
von Nitsrek
Als ich das nächste Mal aufwachte, hörte ich wieder Musik. Sanfte, sinnliche Noten klangen aus dem Nebenzimmer. Es war Jazz… Dave Brubecks „Take Five“.
Wieder dachte ich, dass die Musikwahl wunderbar beruhigend für mich war und dass Malfoy, trotz seines Benehmens, einen guten Geschmack hatte.
Das ist meine Musik, nicht seine. Mein Plattenspieler…flüsterte Severus.
Ich seufzte. Ich wusste, dass ich nur träumte Severus Snapes Stimme zu hören, aber es tröstete mich, seine tiefen Baritonworte zu hören. Wo hatte er sich in meinem Kopf die ganze Zeit versteckt?
Ich habe gegen Potters Fluch gekämpft, ich konnte nicht zulassen, dass er uns wieder zerstört.
Ich öffnete meine Augen, durcheinander von Severus Snapes Antwort.
Es überraschte mich, dass ich mich selbst aufsetzen konnte. Ich spürte die Kraft in meinen Gliedmaßen und mein Kopf schmerzte nicht. Es war, als hätte jemand flüssige Energie in meinen Körper eingeflößt und ich konnte sogar stehen und mich bewegen. Als erstes ging ich zur Tür und spitzte in den Nebenraum. Es war ein Wohnzimmer (irgendwie), mit Fenstern, die auf den See hinaus blickten und ich fragte mich, ob sie verzaubert waren, um diesen unglaublichen Ausblick zu bieten.
Ein Kamin befand sich direkt gegenüber der Tür, ein großer Ohrensessel aus Leder in der Nähe des Feuers. Unter den Fenstern stand ein Sofa, dem Aussehen und meinen Vermutungen nach hatte es Malfoy als Bett gedient. Bücherregale säumten die Wände und in der Mitte des Zimmers stand ein Tisch mit zwei Stühlen, über dem eine niedrige Lampe hing. Es gab zwei Türen, eine führte wohl ins Badezimmer, die andere hinaus.
Ich stützte mich mit einer Hand an den Bücherregalen ab, als ich das Wohnzimmer betrat und lief langsam zu dem Grammophon, das sich auf einem niedrigen Tisch neben dem Sofa befand. Neben dem Tisch, in einem Bodenregal, stand eine Plattensammlung, die mich anzog.
The Clash, Ella Fitzgerald, Beethoven, Bach, Django Reinhardt, Nat King Cole, David Bowie, The Rolling Stones, Gary Numan, Enrico Caruso… die Liste der Künstler war endlos und vielseitig.
Das waren also Severus Snapes Platten, was bedeutete, dass das Bett, in dem ich mich erholt hatte, Severus Snapes war. Die Räume, die Bücher, die Möbel, alles gehörte ihm? Ich fühlte mich plötzlich als würde ich stören und wich von den Platten zurück, ließ das Grammophon klicken, als das Lied endete und von vorne begann. Ich runzelte die Stirn und wandte mich wieder dem Zimmer zu. Wo war Malfoy?
Ich seufzte und ließ meine Schultern sinken. Plötzlich vermisste ich den anderen Malfoy in meinem Leben… meinen Gefährten. Wenn ich schon allein sein musste, würde ich lieber mit meiner Katze reden als Selbstgespräche zu führen. Andererseits war ich aber auch nicht wirklich allein.
Ich lief zu der Tür, die sich ganz links befand und stellte zufrieden fest, dass es tatsächlich ein Badezimmer war. Es war von bescheidener Größe, verglichen mit dem in Malfoy Manor, aber die Wanne war größer, ähnelte den Bädern in Hogwarts. Beim Waschbecken fand ich meine Zahnbürste und einen Haufen frischer Kleidung. Die Tatsache, dass jemand die bodenlose Tasche meines Mantels durchwühlt hatte, verärgerte mich, ersparte es mir jedoch mich selbst durch graben zu müssen.
Ich badete; wusch die Abgestandenheit meiner Genesung ab; erleichtert, dass ich nicht die geringsten Kopfschmerzen hatte. Alles war deutlich und nicht in Ungemütlichkeit gehüllt. Als ich im duftenden, heißen Wasser aufweichte, begann ich nachzudenken.
An erster Stelle standen Parvatis Worte. Irgendwann war ein Zauber auf mich gelegt worden, ein Zauber, der so tief in mir lag, dass es lebensgefährlich wäre zu versuchen ihn zu entfernen. Der Zauber hatte außerdem meine Widerstandskraft gegenüber Harrys Fluch erhöht.
Und dieser Zauber war wahrscheinlich Schuld daran, dass ich Severus Snapes Stimme in meinem Kopf hörte. Ich ‚hörte’ nicht Stimmen, die Stimme war echt… und sie beschützte mich irgendwie. Albus’ Worte fielen mir wieder ein… zwei Menschen hatten mich ‚erzogen’. War Snape einer von ihnen? Aber warum und zu welchem Zweck?
Um Harry aufzuhalten.
Ich spritzte Wasser in mein Gesicht und keuchte. Ich hatte keine Zeit über den Zauber, der auf mir lag, nachzudenken, die größte Bedrohung war Harry.
Harry, der jetzt den Stein der Auferstehung hatte. Harry, der zwei Zentauren getötet hatte. Harry, der vier Menschen - fast fünf, wenn man mich mitzählte - umgebracht hatte. Harry, der seine Frau geschlagen hatte. Harry, der so viele Menschen in seinem Leben wegen nur einem Mann verloren hatte. Harry, der diesen einen Mann überlebt hatte. Harry, der ein Mann der Prophezeiung war… der Gehängte.
„Lass mein Haus meinen Galgen sein“, flüsterte ich für mich, niedergeschlagen durch den Gedanken an Harry.
Dante trifft hier nicht zu, Miss Granger…, erwiderte Severus flüsternd.
Ich grinste.
Ich verließ die Wärme des Wassers und griff nach einem sauberen Handtuch, das an einem Haken an der Wand hing, wickelte es um mich und kümmerte mich nicht um mein kaum-existentes Haar. Ich fühlte mich besser, sauberer, und merkte schnell, dass ich am Verhungern war.
Während ich mich anzog, blinzelte ich erstaunt als ich meinen Zauberstab unter einem langärmeligen Thermohemd liegen sah. Merlin, ich hatte nicht einmal an meinen Zauberstab gedacht, als ich aufgewacht war… Als ich schließlich einen schweren, schwarzen Rock trug, Wollstrümpfe und mein weiches, schwarzes Thermo-Hemd, ließ ich den Stab in meinen Ärmel gleiten.
Ich betrat wieder das Wohnzimmer, lief zum Grammophon, hob sanft die Nadel und entfernte die Platte. Die Hülle lag auf der Fensterbank und ich seufzte, als die Platte sanft hinein glitt. Ich kniete mich auf den Boden und suchte das Regal ab, als mich ein leiser Knall überraschte und ein zugedeckter Teller auf dem Tisch mitten im Raum erschien, ein Krug mit Kürbissaft, Geschirr, ein Kelch, eine Teekanne mit Wärmer und eine Tasse.
Ich lächelte; ich war eindeutig wieder in Hogwarts.
Ich zog eine Platte aus dem Regal, legte sie auf und senkte sanft die Nadel auf die Oberfläche. Die erste Nummer, Seite A, The Clash’s ‚London Calling’ lief an und ich erhob mich und ging zu dem Tisch.
Das Mittagessen war eine Hühnercrèmesuppe. Ein paar Stückchen warmes Baguette lagen als Beilage daneben. Die Elfen wussten anscheinend noch, dass ich gerne mein Brot in die Suppe eintunkte. Ich hatte während meiner Schulzeit genügend Tage im Krankenflügel verbracht, damit die Elfen wussten, was sie zubereiten mussten, während ich mich erholte. Als kleine Süßigkeit stand eine kleine Schüssel Brotpudding bereit, von dem warmer, süßer Dampf aufstieg, während ich mich gefräßig über meine Suppe hermachte.
Als ‚Hateful’ erklang, war bereits der halbe Brotpudding weg.
Mein Magen gurgelte, als ich mich zurücklehnte und mich darauf vorbereitete mir Tee einzuschenken, aber das Geräusch des Flohnetzwerks erschreckte mich, weshalb ich den Tee auf den Tisch und nicht in die Tasse goss. Malfoy rollte aus den grünen Flammen auf den Teppich direkt neben den Tisch an dem ich saß und ich haute die Teekanne geschockt auf den Tisch.
Malfoys Gesicht war Chaos, ebenso wie seine Haare. Er trug einen schweren Mantel über einer schwarzen Stoffhose, einem weißen Hemd und einem schwarzen Blazer, seine Marke daran geheftet. Seine Nase war gebrochen und Blut strömte in leuchtend roten Spuren über sein Gesicht, befleckte seine Lippen und sein stoppeliges Kinn. Sein rechtes Auge war zugeschwollen und auf seiner rechten Wange befanden sich ein Schnitt und blaue Flecken. Als ich auf seine Hände blickte, konnte ich sehen, dass an seiner rechten Hand die Haut an den Knöcheln aufgerissen war und an seiner linken Hand mindestens zwei Finger gebrochen waren.
Ich sprang auf meine Füße, doch Malfoy ignorierte mich, lief verärgert ins Badezimmer und zog seinen Zauberstab.
„Verdammter Mist…“, nuschelte er und beugte sich über das Waschbecken zum Spiegel.
Ich joggte zum Türrahmen, benutzte meinen Zauberstab, um das Grammophon abzustellen. Zum Glück funktionierte der Zauber und ein schwaches Lächeln verzog meine Lippen.
„Verdammte Muggel…“, murmelte Malfoy, bevor er einen Heilzauber sprach und sich seine entstellte Nase wieder richtete.
„Malfoy?“
Merlin, ich klang furchtbar.
„Nicht jetzt, Granger, ich muss das hier in Ordnung bringen…“
Malfoys Stimme klang schon besser, nachdem seine Nase wieder okay war. Zwei weitere Sprüche ließen das Blut verschwinden und die Schnitte in seinem Gesicht verheilten. Ich hörte ihn kaum sagen, dass er einen Trank von Madame Pomfrey brauchte, bevor er seine linken Finger auf magische Weise reparierte und einen Verband beschwor, um seinen Mittel- und Ringfinger gestreckt zu halten. Unbeholfen nahm er seinen Zauberstab in die linke Hand und heilte die Knöchel der rechten.
Als Malfoy zufrieden damit schien, den schlimmsten Schaden beseitigt zu haben, drehte er sich zu mir, sein linkes Auge ein stürmisches Grau, sein rechtes Auge zugeschwollen.
„Weißt du, warum ich die verdammten Muggel hasse?“
Ich schüttelte meinen Kopf und runzelte die Stirn.
„Sie haben keine scheiß Manieren!“
„Was ist passiert, Malfoy?“, fragte ich sanft, verschränkte meine Arme und lehnte mich an die Tür.
„Muggel sind passiert!“
Ich seufzte. „Das sagt mir gar nichts.“
Malfoy kniff sein einwandfreies Auge zusammen. „Und was machst du außerhalb deines Bettes? Du musst dich ausruhen“, knurrte er bedrohlich.
„Mir geht es gut. Ich habe gebadet, gegessen und wollte gerade Tee trinken. Warum setzen wir uns nicht und trinken eine Tasse?“, schlug ich vor, in der Hoffnung, Malfoys Wut zu zerstreuen und richtige Antworten zu bekommen.
„Tee? Soll das ein verdammter Witz sein? Ich brauche einen Feuerwhiskey!“, knurrte Malfoy.
Es schien mir, als würde er sich nicht beruhigen, bevor ich ihm nicht etwas Alkoholisches besorgte.
„Wir sind in einer Schule, Malfoy. Ich bezweifle, dass es hier irgendwo Feuerwhiskey rumliegt“, seufzte ich.
Malfoys Auge wurde noch enger und er drängte sich an mir vorbei ins Wohnzimmer, in Richtung Bücherregale.
„Severus hatte hier irgendwo eine Flasche… Aha!“
Ich wirbelte bei Malfoys Ausruf herum und beobachtete, wie er eine Hardcover-Ausgabe von ‚Verbrechen und Strafen’ aus dem Regal neben dem Schlafzimmer zog, aus der er wiederum eine Flasche bernsteinfarbenen Scotch hervorbrachte.
„Kein Feuerwhiskey, aber es wird reichen“, murmelte Malfoy, ließ das Buch zu Boden und sich selbst in meinen Sitzplatz am Tisch fallen.
Kleiner Mistkerl hat meinen fünfundzwanzig Jahre alten Single Malt Whiskey…, hörte ich Severus in meinem Kopf zischen.
Ich seufzte, hob das Buch, das Malfoy fallen gelassen hatte, auf und stellte es wieder an seinen Platz. Während Malfoy den Verschluss mit seinen Zähnen bearbeitete, ging ich zum gegenüber stehenden Sessel, ließ den verschütteten Tee verschwinden und setzte mich. Ich beobachtete Malfoy geringschätzig, als er die Flasche öffnete, die Kapsel auf den Tisch spuckte und einen Schluck nahm.
„Du trinkst seinen Scotch nicht nur um die Schmerzen in deinem Gesicht zu verdrängen, oder?“
Malfoy schluckte schwer und zog eine Grimasse, als der Scotch seine Kehle hinabwanderte.
„Das hier schmeckt besser als diese Schmerz-Tränke von Poppy.“
Ich konnte ihm nicht widersprechen, aber dennoch…
„Es ist nicht einmal Nachmittag, Malfoy…“
„Halt deinen Mund, Granger. Den kann ich gerade wirklich nicht gebrauchen“, murmelte er mit weniger Druck hinter den Worten.
Er nahm noch einen Schluck, schnitt diesmal jedoch keine Grimasse. Mit seinem linken Daumen öffnete er seinen Mantelknopf und schüttelte ihn auf den Sessel ab. Ich konnte etwas Blut auf seinem Hemdkragen sehen und noch einen dunkleren Fleck auf seiner grünen Krawatte.
„Du hast ‚seinen’ Scotch gesagt…“, knurrte Malfoy und starrte mich über den Tisch hinweg an.
„Snapes.“
Malfoy nickte. „Gar nicht neugierig, warum wir in seiner Wohnung sind?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Sollte ich das sein?“
Malfoy zuckte mit den Lippen, bereitete sich auf einen weiteren Schluck vor. „Ich spüre, dass du neugierig bist… jetzt, wo du es weißt.“
Ich antwortete nicht, als Malfoy wieder trank, die Flasche auf den Tisch schlagen und damit das Geschirr erzittern ließ. Ich blinzelte und schenkte mir eine Tasse ein, ohne Milch und Zucker.
„McGonagall war eine sentimentale, alte Kuh. Sie hat diese Räume nach unser Flucht Ende des sechsten Jahres für Severus erhalten. Nach unserer Rückkehr hat Severus diese Räume, soweit ich weiß, nicht mehr benutzt. Aber McGonagall hat sie behalten, sie bewacht, sie verborgen… und das hab ich mir zu Nutzen gemacht, als ich mit dir Appariert bin…“
Ich nickte, hob den Tee an meine Lippen, und behielt meinen Ärger über Malfoys ‚Kuh’ für mich.
„Du hast in Severus’ Bett gelegen und nur Merlin weiß, was er dort getan hat…“
Beschissenes Frettchen, ich habe natürlich darin geschlafen…, wütete Severus in mir und ließ mich zusammenzucken. Aber ich wusste, was Malfoy ausdrücken wollte… und ich wollte nicht darüber nachdenken.
„Und wo warst du? Warum schaut dein Gesicht so aus, als hättest du gegen einen Mantikor verloren? Du hast von Muggeln gesprochen?“, fragte ich ruhig, wechselte das Thema.
Malfoy fauchte, wollte noch einen Schluck nehmen, hielt jedoch abrupt inne, als meine Hand vorschoss und die Flasche nahm. Ich überraschte mich selbst mit meiner Geschwindigkeit, aber Malfoy war sogar noch überraschter, als ich ihm die Flasche problemlos abnahm.
„Das reicht, Malfoy. Antworte mir, dann lasse ich dich vielleicht heute Abend den Rest von Snapes Scotch trinken“, sagte ich ruhig und benahm mich, als wäre mein Verhalten das natürlichste auf der Welt.
Malfoy zuckte mit den Schultern, seine Wangen bereits gerötet vom Alkohol. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und zog seinen Zauberstab, um ein großes Feuer im Kamin zu entfachen. Er wandte mir wieder seine Aufmerksamkeit zu, während er seinen Zauberstab zurück in sein Halfter steckte, das unter seinem Blazer versteckt lag.
„Ich kann einfach nicht glauben, dass du unter Muggeln aufgewachsen bist, Granger. Wissen die alle wie man mit nackten Fäusten kämpft?“
Meine Augenbraue bog sich. „Wie bitte?“
Malfoy schüttelte den Kopf und schloss seine Augen.
„Beinahe hätten wir Potter gehabt.“
Das Blut wich aus meinem Gesicht. „Beinahe?“
Malfoy nickte. „Er hatte die ganze Zeit in der Muggelwelt gelebt. Naja, wahrscheinlich jetzt nicht mehr, aber das war der Grund, warum wir ihn einfach nicht finden konnten.“
„Wo war er?“
„Wir hatten ihn fast in Surrey, aber er lebte bei einem Verwandten in London.“
Ich durchforstete mein Gehirn. Ein Verwandter? Und dann biss ich mir auf die Lippen. Die Dursleys?
„Sein Cousin, Dudley Dursley, ließ Potter bei sich übernachten, nachdem er aus dem St. Mungo ausgebrochen war. Natürlich hatte der Muggel keine Ahnung, was Potter getan hatte oder was aus ihm geworden war. Dieser Dudley ist nicht der Hellste.“
Ich grinste. Harry war nicht dumm, er hatte die Muggel benutzt um unterzutauchen, und es hatte eine Zeit lang gut funktioniert… Aber meine Erinnerung an Dudley Dursley verriet mir, dass er seinen Eltern sehr ähnelte und Harry für seine Andersartigkeit fürchtete. Ich fragte mich, wie Harry Dudley die Sache schmackhaft gemacht hatte… Wenn er den Imperius benutzt hätte, hätte er eine Spur, also musste Harry ihn irgendwie überzeugt haben.
„Dudley Dursley ist der Muggel, über den du dich ärgerst?“
„Er hat das hier mit meinem Gesicht angerichtet, Granger!“, knurrte Malfoy und zeigte auf sein geschwollenes Auge.
Ich spürte ein Kichern, hielt es jedoch zurück. „Wieso?“
„Dazu wollte ich gerade kommen. Wo war ich? Ach ja. Der verdammte, fette Muggle-Arsch der mir das hier angetan hat… Letzte Nacht hat Potter in Surrey seine Tante und seinen Onkel getötet.“
Merlin, noch zwei mehr…
Ron und ich waren uns beide über Harrys Gefühle in Bezug auf die Dursleys bewusst, aber Harry hatte sie nie genug gehasst, um sie umzubringen.
„Dudley Dursley ließ Harry in seiner Londoner Wohnung übernachten, da er sich seinem Cousin näher fühlte. Ich nehme an, dass Dursley Mitleid mit Potter hatte, wahrscheinlich waren es aber auch Schuldgefühle.“
„Du weißt über Harrys Leben mit den Dursleys Bescheid?“
„Es wird in den Denkarium-Protokollen von Harrys Therapiesitzungen erwähnt.“
„Was?“, fragte ich mit einem Keuchen.
„Du kannst sie nicht sehen, Granger, und ich hätte gar nichts darüber sagen dürfen…“, grummelte Malfoy und strich sich mit der rechten Hand silberne Strähnen aus den Augen.
Ich kniff meine Augen zusammen und verwahrte die Information in meinem gedanklichen Aktenschrank.
„Weiter… Potter lebte in einer Art Wohngemeinschaft mit Dursley. Nach Dursley machte Potter unter anderem sauber, erledigte Einkäufe. Der fette Muggel hatte keinen Schimmer, was Potter tat wenn er manchmal verschwand, und es interessierte ihn auch nicht. Dursley erzählte mir, dass er vor circa einer Woche mit seiner Mutter gesprochen und Potter erwähnt hatte. Dieser Anruf löste in Petunia Dursley Panik aus. Irgendwoher wusste sie, dass Potter wegen Mordes gesucht wurde, und irgendwie wusste sie, wie man mit Hogwarts in Verbindung trat. Vor zwei Tagen erhielt Longbottom einen Brief, der dann an mich weitergeleitet wurde, weil ich der höchste Ermittler in der Nähe oder im Schloss war. Also ermittelten wir nach Informationen von Petunia Dursley.
Potter hatte Dudley Dursley gegenüber Interesse an einem Besuch seiner Tante und seines Onkels geäußert. Dursley wollte eigentlich aufgrund eines Streits zwischen Vater und Sohn nicht nach Surrey. Trotzdem empfing Petunia Dursley Potter in der Erwartung, dass die Abteilung für Magische Strafverfolgung zu einer bestimmten Zeit auf der Lauer lag. Unglücklicherweise erreichte Potter den Petunienweg Nr. 4 gestern Nacht statt, wie ursprünglich geplant, heute.
Dem Tatort nach zu urteilen versuchte Petunia Dursley, eine weitere Nachricht über eine in der Nähe wohnende Squib, Arabella Figg, zu senden. Petunia Dursley hatte Potter und ihren Sohn herein gelassen, das Abendessen zubereitet und ist dann aus der Hintertür geschlüpft, um Arabella Figg zu informieren. Dabei wurde sie erwischt.
Ab dem Zeitpunkt sind die Ereignisse etwas unklar. Dudley Dursley erinnerte sich daran, mit Potter und seiner Familie zu Abend gegessen zu haben, die nächste Erinnerung ist immer noch am Esstisch, sein Vater Vernon ist jedoch ausgeweidet, und Petunia Dursley liegt enthauptet auf dem Küchenboden, ihr Kopf wurde später in einem Schrank unter der Treppe gefunden. Potter saß Dudley Dursley gegenüber und aß seinen Nachtisch. Dudley Dursley versuchte sofort zu fliehen, Potter fesselte ihn jedoch an seinen Stuhl am Esstisch.
Dursley erinnerte sich, wie Potter etwas sagte bevor er unerwartet bewusstlos wurde.“
Ich schluckte. „Was hat er gesagt?“
Malfoys Ausdruck war schwer. „Irgendwas von wegen ‚Habt kein Mitleid mit den Toten, bemitleidet die Lebenden…’“
„‚und vor allem diejenigen, die ohne Liebe leben…’“, endete ich.
Mir war sehr schlecht. Malfoy hatte erwähnt, dass George vor seinem Tod etwas sehr Ähnliches gesagt hatte…
Nach der Letzten Schlacht, nachdem wir geheilt worden waren und uns ausgeruht hatten, erzählte Harry Ron und mir alles, was bis zu seinem Kampf gegen Voldemort passiert war. Er erzählte uns, dass er seine Eltern, Sirius und Remus mit dem Stein der Auferstehung gesehen hatte. Er erzählte uns von Albus in King’s Cross… und vor allem von diesem Satz. Er war für Harry wie ein Sprichwort, wobei ich ihn nur als weise Abschiedsworte, die für jeden, der mit Herz und Verstand für das Licht kämpfte, fundamental waren.
Ich erinnerte mich an die Worte, sie brachten es auf den Punkt. Aber Harry… Harry hatte die Worte zu einem Mantra erhoben, einem Daseinsgrund, und vor allem zu einer Obsession.
„Er hat das schon einmal gesagt?“
Ich nickte. „Er hat es von Albus gehört.“
Malfoys Gesicht verschloss sich, sein Blick wanderte nach innen. Nach einigen Momenten kam er zurück.
„Dursley stand unter einem Confundus. Arabella Figg fand ihn und kontaktierte das Ministerium. Ich bin gestern spätnachts nach Surrey aufgebrochen. Wir hatten Obliviatoren in der Nachbarschaft eingesetzt, um Kontakte zu den Dursleys herauszufinden.
Dursley wütete, als wir in befreien konnten. Er hat Flints Schulter ausgerenkt und Macmillans Kiefer gebrochen, so dass ich ihn wieder außer Gefecht setzen und die Aussage entziehen musste. Als ich ihn befreite, griff er mich an. Ich habe ihn außer Gefecht gesetzt und ihm den Ministerium überlassen.“
Ich schenkte mir noch eine Tasse Tee ein, wobei meine Hände leicht zitterten. Malfoy hatte mir nicht die Details zu seinem Kampf mit Dudley Dursley verraten, aber das war nebensächlich.
„Was wird mit ihm passieren?“, wagte ich.
„Auf ihn wird ein Vergessenszauber gesprochen und er wird seinen Aufenthaltsort wechseln, höchstwahrscheinlich nach Amerika.“
„Und die Flüche, die auf die Dursleys angewandt worden waren?“
„Aufschlitz- und Peitschzauber. Mächtige noch dazu. Potter ist Merlin-weiß-wohin Appariert und hat uns wieder seinen Dreck aufräumen lassen. Das Schwierigste wird jedoch sein, Dursleys Erinnerung abzuändern. Es wird nicht leicht, und wird das Ministerium sicher einiges kosten.“
Ich schürzte die Lippen und setzte die Tasse an. Ich kannte die Dursleys nur über Harry, und sie hatten nach fürchterlichen, schlechtern Menschen geklungen. Ihnen jedoch den Tod zu wünschen… das war zu grausam.
Harrys Taten wirkten zu sehr wie Rache, aber seine Worte Dudley Dursley gegenüber ließen mich dies als Motiv ausschließen. Harrys Taten waren teilweise widersprüchlich, sinnlos. Aber sein Drang, den Stein der Auferstehung zu finden, die Bücher, die er vor seiner Einweisung ins St. Mungo gelesen hatte, sein Drang, Ron und mich zu finden, das passte alles nicht zusammen.
Meine eigenen Worte, dass er ‚die Zeit korrigieren wollte’, kehrten zu mir zurück. Vielleicht war es wirklich genau das, was Harry vorhatte. Im Moment wollte er jedoch Faktoren in unserer Zeit eliminieren; vielleicht, um seine eigene Seelenqual zu heilen?
Es waren Menschen, die entweder am meisten gelitten oder selbst am meisten Schaden angerichtet haben, Miss Granger…, sagte Severus wissend.
Ich blinzelte. Aberforth hatte beide Geschwister verloren; Ariana schon vor Jahren und Albus, den Aberforth seit dem Tod seiner Schwester verachtete, in meinem sechsten Schuljahr. McGonagall hatte Albus verloren, ihren treuen Freund, und viele ihrer Schüler. Ich wusste besser als die meisten, dass sie seit der Letzten Schlacht voller Kummer war. Er hatte Trelawney nur wegen ihrer Prophezeiung getötet… eine Prophezeiung, die uns in den Todesraum in der Mysteriumsabteilung führte, in dem Sirius gestorben war. George war niemals der Selbe gewesen, seitdem Fred gestorben war, aber Harry wollte ja auch Ron finden… vielleicht wollte er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen?
Die Zentauren waren ihm im Weg gewesen, nichts weiter. Und die Dursleys… das war offensichtlich. Er hatte Dudley verschont, weil Dudley ihm letztlich die Hand der Versöhnung gereicht hatte.
Harry hatte immer nur schwarz/weiß gedacht. Und insofern war er nie wirklich erwachsen geworden.
„Er wird es als nächstes im Ministerium versuchen…“, flüsterte ich vor mich hin.
„Wie war das, Granger?“
Ich schüttelte mich gedanklich.
„Entweder das Ministerium oder ich.“
Malfoy runzelte die Stirn, zuckte jedoch zusammen, da seine Verletzungen seine Mimik behinderten.
„Warum nicht Weasley?“
Ich rollte mit den Augen. „Er steht in einem anderen Land unter eurer Aufsicht, Malfoy. Wenn Harry einen Portschlüssel benutzen oder Apparieren würde, hättet ihr ihn, weil er versuchen würde, das Land zu verlassen. Muggeltransportmittel hätten den gleichen Effekt. Deine Abteilung ist sicherlich in Kontakt mit den Muggel-Behörden?“
„Natürlich. Ich bin nicht dämlich, Granger.“
Ich seufzte. „Du hattest also einfach nur zuviel Scotch auf einmal?“
Malfoy antwortete nicht, sondern beäugte die Flasche in meiner linken Hand. Mit einem weiteren Seufzen schob ich die Flasche über den Tisch und er lächelte… seine Zähne waren mit Blut bespritzt.
„Na los, ersäuf deine Schmerzen und Sorgen. Ich weiß, dass ich erst einmal nichts Nützliches aus dir herausbekomme“, resignierte ich.
Malfoy nahm die Flasche und drehte sie auf den Kopf, nahm einen großen Schluck.
„Spätestens morgen wirst du das bereuen“, murmelte ich und trank meine Tasse aus.
„Nachdem ich technisch außer Dienst bin, ist mir das wirklich egal, Granger“, sagte er leise, zog seinen… Severus’ Zauberstab… und sprach einen weiteren Zauber, den ich nicht kannte, auf sein rechtes Auge. Die Schwellung ging zurück, hinterließ jedoch einen Bluterguss an seiner Braue und Blut in seinem silbernen Auge.
Er neigte seinen Kopf leicht, nickte mir zu und stand auf. Während er die Scotch-Flasche auf die Armlehne des Sofas stellte, streifte er seinen Blazer ab und warf ihn in Richtung Badezimmer. Vor den Fenstern streckte er sich wie ein Mann, der zwanzig Jahre lang geschlafen hatte. Dann ging Malfoy zum Grammophon, machte in seiner Kehle ein angewidertes Geräusch, hob die Platte vom Spieler und steckte sie schnell zurück in ihre Hülle.
Er kauerte sich neben das Regal, zog ein Album hervor und legte es sanft auf. Der erste Klang einer leisen Trommel ließ Malfoy aufseufzen und zurücktreten, während er nach seinem Scotch griff.
„Ich wünschte, ich wäre daheim…“, seufzte er und schwankte leicht, als würde er tanzen, bevor er sich zurück aufs Sofa fallen ließ. „Ich wünschte, ich hätte diese Platte daheim…“, fuhr er fort, bevor er die Flasche kippte.
Ich kannte das Lied, nicht eines meiner Lieblingslieder… David Bowies ‚Five Years’. Malfoy summte mit und lehnte seinen Kopf mit geschlossenen Augen gegen die Rückenlehne. Ich hätte fast gefragt, woher er das Muggellied kannte, aber er war im Moment zu weit weg. Ich wollte ihn nicht stören.
Er hat schon zuviel für einen einzigen Mann gesehen…, sagte Severus sanft, sein Ton beinahe bemitleidend.
‚Soul Love’ lief an und Malfoy lächelte, bewegte seine Lippen zur Musik.
Ich hatte kein Mitleid. Wenn man das Gesamtbild betrachtete, hatte Malfoy sich ein gutes Leben aufgebaut, er war intelligent, einfallsreich, manipulativ und stark. Die meisten Leute, mit denen wir zur Schule gegangen waren, waren nicht einmal die Hälfte davon.
Ich beobachtete, wie er wieder trank und einige Tropfen der Bernstein-farbenen Flüssigkeit über sein Kinn liefen. ‚Moonage Daydream’ lief und diesmal sang Malfoy leise mit. Ich stand auf und ging leise ins Badezimmer. Als ich zurückkam, sang Malfoy den Refrain noch tiefer als David Bowie selbst, war aber erstaunlicherweise in der richtigen Tonlage. Trotzdem wurde mir mehr und mehr unbehaglich.
Ich lief zum Bücherregal und überflog die Buchtitel. Die meisten Bücher waren Muggelromane, ein paar Titel jedoch nicht. Ich war leicht enttäuscht, als ich mich im Wohnzimmer umsah und Malfoys Gesang so gut es ging ignorierte. Glücklich entdeckte ich meinen Umhang in einem Bündel an der Tür, die ins Schloss führte. Irgendwo in der Tasche war Beedle der Barde, ebenso wie ‚Dunkle Schamanen des Amazonischen Beckens’.
Kurze Zeit später rollte ich mich mit dem zuletzt genannten Buch auf Severus’ Bett zusammen und versuchte, nicht an das Buch zu denken, das versiegelt ebenfalls in meiner Tasche lag. Ich hatte die Tür geschlossen und einen Ruhezauber darauf gelegt, und damit effektiv Malfoys Stimme, die mit jedem Lied rauer wurde, ausgeschlossen.
Außen kam immer noch der Schnee vom Himmel, aber von Zeit zu Zeit sah ich auf, wenn die Sonne durch die Wolken brach. Ich versuchte beim Lesen nicht an die Dursley oder Harry zu denken, ich hatte schon lange genug darüber nachgedacht und musste aufhören, bevor ich müde wurde. Ich packte ein paar Gedankengänge für später beiseite, wenn ich wieder stärker war und mehr Informationen hatte.
Die einzige Schlussfolgerung zu der ich kam war die, dass Harry versuchen würde, ins Ministerium einzudringen. Um den Zeitfluss zu ändern, müsste er in mein Büro in die Mysteriumsabteilung gehen, und dafür würde er mich brauchen. Hier hörte ich auf zu denken. Für den Moment war ich sicher, wobei sich der Officer, der mit mir arbeiten und mich beschützen sollte, gerade im Nebenzimmer betrank…
Ich las weiter, oder versuchte es zumindest, meine Lider wurden mit jedem Wort schwerer. Nicht lang danach war ich zusammengerollt, meine Beine unter meinem Rock und die Decke über meinem Oberkörper.
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Ich schlief für wenige Stunden, bis ich plötzlich erwachte, ohne zu wissen warum. Es wurde gerade erst dunkel außen. Ich streckte mich, musste einerseits auf Toilette, andererseits etwas essen, weil mein Magen tatsächlich so laut knurrte, dass es wehtat.
Ich stand vom Bett auf, ließ den Zauberstab aus meinem Ärmel gleiten und entzündete die Kerzen in den Wandhalten. Dann entfernte ich den Zauber von der Tür. Ich lief eilig vom Schlafzimmer aus ins Badezimmer, der Drang meine Blase zu leeren stärker als mein Verlangen, Malfoy anzusprechen. Als ich das Badezimmer verließ, bemerkte ich, dass nur der Kamin den Raum erhellte und schwenkte wieder meinen Zauberstab, um wenigstens die Kerzen noch anzumachen. Die Platte lief von Neuem, aber die Lautstärke war geringer, so dass es fast nur ein musikalisches Flüstern war. Ich nahm an, dass Malfoy auf der Couch schlief, stellte bei meinem Weg durch das Zimmer jedoch fest, dass ich nur zur Hälfte Recht hatte.
Malfoy lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden und… schlief. Ich rollte mit den Augen, bemerkte die leere Scotch-Flasche und ignorierte Severus’ aufgebrachte Worte in meinem Kopf. Ich musste Malfoy bewegen… Ich wollte keinesfalls, dass er an sein eigenes Erbrochenes einatmete. Wenn ich ihn einfach zur Seite rollen würde, würde ich mich besser fühlen. Ich hatte vor, ihn am Boden liegen zu lassen, immerhin war er selbst an seinem Zustand Schuld.
Ich kniete mich links neben ihn, wich bei dem widerlichen Alkoholgestank, den er in Wellen ausdünstete, zurück. Ich hielt den Atem an, als ich ihn schubste um zu sehen, ob er sich von selbst bewegen würde. Mein Schubsen entlockte ihm nur ein leises Seufzen. Ich wandte meinen Kopf ab, um wieder Luft zu holen.
Als ich ihn etwas stärker schubste, stöhnte Malfoy etwas und drehte sein Gesicht zu mir. Die Blutergüsse entstellten seine haut, aber die Schwellung war fast weg. Dennoch sah er schrecklich aus.
Schließlich bereitete ich mich darauf vor ihn zur Seite zu rollen, packte seinen Arm und versuchte mit aller Kraft zu drücken. Ich hatte ihn schon halb umgedreht, als drei Dinge beinahe gleichzeitig passierten.
Zuerst öffnete Malfoy abrupt seine Augen. Zweitens drehte sich sein Körper schneller als ich reagieren konnte und zog mich dadurch zu Boden, meine Brust gegen seine…Und drittens küsste Malfoy mich, während ich geschockt gegen seine Lippen schrie.
Ich hatte zwei männliche beste Freunde gehabt und wusste daher nur zu gut, wie anhänglich Männer durch Alkohol werden konnten. Ich lernte schon früh, dass Betrunkene nicht wählerisch waren. Einer der Gründe, warum ich nicht wollte, dass Malfoy in meiner Gegenwart trank. Aber ich musste wie immer die Vernünftige sein und mich dann solchen Situationen aussetzen.
Von meiner Seite aus war der Kuss sehr keusch, aber ich konnte spüren, dass Malfoy seine Zunge in meinen Mund stecken wollte. Er hielt mich nicht allzu sanft an den Armen fest, seine Augen geschlossen, ein Summen in der Brust. Zum Glück musste er auch irgendwann atmen und unterbrach den Kuss. Ich versuchte mich davon zu winden, aber Malfoy hielt mich fest. Ich öffnete meinen Mund um zu schreien, ihn anzuflehen, mich loszulassen… und das war mein Fehler.
Malfoys Lippen fanden zu meinen zurück und diesmal war es kein keuscher Kuss. Er schmeckte nach Blut und Scotch, und es war alles andere als angenehm. Seine Zunge wand sich um meine und seine Hände hielten meinen Kopf.
Ich geriet in Panik. Die Gefühle der Nacht, in der Harry mich angegriffen hatte, rasten über mich hinweg wie ein führerloser Zug. Ich wusste, dass Malfoy mir nicht wehtat, er würde mich nicht töten. Tatsächlich war sein Kuss sanft und doch leidenschaftlich und er hielt meinen Kopf zärtlich. Aber ich konnte die Emotionen, die mein Gehirn durchsiebten, nicht aufhalten. Ich war steif, doch Malfoy fuhr fort, küsste mein Gesicht, dann wieder meinen Mund. Tränen standen in meinen Augen und ich schloss sie. Nur eine Träne entkam mir und landete auf dem Kragen von Malfoys zerkrumpeltem Hemd.
Und als ob es keinen Schmerz mehr in mir gäbe, der durch mein inneres Sieb dringen könnte, löste sich meine Panik auf und ich konnte wieder fühlen.
Obwohl seine Hände etwas rau waren, fühlten sie sich warm auf meinem Kiefer und meinen Wangen an. Ich passte mich schnell dem Geschmack seines Mundes und dem kräftigen Druck seiner Zunge, die mit meiner tanzte, an. Ich summte in den Kuss, genoss ihn.
Es war Jahre her, dass ich das letzte Mal jemanden geküsst hatte, und ich fragte mich untätig, warum ich mir das so lange verwehrt hatte. Gehalten, geküsst zu werden, war ein wunderbares Gefühl. Und wenn ausgerechnet Draco Malfoy sein musste, der mich daran erinnerte, dann sollte es so sein…
Ich küsste ihn, übernahm die Führung und küsste ihn. Aber diese Tat brach den Zauber, der kreiert worden war und Malfoy hielt inne, seine Hände an meinen Armen hoben mich von seiner Brust.
Seine blassen Augenbrauen zogen sich zusammen, als er mich ansah und ich wusste, dass er gerade realisierte, wen er küsste. Der kleine Traum war vorbei. Ich riss mich fort und setzte mich neben ihn.
„Granger… was war das?“, knurrte er, setzte sich auf und starrte mir direkt ins Gesicht.
„Ein Fehler“, flüsterte ich. Ich räusperte mich und stand auf, sah überall hin, solange es nicht Malfoy war, den ich ansah. „Du bist auf dem Boden eingeschlafen. Ich wollte dich zur Seite rollen, da hast du mich gepackt…“
Malfoy stöhnte sanft, hielt seinen Kopf mit den Händen. „Es tut mir Leid, Granger. Habe ich dich verletzt?“
„Es geht mir gut“, brachte ich hervor, während Tränen aufstiegen.
„Zum Glück…“, flüsterte Malfoy. „Ich werde mir einen Entnüchterungstrank holen, dann essen wir zu Abend, okay?“
Ich nickte und verschwand eilig ins Schlafzimmer, schloss die Tür hinter mir und fiel dagegen, während die Tränen über mein Gesicht strömten.
Ich weinte wegen all der Gefühle, die ich innerhalb von Sekunden durchlaufen hatte. Ich weinte nicht, weil es ausgerechnet Malfoy war, den ich geküsst hatte. Ich weinte, weil der Kuss begonnen hatte mir zu gefallen und ich wusste, dass Malfoy lieber seine Lippen wegzaubern als mich freiwillig küssen würde. Es war nicht so, als ob ich Malfoy mochte… Er sah gut aus und war intelligent, aber er war kalt und manipulierend. Niemals zuvor hatte mich jemand gewollt und ganz sicher wollte auch Malfoy mich jetzt nicht. Ich war ebenso auf der Soll-, wie auf der Habenseite seiner Bilanz. Ich war Zeuge und Opfer und meine Sicherheit hatte oberste Priorität. Malfoy wollte mich nicht, wie sollte er? Und ich wollte ihn auch nicht, oder?
Du bist zumindest interessiert…, behauptete Severus.
Ich wischte meine Tränen mit meinem langen Ärmel weg.
Was hat Albus gesagt? ‚Bemitleide diejenigen, die ohne Liebe leben’?
Ich war außerhalb jeden Mitleids. Ich war nur ein funktionierender Verstand, wie ich es auch immer für Ron, Harry gewesen war und nun auch für Draco Malfoy und das Ministerium.
Selbstmitleid ist sogar noch erbärmlicher, Miss Granger.
Ich atmete zitternd ein und drückte mich von der Tür ab, um zur Kommode zu laufen. Ganz schwach konnte ich in dem dunklen Holz Severus riechen. Er hatte Kleidung in die Schubladen gelegt, er hatte in diesem Raum gelebt, und als ich meine Brust gegen die Kommode lehnte, um in den Spiegel zu blicken, konnte ich mir fast vorstellen, wie er hinter mir stand. In einer anderen Zeit würde Severus auch hier wohnen, würde mich aber so, wie ich im Moment war, nicht kennen.
Mein Gesicht, das sich in dem Glas spiegelte, gehörte einer Fremden. Meine Augen waren rot vom Heulen, mein Gesicht dünn von Krankheit, mein Haar so kurz, dass ich nach Junge, nicht nach Frau aussah.
„Seht mich an, ich schaffe es nicht einmal, hübsch auszusehen…“, flüsterte ich durch meine Tränen, während ich meine vollen Lippen und meine Honig-Augen ansah.
Ich war auch nicht ‚hübsch’, aber heißt das, dass ich nicht gut genug war um zu lieben oder geliebt zu werden?
Ich rieb über meine Augen, bevor ich mein Kinn auf die Kommode legte. Mein Mund zuckte, als ein schwarzer Wirbel in meinem Honig mich innehalten ließ.
Mach nicht den gleichen Fehler wie ich, Hermione. Verleugne dir nicht die Hoffnung auf Liebe, selbst, wenn es nur eine flüchtige Verliebtheit ist.
„Ich liebe Malfoy nicht…“, flüsterte ich, starrte in meine Augen und das trübe Schwarz, das sich wie Tinte über Wasser bewegte.
Aber du könntest, wenn du willst. Du kannst nicht länger Der Eremit sein, Hermine. Sei Der Narr.
Ich wollte schnauben, aber es wurde nur ein langes Seufzen.
„Ich habe dich geliebt… liebe dich…“, flüsterte ich meinem Spiegelbild und dem verwirrenden schwarzen Wirbel zu.
Was beweist, dass du wirklich Der Narr bist, Miss Granger. Was bringt es, einen Toten zu lieben?
Ich lachte hüstelnd. „Nichts, nehme ich an.“
Korrekt. Hör auf, dich selbst zu bemitleiden, dazu gibt es keinen Grund. Hör auf zu weinen und sei mutig. Malfoy fühlt sich genauso unsicher wie du..
„Ich bin wirklich Der Narr, wenn ich Gefühle für Malfoy habe.“
Das werden wir noch sehen. Du zweifelst an deinen Gefühlen, ich weiß. Du fragst dich, ob du einfach nur so fühlst, weil er dich gerettet und beschützt hat. Eine berechtigte Frage, aber keine, die dich nicht hoffen lassen sollte.
„Hoffnung ist nicht immer harmlos, Severus“, seufzte ich und meine Tränen versiegten.
Du bist intelligent genug, um zu wissen, wann du dich darum kümmern solltest, Miss Granger…
Ich grinste den Spiegel an und beobachtete, wie der schwarze Wirbel verblasste und nur meine Augen zurückblieben. Ich trat von der Kommode zurück und stolperte gegen das Fußende des Bettes, setzte mich mit einem Seufzen, die Hände im Schoß, die Augen am Boden.
Hatte ich mich so lange weggesperrt, dass ich vergessen hatte, wie man fühlte?
Ein Klopfen an der Tür brachte mich auf meine Füße und als die Tür sich langsam öffnete, zwang ich mich, das Atmen nicht zu vergessen.
Malfoys Haare waren gekämmt, seine Kleidung gewechselt und ich konnte die Spuren eines Bades und eines Ausnüchterungstranks riechen. Als er die Tür aufstieß, versuchte ich, weder eine Grimasse zu schneiden, noch zu lächeln. Er teilte mir mit, dass das Essen bereitstünde, dass es schon spät war und dass wir essen sollten.
Ich stimmte ihm zu.
Ein paar Momente später saßen wir an dem kleinen Tisch im Wohnzimmer und aßen in aller Stille. Das Essen bestand aus Brathühnchen, gekochten und gewürzten Kartoffeln und Gemüse. Schlicht, aber lecker, vor allem, nachdem ich sowieso hungrig war.
Malfoy aß langsam und ich beobachtete, wie seine Finger sich um seine Gabel und sein Messer wickelten, als er ein Stückchen von dem Hühnchen schnitt und es in seinen Mund steckte. Sein ramponiertes Gesicht sah noch besser aus als vorhin, die Schwellung war komplett weg und nur ein paar Kratzer und blaue Flecken waren noch um sein rechtes Auge herum. Er aß genüsslich und brachte damit einen Gedanken zurück, den ich schon zu Schulzeiten gehabt hatte… Er hatte Benimmunterricht gehabt, oder zumindest in Bezug auf Tischmanieren.
Ich beobachtete, wie er seinen Mund, dessen eine Ecke immer noch von seinem Kampf mit Dudley Dursley gerötet war, mit einer Serviette abtupfte, und blinzelte, als er meinen Blick bemerkte.
„Wir kehren morgen zum Manor zurück“, sagte er.
Ich wandte meine Augen auf meinen Teller und spießte ein Stück Kartoffel auf, nickte.
Ich konnte fühlen, wie er mich beobachtete, als ich weiter aß. Es war nervig. Seine silbernen Augen betrachteten mich über seinen Kelch mit Kürbissaft hinweg wirkten beinahe ungerecht nach meiner passiven Beobachtung seiner Essmanieren. Nach einem weiteren Bissen Hühnchen hatte ich keinen Hunger mehr, setzte meine Gabel und mein Messer ab und tupfte meine Lippen mit der Serviette, die in meinem Schoß lag.
„Es tut mir Leid, Granger. Ich habe mich von meiner Wut überwältigen lassen. Ich hätte mich nicht…“, verlor er sich, setzte seinen Kelch ab und lehnte sich zurück.
Ich tupfte weiter, da mir nichts Besseres einfiel, während ich nach einer Antwort suchte. Langsam legte ich meine Serviette neben meinen Teller und hob meinen Blick zu seinem Kinn, zu durcheinander um ihm wieder in die Augen zu sehen.
„Entschuldigung angenommen, Malfoy. Lassen wir das hinter uns. Es gibt gerade wichtigere Dinge.“
Meine Worte klangen gekünstelt, enthielten jedoch einen kleinen, aufrichtigen Wunsch.
Malfoys Mund öffnete sich zum Sprechen, aber er schloss ihn wieder, nahm erneut seinen Kelch, hob ihn an den Rand seiner Lippen. Er nahm einen großen Schluck und wischte seine Lippen untypischerweise mit seinem Handrücken ab.
„Wir müssen wieder durch das Dorf, wir können nicht von den Toren aus Apparieren.“
Ich runzelte die Stirn und traf endlich seinen Blick.
„Wie hast du es geschafft…“, begann ich.
„Vom Wald aus hierher zu Apparieren? Der Wald ist in den Schutzzaubern, die Hogwarts umgeben, enthalten. Nur Hogwarts-Angestellte und das Ministerium kann auf diesen Ländereien Apparieren.“
Ich nickte. Die Schutzzauber waren geändert worden, damit ich außerhalb der Hütte Apparieren konnte. Ich bezweifelte, dass ich es im Moment hätte tun können.
„Nach dem Frühstück kannst du deine Sachen packen, wir werden vor Mittag aufbrechen.“
Malfoy schmiss seine Serviette sanft auf den Tisch und stand auf, lief an mir vorbei zu der Tür, die ins Schloss führte. Ich drehte mich nicht um als sie ins Schloss fiel und andeutete, dass er Severus’ Gemächer verlassen hatte. Ich blickte seufzend auf meinen leeren Teller. Er würde die Nachspeise verpassen.
Mit einem Stirnrunzeln wandte ich meine Augen dem Feuer zu. Der Gedanke, das Schloss zu verlassen, machte mir Angst. Um ehrlich zu sein ängstigte mich der Gedanke, frei herumzulaufen. Ich war geheilt, mir meiner magischen Fähigkeiten jedoch unsicher. Würde ich kämpfen können, wenn es darauf ankam? Ich wusste nur, dass ich es versuchen würde.
Es war nicht wie die Kämpfe gegen Todesser oder Riesen oder Dementoren. Ich würde gegen Harry kämpfen müssen. Und diese Tatsache verunsicherte mich. Harry war zum Kampf erzogen worden und mit dem Elderstab würde dieser Kampf sehr einseitig ablaufen.
Ich klammerte mich an meinen Zauberstab, der an meinem rechten Unterarm lag, und spürte ein machtvolles Prickeln auf meiner Haut. Bellatrix’ Walnusszauberstab… Ich fragte mich beiläufig, ob er mich beschützen würde, wenn ich Harry wieder entgegentreten müsste. Es war der Zauberstab, der Sirius Black getötet hat, der Stab, der die Longbottoms in den Wahnsinn getrieben hatte, der Stab, durch den so viel wahnsinnige Bosheit gelaufen war, dass ich mich fragte, ob er dieses Mal mir dienen würde… mir, seiner neuen Herrin.
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Die Zauber auf den Toren von Hogwarts weckten ein leichtes Schwindelgefühl in mir, als Malfoy und ich raus auf den Weg traten. Zwei fremde Männer standen Wache und Malfoy nickte ihnen kurz zu, bevor er die Kapuze des Mantels über seinen Kopf zog. Ich hatte mein Gesicht sogar schon verdecken müssen, bevor wir das Schloss verlassen hatten. Glücklicherweise war ich dank meiner erneuerten Gesundheit in der Lage, meinen Mantel zu verwandeln; ähnlich Malfoys Zauber, als wir im Wald waren. Weicher, schwarzer Pelz säumte den Rand der Kapuze und die Innenseite und hielt meinen Kopf wärmer als er zuvor gewesen war.
Malfoy hielt wieder meine Hand, während wir schnell den Weg in Richtung Hogsmeade entlang liefen. Die Wärme seiner großen Hand über meiner verursachte ein Kribbeln in mir, aber ich entzog sie ihm nicht und versuchte auch nicht zu sehr über die Bedeutung der Geste nachzudenken. Egal, was Severus in meinem Kopf gesagt hatte, ich würde meine Hoffnung nicht über die Tatsachen unserer Lage hinauswachsen lassen. Ich war schon immer eher Pessimist gewesen.
Wir sprachen nicht als wir die Hauptsraße entlang liefen und auch diesmal sah ich nur ein paar Leute außerhalb des zugeschneiten Weges. Die einzige Person, die ich erkannte, war Madam Rosmerta, die mit ihrem Zauberstab verärgert Schnee von der Schwelle ihrer Kneipe wischte. Ich biss auf meine Lippe und hoffte, dass Malfoy sie nicht sah und vice versa. Ich wusste nicht, was die ältere Frau über den Mann, der mich beschützen sollte, dachte, nachdem er sie im sechsten Jahr unter dem Imperius gehabt hatte.
Als wir aus dem Dorf auf die Straße traten, die in die eher ländliche Gegend führte, konnte ich den Polizisten ausmachen, der am Waldrand nahe dem Dorf stand, ungefähr in der Mitte zwischen dem Dorf und der Heulenden Hütte. Die Heulende Hütte kam in Sichtweite, leicht den Weg hinab. Ich fühlte mich etwas unbehaglich dabei, nach meinen diversen Pannen der vorherigen Wochen Apparieren zu müssen.
Bevor wir jedoch den Weg in Richtung Apparierpunkt verlassen konnten, erstarrte Malfoy und ich lief gegen seinen Rücken. Ich wollte gerade meinen Mund zum Sprechen öffnen, als Malfoys Hand von meiner zur Vorderseite seines Mantels glitt und sein Zauberstab mit einem hörbaren „Wisch“ in seine Hand rutschte. Seine linke Hand zog mich fest gegen seinen Rücken, seine Finger auf meiner Hüfte.
Ich runzelte die Stirn… und grunzte, als Malfoy sich plötzlich umdrehte, mich packte und wir durch die Luft flogen, bis sein Körper auf meinem landete. Ich schrie leise, als ein Baumstumpf, der nur einen halben Meter von unserem Standpunkt entfernt gewesen war, explodierte und verdörrtes Holz, Dreckklumpen und Schnee auf Malfoys Rücken regnen ließ.
Ich begann zu husten, die Luft kehrte in meine Lungen zurück, aber mir blieb keine Zeit zum Nachdenken, als Malfoy mich auf meine Füße riss.
„Lauf!“, zischte er, schubste mich einen niedrigen Hügel hinauf und zwischen die Bäume gegenüber der Heulenden Hütte.
Ich gehorchte, als der mir am nächsten stehende Baum krachte und splitterte. Ich konnte mein Gesicht gerade noch abwenden, bevor die Splitter es trafen.
Malfoy knurrte, als wir willkürlich durch die Bäume und weiter weg vom Weg rannten. Mit einem groben Ziehen warf Malfoy mich hinter eine Ansammlung großer Felsen. Ich wimmerte, als mein Rücken gegen den größten Haufen krachte. Malfoy rollte über den Schnee in meine Richtung, sein Mund zu einem Keuchen geöffnet, seine Augen verengt. Er hatte die Faust fest um Tom Riddles Zauberstab geschlossen, seine Knöchel weiß.
Ich bewegte mich minimal und spitzte am Felsen vorbei; sah, dass das Dach der Heulenden Hütte durch die Bäume sichtbar war. Wir waren vielleicht nur hundert Meter vom Weg abgekommen.
Das Pfeifen eines weiteren Zaubers ließ mich erstarren, als ein Fluch gegen die andere Seite des Felsens krachte, ihn in der Mitte spaltete und Steinchen in die Luft sandte. Ich keuchte, als Malfoy mich abschirmte, und knirschte mit den Zähnen, als ich vernahm, wie die Splitter seinen Rücken trafen. Malfoy machte unter dem Aufschlag keinen Ton und zog sich schnell von mir zurück, blickte mich an, als ob er meinen derzeitigen Zustand überprüfen wollte.
„Ändere deinen Umhang, er kann uns sehen…“, flüsterte Malfoy gehetzt, sein Atem heiß auf meinem Gesicht.
Ich nickte, ließ den Walnuss-Zauberstab aus dem Ärmel meines Pullovers gleiten, verwandelte meinen Mantel von Schwarz in Weiß, wie der Schnee und die Bäume um uns herum es waren. Malfoy machte das gleiche, verschmolz viel besser als ich mit der Landschaft, da seine bleiche Haut und sein Haar zu seiner Tarnung beitrugen.
„Können wir von hier Apparieren?“, flüsterte ich, als ein weiterer Fluch einen Baum, ein paar Meter von unserem Steinhaufen entfernt, traf.
„Die Grenze ist genau hinter Potter…“, knurrte Malfoy.
Also war es wirklich Harry…
„Portschlüssel?“, schlug ich vor.
„Nein… nicht zum Manor.“
„Aber an einen anderen Ort?“
Malfoy blinzelte mich an, eine Hand in seinem Mantel. Er zog ein großes Stück gefaltetes Pergament hervor und bewegte seinen Zauberstab darüber.
„Portus!“, zischte er.
Das Pergament leuchtete für eine Millisekunde, aber ich wusste, dass es nicht funktioniert hatte. Malfoy versuchte es noch dreimal, bevor er grollte.
Blockiert, Miss Granger, Potter hat alle Ausgänge abgedeckt…, hörte ich Severus flüstern.
„Die Grenze sollte nur eine bestimmte Reichweite haben. Wenn wir vielleicht die andere Richtung probieren…“, begann ich.
„Vielleicht, aber im Moment sitzen wir in der Falle.“
„Der Polizist am Weg?“, fragte ich und wandte mein Gesicht Richtung Hogsmeade.
Ein weiterer Zauber krachte gegen den Felsen, der uns schützte, und schnitt ein weiteres Stück ab. Ich knirschte mit den Zähnen, mein Frust wurde zu Wut.
Malfoy bewegte sich, um um den Felsen herumblicken zu können, und ich sah, wie seine Augen sich leicht weiteten, als ob er versuchen würde, an einem unsichtbaren Hindernis vorbeizublicken.
Noch ein Zauber… und ich spürte, wie ich durch das raue, verschneite Gestrüpp rutschte und sich eine Wurzel gegen mein Kreuz drückte. Malfoy lehnte sich über mich und drückte mich nach unten. Wir waren dank einer natürlichen Reihe kleiner Felsen geschützt, obwohl der große inzwischen nur noch Geröll war.
„Hör mir gut zu, Granger. Du musst sofort zum Manor! Ich werde Potter ablenken. Du musst den Hügel hinab zur Hütte rennen – an der toten Birke vorbei – und von dort Apparieren! Denk an die Tore… die Tore!“, zischte Malfoy, sein Gesicht nur fünf Zentimeter von meinem entfernt.
Ich schüttelte verzweifelt den Kopf. „Nein, nicht ohne dich, Malfoy! Ich bin nicht mehr Appariert, seit…“, schluchzte ich, peinlich berührt.
Sein Gesicht wurde rot und ich wusste, dass er wütend war. „Du musst, Granger! Wenn Potter dich kriegt, ist alles vorbei!“
Ich schloss die Augen, schluckte und leckte meine Lippen.
„Ich werde Hilfe schicken, Malfoy“, flüsterte ich.
Sein Gesicht wurde weicher, das wütende Rot verschwand. „Lauf so schnell du kannst – Versuch, dich unsichtbar zu machen… Denk an die Tore!“
Ich nickte, blickte in sein Gesicht, atmete seinen Atem ein… Kaffee und Buttertoats.
„Sei vorsichtig?“, flüsterte ich und das Heben meiner Stimme am Schluss ließ die Bitte sarkastisch klingen.
Malfoy grinste und ich spürte, wie mein Herz komisch flatterte. „Ich bin ein Profi, Granger…“
Und dann tat ich etwas für mich völlig Untypisches… Ich küsste ihn. Ich wusste, dass es an der Situation lag; das Adrenalin, die Lebensgefahr… aber ich küsste ihn. Es war ein kurzer Kuss auf seine Lippen, keusch, zumindest hauptsächlich, aber es war die einzige Reaktion, die mir einfiel, als er grinste und sprach… wie ein Halunke…
Seine Augen weiteten sich und seine Hand wanderte an meine rechte Schulter, drückte leicht zu. Als ich meinen Kopf zurück in den Schnee fallen ließ, sah ich eine große Menge an Emotionen über sein Gesicht flackern, bis er wieder ernst wurde.
„Lauf, sobald ich weg bin… lauf…“, flüsterte er mit einem Knurren. „Bleib nicht stehen, schau nicht zurück, egal, was du hörst… lauf einfach, verstanden?“
Mein Herz verkrampfte sich, aber ich nickte. „Ja…“
Ich war überrascht, als Malfoys Gesicht weicher wurde und dieses schelmische Grinsen zurückkehrte. „Wünsch mir Glück.“
Und plötzlich war er fort, die andauernde Wärme seines Körpers fort…
Ich blinzelte einmal und atmete tief ein, rollte auf dem Schnee herum, um auf meine Knie zu kommen. Mit einem weiteren Atemzug tippte ich meinen Kopf mit dem Zauberstab an, die Kapuze war heruntergerutscht. Ein kühler Schauer durchfuhr mich und ich wusste, dass ich mich erfolgreich unsichtbar gemacht hatte. Noch ein Atemzug und ich war auf den Beinen. Ich berührte einen Baumstumpf, um mich orientieren zu können, wenn ich loslief.
Zerschmetternde Flüche zischten durch die Bäume, Salve nach Salve, aber sie waren nicht auf mich, sondern auf zwanzig Meter rechts von mir gerichtet. Ich sah nicht hin, ich wollte es nicht sehen, ich konnte nur rennen.
Ich war körperlich nie besonders fit gewesen, daher wusste ich, dass das Adrenalin mich vorantrieb, meine Beine pumpten, als ich den Waldrand erreichte. Ich rutschte den Hügel hinab und auf die Straße. Ich sah nicht hin… die Heulende Hütte war alles, auf was ich mich konzentrieren konnte.
Ich konnte Ozon über der kalten Nässe des Schnees und der Bäume riechen, und ich spürte nur meinen Herzschlag und das Brennen meiner Lunge.
Ich rannte über den Weg zum Pfad, der zur Hütte führte, und da sah ich ihn…
Harry Potter stand in meiner peripheren Sichtweite am anderen Ende der Straße, nahe des Weges. Ich nahm seine düstere Erscheinung auf; er trug einen unauffälligen schwarzen Umhang, die zurückgeschlagene Kapuze enthüllte seine langen, wilden schwarzen Haare. Sein Gesicht war zu einem grausamen Grinsen, das Sirius Black ähnelte, verzogen, seine Augen fast durchscheinend grün in dem trüben Tageslicht, die Brille, die ich kannte, fort. In seiner rechten Hand hielt er den Elderstab und rote Flüche flogen aus der Spitze, ohne, dass sie ausgesprochen werden mussten. Die Narbe auf seiner Stirn war ein wütendes Lila und Blutergüsse zierten sein Gesicht und die Rückseite seiner rechten Hand.
Ich ließ dieses Bild nur für einen Moment in meinen Verstand brennen, während ich rannte.
Ich rutschte auf dem Pfad aus, kam der toten Birke und der grauen Holzverkleidung der Hütte aber immer näher. Ich umfasste meinen Zauberstab fester, betete, dass welcher Gott auch immer mich den Tag überleben ließ.
„Hermine!“
Ich blieb nicht stehen, obwohl der Klang meines Namens mein Herz aussetzen ließ.
„Her-mi-neeeeee!“
Harry schrie meinen Namen, seine Stimme jammerte die letzte Silbe. Die Kraft seiner Stimme schlug gegen meinen Rücken und ließ mich über die Appariergrenze stolpern, so dass ich in den Schnee fiel… rechtzeitig, um einem Fluch auszuweichen, der mich verfehlte und in die Hütte unter mir krachte. Dreck fiel zu Boden.
Ich rollte auf meine Füße; spürte, dass mit der Überschreitung der Grenze der Unsichtbarkeitszauber gelöst worden war. Harry konnte mich sehen. Ich konnte mich sehen…
Ich wandte mich Harry zu, bereitete mich mental aufs Apparieren vor.
Harry machte ein paar Schritte auf mich zu, sein Gesicht wechselte von Wut zu Erleichterung und zurück. Ich erkannte diese Mimik jedoch nicht, da der Wahnsinn auf Harrys Gesicht in meinen Augen alles entstellte.
„Du“, schrie er barsch, seine Augen furchtbar grün leuchtend.
Ich machte einen Schritt rückwärts und verlor meine Konzentration.
Malfoy Manor… Ich musste an die schlammige Straße und die Tore denken… die Tore von Malfoy Manor… die Tore von Malfoy Manor…
Harrys Elderstab hob sich und ich wusste, dass ich entweder Apparieren musste oder sterben würde…
Die Tore von Malfoy Manor…
„Sectum..“, begann Harry und ich erstarrte.
„Lauf“, brüllte eine andere Stimme… so laut, dass ich fast den Boden beben spürte.
Harry erstarrte, seine Augen wurden groß, und er drehte sich dem schrecklichen Brüllen zu. Aber bevor Harry seinen Zauberstab ausrichten konnte, erschien ein weißer Blitz und ich schrie, als es Harry vom Boden hob, er hoch in die Luft flog und sein Körper wie eine Puppe gegen den grauen Himmel schwankte.
Die Tore von Malfoy Manor…
Lauf, Hermine, lauf!, schrie Severus in meinem Kopf
Ich hielt meinen Zauberstab an meine Brust und die Welt drehte sich um mich.
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