
von Nitsrek
Die Feststellung führte zu vielen Schlussfolgerungen. Er hatte alles gesteuert, hinter den Kulissen. Er hatte Harry gesagt, wann er das Manor angreifen sollte. Er hatte Susan Bones gesagt, wo die Kobold-gearbeitete Schatulle vresteckt war. Er hatte Harry informiert, als Charlie und sein vergangenes Ich kurz davor waren, sein Versteck zu entdecken.
Und warum?
Um sicher zu stellen, dass ich Harry genau zu dem Zeitpunkt tötete, den die Titanen mir gesagt hatten – am richtigen Ort.
Er hatte sich zu Harrys Verbündetem gemacht, ihm ins Ohr geflüsterte, sozusagen als Iago.
Als ich meine Augen öffnete, sah ich ein in Dunkelheit verborgenes Gesicht. Ich lag am Boden, Erebus über mir. Ich setzte mich abrupt auf und lehnte mich an den Stein hinter mir.
Erebus zog seine Handschuhe aus, dann tauchte eine blasse Hand in die Dunkelheit und zog einen vertrauten Zauberstab, Eiche.
Ich keuchte, als sich der Zauberstab vor dem Kopf bewegte und der schwarze Rauch ein Gesicht enthüllte. Langes, platinfarbenes Haar fiel um breite Schultern, bis zu seiner in Drachenhaut steckenden Brust und um nackte, muskulöse Arme.
Als ich Erebus’ Gesicht sehen konnte, schrie ich, meine Hände berührten die Elfenbein-Haut und das silberne Haar.
Draco. Es war mein Draco!
Sein Gesicht war jedoch anders und ich hielt abrupt inne, bevor ich meine Arme um ihn schlingen und ihn an mich ziehen konnte.
Dracos Gesicht war so blass, wie ich es kannte, aber das rechte Auge, das zerstört worden war, blickte mich an. Es hatte nicht die gleiche Farbe wie das linke, sondern ein helleres Blau, das fast weiß zu sein schien. Die Narbe war da, inzwischen aber nur noch ein hell-lilaner Streifen in seinem Gesicht. Er sah fast so aus, wie ich ihn vor Harrys Angriff außerhalb von Hogsmeade in Erinnerung hatte, abgesehen von der unheimlichen Augenfarbe.
Wenn die Sonne da wäre oder mein Zauberstab Licht machen würde, wäre das helle Blau ebenso schockierend wie im schwachen Abendlicht, nur die Sterne und ein zunehmender Mond schienen. Es war aber nicht nur das neue Auge, das so natürlich wirkte wie das linke, es waren auch die leichten Falten in seinem Gesicht, die dunklen Stoppeln, die seinen starken Kiefer verdunkelten. Er schien älter, nicht viel älter, aber älter. Er trug einen silbernen Ring in einem Ohr und erinnerte mich an Bill Weasley, da eine Kralle oder ein Zahn am Ring hing.
Sein Gesichtsausdruck war seltsam, nicht wie der Draco, den ich kannte, aber er studierte mich mit seinem unpassenden Auge, seine Hände verstauten den Zauberstab – Severus’ Zauberstab.
„Du hättest sicher gerne einige Antworten, meine Liebe, aber wir haben nicht viel Zeit. Es ist schon spät, der Orden würde bald hier sein, und wir müssen all unsere Spuren löschen.“
Seine Stimme klang tiefer, kontrollierter, und ich fragte mich, als er mir beim Aufstehen half, ob der Mann hinter dem schwarzen Phantom wirklich Draco Malfoy war. Er hatte mir eine Version der Ereignisse erzählt, aber ich hatte weder Zeit, noch Energie, um die Worte zu analysieren.
Dracos Umhang – Erebus’ Umhang – bestand immer noch aus nebelhaften Schatten, während er über den Friedhof schritt und meinen verwandelten Mantel aufhob. Ich humpelte an seine Seite, Hüfte und Beine schmerzten von meinen Reisen, und gestattete ihm, die Verwandlung zu lösen und mir Hagrids abgetragenen Mantel um meine Schultern zu legen. Der Kragen war leicht zerrissen und ich seufzte.
Ich beobachtete, wie Draco mit Severus’ Zauberstab sein Blut vom Boden entfernte, die Engelsstatue reparierte und den Hügel hinauf lief zu Harrys baumelndem Körper. Er blieb daneben stehen und ich schloss einen Moment meine Augen – das Bild des Mannes, den ich getötet hatte, brannte sich in meine Iris. Zögernd öffnete ich meine Augen und kämpfte mich den Hügel hoch.
Draco ließ das Blut auf dem Boden verschwinden, zusammen mit dem Blut auf Harrys Leiche.
„Selbst im Krieg habe ich niemals getötet“; flüsterte ich und trat näher an Harry.
Ich bückte mich und schloss seine Augen.
„Ron und Harry hatten getötet, ich aber nicht. Weder mit dem Todesfluch, noch durch andere schreckliche Methoden… Aber jetzt schon, und ich habe nicht einmal meinen Zauberstab benutzt“, flüsterte ich, richtete mich auf, und meine Augen fielen auf den grünen Steingriff des verzauberten Dolches.
Ich packte den griff und zog mit meiner letzten Stärke; sprang zurück, als eine letzte Blutfontäne aus der Wunde in Harrys Herzen spritzte. Draco ließ das Blut verschwinden.
Ich wischte die Klinge an meiner Drachenhaut-Hose ab, bevor ich mich hinkniete und die Klinge an mein Bein band. Ich bedauerte, dass ich meine Stiefel verloren hatte, der Boden war ziemlich kalt.
Vorsichtig schnitt Draco Harry los und ließ ihn zu Boden schweben. Ich sah mich um, fand den Tarnumhang und hielt ihn in den Armen, wobei ich die Wärme des verzauberten Stoffes auf meinen nackten Fingern genoss. Ich kniete mich neben Harry, löste seine Arme aus den Fesseln und legte sie über sein Herz – die linke Hand und der Stummel seines rechten Arms. Problemlos zog ich den Ring mit dem Stein der Auferstehung von seiner Hand und ließ ihn in meine bodenlose Tasche gleiten. Ich drückte seinen Kiefer zu; sein Gesicht wirkte fast friedlich, trotz seines gewaltvollen und schmerzhaften Todes.
Lange saß ich so da, starrte Harrys Gesicht an, die Kratzer seiner Fingernägel und die Blutergüsse an seinem Kiefer. Seine Haare lagen in schwarzen Knoten und zerzaust um seinen Kopf, aber im schwachen Licht wirkte er fast schön. Seine Kleidung war lumpig und ich blickte Draco an, der auf Harrys anderer Seite stand und mit seinen merkwürdigen Augen in Harrys Gesicht starrte. Es gab so viele Fragen, die ich stellen wollte, aber ich wusste, dass ich viel zu müde war, um die Antworten zu verstehen.
Mein Blick wanderte wieder zu Harry.
Mein alter Freund, die Quelle so großer Freude für viele, so großen Leids für andere. Er hatte die Welt auf den Kopf gestellt, dass Universum in seinem Schmerz herausgefordert und ich hatte ihn getötet, weil ich dazu bestimmt gewesen war. Wo hatte dieses Schicksal begonnen? Lag es daran, dass ich mich vor der restlichen Welt versteckt hatte? Lag es daran, dass ich mit Zeit arbeitete? Lag es daran, dass ich so unschuldig war, selbst als Erwachsene?
Severus’ Stimme antwortete mir nicht, und ich wusste, dass der Zauber, der ihn in meinen Verstand gesetzt hatte, fort war.
Ich fing an zu weinen, erschütternde Schluchzer. Auch wenn Draco da war, kannte ich ihn nicht. Harry war tot, Severus hatte mich verlassen. Ich kannte niemanden auf der Welt.
Ich fiel auf Harrys kalten Körper, legte meinen Kopf nahe der Wunde, die ich geschaffen hatte, ab, klammerte mich an seine zerfetze Kleidung und ließ meine Tränen in seine bewegungslose Brust sickern. Wenn ich mich nur nicht versteckt hätte, vielleicht hätte Harry dann nicht…
Nein, was vorbei war, war vorbei, aber das hielt mein Jammern nicht zurück.
Ich hatte meine Pflicht erfüllt. Ginny, Ron, Severus und so viele andere, die ich geliebt hatte, hatten mir gesagt, dass ich – und ich allein – Harry James Potter umbringen musste. Also hatte ich es getan, aber ich fühlte mich nicht im Geringsten sicherer oder bestätigter, weil ich den Mann getötet hatte, der so viele meiner Lieben umgebracht hatte. Ich fühlte mich krank und schmutzig. Dunkelheit war in mir aufgestiegen, eine Dunkelheit, die nie vergehen würde. Vielleicht fühlten das alle Leute, die jemanden umbrachten.
Aber ich fühlte keine Schuld, nur Verlust.
*****
Wir konnten Harry nicht mit uns nehmen.
Ich starrte Draco kühl an – oder den Mann, der wie Draco aussah – und schloss in müdem Ärger meine Augen.
„Einer von uns könnte zurückgehen, dann hierher zurück kommen…“, begann ich.
„Nein. Das ist zu gefährlich, Hermine.“
Wir hatten nicht damit gerechnet, dass wir nur einen Zeitumkehrer hätten, und ich verfluchte mich, weil ich diese Möglichkeit nicht bedacht hatte; das war sehr untypisch für mich. Aber das war Mord auch.
Ich lehnte mich an die Eibe. Wir hatten Harrys Leiche in den Schal gewickelt, den Minerva gemacht und den ich in meiner Tasche mitgebracht hatte, so dass ich das tote Gesicht meines Freundes nicht länger sehen konnte. Harrys Leiche erinnerte mich an ein Päckchen in gehäkelter, rot-goldener Verpackung, und ich wusste, dass mein Gehirn langsam abschaltete.
Draco stand still dort, wo er schon gestanden hatte, als ich um Harry geweint und all meinen Kummer ausgedrückt hatte. Der Schattenumhang, den er trug, bewegte sich, obwohl es windstill war – es beunruhigte mich. Ich konnte mir nicht gestatten, über sein merkwürdiges Auftreten nachzudenken, oder wie die Schatten sich wie ein gewöhnlicher Mantel gebärdeten, oder wie zerschlissen seine Drachenhaut-Kleidung darunter aussah.
Ich konzentrierte all meine geistige Energie darauf, was jetzt zu tun wäre. Der Orden durfte uns nicht finden, und Harrys Leiche durfte auch nicht gesehen werden. Wir konnten nicht zusammen zurückreisen, und Draco hatte mir gesagt, dass wir den Körper nicht schrumpfen konnten.
„Wir verstecken ihn. Wir verbergen ihn unter einem Haltbarkeitszauber, bis wir wieder kommen und ihn holen“, flüsterte ich, meine Augen huschten über den Schal.
„Wo sollen wir ihn verstecken?“
Ich schloss die Augen. „In einem der Gräber oder wir schaffen ein Hügelgrab.“
Ich konnte nicht glauben, was ich da sagte, aber es war der einzige Verlauf, den ich mir vorstellen konnte.
„Unter der Kapelle ist ein Grab, der Eingang ist versiegelt. Wir könnten die Leiche dorthin tragen und das Grab vorerst unversiegelt lassen.“
Dracos Stimme war flach und emotionslos. Ich hasste es.
Ich nickte mit geschlossenen Augen. „Dann machen wir es so“, flüsterte ich.
Ich ließ meinen Kopf zurück gegen die Eibe fallen. Ich hörte, wie Draco Harrys Leiche bewegte und sich von mir in Richtung Kapelle entfernte.
Kurz darauf döste ich ein. Ich versuchte, die Schmerzen in meinen Knochen zu ignorieren; ich versuchte, den Geruch des Todes zu ignorieren, den ich zuvor nicht auf dem Friedhof bemerkt hatte. Ich versuchte, die Angst vor Draco zu ignorieren, und meine Fragen.
Und dann schlief ich ein.
Es ist schon einmal passiert und es wird wieder passieren…
Eine Hand auf meiner Stirn weckte mich und ich erschrak; mein Zauberstab – der Elderstab flog in meine Hand, die Spitze grub sich in den Hals des Mannes, der vor mir kniete. Mein Blick traf Dracos.
„Was?“, fauchte ich.
Draco zuckte nicht zusammen, entfernte sich nicht.
„Es ist Zeit, zu gehen.“
Ich blinzelte ihn an und ließ den Zauberstab sinken. Er stand auf und trat zurück, zog aus den Schatten seines Umhangs einen Zeitumkehrer aus der Dunkelheit, die Kette lag um seinen Hals.
Ich zögerte. Ich zog seinen Bruder von meinem Hals, überprüfte genau, dass das Stundenglas gesichert war, und legte ihn in meine Tasche.
„Ist alles erledigt?“, fragte ich heiser und benutzte den Baum hinter mir als Stütze.
Ich unterdrückte meine Emotionen und stellte mich zu Draco, der die Räder am Zeitumkehrer einstellte.
„11. Mai 2008, 9:00 Uhr“, sagte er, sein linker Finger an der Sicherungsklammer des Stundenglases.
Ich nickte und humpelte an ihn heran.
Er schien zu seufzen, als ich näher kam, schloss den Abstand zwischen uns mit einem kleine Schritt und legte die magische Kette um meinen Hals. Dann zog er mich an sich und ich war umgeben von Schatten. Dracos Arme fühlten sich vertraut an, er roch sogar schwach nach Zitrus und Salbei. Ich legte meine Arme um seine Taille, lehnte meine unversehrte Wange an seine breite Drachenhaut-Brust.
„Halt dich fest, meine Liebe…“; flüsterte er.
Und wir waren weg.
Mich störte die verzehrende Reise nicht, auch nicht, dass ich mich an Draco klammern musste, oder dass das aufblitzende Licht der Sonne ungefähr fünftausendmal über den Himmel flog. Eigentlich störte mich gar nichts, ich wollte schlafen, mich heilen und ein langes Bad nehmen.
Harrys Tod – der Mord an meinem besten Freund – wurde in die Tiefen meines Gehirns gedrängt, damit ich mich später darüber aufregen konnte.
Als die Reise vorbei war, fiel ich nicht wie letztes Mal hin, aber wir fielen beide auf die Knie.
Vögel sangen im Morgenlicht, der Geruch des Todes war weg, und überall um uns war blauer Himmel und Schäfchen-Wolken schienen sich durch unsere dunklen, müden Körper zu weben.
Draco stand fast sofort auf und überprüfte mit dem Zauberstab die Zeit. Ich las die hellgrünen Ziffern und Buchstaben, Zeit und Datum entsprachen Dracos Aussage. Wir waren zurück.
Aber ob es wirklich unsere Zeitschiene, unsere Welt war, mussten wir noch sehen.
*****
Draco brachte mich per Seit-an-Seit-Apparieren vom Friedhof weg zu den Toren von Hogwarts. Er erzählte mir nicht, wo er mich hinbringen würde, er stellte auch keine Fragen; er sprach eigentlich gar nicht. Als wir an den Toren ankamen, fuhr er jedoch die Beamten an, die die Tore bewachten.
"Scruggs, bringen Sie mich zu Longbottom, sofort!"
Ich schwankte auf meinen Beinen und fiel in die Arme des Beamten, den ich noch von vorher in Erinnerung hatte. Und ich wurde schnell von ihm weggezogen. Die anderen Beamten wollten mit Draco sprechen, aber sein Blick ruhte auf mir, während ich beobachtete, wie er mich durch die Kobold-Magie auf die Ländereien von Hogwarts zog.
Draco sagte nichts zu den Beamten und verschwand gleich darauf, ein Wirbel aus Schatten, selbst im Licht des wunderschönen Maimorgens.
Als ich zusammenbrach, hob mich der Beamte hoch und rannte mit mir in den Armen über die Ländereien in Richtung Eingangshalle, deren Türen geöffnet waren. In meinem benebelten Zustand bemerkte ich kaum, dass ich von einem Paar Arme in das nächste weitergereicht wurde, nicht bis die Arme, die mich trugen, sprachen.
"Hast du es geschafft, Hermine?"
Die Stimme war vertraut und ich öffnete meine Augen auf dem Weg zum Büro des Direktors und erkannte das Gesicht von Ronald Weasley.
"Ron?", krächzte ich.
"Ja, Liebes, ich bin es."
Ich studierte sein Gesicht, den dünnen, roten Bart darauf und die Bewegung seiner Augen, während er mich zur aufsteigenden Treppe trug.
"Keine Sorge, du bist jetzt sicher."
Seine Worte, sanft, waren Balsam für mein verwundetes Herz und meinen Körper, und ich drückte mein Gesicht mit einem leisen Schluchzen in sein Hemd.
Nachdem er die Tür zum Büro aufgetreten hatte, trat Ron ein und setzte mich in den Stuhl des Direktors. Ich hörte die Stimmen der Portraits, außerdem die von Charlie Weasley, Kingsley, Hagrid und Neville.
"Holt Poppy!", rief Ron, während er meinen Mantel löste.
Ich öffnete meine Augen, mein Körper hing gekrümmt im Stuhl und ich sah Hagrid, der meinen Mantel hielt, während Charlie zum Flohnetzwerk lief. Neville stritt mit Albus' Portrait und Kingsley kniete neben mir, sein Zauberstab fuhr meinen Körper entlang.
Das 'Wusch' des Flohnetzwerks überraschte mich und kurz darauf wuselte Poppy Pomfrey um mich herum, goss mir Tränke in die Kehle. Ich verschluckte mich und spuckte, aber sobald die Tränke in meinem Magen ankamen, war ich mir meiner selbst und meines Umfeldes sehr viel bewusster. Ein Ziehen in der Wange und an meiner Schläfe sagte mir, dass meine Wunden geheilt wurden. Poppy wollte mir einen weiteren Trank einflößen, aber ich knurrte sie an, schnappte mir den Trank und nahm ihn selbstständig ein.
"Könnt ihr mich alle in Ruhe lassen?", grummelte ich, da alle Anwesenden um mich herum standen, redeten und aufgeregt schrien. Aber bei meinen Worten waren alle zurück gewichen und ich konnte endlich vernünftig in ihre Gesichter sehen.
Ron, Charlie, Neville, Kingsley, Hagrid, selbst Poppy und Albus, beobachteten mich genau, als ich es schaffte, aufzustehen und mich mit den Handflächen auf dem Schreibtisch vor mir abstützte.
"Ich nehme an, ich bin wieder in meiner Zeit?"
Alle runzelten die Stirn, einige tauschten Blicke, unsicher, was sie sagen sollten oder was genau ich damit meinte.
Ich seufzte. "Ruft Lucius oder Narcissa Malfoy hierher. Ich brauche sie."
Charlie war der Einzige, der sich bewegte, ein Grinsen auf den Lippen und ich wusste, dass ich wieder in meiner Zeit war. Nur Kingsley oder Charlie würden wissen, wozu ich die Malfoys bräuchte.
Ich wartete geduldig, aber der Rest war nicht so genügsam.
"Wo ist Malfoy?", fragte Ron.
"Und Harry?", fügte Neville hinzu.
Ich winkte ihre Fragen ab und hörte, wie das Flohnetzwerk einer Person Zugang gewährte. Auf den Schreibtisch zu lief ein Gesicht, über das ich mich freute. Mit einem Schrei schlüpfte ich um den Tisch und fiel in Narcissa Malfoys Arme.
"Nimue sei Dank!", rief Narcissa, während sie mich in ihre dünnen Arme nahm.
Alle Anwesenden, außer Charlie, schienen schockiert, aber ich ignorierte sie alle, während ich in Narcissas hellblaues Satinkleid weinte, ähnlich dem, das sie getragen hatte, als wir zum ersten Mal zu den Stallungen gelaufen sind.
"Lucius ist bei Draco und Williamson, Mr. Weasley", sagte Narcissa zu Charlie. "Sie werden auch bald benötigt. Sie bringen die Leiche hierher zurück."
Charlie war schnell fort, aber ich ignorierte die Bewegung und die Stimmen, während Narcissa meine dreckigen Haare streichelte und mich tröstete, bis meine Tränen getrocknet waren. Sanft, wie eine Mutter es tun würde, führte sie mich zurück zu dem Stuhl hinter dem Schreibtisch.
"Die Zeitschiene hat sich nicht verändert, Hermine. Alles ist, wie es sein soll."
Ich schüttelte den Kopf. "Nicht Draco, es ist etwas vorgefallen..."
Narcissas Augen weiteten sich eine Sekunde, aber dann lächelte sie. "Er lebt, und das ist alles, worauf es im Moment ankommt."
Ich konnte nicht widersprechen.
Mit einem seidenen Taschentuch tupfte Narcissa meine Tränen weg, bevor sie sich den Versammelten zuwandte.
"Sie braucht Ruhe, Gentlemen. Ich bin sicher, dass Ihre Fragen bis später warten können?"
Alle Blicke lagen auf Narcissa, Schock in ihren Gesichtern. Dass Narcissa Malfoy, Ehefrau eines Todessers, im Büro des Direktors stand, war unerwartet und unvorstellbar. Trotzdem leerte sich das Büro, selbst Ron, der mich sehnsüchtig ansah, Schmerz auf seinem Gesicht, ging. Selbst Poppy, die sich neben dem Kamin aufgehalten hatte, ging, und ließ nur Narcissa und mich zurück...
... und Albus.
"Mrs. Malfoy, eine Freude, Sie wiederzusehen", sagte Albus freundlich.
Narcissa wirbelte zu dem Portrait herum, ein höhnisches Lächeln auf ihrem hübschen Gesicht.
"Sprechen Sie mich nicht an, Albus Dumbledore, ich habe Ihnen nichts zu sagen!", fauchte Narcissa.
Mein Schluchzen wurde zu einem Lachen, einem leisen Lachen.
Albus war zu erstaunt, um zu sprechen, und beobachtete lautlos, wie Narcissa mich in ein kleines Wohnzimmer hinter Albus' Portrait führte, wo sie mich auf ein rotes, plüschiges Sofa legte und etwas Schmutz von meinem Kinn rieb.
Nachdem sie sich auf den Rand der großen Couch gesetzt hatte, legte Narcissa mir ein Kissen unter den Kopf. Ihre Augen wanderten meinen Körper entlang zu meinen nackten Füßen. Mit einem Seufzen bewegte sie ihren Zauberstab über meine Füße, säuberte sie und zog - wie es aussah - einen kleinen Dorn heraus. Dann saß sie wieder neben mir und streichelte meine geheilte Wange.
"Harry ist tot...", flüsterte ich. "Ich habe ihn getötet."
Narcissa nickte.
"Und Draco... Er ist nicht länger Draco..."
Ich war fast eingeschlafen, aber mein Verstand war wach.
"Ich habe ihn so vermisst, ich liebe ihn so..." Meine Stimme verstummte, als meine Augen sich schlossen.
Entfernt hörte ich, wie Narcissa anfing zu weinen, aber es war nicht kummervoll, eher erleichtert.
Ich schlief traumlos.
Als ich wieder aufwachte, lehnte Ron über mir, sein Gesicht ernst. Ich konnte Stimmen im Büro hören, aber sie waren gedämpft, da das kleine Wohnzimmer durch einen Vorhang abgetrennt war. Kerzenlicht brannte.
"Es ist der 11. Mai, Hermine. Du bist in Sicherheit...", flüsterte er, seine Finger legten sich um meine Zöpfe.
"Malfoy hat Harrys Leiche zurückgebracht und es wurde bestätigt. Harry ist tot."
Ich schluckte. "Ich habe ihn umgebracht."
Ron nickte. "Das wissen wir. Es ging nicht anders, Hermine."
Es kamen keine neuen Tränen und ich war froh.
"... haben Sie Potter geholfen, M.A.T.C.H. ins Leben zu rufen, Malfoy?", schrie eine männliche Stimme, eine Stimme, die meiner Meinung nach zu Williamson oder Charlie gehörte.
"Was ist los?", fragte ich Ron flüsternd.
Rons Augen waren zu dem dicken roten Vorhang gewandert und er zwang sich zu einem Lächeln. Ich starrte in sein Gesicht, auf den Bart.
"Gumboil versucht herauszufinden, warum Malfoy Harry geholfen hat, bevor ihr in die Vergangenheit gereist seid."
Ich blinzelte. Woher wusste Ron Bescheid?
"Malfoy hat die letzten paar Stunden seine Aussage gemacht. Charlie, Williamson, Malfoy Senior, Gumboil und Kingsley haben ihn befragt, seit Harrys Leiche von Little Hangleton zurück ist."
"Und...", begann ich.
Ron grinste. "Ja, wir wissen von den Zeitumkehrern. Aber keine Sorge, niemand sonst weiß etwas - weder Neville, noch Hagrid, noch sonst jemand, der es nicht zu wissen braucht."
Ich seufzte. "Was hat Mal-Draco gesagt?"
Ron zuckte mit den Schultern. "Als Charlie gefragt hat, warum Malfoy nicht einfach in Sicherheit appariert ist, nachdem Harry..." Er seufzte trauervoll. "Warum er den Zeitumkehrer benutzt hat, hat er gesagt, er war nicht ganz bei Verstand. Er sagte, er hätte gesehen, wie du verschwunden bist, und in seiner Panik hat er versucht, dir zu folgen..."
Ich runzelte die Stirn. Aber Draco hätte nicht gewusst, wohin. Die Scheibe war in meiner Tasche, und ich war über die Zeit hinaus an einen merkwürdigen Ort gereist, der eher Traum als Realität zu sein schien.
"In der Zukunft wurde er von einem freundlichen Zauberer gefunden. Anscheinend ist Little Hangleton für die zukünftigen Generationen eine Art Sehenswürdigkeit - nicht wegen Harry, sondern wegen Voldemort..."
Ich leckte meine Lippen. "Und?"
Ron seufzte. "Er sagt, er war zwei Jahre in der Zukunft. Er wurde medizinisch behandelt und entlassen, permanent darauf bedacht, seine Identität oder seine Herkunft nicht preiszugeben. In den zwei Jahren hat er gelernt, den Zeitumkehrer zu benutzen... anscheinend hatte er zuerst ein paar Probleme damit, aber als er die gelöst hatte, erkannte er, dass er nicht einfach zu dem Punkt zurückkehren konnte, von dem er gekommen war, also ging er weiter zurück bis vor Harrys Flucht."
Draco - Erebus - hatte das auch erwähnt.
"Er hat alles gelenkt, Harry war seine Marionette, seit er M.A.T.C.H. kontaktiert hat. Aber wie Harry überzeugt wurde, dass Malfoy nicht Malfoy ist, werden wir nie wirklich wissen."
Ich nickte. Ich würde es im Laufe der Zeit herausfinden.
"... die Leiche, dann könnten wir diesen Albtraum beenden!"
Ich zuckte bei den Stimmen auf der anderen Seite des Vorhanges zusammen.
Ron grinste. "Mach dir keine Sorgen, Liebes."
Ich war nicht wirklich überzeugt von Rons Worten, lehnte mich aber wieder gegen die Couch.
Ron und ich sprachen noch länger miteinander, vermieden das Thema Harry soweit es ging. Dabei erfuhr ich, dass Molly Weasley verstorben war.
"Für Dad ist es schwer, auch jetzt, wo er zurück in den Fuchsbau kann. Ginny ist weg, irgendwo in der Nähe von Bill und Fleur in Ägypten. Ich habe meine eigene Wohnung in London, und Charlie ist verlobt mit irgendeiner Tussi in Cardiff. Vielleicht ziehen die beiden jetzt, wo Mum weg ist, zu Dad, aber wer weiß?"
Ich nahm Rons Hand, sagte aber nichts. Rons Lächeln war traurig; er hatte seine Mutter verloren, seinen Bruder, und jetzt auch noch seinen besten Freund. Er tat mir schrecklich leid, aber er schien mich nicht zu hassen, nachdem Harry...
"Komisch, wie das Universum funktioniert, was?", fragte Ron sanft.
"Ja..."
Alles ist schon einmal passiert, alles wird wieder passieren.
Das hatten mir die Schicksalsgöttinnen gesagt.
"Was wirst du jetzt tun?", fragte er mich.
Ich blinzelte Ron an. Soweit hatte ich ehrlich gesagt gar nicht gedacht.
"Ich weiß es nicht..."
Ron streichelte meine Wange. "Du bist eine brillante Hexe, Liebes. Du kannst alles tun, überall hin gehen, weil du einfach so brillant bist."
Ich kicherte.
Ich wollte nur, dass dieser ganze Albtraum vorbei war. Ich wollte in Dracos Arme fallen und mit ihm lachen, streiten, Nat King Cole anhören, hören, wie seine Stimme mir den Rest von 'Jane Eyre' vorliest, dass er mir beibringt, wie man ein Pferd reitet, mit ihm fliegen, zusammen Abendessen kochen...
Ich wollte meinen Kater sehen und mit Narcissa über den Tempelwald sprechen. Ich wollte Lucius Malfoy ehrlich lächeln sehen. Ich wollte durch den Wald laufen und Magorian noch einmal für sein Vertrauen danken. Ich wollte das Schlafzimmer in meiner Hütte putzen und Harrys Präsenz auslöschen. Ich wollte meine Eltern sehen und ihnen sagen, dass ich sie liebe. Ich wollte Alex Roux umarmen. Ich wollte ein Leben in Liebe leben.
Ich erzählte Ron von Severus, von unserem Treffen in der Vergangenheit. Ich erzählte ihm von dem Zauber und dass ich Severus nicht mehr länger hinter meiner Stirn spüren konnte - dass ich ihn vermisste.
Ron war zuerst angewidert, aber als er bemerkte, wie viel mir Severus' Hilfe bedeutet hatte, änderte er seine Meinung. Ich sagte Ron, dass ich so viele Mentoren verloren hatte und dass es so schwer war herauszufinden, was ich mit meinem Leben tun wollte.
"Tu was du willst, Liebes."
Ich lächelte Ron an, dann wurde der Vorhang zurückgezogen und Licht fiel auf mein Gesicht.
"Ron, es ist Zeit", sagte Charlies Stimme leise. Ich sah Charlie nicht an, aber ich wusste, was er meinte. Es war Zeit, Harrys Leiche zur Untersuchung und zur anschließenden Einäscherung ins Ministerium zu bringen.
Ron drückte einen keuschen Kuss auf meine Stirn und meine linke Wange. Ich stand vom Sofa auf und lief zum Vorhang; beobachtete, wie Charlie, Ron, Kingsley, Gumboil und Williamson das Büro verließen. Ich schloss den Vorhang hinter mir, tapste barfuß zum Schreibtisch und setzte mich in den Stuhl. Ich musste lange geschlafen haben, denn der Himmel vor den Fenstern war inzwischen dunkel.
Mein Blick wanderte zu Albus' Portrait und er starrte zurück, die Hände unter seinem bärtigen Kinn gefaltet.
"Albus", sagte ich mit einem Nicken.
"Miss Granger. Ich nehme an, Sie haben sich erholt?"
Mit einem finsteren Blick nickte ich.
"Ich muss Ihnen zu Ihrem Erfolg gratulieren."
"Sie meinen, weil ich Ihren Dreck beseitigt habe?", zischte ich.
Albus seufzte, geschlagen. "So kann man es sagen. Ich bin sicher, dass Ihr Erfolg nicht ohne großen Schmerz einherging."
Ich grinste düster. "Ich habe einen meiner besten Freunde umgebracht - für das Allgemeinwohl. Natürlich war das schmerzvoll. Einmal, als ich Harry Potter das Herz durchstieß, und dann, als ich erkannte, dass ich nun eine Mörderin bin."
Das Portrait nickte. "Ich habe Ihnen eine Bürde auferlegt, eine Bürde, die es nie hätte geben sollen, genau wie bei Severus."
Ich antwortete nicht.
"Nach dem, was Mr. Malfoy beschrieben hat, gab es einen Lichtblitz und eine Welle aus Magie, als Harry starb?"
"Ja?"
Albus seufzte. "Und wie hat das auf Sie gewirkt?"
Ich biss in meine Lippe. Albus konnte nichts von dem mir innewohnenden Zauber oder Severus' Beteiligung wissen. Severus hatte vielleicht zwei verschiedenen Seiten gedient, aber zu allererst diente er sich selbst. Hätte er es Albus vor dreizehn Jahren erzählt?
"Ich wurde von der Leiche weggeschleudert."
Albus' blaue Augen glitzerten. "Sonst nichts?"
Ich war stur. "Sonst nichts", wiederholte ich.
Schweigen füllte das Büro, während Albus und ich uns anstarrten. Ich mochte Albus Dumbledore immer noch kein bisschen. Ich überlegte immer noch, ob ich die Farbe von der Leinwand verschwinden lassen sollte.
"Sie haben sich verändert, Miss Granger", sagte er schließlich und legte seine Hände auf den Schoß. "Die Erfahrung hat Sie verändert."
Natürlich würde die Erfahrung mich verändern. So funktionierte das menschliche Leben. Wir lernen und wachsen durch Erfahrung, und die Einstellung unseres Verstandes macht aus, wie die Erfahrung uns verändert. Diese Wahrheit kannte ich schon den Großteil meines Lebens.
"Ich hoffe nur, dass die Erfahrung nicht Ihr Herz verhärtet oder Ihre wundervolle Fähigkeit, zu lieben, zerstört hat."
Ich funkelte ihn an. "Warum sollte sie?"
"Wegen dem, was sie tun mussten."
"Harry töten? Natürlich hat mich das verändert, aber es hat nicht mein Herz versteinern lassen. Ich bin verletzt; so tief, dass die Heilung sehr lange dauern wird. Aber wenn Sie wissen wollen, ob das Bedauern mein Herz oder meine Art, zu lieben, ändern wird - wird es nicht."
Albus lächelte. "Bedauern ist eine gefährliche Sache, Miss Granger, und das wissen Sie besser als die meisten. Sie verstehen meine Sorge, oder?"
Ja. Bedauern hatte Harry verdreht. Bedauern hatte viele geändert, die den Krieg erlebt hatten. Aber Menschen wie Lucius, Draco, die ohne Reue lebten, hatten ihre vergangenen Taten leicht akzeptiert. Ich wusste, dass ich auch so sein musste; sonst würde ich nie nach vorne blicken können.
Ich stand auf und lehnte mich gegen den Tisch, näher an Albus' Portrait.
"Albus, ich werde lernen, nichts zu bereuen. Das muss ich lernen. Vor gar nicht allzu langer Zeit sagten mir die Schicksalsgöttinnen, dass alles einen Grund hat. Das sagen sich die meisten Leute in ihrem Leben, vielleicht, um mit den Ereignissen in ihrem Leben besser klarzukommen, aber ich weiß jetzt ohne Zweifel, dass alles... alles einen Grund hat, egal ob es uns gefällt oder nicht. Alles ist schon einmal passiert, alles wird wieder passieren", flüsterte ich mit vor der Brust verschränkten Armen.
Albus' Augen glitzerten, aber nicht mit dem üblichen Schalk, sondern vor Tränen. Es war merkwürdig, ein Gemälde weinen zu sehen, aber es weinte lautlos.
"Ich werde Trost darin suchen, dass ich die Welt gerettet habe. Das ist der einzige Trost, den ich finden kann."
Ich richtete mich auf und lief die Stufen hinunter, die in den Hauptteil des Büros führten, dann drehte ich mich noch einmal zu Albus um.
"Sie werden mich nie wieder sehen, Direktor, wenn es also noch irgendeine Information gibt, die Sie mir mitteilen wollen, tun Sie es jetzt - eine Prophezeiung, ein Rätsel, egal was."
Albus wischte die Tränen weg und betrachtete mich nüchtern. "Nur noch eines, Miss Granger."
Ich blinzelte. "Oh?"
"Severus... vor Jahren - eine Woche, bevor er mich auf dem Turm töten musste - sagte er etwas über Sie zu mir, was ich nie vergessen habe."
Ich drehte mich zurück zu Albus, die Hände an den Seiten.
"Er hat sie hoch gelobt und zeigte sich interessiert, was für eine Frau Sie eines Tages werden würden. Er hat es nicht auffällig ausgedrückt oder ausgeführt, aber er sagte mir, dass Sie ein Buch namens 'Schlachthof Fünf' finden und begeistert sein würden. Er sagte, Ihre Liebe zu Büchern wäre nicht vergeudet, da Sie das Wissen darin zur Weisheit der menschlichen Rasse machen würden. Ich glaubte, er würde mit sich selbst reden, als er mir diese Dinge erzählte, aber ich erinnere mich daran und dass ich es merkwürdig fand. Inzwischen ergeben die Worte einen Sinn, abgesehen von dem Buchtitel. Kennen Sie 'Schlachthof Fünf', Miss Granger?"
Ich nickte, kaute auf der Innenseite meiner Wange.
"Mehr kann ich Ihnen nicht sagen, Miss Granger. Ihre Rolle, Ihre Fähigkeiten und Ihre Macht haben Sie am Leben erhalten, damit Sie Ihre Rolle erfüllen können. Und ich bin Ihnen dankbar."
Ich drehte mich weg. Ich brauchte Albus' süße Worte nicht. Er rief mir nach, aber ich lief weiter. Es gab nichts mehr zu sagen, und ich hoffte - auch wenn ich es ohnehin ernst gemeint hatte - dass ich Albus Dumbledores Gesicht nie wieder sehen musste.
*****
Das Schloss war leer, aber die Kerzen brannten, und ich sah niemanden, als ich in die verlassene Eingangshalle trat. Ich trieb mich vor der geöffneten Tür herum, die warme Nachtluft strömte ins Schloss. In der Ferne, an den Toren, sah ich die Beamten im Fackellicht stehen, wie sie miteinander sprachen.
Ich fragte mich, ob die Sicherheitsmaßnahmen nun geändert würden, da Harry weg war, ob Hogwarts früher wieder die Pforten öffnen würde, um die verlorene Zeit nachzuholen. Ich blickte in den klaren Himmel und seufzte. Ich fragte mich, ob Gruppen wie M.A.T.C.H. mit Harrys Tod verschwinden würden oder ob das ihre Überzeugung nur stärken würde.
Ich wandte mich von der Tür ab und lief barfuß in Richtung Verliese. Ich war nicht sicher, was ich tun oder wohin ich gehen würde, aber ich wollte noch einmal in Severus' Gemächer gehen und Kurt Vonneguts 'Schlachthof Fünf' suchen. Wenn ich Albus' Worte richtig interpretierte, hat mir Severus vermutlich eine weitere Nachricht in dem Buch hinterlassen.
Als ich den Gang betrat, der zur verborgenen Tür führte, bemerkte ich, dass die Tür offen stand und dass die Türschwelle beleuchtet war. Musik drang aus der Tür hervor und ich wusste, dass es David Bowies Album 'Low' war, denn 'Always Crashing the Same Car' hörte gerade auf und 'Be My Wife' lief an. Es war wohl mein Lieblingsalbum und ich wusste, dass es nur eine Person gab, die David Bowies Platten in Severus' Gemächern auflegte.
Ich öffnete die Tür sanft etwas weiter und spitzte in den Raum.
Der Tisch war bedeckt mit einem Abendessen, das einem König gebührte, eine geöffnete Flasche Rotwein, Filet Mignon auf dem Teller. Der Duft schwebte zu mir und zum ersten Mal seit vielen Tagen knurrte mein Magen und mir floss das Wasser im Mund zusammen.
Ich konnte Wasser im Badezimmer laufen hören, aber ich trat ins Wohnzimmer, am Essen vorbei, zu dem Grammophon unter dem Fenster und nahm die Plattenhülle auf. Sanft führte ich die Nadel zurück zur vierten Nummer der A-Seite und 'Sound and Vision' lief an. Wie auf ein Stichwort hörte das Wasser auf. Ich stand sehr still, als sich die Badezimmertür öffnete, und studierte das Cover der Hülle, David Bowies Gesicht.
Als ein Stuhl über den Boden kratzte, drehte ich mich um, und in dem Stuhl mir gegenüber saß Draco Malfoy.
Unter der Lampe wirkte sein Haar fast weiß; es war länger als Lucius' und mit einem grünen Samtband zu einem Pferdeschwanz gebunden. Seine Kleidung war anders, der Schattenumhang war weg, er trug ein lockeres weißes Hemd, nur halb zugeknöpft, und blaue Jeans, ähnlich der, die er in den Stallungen getragen hatte. Seine Füße waren nackt.
"Du musst hungrig sein. Komm, iss etwas", sagte er sanft und hob den Blick, sein unpassendes Auge erinnerte mich an den Mann auf der Plattenhülle, die ich hielt - ein silbernes Auge, ein hellblaues - mit einer dünnen, fast verheilten Narbe entlang seiner rechten Gesichtshälfte.
Er war frisch rasiert und ich konnte sehen, dass er eine neue Narbe an seinem Kinn hatte, nahe seinem Kiefer. Sein Mund war entspannt und die Falten, die ich vorher bemerkt hatte, wirkten nun oberflächlicher.
Ich drehte mich wieder zum Grammophon, stellte es leiser und legte die Plattenhülle weg. Mit zögerlichen Schritten lief ich zum Tisch und setzte mich langsam hin, mein Rücken war immer noch etwas wund. Ohne Umschweife nahm ich Messer und Gabel und stürzte mich aufs Essen.
Jeder Biss war himmlisch und jeder Schluck Wein beruhigte meine Kehle. Mein Magen gurgelte glücklich, während ich aß und ich ignorierte Dracos starren Blick, bis mein Teller leer war. Er hatte kaum die Hälfte seiner Portion gegessen, als ich meine Lippen mit einer Serviette abtupfte und sie danach auf den Teller warf. Dann sah ich ihn an.
"Du solltest ein Bad nehmen, und du brauchst saubere Kleidung", flüsterte er.
Ich verschränkte meine Arme. "Erst Antworten."
Draco ahmte meine Haltung nach, ließ sein Besteck auf den Teller sinken und verschränkte seine Arme.
"Antworten brauchen Fragen, meine Liebe."
Ich zuckte belustigt mit den Lippen.
"Du hast gesagt, du warst zweihundertzwanzig Jahre in der Zukunft, und es gab keine Spuren von uns?"
Draco seufzte und entspannte sich, stützte sich mit den Ellbogen am Tischrand ab. "Es war eine andere Zeitschiene, bevor du zum Friedhof zurückgekehrt bist. Ich könnte dich fragen, wo du warst, aber ich habe gelernt, geduldig zu sein..."
Ich schnaubte. "Seit wann?"
"Seit ich darauf warten musste, dass wir uns wiedersehen. Ich habe dir erzählt, dass ich zwei Jahre in der Zukunft verbracht habe, im Jahr 2220, zweihundertzwanzig Jahre von hier aus. Aber ich habe dir nicht gesagt, dass ich in meiner Dummheit drei weitere Jahre im fünfzehnten Jahrhundert verbracht habe, außerdem vier Jahre im achtzehnten Jahrhundert, während derer ich mich verstecken musste, damit mich keiner findet. Im Jahr 1428 baute ich deine kleine Hütte im Verbotenen Wald und mit jedem Versuch, wieder in 1995 zu landen, endete ich in deiner Hütte."
Mein Mund klappte auf, aber meine Augen verengten sich langsam. Seine Worte klangen zu sehr vorgelesen, zu trocken. "Ich kann dir nicht glauben."
Draco lachte, warf dabei seinen Kopf in den Nacken und hielt seine Seiten. Ich wusste nicht, ob das hieß, dass er tatsächlich nur einen Witz gemacht hatte oder nicht. Ich beobachtete, wie sein Gesicht beim Lachen sanft wurde, wie seine Augen voller warmer Freude leuchteten. Und ich fing an, den Mann zu sehen, den ich kannte, den Mann, der mich beschützt hat, der Mann, der mich auf den uralten Steinen an Beltain geliebt hatte.
"Aber es gab keine...", fing ich an, als Dracos Lachen langsam abklang, aber dann hielt ich inne. "Die griechische Inschrift auf dem Stein im Kaminabzug..."
"Drakon, 1429, das war der einzige Hinweis, den ich ließ, etwas, das die Zeit nur schwer würde auslöschen können. Ich baute die Hütte mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln, und selbst das war Risiko genug, sollte mich jemand entdecken. Ich schuf den Tunnel nach Hogwarts, ich stellte die Trollstatue auf, ich habe spätnachts Essen aus der Küche stibitzt, ich habe gesehen, wie unsere Welt war und sein würde, und alles machte mich wahnsinnig vor Sehnsucht nach Zuhause."
Er beugte sich leicht über den Tisch, seine Augen durchbohrten mich, jedes Wort wurde kälter und schmerzhafter für ihn.
"Neun Jahre, die ich nicht zurückbekomme, neun Jahre ohne dich!"
Ich zitterte, als er sich zurücklehnte und wieder sein Besteck aufnahm. Das Grammophon war inzwischen still, die Stimmung im Raum war ungemütlich.
"Dann sind dein Auge und der Umhang, den du hattest, aus der Zukunft?"
Draco kaute nachdenklich sein Essen, seine Augen wanderten an mir vorbei. "Ja."
"Und du hast dich nicht offenbart?"
Er schüttelte den Kopf, schnitt sein Fleisch.
"Und du warst nur an den Orten, die du erwähnt hast?"
Draco antwortete nicht, sondern aß, sein Gesicht wieder steinern und fremd. Ich fragte mich plötzlich, was er wirklich in Vergangenheit und Zukunft gesehen hatte.
Ich trank meinen Wein, meine Augen immer noch auf seinem Gesicht. Ich wollte wissen, ob er wirklich der Mann war, den ich kannte, wenn auch neun Jahre älter. Seine Zeitreisen erklärten, warum er älter schien, aber es erklärte nicht, warum er sich wie ein völlig Fremder anfühlte.
Verlustangst packte mich und ich spürte eine Träne auf meiner verheilten Wange. Draco bemerkte es nicht.
Ich murmelte, dass ich ein Bad bräuchte, stand auf und lief ins Badezimmer, wo ich die Tür hinter mir schloss und sie mit dem Walnussstab versiegelte. Dann stieg ich verärgert aus meiner Kleidung und starrte mein Spiegelbild über dem Waschbecken an.
Ich war schmutzig, von Dreck bedeckt, Staub, getrocknetem Schweiß, Sandkörnern um meine Waden. Ich bückte mich, um den Sand abzustreifen und untersuchte ihn im Licht. Meine Reise zum Ende der Welt war real gewesen.
Alls ist schon einmal passiert, und alles wird wieder passieren...
Ich konnte nur annehmen, dass die Schicksalsgöttinnen meinten, dass die Zeit sich immer wieder überlappte. Aber ich hoffte, als ich in Severus' Badezimmer stand und in die Wanne mit heißem, duftendem Wasser stieg, dass meine Reisen vorbei waren.
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