
von Nitsrek
Die Welt um uns breitete sich aus und ich sah, dass wir am Rand eines dunklen Firedhofs standen. In der Ferne sah ich eine kleine Kapelle mit einer Eibe davor – in unserer Nähe einen Feuerschein und Zauberstabspitzen zwischen den Steinen.
Als erstes zogen wir drei unsere Zauberstäbe, dann sprachen wir Tarnzauber und kauerten uns zu Boden. Das Dunkle Mal schwebte hoch oben am Himmel, ich hörte dumpf Harrys Schreie und Voldemorts Stimme.
„Gehen Sie, Severus, passen Sie auf sich auf!“, flüsterte ich verzweifelt und suchte nach Dracos Hand.
Ich konnte nicht sagen, ob Severus weg appariert war, aber ich spürte nicht länger seine körperliche Anwesenheit neben mir. Stattdessen krabbelten Draco und ich hinter einen großen Grabstein und suchten den Friedhof ab. Wir sahen den wiedergeborenen Voldemort im Zentrum des Rasens, Figuren in dunklen Umhängen standen um ihn herum. Wir konnten die Todesser nicht von einander unterscheiden, und ich wusste, dass Draco versuchte herauszufinden, wer sein Vater war.
An einen auffällig gemeißelten Grabstein gefesselt war ein vierzehn Jahre alter Harry Potter, in der Ferne lag Cedric Diggory, hinter ihm der Trimagische Pokal.
Alles war so, wie Harry es meinem jüngeren Ich beschrieben hatte. Aber ich musste das Versteck des älteren Harry finden.
„Der Umhang, meine Liebe…“, flüsterte Draco.
„Siehst du ihn?“, fragte ich.
„Nein.“
Mit einer getarnten Hand zog ich Harrys Tarnumhang hervor, zog ihn über mich und meinen Mantel, und bald war ich völlig unsichtbar.
„Ich laufe in Richtung Kapelle. Du näherst dich dem Dunklen Lord. Zauberstäbe raus – beide“, zischte Draco.
Er konnte mein Nicken nicht sehen, oder dass ich bereits beide Stäbe gezogen hatte, aber ich konnte ihn geradeso ausmachen.
„Draco?“, flüsterte ich.
„Was?“
Ich zog die Kapuze von seinem Kopf und küsste ihn, unbeholfen; ich verpasste seinen Mund, landete auf seiner Wange. Dann spürte ich seine Hände auf meinem Gesicht und wir küssten und richtig, Dracos Zunge schmeckte meinen Mund, bevor wir uns schnell voneinander lösten.
„Geh. Jetzt!“, flüsterte er.
Plötzlich war er weg und ich konnte ihn weder sehen noch hören. Ich war allein und zitterte, als Voldemorts grauenhafte Stimme zwischen den Steinen durch bis zu mir drang. Ich straffte die Schultern und lief. Unter dem Umhang musste ich nicht kriechen, ich schlängelte mich leichtfüßig durch die Steine, tanzte über den unebenen Boden. Ich blieb kurz vor dem Kreis aus Todessern stehen, kniete mich hinter einen überirdischen Steinsarkophag und beobachtete den Kreis aus Menschen durch den Spalt zwischen Steinbehälter und Boden.
„Crucio!“
Voldemort zischte den Unverzeihlichen Fluch, sein Eibenstab zeigte auf den Todesser links von meinem Versteck. Sofort krümmte sich eine der schwarz gekleideten Figuren auf dem Boden. Ich sah Harrys große Augen, seine Arme kämpften gegen die Fesseln, die ihn an Tom Riddles Grab banden.
„Steh auf, Avery…“
Ich hörte Voldemorts hoher, dünner und grausamer Stimme nicht länger zu, sondern suchte wieder den Friedhof ab. Sicherlich versteckte Harry sich irgendwo in der Nähe, als Zuschauer der Ereignisse, die wir beide als Vergangenheit betrachten, wie ich.
Neben den vielen Steinen, der Eibe und der Kapelle, gab es nicht viele Verstecke, die einen vollständig verdecken konnten. Ich hatte den Tarnumhang und war deshalb die Einzige, die völlig verborgen war. Dann suchte ich den Friedhof nach Draco ab, fixierte die Kapelle und die Eibe, da er gesagt hatte, er würde dorthin gehen, aber ich sah niemanden.
„Meister, wir müssen es wissen… wir flehen Euch an, es uns zu erzählen…“
Es war Lucius’ Stimme, lauter als zuvor, und ich realisierte, dass Lucius mir am nächsten stand.
Seine Stimme war so anbiedernd, so fremd. Es war die Stimme, die er für Voldemort aufhob, nicht die Stimme, die ich dreizehn Jahre später hörte.
Ich lauschte Voldemorts Erklärung, warum er in jener Nacht, als er das Baby Harry Potter töten wollte, verloren hatte. Ich lauschte seiner Erklärung, wie es zu seiner Wiedergeburt gekommen war, dem Plan mit Crouch, Jr., und dem Tod Bertha Jorkins’. Für mich war es fast eine alte Geschichte, aber für die Todesser und den jüngeren Harry, der an den Stein gefesselt war, war es schockierend.
„Crucio!“
Ich schrie fast, als ich beobachtete, wie Harrys jüngerer Körper sich an dem Stein wand, der Tom Riddles Grab zierte; der Muggel-Vater des Mannes, den alle als Voldemort kannten. Mein Herz brach, als ich sah, wie seine schönen Smaragdaugen in seinen kopf nach hinten rollten, aber ich konnte nichts tun. Ich konnte es nicht riskieren, gesehen zu werden, oder einen Zauber zu sprechen, der Voldemorts Grausamkeit unterbrechen würde. Die einzige Befriedigung fand ich in dem Gedanken daran, dass dieser schreckliche Mann zerstört werden würde – und dass ich sehr viel schrecklichere Flüche als den Cruciatus kannte.
Endlich war es vorbei und Voldemort wies Wurmschwanz an, seine Fesseln zu lösen. Ich wusste, was nun kommen würde und biss in meine Lippe. Priori Incantatem.
Ich löste meine Aufmerksamkeit wieder von dem Kreis und suchte wieder den Friedhof ab. Nichts.
Voldemort sprach und ich fragte mich, ob der alte Mistkerl einfach seine Stimme so gern hörte. Harry hatte wieder seinen Zauberstab und stolperte; die Todesser umringten sie wie ein Rudel hungriger Wölfe. Ich verließ meinen Fleck und glitt um den Kreis, so dass ich der Eibe und Cedrics Leiche gegenüber stand.
„Avada Kedavra!“
„Expelliarmus!“
Ich keuchte, als das Licht den Nachthimmel durchbrach, Harrys und Voldemorts Körper stiegen in die Luft, schwebten an der Eibe vorbei in den Hof vor der Kapelle. Die Todesser folgten ihnen, und ich bewegte mich mit ihnen, passierte das Grab von Voldemorts Vater und blieb neben Cedric Diggorys Leiche stehen. Mein Gesicht verzog sich, als ich sein leeres, junges Gesicht studierte.
Das Lied des Phoenix erfüllte die Luft und ich wandte mich ab, stellte mich dorthin, wo Voldemort gestanden war. Lichtblitze kamen von der goldenen Verbindung zwischen ihren Zauberstäben und ich erinnerte mich, was Harry Ron und mir darüber erzählt hatte, dass er Cedric, den alten Hausmeister, Bertha Jorkins und seine Eltern gesehen hatte, aber ich konnte nichts sehen außer Kugeln aus goldener Magie.
Dann fiel es mir ein – ich musste aus dem Weg gehen! Harry würde zu Cedrics Leiche rennen und Flüche abfeuern, ebenso wie Voldemort.
Ich drückte mich an Tom Riddles Grabstein und keuchte, als ich Voldemorts grausame, ungläubige Stimme hörte.
„Haltet ihn auf!“
Meine Augen weiteten sich, als der junge Harry Potter auf mich zuraste, sich dann hinter einem Marmorengel duckte und sich abrollte, bis er wieder auf den Füßen landete.
„Impedimenta!“
Todesser fielen, versuchten, ihn einzuholen, und ich beobachtete alles mit meiner Lippe zwischen den Zähnen. Auch wenn ich wusste, dass Harry es zu Cedrics Leiche schaffen und den Pokal aufrufen würde, waren meine Nerven gespannt.
„Zur Seite! Ich werde ihn töten! Er gehört mir!“
Harry stolperte zu Cedrics Leiche, nur ein paar Meter von mir entfernt. Ich konnte Schweiß und Blut auf seinem Gesicht sehen, und seine verängstigten grünen Augen.
„ACCIO!“
Der Pokal flog in Harrys ausgestreckte Hand und ich wimmerte, als Harry Potter, der Harry, den ich einst geliebt hatte, mit einem ‚Whoosh’ verschwand.
Voldemorts Schrei war betäubend und ich kauerte mich enger an den Grabstein.
Ich wusste, dass es nun soweit war; der vierzehn Jahre alte Harry war fort. Ich stand auf und trat zurück, immer noch sicher unter dem Umhang.
„Er ist fort, my Lord!“, keuchte einer der Todesser, der sich von Harrys Fluch erholt hatte.
„Ja, du Narr, das kann ich sehen!“, schrie Voldemort und packte seinen weißen, schädelartigen Kopf.
Dunkle Energie wirbelte um den Mann, aber ich schreckte nicht zurück, wie ich es als Mädchen getan hätte. Der Mann, der sich Voldemort nannte, machte mir schon seit Jahren keine Angst mehr.
„Crouch wird ihn zurückbringen!“, zischte Voldemort, mehr für sich als für seine Anhänger.
Mein Körper wirbelte herum, als ich hörte, wie hinter mir Äste zerbrachen, und im Dunkel sah ich einen Körper erscheinen, einen Menschen mit wirren, langen Haaren und leuchtend grünen Augen.
Merlin.
„My Lord!“, brüllte Lucius, zeigte zur Kapelle, und alle drehten sich dorthin, selbst ich.
Harry Potter war hinter mir, auch wenn er mich nicht sehen konnte, aber es war nicht Harry Potter, den alle ansahen. Es war eine leuchtende Gestalt oben auf dem Hügel, die mit jedem Schritt auf die Gruppe zu deutlicher wurde.
Mein Herz krampfte und ich fasste mir an die Brust.
Es war ein Patronus, eine Hirschkuh.
Meine Lippen formten Severus’ Name, und die drückende Angst und Bedrohung verblassten. Ich spürte, dass der zukünftige Harry auf seinem Weg zu Voldemort innegehalten hatte.
‚Gefürchteter Lord, ich muss meine Abwesenheit trotz Ihrem Ruf entschuldigen. Vergeben Sie bitte Ihrem bescheidenen Diener…’
Severus’ Stimme wehte über den Friedhof, und ich wusste, dass Harry hinter mir vor Wut kochte, nur ein paar Meter entfernt.
‚Ich mache es wieder gut, indem ich Sie informiere, dass Potter nach Hogwarts zurückgekehrt ist und Dumbledore Ihren Aufenthaltsort verraten hat. Die Auroren werden jeden Moment eintreffen. Ich bitte Sie, Gefürchteter Lord, bitte verschwinden Sie so schnell wie möglich. Ihr loyaler Diener wird Potter bald beseitigen.’
Der Patronus bewegte sich und Severus’ Stimme fuhr fort, als die Hirschkuh ihren Kopf neigte.
‚In immerdauernder Treue und Loyalität, my Lord.’
Und damit endete der Zauber, die Hirschkuh verschwand in einer winzigen explosion silberner Magie.
Voldemort war anscheinend sprachlos, ebenso wie seine Todesser, und dann apparierten die schwarz gekleideten Figuren, einer nach dem anderen, als hätte es ein lautloses Zeichen gegeben, davon. Nur Wurmschwanz und Voldemort blieben zurück.
„My Lord?“, fragte Wurmschwanz, der immer noch seinen silbernen Arm hielt.
„Gehen wir, Wurmschwanz, jetzt ist nicht der passende Zeitpunkt…“, zischte Voldemort, und sie verschwanden wie zwei schwarze, rauchige Säulen aus Tinte im Wind.
Ich keuchte mit Tränen in den Augen.
Severus hatte die Gruppe erfolgreich überzeugt, sich aufzulösen. Voldemort würde Severus zweifellos zu sich rufen und nach einer Erklärung verlangen, und die Todesser würden sich ärgern, dass sie das Ministerium noch nicht übernehmen konnten.
Ich wirbelte zurück zu Harry, aber er war nicht mehr da.
Ich konnte nicht atmen. Was wenn Harry Voldemort irgendwie gefolgt war?
„Nein! NEIN!“
Ich erschrak, drehte mich zu der vertrauten Form, die an Voldemorts Platz stand.
„Zur Hölle mit dir, Snape!“, schrie Harry, packte seine dreckigen schwarzen Haare mit der linken Hand und zog, so dass sich ganze Büschel zu lösen schienen. Ein dreckiger Verband war um den Stummel seiner rechten Hand gewickelt, und ich sah anhand des Blutes und der gelblichen Färbung des Verbandes, dass die Wunde zweifellos infiziert war.
Ich blinzelte unter meinem Umhang, während Harry sich auf dem Fleck drehte. Er trug Lumpen, die einst edle Kleidung gewesen waren. Sein Gesicht war schrecklich zerkratzt. Er wirkte wirklich wie ein Wahnsinniger. Das einzige Element, das den Anblick störte, war der elegante Umhang um seine Schultern und der zerbrochen Edelstein an seinem linken Ringfinger.
Der Stein der Auferstehung.
Während Harry sich mit seinem Stumpf gegen die zerkratzte Narbe schlug, erschien Draco aus der Dunkelheit und stellte sich direkt neben die Eibe. Ich öffnete meinen Mund, sagte aber nichts, sondern umklammerte meine Zauberstäbe fester.
„Potter!“
Nein! Draco konnte sich ihm nicht allein stellen, nicht so plötzlich!
Harry wirbelte knurrend herum, zuckte mit der Hand und ein verdeckter Zauberstab glitt in seine linke Hand.
„Malfoy…“
Wieder bekam ich keine Luft, aber ich rannte, als würden meine Beine nicht mir gehören.
Keine Zeit für Tagträume, Hermine… schimpfte Severus’ Stimme.
Ich keuchte, der Klang seiner Stimme schockte mich. Ich rannte – um Harry herum, um die Steine, bis ich auf der kleinen Anhöhe zwischen Harry und Draco stand. Ich musste es sein, die sich Harry stellte.
Ich riss den Tarnumhang von mir, warf ihn vor die Eibe, schüttelte meine Haare frei und verstärkte meinen Griff auf den Zauberstab.
„Du“, knurrte er.
Draco erstarrte, als ich mich zeigte, und wollte sich vor mich stellen, aber ich streckte wütend meine Arme aus, um ihn aufzuhalten.
„Das ist meine Aufgabe!“
Ich verstand es nicht, ich zitterte innerlich, aber meine Stimme, mein Körper, waren entschlossen und ich wusste, dass es nicht an Severus lag. Langsam passte sich mein Innenleben meinem Auftreten an, und all die Wut, all der Kummer, den ich von Harry gespürt hatte, kam zurück.
Selbst im schwachen Licht des Abends konnte ich den Hass sehen, der Harrys Gesicht entstellte. Er schien sehr viel älter als bloß siebenundzwanzig Jahre. Seine Bosheit, sein Schmerz hatte ihn um Jahre altern lassen.
Ich schluckte und machte mich sprungbereit, meine Füße waren fest auf dem dunklen Boden, meine Zauberstäbe hoben sich zur Verteidigung fürs Duell. Ich hatte mich noch nie in meinem Leben duelliert, aber mein Körper wusste scheinbar, was zu tun war.
„Das hört jetzt auf.“
Harrys strenger Mund zitterte und seine Augen blitzten.
„Ja, Hermine, das muss es“, sagte er, und für einen Moment sah ich Klarheit auf seinem Gesicht, aber sie verschwand sofort wieder.
Harry hob seine verstümmelte Hand, verlagerte sein Gewicht auf den linken Fuß und hob den Zauberstab. Es war dunkles Holz, aber ich hatte weder Zeit, über seinen Ursprung nachzudenken, noch um überhaupt zu blinzeln.
„Crucio!“, brüllte er.
Ich musste meinen Schockzauber mit dem Elderstab nicht laut aussprechen, die Blitze der Zauber krachten aufeinander. Dann sprach ich mit dem Walnussstab in meiner Rechten einen Schutzzauber, was zusammen mit dem Schockzauber den Folterfluch ablenkte.
Meine Füße glitten durch die Wucht des Zaubers einen halben Meter über das Gras, ebenso wie Harrys.
Harry lachte, genauso wie Voldemort vor wenigen Minuten, dann senkte er den Zauberstab.
„Ist das fair, dass du zwei Stäbe hast – und einen Beschützer noch dazu, Hermine? Ich habe nur mich und einen Zauberstab…“, spottete er.
„Das hier soll nicht fair sein, Harry“, stieß ich hervor und ging wieder in Stellung.
„Aber du warst sonst immer so gerecht, Hermine. Und sollten sich Duelle nicht nach gewissen Regeln richten?“, schrie Harry.
Ich atmete tief ein. „Das hier ist kein Duell, mein alter Freund. Es ist eine Vernichtung.“
Harrys Augen weiteten sich einen Moment, aber ich trat vor, meine Drachenhautstiefel stapften über den Boden, als ich einen Entwaffnungszauber mit dem Elderstab sprach.
„Protego!“, knurrte Harry.
Der Zauber war leicht abzuwehren, aber ich konterte mit dem Walnussstab, einen Bannzauber, ‚Gebannt’, den Harry zwar abwehren wollte, aber ein Teil der Magie warf ihn den Hügel hinunter, wo er gegen einen der Grabsteine rollte.
Ich näherte mich schnell, aber Harry sprang auf, sein Gesicht unmenschlich.
„Sectumsempra!“, kreischte er, aber ich sprang, der Zauber raste an mir vorbei, meine Füße trafen auf den Boden und ich rutschte den Hügel hinunter.
Ich umkreiste Harry, meine Augen lagen auf ihm, während meine Füße die Schritte machten. Ich stand an der Stelle, wo Voldemort wiedergeboren worden war, meine Zauberstäbe waren auf Harry gerichtet, der sich mit mir drehte. Ich erhaschte einen Blick auf Draco, der sich lautlos am Rand des Hügels bewegte, die Zauberstäbe gezogen, aber gesenkt.
„Du hast alles ruiniert, Hermine… und Snape… und Malfoy… alles!“, murmelte Harry.
Ich antwortete nicht, während er auf mich zulief und auf Tom Riddles Grab stehen blieb.
„Ich werde es wieder versuchen, Hermine, und wieder und wieder, bis alles in Ordnung ist“, spie er.
Ich knirschte mit den Zähnen. Ich würde ihn töten müssen.
„Ausgerechnet du musstest es sein, oder? Mit deinem perfekten Sinn für richtig und falsch? Sag mir, Hermine, träumst du manchmal davon, wie die Welt gewesen wäre, wenn Voldemort niemals wiedergeboren worden wäre? Wie die Welt gewesen wäre, wenn wir ohne Angst hätten leben können?“
Harrys Stimme war voller Emotionen, aber nicht Wut – Schmerz.
„Ich hätte zu dem Tag reisen sollen, an dem meine Eltern ermordet wurden, oder zu dem, an dem Voldemort geboren worden war!“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, Harry, das hätte keinen Unterschied gemacht.“
Harrys schmerzverzerrtes Gesicht wurde fast tierähnlich. „Keinen Unterschied? Keinen Unterschied? Es wäre für uns alle anders verlaufen!“
Es gab keinen Sinn zu versuchen, vernünftig mit ihm zu sprechen, er würde niemals einsehen, dass durch den Tod eines Dunklen Zauberers nur ein anderer an die Macht gekommen wäre. So funktionierte das Schicksal. Die Menschheit musste leiden, das konnte sie am besten. Ohne Leid könnten wir nie nach vorne blicken oder uns entwickeln.
„Es ist vorbei, Harry…“, flüsterte ich.
Ich wollte einen Zauber sprechen – einen aus ‚dem Gehängten’. Einen Schneidefluch, ‚Trenne’, gezielt auf Harrys Hals. Die Unverzeihlichen Flüche waren unter meiner Liga.
„Erebus!“, schrie Harry und ich blinzelte mitten im Ausführen des Zaubers.
Erebus war kein Zauber.
Plötzlich erschien ein dunkler Schatten vor Harry, wie ein schwarzer Patronus, und nahm menschliche Gestalt an.
Draco erschien neben mir, als ich meine Konzentration von dem Fluch löste und auf den Schatten vor Harry richtete. Ich konnte sehen, dass es ein Mensch war, aber sein Gesicht sah ich nicht. Ähnlich wie bei einem Dementor, und Angst kroch in mein Herz.
„Dachtest du, ich würde alleine kommen, Hermine? Du hast deinen Malfoy – ich habe Erebus“, kicherte er schrecklich.
Ich blinzelte die Figur an, die wie ein Jäger vor Harry stand. Harry trat neben ihn und ich bemerkte, dass der Schatten ein wenig größer war, auch etwas breiter. Ich kniff die Augen zusammen, als die Figur langsam ihren Arm hob – die Hand steckte in einem Handschuh – und mit dem Finger auf mich zeigte. Kein Zauberstab.
Ich fühlte, wie Dracos Zauberstabspitze fest in meinen Rücken drückte, und zuckte zusammen.
Mit viel Schwung bewegte ich mich, ignorierte dabei die Figur – und schrie innerlich ‚Gebannt!’, womit ich das dunkle Wesen in die Luft schickte. Ich zögerte nicht, sah nicht zu, wie die Figur durch die Luft flog und außer Sichtweite verschwand. Stattdessen näherte ich mich Harry, der mit vor Angst geweiteten Augen den Hügel in Richtung Eibe hinauf kletterte.
„Zerfleische!“
Ich keuchte, als der Fluch mein Gesicht verfehlte, aber die Wange unter meinem rechten Auge traf; die Wunde war so tief, dass sie bis zum Knochen reichte. Blut lief über mein Gesicht, aber ich reagierte nicht auf den Schmerz. Es war ein ‚Quälfluch’ aus ‚dem Gehängten’. Er sollte den höchstmöglichen körperlichen Schaden anrichten.
Ich lief weiter, Harry lief rückwärts, bis er gegen den Stamm der Eibe stieß.
Ich hob meine Zauberstäbe, bereitete mich auf den Schneidezauber vor. Ich ließ all meinen Schmerz und meinen Kummer in die Bewegung fließen, all meinen Hass. Der verängstigte Mann war einst mein Freund gewesen, der beste Freund, den ich je hatte. Meine Gedanken rasten zurück zu dem Jungen, den ich ans Grabmal gefesselt gesehen hatte, dann wieder zu dem Mann vor mir. Es waren zwei völlig verschiedene Menschen.
Es tat mir weh, zu wissen, dass Harry – der ältere Harry wahnsinnig geworden war, wo er doch so glücklich hätte sein können. Ich konnte weder Voldemort, noch Albus die ganze Schuld geben; es war Harry, der sich selbst in der Vergangenheit begraben hatte.
Meine Lippen bildeten lautlos den Zauber, den Zauber, der Harrys Kopf von seinem Körper trennen und den Albtraum beenden würde.
„Erstick!“
Ich schrie – aber der Zauber war nicht auf mich gerichtet.
*****
Ich blinzelte. Die Zeit schien stehen zu bleiben, als ich sah, wie ein roter Lichtstrahl aus Harrys Zauberstab hervorbrach und an mir vorbeizischte, während ich auswich. Ich atmete aus und drehte mich um, meine Augen folgten dem Lichtstrahl. Hinter mir öffnete sich Dracos Mund zum Schrei, aber es kam nichts. Er hatte sich auch ducken wollen, Severus’ Zauberstab war zum Gegenfluch erhoben. Stattdessen traf ihn der rote Strahl in die Brust und ich sah, wie die Luft aus seinen Lungen wich, sichtbarer Atem, der in die Nachtluft stieg.
Dracos Körper flog nach hinten, sein Umhang peitschte im Wind, sein langes, silbernes Haar flog umher, sein blasses Gesicht geschockt. Sein Körper bog sich und wie in Zeitlupe beobachtete ich, wie er landete, sein Kopf krachte gegen den Marmorengel und zerschmetterte die Steinflügel, bevor er zu Boden fiel, das Gras und den Staub aufwirbelte. Sein silbernes Auge war weit geöffnet, sein Mund nur ein wenig, und er bewegte sich nicht.
„NEIN!“, schrie ich und die Zeit lief normal weiter.
Harry lachte, sein Stummel hielt seinen Bauch, während er sich vor Lachen bog.
Ich wirbelte zu ihm herum, atmete durch bebende Nasenlöcher und hob die Zauberstäbe.
Levicorpus!
Gefesselt!
Harrys Gelächter wurde zu wildem Gebrüll, während er mit einem Bein von den Ästen der Eibe hing, die Arme hinter dem Rücken gefesselt. Sein Zauberstab lag unter ihm am Boden, sein Haar hing in platten Strähnen herunter. Um seinen Hals baumelte der Zeitumkehrer.
„Hermine!“, jaulte er und kämpfte, doch es war sinnlos, die beschworenen Seile legten sich um seine Arme und Beine.
Ich wandte mich mit brennenden Augen Draco zu.
„Hermine!“
Ich ignorierte Harry, während ich den Hügel hinab glitt und an Dracos Seite stolperte.
„Nein…“
Ich stieß gegen die schwarzgekleidete Figur, die Harry Erebus genannt hatte und fiel auf meinen Hintern. Die Stimme war außerirdisch, eine eisige Hand der Angst umfasste mein Herz.
Nein, Miss Granger, Sie müssen es beenden!
Meine Brust hob und senkte sich, aber ich sprang auf, drehte mich um Erebus herum, um zu Draco zu gelangen. Ich musste zu Draco.
Nein! Zuerst Potter!
Ich schüttelte heftig den Kopf, sogar als Erebus mir wieder den Weg versperrte. Ich wich aus, wurde aber wieder geblockt.
„Zur Seite, verdammt nochmal!“, schrie ich und hob die Zauberstäbe.
Dann lag ich mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden. Ich war getroffen worden. Einen Moment lang sah ich nur Dunkelheit, die Stärke des Angriffs nahm mir fast das Bewusstsein.
Ich knurrte, stand wieder auf, nur um mir die beiden Stäbe aus den Händen schlagen und meinen Körper von Erebus den Hügel hinauf zu Harry befördern zu lassen, der lachte und knurrte.
„Töte sie, Erebus, töte sie!“, spie Harry, wurde jedoch ignoriert, während Erebus seine Hand hob und mit dem Finger zeigte, aber nicht auf mich.
Das schwarze Gespenst zeigte auf Harry.
„Draco! Draco!“, kreischte ich und ignorierte wieder das Phantom.
Wieder rannte ich, an der Figur vorbei, aber ich wurde festgehalten, eine schwarze Hand riss meinen Umhang zurück; der Verschluss unter meinem Hals riss und der verwandelte Umhang fiel zu Boden.
Ich schaffte es keine zwei Schritte weit, bevor ich wieder getroffen wurde, diesmal ins Gesicht und in den Bauch, so dass ich wieder gegen den Hügel flog.
Was tust du, Hermine? Potter! Du musst Potter töten!... brüllte Severus.
Ich schüttelte den Kopf, versuchte, das Klingeln aus meinen Ohren zu schütteln, das von dem Schlag ins Gesicht kam. Ich kam wieder auf die Beine und sah, dass Erebus wieder auf Harry zeigte.
Ich versuchte ruhiger zu atmen und kniete mich hin. Harrys Beschützer würde mich nicht vorbeilassen, um mich zu meinem Draco zu lassen. Ich konnte nirgendwo meine Zauberstäbe sehen, und ich versuchte lautlos, sie aufzurufen, aber sie kamen nicht, wie ich es erwartet hatte.
Verschwende keine Zeit, Hermine. Töte Harry Potter, bevor er sich befreit hat!
Ich zuckte zusammen und spuckte Blut. Ich spürte, dass sich durch Erebus’ grausame Schläge ein Backenzahn gelöst hatte, meine Wange blutete mehr als sie es sollte.
Meine Hand glitt in meinen Stiefel, wo Lucius’ Dolch an mein Bein gebunden war. Ich hatte die verzauberte Klinge nicht vergessen, denn sie summte bei jeder Bewegung an meiner Haut. Ich nahm das kühle Metall in die Hand, stand auf und starrte an die Stelle, wo Erebus’ Gesicht sein müsste. Mit einer Armbewegung richtete es sich auf Harry.
Ich stellte mich gerade hin, atmete tief ein und versuchte, Dracos Körper zu sehen, wurde jedoch von Erebus’ dunkler Aura und Kleidung behindert.
Ich drehte mich um, machte ein paar wacklige Schritte den Hügel hoch bis zu Harry, den Dolch in meiner Hand.
„Erebus!“, schrie Harry, seine Augen huschten zu der Klinge in meiner rechten Hand.
„Er wird dir nicht helfen, Harry.“
Harrys Augen weiteten sich, sein Gesicht verzog sich, noch stärker, da er falschrum hing.
„Du kannst mich nicht töten, Hermine“, spottete er.
Ich trat näher, so dass ich nur noch dreißig Zentimeter von Harrys Kopf entfernt war, der auf Höhe meines Bauchs hing.
Ich spuckte noch mehr Blut und zuckte zusammen, als meine Wange zuckte und die Wunde wehtat.
„Ich kann und ich werde es tun.“
Harry lachte und wehrte sich gegen seine Fesseln. Die Eibe weinte unter Harrys Zappelei.
„Nein, du kannst es nicht und du wirst es auch nicht tun. Wenn du mich tötest… wird Ron dich hassen! Und ich auch!“
Ich leckte meine Lippen und machte einen Schritt vor.
„ICH HASSE DICH!“, schrie er mich an.
Ich hob mein Kinn, um Harry von oben herab anzublicken.
„Ron wollte, dass ich dich töte – willst du den Grund wissen?“
Harry kicherte, seine Augen blitzten. „Das würde Ron nie sagen.“
„Wegen dem, was du mir angetan hast – und George, Ginny, Minerva, Aberforth, Trelawney… und ja, selbst den Dursleys. Ich bin sicher, dass es noch viele andere gibt, andere, die durch deinen Wahnsinn verletzt wurden, Harry. Also sagen wir einfach, dass deine beiden Freunde dich verlassen haben… deinetwegen, Harry“, flüsterte ich und spielte mit der Klinge in meiner Handfläche.
„LÜGNERIN! Alles ist Lüge, du, Malfoy, alles! Du gehörst mir! Mir! Wie kannst du es wagen! WIE KANNST DU NUR?“
Ich blinzelte – er wollte das Unausweichliche herauszögern. Mit einem Stöhnen hob ich den Dolch, eilte nach vorne, packte den Zeitumkehrer um seinen Hals…
… und vergrub den Dolch in seinem Herzen.
Ich stolperte rückwärts und sah das Blut aus Harrys Brust spritzen. Schnell legte ich mir den Zeitumkehrer um den Hals. Harrys Gesicht war von seinem Blut bedeckt, aber er starrte mich mit offenem Mund an, machte Gurgellaute.
„Ich…“, keuchte er. „Ich hätte nicht gedacht, dass du es wirklich… tun würdest…“, hustete er, während sein Blut unter ihm eine Pfütze bildete-
Ich würgte bei dem Anblick und dem Geruch des Bluts und seines Gesichts, das nun im Tod wieder zu dem wurde, das ich kannte und geliebt hatte.
„Ich… habe dich…“, keuchte er mit großen Augen, „…geliebt…“
Ich machte einen Schritt vor, als der Blutstrom nachließ, meine Augen wanderten zu dem grünen Griff des Dolches, der tief in Harry Potters Brust steckte, zu seinen flackernden Lidern und seiner schweren, gurgelnden Atmung.
Als meine Hand sein blutiges Gesicht berührte, schluchzte ich.
Es war vorbei…
Aber…
Als Harrys letzter Atemzug vorbei war, passierte etwas, was ich nie erwartet hätte.
Aus Harrys baumelndem Körper schien ein Blitz zu schießen, gefolgt von einer heftigen, magische Welle. Ich fllog nach hinten, der Zeitumkehrer an meiner Brust leuchtete.
Die Klammer, die das Stundenglas hielt, öffnete sich und plötzlich verschwand der Friedhof, während ich mich noch im Flug befand. In vermutlich nur drei Sekunden, die sich zu Minuten ausdehnten, starrten meine Augen auf den Zeitumkehrer, der an seiner Kette um meinen Hals hing, wirbelte und sich drehte – die Zeit.
Ich dachte nur: Fuck.
Ich landete hart, meine Schläfe erwischte irgendwo in der Zeit einen verwitterten Grabstein und ich sah und dachte nichts mehr.
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