
von Nitsrek
Hermine klappte der Mund auf. Das war eine Woche später eine unerwartete Frage.
‚Warum hast du letzten Samstag vor deinen Freunden den Zauberstab gezogen, um mich zu beschützen?’
„So… war es nicht“, murmelte sie und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.
„Wie dann?“, fragte Draco höflich.
Er kritzelte etwas auf das Pergament, sein Rücken zu ihr. Er wirkte nicht, als würde ihn die Antwort sonderlich interessieren. Er hielt inne, runzelte die Stirn und murmelte vor sich hin, bevor er seine letzten Schlussfolgerung komplett durchstrich.
„Wann musst du fertig sein?“, fragte Hermine.
„Zwei Stunden vor dem Spiel“, erwiderte er geistesabwesend.
„Also halten dich doch die Hausaufgaben wach?“
„Nein, ich könnte es auch morgen machen, aber ich kann auch jetzt was mit meiner Zeit anfangen.“
„Worum geht es?“
Er hielt inne und blickte sie an. „Mein Aufsatz geht dich nichts an und ich habe nicht vergessen, dass ich eine Frage gestellt habe, auf die noch die Antwort fehlt.“
Oh, Mist.
Hermine zuckte mit den Schultern. „Zwei gegen einen wäre unfair gewesen.“
Er schnaubte. „Das zählt nicht. Manche würden sagen, ich habe sie provoziert, und man könnte auch behaupten, ich hätte mit der Attacke gerechnet und war darauf gefasst.“
„Ja, richtig.“ Sie verschränkte die Arme. „Deshalb hast du deinen Kopf angehauen, als ich dich geschubst habe. Weil du darauf gefasst warst.“
„Ich war auf einen Angriff von ihnen gefasst, nicht von dir. Danke für die Kopfschmerzen, übrigens.“
„Gern geschehen“, spöttelte sie.
„Es ist lustig, wie du versuchst, mir auszuweichen. Muss ich wirklich den Befehl zur Antwort geben?“
Sie wirkte nachdenklich. „Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Wieso muss ich dir nicht antworten?“
Er seufzte und rieb seine Augen. „Du bist so unglaublich nervig, weißt du das? Es funktioniert auf Absicht, und ich habe nur gefragt und keine Antwort befohlen. Ich denke, manchmal sagt man zu seinem Partner Dinge, die man nicht so meint, daher ist es sicherer, nach Absicht und nicht einfach nur nach Worten zu funktionieren. Jetzt bist du dran: Warum hast du Potter und Weasley gedroht?“ Seine Stimme klang nun gereizt und Hermine verspürte dieses Ziehen, das bisher gefehlt hatte.
Sie zögerte. „Es schien der einzige erfolgversprechende Weg zu sein. Ich wollte meinen Zauberstab nicht ziehen, aber es hätte diesmal nicht gereicht, sie einfach wegzuziehen, weil sie glaubten, dass ich… naja… ähm… dass ich Zuneigung für dich empfinde.“
„Also widerlegst du diese Sichtweise, indem du zu meiner Verteidigung den Zauberstab ziehst? Ich sage es nicht gerne, Granger, aber ich glaube, das funktioniert nicht.“
Hermines Wangen leuchteten rosa. „Ich habe sie abgehalten, oder nicht?“, verteidigte sie sich. „Und du wolltest sowieso einen Keil zwischen uns treiben, also dachte ich, es wäre egal, was ich tue. Ich werde einen Haufen erklären müssen, wenn die Wette vorbei ist.“
„Das erklärt immer noch nicht, warum du sie überhaupt aufhalten wolltest.“
„Denkst du nicht, dass es schon genug Gewalt auf der Welt gibt, ohne auch noch alberne Schulhof-Raufereien in Hogwarts zu haben?“, fragte sie hitzig. „Reicht es nicht, dass wir Todesser, Werwölfe und Voldemort bekämpfen müssen? Müssen wir echt auch noch gegen einander kämpfen? Ich weiß ehrlich gesagt nicht, auf wessen Seite du stehst, aber wenigstens hast du keinen Mord begangen, als sie es dir aufgetragen haben. Abgesehen davon ist das alles – alles, was du mir antust – nichts im Vergleich zu der Welt da draußen.“
Ihre leidenschaftliche Tirade überrumpelte ihn und für einen Moment antwortete er nicht. Schließlich sagte er leise, „Okay.“
Hermine blinzelte. Bei allen möglichen Antworten war das ziemlich kurz und neutral. „Okay“, murmelte sie und entspannte sich, als sie bemerkte, dass es keinen Streit geben würde.
Seine Mundwinkel hoben sich. „Du dachtest, ich würde mit dir streiten, oder?“, fragte er belustigt. „Ich dachte, es wäre offensichtlich, dass mir die Gewalt, die ich letztes Jahr ins Schloss gelassen habe, nicht gefiel.“
„Aber du kämpfst immer noch gegen Harry“, bemerkte sie. „Ohne guten Grund.“
„Das ist anders“, murmelte er. „Potter hat mich aufgeschlitzt.“
„Und du warst ganz sicher ein Unschuldslamm“, sagte Hermine trocken.
„Ich hasse Potter und so wird es immer sein. Nur Voldemort und Fenrir Greyback hasse ich mehr, und das vermutlich nur, weil ich auch Angst vor ihnen habe.“ Er sagte es ohne eine Spur von Scham wegen seiner Angst. „Ich fürchte mich nicht vor Potter und ich denke nicht, dass er so gut ist, wie alle glauben, aber meinem armen, misshandelten Kopf zuliebe werde ich nicht noch einmal versuchen, ihn mit der Wette gegen dich aufzustacheln.“
„Haben wir dafür nicht sowieso eine Klausel?“, murmelte sie und runzelte die Stirn, als sie versuchte, sich an die genauen Worte des Vertrages zu erinnern.
„Da steht nur, dass ich niemanden anstacheln darf, dich rauswerfen zu lassen. Du hättest deine Worte bedachter wählen sollen, wenn du es allgemein gemeint hast.“
Sie studierte ihn. Er würde ihre Freunde in Ruhe lassen? Warum? Sie stellte ihre Frage. „Warum willst du aufhören, Harry zu verspotten?“
Er sah sie verärgert an. „Du hast mich das letzte Mal fast verstümmelt.“
Sie rollte mit den Augen. „Du bist echt lahm.“
„Nein. Aber das werde ich vermutlich sein, wenn du mich nochmal vor Gewalt rettest.“
„Das ist der dümmste Grund, den ich je gehört habe.“ Hermine schüttelte den Kopf. „Sag bloß, du probierst dieses Nett-Sein, von dem immer alle sprechen?“ Sie grinste, wohlwissend, dass sie ihn nicht provozieren sollte, aber sie konnte sich nicht davon abhalten.
Er sprang auf und knurrte. „Du weißt nicht, wann es gut ist, oder, Granger? Dein Grund, warum du keine Kämpfe magst, ist für mich leicht zu respektieren. Die letzten Leute, zu denen ich freiwillig nett sein würde, sind du und deine Freunde. Komm morgen, dann hast du daran keine Zweifel mehr. Du bist entlassen.“
Er zog seinen Stuhl wieder heran, setzte sich und ignorierte sie, als sie ging.
Auf dem Rückweg zu ihrem Zimmer hatte Hermine das ungute Gefühl, dass das morgige Quidditch-Match nicht eines der lustigsten für sie werden würde.
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Hermine überlegte, ob sie sich vor Draco verstecken sollte, aber sie wusste, dass das sinnlos war. Obwohl das Spiel ihn vereinnahmte und er dieses letzte Spiel gegen Gryffindor unbedingt gewinnen wollte, wäre er nicht zu beschäftigt, um sie zu quälen. Das war er nie.
Sie nahm an, dass es an seinen Prioritäten lag.
Sie hatte den Großteil des Morgens lesend verbracht, aber als das Match näher rückte, lieh sie die Bücher, die sie für das Arithmantik-Projekt brauchte, aus und eilte zu der Treppe, die sie in den Gryffindor-Turm führen würde.
Mit dem Verstand ganz woanders bemerkte sie kaum ihre Mitschüler, bis einer absichtlich gegen sie lief und dabei mit seiner Hand ihre Bücher zu Boden stieß. Sie wunderte sich dermaßen über diese gemeine Absicht, dass sie nicht einmal merkte, wer es getan hatte, sondern nur, dass die Leute jubelten. Sogar Slytherins und Gryffindors.
Immerhin sorge ich für Eintracht zwischen den Häusern, dachte sie verärgert, als sie sich seufzend bückte, um ihre Bücher aufzusammeln und dabei den Kloß in ihrem Hals ignorierte. Bisher war ihr siebtes Schuljahr schrecklich, voll von Demütigung und Abscheu. Sie konnte das Ende kaum abwarten.
„Kümmer dich nicht drum“, sagte eine Stimme, als sich jemand vor ihr hinkniete und ihr beim Aufsammeln half. „Ich finde, sie behandeln dich fürchterlich. Ich wünschte, ich könnte sie davon abhalten, aber auf so einen Niemand wie mich hört sowieso keiner.“
Hermine blinzelte, als sie den schüchternen, dunkelhaarigen Jungen erkannte: Wayne Hopkins aus Hufflepuff, ihr sonst sehr ruhiger Partner in Verwandlung. Er war es auch, der hinter ihrem Rücken in Zaubersprüche mit Megan Jones über sie gelästert hatte, also wem wollte er etwas vormachen? Er war nicht anders als der Rest von ihnen.
„Was geht dich das an?“, fragte sie kühl, als sie aufstand.
Er stand auch auf und blinzelte, etwas verwundert und verletzt wegen ihres abfälligen Tonfalls. „Ich… Ich dachte…nur…“, stotterte er und sein Gesicht lief rot an. „Tut mir leid“, murmelte er schließlich und eilte davon, ohne sie anzusehen.
Hermine fühlte sich schuldig. Er hatte sie nur aufheitern wollen.
„Der berühmte Charme der Schulsprecherin“, sagte eine andere, sehr unwillkommene Stimme. „Den hast du echt davon gejagt, was? Du könntest Kurse geben.“
Hermine starrte Draco finster an. „Was willst du?“, fragte sie.
„Natürlich“, sagte er und ignorierte ihre Frage, „ist das immer noch besser, als ihn gleich zu küssen, was zur Zeit die einzige andere Alternative zu sein scheint.“
„Musst du nicht beim Spiel sein?“, fragte sie ihn genervt.
Vielleicht beschäftigte ihn sein Spott genug, dass er vergaß, sie etwas Schreckliches tun zu lassen, bevor er sich umziehen musste. Ein aufheiternder Gedanke.
„Ja, stimmt“, sagte er fröhlich und Hermine wurde misstrauisch. „Und du siehst natürlich zu.“ Es war keine Frage.
„Natürlich“, murmelte sie. „Ich werde wie jedes Jahr zuschauen wollen, wie meine Freunde dich platt machen, oder nicht?“
Er lächelte fröhlich und sie wusste, dass er etwas vorhatte. Sie wollte lieber nicht herausfinden, was es war.
„Entschuldige mich“, murmelte sie und lief schnell los.
Er erlaubte ihr ein paar Schritte, bevor er rief, „Nicht so schnell!“
Hermines Herz setzte aus. Welch grausamen Plan hatte er jetzt ausgeheckt?
Sie drehte sich langsam um und er warf ihr etwas zu, das sie instinktiv mit ihrer freien Hand auffing. Sie sah es an, ihre Gedanken erstarrten in Verdrängung, als sie den Slytherin-Schal erkannte. Sie weigerte sich, über die Folgen nachzudenken.
„Du hättest mich nicht reizen sollen“, sagte er lässig.
„Also, du lässt mich zur Strafe einen Schal tragen? Wow, das ist neu“, witzelte sie, immer noch nicht bereit, freiwillig nachzudenken.
„Komm schon, Granger“, sagte er. „Du bist so klug. Du hättest schon vor Ewigkeiten rausfinden müssen, was ich dich tun lassen würde.“
„Nein, ich hatte definitiv nicht an Schals gedacht“, sagte sie, leichte Panik in der Stimme.
„Du wirst bei den Gryffindors stehen, ich will nämlich keinen Mord verantworten müssen, aber auch, weil es so ein Spaß sein wird, dich zwischen deinen Freunden zu sehen, wie du für Slytherin jubelst.“
„Ich dachte, du willst keinen Mord verantworten“, sagte sie heiser.
„Sie werden dir nichts tun. Aber ich würde mich an deiner Stelle den Rest des Jahres lieber an öffentlichen Plätzen aufhalten. Vor allem, wenn wir dieses Jahr gewinnen, was ich natürlich vorhabe.“
„Bitte, Malfoy…“, flüsterte sie.
Er machte ein angewidertes Geräusch. „Wirst du wieder betteln?“
„Ja!“, sagte sie ohne ihre Verzweiflung zu verbergen. „Es muss einen anderen Weg geben! Ich tue alles!“
Er grinste unheilverkündend. „Ich kann dich bereits tun lassen, was ich will, und außerdem lügst du. Du willst nur Mitleid erregen, damit ich dich gar nichts Unangenehmes tun lasse.“
„Das hier ist mehr als unangenehm“, zischte sie. „Das ist purer Sadismus. Ich lüge nicht. Ich könnte… könnte…“ Sie suchte wirklich nach etwas, das ihn umstimmen könnte. „Ich könnte dir versprechen, dass ich Nott auch nach dieser Wette nicht ermutigen werde“, stieß sie hervor. „Das willst du doch, oder?“
Seine Augen wurden kalt. „Du bist wirklich so wankelmütig, oder?“, spottete er. „Gibst Theo auf, sobald dir etwas Unangenehmes widerfahren könnte. Du machst mich krank. Nein, ich akzeptiere dieses Versprechen nicht, da es dir nichts bedeuten würde. Du hättest immer noch Weasley und Gott weiß wen.“
Hermines Augen weiteten sich. Er hielt echt nicht viel von ihr, was? Gut, sie war im Moment etwas verwirrt, hin und her gerissen zwischen ihrer alten, sicheren Verknalltheit in Ron und ihre neuen, aufregenderen Anziehung zu Nott. Sie war bisher nicht in der Lage gewesen, herauszufinden, ob sie sich wirklich mit Ron sehen konnte, oder ob sie es inzwischen einfach aufgrund ihrer tiefen Zuneigung, die sie für ihn als Freund fühlte, als selbstverständlich ansah.
Malfoy jedoch ließ es klingen, als wäre sie so eine Schlampe, die jeden Jungen ranließ, der sie anmachte. Das störte sie, aber sie wusste, dass ihm ihre Erklärung egal wäre, also wozu die Mühe? Sie seufzte, geschlagen.
„Also, hier dein Handel“, sagte er, kam näher und senkte die Stimme. „Du wirst deinen Versager-Freunden nie von der Wette erzählen oder sie wissen lassen, dass zwischen uns nichts war. Stattdessen wirst du diese Lüge wo es geht stützen. Kurzum wird Weasley also irgendwann ins Gras beißen in dem Glauben, dass sein…“ Er rümpfte angewidert die Nase, während er nach Worten suchte. „… keusches und treues kleines Schlammblut durch meine Berührung beschmutzt wurde.“
Hermine klappte der Mund auf. Das konnte sie nicht tun.
„Weißt du“, Draco wurde noch leiser und kam noch näher. „Er wird so tun, als wäre es ihm egal, aber das stimmt nicht, und das wird ihn auffressen, bis er nicht einmal mehr deinen Anblick ertragen kann. Zu wissen, dass du mit jemandem schläfst, dem es egal ist, ob du lebst oder tot bist, obwohl du weißt, dass er in dich verliebt ist. Wie lang hat er auf dich gewartet? Denkst du, er hat gehofft, er könnte dein Erster sein?“
Die letzte Frage traf sie auf eine Art, von der er nicht wissen konnte. Sie spannte den Kiefer an und blickte zur Seite, damit er die Nässe in ihren Augen nicht bemerken würde.
„Du weißt, dass ich dem nicht zustimmen kann“, stieß sie hervor.
„Dann sag nicht, du würdest alles tun“, sagte er kühl. „Ich hasse melodramatische Frauen. Es ist nur ein Quidditch-Spiel; es wird eine Zeit lang unangenehm sein, aber es wird kaum dein Leben ruinieren.“
Er ging davon und sie starrte auf den Slytherin-Schal in ihren Händen.
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Vorschau
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Sie hatte keine Ahnung, wer gewonnen hatte. Draco und Harry hatten beide plötzlich etwas bemerkt und waren abgetaucht. Das Publikum hatte gebrüllt. Sie hatte den Namen gerufen, den sie nicht wirklich meinte. Und dann… hatten beide den Boden getroffen; erst Harry, dann Draco auf ihm. Ein paar Sekunden lagen sie still, dann rollte Draco zur Seite. Beide keuchten schwer und bewegten sich großteils nicht.
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