
von Nitsrek
„Was tust du, Granger?“, zischte Malfoy und seine Stimme hallte von den kalten, feuchten Steinen des Verliesganges wider.
Ich hatte meine Faust erhoben, um an Horace Slughorns Bürotür zu klopfen, hielt jedoch inne, um Malfoy mit einem scharfen Blick zu bedenken und ihm zu sagen, dass er was-auch-immer für eine Wut in sich unter Kontrolle bringen sollte. Als Malfoys düsteres Gesicht sich in dem schwachen Licht der Fackeln immer noch nicht löste, seufzte ich.
„Horace wollte mich sehen, vielleicht hat er ja Informationen.“
Malfoy hob seine rechte Augenbraue. „Habe ich etwas verpasst?“
Ich grinste. „Und du warst wirklich in Slytherin?“
Malfoys Kiefer arbeitete, aber ich schlug viermal in schneller Folge gegen die Tür; das Klopfen, das ich immer benutzte, wenn ich Zutaten für Horaces Vorräte brachte.
Vielleicht drei Sekunden nach meinem Klopfen flog die Tür auf und ein sehr aufgeregter Horace Slughorn winkte mich und Malfoy herein. Als die Tür versiegelt und mit Ruhezaubern belegt war, drehte Horace sich um, sein Umhang wehte um seine rundliche Form.
„Ah, Mr. Malfoy, wie geht es Ihrer Mutter? Und Lucius… ist er…“
Ich runzelte die Stirn. „Horace, wir haben wirklich keine Zeit für so etwas. Was wolltest du mir sagen?“
Malfoy verkniff sich ein Schnauben, während Horace mit den Kiefern mahlte und sein Gesicht rot anlief. Dieser Mann maß Anstand einen so hohen Stellenwert bei, dass ich beinahe Schuldgefühle hatte, weil ich seinen Versuch, höflich zu sein, unterbrach. Andererseits war es mir noch nie wichtig, Horace auf irgendeine Form zu besänftigen.
„Die ähm… die Zentauren. Sie wollten mit Ihnen sprechen, Miss Granger, aber ich habe ihnen gesagt, dass Sie den Wald verlassen hätten. Nach dem Angriff auf Sie gingen einige meiner Vorräte aus, also musste ich selbst in den Wald vordringen. Ich bin zu dem Bach gelaufen, von dem Sie mir erzählt haben und traf dort auf einen Zentaur namens Roan. Scheinbar hatten sie mich schon länger beobachtet. Egal, als sie bemerkten, dass ich nicht Sie war, haben sie sich offenbart. Sie wussten noch von meiner Zeit früher hier in Hogwarts, wer ich war. Jedenfalls haben die Informationen von, ihrer Meinung nach, höchster Wichtigkeit für Sie. Ich erzählte ihnen von dem Angriff und wer Sie attackiert hat… die Auroren haben es uns verraten; Verzeihung, die Polizei, da sie erfahren hatte, dass Sie ziemlich regelmäßig im Schloss verkehren. Roan war sehr aufgebracht und erklärte mir, dass ein Teil dessen, was sie Ihnen erzählen wollten, eben war, dass Potter im Wald gesehen worden war. Natürlich kam die Information zu spät, aber Roan erwähnte, dass Potter sich in der Nähe einer Höhle… einer Höhle, in der Ara… Ara-irgendwas früher gelebt hatte, befand. Anscheinend war Potter auf der Suche nach etwas Bestimmtem. Der Zentaur wusste was es war, wollte es mir aber nicht sagen. Aber unabhängig davon, was es ist: die Zentauren haben es.“
Meine Augen weiteten sich und ich warf Malfoy, dessen Gesicht nach wie vor verschlossen war, einen Blick zu. Er schürzte seine Lippen und ich wusste, dass auch er das Gleiche dachte. Harry hatte den Stein der Auferstehung noch nicht!
„Wann war das, Professor?“, fragte Malfoy.
„Oh, nach dem Angriff auf Miss Granger. Der Tag bevor die arme, einfältige Sibyll ermordet worden war.“
Ich kaute auf meiner Unterlippe herum. Zeitlich betrachtet hat Harry den Stein gesucht, bevor er in mein Heim eingedrungen war, und am Tag vor Trelawneys Tod war der Stein noch bei den Zentauren… aber seitdem war über eine Woche vergangen. Ein Hauch von Sorge flatterte durch meine Gedanken.
„Sonst noch etwas, Professor?“, fragte Malfoy, der wieder seinen Detective Chief Inspector-Ton angenommen hatte.
„Nein, ich war danach zu sehr damit beschäftigt, die Slytherins auf ihre Heimreise vorzubereiten… Seitdem war ich nicht mehr im Wald oder außerhalb der Ländereien. In all meinen Jahren kam das noch nie vor… nicht einmal der Dunkle Lord war ein Grund, die Schule zu schließen.“
Malfoy und Horace unterhielten sich noch etwas; hauptsächlich versicherte Malfoy dem gealterten Professor für Zaubertränke, dass das Ministerium alles in seiner Macht stehende unternahm, um Harry zu fassen. Ich hatte abgeschaltet und hörte nur halb zu, als Horace Tee anbot. Malfoy lehnte die Einladung ab und sah mich an.
Ich neigte meinen Kopf und kam zurück in die Gegenwart, bedankte mich bei Horace für die Weitergabe der Nachricht und verließ eilig den Raum, Malfoy wieder an meinen Fersen. Ich hatte mich automatisch wieder der Dunkelheit der Verliesgänge zugewandt und kümmerte mich nicht darum, Licht zu zaubern, um den Weg zu erkennen.
„Ich habe langsam keine Lust mehr ‚Folge dem Führer’ zu spielen, Granger. Wo zur Hölle führst du mich hin?“, knurrte Malfoy, entfachte seinen geliehenen Elderstab und packte mein Handgelenk zum zweiten Mal an diesem Tag, um mich innehalten zu lassen.
„In den Wald. Ich dachte, das wäre ziemlich offensichtlich nach dem, was Horace uns erzählt hat“, erwiderte ich knapp, befreite mein Handgelenk und lief weiter den letzten Gang zu der Trollstatue, und damit zu dem Weg aus dem Schloss heraus, entlang.
„Du musst langsamer machen. Hast du nicht vorgehabt, Madam Pomfrey zu besuchen?“
„Keine Zeit, Malfoy. Und die Tatsache, dass die Zentauren soweit gehen und sogar mit Horace Slughorn sprechen, lässt mich vermuten, dass etwas nicht stimmt…“
Ich trat vor die Trollstatue und murmelte mein Passwort, woraufhin Malfoy seine Augenbraue hob. Bevor ich jedoch den gang betreten konnte, trat Malfoy mir in den Weg.
„Harry kennt diesen Weg nicht. Niemand kennt ihn…“
„Vorsicht ist besser als Nachsicht, oder nicht?“, murmelte er und lief voraus; er löschte seinen Zauberstab und steckte ihn zurück in sein Halfter.
Ich sagte nichts und folgte ihm, hörte, wie die Statue hinter mir wieder zurück an ihren Platz glitt. Ich musste grinsen, als ich sah, wie Malfoys bleicher Kopf die Tunneldecke beim Laufen berührte und hörte, wie er über Spinnweben und dunkle Gänge fluchte.
Das Licht außerhalb des versteckten Tunnels war hell, aber meine Augen brauchten etwas, um sich daran zu gewöhnen. Neuer Schmerz ließ mich anhalten und an meinen Kopf greifen. Die kühle Luft war erfrischend, aber ich fror sofort.
„Wie tief im Wald sind wir?“
Ich antwortete nicht, sondern biss die Zähne zusammen. Ein Spezialheiler… Ja, den sollte ich besuchen.
„Tief…“, war alles, was ich hervorbrachte.
Ich zwang meinen Kopf nach oben und sah, wie Malfoy mich finster ansah. Ich seufzte, zog meinen Zauberstab und verwandelte meinen Mantel in einen hässlichen, grauen Umhang. Anscheinend beeinflusste mein pochender Schädel sogar meine Verwandlungsfähigkeiten. Malfoy verwandelte seinen Umhang perfekt, machte ihn dicker und fügte eine mit grauem Pelz gesäumte Kapuze hinzu, die er über seinen blassen Kopf zog.
„Zu dem Bach, den Horace erwähnt hat, brauchen wir gute zwanzig Minuten. Die Zentauren werden uns dann schon sehen…“
„Auch wenn ich hasse, was ich jetzt sage, Granger… Geh voran.“
Ich rollte mit den Augen und wünschte mir auf der Stelle, dass ich es gelassen hätte.
Der Waldboden war weiß bedeckt und es fiel noch mehr Schnee vom Himmel. Trotz dem Schnee konnte ich durch die tiefe Spur zwischen den wilden Wurzeln der Bäume immer noch den Pfad erkennen. Ich bin ihm schon viele Male durch sehr viel tieferen Schnee gefolgt und hatte mich noch nie verlaufen.
Natürlich war der Wald magisch und ich konnte seine Magie unter meinen Schuhsohlen spüren, im Wind und sogar im Geruch der Bäume und des Bodens… Der Wald war mein Zuhause, ebenso wie das vieler anderer Kreaturen. Und es war erfrischend, wieder daheim zu sein.
Ich lief sicheren Fußes durch den tiefen Schnee und machte dabei kaum ein Geräusch. Malfoy hingegen fluchte murmelnd vor sich hin, rutschte manchmal oder stieß sich seine Zehen an einer schneebedeckten Wurzel an. Trotzdem schaffte er es, genau hinter mir zu bleiben und nach ein paar Minuten bewegte er sich ebenso unauffällig wie ich.
Wir sprachen nicht während unserem Marsch; nur der Wind zwischen den gefrorenen Ästen erfüllte die Luft mit stöhnendem Knarren und Knacksen. Ich erinnerte mich daran, wie ich schon einmal mit Malfoy durch diesen Wald gelaufen bin. Im ersten Jahr, Strafarbeit mit Hagrid… und ich erinnerte mich nur zu gut daran, wie ängstlich Malfoy gewesen war.
Ich lächelte, als meine Füße sich den verborgenen Weg zum Bach entlang bewegten.
Ich machte drei Schritte und wurde von Malfoy, der meine Schultern gepackt hatte und mich an sich zog, zurückgerissen. Ich öffnete meinen Mund um zu protestieren, wurde jedoch dadurch ruhig gestellt, dass er mein Gesicht gegen seine rechte Schulter presste.
Malfoy hatte seinen Zauberstab mit seiner rechten Hand gezogen, sein linker Arm drückte mich an ihn, hielt mich ruhig. Ich errötete, als ich seinen Duft einatmete… würzig, frisch, wie eine Mischung aus Zitrus und Salbei.
Ich krümmte mich, um zu sehen, worauf er seinen Zauberstab richtete, schaffte es aber nur, meinen Kopf zu drehen, und lehnte meine rechte Wange an seine Brust.
Ich konnte nichts entdecken, aber Malfoy anscheinend schon.
„Da vorne, dreißig Meter entfernt… es bewegt sich durch die Bäume“, flüsterte er.
Ich krümmte mich erneut, aber Malfoy hielt mich noch fester und drückte den Atem aus meinen Lungen.
„Lass mich los…“, keuchte ich.
Malfoy versteifte sich, als würde ihm gerade einfallen, dass er etwas festhielt, das ihm nicht gehörte… und er entließ mich, hielt mich jedoch in seiner Nähe, sein Mantel umhüllte und beschützte mich.
Ich drehte mich um und kniff meine Augen zusammen, um durch die dunklen Baumstämme zu spähen. Ich konnte immer noch nichts sehen…
„Verdammte Scheiße!“, keuchte Malfoy und stolperte plötzlich zurück, seine linke Hand flog an seine Wange.
Malfoy hatte auf ein Geräusch reagiert, dass ich nur langsam verarbeitete. Als ich es jedoch erkannte, hatte Malfoy bereits geflucht und an seine Wange gegriffen, von der nun leuchtend rotes Blut tropfte.
Ein Pfeil war an meinem Kopf vorbeigezischt, um Dracos Wange zu streifen. Ich zuckte zusammen, als Malfoy einen schnellen, faulen Heilzauber sprach, um die Blutung zu stoppen, und seinen Zauberstab erneut an mir vorbei hob.
„Nicht“, flüsterte ich laut, „Steck den Zauberstab weg!“
Malfoy zeigte mir mit einem spöttischen Lächeln, dass er nicht im Geringsten die Absicht hatte, den langen Elderstab zurück in sein Halfter zu stecken. Ich runzelte die Stirn und drehte mich so, dass ich von Malfoy abgewandt war. Der Bach rauschte in der Nähe und ich wusste, dass wir nahe an der Grenze zwischen dem Land der Zentauren und meinem waren.
Ich verneigte mich tief und wartete, machte ein paar Schritte, um mehr Abstand zwischen mich und Malfoy zu bringen.
Scheinbar nach Minuten erst erklang ein schwaches Pfeifen, gefolgt von einem sehr viel näheren. Malfoy versteifte sich und ich spürte seine Alarmbereitschaft, doch er bewegte sich nicht. Nur seine Augen spähten durch die Bäume, bewegten sich langsam von einem Punkt zum andern.
„Granger?“, flüsterte er gehetzt.
„Still. Zentauren. Lass deinen Zauberstab sinken oder ihre Pfeile werden mehr als nur dein hübsches Gesicht verunstalten“, zischte ich.
Endlich, nach einem Moment des Zögerns, ließ Malfoy seinen Stab sinken. Ich seufzte und wandte meine Aufmerksamkeit den Bäumen zu. Ein letztes Pfeifen, sehr nah, und dann trat zwischen den Bäumen, als würde er einfach aus dem Nichts erscheinen, ein Zentaur hervor.
Ich kannte diesen männlich Zentaur, dessen Hufe kaum ein Geräusch auf dem Schnee, dem Boden und den Wurzeln machten, nicht. Er war weder wie Roan, noch wie die Späher. Er war sehr viel älter, größer, mit langen grauen Locken, grauer Haut und grauem Körper. Seine Augen waren bodenlos und silbern, müde und weise. Es hatte schon immer Spekulationen über die Lebensdauer von Zentauren gegeben, aber immerhin wussten die Zauberer, dass Zentauren Jahrhunderte lang leben konnten und sehr widerstandsfähig oder schwer zu töten waren…
Als sich der königliche, graue Zentaur näherte, verneigte ich mich tief und zog meine Kapuze zurück, um mein Gesicht zu enthüllen. Ich ignorierte Malfoys spürbare Vorsicht hinter mir.
„Erhebe dich, Hermine Granger, du bist mir bekannt.“
Die Stimme des Zentauren war tiefer Bass, vielleicht noch tiefer, und er sprach mit einer Gewandtheit, die seiner Rasse angeboren war.
„Befiehl deinem Menschen, sich zurückzuhalten.“
Hätte die Situation nicht äußersten Ernst erfordert, hätte ich gelacht. Ich drehte mich um und sah Malfoy an, der furchtbar grimmig schaute, dann seinen Zauberstab verärgert zurück in sein Halfter steckte. Malfoy würde sich später sicher darüber aufregen, als ‚mein Mensch’ bezeichnet worden zu sein, dessen war ich mir sicher.
Ich wandte meine Aufmerksamkeit dem Zentaur zu. „Sie kennen mich?“
Der Zentaur schien zu lächeln, überlegte es sich dann aber anders und hob leicht sein Kinn.
„Ich kenne alle, die im Wald leben“, sagte er mit ausdrücklicher Autorität, seine tiefe Stimme summte durch meine Brust.
„Verzeihen Sie meine Ignoranz, mein Herr, aber ich kenn Sie nicht.“
Er war immer klug, überdurchschnittlich höflich zu sein, wenn man mit Zentauren zu tun hatte…
„Ich bin Magorian.“
Der Herr des Waldes, der Anführer der Zentaurenherde. Ich kannte seinen Namen nur zu gut, aber ich hatte ihn noch nie zuvor in Person getroffen. Magorian war das mächtigste empfindsame Wesen im Wald; nichts hier war ihm unbekannt und als ich in die Hütte gezogen war, hatte ich den Herrscher des Waldes um Erlaubnis beten lassen, nachdem ich ja mit seinem Land bzw. Territorium eindrang.
Ich verneigte mich wieder, noch tiefer. Ich wollte dieses Lebewesen ganz sicher nicht beleidigen.
„Der alte, fette Mensch hat unsere Nachricht also weitergeleitet?“
Horace wäre über Magorians Beschreibung erbost gewesen… aber sie traf zu.
„Ja, mein Herr. Es tut mir Leid, dass ich nicht früher gekommen bin.“
Magorians Hufe bewegten sich im Schnee.
„Es ist wirklich relativ spät, aber es ist nicht deine Schuld, Hermine Granger.“
Ich neigte wieder meinen Kopf.
„Wir haben deine Nachricht von Harry Potter zu schätzen gewusst, aber wir sind Schuld. Hätten wir dich eher kontaktiert, wärst du nicht so schwer verletzt worden.“
Meine Kehle schnürte sich zu und meine Augen tränten. Ich blieb einen Moment lang still, bevor ich versuchte zu sprechen.
„Mein Herr, ich wollte Sie fragen…“, ich verlor meine Stimme und heiße Tränen liefen meine Wangen hinunter. „Der Stein… Ist er…?“
Magorians Hufe scharrten wieder und seine grauen Hände ballten sich zu Fäusten.
„Hermine Granger, wir besitzen das Relikt nicht mehr.“
Ich spürte, wie mein Gesicht sich verzog, die nagende Sorge von vorhin verwandelte sich in Angst.
„Harry?“, riskierte ich.
Magorian nickte, seine grauen Locken fielen über seine Schultern. „Er tötete zwei Späher meiner Herde. Drei weitere hat er verletzt, eine davon eine junge Stute… meine Tochter.“
Ich schluchzte und ich konnte nichts gegen meine Tränen oder meine bebenden Lippen tun. Ich hoffte, dass Magorian meine Tränen nicht als Beleidigung empfand.
„Wann?“, keuchte ich.
„Ein Tag, nachdem der alte, fette Mensch da war.“
Ich nickte langsam. „Kann ich Ihnen und Ihrer Herde in irgendeiner Form helfen, Herr?“
Mangorian sagte nichts, schüttelte dann aber seinen Kopf. „Das musst du nicht; wir haben unsere eigenen Wege, Hermine Granger.“
Ich verbeugte mich wieder, so tief ich konnte; es gab nichts weiter zu sagen. Die Zentauren hatten den Stein gehabt, doch Harry hatte ihn sich gewaltsam genommen. Sie hatten ihn sicher in der Nähe von Aragogs Höhle gefunden; die Spinnen waren schon lange aus dem Wald verschwunden. Die Zentauren hatten den Stein heimlich und sicher bewacht, ohne dass die Magische Welt etwas davon gewusst hatte. Schon allein das Verhalten der Zentauren zeigte, dass der Stein ein mächtiges, magisches Artefakt war.
Ich wandte mich zum Gehen und erwartete, dass Malfoy mir folgen würde, als Magorian wieder sprach und mich innehalten ließ.
„Harry Potter war vor zehn Jahren eurer Zeitrechnung unser Verbündeter gewesen. Nun ist er ein Feind des Waldes. Du, jedoch, Hermine Granger, bist hier willkommen, denn du hast in den letzten Jahren in Frieden mit uns gelebt. Du hast eine Beziehung zu uns aufgebaut und wir danke dir für dein Herz und deine Freundlichkeit.“
Ich konnte vor lauter Tränen nichts sehen. Blind antwortete ich, „Vielen Dank, mein Herr. Ich werde Ihr Vertrauen immer zu schätzen wissen.“
Ich wischte mir mit dem Handrücken die Tränen weg und beobachtete, wie Magorian sich vor mir verbeugte… eine Aktion, die weder dem Wald, noch Malfoy verborgen blieb.
„Es gibt noch eine letzte Sache, die ich dir sagen muss, Hermine Granger.“
Magorian hielt inne und sein Kiefer arbeitete, als würde er überlegen, wie er am besten ausdrücken sollte, was er sagen würde.
„Harry Potters Krankheit betrifft nicht nur seinen Geist… seine Seele ist verdorben. Sei vorsichtig, Hermine Granger: es stand nicht in den Sternen, dass Harry Potter uns töten würde, und uns zu töten ist keine leichte Aufgaben, selbst für einen Zauberer.“
Ich schloss meine Augen und neigte meinen Kopf, als sich Magorian abwandte, um wieder in der Tarnung des Waldes und des Schnees zu verschwinden. Innerhalb weniger Momente wusste ich, dass die Zentauren fort waren. Ich schluchzte, fiel auf Schnee und Boden auf die Knie. Vielleicht bedeutete es der Magischen Welt nichts, aber für mich war es das vielleicht wichtigste Gefühl in meinem derzeitigen Leben, dass die Zentauren des Waldes mir vertrauten. Harry hatte mir so vieles genommen… und Magorians Worte trösteten mich sogar so weit, dass ich mir geschätzt vorkam.
Ich umarmte mich, während ich weinte, mein Schluchzen weich, aber schmerzhaft, da mein Körper in einer Mischung aus Wut, Kummer und Freude bebte. Als ich eine schwere Hand auf meiner Schulter spürte, brach ich zusammen, fiel in den Schnee, und meine Handflächen kratzten über die Baumwurzeln.
„Merlin, Granger!“, knurrte Malfoy über mir.
Ich fühlte mich unglaublich dämlich. Ich hatte beinahe vergessen, dass er die ganze Zeit hinter mir gestanden war. Ich schniefte und stellte mich auf meine Füße, wischte Schnee und Schmutz von meinem Mantel. Ich zog die Kapuze über meinen Kopf, um meinen kahlen Kopf vor dem zunehmenden Wind zu schützen, lief schnell neben Malfoy und wir machten unseren Weg zurück.
„Zwei weitere Tode, die auf Potters Konto gehen…“, hörte ich Malfoy sagen, als wir uns auf den Weg zu meiner Hütte begaben.
„Das Ministerium wird diesen beiden keine Beachtung schenken und das weißt du auch“, murmelte ich verärgert und nutzte den Ärger, um schneller voranzukommen.
„Das ist wirklich schade, aber im Moment wüsste ich erst einmal gerne, wo du deiner Meinung nach eigentlich hingehst?“, knurrte Malfoy und versuchte, Schritt zu halten.
„Heim.“
Meine Vorwärtsbewegung wurde abrupt gestoppt und ich wurde an meinem Handgelenk herumgewirbelt, bis ich gegen Malfoys Brust prallte. Automatisch drückte ich ihn weg, stolperte rückwärts, hielt mich jedoch auf den Füßen.
„Würdest du bitte aufhören, mich immer festzuhalten, Malfoy? Ich finde es wirklich nicht toll, wie eine Puppe behandelt zu werden!“, schrie ich und störte dabei den Schlaf einer Eule weit über uns, die beim Klang meiner Stimme floh und Schnee von einem Ast schlug, der mit einem dumpfen Schlag in der Nähe des Weges landete.
„Bis du dich so verhältst, als ob du wenigstens noch ein halbes Gehirn in deinem rasierten Kopf hättest, werde ich dich behandeln, wie du es verdienst“, schimpfte Malfoy und stieß mein Handgelenk von sich, als wäre es widerlich.
Mein Kopf fing wieder an, zu pochen. Meine Gnadenfrist war vorbei und der schneidende Schmerz kehrte zurück. Ich spürte, wie meine Augen innerlich gequetscht wurden…
Ich atmete die kalte Luft tief ein, hielt sie einen Moment an und bewegte meine Hände über Augen an die Schläfen.
„Ich brauche Kleidung, Malfoy, und ich hätte auch gerne ein paar Dinge aus meinem Badezimmer. Ich habe weder Geld noch Lust, unter Polizeischutz Kleidung kaufen zu gehen. Du bist der DCI und wir befinden uns zehn Minuten von meiner Hütte entfernt. Wenn du also nicht meine Rechnung bezahlen willst… mal abgesehen davon, dass ich im Haus deiner Eltern lebe und ihr Essen esse… wirst du mich nach Hause gehen und ein paar Sachen packen lassen, und dann gehen wir wohin auch immer du willst. Ich habe sowieso keinen anderen Ort, an dem ich sein muss… Ich bin auf dich angewiesen, wenn es das ist, was du hören willst.“
Ich hatte sehr ruhig gesprochen; das Pochen in meinem Kopf war zu laut, als dass ich irgendein anderes Gefühl hätte in meine Stimme fließen lassen können.
„Nicht wirklich, Granger, aber du hast schon Recht. Du bist auf mich angewiesen“, murmelte Malfoy und seine Augen wanderten von meinen Zehen zu meinem Kopf. „Du könntest dich nicht beschützen… du kannst ja nicht einmal deinen Mantel richtig verwandeln, der Zauber lässt langsam nach.“
Ich reagierte nicht; ich konnte spüren, wie die von mir angewandte Magie den Mantelstoff verließ und nur noch den ursprünglichen Umhang zurück ließ. Ich hatte gewusst, dass der Zauber nicht stark genug gewesen war, hatte es jedoch akzeptiert. Ich wunderte mich, ob ich wenigstens einen schwachen Lichtzauber ausführen konnte, bewegte jedoch nicht meine Hand zu meinem Zauberstab.
„Ich werde mit dir zur Hütte gehen, aber ab dort habe ich das Sagen. Du gehst, wohin ich gehe; du tust, was ich dir sage. Du hast uns heute schon genug erschöpft“, knurrte Malfoy, zog Voldemorts Zauberstab aus seinem Brusthalfter und erneuerte den Zauber, der meinen Umhang in einen längeren, wärmeren Mantel zu verwandeln, dunkelgrün mit schwarzem Pelz um Kragen und Kapuze, um den Wind davon abzuhalten, meine bloßen Ohren zu erfrieren. „Ist das klar?“, fragte er und steckte den Elbenstab wieder ein.
Ich schaffte es, zu nicken.
Die Energie, die mich vor ein paar Momenten noch durch den Wald geschleudert hatte, musste ein letzter Schub gewesen sein. Mein Magen knurrte, Malfoy und ich hatten beide nicht zu Mittag gegessen, und der Himmel wurde dunkler, während wir liefen. Ich hatte bisher nicht gemerkt, dass es so spät war.
Bei meinem Tempo dehnte sich der Zehn-Minuten-Weg auf zwanzig Minuten aus. Ich spürte, dass ich Malfoy mit jedem schneckenhaften Schritt noch mehr verärgerte, aber er sagte nichts. Während dem Laufen fragte ich mich, wann Malfoy gelernt hatte, seinen Mund davon abzuhalten, so einen dämlichen Dreck von sich zu geben wie zu Schulzeiten. Malfoy hatte sich so drastisch verändert, dass ich kaum glauben konnte, dass es der gleiche Draco Malfoy war, der meine Zähne mit einem Fluch bis zu meinen Knien hatte wachsen lassen. In den letzten Tagen hatte es Momente gegeben, in denen er beinahe anerkennend gewesen war, beinhae freundlich, fast besorgt… Es verwunderte mich.
Als wir über den schneeigen Hügel auf die Lichtung kamen, schockierte es mich, dass ich die Hütte sehen konnte. Die Schutzzauber waren offensichtlich weg, denn wenn sie noch da gewesen wären, hätte ich die Hütte überhaupt nicht sehen können. Dennoch war ich nicht völlig alarmiert, da zumindest die Eingangstür geschlossen war. Ich trat durch die schwachen Schutzwälle, vielleicht nur noch zwei Schichten übereinander, und bemerkte, dass mein kleiner Garten ruiniert war. Die Wärmezauber, die auf den kleinen Kräuterbeeten und dem Gemüse gelegen hatten, waren weg. In den Wochen ihrer Abwesenheit hatte der Wald begonnen, sich die Hütte zurück zu holen, und es zerbrach mir fast das Herz, mein Zuhause in einem solchen Zustand zu sehen.
Ich lief zur Eingangstür und beäugte die Ministeriumsbenachrichtigung, die daran hing und mein Haus zu einem Tatort erklärte. Nur authorisierte „Polizisten“ durften eintreten. Malfoy stellte sich vor mich und zog wieder seinen Zauberstab. Mit einem mir unbekannten Zauber sprang die Tür auf und Malfoy trat ein, sah sich in der Hütte nach möglichen Eindringlingen um. Ich wartete, während Malfoy ins Badezimmer lief, dann durch den Türbogen des Schlafzimmers und dann zurück zu mir, um mich hinein zu winken.
Ich trat über die Schwelle und stellte fest, dass es in der Hütte fast genau so kalt war wie außen. Ich wollte die Stirn runzeln und mein Missfallen ausdrücken, konnte mich jedoch kaum auf den Füßen halten. Abwesend schloss ich die Tür hinter mir und lief durch den Eingangsraum zur Inseltheke der Küche. Alles, was in meiner Manteltasche gewesen war, lag auf der steinernen Oberfläche, genau so, wie Harry es in jener Nacht hervor geholt hatte; das einzige, was fehlte, war der halb aufgegessene Ananaskuchen.
Der Smaragd-Manschettenknopf lag neben einem kleinen Stapel Ersatzkleidung und war das erste, was ich wieder in meine Tasche steckte. Den Rest packte ich schmerzhaft langsam ein, während Malfoy sich in der Hütte umsah, weil er anscheinend sonst nichts Besseres zu tun hatte. Als Nächstes ging ich ins Badezimmer und wickelte meine Zahnbürste, zusammen mit ein paar Damen-Artikel in ein Handtuch und steckte alles in meine Tasche. Shampoo brauchte ich keines… Ich hatte keine Haare zum Waschen.
Ich wollte ins Schlafzimmer gehen, erstarrte aber, da ich eine weitere, schwach leuchtende Linie auf Kniehöhe entdeckte… ein weiteres magisches Band.
„Malfoy…“, sagte ich, doch es war nichts weiter als ein Flüstern.
Malfoy hatte mich nicht gehört, da er neben dem kalten Kamin stand. Ich wiederholte seinen Namen nicht, da meine Augen etwas anderes einfingen.
Jemand hatte das Fenster, das durch Harry zerstört worden war, repariert, aber es lagen immer noch kleine Glasscherben auf der Tagesdecke. Es waren jedoch nicht die Scherben, die meinen Magen sich zusammenziehen und meine Augen tränen ließen. Es waren die dunkelbraunen Blutflecken, mein Blut. Es war überall, nicht nur auf dem Bett, sondern auch in die dicke Federkernmatratze gesunken, auf dem Boden, an den Wänden, der offenen Tür und den Balken. Genug Blut, so schien es, um einen ganzen Körper zu füllen, und es war alles meins.
Ich würgte und schwankte, fiel zum zweiten Mal heute auf die Knie; der Schmerz meiner Knie auf dem Steinboden erschütterte mich fürchterlich. Ich konnte nicht mehr, mein Gehirn war taub, mein Körper schmerzte und mein Kopf fühlte sich an, als würde er in einem Meer unlöschbaren Feuers verbrennen.
Malfoy war sofort bei mir. Er stellte fragen, doch ich hörte sie nicht; ich hörte nur meinen Herzschlag in meinem Kopf und die flachen Atemzüge, die mein Bedürfnis nach Luft nicht befriedigten. Er schüttelte mich, doch ich antwortete nicht. Er versuchte, mich hochzuheben, aber ich konnte mich nicht rühren. Schließlich gab Malfoy auf und stand über mir, wie ein in Schwarz gehüllter Jäger, seine Haut und seine Haare in der Farbe des Todes.
„Ich brauche Kleidung aus dem Schrank, und das Buch, was in dem Regal im Bett liegt.“
Ich erschöpfte mich allein dadurch, dass ich diese Worte sprach, aber Malfoy bewegte sich, schlug mit seinem Zauberstab durch die Luft, während er durch die Tür trat. Er hatte die Befugnis den Raum zu betreten, und lief zum Kleiderschrank, zog Kleidung von den Bügeln, packte Unterwäsche und Socken aus der unteren Schublade. Er fand einen kleinen Koffer neben dem Schrank und stopfte die Klamotten hinein, schrumpfte das Gepäckstück dann so, dass es nicht größer war als das Buch, das er aus dem Regal gezogen hatte.
Er verließ das Zimmer, schloss die Tür und ließ die beiden Sachen vor mir auf den Boden fallen. Mechanisch steckte ich sie in meine Tasche, meine letzte bewusste Bewegung.
Ich knurrte, als ich auf meine Füße gehoben wurde, Malfoy mich unter den Armen packte und mich hochhob. Er verlagerte mich, und ich fand mich in seinen Armen wieder, mein Körper und Kopf fielen schlaff gegen ihn.
„Du gehst jetzt zu Pomfrey, Granger. Ich will kein Wort von dir hören; du hast dir heute schon genug Schaden zugefügt.“
Ich hätte nicht antworten können, selbst wenn ich es gewollt hätte. Malfoy klang wütend. Ohne Zauberstab öffnete er die niedrige Tür der Hütte und musste sich fast bücken, um durch zu gehen. Er seufzte, während er mich trug, verschloss die Tür magisch hinter sich. Nach den schwachen Schutzzaubern hielt Malfoy inne und setzte mich kurz auf die Füße, als er seinen Zauberstab zog. Er packte mich an der Taille und hielt mich fest, schlang die Wärme seines Mantels um mich.
„Halt dich fest, Granger. Ich habe das Gefühl, dass das jetzt wehtun wird…“, sagte er resigniert.
Ich versuchte, mich festzuhalten, hatte aber nicht die Kraft, meine Arme zu heben. Als ich mich nicht bewegte, knurrte Malfoy und zog mich noch fester an sich.
„Los geht’s…“, flüsterte er, ein Hauch von Sarkasmus in seiner Stimme.
Und weg waren wir.
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Ich hörte Musik und es war der Klang eines Klaviers, der mich aus meinem Schlaf führte. Ich öffnete meine Augen nicht, sondern hörte nur zu. Es war nicht der Klang eines echten Klaviers; er war unterlegt mit dem leisen Kratzen eines Plattenspielers. Die Qualität der Musik war hervorragend und erinnerte mich an meine Schulzeit. Es war keine bestimmte Erinnerung, sondern eine Kombination von Wahrnehmungen, die mir immer ein sicheres, glückliches und warmes Gefühl gegeben haben. Sonnenlicht, das durch die Fenster des Gryffindor-Gemeinschaftsraums strömte und alles in ein goldenes Licht tauchte, knisterndes Feuer im Kamin… das war für mich Sicherheit, Glück und Wärme.
Die Musik waberte von einem ein wenig entfernten Ort an mein Ohr, doch ich erkannte, was es war… Beethovens Klavier Sonate Nr. 5 in Es-Dur, Opus 73, „Emperor“.
Ich hatte nie eine besondere Begabung für Musikinstrumente, also hatte ich mich damit zufrieden gegeben, eine begeisterte Zuhörerin zu werden. Nicht nur romantische, klassische Musik, sondern alle Arten von Musik von Billie Holiday bis zu den Pogues, von Bach bis zu den Buzzcocks. Meine Eltern bewahrten für mich eine Musiksammlung in ihrem australischen Zuhause… Merlin, wie gern ich dorthin fliehen würde…
Als die letzte Note des Stücks erklang, konnte ich hören, dass jemand die Platte wechselte und kurz darauf drang die tiefe, trauervolle Stimme von Enrico Carusos „Una Furtiva Lagrima“ in meine Ohren. Mir hatte der italienische Tenor immer gefallen und ich entschied, dass wer immer die Musik aussuchte, eindeutig einen gehobenen Geschmack hatte.
Dann öffnete ich meine Augen. Alles, was im letzten Monat passiert war, kam zu mir zurück und ich atmete tief ein. In meinem erholten Zustand fühlte ich mich nicht ganz so ängstlich wie vorher.
Ich konnte meine Zehen spüren, meine Beine, Arme und meinen Kopf, und nichts davon tat weh. Ich dankte den Göttern.
Ich starrte an eine mir unbekannte Steindecke, bekam jedoch keine Panik. Ich drehte meinen Kopf nach rechts und entdeckte eine dunkle Holztür, angelehnt, die in einen helleren Raum führte. Links befanden sich Fenster, von schwerem, grünem Samt umgeben, der Wald dahinter. Es schneite immer noch und ich bemerkte, dass ich in Hogwarts war.
Das Bett, in dem ich lag, war kleiner als das, was ich im Malfoy-Anwesen besetzte, doch es war genauso bequem und warm. Nahe dem Fuß des Bettes, an der gegenüber liegenden Wand, stand eine Kommode aus dunklem Walnuss-Holz und darüber hing ein Spiegel mit verziertem Holzrahmen. Ich konnte mich gerade so im Spiegel sehen und was ich sah, widerte mich an. Mein Gesicht war mit blauen Flecken übersäht, meine Augen schwarz umrandet und ein Verband war direkt über meinen Augenbrauen um meine Schläfe gelegt. Blut zeichnete sich auf dem weißen Stoff ab. Ich sah tot aus…
Mir fehlte die Stärke, meinen Kopf zu heben, aber ich konnte meine Arme bewegen und hob die schwere Decke von meinem Körper. Ich entdeckte, dass ich einen der Krankenhaus-Umhänge trug, die man im Krankenflügel bekam. Das bestätigte meine Vermutung, dass ich im Schloss war, aber wo genau, konnte ich nicht sagen.
Die Musik hörte abrupt auf und Schritte hallten über den Steinboden. Meine Bewegungen sind anscheinend gehört worden, da die Schritte auf die Tür zukamen.
Malfoy war anders angezogen, als ich ihn in Erinnerung hatte, eine schwarze Hose und ein schwarzes Hemd, kein Pullover. Seine Haare waren ein Chaos, standen in alle Richtungen um sein Gesicht; seine Ärmel waren hochgekrempelt und ich konnte einen Schatten unter der Haut seines linken Unterarms ausmachen. Die ersten vier Knöpfe seines Hemds waren offen und entblößten einen blassen, muskulösen Oberkörper mit einem dünnen Zug blasser Haare, der seinen Körper hinabführte.
„Winky, hol Pomfrey, Granger ist wach“, sagte er brummig in den anderen Raum.
Ich hörte die Stimme eines Elfs und ein leises Plopp, dachte jedoch nicht weiter darüber nach, als Malfoy sich rechts neben mich stellte und mir bedeutete, meinen Nachttisch anzuschauen. Ich hatte bisher nicht bemerkt, dass er mit Fläschchen, Verbänden und einem Wasserkrug vollgestellt war. Ich fragte mich plötzlich, wie lange ich schon im Bett lag.
Malfoy schenkte Wasser in ein Glas, stellte es jedoch ab, um sich auf das Bett zu knien und sich über mich zu beugen. Mit sanften Händen half er mir in eine aufrechte Position und schüttelte die Kissen hinter mir auf. Wortlos half er mir, ein paar Schlucke Wasser zu trinken. Die Flüssigkeit fühlte sich auf meinen trockenen Lippen und in meinem Hals wie Nektar an.
Ich wollte sprechen, ihn fragen, wie viel Zeit seit der Hütte vergangen war. Ich verspürte sogar den Drang, ihm zu danken, konnte aber einfach nicht sprechen. Ich starrte ihn an; die Stoppeln an seinem Kiefer. Er sah erschöpft aus, ausgezehrt.
Ein „Wusch“ aus dem anderen Raum deutete an, dass das Flohnetzwerk aktiviert worden war und Malfoy entfernte sich von mir, zog seinen Zauberstab aus einer verdeckten Hosentasche. Meine Augen weiteten sich bei Malfoys plötzlicher Bewegung, aber er entspannte sich sofort wieder, als Poppy Pomfrey eintrat. Eine weitere Person in Heilerumhang betrat den Raum und ich brauchte einen Moment um zu realisieren, dass Parvati Patil mich in einer Mischung aus Sorge und Überraschung anstarrte. Parvati war schon zu Schulzeiten immer als hübsch betrachtet worden, war inzwischen jedoch atemberaubend schön. Ihre langen schwarzen Haare fielen ihre schmalen Schultern hinunter und ihre großen, dunklen Augen schienen in dem schwachen Licht, das durch die Fenster drang, zu funkeln.
„Miss Granger, wie geht es Ihnen?“, fragte Poppy, trat an die linke Seite des Bettes und packte mein Handgelenk, um meinen Puls zu fühlen.
Ich antwortete nicht, sondern drehte nur meinen Kopf, umPoppy leer anzustarren. Die Anstrengung, meinen Kopf oben zu halten, war unglaublich. Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder Parvati zu, die sich neben Malfoy stellte.
„Hat sie schon gesprochen?“, fragte Parvati ihn, ließ ihre dunklen Augen jedoch nicht zu dem Mann wandern, der seinen Zauberstab unauffällig in die verborgene Tasche an seinem rechten Hosensaum zurückgleiten ließ.
„Kein Wort. Ich habe ihr gerade Wasser gegeben. Ich glaube, sie ist noch zu erschöpft, um zu sprechen. Sie sieht aus, als würde sie jeden Moment wieder einschlafen.“
Ich hasste es, wenn Menschen über mich sprachen, als wäre ich nicht da, aber in Anbetracht der Umstände musste ich es wohl ertragen.
Poppy wusselte herum, anscheinend unsicher was sie als Nächstes tun sollte. Malfoy flüsterte Parvati etwas zu, was ich nicht hören konnte und lief zur Tür, lehnte sich gegen den Türrahmen, verschränkte die Arme vor der Brust und blockierte damit die Sicht auf seine bleichen Brustmuskeln und das helle Brusthaar, das seinen Oberkörper hinunter führte. Ich musste zugeben, dass Malfoy gut aussah, zumindest, solange er den Mund hielt…
„Hermine? Weißt du, wer ich bin?“, fragte Parvati und setzte sich eine Armlänge von mir entfernt aufs Bett.
Ich blinzelte einmal. Ich wollte ihr damit sagen, dass ich kein Kind war und ihren besänftigenden Ton nicht mochte. Aber… ich konnte nur blinzeln, nicken schien unmöglich.
„Hast du Schmerzen?“
Ich blinzelte zweimal. Abgesehen von dem Gefühl, dass mir sämtliche Lebenskraft ausgesaugt worden war, ging es mir gut.
„Ich muss die Verbände entfernen, Hermine, kannst du stillhalten?“
Ich blinzelte einmal. Dämliche Kuh, ich konnte mich kaum bewegen, natürlich würde ich stillhalten!
Ich hatte Parvati nie zu meinen Freundinnen gezählt. Parvati und Lavender waren während der Schulzeit ein Herz und eine Seele gewesen, und ich war immer die Außenseiterin.
Parvati nickte und hob schöne Hände an meinen Kopf, wickelte den Verband ab. Im Spiegel gegenüber sah ich, dass Blut mein Millimeter-langes Haar verklebte, aber die Schnitte und Narben waren fast weg. Poppy kam ins Bild des Spiegels, beschwor eine Wanne mit warmem Wasser und einen Lappen. Vorsichtig wischte sie das Blut weg und ich konnte sehen, dass meine Kopfhaut fast verheilt war und dass auf den Narben wieder Haare wuchsen, was ohne magische Hilfe unmöglich wäre.
„Sieht schon viel besser aus“, sagte Parvati mehr zu sich selbst als zu mir. Sie zog ihren Zauberstab aus ihrem Umhang, ließ die blutigen Verbände verschwinden und bewegte dann den Zauberstab um meinen Kopf und vor meinem Gesicht. Die Spitze leuchtete grün, dann gelb, dann wieder grün. „Ein paar noch nicht ganz verheilte Schäden, aber sie scheint sich in Rekordzeit zu regenerieren“ , sagte sie sanft mit einem Hauch Zufriedenheit.
Poppy wischte noch ein letztes Stückchen Schorf hinter meinem Ohr weg und bewegte sich dann lautlos fort.
„Keine bleibenden Schäden?“, fragte Malfoy von der Tür aus und meine Augen wanderten wieder zu ihm. Sein Gesicht war passiv, seine Haltung stoisch, aber die Art und Weise, wie seine Hände seine Oberarme umklammerten, sprach Bände. Er hatte sich Sorgen gemacht.
„Nicht sichtbar. Wenn sie sich jedoch noch weiter angestrengt hätte, wären die Schäden irreparabel gewesen. Gut, dass du mich gerufen hast, Malfoy“, sagte Parvati, ohne sich zu ihm zu drehen. Stattdessen umfasste sie mein Gesicht mit beiden Händen, sah mir in die Augen und drehte meinen Kopf von links nach rechts. Meine Augen blieben bei Malfoy.
Ich wollte fragen, was er mit „Schäden“ meinte. Sein Gegenfluch hatte mich doch sicher geheilt?
„Erzähl Granger, warum ich dich gerufen habe, Patil. Sie wundert sich.“
Parvati runzelte die Stirn und nahm ihre Hände von meinem Gesicht, um sich zu Malfoy zu drehen.
„Woher weißt…?“
Legilimentik.
Als Malfoy nicht antwortete, seufzte Parvati und blickte mich wieder an.
„Malfoy hat mir die Details zu deinem Angriff erzählt, Hermine, ich hoffe, das stört dich nicht. Als ich Heilerin geworden bin, habe ich den Vertrauenseid abgelegt, also mach dir keine Sorgen. Ich bin auf Fluchschäden spezialisiert und seit dem Krieg war meine Arbeit etwas hektisch. Vielleicht hast du es nicht bemerkt, aber gleich nach Voldemorts Ableben haben sich neue Gruppen von Zauberern geformt. Terroristengruppen, deren Ziel es ist, die neue Ordnung des Ministeriums zu stören. Der Grund, warum ich das überhaupt weiß, ist ihr Interesse am Gebrauch neuer und dunkler Flüche. Letzten Monat gab es eine Attacke in Glasgow, zwanzig Menschen wurden von einem Bindehautentzündungszauber verletzt, der die Augen der Opfer verbrennen ließ…“
Ich schloss meine Augen; hatte nicht die Energie, zusammenzuzucken oder meinen Ekel auszudrücken. Ich hatte von den so genannten „Terroristen“ durch meine Mitarbeiter gehört, wusste jedoch nicht mehr, als dass sie dem Dunklen zugetan waren. Es waren keine Todesser, sondern unzufriedene Hexen und Zauberer mit ihren eigenen Glaubenssätzen und Idealen. Die Gewalttätigkeit der „Terroristen“ war noch nicht an meine Ohren gedrungen und ich fragte mich, ob es falsch von mir gewesen war, mich so allein in meinem Kopf einzuschließen.
„Durch Harry sind alle Sturm gelaufen, Hermine. Die „Terroristen“ behaupten, er gehöre zu ihnen, aber jeder in diesem Raum weiß, dass Harry niemals wirklich ein Terrorist sein würde. Seine Motive gehören allein ihm… Es tut mir leid, was passiert ist, Hermine.“
Ich öffnete meine Augen und sah, wie Parvati sich mir entgegenbeugte und eine Hand auf meine legte.
„Ich wurde gerufen, weil ein Fluch auf dir lag. Malfoy hat mir erklärt, dass er einen Fluch unschädlich gemacht hat, aber es wartete noch einer in dir darauf, dich innerlich zu treffen.“
Ich blinzelte… verwirrt.
„Man kann den Fluch mit einem Virus oder Krebs vergleichen.“
Meine Beunruhigung wäre nur durch die Weitung meiner Augen zu bemerken gewesen. Krebs war der Magischen Welt nicht unbekannt, aber selten.
„Der Fluch fraß langsam deine magische Fähigkeit, erschöpfte deine Kraft und das natürliche Immunsystem deines Körpers. Malfoy hat mir erzählt, dass es Zeiten gab, in denen deine magischen Fähigkeiten sehr schwach waren, aber auch welche, in denen sie ohne bewusste Anstrengung oder einen Zauberstab von dir strömte. Eine Eigenart des Fluches, der auf dir lag… Jedenfalls hat dein Körper den Fluch bekämpft, und zwar mit all seiner Energie. Als ich gerufen wurde, wurde deine eigene Magie bereits schwächer und erlaubte dem Fluch, die Kontrolle zu übernehmen. Ich war rechtzeitig da, um den Fluch zu lösen, Hermine, mach dir keine Sorgen.“
Parvati drückte sanft meine Hand; versuchte, so versichernd wie möglich zu sein.
„Du bist eine mächtige Hexe, Hermine. Jeder andere wäre schon vor Tagen gestorben. Du bist so schnell geheilt, dass man es als Wunder bezeichnen könnte, aber es war deine Magie, die dich am Leben hielt“, flüsterte Parvati und beugte sich mit schimmernden Augen näher. Ich konnte den Stolz in ihrer Stimme hören, zusammen mit Erleichterung und einem Streifen Neid. Parvati gab zu, dass ich eine mächtige Hexe war…
„Sag ihr, was für ein Fluch es war, Patil“, knurrte Malfoy von der Tür und ließ damit Parvati erschrocken zusammenzucken.
„Es ist… oder war ein ein Versklavungsfluch.“
Ich konnte nur meine Augenbrauen zusammenziehen und meine Augen zusammenkneifen.
„Der Fluch hat nicht seine ganze Wirkung entfaltet, denn dann wäre ich nicht in der Lage gewesen, ihn zu entfernen. Nur der, der den Zauber ausübt, kann ihn wieder lösen, wenn er schon in Kraft getreten ist.“
Ich schloss langsam meine Augen. Der Fluch war eigentlich funktionssicher. Harry hatte versucht, mich durch seine Tat zu kennzeichnen, hatte aber auch einen weiteren Fluch, einen parasitären Fluch, der erst nach einer bestimmten Zeit arbeiten würde, in mich gepflanzt. Damit, falls ein Fluch gekontert werden sollte, der andere noch da sein würde, unbemerkt, bis es zu spät war.
Ich sah wieder zu Malfoy. Er hatte es gemerkt… er hatte mich die ganze Zeit beobachtet, und der Gedanke wärmte mich auf merkwürdige Weise. Ich kannte diesen Mann überhaupt nicht.
„Alles, Patil“, befahl Malfoy und Parvati seufzte frustriert.
„Es gibt da etwas, das nennt sich ‚Krankenruhe’, Malfoy. Ich wäre schon noch zum Rest gekommen“, schnappte Parvati, sah Malfoy jedoch nicht an.
Ich wollte grinsen. Irgendetwas war zwischen Malfoy und Parvati gelaufen, und es war nicht nur, dass wir zusammen im gleichen Jahrgang gewesen waren. Ich verstaute diese Information für eine andere, passendere Zeit.
„Als ich den Fluch, der dein Gehirn aggressiv angriff, entfernte, fiel mir ein anderer Zauber auf. Kein Fluch oder Bann, aber etwas, das ich noch nie zuvor gesehen hatte. Es war eine Art eingebetteter Zauber, der mit deiner eigenen magischen Fähigkeit konkurrierte. Wenn sich deine Seele in deinem Gehirn befindet, beschützt deine Magie die Seele vor Schäden… Dieser Zauber ist etwas, dass nicht von deiner Magie kreiert werden konnte. So wie manche ihren Verstand ‚verschließen’ und vor unfreundlichen, seelischen Flüchen schützen können, funktioniert dieser Zauber wie eine dieser ‚verschließenden’ Barrieren. Allerdings konnte ich nicht feststellen, wie der Zauber genau funktioniert.“
Ich wollte die Stirn runzeln, zuckte jedoch nur mit den Lippen.
„Der Zauber ist ein Schutzzauber und schadet dir nicht. Um genau zu sein: Dieser Spruch ist der Grund, warum du Harrys Fluch so lange widerstehen konntest. Ich konnte nicht feststellen, wann er gesprochen wurde, oder welche Auswirkungen er auf deinen Körper oder deine magischen Fähigkeiten hat, aber er rechtfertigt nicht einen weiteren riskanten Eingriff wie bei Harrys Fluch.“
Ich blinzelte zustimmend, aber mein Verstand wirbelte. Jemand hatte einen Zauber auf mich gelegt und ich hatte nichts davon gewusst. Der Fluch, den ich unterschwellig bemerkt hatte, weil er auf meinen Körper und meine Magie eingewirkt hatte… aber noch ein Zauber, kein Fluch oder Bann, lag seit Merlin weiß wie lang auf mir. Und hatte mein Leben gerettet.
„Vorerst bist du außer Gefahr. Du musst nur wieder zu Kräften kommen. Schlaf jetzt; dein Körper braucht Ruhe“, sagte Parvati sanft, lächelte und drückte noch einmal meine Hand.
Poppy half mir zurück in Liegeposition, sprach dabei ein paar Zauber, überprüfte meine Lebenszeichen und befand anscheinend, dass es mir schon viel besser ging. Es gab so vieles was ich wissen musste, aber Parvati wünschte mir gute Besserung, Poppy schloss sich an und ließ nur Malfoy zurück. Ich wollte wissen, wie viel Zeit vergangen war.
Malfoy stieß sich vom Türrahmen ab und kam an die Bettseite, ließ seine Hände locker baumeln. Er blickte kühl in mein Gesicht, ein Grinsen auf seinen Lippen.
„Zwei Tage, Granger, und keine Anzeichen von Potter. Ruh dich jetzt aus, ich werde auf dich aufpassen.“
Ich zögerte, meine Augen zu schließen, aber ich war wieder in der Horizontale, also kam die Müdigkeit von allein. Als ich endlich meine Augen schloss, hörte ich wie Malfoy sich vom Bett entfernte. Schlaf kam über mich wie eine Welle, die gegen die Brandung krachte, und bald fiel ich in eine traumlose Ruhe.
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