
von Nitsrek
Heute habe ich gespürt
wie mich der Windhauch der Flügel des Wahnsinns berührte. ~Charles Baudelaire
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Als Granger Draco zum ersten Mal vorschlug, mit Teddy nach Muggel-London in einen Park zu gehen, hatte er sie ausgelacht. Nicht das offensichtliche, lächerlich machende Lachen, das er früher vielleicht riskiert hätte (denn das war eine Woche ohne Sex einfach nicht wert). Nur ein leises Kichern in seinem Hinterkopf. Denn nur ein Narr würde es riskieren, den Unterschlupf am helllichten Tag zu verlassen – wobei helllichter Tag eigentlich dieser von Dementoren verursachte Smog war, der den Himmel belegte. Nicht ohne einen guten, triftigen Grund, wie zum Beispiel die Überbringung einer Nachricht – und selbst dann, dürfte jemand, der so gefährdet war wie Granger, nicht raus.
Teddy ging es gut, wie es war.
Obwohl. Jetzt, wo er darüber nachdachte – wie lange war es her, dass der Junge den Grimmauld Platz zuletzt verlassen hatte? Sechs Monate? Sieben? Draco wusste nicht viel über die Orte, an denen der Junge zuvor gelebt hatte. Aber er wusste, dass die meisten Familien-Unterschlupfe auf dem Land waren – also viel Platz zum Rumtoben und so boten… was auch immer kleine Kinder eigentlich taten.
Und nun, wo er das bemerkt hatte, kam er nicht umhin, es zu bemerken. Wie Teddys Augen aufleuchteten, wenn jemand die Tür öffnete, bevor seine Haare sich in ein deprimierendes Grau färbten. Wie er sich lieber an das Küchenfenster setzte und in den grauen Himmel hinauf starrte, als wirklich in den Hinterhof zu gehen und dort wie früher zu spielen. Draco nahm an, dass die kleine Wildnis dort nur begrenzte Entdeckungsmöglichkeiten bot. Als Granger zum zweiten Mal fragte, war er immer noch skeptisch.
Teddy zog sich langsam zurück, sein Schweigen überwog die Zeiten, wenn er sprach, und Draco stimmte zu, Shacklebolt zu fragen. Der Antrag wurde natürlich abgelehnt. Also steckten Draco und Hermine am nächsten Tag in einen Mantel, der einige Nummern zu groß war und wickelten einen Schal um seinen Hals. Wenn Mollys Kalender stimmte, war es inzwischen fast Herbst. Aber die Sonne gehörte der Vergangenheit an, seit die Dementoren umherwaberten und selbst die Muggel in die Sicherheit ihrer Häuser trieben. Sie sahen die Biester nicht, aber sie konnten sie fühlen. Draco las in einer Muggel-Zeitung, dass die Selbstmordrate auf dem Höchststand war – wobei er sich wunderte, wie viele dieser ‚Selbstmorde’ nur die Muggel-Erklärung für Avadas waren, die durch die Muggel-Wissenschaft ja nicht identifiziert wurden.
Hermine verstummte in der Sekunde, als sie aus der Haustür trat. Fred und Ron begleiteten sie, die Haare von Zaubertränken dunkelbraun gefärbt – weil zwei Rothaarige und Grangers bekanntes Nest sicher Gefahr anziehen würden. Teddy schien die benötigte Vorsicht zu spüren. Zumindest sprang er nicht vor lauter Aufregung herum, die Draco auf seinem Gesicht beobachtet hatte, bevor sie gegangen waren. Andererseits war er vielleicht auch etwas ängstlich. Er sah gerade nicht besonders glücklich aus.
Aber dann erreichten sie den Park und dort waren andere Kinder, Mütter, die eifrig auf den Wegen tratschten, Väter, die Zeitung lasen und mit gelangweiltem Stirnrunzeln auf die Uhr blickten. Teddy zögerte, der Drang, loszurennen aber deutlich in seinem Gesicht. Er blickte Granger an, wartete auf ihre Erlaubnis.
„Geh schon“, drängte Draco und schubste ihn ein wenig. Das reichte als Ermutigung.
„Wir laufen ein paar Runden“, murmelte Fred kaum hörbar. „Prüfen, ob alles in Ordnung ist.“
Er und Ron trennten sich und spazierten um den großen Spielplatz. Teddy stand am Klettergerüst, anscheinend zufrieden damit, den anderen Kindern zuzuschauen, wie sie sich von einer Stange zur nächsten schwangen. Hermine wippte leicht auf ihren Fußballen und wrang ihre Hände vor ihrem Bauch.
„Granger“, probierte er, dann strenger, als sie nicht reagierte. „Hermine. Hör auf. Es geht ihm gut. Uns geht es gut. Er wird schaukeln und die Welt wird nicht untergehen.“
Sie nickte, dann noch einmal, beim zweiten Mal stärker. „Du hast Recht. Natürlich geht es ihm gut. Ich bin nur – was macht dieses Mädchen da?“
„Auch wenn ich mich nicht völlig mit Muggel-Verhaltensweisen auskenne“, spottete Draco, „glaube ich, dass sie ihn fragt, ob er mit ihr spielen will.“
Sie beobachteten, wie es weiter ging – das kleine, braunhaarige Mädchen stieß seine Schulter mit einem schiefen Lächeln und lief davon. Granger wäre losgestürmt, hätte Draco nicht ihre Hand genommen. Eine Sekunde später war das Mädchen zurück. Eine kurze Diskussion folgte, das Mädchen sprach sehr langsam, als würde sie mit einem sehr viel jüngeren Kind sprechen. Als sie diesmal losrannte, folgte Teddy ihr.
„Denkst du, wir sollten uns Sorgen machen, weil er jetzt schon Mädchen nachrennt?“, fragte Draco beiläufig.
„Sie spielen Fangen“, murmelte Hermine. Als er sie verständnislos ansah, seufzte sie. „Einer erwischt den anderen und dann – ach, egal.“
„Wie… barbarisch.“ Er zog sie enger an sich, als sie nicht reagierte, drehte sein Gesicht in ihre Locken und sprach in ihr Ohr. „Granger, hör endlich auf, auszusehen, als würdest du ihn gleich anspringen und in Wattebäuschchen packen.“
„Aber was ist, wenn er stürzt und sich die Knie aufschürft? Oder die Hände! Vielleicht sollten wir ihm Handgelenk-Schoner geben…“
Draco grinste sie amüsiert an. „Todesser und Dementoren lauern hinter jeder Ecke und du hast Angst, dass er sich den Kopf stößt.“
„Als ich acht Jahre alt war, fiel ich von der Schaukel und brach mir das Handgelenk! Es war eine sehr traumatische Erfahrung!“ Er saß, ohne sich zu erinnern, wie er sich der Bank genähert hatte. Draco blinzelte das Schwindelgefühl aus seinem Kopf und Hermine erschrak, als sich sein Griff um ihre Hand verstärkte. Sie blickte ihn an, Sorge deutlich im Braun ihrer Augen. „Was hast du?“
Er zwang sich, locker zu lassen. „Nichts. Es geht mir gut.“
„Weißt du, nachdem du mir ständig sagst, ich soll mich entspannen -“
Teddys Gesicht zeigte Lachfalten, als er auf ihn zuschwebte. Dracos ausgestreckte Hand fing die Schaukel ab und sandte sie automatisch zurück in die Luft. Er blinzelte. Drehte sich einmal im Kreis. Die Schaukel kam zurück, und diesmal stoppte er sie. Teddy lächelte nicht mehr. Eine Hand legte sich auf Dracos Schulter, und als er zusammenzuckte, sah Hermine verletzt aus.
„Draco? Was ist denn?“
„Ich fühle mich etwas merkwürdig…“
Er kippte um, fiel hustend auf das Bett. Es war dunkel genug, dass er einen Moment fürchtete, er könne nicht mehr sehen. Aber dann gewöhnten sich die Augen daran und landeten auf Potter, auf dem silbernen Leuchten seiner Brille, als sich das Mondlicht spiegelte, die Narbe kaum sichtbar unter seinen wilden Haaren.
„Ist das wahr, Malfoy?“
„Wahr…“
Die Szene änderte sich. Scharfes Holz drückte sich in seinen Hals. Harrys Augen funkelten, kalt und entschlossen hinter dem Schutz der Brille. Dracos Augen fielen zu, warteten, warteten…
„Harry, halt!“ Eine weitere Stimme, Aufregung. Hitziges Flüstern. Und Draco kannte die Stimme. So gut. Er wollte so sehr seine Augen öffnen. Sich von ihrem vertrauten Anblick trösten lassen. Aber seine Lider waren so schwer und das Holz war nun an seinem Kopf, diesmal kühler und nicht so energisch. Er glaubte, dass das Zimmer nun ruhiger war, das Bett weicher unter seinem schmerzenden Körper. Dann hörte er diese geflüsterten Worte und danach dachte er lange Zeit nichts.
„- gut, er hat Epilepsie. Passiert ständig.“ Die Geräusche kehrten mit Freds Stimme zurück. Draco stöhnte, widerstand dem Drang, sich die Hände auf die Ohren zu legen. Kinder schrien, Schaukeln quietschten, ein gesammeltes Dröhnen murmelnder Stimmen. Er öffnete seine Augen und sah Hermines Gesicht über sich schweben, umrahmt von einem langweiligen, grauen Himmel. Erleichterung schwamm in ihren Augen, fiel auf ihre Wangen, als sie zu schnell blinzelte.
„Gott sei Dank“, keuchte sie und kümmerte sich nicht um die Tränen, wie er erwartet hatte. Sie legte eine Hand auf seine Stirn und zog die Augenbrauen zusammen.
„Was ist passiert?“ War das seine Stimme, so rau und trocken?
„Keine Ahnung, Mann.“ Fred kniete sich neben ihn, die neugierigen Zuschauer liefen endlich weiter. „Du bist einfach umgekippt und hast angefangen rumzuzucken, wie Dad damals, als er seinen Finger in so eine Dreckdose gesteckt hat.“
„Steckdose“, korrigierte Hermine unbewusst. Dann an Draco gerichtet, „Kannst du laufen?“
Er nickte (weil es schon peinlich genug war, ohne dass man ihn zum Grimmauld Platz tragen musste). Er kniete sich auf und Fred zog ihn den restlichen Weg nach oben. Ron studierte ihn mit einer Mischung aus Mitleid und Neugier. Hermine wirkte nur völlig panisch. Teddy schniefte den Großteil des Heimwegs leise vor sich hin, bis Hermine ihn hochhob und abwesend seinen Kopf tätschelte. Draco überlegte die letzten paar Minuten der Wanderung, was er Konstruktives sagen könnte, aber Teddy glitt aus Hermines Armen, sobald sie die Haustür hinter sich schlossen, und blieb auch nicht stehen, als Draco ihn rief.
„Ich gehe“, murmelte Ron und lief die Treppen hoch.
Dracos Augenbrauen hoben sich, als er seinen Ärger zurückhielt. „Der Junge kann zusehen, wie Longbottoms Knochen aus seinem Arm steht, aber er verträgt keinen Schwindelanfall?“
Hermine machte in ihrer Kehle ein merkwürdiges Geräusch, halb Knurren, halb Stöhnen, dann stürmte sie davon. Die Küchentür knallte hinter ihr zu. Draco widerstand dem Drang, zu gaffen (weil Malfoys niemals gafften).
„Warum ist jeder sauer auf mich?“, fragte er, und wäre es nicht Fred gewesen, hätte er vielleicht einfach seinen Mund gehalten. Er erwartete eine sarkastische Bemerkung oder zumindest ein freches Grinsen. Aber Freds Gesicht war grimmig, als er ihn ansah, seinen blauen Augen fehlte die gewohnte Fröhlichkeit.
„Es war ziemlich Furcht einflößend, Mann“, gab er schulterzuckend zu. „Eine Minute war alles okay, und in der nächsten lagst du auf dem Boden. Deine Augen waren immer noch offen, aber du wolltest nicht aufwachen. Du hast tot ausgesehen.“
Draco blinzelte. „Aber es geht mir gut.“
„Jetzt schon, ja. Aber zwei Minuten lang wussten wir es nicht. Granger hätte fast ihren Zauberstab gezogen, gleich dort vor all den Muggeln. Ich habe noch nie gesehen, dass sie so schnell durchdreht.“
Die Geräusche von Hermines ‚Stressabbau’, wie Fred es gerne nannte, hallten von der Küche aus durch den Flur. Ein mutigerer Mann hätte vielleicht versucht, vernünftig mit ihr zu reden. Aber Draco war kein Gryffindor und der Teil von ihm, der immer noch an seinen Slytherin-Ansätzen hing, sorgte dafür, dass er sich in ihrem Zimmer versteckte, bis das Klirren vorüber war und Mrs. Weasley endlich ihre Küche zurück bekam.
Er fand sie auf ihrem Sofa, wo sie in ihrem dünnen Mantel zitterte. Sie sprach nicht, als er sich neben sie setzte, und als er ihr eine Zigarette anbot, blickte sie die zwischen ihren Fingern vielsagend an und kehrte dann zu ihrem eisernen Schweigen zurück. Er zündete seine an. Zog den Rauch in seine Lungen und hielt ihn dort einen langen Moment, bevor er in einer üppigen Wolke aus seinem Mund eilte.
„Teddy ist sauer auf dich“, sagte Hermine, da sie Schweigen nie länger als ein paar Minuten aushielt. Draco hob eine Augenbraue bei der Andeutung, dass Teddy der Einzige war, dem es so ging, hielt den bissigen Kommentar aber zurück. „Er hatte wirklich Angst heute.“
„Ich rede später mit ihm, wenn er sich beruhigt hat. Sag ihm, dass es mir gut geht. Es war nur eine Ohnmacht.“
„Er glaubt, du stirbst.“ Sie zog ihre Unterlippe zwischen ihre Zähne. Kaute darauf herum, bis sie feucht und geschwollen war. „Das würdest du mir doch sagen, oder? Wenn etwas wirklich schlimm wär?“
Er stellte sicher, dass sie ihm in die Augen sah, als er antwortete, „Ja.“ Die oberste Regel, wenn man unerkannt lügen wollte. Sie seufzte auf eine Art, die ihn denken ließ, dass sie ihm trotzdem nicht glaubte.
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Hermine beschloss am nächsten Tag, Gringotts zu besuchen. Es war natürlich dumm und ein regelrechtes Selbstmordkommando, zumindest laut Fred. Überall wären Todesser, die Kobolde waren korrupt, Greifer durchsuchten die Winkelgasse, wenn nicht gerade der Krieg durch die verwahrlosten Straßen fegte. Sie war völlig wahnsinnig, sagte er. (Das hielt ihn aber nicht davon ab, die schwierigen Tarnzauber auf sie beide zu sprechen und sie dorthin zu begleiten).
Es war nicht so schlimm, wie sie befürchtet hatten. Auch die Todesser starben im Kampf, und nicht viele konnten geopfert werden, um eine Bank zu bewachen, die nicht einmal ein Viertel ihres früheren Vermögens lagerte. Die Kobolde lümmelten hinter ihren Schreibtischen, manche kritzelten gelangweilt auf Papier, andere ignorierten ihre Arbeit und starrten an die Wände, Decken, Fenster. Ein paar trugen frische Narben auf der verschrumpelten Gesichtshaut. Alle wirkten unterernährt. Auch wenn Kobolde nicht ganz so gehasst wurden wie widerliche Schlammblüter, wurden sie nicht gut behandelt, und die, die bei ihrem Anblick nicht wegsahen, starrten sie böse an, kalte schwarze Augen bohrten in ihre Haut.
Sie zitterte und zog fast ihren Zauberstab, bevor ihr wieder einfiel, dass die glatten, schwarzen Haare, die über ihren Rücken fielen, und der teure Umhang sie, wenn nicht gar zu einer Reinblüterin, immerhin zu jemand Wohlhabenden machten, der sich diesen Status hätte erkaufen können. Sie und Fred durchquerten schnell die Halle, auf dem Weg zu einer der weniger nervösen Kreaturen, deren Kopf über ein riesiges, staubiges Buch gebeugt war.
„Äh, Verzeihung… Entschuldigung…“ Sie blinzelte das verblasste Namensschild an und schluckte, als sie ihre unvertraute Stimme hörte. „Wagglesnorn, nicht wahr?“ Der Kobold grunzte, sah aber nicht auf. Hermine räusperte sich und machte einen Schritt auf ihn zu. „Vielleicht können Sie mir helfen. Ich suche einen bestimmten Kobold namens Bogswallow?“
Diesmal sah er sie an, schwarze Knopfaugen trafen auf ihre, und sie hatte ihre Okklumentik-Barriere errichtet, wenn auch nur wegen dem bohrenden Blick. „Vielleicht kenne ich einen Bogswallow. Andererseits vielleicht auch nicht. Ich nehme an, das hängt davon ab, was eine… vornehme junge Dame“, und sein Tonfall ließ es wie eine Beleidigung klingen, „von einem solch niederen Angestellten will.“
Ah. Sie hatte kurz Angst gehabt, dass ihre Verkleidung nicht gut genug war, aber nun bemerkte sie, dass sie zu gut war. Er glaubte, sie würde dem Kobold schaden wollen. Sie spürte einen Anflug von Mitleid für eine andere Kreatur, die ebenso permanent Angst vor Schmerzen und dem Tod haben musste, dann Stolz, weil er freiwillig Prügel für seine Unverschämtheit ertragen hätte, wenn sie wirklich wäre, was er glaubte. „Ich will ihm nicht wehtun. Ein Freund schickt mich.“
„Ein Freund?“
„Ein Freund, der lieber nicht genannt werden möchte.“ Wagglesnorns Augen verengten sich misstrauisch und sie bemerkte, dass sie schnell handeln musste. „Wir sind… sehr eng befreundet. Er sagte mir, wenn ich Hilfe brauche, würde ich sie hier finden.“
Etwas in Wagglesnorns Ausdruck änderte sich, und als er sie wieder ansah, lagen kein Hass und kein Misstrauen mehr in seinem Blick. Er blickte sie prüfend an, den maßgeschneiderten Umhang, die teuren Stiefel, die Knopfnase und die blasse Haut, und sie fühlte sich nackt unter seinem Blick. Als er nickte, spürte sie, wie die angehaltene Luft aus ihrer Nase floss.
„Folgen Sie mir.“
Sie erwartete, dass er sie in den dunklen Tunnel zu den Tresoren führen würde, also war es eine Überraschung, als sie ein kleines Büro betrat, nur ein wenig größer als die Büros in einer Muggel-Bank. Der Kobold, der an dem Tisch saß, war fast von Formularen begraben, seine rauen Hände flogen geschäftig hin und her. Er sah nicht auf, als sich die Tür öffnete, und erst als Wagglesnorn sprach, hielt er inne.
„Besucher für dich, Bogswallow.“ Der Kobold war kleiner als Wagglesnorn und Hermine fand, dass er älter aussah. Er nickte einmal, aber seine Augen lösten sich nicht von ihr. Wagglesnorn grunze. „Beeil dich. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit, uns den Bedürfnissen eines aufgeblasenen Menschen zu widmen.“
Die Tür schloss sich leise hinter ihm. Bogswallow hielt ihren Blick noch einen Moment, dann nickte er, als ob er innerlich zu einer Entscheidung gelangt wäre. Er tauchte seine Schreibfeder in das Tintenglas auf seinem Tisch und zog die nasse Spitze in einer langen, kratzenden Unterschrift über die Seite.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte er nach einer Pause.
„Ich muss an einen Tresor.“
Er blickte kaum auf. „Nicht meine Aufgabe.“
„Mir wurde ausdrücklich gesagt, ich solle zu Ihnen kommen.“
„Die Schlüsselkontrolle ist am Hauptschalter.“
„Ich habe keinen Schlüssel.“
Sein Grinsen war eine hässliche Grimasse. „Dann haben Sie auch keinen Tresor.“
Hermine sah Fred an und ignorierte das scharfe Stechen, als schwarze und nicht blaue Augen ihren Blick erwiderten. Die große Brünette zuckte mit den Schultern, ihre Geste zu locker für die ansonsten steife Haltung ihres Körpers. Hermine seufzte. Schloss die Augen, zählte bis zehn und traf eine Entscheidung. Sie trat vor und wartete, bis Bogswallow seinen Blick hob.
„Ich will zu Tresor 572. Die Person, die mich schickt, ist Draco Lucius Malfoy.“ Er hielt inne. Sie bemerkte die Veränderung, die über sein Gesicht spielte, unauffällig, aber sichtbar. Das Weiten seiner Augen, bevor sie sich misstrauisch verengten. Das Zögern, als er ihre Behauptung abwog.
„Mr. Malfoy hat womöglich im letzten Jahr einen Tresor bei uns eingerichtet.“ Seine Augen wanderten in einem entschieden herablassenden Blick über sie. „Aber Sie sind nicht die, von der er sprach.“
„Sie können wohl kaum erwarten, dass diese Person es in diesen Zeiten riskiert, an die Öffentlichkeit zu treten.“
„Dann können Sie wiederum kaum erwarten, dass ein Kobold wie ich nur durch Gutgläubigkeit handelt. In Zeiten wie diesen.“
„Er musste wissen, dass sie nicht nur auftauchen würde.“ Sie ließ das Geplänkel fallen, wurde ungeduldig. „Gibt es kein Passwort? Etwas, das nur sie wissen kann?“
Bogswallow zögerte, aber nur einen kurzen Moment. „Es gibt einen Weg“, begann er, die Worte langsam und berechnen, eine Warnung in den Augen, „den rechtmäßigen Besitzer eines Tresors zu bestimmen, und auch jeden anderen, dem Einlass gewährt wird.“
„Okay, das machen wir.“ Hermine trat vor, eifrig darauf bedacht, diesen verdammten Ort so schnell es geht zu verlassen.
„Es ist eine ganz einfache Prozedur. Sollten Sie die Wahrheit sagen.“ Bogswallow glitt von dem großen Stuhl und Hermine neigte den Kopf, um Blickkontakt zu halten, während er den Boden erreichte. „Sollten Sie lügen… naja. Lassen Sie mich einfach sagen, dass der Tod wohl die bevorzugte Alternative wäre.“
Freds Körper versteifte sich neben ihr und Hermine spürte seinen Protest hochkochen, bevor er sprach. „Warte. Vielleicht ist das keine so gute Idee.“
„Ich muss sehen, was in dem Tresor ist.“
„Und wenn du keinen Zugang hast? Es ist ein Malfoy-Tresor. Wer weiß schon, was für verrückte Flüche darauf liegen!“
„Draco -“
„Ist die Hälfte der Zeit nicht bei Verstand, die andere Hälfte ein grummeliger Mistkerl.“
Hermine sah ihn kühl an. „Du bist sein Freund. Du solltest ihm vertrauen.“
„Ich traue ihm soweit, wie er sich selbst traut.“ Als sie eine Augenbraue hob, runzelte er die Stirn. „Draco hat keine Ahnung von diesem Tresor. Denkst du, er wäre einverstanden damit, dass du hier bist, wenn du ihm sagen würdest, wo du bist?“
„Wenn ich mich immer danach richten würde, was Draco als richtig für mich erachtet, würde ich das Haus nicht mehr verlassen.“ Sie wandte sich wieder Bogswallow zu. Schluckte die Angst in ihrem Hals runter. „Dieser Tresor ist für mich gedacht. Ich will wissen, warum. Tun Sie es.“
Bogswallows Kopf neigte sich minimal zur Seite und sie fand, dass er sie nachdenklich musterte. Allerdings waren Kobolde keine Menschen, und es war schwer zu sagen, was sie dachten. Vielleicht dachte er auch nur über das Wetter nach. Er drehte sich wortlos dem Schreibtisch zu und benutzte einen Schlüssel, den er an einer Schnur um den Hals trug, um die untere Schublade zu öffnen. Er stellte sich so hin, dass sie nichts sehen konnte, auch wenn Hermine von ihrem Standpunkt aus sowieso nichts hätte sehen können.
„Alle Tresore in Grongotts haben einen Schlüssel“, sagte er und in seiner Hand lag eine kleine schwarze Schatulle. „Diese Schlüssel funktionieren nur bei einem Tresor. Und manchmal auch nur bei einer Person. Der Besitzer kann einen Schlüssel so verzaubern, dass er jeden verflucht, außer der Person, für den er bestimmt war. Eine uralte Vorgehensweise, die in der heutigen Zeit großteils ignoriert wird“, fügte er mit einem abweisenden Schulterzucken hinzu. „Die meisten Leute wissen nicht einmal, dass es solche Zauber gibt.“
„Aber Draco schon.“
„Die Malfoys sind seit vielen, vielen Jahren Kunden bei Gringotts“, war seine einzige Antwort. Sein Zeigefinger fuhr über die samtene Schatulle, während er sprach, und ein dumpfes Klicken ertönte. Der Deckel öffnete sich langsam, mit der geräuschlosen Eleganz gut geölter Scharniere. In einem Bett aus lila Seide lag ein winziger silberner Schlüssel. Bogswallow hielt ihn ihr hin und in seinen Augen lag nun ein entschlossenes Leuchten – Neugier, vermutete sie, war sich aber nicht sicher. „Wenn Sie bitte möchten…“
Sie schluckte. Ein Blick auf Fred sagte ihr ganz genau, was er von der Sache hielt. Sie ignorierte ihn, ballte die Faust und löste sie wieder. Sie griff nach dem Schlüssel. Finger berührten weiche Seide, dann kühles Metall. Kein Schmerz. Keine Veränderung der Atmosphäre. Die Welt blieb nicht stehen. Ihr Atem entkam als nervöses Lachen. Fred schüttelte den Kopf, als würde er denken, jetzt habe sie den Verstand verloren, aber er grinste.
„Na gut, Miss Granger“, sagte Bogswallow und ignorierte die kurze, panische Überraschung, die über ihr Gesicht huschte. „Wenn Sie mir bitte folgen wollen, werde ich Sie zu Tresor 572 begleiten.“
„Siehst du, ich habe dir gesagt, dass alles gut läuft.“ Hermine warf Fred ein selbstzufriedenes Lächeln zu. „Und wenn wir erst unten sind -“
„Es wird leider kein ‚wir’ eben“, grinste Bogswallow und entblößte mehrere fehlende Zähne. „Nur der Schlüsselhalter darf den Tresor betreten. Er bleibt hier.“
„Sie geht nicht allein!“, protestierte Fred.
„Er bleibt“, wiederholte Bogswallow. „Oder Sie bleiben beide. Ihre Entscheidung.“
Hermine erwiderte seinen leeren Blick und wusste, dass sie einen Streit führte, den sie nicht verlieren durfte. Fred seufzte, als sie ihn entschuldigend anlächelte. „Du bist absolut wahnsinnig“, sagte er, legte dann aber seine Hände auf ihre Schultern und küsste sie auf die Stirn. „Fünfzehn Minuten.“
„Was?“
„Solange werde ich auf dich warten, bevor ich dieses Gebäude auf der Suche nach dir in die Luft sprenge.“
Am Ende dauerte es nur wenige Minuten, bis sie den Tresor erreichten. Er war nicht sehr tief in dem Labyrinth sich windender Tunnel – näher als ihr eigener – und der kleine Wagen beschleunigte in jeder Kurve gefährlich. Sie erwartete halb, dass Bogswallow den Schlüssel nehmen und den Tresor selbst öffnen würde, bis ihr wieder einfiel, dass das Ding ja verflucht war. Es war plötzlich sehr einschüchternd, vor einem Tresor zu stehen, den Draco Malfoy für sie eröffnet hatte, ohne sich daran zu erinnern. Sie dachte kurz, dass es eine Falle sein könnte. Aber dann hatten sich die Todesser wirklich sehr bemüht, nur um sie zu kriegen. Sie saß eigentlich in der Falle, seit sie die Türschwelle von Gringotts übertreten hatte.
Sie nahm ihren guten alten Gryffindor-Mut zusammen, steckte den kleinen Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um. Tief drin erklang eine klickende Symphonie, während Schlösser und Bolzen sich verschoben, bis die Tür mit dem Quietschen alter Knochen aufschwang. Hermine wartete darauf, dass das schwere Reiben von Stein auf Stein aufhörte, bevor sie eintrat. Der Inhalt war beeindruckend. Vielleicht nicht so viele Galleonen wie in Harrys Tresor (zumindest damals, bevor er angefangen hatte, sein Geld für Reparationszahlungen zu spenden und der Vorrat kleiner wurde). Aber genug. Genug um zu fliehen. Genug, um sich ein Haus auf dem Land zu kaufen, wo sie und Teddy sicher wären. Das hatte er gesagt, oder nicht?
Sie übersah den Umschlag fast völlig, entdeckte ihn erst, als sie gehen wollte. Ihre Handflächen schwitzten, ihre Finger waren steif, und es war schwierig, das Siegel abzuschälen und das dünne Blatt aus dem Umschlag zu ziehen. Ein Wort stand auf der Seite, in der eleganten Handschrift eines Malfoy. ‚Erinnere dich’.
Woran? An ihn, wenn er tot war? An etwas, was er ihr noch in einem seiner Anfälle verraten würde?
Bogswallows Gesichtsausdruck war bedacht leer, als sie wieder in die schwach beleuchtete Halle trat, also konnte sie nicht sagen, ob er die Tränen in ihren Augen bemerkte.
„Miss?“, fragte er und sie realisierte, dass er wartete.
Hermine atmete tief ein – schmeckte die dunkle Luft auf ihrer Zunge, die schwere Erde in ihrer Kehle. „Gehen wir“, sagte sie und stieg wieder in den Wagen.
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„Es war ziemlich vorhersehbar, dass du Heilerin werden willst.“
„Warum? Weil ich einen Gryffindor-Heldenkomplex habe, der nie befriedigt werden kann?“
Er warf ihr einen Blick zu, den sie in der Dunkelheit des Abfalls, unter dem sie kauerten, nicht erkennen konnte. „Nein. Ich meine nur -“ Er zappelte etwas, versuchte, Leben in seine eingeschlafenen Beine zu schütteln, ohne lockeren Müll loszutreten. „Ich denke, es gibt keinen großen Unterschied – zwischen einem Leben als Soldat und einem Leben als Heiler.“
„Inwiefern?“
„In beiden Berufen gucken die Leute auf dich. All diese Leben hängen von dir ab – Mutter, Vater, Enkel, Nichte von irgendwem. Und alles, was du tun kannst, ist so hart und so lange zu arbeiten, bis sie sicher sind. Weil es deine Aufgabe ist, sie zu retten.“
Granger war einen Moment lang still. Ihr Körper war ungewöhnlich ruhig neben ihm und es beunruhigte ihn, weil sie sonst immer diejenige war, die es nie aushielt, so lange ruhig zu bleiben, bis das Schlachtfeld leer war, und sich wie eine Kanalratte unter den Abfällen zu verstecken. Aber dann lachte sie leise, und er bemerkte ihren Atem nur an dem Staub, der um sie herum aufwirbelte. „Für einen Slytherin war das eine sehr Gryffindor-hafte Aussage.“
„Das tut weh, Granger.“
„Ich meine es ernst.“
„Ich auch.“
Sie war wieder einen Moment ruhig, dann, „Man könnte sogar sagen, dass die Einsicht und das Mitgefühl, die du gezeigt hast, einem Hufflepuff würdig waren.“
Er weigerte sich den Rest ihrer gemeinsamen Wartezeit, mit ihr zu sprechen.
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„Vielleicht sollten wir Teddy nicht so oft bei uns schlafen lassen“, bemerkte Hermine, während sie zusah, wie Draco das schlafende Kind in ihr Bett legte. Der Junge wimmerte leise im Schlaf, als sich der wärmende Körper entfernte, aber er wachte nicht auf. „Er schläft kaum noch allein. Es stört mich nicht, dass er bei uns ist, aber es kann nicht gut für seine Entwicklung sein.“
„Wir sind im Krieg. Er wird sich kaum normal entwickeln.“
„Aber ich habe in einem Buch über Kindererziehung gelesen, dass -“
„Granger.“ Sein Lächeln war klein, aber belustigt. „Es ist okay. Lass ihn in Ruhe.“ Sie hätte vielleicht weiter diskutiert, wenn er sie nicht so angesehen hätte, die Augen dunkel auf eine Art, die sie nicht kannte. Als würde ein Schatten darauf liegen und das Grau bedrängen, so dass das Schwarz der Pupillen sich auf die ganze Iris ausweitete. Traurigkeit. Bedauern. Wut. Auch Sehnsucht, aber nicht die gewohnte Lust, die bedeutete, dass er sie gleich anspringen würde. Als ihre Hände ihre Bluse aufknöpften, beobachtete er sie, half ihr jedoch nicht.
„Was ist heute Abend mit dir?“, fragte sie und hängte ihre Bluse über die Stuhllehne. Der Rest ihrer Kleidung verschwand systematisch, bis sie bibbernd und nackt im schwachen Licht stand. Draco reichte ihr den abgetragenen Bademantel, den sie Ron vor Jahren geklaut hatte, und sie wickelte sich dankbar darin ein. „Du bist schon den ganzen Abend komisch.“
Er sagte nichts, beobachtete sie einfach von seinem Platz auf dem Bett aus. Es ärgerte sie – dieses unbeteiligte Verhalten von ihm – und sie drehte ihm den Rücken zu, steckte ihre Haare mit Spangen hoch. Sie war plötzlich unvernünftig wütend, weil er so kontrolliert wirkte. So unerreichbar. Sie schnappte sich die Flasche Duschgel vom Tisch – ein Geschenk von Fred, vermutlich auf dem Schwarzmarkt gekauft – und stürmte in Richtung Tür.
„Schön“, zischte sie. „Hab ruhig deine Geheimnisse vor mir.“
Erst im Badezimmer, drei Türen weiter, merkte sie, dass er ihr gefolgt war. Die Wut in ihrer Brust stieg an und erreichte ihren Höhepunkt, verlangsamte ihre Bewegungen, benebelte ihren Verstand. Draco ignorierte ihren Blick und schloss die Tür hinter sich mit einem leisen Klicken. Er lehnte sich an das Holz, beobachtete – wie immer verdammt – mit dieser nervigen Ruhe. Das Wasser lief nur langsam in die Badewanne und sie kippte vor Wut zu viel der süß riechenden Seife hinein. Die Verschwendung einer solchen Kostbarkeit war schlimm, und deswegen tränten auch ihre Augen. Nur deswegen. Und immer noch beobachtete Draco sie.
„Raus.“ Sie schrie nicht. Der Ärger verwandelte sich schnell in diese bittere Erschöpfung, die sie manchmal überwältigte, und sie wollte, musste allein sein. Er bewegte sich nicht. „Draco, bitte. Ich will, dass du gehst.“
Ihre Augen waren fest zugekniffen, als er sich endlich bewegte, aber sie spürte, wie sich seine Körperwärme näherte, und seine Hände glitten sanft und warm über ihre Wangen, um ihr Gesicht mit den Handflächen einzurahmen. „Warum weinst du?“, flüsterte er, seine Daumen zeichneten die nassen Spuren nach.
„Ich weine nicht“, erwiderte sie, und selbst sie hörte den trotzigen Ton in ihrer Stimme. „Ich bin nur wütend.“ Und verängstigt. Die ganze, verdammte Zeit. Ich habe Angst vor dem Krieg, um meine Eltern, um Teddy. Um Draco und seinen Verstand. Bin es müde, die Verwirrung und die Verzweiflung in seinen Augen zu sehen, weil er ganze Zeiträume verlor, ohne Erinnerung daran, wo er war oder was er die Stunden über getan hatte.
Seine Daumen streichelten immer noch ihr Gesicht und seine Lippen berührten ihren Mund federleicht. „Tut mir leid“, murmelte er, als hätte er die magischen Worte gefunden, die alles in Ordnung brachten, wenn er sie nur oft genug sagte. Leidleidleidleidleid, wieder und wieder, während er schmerzhaft süß ihre Lippen liebkoste. Als seine Hände den Gürtel ihres Bademantels erreichten, entzog sie sich ihm. Er folgte, seine Finger lagen immer noch auf dem Bändel.
„Lass mich dich anfassen“, flüsterte er, die Worte ein warmer Lufthauch an ihrer Wange. „Bitte.“ Und sie schmolz gegen ihn, seine Stirn neigte sich an ihre, als er langsam den Bademantel öffnete; rauer Stoff strich über ihre Haut, als er von ihrem Körper glitt. Sie fummelte an den Knöpfen seines Hemds, während er mit den Handflächen ihre Brüste streichelte; ihre Brustwarzen verhärteten sich. Er half ihr, seinen Gürtel zu öffnen und die Jeans abzustreifen. Sie trat in das warme Badewasser, während er Schuhe und Socken auszog, und der Hunger in seinen Augen, als er innehielt, um zuzusehen, wie ihr Körper in dem dampfenden Wasser versank, schickte eine Hitzewelle direkt in ihre Lendengegend.
Sie dachte, er würde ungeduldig sein. Sex mit Draco war definitiv nie gehetzt, aber sie hatte gelernt, dass er es leidenschaftlich machte, teils auch etwas rau. Aber er ließ sich Zeit, trat seine Jeans zur Seite und stieg vorsichtig in die Wanne. Einen peinlichen Moment warteten sie, da die kleine Badewanne Schwierigkeiten hatte, sie beide aufzufassen; Wasser schwappte über den Rand, bis Draco die Initiative ergriff und sie auf seinen Schoß zog. Sie wollte ihn in ihre Hand nehmen, aber er hielt sie ab und lächelte über ihr verwirrtes Stirnrunzeln. Er hielt ihr Gesicht in seinen Händen und küsste sie, langsam und innig, eine köstliche Hitze übertrug sich von seinem Mund auf ihren und breitete sich in ihrem Körper aus.
„Du bist so schön“, flüsterte er gegen sie und sie fühlte eine scharfen Stich in ihrem Hals, als er sie küsste. Sie blinzelte, aber es reichte nicht und die Tränen rannen heiß und gleichmäßig über ihre Wangen. Draco brauchte einen Moment, bis er es bemerkte, und er sagte kein Wort, als es so weit war. Er zog an ihren Oberschenkeln und sie positionierte sich auf ihm, sah ihm in die Augen, bevor sie sich mit einem zittrigen Keuchen auf ihn herabließ. Dracos Lippen öffneten sich zu einem stillen Stöhnen, sein Kopf beugte sich leicht nach hinten, aber er unterbrach den Blickkontakt nicht.
Einen kurzen Moment, blitzschnell, hatte Hermine fast ein Déjà-vu-Gefühl, das sie verwirrt die Stirn runzeln ließ. Aber dann bewegten sie sich, zuerst langsam, dann schneller und tiefer, bis sie nicht einmal mehr bemerkte, dass das Wasser über die Seiten schwappte und eine Pfütze auf dem Boden bildete. Ihre Hände wanderten zu seinen Schultern, ihre Finger falteten sich hinter seinem Hals. Seine Hände lagen an ihrer Hüfte, fest, locker, wieder fest. Glitten über ihre Brüste, ihre Schultern, ihre Arme entlang zu ihrer Hand, die er an seine Lippen hob, und ihr Herz brach fast wegen all der Zärtlichkeit.
Sie kam mit einer Heftigkeit, die ihr den Atem nahm, ihr Kopf fiel an seine Schulter, während sie um ihn herum pulsierte. Er stöhnte auch, biss in ihre Schulter, um den Laut zu dämpfen. Es dauerte lang, bis einer von ihnen sich bewegte. Draco griff mit einer unbeholfenen Hand zum Waschbecken, wo ihre Zauberstäbe Seite an Seite lagen und nahm den nächsten – zufällig ihrer – um das Wasser vom Ergebnis ihrer Leidenschaft zu reinigen. Er trocknete auch den Boden, aber nur, weil sie es so wollte. Als er fertig war, drehte er sie so, dass sie zwischen seinen Beinen saß, ihr Rücken an seiner Brust, ihr Kopf an seiner Schulter. Er nahm einen Schwamm und rieb träge Kreise auf ihrem Oberkörper, tropfte lauwarmes Wasser über ihre Brüste.
„Eines Tages“, sagte er und sie zwang ihre müden Augen, sich zu öffnen, „werden wir wie ein normales Paar leben.“
„Nichts an uns ist normal“, antwortete Hermine nach einem langen Schweigen. Dafür zog er an einer nassen Strähne und sie grinste. Einen Moment sagte er nichts, dann sprach er wieder.
„Ich werde dich in ein Restaurant ausführen – nichts zu Teures, denn du würdest nur darüber schimpfen, wie protzig es ist.“
„Und da wäre auch noch die Tatsache, dass wir völlig pleite sind.“
„Das außerdem“, stimmte er zu. „Wir nehmen uns eine Wohnung außerhalb von London – nah genug an der Winkelgasse, aber weg von der Presse. Eine mit Garten, falls Teddy uns besuchen kommt.“
„Draco Malfoy, fragst du mich gerade, ob ich mit dir zusammenziehen will?“
„Ein Malfoy fragt nicht. Er verlangt.“
Sie grinste. „Und ich nehme an, du denkst, du kannst mich zwingen, mich deinem Willen zu beugen?“
„Weib, wenn es eins gibt, was ich weiß, ist es, dass kein Mann dich zu etwas zwingen kann, was du nicht tun willst.“ Sie hörte ihn schnauben, als sie zustimmend summte. „Aber du wirst trotzdem mit mir zusammenziehen.“
„Ach, werde ich das? Und warum?“
„Weil du es willst.“
Sie konnte sein Grinsen an ihrer Schläfe praktisch spüren, als ihr keine Antwort darauf einfiel. Selbstgefälliger Mistkerl.
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Draco hatte eine Erinnerung an seine Mutter. Es war damals, bevor die Todesser wieder zum Gesprächsthema wurden und Voldemort nur ein weiterer Gast in dem Haus war, dass zu seinem Gefängnis geworden war. Er war vermutlich elf oder zwölf, denn es war noch vor diesem aufgeblasenen Vorfall mit dem Basilisken, aber nach der letzten Fehlgeburt seiner Mutter, bevor sie und sein Vater endlich aufhörten, es zu versuchen. Sie hatte ihn wieder Muggel-Geschichten lesen lassen, Fabeln und Mythen und Parabeln aus der alten Bibel, die sie ohne Vaters Wissen in das Haus geschmuggelt hatte. (Er hatte diese Geschichten immer gehasst, aber nichts gesagt, denn seine Mutter lächelte immer, wenn er sie laut vorlas).
Er hatte gerade die Kinderversion von Adam und Eva beendet und das Ende war wirklich enttäuschend. „Das ist dumm. Und unrealistisch“, hatte er sich beschwert.
Seine Mutter hatte gelacht – nicht dieses leichte, glockenhelle Kichern, das sie für öffentliche Anlässe aufsparte, sondern ein richtiges Lachen, den Kopf in den Nacken geworfen, die Lippen weit geöffnet. „Oh, Draco! Du bist immer so zynisch! Eine Geschichte muss nicht realistisch sein. Sie soll eine Botschaft oder eine Lehre enthalten.“
„Die hier hat keine Botschaft! Die dumme Frau isst den Apfel, obwohl es so viel besseres Obst außen rum gibt, dann verführt sie den armen Adam, auch davon zu essen. Wenn ich er wäre, hätte ich mich nicht darauf eingelassen. Warum sollte er gehen müssen, wo sie doch diejenige ist, die gegen die Regeln verstoßen hat?“
Seine Mutter dachte einen Moment nach. „Vielleicht wollte Adam ja gehen.“
„Warum um alles in der Welt sollte er das wollen? Er lebte im Paradies.“
„Vielleicht würde er lieber mit Eva auf der Erde leben, als eine Ewigkeit ohne sie im Paradies zu verbringen.“
Damals hatte er geschnaubt und es als einer dieser lächerlichen romantischen Fantasien – wie Vater es nannte - seiner Mutter abgetan. Aber Jahre später, im Wohnzimmer des einst vornehmen Haus der Blacks, gekleidet nur in eine Jeans, die schon lange bevor sie in seinen Besitz übergegangen war bessere Zeiten gesehen hatte, und ein T-Shirt, das zwei Nummern zu groß war, beobachtete er, wie Granger und Fred versuchten, Teddy beizubringen, seinen neuen Kinderbesen durch das heruntergekommene Wohnzimmer zu fliegen. Er fiel zweimal runter, bevor er sein Gleichgewicht fand, und durch die dicke Staubschicht auf dem Boden sah er danach aus wie eine Art Straßenratte, die roten Wangen hinter schwarzen Flecken versteckt.
Das ganze Haus war eine Müllhalde, nichts im Vergleich zu dem früheren Glanz seines Kindheitswohlstands. Er dachte an all die Bälle, und die schwebenden Kerzen, die seidenen Festumhänge mit Pelzbesatz. Er dachte an die reinblütigen Mädchen, die er im Kreis gedreht hatte, eine nach der anderen, in den gold glänzenden Räumen. Fred schrie, Teddy quietschte und Granger lachte, laut und ohne Hemmung, klatschte wild in die Hände, während Teddy ohne Hilfe einanhalb Meter über dem Boden schwebte. Molly bestand darauf, dass dies Anlass genug war, um den letzten Rest Mehl des Monats für einen Kuchen zu verwenden und Potter krümmte sich vor Lachen, als Teddy Longbottom über den Haufen flog.
Granger drehte sich um und fing Dracos Blick auf, die Augen hell vor Belustigung, die Haare ein zerzaustes Chaos verwirrter Locken. Und Draco glaubte zu wissen, wie Adam sich gefühlt hatte. Denn auch wenn das Paradies seiner Jugend vielleicht perfekt gewesen war, war es am Ende des Tages doch verdammt einsam, in diesem Haus, das für drei Leute einfach zu groß war. Teddy kletterte auf seinen Schoß, schmutzige Hände befleckten das Weiß seines Hemds und Draco schaffte es nicht, sein Lächeln zu verbergen. Vielleicht gab es doch mehr als nur ein Paradies, überlegte Draco, und wahrscheinlich hatte seine Mutter das von Anfang an gemeint.
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