
von Nitsrek
Ich spürte Severus nicht in meinem Kopf und hatte Angst. Anscheinend hatte die magische Schockwelle, die von Harrys Körper ausgegangen war, alle Spuren des mir innewohnenden Zaubers gelöscht.
Ich hatte keine Ahnung, warum Harrys Körper beim Tode solch eine Magie freigab, aber ich hatte auch gelesen, dass manchmal – nur manchmal – wenn ein Zauberer starb, seine Magie mit ihm starb, und dass es dann zu einer Welle oder einer Explosion von Macht kam, wie ein letzter Todeskrampf. Als Albus starb, füllte das Lied des Phoenix die Luft.
Ich fragte mich, ob Harrys Tod, wenn er nicht wahnsinnig oder von der Vergangenheit besessen weitergelebt hätte, auch so – so passend gewesen wäre?
Ich hatte Harry Potter getötet. Nicht Voldemort. Nun waren beide tot, wie so viele andere.
Und Draco, war er tot? Ich hatte nicht die Chance gehabt, es herauszufinden. Dennoch schmerzte mein Herz.
Der letzte bewusste Gedanke, den ich gehabt hatte, war, dass ich durch die Luft flog und der Zeitumkehrer mich durch die Zeit zwang. Aber war ich vor oder zurück gereist? Technisch betrachtet, mit dem Wissen, wie Zeitumkehrer funktionierten, nahm ich an, dass ich in die Zukunft gereist war, da Harry ihn benutzt hatte, um in die Vergangenheit zu reisen. Die Bolzen, die das Stundenglas hielten, waren mit Federn ausgestattet, aber ich glaubte nicht, dass ich Zwölf Komma Neun Null Acht und nochwas Jahre in die Zukunft gereist war…
Da öffnete ich meine Augen.
Ich war mir meines Körpers schon seit Längerem bewusst, ebenso der Schmerzen in meinem Gesicht und Gliedmaßen. Ich war mir auch des Zeitumkehrers auf meiner Brust bewusst, der sich nicht mehr drehte, aber das Stundenglas klemmte zwischen dem Rahmen und der Drachenhaut meiner Bluse. Vorsichtig hob ich meine Hände, um das Stundenglas festzuhalten, aber sonst bewegte ich mich nicht.
Ich lag auf dem Boden, über mir waren die Sterne, so hell und schön, dass ich mich fragte, wie ich sie so deutlich sehen konnte. Ich konnte auch die Milchstraße sehen, als wäre sie nicht durch die Erdatmosphäre gestört, nicht durch Lichter und Umweltverschmutzung. Aber es war nicht nur Sternenlicht, dass meine Hände und meinen Körper beleuchtete.
Ich drehte meinen Kopf nach rechts, und hoch am Himmel stand etwas, das ich nicht sofort identifizieren konnte.
Roter, glitzernder Fels schien vor den Sternen durch den Himmel zu schweben, wie rote Eiskugeln, zerschlagen und über die Sternenkuppel verteilt. Ich erkannte das größte Stück an seinen Eigenschaften und stöhnte.
Es war der Mond, aber er war es auch nicht. Der Mond hatte Risse und war gebrochen, die Teile schwammen über den Himmel wie ein Band aus Glasscherben.
Ich setzte mich auf, klammerte meine rechte Hand um den Zeitumkehrer.
„Gott…“, flüsterte ich, als ich mich umsah.
Ich war nicht auf dem Friedhof von Little Hangleton, ich saß nicht im Gras.
Geräusche, sanft und gespenstisch, drangen an meine Ohren, und ich realisierte, dass meine Stiefel im Wasser standen, während mein restlicher Körper im weißen Sand saß. Ich befand mich am Ufer eines großen schwarzen und ruhigen Ozeans. Der rote Mond spiegelte sich in der Oberfläche des Wasser, badete alles in oranges Licht.
Hinter mir schien sich der weiße Strand in alle Ewigkeit zu erstrecken, der Horizont hinter mir war leer. Der schwarze Ozean vor mir ebenso, ohne jede Spur eines Sonnenauf- oder – untergangs. Wind wehte, sanft an meiner Haut, aber er trug nicht den Geruch des Meeres.
Die nichtssagende Landschaft ängstigte mich dermaßen, dass ich Tränen über mein Gesicht laufen spürte, das Salz brannte in der Wunde. Mein Mund war offen, meine Lippen zitterten, aber ich konnte nicht schreien.
Wo war ich?
Wann war ich?
Ich blinzelte die Tränen weg, drehte meinen Kopf in jede Richtung und sah nichts.
Ich stand auf und seufzte. Ich blickte auf die Rädchen des Zeitumkehrers und runzelte die Stirn. Jede Ziffernstelle stand auf ‚9’. Wäre Draco hier, wüsste ich, was er sagen würde.
‚Wir sind am Arsch, Liebes.’
Ja, das waren wir.
Ich beschloss, am Ufer entlang in eine Richtung zu laufen. Ich lief und lief, wobei ich bemerkte, dass die Abdrücke meiner Stiefel schnell von dem leichten Wellengang des schwarzen Meerwassers fortgespült wurden. Ich blieb einen Moment stehen und probierte das Wasser. Es war frisch, also nicht wirklich Meerwasser.
Ich lief weiter, beruhigt, dass ich einen ganzen Ozean von Trinkwasser hätte, sollte ich durstig werden. Aber es störte mich, dass ich weder Zauberstab noch Mantel bei mir hatte. Ich hatte kein Essen und auch keine Möglichkeit, mich zu schützen.
Deshalb fing ich an, zu rufen.
„HALLO! IST DA JEMAND?“
Meine Stimme verschwand im Wind.
Ich rief wieder und wieder, bis mein Hals wehtat und ich stehen bleiben musste, um mit der linken Hand etwas Wasser zum Trinken zu schöpfen. Stunden schienen vergangen, und wieder setzte ich mich, den Zeitumkehrer immer noch in der Hand. Ich suchte meine Hosentaschen ab und fand ein Haarband, das ich benutzte, um den Zeitumkehrer zu sichern und endlich beide Hände frei zu haben. Zufrieden, dass das Stundenglas sich nicht bewegen und mich irgendwo durch die Zeit schicken würde, lief ich weiter.
Die Zeit schien hier nicht zu existieren, denn ich lief und lief und hatte immer noch keine Sonne gesehen. Die Sterne veränderten sich auch nicht, wie sie es tun würden, wenn die Erde sich um ihre Achse dreht. Ich versuchte, gewisse Sternbilder zu identifizieren, fand aber keines, das ich erkannte. Der einzige Stern, den ich identifizieren konnte, war Betelgeuse, aber ich sah weder Rigel und Bellatrix, noch die drei Sterne des Oriongürtels, Alnitak, Alnilam und Mintaka.
War ich so weit in die Zukunft gereist, dass selbst die Sterne sich so verschoben hatten? Wenn ja, warum existierte die Erde dann noch? Sicher war die Sonne explodiert und damit wäre unser Sonnensystem zerstört?
Ich wünschte, Severus würde mir antworten.
Ich trug meine Stiefel in der Hand, nachdem ich keine Lust mehr hätte, den Sand auszuleeren, und lief weiter – weiter und weiter.
Ich war müde, tief betrübt und verängstigt. Das Ufer war nichtssagend, änderte sich nicht, und die monotonen Geräusche der Wellen schmerzten in meinen Ohren. Nichts veränderte sich; selbst der Wind vom Meer aus blies immer dreißig Sekunden, zweiminütige Pausen dazwischen. Alles war künstlich und ich wagte es nicht, ’landeinwärts’ in die weiße Wüste zu gehen.
Meine Schritte wurden langsamer, meine nackten Füße glitten durch den Sand. Meine Schultern fielen, mein Gesicht schmerzte und ich wollte schlafen.
Ich wollte Draco. Ich wollte nach Hause. Ich wollte meinen Kater. Ich wollte Kaffee.
Dann stolperte ich, meine Stiefel fielen in den Sand, der Zeitumkehrer schaukelte um meinen Hals. Mir fielen die Haare ins Gesicht, als ich im Sand kniete, meine Handflächen auf die kleinen Körner gestützt. Mein Kopf pochte vor ungeweinten Tränen und Angst. Also weinte ich. Ich weinte meinen Kummer durch Schreie von der Seele. Ich schrie so laut ich konnte, wissend, dass niemand mich hören würde – es gab niemanden.
Ich zog an meinen Haaren und schlug mit der Faust in den Sand.
Ich wurde dafür bestraft, dass ich Harry getötet hatte, da war ich sicher.
„Wieso? WIESO?“
Wasserplätschern überraschte mich und ich ließ mich im Sand auf die Seite fallen – ein Glitzern erregte meine Aufmerksamkeit und ich keuchte.
Ein Delfin. Ein Delfin sprang aus dem Wasser, drehte sich in der Luft und tauchte wieder ab.
Ich schluchzte schnaubend; ein Delfin konnte nicht im Süßwasser leben. Andererseits schien hier fast nichts einen Sinn zu ergeben. Der Delfin sprang wieder und ich stand auf.
Mit einem fröhlichen Kichern rief der Delfin nach mir und ich merkte, dass ich ins Wasser lief, meine Stiefel vergaß.
Leben, es gab Leben, wo keines sein sollte. Freude rann durch meinen Körper, und ich lachte durch meine Tränen. Das warme Wasser trat über meine Knöchel, aber ich lief trotzdem weiter. Es wurde nicht tiefer, egal, wie weit ich lief.
Ich blieb stehen, als der Delfin in der Ferne wieder sprang. Ich runzelte die Stirn. Logik? Gab es in dieser Welt nicht. Deshalb hatte ich auch dieses ungute Gefühl im Magen. War der Delfin in der Ferne überhaupt real?
Merlin, ich wünschte, Severus würde sprechen.
Ich lief trotzdem weiter, das Ufer verschwand hinter mir. Ich ignorierte die innere Stimme, dass ich ins Wasser fallen und ertrinken könnte. Der Delfin bog sich in der Luft, manchmal schwamm er auch und ich konnte nur seine Flosse sehen. Manchmal drehte er sich lachend zu mir um und ich lächelte. Aber ich kam nie näher an ihn ran und die von ihm verursachten Spritzer trafen mich nie.
Der Widerstand des Wassers an meinen Beinen ließ mich langsamer laufen, aber der Delfin schien es nicht eilig zu haben; ich hatte nicht einmal eine Ahnung, warum ich ihm folgte oder ob die Kreatur das überhaupt wollte, aber ich tat es trotzdem.
Es war komisch, dass ich einem Delfin folgte, wo ich doch die kleinen Delfinsymbole in meine Haut gebrannt hatte, und ich erinnerte mich an die Mosaike und die Deckenmalereien an den Wänden meines Traumpalastes. Meine Lippen formten ein hämisches Lächeln. Das hier war kein Zufall.
Stunden vergingen, zumindest glaubte ich es, bis sich der dunkle Horizont schließlich veränderte. Ein rotes Licht spiegelte sich im Wasser, als würde die Sonne auf- oder untergehen. Meine Laune stieg, schon allein, weil ich endlich etwas Neues sah. Das Licht war weder hell noch blenden, aber es beschien das Wasser unter meinen Füßen und ich konnte weit auf den Meeresgrund sehen.
Schwärme von silbernen und blauen Fischen schwammen hinter mir her und ich kicherte.
Wie seltsam.
Ich lief weiter, etwas langsamer, und rieb mir den Schweiß aus der Augenbraue. Ich wollte stehenbleiben, mich setzen, aber ich hatte Angst, dass ich dann ins Wasser sinken würde. Unlogisch, ja, aber hier gab es keine Logik…
In der Ferne erkannte ich einen Umriss – etwas, dass ich erst richtig erkennen konnte, als ich anfing zu rennen. Vor mir befand sich eine Marmorplattform im Wasser, darauf drei Figuren.
Sie saßen auf einer Bank und erinnerten mich an antike griechische Götterstatuen, geschaffen aus Marmor, ohne Steinköpfe, die Kleidung feucht und dünn. Aber die drei Figuren hatten Köpfe und waren aus Fleisch und Blut, sie trugen dünnen, weißen Stoff. Es waren aber nicht nur drei Figuren, sondern drei Figuren und ein Spinnrad.
Nachdem ich meine nackten Füße auf die Plattform gestellt hatte, setzte ich mich an den Rand und zog die Beine an. Ich war extrem müde, mein Verstand war überladen mit dem, was ich wenige Meter von mir entfernt sah.
Drei Frauen: Die erste, am Spinnrad, war jung, vermutlich nicht älter als Fünfzehn, Clotho. Sie saß links von mir. Daneben stand eine Frau in ungefähr meinem Alter, ihr Bauch leicht gewölbt, aber nicht schwanger, und sie maß mit einer Stange den roten Faden, der gesponnen wurde; Lachesis. Ganz rechts stand eine alte Frau mit faltigem Gesicht, in ihren verwitterten Händen hielt sie eine goldene Schere, mit der sie sorglos den Faden zerschnitt, der in ihre Richtung gegeben wurde, so dass rote Stückchen des Fadens auf den weißen Boden neben ihre nackten Füße fielen. Atropos.
„Wir haben auf dich gewartet, Hermine Jane Granger“, sagte die jüngste Frau, die Jungfrau, und blickte von ihrem Spinnrad auf zu mir, ihre Stimme melodisch und süß.
Clotho hatte mein Gesicht, ich als junges Mädchen.
„Gerade rechtzeitig“, sagte die Mutter, ihre Stimme voller Liebe.
Lachesis war ich.
„Wie wir es vorhergesehen hatten“, zischte die alte Frau, ihre Stimme so alt wie ihr Gesicht.
Atropos war auch ich, nur älter.
Ich war die Moiren und ich wollte mir die Augen auskratzen. Ich konnte sie jedoch nur mit offenem Mund anstarren. Dann stellte ich die einzige Frage, die mich beschäftigte.
„Bin ich tot?“
Alle drei lachten, unterbrachen aber nicht ihre Tätigkeiten – Leben und Zeit zuteilen.
„Nein, Hermine, ganz sicher nicht!“, sagte Atropos kichernd, ihre Schere schnappte. „Du bist nur in der Zeit gelandet, zu der es keine Menschen mehr auf dieser Welt gibt.“
Ich blinzelte. „Was?“
„Es ist ganz einfach, ehrlich“, sagte das Mädchen – Clotho – kichernd.
„Du bist weiter gereist, als es möglich ist. Die Welt ist noch da, deine Rasse aber nicht, schon seit Millionen von Jahren nicht mehr“, erklärte Lachesis in meiner Stimme.
„Aber das wusstest du natürlich schon“, seufzte die alte Frau, zog den roten Faden von Lachesis’ Fingern und schnitt wieder.
Ich runzelte die Stirn. „Was tut ihr drei dann? Wenn es niemanden mehr gibt…“
„Oh, wir sind für jedes Lebewesen zuständig. Natürlich im Moment nur für die Fische und die anderen Meeresbewohner, aber es ist trotzdem eine Aufgabe“, grummelte Lachesis.
Die Schicksalsgöttinnen waren fast arbeitslos – wie nett.
„Aber ihr seid nicht wirklich die Schicksalsgöttinnen, oder? Nur eine Manifestation…“
Clotho kicherte. „Vielleicht.“
„Wir nehmen viele Formen an, Hermine, diese passt aber am besten zu dir“, flüsterte Lachesis.
Ich leckte meine Lippen und seufzte. „Gott?“
„Gott? Soll das ein Witz sein?“, schimpfte Atropos über ihr Schneiden.
Ich schüttelte dumm den Kopf.
„Wir sind die Zeit, das Universum, und so viel ‚Gott’, wie du es bist, Hermine.“
„Es gibt also keinen Gott?“
Wieder lachten alle drei, ihre Gesichter leuchteten vor Freude.
„Das können wir nicht beantworten – du würdest es nicht verstehen.“
Ich neigte den Kopf. „Probiert es aus?“
„Nein, tut uns leid, das geht nicht“, erwiderte Clotho schlagfertig.
Ich nickte, verwirrt.
„Du übersiehst die wichtigste Frage von allen, Hermine“, sagte Lachesis, die mich wieder anlächelte.
„Welche?“
„Wie kehrst du an den Ort zurück, an dem du sein musst, denn ehrlich, Schätzchen, hier kannst du nicht bleiben“, keuchte Atropos.
„Es war ein Unfall“, räumte ich ein.
„Das wissen wir“, sagten sie gleichzeitig.
Ich verlagerte mein Gewicht auf die rechte Hüfte, rieb meine nassen Füße aneinander.
„Das hier…“, sagte ich und bewegte meinen Arm zum Himmel und über das Meer, „… wird einmal aus der Erde werden?“
„Ja, in ein paar Milliarden Jahren. Und in circa einer Stunde, wird alles verschwinden.“
Ich blinzelte wieder.
„Das Ende“, kicherte Atropos heiser.
„Und wir ziehen an einen anderen Ort.“ Clotho strahlte, anscheinend bereit, die Erde zu verlassen.
„Also musst du bald gehen. Du kannst nicht hier bleiben, wenn diese Welt explodiert, unschöne Angelegenheit… sehr schmerzhaft“, fügte Atropos hinzu.
Ich wusste nicht, ob ich lachen oder schreien sollte. Warum hatten die Schicksalsgöttinnen Sinn für Humor? Ich seufzte. Es machte ihre Aufgabe vermutlich einfacher, wobei ihr Humor viel zu schwarz und albern für meinen Geschmack war.
„Du musst zu dem Jungen zurückkehren, den du liebst. Wir haben dein Leben schon gesehen, Hermine…“
Ich öffnete den Mund.
„…aber wir können dir nichts erzählen“, seufzte Lachesis.
„Dieses Ding um deinen Hals, gib es Atropos“, schlug Clotho vor.
Ich zögerte, meine Hand berührte den Zeitumkehrer, der auf meiner Brust ruhte. Langsam stand ich auf und tapste über die Plattform zu der alten Frau.
„Ah, ich muss nichts mehr schneiden, nicht bis zum großen Finale“, flüsterte die Alte und legte ihre Schere in ihren Schoß.
Ich erstarrte, als die ältere Version von mir den Zeitumkehrer in ihre fleckigen Hände nahm.
Ich betrachtete ihr Gesicht, ihre faden grauen Haare.
„Du wirst nicht so schlimm aussehen, Täubchen. Wenn du seit Jahrtausenden Fäden schneiden müsstest, glaubst du, du hättest Zeit, dich hübsch zu machen?“, lachte sie.
Ich zuckte mit den Schultern, weil mir keine andere Antwort einfiel.
Atropos’ Finger – alt und geschwollen von Rheuma – arbeiteten flink, stellten die Rädchen an der Seite des Umkehrers ein.
„Wir respektieren dich wirklich, Hermine, das sollten wir dir sagen. Für eine Sterbliche hast du großes Verständnis für das Universum. Denke nur daran, dass alles, was passiert ist und passieren wird, einen Grund hat“, sagte Lachesis sanft.
„Hab keine Angst. Du bist bald fertig mit diesem ganzen Zeit-Zeug, du hast bald neue Aufgaben“, fügte Clotho hinzu.
Die Worte der beiden Frauen, die mein Gesicht trugen und mir sagten, dass die Erde in einer Stunde explodieren würde, beeindruckten mich nicht.
„Harry… das alles… warum?“, fragte ich.
„Nur eine Geschichte von vielen“, sagte Clotho sanft.
„Aber warum hat er getötet, um die Heiligtümer zu bekommen, wenn er diese Leben hätte verschonen können?“, weinte ich, weil ich immer noch nicht die Motive kannte, die hinter Harrys Morden auf dem Weg nach Hogwarts kannte; all die Zentauren…
„Er wollte unbewusst unsere Rolle übernehmen“, antwortete Lachesis, ihren Messstab auf dem Schoß.
„In seinem Wunsch, den Verlauf der Geschichte zu verändern, hat er gehofft, die Toten als seine loyalen Diener zurück zu holen, um die Macht über Leben und Tod zu haben. Das ist keine Macht, die für den Menschen bestimmt ist“, antwortete Clotho.
„Du warst dazu bestimmt, Harry Potter aufzuhalten, dazu wurdest du geboren und aufgezogen.“
Ich schniefte. „Und der freie Wille? Habe ich denn gar keinen?“
Atropos kicherte. „Du hättest jederzeit aufhören können, Hermine. Du hättest dich während dem Krieg für den Tod entscheiden können, oder nachdem Potter dich angegriffen hat. Du hättest weglaufen können, hast es aber nicht getan. Dein Wille hat den Lauf der Geschichte verändert, so dass er in seine bevorzugte Zukunft führt.“
Ich blinzelte. „Bevorzugte Zukunft?“
„Ja, eine Zukunft, die letztlich zum erwünschten Ende führen wird; deine Welt, in der du existierst, wird bis zum Ende der Welt bestehen“, freute Clotho sich.
„Du musst zurück gehen und zu Ende bringen, was begonnen wurde. Auch wenn wir wussten, dass du herkommen würdest, gibt es noch mehr zu tun. Stelle die zukünftigen Ereignisse nicht in Frage, aber sei versichert, dass Harry Potter nun tot ist und dass alles ein gutes Ende finden wird“, sagte Lachesis mit beruhigendem Lächeln.
„Zeitreisen sind gefährlich, viel zu gefährlich für die Menschheit. Es war nicht angedacht, dass die Menschen sich in unsere Arbeit mischen, aber diesen Fehler können wir jetzt nicht ausbügeln. Wir können ihn nur davon abhalten, die Zukunft zu beeinflussen“, grummelte Atropos und spielte mit dem Zeitumkehrer.
„Könnt ihr mir sagen, wann ich gerade bin?“, fragte ich schließlich.
Clotho kicherte. „Circa neun Milliarden Jahre in der Zukunft.“
Ich atmete ein und seufzte. „Eine kosmische Katastrophe?“
„So etwas in der Art. Natürlich würdest du vermutlich lachen, wenn wir dir den genauen Grund sagen würden“, sagte Lachesis sanft, ihre Augen blickten zu dem Messstab.
„Ein interstellarer Kurzschluss?“, fragte ich grinsend.
Alle drei lachten… und lachten weiter.
„Das ist ein Witz!“, schrie ich mit großen Augen.
„Nein, Schätzchen, das ist es nicht“, kicherte Atropos und stellte das letzte Rädchen ein.
„Aber etwas ähnlich Albernes, Mach dir keine Sorgen, Hermine. Inzwischen sind die Menschen verschwunden…“
„Ausgestorben?“
Atropos verschluckte sich. „Weiterentwickelt und fort von diesem Ort. Das sind genug Fragen, Liebes.“
„Ja, es wird spät“, stimmte Lachesis zu.
„Jetzt stimmt es!“, rief Atropos aus und zog meine Hände an den Zeitumkehrer, dessen Klammer immer noch kaputt war. „Sobald du loslässt, bist du fort.“
Ich blickte auf den Umkehrer, dann zu den Schicksalsgöttinnen.
„Und er hält an, wenn die Reise zu Ende ist?“
Die Drei nickten.
„Wir würden jedoch davon abraten, den da noch einmal zu benutzen. Er wird vorerst nicht repariert werden können, und eine Reise in die Zukunft würde dich an einen Ort bringen, an dem niemand sein will“, flüsterte Lachesis, ihre Stimme warnend.
Ich stellte mich vor die drei Frauen.
„Lass ihn los, wenn du bereit bist. Du wirst vor der Kapelle auf dem Friedhof in Little Hangleton rauskommen. Natürlich wäre dein derzeitiger Standpunkt in deiner Welt die Nordsee… aber wir schicken dich an den Ort, an den du gehen musst“; erklärte Lachesis.
Ich seufzte und bewegte meine Füße.
„Es ist alles in Ordnung, Liebes. Vertraue dir. Es ist schon einmal passiert…“, lächelte Atropos und ich bemerkte, dass ihr die meisten Zähne fehlten. Merlin, ich hoffte, ich hätte meine Zähne bis zum Tod.
„… und es wird wieder passieren. Und denk daran: Als Zeitreisende musst du jedes Paradoxon, jede Möglichkeit bedenken!“, erklärte Clotho.
Ich nickte. „Danke“, sagte ich verwirrt.
Die Schicksalsgöttinnen lächelten mich an.
Ich starrte sie einen Moment an, dann bewegte ich wieder meinen Fuß.
„Worauf wartest du? Dass wir irgendeine große, kosmische Wahrheit mit dir teilen? Geh, Mädchen, geh, dein Leben wartet nicht ewig auf dich!“, drängte mich die Alte, nahm ihre Schere und schnippte drohend.
Ich prustete lachend, bevor ich mit Tränen auf den Wangen lächelte. Ich wusste nicht genau, warum ich weinte, aber es war egal. Ich kehrte zurück, zurück zu Draco.
„Lebt wohl“, flüsterte ich.
Die Göttinnen lächelten und nickten.
Ich hielt den Zeitumkehrer vor mich und bewegte meine Finger, der Stundenglas wirbelte, trug mich rückwärts durch die Zeit, und dank der Schicksalsgöttinnen auch durch den Raum.
*****
Ich übergab mich, als sich nichts mehr bewegte. Ich war auf Händen und Knien, ergoss alles, was ich gegessen hatte und einen Haufen schwarze Galle auf das Gras.
Durch verschwommene Augen bemerkte ich, dass ich – wie die Schicksalsgöttinnen es gesagt hatten – auf dem Friedhof war, direkt vor der Kapelle. Ich bekämpfte mein Würgen und lehnte mich nach hinten auf meine Fersen. Ich blickte auf den Zeitumkehrer und seufzte, als ich sah, dass das Stundenglas kaputt war. Ich konnte ihn nicht mehr benutzen, nicht sicher. Ich wollte gerade die Kette abnahmen, überlegte es mir aber doch anders und ließ ihn wieder gegen meine Brust fallen.
Vor mir war Harry, wie ich ihn zurück gelassen hatte.
Mit einem Stöhnen stand ich auf, lief um die von mir erzeugte Pfütze und sah Harry an. Er war tot, vermutlich seit circa zwei Stunden, da das Blut auf seinem Gesicht getrocknet war. Seine offenen Smaragdaugen waren von Leichenflecken umgeben und sein Mund war offen, seine Zunge bereits steif am Gaumen.
Ich studierte ihn nicht zu lange, sondern wirbelte herum, rannte den Hügel hinunter dorthin, wo Draco gefallen war.
Aber er war nicht da, wo ich ihn zuletzt gesehen hatte.
Zorn legte sich in meinen Blick und ich schrie, „DRACO!“
Ich suchte den Boden ab. Dort, wo er gelegen hatte, war eine kleine Blutlache, und im Gras zog sich eine Blutspur bis zu der Stelle, wo mein Umhang lag. Ich rannte um die Steine, suchte, rief seinen Namen.
„Wonach suchst du?“
Ich stolperte, als ich mich der Quelle der Stimme zuwandte und fiel zwischen den Steinen hin. Mühsam stand ich wieder auf und verfluchte dafür, dass ich nicht meine Zauberstäbe aufgesammelt hatte, bevor ich mich auf die Suche nach Draco begab.
Die Stimme war verzerrt und außerirdisch und kam von dem Phantom, das mich geschlagen hatte und nun neben Harrys hängendem Körper stand. Von meiner Position aus erkannte ich, was Harrys Leiche war.
Der Gehängte.
Ich schloss einen Moment die Augen und versuchte, meine wütende Entschlossenheit darauf zu richten, den Mann, den ich liebte, zu finden – tot oder lebendig.
„Wo ist Draco?“, fragte ich leise und bewegte mich nicht.
Ich war wehrlos. Wenn ich dieses Phantom, das Harry Erebus genannt hatte, bekämpfen musste, hatte ich nur meine Fäuste, und ich war nicht besonders gut bei Faustkämpfen. Einfaches Boxen war das Einzige, was ich konnte.
„Er ist weg.“
Ich runzelte die Stirn. „Weg? Wohin weg?“
„Von diesem Ort.“
Ich bleckte die Zähne, ignorierte die Schmerzen dort, wo mein Backenzahn sein sollte, schmeckte aber wieder das Blut in meinem Mund. Meine Fäuste ballten sich, um den Schmerz zu bewältigen, und ich lief auf das Phantom zu, ließ meine Augen den Boden nach meinen fallengelassenen Zauberstäben absuchen. Als ich am Fuß des Hügels ankam, hatte ich sie immer noch nicht entdeckt.
„Suchst du die hier?“, fragte das Phantom und zog beide Stäbe aus dem flüssigen Schwarz seines Umhangs.
„Sie gehören mir, ja“, knurrte ich.
Das Phantom tat etwas Unerwartetes. Es warf mir die Zauberstäbe vor die Füße.
Ich zögerte nicht, hob beide auf und zielte auf das dunkle Wesen.
„Gib mir eine Antwort. Wo ist Draco?“, schrie ich.
Das Phantom antwortete nicht, sondern flog auf mich zu, weshalb ich auf die Lichtung zwischen den Steinen hinter mir ausweichen musste, wo die Todesser sich versammelt hatten.
„Er ist in eine andere Zeit gereist.“
Mein Atem stockte und meine Augen weiteten sich.
„Was?“, flüsterte ich.
Das Gespenst schwebte vor mir, direkt vor die Spitze des Elderstabs. Ich hyperventilierte – das Phantom war körperlich, den sie Spitze bohrte sich in das unnachgiebige Fleisch, wo sich die Brust befunden hätte, wenn sie nicht von Dunkelheit umhüllt wäre.
Erebus, Sohn des Chaos, die Personifikation von Dunkelheit und Schatten, auch bekannt als Hades – Tod.
„In eine andere Zeit gereist?“, fragte ich ungläubig.
Ich verzog mein Gesicht und drückte auch meinen Walnussstab gegen seine Brust.
„Erkläre… SOFORT!“, schrie ich.
Der Körper des Phantoms schien sich vor mir zu bewegen und schwebte ein Stück rückwärts.
„Als Potters Magie seinen Körper verließ, wurdest du zurückgeworfen, dann bist du verschwunden. Draco Malfoy kämpfte um sein Leben, erstickte langsam, geblendet, nachdem sein Kopf auf die Steine getroffen war. Er kroch zu dem Umhang, den du abgelegt hattest, und fand einen Zeitumkehrer in seiner Tasche. Er löste die Sicherung und verschwand ebenfalls.“
Ich blinzelte heftig.
Draco war am Leben, zumindest war er das noch, als mich der Zeitumkehrer in die weit entfernte, verlassene Zukunft transportiert hatte. Er könnte überall in der Zeit sein. In der Vergangenheit oder der Zukunft.
Dann fiel es mir ein.
Mit einem Aufschrei rannte ich zu meinem Umhang, ignorierte das Phantom, stopfte meine Stäbe in das Halfter und grub mich wie wahnsinnig durch die bodenlose Tasche. Meine Finger berührten Metall und ich zog.
Die Scheibe fiel in meine Handfläche und ich suchte schnell die Oberfläche ab.
Nichts.
Beide Zeitumkehrer waren benutzt worden. Der, den ich Harry abgenommen hatte, zuerst; die Scheibe sollte die Zeit und die Umdrehungen anzeigen. Ich sah das griechische Muster und die winzigen Delfine stirnrunzelnd an. Der Zeitumkehrer war soweit in die Zukunft gereist, wie es möglich war – neun Milliarden Jahre.
Neun Milliarden Jahre, ich schüttelte meinen Kopf. Nichts, auch nicht diese Welt, würde so lange existieren. Die Sonne wäre gestorben; nach fünf oder sechs Milliarden Jahren wäre sie zu einem roten Risen geworden und hätte die Erde verschluckt. Andererseits war unsere derzeitige Wissenschaft nichts weiter als eine Theorie.
Verdammt. Draco hatte mir nicht folgen können.
Ich stand auf und wandte mich dem Phantom zu, dass sich lautlos hinter mich gestellt hatte. Ich stolperte rückwärts und zog beide Zauberstäbe.
„Du könntest ihm nicht folgen, selbst wenn du wüsstest, wo er hin ist“, hallte seine Stimme durch den Abstand zwischen uns. „Dein Umkehrer ist kaputt.“
Wieder hyperventilierte ich.
Ich hatte Draco verloren, nicht an den Tod, sondern an die Zeit. Er würde nicht zurück kommen und ich konnte nicht folgen. Er hatte den einzigen funktionsfähigen Umkehrer und ich steckte in 1995 fest, mit Harry Potters Leiche und einem Gespenst, das Harry mit sich gebracht hatte.
Ich funkelte den Schatten an.
„Du warst für Harry da, aber du hast ihm nicht geholfen. Du hast einfach mit angesehen, wie Draco und ich verschwanden, dennoch bist du hier geblieben. Warum?“, stieß ich hervor.
Die Gestalt des Phantoms schien in der Dunkelheit zu flackern und ich überlegte, ob ich mit dem Zauberstab Licht machen sollte.
„Ich habe auf deine Rückkehr gewartet.“
Meine Augenbrauen zogen sich zusammen und ich machte einen Schritt rückwärts, lief gegen einen der überirdischen Steinsärge.
„Wer bist du?“
Das Phantom schwebte abwärts und ich sah, wie Stiefel den Boden berührten.
„Ich dachte schon, du würdest nie fragen, Hermine.“
Ich zitterte beim Klang der verzerrten Stimme und hörte den deutlich maskulinen Unterton.
„Ich bin Aidoneus, auch Erebus genannt.“
Verkörperungen des griechischen Gottes der Unterwelt, Hades. Ich wollte wieder speien.
„Aber darüber reden wir später. Um deine vorherige Frage zu beantworten: Draco Malfoy ist in die Zukunft gereist. Zweihundertzwanzig Jahre in die Zukunft.“
„Woher weißt du das?“
Die Hände des Phantoms lösten sich aus der Dunkelheit, die seinen Körper umgab. Die Hände falteten sich vor – wie ich annahm – seinem Bauch.
„Ich weiß es. Dort lernte er viel Neues. So viel neue Technologien, eine Welt so anders, dass er nie davon geträumt hätte. Aber egal, wie beeindruckt er war, er konnte nie vergessen, was er zurückgelassen hatte – seine Hermine. Zweihundertzwanzig Jahre… Hermine war lange tot und Draco Malfoy konnte es nicht ertragen, sein Leben ohne sie zu leben. Also reiste er wieder, da er endlich die feine Mechanik des Zeitumkehrers verstand – ein Gegenstand mit dem Namen Prometheus. Er fand heraus, dass Hermine Epimetheus genommen hatte, seinen Bruder. Als er jedoch nach Informationen über die Frau, die er liebte, suchte, fand er ab Voldemorts zehntem Todestag keine Hinweise mehr. Draco suchte selbst nach Hinweisen. Auch er verschwand aus den Geschichtsbüchern. Da beschloss er, zurückzukehren. Er verschätzte sich aber – das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm – und kam nicht auf dem Friedhof aus 1995 an, sondern nach mehreren Versuchen im Jahr 2008, im Januar vor Harry Potters Ausbruch aus St. Mungo und bevor die Anhänger von M.A.T.C.H. Malfoy Manor angriffen. da traf er eine Entscheidung. Er durfte sich niemandem zeigen, da er damit ein Paradoxon schaffen würde, also schloss er sich Potter an, maskiert als exzentrischer Zauberer, ein Zauberer mit dem Namen Aidoneus, der ‚Ungesehene’, oder passender: Erebus, der Gott der Dunkelheit und der Schatten.“
Meine Knie gaben während der Worte nach, die plötzlich von einer anderen Stimme gesprochen wurden. Noch während meine Augen in meinem Kopf nach hinten rollten, fiel ich, wurde aber von Armen aufgefangen, bevor ich den Boden traf.
Erebus war mein Draco.
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