
von Nitsrek
Ich ging heim.
Ich hatte allein in Severus' Gemächern geschlafen; Draco war gegangen, als ich badete. Ein Teil meines Herzens starb, als ich ihn nicht mehr sah. Ich gab mir die Schuld, wusste, dass meine Weigerung, ihn als den Mann, den ich kannte und liebte, anzuerkennen, ihn fortgetrieben hatte.
Mein alter Mantel lag gefaltet über dem Ohrensessel im Wohnzimmer und ich zog ihn an. Ich erinnerte mich an Albus' Worte und fand Vonneguts 'Schlachthof Fünf' und steckte es in meine Tasche. Ich würde es später lesen, wenn mein Verstand sich beruhigt hatte. Ich schlüpfte aus dem Schloss in Richtung Hütte.
Als ich aus dem Tunnel trat, überlegte ich, ob ich meinen geliehenen Besen benutzen sollte, entschied mich aber für einen Spaziergang. Ich hatte mein altes Paar Stiefel und alte Kleidung gefunden, als ich aufgewacht war; Dinge, die ich in Severus' Gemächern zurückgelassen hatte.
Meine Füße waren immer noch wund und ich lief langsam durch die Bäume. Ich spürte nicht die Augen des Waldes auf mir und wunderte mich, ob Magorian schon wusste, dass Harry tot war. Die Atmosphäre im Wald wirkte tatsächlich anders, freundlicher, sicherer.
Nach einer Stunde erreichte ich schließlich die Lichtung und bemerkte, dass die schwachen Schutzzauber noch da waren. Ich blickte müde auf mein Zuhause und trat langsam ein, zog meine Zauberstäbe und fing automatisch an, simple Haushaltszauber zu sprechen, damit die Staubschicht von meinen bescheidenen Besitztümern verschwand.
Als Erstes fiel mir auf, dass mein Schlafzimmer anders war. Ich stand im Türrahmen und sah, dass die Blutflecken weg waren und dass die Bezüge frisch und neu waren. Eine schwere, hellgrüne Tagesdecke lag über dem Bett, zusammen mit einem Umschlag, auf dem mein Name stand.
Mit einem Seufzen nahm ich den Brief und fiel auf das Bett, wobei ich das Fenster auf zauberte. Ich lehnte mich gegen die weichen, neuen Kissen, trat meine Stiefel von den Füßen und öffnete den Brief. Ich grinste, als ich bemerkte, dass das Pergament von meinem Schreibtisch stammte, und dass auch die Tinte diese spezielle Färbung hatte, die ich immer benutzte.
Der Brief war eher eine Notiz, kurz, in einer mir vertrauten Handschrift.
'H-
Ich habe das Bett bezogen und den Kamin gereinigt, den Rest überlasse ich dir.
Ich werde nicht sagen, dass deine Änderungen an meiner Hütte passend sind, auch wenn ich versucht habe, sie nach der Vorgabe von 2008 zu bauen.
Wird vorerst reichen. Ich denke, ich habe vielleicht immer noch meine Stelle als DCI...
Ich melde mich bei dir, wenn ich kann.
-D.'
Ich lächelte, auch wenn ich eine merkwürdige Angst in meinem Magen spürte.
Die Zeit hatte etwas in mir verändert, etwas, das ich nicht ausmachen konnte und das mir nicht gefiel.
Ich steckte das Pergament zurück in den Umschlag, ließ ihn auf das Bett fallen und stand auf. Ich lief barfuß in den Hauptraum, kniete mich vor den Kamin, zog den Zauberstab und machte Licht. Ich steckte meinen Kopf in den Abzug und sah die griechische Inschrift und das Datum. Ich starrte es lange Zeit an und überlegte, dass Draco seinen Zauberstab benutzt haben musste, um es vor Jahrhunderten in den Stein zu brennen.
Ich setzte mich zurück und löschte das Licht, steckte den Elderstab zurück in mein Halfter. Ich starrte leer auf den Boden.
Draco hatte neun Jahre 'außerhalb' unserer Zeit verbracht - im fünfzehnten, im achtzehnten und sogar im dreiundzwanzigsten Jahrhundert. Abgesehen davon, dass er Einiges erlebt haben musste, war er vermutlich auch sehr einsam und verängstigt.
Ein Fehler, den er aus Verzweiflung begangen hatte, kostete ihn neun Jahre.
Ich konnte nur Kummer spüren. Ich würde nie genau wissen, wie viel Zeit ich am Ende der Welt verbracht hatte, aber ich glaube nicht, dass es neun Jahre waren - Stunden, ein Tag höchstens, aber keine Jahre.
Ich stand auf und blickte in die Küche, wo die Eisenschatulle genau dort stand, wo ich sie zurückgelassen hatte. Mit einem Wimmern grub ich durch meine Manteltaschen und zog den zerstörten Zeitumkehrer heraus, legte ihn und die Scheibe zurück in die Kobold-gearbeitete Schatulle. Draco hatte immer noch den Bruder - einen, den er nach so vielen Fehlern endlich beherrschte.
Ich schloss das Behältnis und die Schnallen verriegelten sich auf magische Weise. Ich lief zurück zum Kamin, berührte ihn mit der Spitze meines Zauberstabs und eine geheime Nische, die ich geschaffen hatte, als ich hier einzog, öffnete sich. Ich stellte die Schachtel hinein, berührte wieder den Kamin und der Stein verschmolz wieder mit seiner Umgebung. Draco würde mir den anderen Zeitumkehrer geben müssen - er war zu gefährlich.
Ich wollte glauben, dass der Albtraum der letzten Monate vorbei wäre, wenn beide Umkehrer in der geschützten Schachtel sicher versteckt waren. Es war ein naiver Gedanke, das wusste ich, aber mehr brachte ich im Moment nicht zustande.
Ich sah mich in meinem Zuhause um, das Zuhause, das Draco für sich gebaut hatte, und merkte, dass mein Haustier noch fehlte. Vielleicht würde die Hütte selbst mit ihm noch fremd wirken. Egal wie viele Bücher in den Regalen standen oder wie viele Klamotten im Schrank hingen, alles war fremd. Das Rätsel, wie und wann meine Hütte gebaut worden war, war gelöst. Ich hatte Jahre verbracht, diesen kleinen Ort zu meinem Heim zu machen, und nach Monaten, in denen ich mich nach seiner Abgeschiedenheit gesehnt hatte, fühlte es sich doch nicht mehr nach Heim an.
Etwas fehlte, etwas stimmte nicht.
Draco hatte sie mit dem Gedanken an mich gebaut, eine unendliche Schleife von Paradoxen.
*****
Zwei Wochen vergingen, und erst als sich das Flohnetzwerk in meiner Hütte aktivierte, realisierte ich, wie viel zeit vergangen und dass es schon fast Ende Mai war. Seit zwei Wochen las ich meine Notizen, starrte auf den Stein in dem Kamin, der die Schatulle bewachte, auf den Tarnumhang, der über meinem Schreibtischstuhl hing und auf das merkwürdig rote Leuchten des kaputten Steins der Auferstehung und das Peverell-Wappen, das in die Oberfläche graviert war.
„Hermine?“
Ich saß auf der Couch, drehte meinen Kopf, um den Kamin zu sehen. Ich hatte den ganzen Nachmittag in die Küche gestarrt.
Es war Ron, und ich wurde schnell informiert, dass heute der 26. Mai war. Morgen sollte ich im ministerium erscheinen, auf Einladung von Alastor Gumboil.
„Es ist nur eine Befragung, du brauchst also keinen Rechtsbeistand… du sowieso nicht…“
„Nachdem ich anscheinend nichts Illegales getan habe?“, fragte ich sanft und wünschte, ich könnte Severus’ Sarkasmus hinbekommen.
„Nicht wirklich. Du hast die Abteilung für Magische Strafverfolgung in einem inoffiziellen Auftrag unterstützt, und alles, was vielleicht als ‚illegal’ eingestuft werden könnte, wurde nicht von…“
„Nullum crimen, nulla peona sine lege“, murmelte ich und entlockte Rons grün schimmerndem Gesicht einen verwirrten Blick. „Unwichtig…“
Die Gesetze bezüglich der Verwendung von Zeitumkehrer waren ziemlich klar, es gab jedoch keine extra Gesetze für Zeitumkehrer, die in der Zeit Jahre vor und zurück reisen konnten. Wir hatten die Zeitschiene nicht verändert, kein ‚Großvater Paradoxon’ war aufgetreten, soweit ich das beurteilen konnte. Draco hatte sich bedeckt gehalten, zumindest sah es danach aus.
„Ich sage es nicht gerne, Liebes, aber du siehst schrecklich aus“, sagte Ron sanft und riss mich aus meinen Gedanken.
Ich grinste. „Daran zweifle ich nicht.“
„Geht es dir besser?“
Ich seufzte. Ich fühlte mich erholt, meine Schmerzen waren fast vollständig weg. Der schlimmste Schaden an meinem Körper wurde in der Nacht unserer Rückkehr nach Hogwarts behandelt. Die Leere in meiner Brust jedoch war nur größer geworden.
„Körperlich schon“, antwortete ich.
Ich wusste, dass ich unter Schock stand, und dass ich mir keinen Gefallen damit tat, mich in meiner kleinen – Korrektur: Dracos kleiner - Hütte einzusperren. Mein ‚altes’ Ich hatte sich versteckt, Jane hatte sich immer in ihre Hütte zurückgezogen und war nie wirklich erwachsen geworden. Aber ich war nicht mehr Jane. Und langsam füllte sich die Leere mit Wut.
„Wann soll ich im Ministerium sein?“
„Neun Uhr früh…“, antwortete Ron, seine Stimme plötzlich unsicher, während er beobachtete, wie ich von dem alten Sofa zum Kamin lief und mich hinkniete.
„Und warum ruft du mich?“
Rons Gesicht wurde im Licht des Feuers merkwürdig grün.
„Charlie ist bei Malfoy, sie durchforsten ein Denkarium.“
Ich runzelte die Stirn. „Warum?“
Ron räusperte sich. „Gleich nachdem du und Malfoy vom Friedhof verschwunden waren, entzog der jetzige Malfoy Harrys Erinnerungen, bevor der Hinrtod einsetzte. Alles von seiner Kindheit bis zu dem Moment, als du… du… ihn erstochen hast.“
Direkt vor dem ‚Hirntod’. Ich biss in meine Lippe. Ich wollte die Erinnerungen sehen, die zu Harrys Verfall führten; ich wollte den Grund wissen – war es einfach nur sein überwältigendes Bedauern, das ihn gezwungen hatte, die Welt zu zerstören?
„Hör zu, Liebes. Ich weiß, dass ich nicht da war, als du mich gebraucht hast und Merlin weiß, wie sehr ich mir inzwischen wünsche, ich wäre da gewesen… Die Dinge… wir… Alles ist schon viel zu lange zu kompliziert. Und jetzt, wo Harry… weg ist… Ich weiß, dass es fast der schlechteste Zeitpunkt ist, um alles wieder gut zu machen…“
Ich hob eine Hand, um Ron zu stoppen. Die Vergangenheit war vergangen, vor allem, wenn es um unsere Beziehung und die ganzen Fehler ging. Es schien ein Leben lang her zu sein.
„Dein Vater! Merlin, die Beerdigung!“, erschrak ich.
Ron lächelte traurig. „Es ist okay, Liebes. Wir haben nichts gesagt, weil… nun, wir haben nicht gedacht, dass du dazu fähig bist. Verdammt, nicht einmal wir waren darauf vorbereitet.“
Ich biss noch fester in meine Lippe. Ich war viel zu lange egoistisch gewesen.
„Mum war schon vor Harrys Flucht aus dem St. Mungo krank…“
In meinem Egoismus hatte ich nicht einmal gewusst, dass Molly krank war; ich hatte sie seit Jahren nicht gesehen. Ich dachte an meine eigenen Eltern, bei denen ich mich seit Monaten nicht gemeldet hatte. Die Wut schmolz und wurde zu Schuldgefühlen.
„Du musst da raus, Hermine. Es tut dir nicht gut, in dieser Hütte zu bleiben. Morgen, nach der Befragung, solltest du überlegen, ob du eine Zeit lang weg willst – in den Urlaub…“
Ich grinste. „Und wohin soll ich?“
Ron zuckte mit den Schultern. „Australien, zu deinen Eltern? Oder in die Staaten? Ich kenne jemanden, bei dem du wohnen könntest, wenn du das willst.“
„Wen?“
Er grinste. „Das sage ich dir nur, wenn du versprichst, dir etwas frei zu nehmen, Liebes.“
Rons Tonfall verändere sich und ich erkannte, dass der Mann, den ich – als wir noch jünger waren – immer belehrt hatte, nun mich belehrte. Ich kam mir unbeholfen und dumm vor. Ich war in unserer Schulzeit immer so selbstgerecht gewesen. Das machte mich krank.
Ich hörte Ron nur halb zu, als er mir erzählte, wie abgeschieden mein Leben war und dass ich ernsthaft überlegen sollte, meinen Lebensstil zu ändern, aber jedes Wort hatte ich selbst schon gedacht. Die letzten Monate waren angefüllt gewesen mit Harrys drohendem Schatten, seinen Taten, seinem Schmerz. Ich hatte mich in ihn gestürzt und ertrank nun daran.
Ich brauchte eine Veränderung, ein neues Umfeld, neue Denkweisen, einen neuen Job…
Ron und ich wechselten noch ein paar Worte, bevor das Gespräch zu Ende war. Ich starrte eine lange Weile in den leeren Kamin, meine Augen wanderten zu dem einzigen griechischen Buchstaben, den ich in der Dunkelheit ausmachen konnte – das Delta von Draco.
*****
Der Anti-Apparier-Schutz und die Kobold-Magie, die Hogwarts und den Verbotenen Wald schützten, wurden eine Woche nach meiner blutigen Rückkehr nach Hogwarts aufgehoben. Außerhalb der Schutzzauber der Hütte konnte ich nach dem Abend mit meiner Unterhaltung mit Ron nach Hogsmeade apparieren. Ich lief die Hauptstraße entlang und sah, dass der Wiederaufbau von Hogsmeade fast fertig war. Ich wusste nicht mehr, wie viele Wochen vergangen waren, seit Draco und Harry das Dorf fast dem Erdboden gleich gemacht hatten.
Ich wanderte ziellos umher, in meinen Mantel gehüllt, obwohl die Abendluft für so ein schweres Kostüm fast zuviel war. Niemand schien mich zu bemerken, und nach so vielen Monaten voller Angst schienen alle Dorfbewohner sich nach der frischen Luft zu sehnen. Die Ausgangssperre-Notizen waren abgenommen worden, jeder Laden schien einen Ausverkauf zu veranstalten, als würden sie Harrys Ableben feiern. Der Schatten war behoben. Ich erinnerte mich, dass die Stimmung ähnlich war wie nach Voldemorts Tod.
Diese Stimmung störte mich.
Ich hatte immer noch nichts in der Presse über Harry lesen wollen, aber als ich am Mülleimer von Schreiberlings’ vorbei kam, fand ich einen zerknüllten Tagespropheten, von dem nur die Schlagzeile sichtbar war. ‚Harry Potters Verbindung zu Terroristen! Der neue Dunkle Lord besiegt!’
Ich rümpfte meine Nase und lief weiter die Hauptstraße, die Gaslaternen gingen an, als das Licht schwächer wurde. Ich überlegte, in den Drei Besen vorbeizuschauen, überlegte es mir aber anders. Ich wollte nicht bemerkt werden. Der Eberkopf war geschlossen, schon seit Aberforth ermordet worden war, also lief ich weiter.
Als ich auf dem Pfad zur Heulenden Hütte stand, war die späte Frühlingssonne hinter die Berge verschwunden und der Himmel über mir war in ein leuchtendes Orange und Blau getaucht. Ich grub meine Hände in die Taschen meines verwandelten Mantels und in der linken, bodenlosen Tasche fühlte ich zwei der Heiligtümer. Der Elderstab steckte immer noch in dem Halfter an meinem rechten Unterarm, zusammen mit seiner Schwester aus Walnuss. Ich trug sogar noch die Drachenhaut-Rüstung; es fehlten nur noch die Stiefel, die ich durch ein altes Paar schwarzer Wanderstiefel ersetzt hatte, die ich unten im Schrank in meiner Hütte gefunden hatte. Ich hatte meine Haare geflochten, und abgesehen von den Zeitumkehrern sah ich aus wie in jener Nacht, als Draco und ich durch die Zeit gereist waren.
Als meine Finger den geschrumpften Feuerblitz berührten, zog ich ihn hervor. Nachdem ich den Besen wieder vergrößert hatte, starrte ich ihn an, wie er vor mir über dem Pfad schwebte. Mit einem Seufzen stieg ich auf und stieß mich vom Boden ab, um fünfzehn Meter über dem Pfad zu schweben, so hoch, dass ich die Holzziegel der Heulenden Hütte zu meiner Rechten sehen konnte.
Ich hielt mich am Griff fest und fragte mich, ob ich – rein hypothetisch – immer noch so gut fliegen konnte wie unter Severus’ Zauber. Mit einem entschlossenen Schnauben neigte ich den Griff nach vorne und war plötzlich unterwegs.
Heiterkeit durchfloss mich, als ich über die Berge flog, über Hogwarts, über den Schwarzen See und über Hogsmeade. Ich rollte, stieß nach unten, führte Quidditch-Manöver aus und am wichtigsten: Ich fiel nicht runter. Ich konnte anscheinend immer noch fliegen. Was auch immer ich unter Severus’ Einfluss gelernt hatte, war noch da.
Ich flog wieder in Richtung Berge, langsamer, und genoss den Anblick des dämmernden Himmels und der Lichter von Hogwarts und Hogsmeade, wie ein Teppich aus Lämpchen unter mir. Als ich landete, rutschten meine Stiefel über die Kieselsteine der Felsoberfläche. Ich fand mich wieder vor der Höhle, in der Sirius 1995 gelebt hatte, und als ich den Feuerblitz nahe dem Eingang abstellte und mir mit dem Zauberstab Licht machte, erinnerte ich mich, dass Hagrid die Höhle vor über zehn Jahren auch für Grawp genutzt hatte.
Drinnen war es immer noch so wie bei meinem letzten Besuch mit Harry und Ron in der vierten Klasse: Klein, dunkel, trocken und der Boden war voll mit den Knochen kleiner Tiere. Ich bewegte meinen erleuchteten Zauberstab durch die Kammer und fand eine kleine Grube in der Ecke nahe einem Spalt, eine Feuergrube. Mit einem Winken meines Zauberstabs entfachte ich ein magisches, hitze- und rauchloses Feuer, das die Höhle in gelbes Licht tauchte.
An der entfernten Rückwand, zu der ich glitt, bewegten sich meine Finger über die steinerne Oberfläche. Namen waren in den Stein geschnitzt.
S. Black, 1995. R. Hagrid, Grawp und Fang, 1998.
Ich trat zurück, um die grob geschnitzten Buchstaben anzusehen und erkannte die verschiedenen Handschriften. Sirius’ Gekrakel war weitaus feiner als Hagrids und langsam verschwammen meine Augen mit halb geformten Tränen. Ich fragte mich, ob es auf dieser Welt Gerechtigkeit gab.
Die Schicksalsgöttinnen hatten, obwohl ich sie getroffen hatte, keine grundlegenden Wahrheiten mit mir geteilt.
Alles ist schon einmal passiert und alles wird wieder passieren – oder so was in der Art war weder eine besonders rätselhafte, noch ein erleuchtende Aussage.
Der Narr – ich – war weit gereist und hatte fast nichts gelernt.
Ich setzte mich vor das magische Feuer und grub mich wieder durch meine Tasche. Der Gedanken an ‚Erleuchtung’ brachte mich auf Kurt Vonneguts ‚Schlachthof Fünf’. Wie ‚Die Reise mit der Zeitmaschine’ war es ein Taschenbuch, leicht abgenutzt an den Ecken, ein Kaffeefleck verdunkelte die untere Ecke der Seiten. Ich öffnete das Buch, fand Severus’ vertraute Unterschrift auf der ersten Seite, aber als ich das Buch durchblätterte, merkte ich, dass die Seiten in der Mitte nicht bedruckt waren, sondern dass Severus’ strenge Handschrift das vergilbte Papier bedeckte. Ich blätterte zur ersten handbeschriebenen Seite und entdeckte meinen Namen und das Datum.
‚7. April 1998. Hermine, inzwischen ist Albus tot und Sie und Potter bereiten sich darauf vor, den Orden zu verlassen. Ich kann die Dummheit Ihrer Taten kaum ausdrücken, aber wenn Sie das hier lesen, ist es schon passiert. Der Dunkle Lord ist – wie ich hoffe – tot und auch ich lebe nicht mehr auf dieser Welt.
In der Nacht des 24. Juni 1995, als Draco und Sie in meinen Gemächern auftauchten und ich sie nach Little Hangleton brachte, scheint Ihr Plan funktioniert zu haben – der Dunkle Lord hat den Firedhof nach meinen Worten verlassen und nun teile ich Ihnen mit, was nach Ihrer Rückreise in Ihre Zeit passiert ist.
Nachdem ich Fudge und Potter im Krankenflügel mein Mal gezeigt hatte, schickte Albus mich los, um den Dunklen Lord zu besänftigen, da es meine Aufgabe als Spion war, Informationen einzuholen. Ich muss nicht sagen, dass meine Erklärung, warum ich einen Patronus auf den Friedhof geschickt hatte oder woher ich wusste, wie man das machte, einige Schmerzen nach sich zog. Das Timing von Potters Rückkehr zum Friedhof und meines Patronus waren perfekt, aber der Dunkle Lord hatte dennoch Zweifel. Nach vielen Flüchen und geistigen Angriffen stand ich wieder in der „großmütigen“ Gunst des Dunklen Lords…’
Ich hielt inne; es erfreute mich, dass ich Severus’ typischen Sarkasmus und seinen Witz auch in seinen geschriebenen Worten wieder fand.
‚Von diesem Zeitpunkt an weiß ich nicht genau, was passiert ist. Der Halbblutprinz wurde enthüllt. Sie wissen, dass ich Direktor geworden bin und Sie wissen vermutlich auch besser als ich, wie die Geschichte ausging.
Was sie wahrscheinlich nicht wissen, ist, was ich mit Ihnen gemacht habe, als Sie und Ihre Freunde ins Ministerium eingebrochen sind. Ich muss anmerken, wie dumm es von Ihnen war, dorthin zu gehen, nur weil Potter eine „Vision“ von Black hatte. Aber ich bedauere, dass Dolohov Sie schwer verletzt hat. Als sie zurückkehrten, legte ich einen Zauber auf Sie.
Seit Monaten quälte ich mich mit dem Treffen mit Ihrem zukünftigen Ich. Sie und Draco zu sehen, war offensichtlich ein Schock, aber Sie zusammen zu sehen, wie Sie zusammen arbeiten, schockierte mich fast zu Tode. Ich wusste, dass ich keine Fragen über Ihre oder meine Zukunft stellen durfte, da ich sonst ein Paradoxon kreiere, aber ich wusste allein durch den Blick in Ihre gealterten Gesichter, dass ich es nicht bis dorthin schaffen würde. Nicht, dass ich das erwartet hätte, aber sicher zu wissen, dass ich im Dienste eines meiner beiden Herren sterben würde, war beunruhigend.
Dann fiel mir ein, dass ich die von Ihnen erwähnten Informationen aufschreiben sollte, die Zeiten, Daten und Schlüsselwörter. Die ganze Zeit wünschte ich mir, mehr mit Ihnen zu sprechen, nicht über Ihre Zukunft, sondern über das, was Sie über mich wussten. Es war ein eitler Gedanke, ein egoistischer Wunsch, mit jemandem sprechen zu wollen, der genug über mich wusste, um meine Vergangenheit anzusprechen. Niemand außer Albus wusste etwas von Lily oder meiner Kindheit. Potter hat nur einen Teil gesehen und ihn falsch gedeutet.
Je länger ich über die Worte nachdachte, die ich in Moorcocks Buch schrieb, desto mehr dachte ich über das Woher und das Warum nach – Woher wussten Sie, dass Sie mich ansprechen konnten, warum haben Sie mich aufgesucht? Es war nicht nur, um zum Dunklen Lord zu gelangen, oder? Nein, ich werde es nie genau wissen.
Aber ich schmiedete Pläne. Sie hatten gesagt, dass der Dunkle Lord fallen würde. Und ich, in meiner Position als Diener für das „Allgemeinwohl“, besprach mich mit der einzigen Person in Hogwarts, der ich wirklich vertrauen konnte.
Mit Ihrer alten Hauslehrerin.
Es wird Sie vielleicht überraschen – vermutlich die ganze Welt – dass Minerva und ich uns immer nahe standen. Sie war immer nett zu mir gewesen, als ich noch Schüler war, obwohl ich nach Slytherin gehörte. Als ich Lehrer wurde, war sie die Erste, die mich willkommen hieß. Es hatte nichts mit ihrer Rolle im Orden zu tun – so klein sie auch war - , noch hatte Albus sie gezwungen, nett zu mir zu sein; es lag daran, dass wir beide Albus’ Urteilsvermögen in Frage stellten. Verstehen Sie mich nicht falsch, Albus ist – oder war – ein brillanter Zauberer, aber manchmal äußerst kurzsichtig. Er war nicht „Slytherin“ genug und Minerva war mehr „Slytherin“, als sie es zugegeben hätte.
Zusammen trieben Minerva und ich Sie in die richtige Richtung, gaben Hinweise und - von meiner Seite aus harten – Unterricht. Sie sind eine kluge Hexe, viel zu talentiert für Leute wie Weasley oder Potter. Sie sind eine Kombination all der Qualitäten unserer vier Häuser, und deshalb hatten Minerva und ich auch keine Bedenken bezüglich unserer Taten in der Nacht, als Sie den Kampf im Ministerium überlebten.
Der Zauber ist eine Abwandlung des Zaubers, mit dem man einen Horkrux schafft, er unterscheidet sich jedoch insofern, dass ein Teil meines Bewusstseins in Sie übertragen wird. Ein Tel meiner Magie, meiner Seele, meines Verstandes und meiner Persönlichkeit wurde in Sie übertragen. Im Gegenzug wurde mein Leben verkürzt, da nicht nur meine Seele übertragen wurde. Aber natürlich wurde nicht alles übertragen. Auch Magie hat ihre Grenzen und bei dieser simplen Erklärung belassen wir es.
Ein Teil-Bewusstsein existiert nun in Ihnen, schlafend, bis Sie es brauchen. Sie werden mich hören, manchmal sehen, und ich kann Ihren Körper benutzen, um Sie zu beschützen. Meine Fähigkeiten und Talente werden zu Ihren Fähigkeiten und Talenten…
Dieser Zauber heißt „syneidesis phantasma“, was – wie Sie sicher wissen – griechisch ist für „bewusster Geist“. Natürlich ist der Name des Zaubers Unsinn, aber wenn Sie das hier lesen – nach der Erfahrung – werden Sie es sicher verstehen.
Es gibt auch Bedingungen, wie lange der Zauber anhalten wird, und in diesem Fall wird er enden, wenn Potter tot ist und die Zeitschiene erhalten bleibt. Der Zauber kann nicht ewig halten, auch wenn er mächtig ist. Er wird sie beschützen, führen und Sie anleiten, sich zu retten und Sie bei diesem Unternehmen zu unterstützen. Wenn alles gut läuft, werden dieses Buch, diese Worte, noch existieren, und Sie lesen sie jetzt. Potter wird aufgehalten worden sein, Sie –und hoffentlich auch Draco – werden überlebt haben und irgendwie in Ihre Zeit zurückgekehrt sein.
Was die Einzelheiten des „syneidesis phantasma“ betrifft: Betrachten Sie ihn als Kreation des Halbblutprinzen.
Ich wünsche Ihnen alles Gute, Hermine. Durch das Gespräch mit Ihnen vermute ich, dass Sie in mir mehr sehen als einen üblen, hässlichen, schweigsamen Zaubertränke-Professor. Ich hoffe nur, dass sich Ihre Meinung von mir nicht verschlechtert, wenn der Zauber in Kraft tritt und mein Leben auf Sie übertragen wird. Sie erinnern mich auf manche Art an die Frau, die ich einst geliebt habe, aber in mancher Weise sind Sie so viel mehr, als sie es je hätte sein können – Ihrem Herzen treu, scharfsinnig und außerordentlich geistreich.
Wärmste Grüße, Severus T. Snape, alias der Halbblutprinz.
P.S. Wenn der erste Halbblut-Malfoy zur Welt kommt, geben Sie ihm bitte einen anständigen Namen – einen normalen. SS’
Ich lachte über die letzte Bemerkung. Severus deutete da etwas zu viel, aber ein winziger teil von mir hoffte, dass er Recht haben könnte. Aber im Moment wusste ich nicht, wie ich für Draco Malfoy fühlte.
Ich schloss das Buch und starrte ins Feuer, steckte es zurück in meine Tasche. Ich saß lange da und dachte über die Worte meines alten Professors nach. Die Nachricht war kurz, aber prägnant gewesen.
‚Syneidesis phantasma’, was? Eine Kreation des Halbblutprinzen. Die Nachforschungen nach den Einzelheiten des Zaubers würden interessant werden. Wenn Minerva wirklich beteiligt war, würde er sicher sehr kompliziert sein. Erst als Erwachsene hatte ich herausgefunden, dass Severus und Minerva abgesehen von Ihren Lehrfächern UTZe in Zaubersprüche, Arithmantik, Verwandlung, Zaubertränke und Theorie hatten. Sie waren herausragende Lehrer. Ich hatte meine UTZe nur in Arithmantik, Alte Runen, Theorie und Verwandlung – meine Mentoren waren da begabter.
Ich war aber noch jung und gesund.
Ich grinste ins Feuer. Ja, ich hatte noch ein paar Jahre vor mir. Ich hatte Voldemort und Harry Potter überlebt. Ein weiterer Kampf, ein Krieg, tobte noch in mir, aber als meine Lider schwerer wurden, wusste ich, dass ich erst etwas Ruhe brauchte, bevor ich einen weiteren Tag kämpfen konnte.
Ich döste auf dem kalten Steinboden der Höhle, umgeben von trockenen Knochen, das magische Feuer flackerte nahe meinen Stiefelspitzen.
Ich träumte nicht, während das Feuer durch meine Lider leuchtete, aber mein Verstand reiste an Orte außerhalb meines Körpers und der Höhle. Ich sah verschwomme Gesichter, vertraute Gesichter von Menschen, die ich kannte und geliebt hatte. Zuerst sah ich Remus’ Gesicht, sein schiefes Lächeln und die verfrühten Falten auf seinem Gesicht. Dann Tonks’, herzförmig und hübsch. Ich sah Sirius’ Gesicht, dunkel und nachdenklich, aber vor meinen Augen mit einem schönen Lächeln. Ich sah Cedric Diggorys attraktives Gesicht, steingraue Augen und das leicht spitzbübische Leuchten darin, an das ich mich erinnerte. Ich sah Severus’ Gesicht, wie ich es 1995 in der Nacht mit Draco gesehen hatte, das Grinsen – fast Lächeln – auf seinen dünnen Lippen. Und zuletzt Harrys Gesicht, ein gedankliches Foto von ihm, nachdem Sirius ihm angeboten hatte, ihn von den Dursleys wegzuholen, dieses Gesicht purer Freude; das Gefühl, das Harry benutzt hatte, um Sirius vor den Dementoren zu retten.
Dieser Harry – der fröhliche, unschuldige Harry – war der Junge, den ich in Erinnerung behalten wollte – den Jungen, den ich mit einer solchen Hingabe geliebt hatte, dass ich ihm überallhin folgte. Es tat weh, dass Harry irgendwo im Laufe der Zeit zu diesem verdrehten, verrückten Ding geworden war.
Nein. Wäre Voldemort nicht wiedergeboren worden, wären all meine Lieben nicht gestorben, hätte ich nie erfahren, wie man wächst, liebt oder stark wird.
Ich öffnete meine Augen und holte mich aus dem Schlaf.
Ich war stark, listig, loyal und intelligent – das Beste aller vier Häuser der Hogwarts-Schule für Hexerrei und Zauberei, wie Severus geschrieben hatte. Ich stand auf und strich die zerdrückten Knochen von meinem verwandelten Mantel. Ich war stärker als ich mir zugetraut hätte, und als ich das Feuer löschte und in der tiefdunklen Höhle stand, wusste ich, dass ich mir nur nehmen musste, was ich wollte, und ich wollte Gerechtigkeit und Wahrheit.
*****
Alastor Gumboil war ein stattlicher Mann, nicht wirklich fett, aber breiter als seine Schulter- und Brustmuskulatur es wären. Er hatte die stechendsten grünen Augen seit Harry potter und sein dünnes, feuerrotes Haar war ordentlich zu einem langen Pferdeschwanz gebunden. Alles in allem erinnerte er mich auf eine gewisse Art an einen älteren Bill Weasley – nur die Haare und die breiten Schultern, sonst nichts. Gumboil war nicht so hübsch wie Bill, aber ebenso vernarbt. Anscheinend war Gumboil ein Mann, der eine raue, wenn nicht gar gewaltsame Karriere in der Strafverfolgung eingeschlagen hatte, überlegte ich, während ich mich in einem drögen Befragungszimmer gegenüber von ihm an einen Tisch setzte und eine Art traurigen Starr-Wettkampf mit ihm abhielt.
Es war fast fünf Uhr abends. Ich hatte meine Aussage gemacht, Fragen beantwortet, von kompliziert bis fast dumm, seit neun Uhr früh. Aus irgendeinem Grund hatte ich das Gefühl, dass Gumboil meine geistige Ausdauer testete oder versuchte, mir ein vergrabenes Schuldgeständnis zu entlocken. Ich kannte mich sehr gut und wusste, dass ich unter dem mentalen Druck nicht zerbrechen würde. Ich hatte nichts falsch gemacht. Ich tat, was das Ministerium als korrekte Vorgehensweise betrachtete; ich hatte Harry Potter getötet, meinen besten Freund, um unsere Welt vor ihrer möglichen Zerstörung zu retten.
Aber scheinbar wurde ich als Kriminelle gesehen. Ich war – gelinde gesagt – verärgert.
Den ganzen Tag lang hatte ich nur Alastor Gumboil gesehen, und ich hatte die wirren, orangeroten Haare auf seinem kahlen Kopf mindestens sechs Mal gezählt.
Wir saßen nun seit fast zwanzig Minuten schweigend da.
„Würden Sie gerne für mich arbeiten, Miss Granger?“
Überrumpelt. Ich war völlig überrumpelt und mein Mund klappte wie von selbst auf.
„Was?“
„Ich biete Ihnen einen Job ab, Miss Granger. Mit der ganzen Umstrukturierung in meiner Abteilung, könnten wir einen vermittelnden Beamten zwischen der Polizei und den wiedergerufenen Auroren gebrauchen. Sie arbeiten zusammen mit hoch wichtigen, internationalen Ämtern, den Drachenreitern, den Auroren und meinen Polizeibeamten. Sie können mit sensiblen Informationen umgehen und Sie wissen, wie man mit Malfoy klarkommt…“
Mein Mund arbeitete, aber nichts kam raus, während Gumboil sprach, bis er ‚Malfoy’ sagte.
„DCI Malfoy und ich…“, begann ich, aber Gumboil unterbrach mich.
„Das ist nicht mehr seine offizielle Bezeichnung, Miss Granger. Ehrlich gesagt wissen wir durch die verschiedenen Verzweigungen der AMS nicht genau, wie wir ihn nennen sollen. Er wird in den nächsten Tagen zum Detective Superintendent befördert, aber er ist auch ein Auror, Drachenreiter – eine einzigartige Position, die nur jemand, der so zäh wie Malfoy ist, händeln kann. Sie haben bewiesen, dass Sie gut mit ihm zusammenarbeiten können, weshalb wir Sie in unserer Abteilung wollen. Mit Ihnen beiden muss sich das Ministerium keine Sorgen mehr über die Instabilität außerhalb dieser Mauern machen und mit den nötigen Veränderungen innerhalb dieser Mauern anfangen…“
Ich schloss meinen Mund und stützte mich mit den Ellbogen auf der Tischplatte ab; mein Kinn ruhte auf meinen Händen, während ich Gumboil kühl anstarrte.
Als er fertig war, sprach ich ruhig, leise.
„Also, trotz meiner Aussage, Dra-Malfoys Rolle in den Angriffen von Harry und M.A.T.C.H. und all dem – nach allem – bieten Sie mir einen Job an?“
Gumboil nickte, verschränkte die Arme vor seiner breiten Brust und bedeckte damit den Ausweis an seiner Brust.
Ich werde von dem Ministerium für keine Übertretung verurteilt, und Malfoy auch nicht?“
Gumboil nickte wieder, sein Kinn wabbelte.
Ich lachte und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. Es war geradezu lächerlich. Es gab noch so vieles, was geklärt werden musste, meine Gefühle für Draco Malfoy standen ganz oben auf der Liste. Außerdem war da noch mein Job in der Mysteriumsabteilung.
Als mein Lachen verklang, sah ich Gumboil in die Augen.
„Ich werde darauf zurückkommen…“
Gumboil nickte wieder.
„Sind wir hier fertig?“
„Ja, Miss Granger. Sie dürfen gehen. Halten Sie sich jedoch verfügbar für den Fall, dass wir noch mehr Informationen brauchen, vielleicht bei einer gerichtlichen Untersuchung.“
Ich runzelte die Stirn. „Untersuchung?“
„Wenn das Ministerium das für nötig befindet. Bisher ist der Zaubergamot mit Ihrer und Malfoys Aussage zufrieden, da sie Harry Potters kriminelle Taten und Absichten untermauert. Malfoy konnte vor Potters ‚Hirntod’ seine Erinnerungen entziehen und unsere Forensikabteilung bereitet sie zur Sichtung durch den Zaubergamot vor…“
Ich hörte nicht mehr zu. Ich wollte diese Erinnerungen selbst sehen.
Ich verabschiedete mich schließlich mit dem ehrlichen Versprechen, dass ich Gumboils Angebot bedenken würde. Ich war gerade durch das Drehkreuz im Atrium durch und nahm meinen Walnussstab wieder entgegen. Der Elderstab war versteckt in der bodenlosen Tasche meines verwandelten Umhangs, der im Spätmai kein Mantel war, sondern eine leichte Jacke, die bis zu meiner Hüfte über die Drachenhaut-Hose reichte, die ich schon am Vortag an hatte.
Der Korridor zwischen den Flohnetzwerken war repariert worden und wäre da nicht dieser merkwürdig dunkle Fleck hoch oben an der Decke gewesen, wo die Reinigungsleute das Blut nicht bemerkt hatten, hätte es keinen Hinweis darauf gegeben, dass Draco und ich Harry Potter im Ministerium bekämpft hatten. Ich blieb stehen, ignorierte die Blicke der anderen Ministeriumsangestellten, die nach Hause gingen. Ich starrte den Fleck an.
Ich hatte mich an diesem Morgen, als ich ins Ministerium gekommen war, nicht vor den neugierigen Augen versteckt, und da es keine Spur von der Presse gab, vermutete ich, dass mein Name nicht in den Zeitungen erwähnt worden war.
Meine Augen kehrten zum Boden zurück, der abgesehen von den üblichen Gebrauchsspuren tadellos war. Dort hatte ich das Drachenfeuer beschworen, und ich hatte geglaubt, Draco wäre tot. Es schien wie ein Traum oder ein Erlebnis aus einem früheren Leben.
„Sie haben es schon einen Tag später repariert“, sagte eine Stimme nahe meinem Ohr und ich erschrak, mein Walnussstab glitt von meinem Halfter in meine Hand. Ich drehte mich flink um und die Spitze meines Zauberstabs grub sich in die Unterseite eines blassen, kantigen Kiefers.
Draco Malfoy stand direkt hinter mir, sein Kinn angehoben, damit die Spitze nicht zu sehr in seine Haut drückte. Ein paar Angestellte blieben stehen, um unsere Interaktion zu beoabchten, aber als ich den Zauberstab sinken ließ, liefen sie weiter und schüttelten verwirrt ihre Köpfe.
„Ich sehe schon, dass ich dich nie wieder erschrecken sollte, Hermine“, sagte er sanft. „Du hättest mich jedoch fühlen oder hören sollen…“
Sein Ton war herablassend, als würde er einen seiner Untergebenen schimpfen.
Ich wollte Gumboils Angebot fast annehmen, nur um Malfoy zu zeigen, wie entschlossen ich im Ernstfall sein konnte.
Er starrte mich von oben herab an, seine ungleichen Augen studierten mein Gesicht, meine Kleidung; sein Gesicht war emotionslos.
„Wir sollten reden.“
Ich stimmte ihm zu.
„Kommst du mit mir zu… nach Hause?“, stammelte er.
Ich blinzelte. Seine Stimme veränderte sich leicht, als er ‚nach Hause’ sagte, aber ich wusste, was er meinte. Die Stallungen – sie waren für mich für die Zeit, die ich dort verbracht hatte, ein Zuhause gewesen. Draco hatte nicht die Hütte gemeint. In meinem Kopf war dieser Ort auch kein ‚Zuhause’, nur eine Unterkunft, die wir beide im Bedarfsfall benutzt hatten. Es war ein Halteplatz, ein Rückzugsort, aber ich wusste, als ich mit Draco in Richtung Flohnetzwerk lief, dass die Hütte, die er gebaut hatte, nie ein Zuhause sein sollte.
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