
von Nitsrek
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Oh Ros’, du bist krank!
Der heimliche Wurm,
der da fliegt in der Nacht,
im heulenden Sturm,
hat gefunden dein Bett
von Wonne rot:
sein schwarzheimlich Lieben
bringt dir den Tod!
William Blake – The Sick Rose
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Das erste Mal seit jener verhängnisvollen Nacht auf dem Turm sah Draco Malfoy Hermine Granger in seinem eigenen Zuhause, wo sie sich auf dem Boden vor ihm wälzte und krümmte. Es war ein schlimmer Anblick, auch wenn er Granger mit ihrem aufgeblasenen Gehirn und ihren lästigen Haaren immer, immer gehasst hatte, weil es immer schlimm war zuzusehen, wie seine Tante Bella jemanden foltert. Das Licht in ihren schwarzen Augen und die Art, wie sie ihre Lippen leckte, wie sie bei jedem schmerzerfüllten Schrei aus Grangers rauer Kehle erzitterte… es reichte aus um ein ähnliches, jedoch angewidertes Zittern durch seinen eigenen zu dünnen und zu blassen Körper zu senden.
Aber es war Granger, das Mädchen, das in den meisten Stunden nicht einmal drei Plätze von ihm entfernt saß; ihr buschiges Haar hatte seine Sicht mehr als einmal blockiert. Sie war Teil seiner Kindheit, ein Teil des Lebens, wo er die Oberhand gehabt hatte und dafür begehrte er ihre Anwesenheit. Sie schrie und peitschte herum und bebte und kratzte und es reichte aus, um seine eigenen Erinnerungen an den Cruciatus wieder aufleben zu lassen. Sie preschten durch seinen Körper wie tausend glühend heiße Messer. Aber es war Granger und er kannte sie schon so lange. Also sah er nicht weg. Er zwang seine Augen auf der sich verbiegenden Kreatur zu bleiben, blinzelte nicht ein einziges Mal, nicht einmal, als seine Sicht durch dir Trockenheit seiner Augen verschwamm.
Und als Bellatrix endlich, endlich aufhörte – weil der Dunkle Lord zwar wahnsinnig, aber nicht dumm war und Granger Informationen hatte – immer – lag die buschige Brünette für ganze sechs Sekunden zitternd auf dem Boden. Dann – abgehackt und offensichtlich schmerzerfüllt – bewegte sie sich. Erst eine Hand flach auf den Boden, dann die andere. Ihre Arme knickten ab, streckten sich dann stufenweise. Knie drückten sie den restlichen Weg nach oben. Sie wackelte auf unsicheren Beinen und Draco musste dem Drang widerstehen, zu ihr zu laufen und sie zu stützen. Weil sie seine Kindheit war und er der Einzige sein sollte, der sie so zum Zittern brachte.
Sie hatte dem Dunklen Lord auf die Füße gespuckt.
Der zweite und dritte Fluch waren nicht weniger intensiv und bösartig als der erste. Aber etwas in Granger schien angeknackst zu sein. Etwas war gebrochen. Sie war wie betäubt. Sie wand und krümmte sich, kreischte und weinte. Aber als Bellatrix den Zauberstab wieder abwandte, stand sie tatsächlich wieder auf, diesmal mit einem triumphierenden Grinsen, das jedem Slytherin wert war, das ihren Mundwinkel hob während eine Spur aus Blut an ihrem Kinn herabtropfte – rot, wie sein eigenes, nicht schwarz oder braun oder schmutzig, sondern rot und nass.
Er dachte, dass sie noch sie schön gewesen war wie in jenem Moment, stolz und trotzig und wissend, dass ihr Tod bevorstand, hatte sie den Nerv, ihren zukünftigen Mörder hämisch anzugrinsen. Und die Einsicht, dass ihr Tod nicht weniger schmerzhaft sein würde als der jedes anderen reinblütigen Narren, der dumm genug war, dem Dunklen Lord die Stirn zu bieten, traf ihn wie ein Cruciatus. Ihr Tod wäre nicht weniger unnötig oder erschütternd. Er wäre nicht minderwertig.
Selbst Monate nach ihrer Flucht – alle des Goldenen Trios, durch die Hilfe eines Hauselfen, der einst seiner Familie treu gewesen war und ihm Kekse gebracht hatte, auch wenn er es nicht verdiente – hatte ihn das Bild ihre Blutes, wie es sanft die Kurve ihres Kinns nachfuhr, verfolgt. Ihn verspottet. Weil Hermine Granger, Gryffindors Alleswisserin und Möchtegern-Schulsprecherin, wieder einmal unzweifelhaft Recht hatte.
Das zweite Mal, als er Hermine Granger sah, waren zwei Jahre vergangen, er war bis an die Grenze seines Lebens gefoltert worden und seine Mutter war gerade gestorben.
Es war der Plan des Dunklen Lords gewesen. Ehrlich gesagt fand er den Plan ziemlich dumm und unglaublich leicht zu durchschauen. Er hatte seine Meinung natürlich für sich behalten. Auch wenn es nicht illegal war, solche Gedanken zu hegen – der Dunkle Lord bestand darauf, dass es keine Gesetze gab, womit theoretisch nichts illegal war – war Draco sich ziemlich sicher, dass der Tod die Konsequenz für diesen bestimmten Kommentar war, egal, ob er zu den hochrangigsten Todessern gehörte oder nicht.
„Ah. Draco.“ Das gedehnte Schnarren des Dunklen Lords sandte einen vertrauten Schauer über Dracos Wirbelsäule. Ein Gefühl, das er immer gehasst hatte und das er wahrscheinlich immer hassen würde, selbst jetzt nach all den Gewalttaten und Sünden, die er begangen hatte – diese tiefe, dunkle, atemberaubende Angst, die sich anfühlte, als würden Eis, Adrenalin und Feuer gleichzeitig durch ihn schießen. Aber heute… heute begrüßte er sie. Genoss sie. Sie setzte sein Herz in Bewegung – die erste Emotion, die er seit Tagen (Wochen, Monaten, Jahren) verspürte.
Der Dunkle Lord war mit sich zufrieden. Draco hatte im Laufe der Jahre gelernt, die Emotionen der Schlange anhand der Angst in einem Raum zu spüren. In seinen Augen lag dieses Glitzern, das ziemlich blasiert war für jemanden, der sich selbst als unsterblichen Gott sah. Zuerst schob Draco es auf das dritte Jubiläum seit Kriegsbeginn – jene Nacht auf dem Turm, als sein Zauberstab ihn entzündet hatte. Aber dann bemerkte er Bellatrix, die im Hintergrund lauerte, und das verstimmte Stirnrunzeln, dass ihr ansonsten schönes Gesicht entstellte. Snape, nur ein paar Schritte links von ihr, blickte so ausdruckslos wie Draco selbst. Auch andere Gesichter – Rabastan, Rodolphus, Avery, Crabbe Sr., Dolohov, Goyle Sr., Greyback, Macnair, Mulciber. Der innere Kreis. Zumindest das, was davon übrig war.
„Seht ihn euch an.“ Und alle Augen huschten zu Draco, gehorchten dem Befehl ohne darüber nachzudenken. Draco blieb aufrecht stehen, die Füße leicht auseinander, das Gesicht unlesbar – der perfekte Soldat. Der Dunkle Lord grinste. „Mein Erbe. Mein Sohn. Mein Schützling.“
Draco verbeugte sich tief und erinnerte sich an die unzähligen Male, die er sich hier schon verbeugt hatte, als es noch der spektakulärste Ballsaal in der Reinblüter-Gesellschaft gewesen war und er freie Wahl zwischen schönen Frauen hatte, die er im Arm halten konnte.
„Erhebe dich, mein Sohn. Lass mich dich loben. Sag mir, Bellatrix“, fügte er nach einem Moment hinzu. Die Frau an seiner Seite richtete ihre Aufmerksamkeit mit dem Eifer eines Welpen, der von seinem Herrchen gerufen wurde, auf ihn. „Ist dein Neffe nicht ein guter Zauberer?“
„Es ist… eine Ehre für ihn, von Euch gelobt zu werden, Mylord“, flüsterte Bellatrix und wagte einen angewiderten Blick auf Draco. Eine riskante Tat, dem Erben des Dunklen Lords solche Abscheu zu zeigen. Aber der Dunkle Lord kicherte nur, obwohl er die Frau für eine so offene Zurschaustellung von Ungehorsam ein anderes Mal vielleicht einfach getötet hätte. Dracos Haare hätten sich aufgestellt, wenn er seinem Körper auch nur irgendeine Reaktion erlaubt hätte.
„Mach dir keine Sorgen, Liebes“, summte ihr Lord spöttisch. „Du bist immer noch mein Liebling.“ Im besten Fall war es Spott, im schlimmsten eine regelrechte Beleidigung. Trotzdem lächelte Bellatrix gekünstelt über das Lob und eine beschämte Röte breitete sich über die Wangenknochen, die so sehr denen seiner Mutter ähnelten. Aber der Dunkle Lord wandte seine Aufmerksamkeit wieder Draco zu, also erstickte er jeden Gedanken an seine Mutter und starrte stur geradeaus, ließ die öffentliche Inspektion zu.
„Stark. Mächtig. Listig… Aber ich frage mich: Wird er alles tun, was notwendig ist, um mir zu dienen?“
„Mein einziger Wunsch ist, Euch zu dienen, Mylord“, antwortete Draco ruhig, nicht zu schnell, aber ohne zu zögern. Und dennoch verschwand die Maske leichter Belustigung auf dem Gesicht des Dunklen Lords und sein Blick floss plötzlich in Draco, suchte und suchte. Draco ließ das Eindringen zu. Es war lebenswichtig, dass der Dunkle Lord das Gefühl hatte, alles unter Kontrolle zu haben. Aber es gab andere Wege als Okklumentik, Erinnerung zu verbergen. Das Eindringen dauerte nur Sekunden, dann grinste der Dunkle Lord wieder und begann, um Draco herum zu laufen.
„Gut“, lobte er. „Beeindruckend. Aber selbst meine willigsten Diener haben ihre Makel.“ Seine Augen flackerten hinter den Schlitzen zu einem namenlosen Gesicht zu Dracos Linken und er glaubte, ein Keuchen zu hören. „Sssssschwächen.“ Das ‚S’ war tief und lang und Draco kämpfte gegen die Grimasse, die es provozierte.
„Ich habe keine Schwächen, Mylord.“
„Ja. Nun. Wir werden sehen.“ Seine Stimme war nun lauter, an den Rest der Versammlung gerichtet. Er war schon immer theatralisch. Draco schluckte seinen Ärger leicht herunter. „Ich habe einen Auftrag für dich. Einen, dem ich nur einem meiner treusten Diener anvertrauen würde. Du wirst jedes Quäntchen List und Gerissenheit brauchen.“
Draco wartete, weil eine Unterbrechung sicher zu einem Cruciatus führen würde und es ihm nichts ausmachte, sich zu gedulden. Der Dunkle Lord wartete, bis er wieder an seinem Thron war, bevor er fortfuhr. Er lächelte Draco von seinem über-extravaganten Platz aus träge an. „Der Orden des Phoenix versucht nun seit Jahren nach einer Chance, dich zu konvertieren. Aus irgendeinem Grund scheint Potter -“ ein leises Fauchen klang durch den Raum, doch er unterband es mit einem ungeduldigen Winken „- zu denken, dass du mich hintergehen würdest.“
„Eine unbegründete Vorstellung von Gryffindor-Mut, das versichere ich Euch“, antwortete Draco mit genug Hohn, um ein paar Todesser zum Lachen zu bringen.
„Ohne Zweifel“, stimmte der Dunkle Lord zu. Er stützte sich auf seinen Knien ab und betrachtete Draco über das Dach hinweg, das seine bleichen Finger schufen. „Aber du kannst nicht die Möglichkeit leugnen, die solche Vorstellungen präsentieren.“ Draco unterdrückte jegliche Neugier, die diese Bemerkung weckte und schluckte alle Fragen hinunter. Nach einer Pause fuhr der Dunkle Lord fort, „Ich will, dass du mit Snape zu ihrem Hauptquartier gehst. Ich will, dass du diesen Potter-Abschaum um Asyl bittest. Ich will, dass du ihm versprichst, an seiner Seite zu kämpfen, dass du mich verraten hast und nun wünschst, ihm und seiner erbärmlichen Lumpen-Armee zu helfen. Und dann, wenn er denkt, er könnte dir vertrauen… will ich, dass du ihn zerstörst.“
„Ihr wünscht, dass ich als Spion in den Orden trete?“, fragte Draco nach einer Pause und die ersten Anzeichen von Unsicherheit schlichen in seinen Ton.
„Nicht ganz. Ich habe Snape als Spion. Und auch wenn sie glauben, dass er ihnen loyal ist, vertraut doch niemand jemals völlig auf einen Spion. Nein“, schloss der Dunkle Lord, „ich will, dass du einer von ihnen wirst. Sprich wie sie, kämpfe mit ihnen. Gelange in ihren inneren Kreis. Bring sie von innen heraus zu Fall.“
Als der Dunkle Lord erwartungsvoll innehielt, nickte Draco einmal – als ob er sich hätte weigern können. Lippen verzogen sich zu einem höhnischen Lächeln und der Dunkle Lord klatschte in die Hände, was einige der Anwesenden in beunruhigte Bewegung versetzte. Angst war der zweite Herrscher in diesem Raum, befehlend, dominierend; sie ließ sie überlegen, welche Reaktion auf welchen Kommentar die richtige wäre. Aber der Dunkle Lord war heute Abend anscheinend nicht in der Stimmung für Bestrafung. Tatsächlich würdigte er sein Publikum kaum eines Blickes, sein ganzer Fokus lag auf dem Mann direkt vor ihm.
„Hervorragend. Ich wusste, dass du mich nicht enttäuschen würdest. Aber…“ Das Zögern, die Ungewissheit, die kleine Pause – natürlich alles nur für den Effekt. Für einen kurzen Moment fragte Draco sich, was passieren würde, wenn er einfach aufhören würde zu spielen. Wenn er mit den Augen rollen oder frustriert seufzen würde. Fordern würde, dass der Dunkle Lord sich nur einmal klar ausdrücken oder einfach still sein würde. Aber die Lippen der Schlange waren dünn und blass und seine Augen tanzten in Erwartung. Das Staunen dauerte nur eine Sekunde, bevor Draco in seine Rolle trat.
„Ja, Mylord?“
„Es würde sehr verdächtig aussehen, wenn du dort völlig unversehrt auftauchen würdest, in bester Verfassung. Du bist als einer meiner begnadetsten Diener bekannt. Warum solltest du dich jetzt abwenden, wo dir die ganze Welt offen steht?“ Er wartete nicht auf die Antwort. „Nein. Das geht einfach nicht. Wir müssen es… realistisch aussehen lassen.“ In seinen Augen lag ein Glitzern, das Draco wieder erkannte und dass seinen Magen rumoren ließ. Aber er war ein Malfoy, ein Soldat und er kannte seine Rolle. Also biss er die Zähne zusammen, neigte den Kopf und senkte den Blick.
Und im tiefen Ton seines Vaters antwortete er, „Euer Wunsch sei mir Befehl, Mylord.“
Er sah nicht auf, als die Schlange ihren Zauberstab zog und ihn erst gemütlich zwischen den Fingern wirbelte, als würde er überlegen, wie er seinen Plan am besten umsetzte. Er hörte das ruhige „Crucio!“. Weißer Schmerz überkam ihn, brennend, quälend, alle Gedanken aus seinem Kopf verscheuchend, und für eine lange Zeit kannte er nichts anderes.
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In der Nacht, in der er zum ersten Mal auftauchte, war sie auf einer Mission gewesen. Es war kein Erfolg. Sie waren falsch informiert und unvorbereitet und die Auroren, die sie anführten waren unerfahren, weil die älteren auf wichtigeren Missionen unterwegs waren. Sechs gegen einen, es hat nicht lange gedauert, bis das Rückzugssignal über das Schlachtfeld schoss. Zuvor jedoch hatte ein Abtrennzauber sauber ihre Schulter komplett getroffen. Und Seamus Finnegan war gefallen, das grüne Licht des Avada immer noch in seinen Augen.
Sie sollte mit dem Rest ihrer Teamkameraden zu irgendeinem vom Ministerium benannten Unterschlupf an der Küste zurückkehren. Aber sie fror und war nass und müde und hatte gerade erst gesehen, wie jemand, den sie seit ihrem elften Lebensjahr kannte, vor ihren Füßen zusammengebrochen ist. Sie brauchte ihr Zuhause und Wärme. Und das, was am ehesten ihrem Wunsch entsprach, war das Haus am Grimmauld Platz.
Sie hatte erwartet, dass wie gewohnt der Feuerschein die Küche erhellte und der Geruch von Mollys Kochkünsten in der Luft lag. Hatte auf Harrys schmollende Anwesenheit vertraut und seine armseligen Versuche zu verbergen, dass er ihr die Freiheit, die sie hatte, neidete, selbst wenn sie blutbeschmiert nach Hause kam – nicht immer ihr Blut, aber immer, immer da. Aber der Portschlüssel brachte sie in eine Szene aus Chaos.
Ihr erster Gedanke, als sie den Körper sah, der sich auf dem Boden wand und schüttelte, war Gott, nein, bitte nicht Harry, bitte nicht Ron. Aber dann blitzte es weiß-blond vor ihren Augen. Ihr zweiter Gedanke war, instinktiv ihren Zauberstab zu ziehen, bevor sie bemerkte, dass ihn vier andere, gut ausgebildete Auroren umgaben und dass sein Zustand sicher nicht erlaubte zu kämpfen.
Er war blass. Nein, blass war nicht das passende Wort. Er war immer blass gewesen (eine Hautfarbe, um die sie ihn heimlich beneidet hatte, was sie aber um nichts auf der Welt zugeben würde), selbst im Hochsommer. Aber der Mann, der vor ihr auf dem Boden lag, war ein verblasstes Bild von Draco Malfoy. Eine dünne Schweißschicht bedeckte seine Haut, verlieh ihr ein beinahe feinstoffliches Leuchten, was ihr übermüdetes Gehirn die Frage stellen ließ, ob er nicht schon tot war und Mollys Zaubersprüche sowieso völlig umsonst waren. Aber sein Körper zuckte zu sehr für ein Gespenst. Und die hervorgestoßenen Flüche, die zwischen seinen Zähnen heraus brachen, ließen sie zusammenzucken, die Bosheit in seiner Stimme ließen sie zurückstolpern.
Ihr Fuß trat gegen einen Stuhl und Lupin bemerkte sie endlich und drückte ihr einen nasses Tuch in die Hand. Der Geruch von Äther, dick und schwer, erreichte ihre Nase und sie würgte, als er sich mit dem eisernen Gestank ihres Blutes vermischte. Aber Lupin gab ihr Befehle – drück den Lappen fünf Sekunden lang auf seine Nase, alle fünfzehn Sekunden, und um Merlins Willen Hermine, erstick ihn bitte nicht! – und Befehle mussten immer befolgt werden. Also fiel sie auf ihre Knie und drückte den Stoff auf Malfoys Gesicht. Sie dachte, es wäre etwas zu fest, denn er hustete und stammelte, bevor er das Bewusstsein verlor.
Sie zählte – eins, zwei, drei, vier, fünf – nahm das Tuch weg und zählte wieder. Eins, zwei, drei, vier – Molly sprach mit einer vertrauten Dringlichkeit Zauber über Dracos nackter Brust, murmelte gewohnheitsmäßig Feststellungen vor sich hin. – sieben, acht, neun – Es gab keine körperlichen Wunden soweit sie sehen konnte. Aber Hermine wusste, dass das nichts bedeutete. Es gab Flüche, die weitaus schlimmer waren als der Cruciatus, die dazu geschaffen waren, erst Stunden nach dem Treffer in Kraft zu treten und ihren Weg durch den Körper der Person zu reißen.
Malfoy regte sich. Ihre Augen flackerten nach oben, um sich auf seinen Blick zu konzentrieren. Sie erwartete die gewohnte Gehässigkeit, Hass und Ekel durch den Nebel aus Äther. Aber sie fand nur eine sanfte Neugier. Und dann hob er seine Hand und für einen erschreckenden Moment glaubte sie, er würde sie streicheln. Ihr Atem blieb in ihrer Brust stecken, ihre Wirbelsäule wurde zu Stein. Aber sein Finger glitt an ihrer Wange nach zu dem Schnitt, der wahrscheinlich eine Narbe an ihrem Kinn hinterlassen würde. Als der Finger sich entfernte, befleckte Blut die Haut an der Stelle, dunkeln und glänzend im schwachen Licht der Küche.
Sie verschluckte sich fast, als seine Hand ihre Haare griff und sie mit einem fast schmerzhaften Ziehen nach unten brachte, so dass sein Gesicht nur Zentimeter von seinem entfernt war.
„Siehst du?“, keuchte er und sie brauchte einen Moment, bevor sie den Schnitt an der Seite seines Halses entdeckte; Blut sammelte sich unter seinem Kopf auf dem verblassten Linoleumboden. „Es ist genauso wie meins.“ Als wäre sie diejenige gewesen, die diese Tatsache immer in Frage gestellt hatte.
Sie hielt seinen Blick die ganze Zeit, während sie das Tuch über seinen Mund hielt und auf den Moment wartete, in dem er wieder in Bewusstlosigkeit fiel. Sie ließ ihn danach nicht mehr lang genug wach bleiben, um zu sprechen.
Später, als Molly alles getan hatte, was sie tun konnte und Malfoy in eines der leeren Schlafzimmer gebracht worden war, erklärte ihr Lupin, wie Snape gesehen hatte, wie Draco sich dem Dunklen Lord widersetzt hatte – er hatte ihnen die Erinnerung gezeigt – und wie er gefoltert worden war und sie angefleht hatte, ihn zu töten. Sie machte die erforderlichen zustimmenden Geräusche als Molly ihr Mitgefühl ausdrückte und erklärte, wie sie es hasste, wenn Kinder in den Krieg gezwungen wurden. Sie gab vor Lupins nachdenkliches Stirnrunzeln, das ihn den Rest des Abends schweigen ließ, nicht zu sehen. Sie würde Harrys fast hitzige Behauptungen, dass Malfoy sicher etwas vor hatte, beruhigen.
Aber sie konnte sich in jener Nacht, als sie endlich im Bett lag und Malfoy nur eine Etage über ihr schlief, nur daran erinnern, wie er ihr Blut angestarrte hatte, fast hypnotisiert, und die kindliche Gewissheit, mit der er behauptet hatte, „Siehst du? Es ist genauso wie meins.“ Sie dachte, dass Malfoy vielleicht langsam verheilte. Dass es Hoffnung für ihn gab. Sie verfluchte ihre entsetzliche Gewohnheit, von zweifellos verlorenen Seelen angezogen zu werden und beschloss, extra unversöhnlich zu sein, nur um die Schwäche ihrer eigenen Gedanken wieder gutzumachen.
Sie dachte an seinen Finger, bedeckt von ihrem Blut. „Siehst du? Es ist genauso wie meins.“ Und die unausgesprochene Botschaft dahinter – wir sind gleich.
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Es dauerte drei Tage, bis Draco sich genug erholt hatte, um eine Stunde ohne die permanente Schmerztrank-Dosis auszukommen, und noch weitere vier, bevor Mutter Weasley ihn für fit genug erklärte, um befragt werden zu können. Er weigerte sich, mit dem schmuddeligen Werwolf zu sprechen, den er als seinen ehemaligen Professor erkannte. Er weigerte sich, die Auroren, die einer nach dem anderen zu ihm geschickt wurden, auch nur wahrzunehmen. Immer, wenn Mutter Weasley mit einer Mahlzeit hereinkam (und immer schwer bewacht), äußerte er einen einfachen Wunsch.
„Ich will mit Potter sprechen.“
Die Weasley-Frau schnalzte hinter ihren Zähnen mit der Zunge, ignorierte ihn jedoch ansonsten. Er hätte vor Ärger knurren können, wenn nicht schon das Atmen ein schmerzhaftes Zittern über seine Wirbelsäule geschickt hätte. Er entschied sich für einen finsteren Blick, bis sie das Zimmer verließ, dann sank er zurück in seine lumpigen Kissen, erschöpft von der kleinen Anstrengung. Erst nach Stunden quietschte die Tür wieder, und wegen der Stille, die sich während er schlief über das Haus gelegt hatte, nahm er an, dass es spät war.
Die Figur bewegte sich verborgen durch den Raum und Draco ortete die Bewegungen mit verborgener Vorsicht. Ein langer Moment verging, während die beiden Männer sich einfach nur anstarrten. Es war irgendwie surreal, fand Draco, nach so vielen Jahren dem Feind seiner Kindheit gegenüber zu stehen. Potter hatte sich verändert – er war nun ein Mann, weniger dürr und ein Schatten aus Stoppeln bedeckte sein Gesicht. Er sah müde aus – nicht wegen der späten Stunden, es war eher die Müdigkeit eines Kindes, das zu schnell zum Erwachsenwerden gezwungen worden war und die meiste Zeit damit verbrachte, einfach über Wasser zu bleiben. Die Art Müdigkeit, die dich austrocknen ließ und nur eine leere Hülle übrig ließ.
Es war die Müdigkeit, die Draco seit seinem sechzehnten Lebensjahr verspürte. Und er war sich nicht sicher, wie er sich fühlte, als er das gleiche Gefühl in einem Jungen entdeckte, von dem er sich immer stolz differenziert hatte.
„Was tust du hier, Malfoy?“, fragte Potter und Draco überlegte, ob das nachdenkliche Stirnrunzeln, das die berühmte Narbe in Falten legte, bedeutete, ob Harry die ganze Angelegenheit auch so befremdlich fand wie er.
„Nun“, sagte Draco und schaffte es tatsächlich, spöttisch zu klingen. „Das letzte, an das ich mich erinnern kann, ist, dass ich vor Schmerz ohnmächtig geworden bin. Und nun wache ich hier auf, also nehme ich an, dass ich entführt worden bin und nun bis auf Weiteres als Geisel gehalten werde.“
Potter betrachtete ihn einen Moment lang kühl. „Das hier ist kein Spiel, Malfoy.“
Er versuchte zu grinsen, hatte jedoch das fürchterliche Gefühl, dass es nur als müdes Lächeln rüber kam. „Das Leben ist ein Spiel, Potter. Und wir können nur mit dem Blatt spielen, das uns gegeben wurde und auf das Beste hoffen.“
„Ist es das, was du tust? Mit uns spielen?“
„Ich habe gehört, dass euer Haufen versucht, mich zu rekrutieren“, antwortete Draco stattdessen. „Severus ist anscheinend einfühlsamer als ich ihm zugetraut hatte. Er schien vor mir bemerkt zu haben, dass ich die Seiten wechseln würde.“ Er seufzte als Potter nicht antwortete. „Ich habe Informationen. Namen, Orte, Pläne. Ich bin in meinen Aussagen jedoch eingeschränkt. Aber ich werde tun, was ich kann.“
„Woher sollen wir wissen, dass du nicht nur lügst? Uns bedenkenlos in die Fallen deines geschätzten Dunklen Lords schickst?“
„Weil deine Auroren mehr als eine Möglichkeit haben, festzustellen, ob jemand lügt – auch bei den besten Okklumens. Und sie würde keiner Information nachgehen, die nicht von mindestens drei anderen Quellen bestätigt worden ist. Du würdest auch nicht nur auf mein Wort vertrauen.“
„Wenn das so ist, was lässt dich überhaupt glauben, dass wir dich brauchen?“
Diesmal wusste Draco, dass sein Hohnlächeln funktionierte. „Weil ich Draco Malfoy bin, Sohn von Lucius Malfoy, Staatsfeind Nummer Zwei, zumindest bis mir einer einen Gefallen tut und ihn umbringt. Ich bin der Erbe des Dunklen Lords – Ex-Erbe -“, setzte er mit einer Grimasse hinzu. „Ich bezweifle, dass er mich in nächster Zeit mit offenen Armen zurücknehmen würde.“
„Und warum jetzt? Warum jetzt, wo Voldemort am meisten gefürchtet ist? Es wäre für dich doch sicher vorteilhafter, wenn du dich an die Gewinnerseite halten würdest?“ Diesmal grinste Potter. „Oder erwartest du, dass ich dir glaube, dass du plötzlich einen Sinneswandel hattest und zur Vernunft gekommen bist?“
Draco rollte mit den Augen. „Potter, man könnte fast meinen, du kennst mich überhaupt nicht. Ich habe es satt, auf Zehenspitzen um die Füße dieser heuchlerischen, Halbblut-Schlange zu scharwenzeln. Ich habe keine Lust mehr, den flotten Sidekick zu spielen. Ihn los zu sein wäre für mich vorteilhafter.“
Für einen langen Moment herrschte Stille. Sekunden vergingen, gezählt von dem Regen, der nun in einem leichten Staccato an das Fenster klopfte. Draco war nur ein wenig überrascht, als Potter in den Sessel neben seinem Bett sank und sich schwer auf seinen Knien abstützte. Hinter den Brillengläsern herrschte eine merkwürdige Mattigkeit, die etwas in Dracos Brust brennen ließ. Weil sie Potter und Malfoy waren, von Natur aus Erzfeinde, dazu bestimmt, sich ewig zu hassen, zu streiten und zu duellieren. Ein Teil seiner Kindheit, den er noch nicht loslassen konnte. Und Scheiß-Potter hatte ihn bereits hinter sich zurück gelassen.
„Ist das die Wahrheit, Malfoy?“
Sein Grinsen wankte. Flackerte. Starb. Seine Augen schlossen sich, ohne dass er die bewusste Entscheidung dazu traf. Die Stille drückte auf ihn und deshalb gab er ihr die Schuld an der Anspannung in seiner Stimme, als er schließlich wieder sprach. „Die Wahrheit.“
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Hallo ihr Lieben! Ich habe auf meiner Lieblings-Dramione-Homepage ein wahres Meisterwerk gefunden und glücklicherweise die Genehmigung zur Übersetzung erhalten. Freue mich über Kommentare.
LG
Nitsrek
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