich betrüge sie nicht! Habe ich auch nie!“
„Naja, das eine Mal -“
„Das war etwas anderes! Sie hatte gesagt, sie wollte im Sommer neue Leute treffen. Also habe ich getan, was sie wollte und habe neue Leute getroffen!“
„Gut, gut“, seufzte Blaise. „Aber wie erklärst du dann dieses sehr teuer aussehende Armband, das du gerade hältst, wenn es weder für deine Freundin, noch für – wie ich vermute – deine Mutter ist.“
Draco wog das Armband in der Hand. Selbst, wenn es nicht magisch wäre, wäre es sehr teuer. Es war aus echtem Platin, besetzt mit Diamanten und mit handgeschnitzten Ornamenten verziert. Fast zu schön für seinen Zweck. Er grinste.
„Das“, antwortete er, „ist Rache.“
+++++
Heute war gar nicht so schlimm gewesen. Eher ziemlich gut. Das Semester war nun anscheinend so weit fortgeschritten, dass die Leute im Unterricht lieber schliefen, als jene zu necken, die wirklich ihre Hausaufgaben machten. Das hob Hermines Stimmung merklich, und durch Zufall hatte sie festgestellt, dass die Leute sogar nett waren, wenn sie mit ihnen sprach. Gut, außer den Slytherins. Oder zwei Slytherins ganz besonders – Draco Malfoy und Pansy Parkinson. Ein Paar, geschaffen in… nun ja… der Hölle.
„Hermine!“, rief eine vertraute Stimme und Hermine drehte sich um und sah Ron, wie er auf sie zulief.
„Hey, Ron“, sagte sie etwas verwirrt. Es war Nachmittag und normalerweise war er zu dieser Zeit auf dem Quidditchfeld oder in ihrem Gemeinschaftsraum, und nicht im zweiten Stock hinter ihr her. „Was gibt’s?“
Er blinzelte. „Nichts. Kann ich nicht einfach meine beste Freundin suchen, weil ich Zeit mit ihr verbringen will?“
Hermine hob eine Augenbraue, entschied sich aber, nicht zu widersprechen. „Doch, schon…“
Er zuckte mit den Schultern. „Ich kann nicht im Gemeinschaftsraum bleiben“, gestand er, „und ich weiß nicht, wo ich sonst hin soll. Es stört dich doch nicht, wenn ich mitkomme, oder? Ich schwöre, dass ich keinen Ärger mache.“
„Natürlich nicht. Aber ich habe heute einen Haufen Papierkram…“ Sie wollte Zeit mit ihm verbringen, aber sie wusste, dass es ihm keinen Spaß machen würde, rumzusitzen und ihr zuzusehen.
Er zog eine Grimasse. „War ja klar.“ Als sie ihn fragend ansah, ergänzte er zögerlich, „Macht auch nichts. Gar nichts. Ich will nur Zeit mit dir verbringen.“
„Nervt Ginny?“, bohrte sie.
Er seufzte. „Du hast ja keine Ahnung.“
Sie betraten den Raum der Schulsprecher. Sie hatte ein paar Aufgaben zu erledigen, und hier wären sie ungestört… Zumindest dachte sie das. Sie trat ein und blieb abrupt stehen, wobei Ron versehentlich gegen sie lief und sie umstieß. Nur durch einen ungewohnten Reflex seinerseits, als er sie um die Taille packte, blieb sie stehen.
„Nott“, murmelte sie. „Ich… Also, ich hätte nicht gedacht, dass du hier bist.“
Der Schulsprecher sah von seinem Schreibtisch auf und schenkte ihnen einen durchdringenden Blick. „Ebenso, Granger. Ich dachte, du bist donnerstags nicht hier.“
Hermine musste sich anstrengen, um Ron nicht anzublicken. Sie hatte oft behauptet, donnerstags immer hier zu sein, um beschäftigter zu wirken. Ron sagte jedoch nichts. Sie trat weiter in den Raum. Rons Arm glitt von ihr, als er ihr folgte, Nott neugierig anblickte, aber ruhig blieb.
„Was machst du hier?“, fragte Nott, sein ganzes Verhalten irgendwie feindselig, obwohl er keinen Muskel bewegt oder seinen Tonfall geändert hatte. „Ich dachte, hier sind keine Freunde erlaubt.“
Hermine errötete schuldbewusst. Als sie das gesagt hatte, lag das nur daran, dass Malfoy Notts „Freund“ gewesen war.
Ron berührte sanft ihre Schulter und sie blickte sie an. „Schon okay“, murmelte er. „Er will mich hier nicht, und es ist auch sein Büro. Denkst du, du könntest dich beeilen und nachkommen?“
Sie nickte. „Natürlich.“ Seine Bitte löste nur noch mehr Schuldgefühle aus. Er fühlte sich wahrscheinlich auch einsam, seit Harry mehr Zeit mit Ginny verbrachte, und es gab wirklich keinen Grund außer ihrer Eitelkeit, ihren Freunden und dem Gemeinschaftsraum fern zu bleiben. „Hör mal, Ron, es tut mir echt leid -“
„Mach dir keine Sorgen“, unterbrach er sie mit einem kleinen Lächeln. „Du bist Schulsprecherin und wir sind stolz auf dich. Aber vergiss uns nicht. Vergiss mich nicht. Und lass dich nicht von diesem Slytherin-Mistkerl ärgern.“ Er hatte sich nicht darum gekümmert, leiser zu sprechen, aber Nott zeigte keine Reaktion. Dann drehte Ron ihr Gesicht, küsste sie auf die Wange und ging.
Wer bist du, und was hast du mit Ron gemacht?
„Jetzt, wo du da bist“, sagte Nott und machte nicht den Anschein, als hätte er irgendetwas bemerkt, auch wenn Hermine wusste, dass er alles bemerkt hatte, „Draco hat um ein paar Änderungen deiner Pläne gebeten, und ich dachte, vielleicht möchtest du drüber schauen.“
„Natürlich hat er das“, murmelte sie.
Nott sah kaum auf. „Es ist Quidditch-Zeit und du hast ihn und einen anderen Spieler an den Trainingstagen für Runden eingeteilt. Ich finde nicht, dass es unfair ist.“
Hermine antwortete nicht, sondern ging an ihren Schreibtisch, um den neuen Plan zu erstellen.
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