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Fanfiction

Of Crimson Joy - Kapitel 13

von Nitsrek

Ein Mann, der „bei klarem Verstand“ ist, ist einer, der den inneren Wahnsinnigen unter Verschluss hält. ~Paul Valéry, Schlechte Gedanken und anderes, 1942

::

Als er Snape zum ersten Mal seit jener Nacht, als er von ihm zerstört und blutend aus Malfoy Manor gezerrt worden war, erkannte er ihn fast nicht. Später würde er bemerken, wie albern es war, anzunehmen, der Mann wäre immer noch derselbe Professor, den Draco schon immer gekannt hatte; fettige Haare, blasses Gesicht und sein schwarzer Umhang hinter ihm her wehend. Aber der Krieg hatte Snape altern lassen, weit älter als es für einen Mann fair war, der ihn nicht nur einmal, sondern zweimal erleben musste. Er sah dir Falten im Gesicht des Mannes, die Erschöpfung in seinen Augen. Und er fand, dass Dumbledore ein grausamer, herzloser Mann war, weil er von Snape erwartet hatte, alles noch einmal mitzumachen, obwohl er im ersten Krieg schon genug gelitten hatte.

Snape bemerkte Draco nicht – oder vielleicht doch, aber dann erkannte er ihn nicht. Er stand in der Küche des Grimmauld Platz, sprach in hastigem Flüstern mit Molly, die gelegentlich nickte, als würde sie geistig Notizen machen. Seine Haare waren jetzt kurz, ungleichmäßig abgeschnitten. Draco fragte sich, ob es so gewollt war oder ob er nur einfach die neuen kahlen Stellen hier und dort verdecken wollte.

Es war das letzte Mal, dass Draco Severus Snape lebend sah. Später würde Hermine ihm erzählen, dass sie Severus Snape in den letzten Jahren des Krieges kaum gesehen hatten. Er würde bedauern, dass er den Moment nur damit verbracht hatte, den Mann zu beobachten, anstatt eine Unterhaltung mit ihm zu führen. Aber dann erinnerte er sich an Snapes zerzaustes Aussehen, wie er die Kapuze über den Kopf gezogen hatte, bevor er ging, nicht weil er Angst hatte, sondern eher, weil er sich schämte. Der Mann in der Küche damals war nicht der Mann, den Schüler jahrelang verachtet und gefürchtet hatten. Und Draco fand, dass es so wohl besser war. Die leblose Hülle des neuen Mannes zu vergessen, um die Erinnerung an den früheren zu erhalten.

::

Hermine erwachte und sah Harrys blasses Gesicht vor sich. Seine Augen waren groß und rot hinter seiner Brille, und als sie sich aufsetzen wollte, drückte er einen Finger auf die Lippen und warf einen vielsagenden Blick auf die verknoteten Gliedmaßen, die sie umgaben. Draco lag auf dem Bauch, ein Arm über ihrem, der andere verschwand neben dem Bettrand. Teddy lag zusammengerollt zwischen ihren Beinen, die Finger fest in Dracos Jogginghose gekrallt.

Hermine erkannte Harrys panischen Blick und nickte einmal. Er schlich mit einer Geschmeidigkeit, die sie überraschte, aus dem Zimmer. Das sanfte Licht des Sonnenaufgangs floss durch die alten Vorhänge, und für einen Moment bewegte sie sich nicht, trotz der Dringlichkeit, die von allen Seiten auf sie eindrang. Obwohl sie wusste – von der Sekunde an, als sie die fiebrige Erwartung in Harrys Augen gesehen hatte – dass er schon den Rucksack umgeschnallt hatte. Sie nahm sich den Moment, denn man konnte nie wissen, wann der nächste käme. Sie spürte die Wärme, die von Dracos Körper ausging, seinen feuchten Atem, der in sanften Wellen durch ihre Haare rollte. Ihre Hand glitt nach unten, ihre Finger flüsterten durch die dünnen, babyweichen Strähnen auf Teddys Kopf. Sie atmete ein, lang und tief.

Sie bewegten sich nicht, während ihr das kalte Adrenalin durch die Venen rauschte und ihre Bewegungen abgehackt und weniger anmutig machten. Sie kroch zum Kleiderschrank und zog ihr einziges Paar Jeans raus, zusammen mit einem Thermo-Unterhemd und einem Kapuzenpulli, in den Harry seit Jahren nicht mehr passte, weshalb er ihn ihr gegeben hatte. Ihr Rucksack stand auf dem Boden des Schranks, gepackt und beladen wie immer. Sie hielt nicht inne, um einen letzten Blick auf die beiden schlafenden Figuren in ihrem Bett zu werfen – sie dachte, sie könnte es nicht ertragen, sie dort liegen zu sehen, im schwachen Morgenlicht, und sich dann dazu bringen, zu gehen.

„Wir haben das Diadem gefunden.“ Die Jungs waren erstarrt, als die Tür sich öffnete, aber nun waren sie in Bewegung, zogen sich an, schrumpften das Campingessen, das sie bereits am Vorabend aus der Vorratskammer entnommen hatten.

„Wo?“ Nicht wie oder wann, denn dazu war keine Zeit, nie genug Zeit für diese Fragen, und das wusste sie.

„Wir hatten Recht mit Hogwarts. Aber Voldemort hat es nach der ersten Schlacht mitgenommen und seitdem wird es immer wieder neu versteckt.“

„Woher wissen wir dann, wo es jetzt ist?“

„Ron.“

Er errötete, als Hermines überraschter Blick ihn traf, seine Ohren glühten. „Ich saß gestern Früh in Dolohovs Verhör mit drin. Moody dachte, es wäre… lehrreich für einen von uns, dabei zu sein.“ Weil dieser Mann Lupin umgebracht hatte und seine Frau auch nicht mehr da war, um zu sehen, wie ihm Gerechtigkeit widerfuhr. Ron hielt inne und ließ den peinlichen Moment vorüber gehen, bevor er fortfuhr. „Hauptsächlich hat er geschimpft – über nutzlose Dinge, die keinen Sinn gaben. Diese Traumkugeln, die Fred und Malfoy hergestellt haben, machen die Kerle wirklich verrückt. Aber dann sprach er über das Diadem und wie es seine Aufgabe gewesen war, weil der Dunkle Lord ihm mehr als allen anderen vertraute. Niemand sonst hat es bemerkt. Sie dachten alle, er würde nur sinnloses Zeug brabbeln.“

„Was hat er gesagt?“, flüsterte Hermine, zog die Kapuze über ihren Kopf und setzte den Rucksack auf.

„Sie haben eine Zeit gebraucht, um es in den Ruinen von Hogwarts zu finden. Sie sind damit umhergezogen. Aber Voldemort war trotzdem misstrauisch. Wollte nicht, dass zu viele darüber Bescheid wussten. Dolohov und dieser Selwyn-Typ waren die Einzigen, die den Ort kannten. Aber Selwyn starb und damit war nur noch Dolohov übrig, und wir glauben, dass er Panik gekriegt hat, weil er immer wieder darüber sprach, es zurück zum Ursprungsort zu bringen. Dass es dort sicher wäre. Er hat es in den See geschmissen.“

„Und davon weiß sonst niemand?“

„Das wissen wir nicht sicher. Aber je eher wir gehen, desto eher haben wir es vielleicht“, antwortete Harry.

„Es scheint fast zu einfach, oder?“ Eine kurze Sekunde erstarrten sie alle, weil das Gewicht des bevorstehenden Ereignisses auf sie eindrückte. Hermine schluckte. „Ich habe die Bücher über Fluchbrechen und Gegengifte eingepackt. Wir werden sie wahrscheinlich brauchen.“

„Was ist mit der Paste gegen Verbrennungen? Wir wollen nicht so dastehen wie das letzte Mal.“

„Ich hab sie“, sagte Ron und tätschelte seine Tasche.

„Wenn wir nur etwas Dianthuskraut hätten“, überlegte Hermine. „Es wird vermutlich echt hart.“

„Hm. Ich frage mich, wie es wohl wäre, wenn das Leben immer echt hart wäre“, sagte Harry und plötzlich lachten sie, hielten sich den Mund zu, um das Gekicher, das Schnauben und Prusten zu dämpfen; süße Hysterie übertrumpfte die Angst. Sie starb jedoch schnell und ließ ihren Magen merkwürdig leer zurück, als hätte ihr jemand das Innenleben direkt ausgeschabt. Sie schlichen durch die Flure, die Treppe runter, vorbei am schlafenden Portrait von Mrs. Black und in die leere Küche.

„Wir sollten einen Zettel da lassen“, murmelte Ron und zog einen Block samt Stift aus der Schublade. „Oder Mum wird durchdrehen, wenn sie aufwacht und merkt, dass wir weg sind.“ Und wenn jemand den leicht gereizten Unterton in seiner Stimme bemerkt haben sollte, sparte sich derjenige seinen Kommentar. Er kritzelte drei Wörter auf die Seite – Sind bald zurück – und unterschrieb mit seinen Initialen. Hermines Gliedmaßen kribbelten vor Adrenalin. Sie fühlte sich hibbelig und brannte darauf, loszulegen, auch wenn sie gerne in der Sicherheit des Hauses geblieben wäre, zusammengerollt in der Wärme ihres Bettes. Ron änderte zweimal den Platz des Zettels, bevor er ihn schließlich losließ, für sich selbst nickte und schnell zur Hintertür schritt, Harry dicht auf seinen Fersen.

Hermine wollte folgen, dann zögerte sie. Nahm den Stift in die Hand und balancierte ihn zwischen den Fingern. Drückte die Mine auf das Papier und hielt inne.

„Hermine?“ Harry hob eine Augenbraue, die Augen wanderten zu dem Stift in ihrer Hand, bevor er sie fragend ansah. Sie warf den Stift auf den Tisch.

„Sorry. Lass uns gehen.“

Erst später, als er sie fragte, was sie eigentlich Draco gesagt hatte, realisierte Hermine, dass Harry von Anfang an gewusst hatte, wem sie schreiben wollte. Sie sagte nichts. Sie konnte nicht. Es ging einfach nicht.

::

„Wo ist Hermine?“

„Weg.“

„Wo weg?“

„Hör auf, so viele Fragen zu stellen und heb die Arme.“ Draco zog Teddy das T-Shirt aus und ersetzte es durch sein Schlafanzugoberteil. Teddy wartete geduldig, während Draco die Knöpfe nacheinander schloss. „Hast du die Zähne geputzt?“

„Ja.“

„Zeig mal.“ Er blickte in Teddys offenen Mund, zog absichtlich eine Show ab, indem er jeden Zahn einzeln inspizierte. Minzfrischer Atem füllte seine Nasenlöcher. Er nickte einmal und Teddys Mund klappte wieder zu. „Ins Bett.“

Er hielt die Decke auf, während Teddy auf die Matratze kletterte, dann packte er den Jungen so ein, dass keine kalte Luft unter die Decke kommen würde. Er beobachtete Draco mit ruhigem Gesichtsausdruck, seine Haare ein nüchternes Grau.

„Kommt sie bald wieder?“

„Ich weiß nicht.“

„Sie ist schon lange weg, was?“ Acht Tage. Nicht, dass Draco zählen würde. „Ich vermisse sie.“

Seine Hände hörten auf, die bereits glatte Decke zu glätten. „Ja“, sagte er nach einem Moment. „Ich auch.“

„Denkst du, sie vermisst uns?“

Diesmal schaffte er es, Teddy in die Augen zu blicken, mit strengem Gesichtsausdruck. „Natürlich tut sie das. Und sie wird angepi – verärgert sein, wenn sie rausfindet, dass du nicht schläfst, weil du zu viele Fragen stellst.“

Er klopfte ein letztes Mal auf die Decke. Teddy beobachtete ihn immer noch, als er sich der Tür zuwandte. „Lass das Licht an, okay?“

Seine Mundwinkel hoben sich leicht. „Okay.“

::

Blut. Dick, triefend, dunkler und dunkler lief aus ihm, bis es fast schwarz aussah in dem schwachen Licht des fortschreitenden Abends. Hermine bewegte sich vollautomatisch, schnitt sein Hemd auf, zog die Medizin aus ihrem Rucksack. Ein Schwenken ihres Zauberstabs und die Wunde war gereinigt, bot einen kurzen, schrecklichen Blick auf den verstümmelten Haufen, der einst Rons Hand gewesen war. Das Blut floss wieder, verschleierte ihren Blick mit einer Geschwindigkeit, die Hermine an zerstörte Arterien denken ließ, und sie hatte keine Ahnung, wusste einfach nicht, was sie tun sollte, wenn er so verblutete. Harry kniete neben ihr, keuchte vor Anstrengung, weil sie durch das dicke, schlammige Wasser gewatet waren, Ron zwischen ihnen eingeklemmt. Alle drei waren triefend nass und Hermine bemerkte mit einem Blick auf Harry, dass er von Rons Blut bedeckt war. Das Diadem lag zwei Meter entfernt, wo es schließlich gelandet war, als sie es endlich von Ron losreißen konnten.

Er betrachtete sie, aufgestützt auf seinem guten Arm, seine schmerzerfüllten Augen verfolgten die Gefühle, die über ihr Gesicht huschten. Sie atmete tief ein. Schluckte schwer, bevor sie ihn ansah. „Ron“, sagte sie und er verzog das Gesicht, als wüsste er es schon. „Ich denke nicht, dass ich sie retten kann, Ron. Sie ist zu stark abgetrennt.“

Die übrige Röte auf seinen Wangen von dem verrückten Sprint mit dem Horkrux durch das Wasser verließ sein Gesicht mit alarmierender Geschwindigkeit. Harry machte ein ersticktes Geräusch in seiner Kehle. „Aber das Diptam -“

„Wird nur die Wunde schließen. Und wenn die Hand weiter so runterhängt… naja, das ergibt keinen Sinn.“

„Wir bringen ihn zurück ins Hauptquartier -“

„Er kann verbluten, lange bevor wir dort ankommen! Ich kenne keine Zauber, die Infektionen fernhalten, und ich kann die Wunde nicht versiegeln, wenn seine Hand so runterhängt!“ Hysterie kroch nun in ihre Stimme, jedes Wort wurde durch ein kurzes Keuchen betont, weil ihre nach Sauerstoff hungernden Lungen es nicht schafften, den Bedarf an frischer Luft nach der Zeit unter Wasser aufzuholen. Harrys Augen huschten von Rons Gesicht zu ihrem, und plötzlich wurde alles ruhig. Rons heftiges Atmen ging weiter, sein Blut sprudelte heiß und klebrig in ihre Hände. Das Diadem zu ihrer Linken pochte voller Hass. Aber es war alles stumm, nichts durchdrang den Moment.

Denn so sollte es nicht sein – mit ihnen drei. Das Goldene Trio. Sie sollten sich über ihre neuen Jobs beschweren, neue Leute treffen, sich verloben, heiraten und einen Haufen Kinder kriegen. Die härteste Entscheidung, die sie treffen sollten, war die, wer diese Woche damit dran war, die anderen zum Essen einzuladen. Nicht so. Niemals so. Und es war so ungerecht! So unfair! Was hatten sie jemals getan? Sie waren nur Kinder. Kinder. Aber inzwischen nicht mehr, und das Blut lief dickflüssig und schnell in ihre Hände.

Ron nickte – nur ein Zucken, ein Zentimeter hoch, einen runter – und Bewegung setzte ein. Hermine zerriss den Ärmel von Harrys Shirt, befahl ihm, einen Stoffstreifen eng um Rons Arm zu binden, direkt unter dem Ellbogen. Sie sah, wie Ron zusammenzuckte, aber ihre Hände waren in ihrem Rucksack, zogen das Diptam hervor, einen sauberen Verband, Desinfektionsmittel. Sie erstarrte plötzlich, schockiert.

„Oh, Ron. Es tut mir so leid. Wir haben keine Schmerztränke.“ Sie blinzelte ihre Tränen weg, die so albern waren, denn was half Weinen schon? Ron lächelte nur schwach, neigte den Kopf gen Himmel.

„Heute ist echt nicht mein Tag.“

„Ich betäube dich einfach“, murmelte Harry und griff nach seinem Zauberstab. „Wir wecken dich, wenn…“ Er schluckte. „Wenn es vorbei ist.“

„Nein.“

„Ron -“

„Ich werde nicht bewusstlos sein, während ihr zwei um meinen verdammten Arm rumwuselt.“ Sein Gesicht hatte nun jegliche Farbe verloren, aber feste Entschlossenheit war deutlich zu erkennen.

„Es wird wehtun“, warnte Hermine sanft. Ron grinste sie an, als würde er sich darüber lustig machen, dass sie immer das Offensichtliche aussprach, aber er sagte nichts. Der Muskel in seinem Kiefer spannte sich an, entspannte sich, spannte sich wieder an und blieb so. Der Blutfluss war inzwischen ein langsames Tropfen, die Binde um seinen Arm schnitt die Versorgung ab. Sie reinigte die Wunde nochmals und verkniff sich den Drang, bei dem verstümmelten Chaos aus Blut und Knochen, das einst seine Hand gewesen war, zu würgen. „Halt das Diptam bereit“, sagte sie zu Harry.

Ron nahm einen Ast vom Boden und klemmte ihn zwischen seine Zähne. Es lag Hermine auf der Zunge, ihm zu erklären, wie unhygienisch das war. Eine hysterische Blase wuchs bei der Albernheit dieses Gedanken an ihre Lippen und Harry blickte sie merkwürdig an. Sie legte ihre Zauberstabspitze an das Handgelenk, während er zeitgleich den Deckel des Diptam öffnete.

„Bereit?“, fragte sie, unsicher, an wen die Frage gerichtet war. Beide nickten. Sie schluckte schwer. „Diffindo.“

Rons Schrei wurde nur teilweise durch den Zweig gedämpft. Hermine arbeitete schnell, nahm das Diptam von Harry und verrieb fünf Tropfen auf dem blutigen Stumpf am Ende von Rons Arm, während sie sich wiederholt schluchzend entschuldigte. Sie wartete, bis die Wunde sich schloss, langsam und schimmernd, bevor sie das restliche Blut wegwischte und den Verband eng um den Stumpf wickelte. Ron war nun still, lag auf dem Rücken, die Augen weit aufgerissen ohne zu blinzeln, während er in den grauen Himmel starrte.

„Willst du etwas zu essen?“, fragte sie, als es zu lange ruhig blieb. Er schüttelte langsam den Kopf. „Wasser?“

„Bitte“, krächzte er.

Harry langte in seine Tasche und zog eine ihrer letzten Flaschen heraus, neigte sie an Rons Lippen und hielt sie dort, während Ron schlürfte. Als er bereit war, sich aufzusetzen, ohne sich übergeben zu müssen, halfen sie ihm auf, Hermine legte ihren Arm um seine Taille, so dass er seinen Kopf an ihre Schulter lehnen konnte. Sie starrten alle drei auf das Diadem; das makellose Silber glitzerte im letzten Abendlicht. Es sah lächerlich harmlos aus, wie es da lag, fast wie die extravagante Plastikkrone, die Hermines Mutter ihr gekauft hatte, als sie acht war und gerade ihre Prinzessin-Phase durchmachte.

„Ich fühle mich, als müsste ich für den Rest meines Lebens schlafen“, grummelte Ron. Dann stöhnte er laut. Hermine folgte seinem Blick zu den zerfetzten Überresten ihres Zelts und ihr Herz sackte in ihren Magen.

„Es muss wohl in diesen Sturm geraten sein, als wir das Diadem in die Hände bekamen“, kommentierte Harry schwach.

„Wenn das hier vorbei ist“, sagte Ron, „werde ich nie wieder zelten gehen. Niemals.“

::

Draco blinzelte, seine Hand griff nach dem Zauberstab, der unter seinem Kissen lag, bevor er die zerzauste Figur, die sich über das Bett neigte, sah. Ihre Augen lagen auf Teddy und erst, als sie sprach, realisierte er, dass sie sein Starren bemerkt hatte.

„Er sieht immer so friedlich aus, wenn er schläft.“

„Du siehst scheiße aus.“ Kein Smalltalk, denn so war er nicht, und er war zu verdammt müde, um sich zu bemühen. Sie war aber so, und diese Tatsache verdrängte seinen Ärger und ersetzte ihn durch Sorge. Ihr Gesicht war blasser, ihre Augen rot, als hätte sie geweint oder lange nicht mehr geschlafen. Ihre Haare waren nach hinten gebunden, aber er entdecke Spuren von Zweigen und Blättern. Blut bedeckte ihr Hemd und deshalb war er plötzlich hellwach, seine Augen suchten nach Schaden.

„Du bist verletzt.“

„Hm?“ Sie blickte an sich herunter, blinzelte, als würde sie das Blut zum ersten Mal bemerken. „Oh. Das ist nicht meins. Ron hat eine Hand verloren.“

„Hand verloren.“

Sie summte und nickte, die Augen auf Teddy und das konstante Heben und Senken seiner Brust konzentriert. „Ich musste sie abschneiden. Es war furchtbar.“ Ein Kichern kam über ihre Lippen und sie schlug eine Hand darüber; ihr Körper zitterte vor unterdrücktem Lachen. Draco lief um das Bett und zog sie auf ihre Füße, als er sie erreichte. Der Raum war nur schwach erhellt von der Lampe, die Teddy anlassen wollte, aber er drehte ihren Kopf ins Licht, hob ihre Augenlider und fuhr mit den Fingern über ihr Zahnfleisch. Keine Verletzungen. Nur etwas unterernährt, vielleicht etwas ausgelaugt.

„Du stehst unter Schock“, informierte er sie und die Worte beendeten ihr Lachen.

„Ich habe versucht, es loszuwerden.“ Er brauchte einen Moment, bevor er realisierte, dass sie über das Blut sprach, während sie abwesend am Saum ihres Hemds zog. „Aber mein Zauberstab funktionierte nicht richtig.“

Er hob seinen Zauberstab mit einer beiläufigen Bewegung und nuschelte ein Ratzeputz. Die Flecken verschwanden, aber der Gestank getrockneten Blutes blieb. Er glaubte, der Zauber hatte sie erschreckt und aus ihrer Starre gerissen, denn plötzlich zerrte sie an ihrer Kleidung, riss fast ihre Haare aus in ihrem Versuch, die Klamotten loszuwerden. Er half ihr nicht – hauptsächlich, weil er um seine eigene Sicherheit besorgt war, sollte er zu nahe kommen, aber auch, weil er glaubte, sie würde zusammenbrechen, wenn er sie jetzt berührte, und das wollte er nicht.

Als sie nur noch ihre Unterwäsche trug, reichte er ihr sein Hemd, dass sie gern zum Schlafen trug und ein Paar Shorts, das so abgetragen war, dass der Stoff im Licht durchsichtig wurde. Der Raum war nicht kühl, aber sie zitterte, die Arme um ihren Oberkörper geschlungen. Dennoch fasste er sie nicht an. Nicht, bis sie ins Bett kroch und sich an Teddys ausgebreiteten Körper angepasst hatte, um Platz für sie beide zu schaffen. Er schlüpfte hinter sie, schmolz seinen Körper an ihren. Legte einen Arm um ihre Taille, unter ihr Oberteil, um die warme Haut ihres Bauchs zu spüren. Er rieb beruhigende Kreise, bis ihr Körper ruhig war, ihr Atem nicht mehr bebte, und erst dann sprach er.

„Bald ist es vorbei.“

Es war keine Frage, aber sie antwortete trotzdem. „Ja.“

„Was du letzte Woche getan hast. Es hat damit zu tun?“

„Richtig.“

„Aber du kannst mir nicht davon erzählen?“

Er atmete viermal ein und aus, bevor sie antwortete. „Noch nicht. Aber… danach. Vielleicht.“

„Teddy.“

„Jemand wird hier mit ihm warten, bis es vorbei ist. Sie haben Anweisungen, mit ihm zu fliehen. Sollte es am Ende nicht… gut für unsere Seite ausgehen.“

„Und ich nehme an, wenn ich dich bitte, hier mit ihm zu warten…?“

„Würde ich dir sagen, du sollst nicht so altmodisch sein und mich das Leben leben lassen, wie ich es will.“ Aber sie legte ihre Hand auf seine, während sie sprach; die Stärke ihres Griffs schwächte ihre groben Worte an. „Es wird alles gut. Am Ende. Harry weiß, was er tut. Wir haben einen Plan.“

Er summte, weil es spät war und er nicht einen Streit über Potters Fähigkeiten führen wollte. Er küsste sie stattdessen, nur eine keusche Berührung an ihrer Schulter. Er hielt sie, bis ihre Brust sich gleichmäßig im Schlaf hob und senkte. In jener Nacht träumte er von Räumen, die er kannte, aber nie gesehen hatte. Fenster blickten auf staubiges Kopfsteinpflaster, geschäftiges Stadtleben, isolierter Wald. Er sah Grangers Gesicht über sich, schluchzend, während sie sprach. Und so sehr er sich auch anstrengte, er konnte von ihren hektischen Lippenbewegungen nur einen Satz lesen. Es tut mir leid. Immer wieder. Es tut mir leid.

::

Hermine versuchte, zu protestieren – wirklich! Sie waren in der Küche und jeder könnte reinkommen! – aber Draco hatte eine dieser merkwürdigen Launen, und als er sie mit diesen Augen ansah, so kaputt und flehend, konnte sie ihn nicht abweisen. Es war nur ein Kuss. Ein sanftes Aufeinanderdrücken von Lippen. Seine Hände hielten ihr Gesicht, die Daumen streichelten ihre Wangen, als würden sie die Erinnerung speichern wollen. Und plötzlich musste sie ihre Tränen runterschlucken.

„Warum küsst du mich immer, als würdest du dich verabschieden?“, flüsterte sie gegen seinen Mund.

Später, wenn sie sich daran erinnerte, bezweifelte sie, dass er überhaupt geantwortet hätte. Aber das Quietschen im Flur unterbrach ihn und Hermine zuckte zurück, entdeckte Ron mit offenem Mund. Die Art, wie er sie anglotzte, war fast komisch, und wäre Draco bei Verstand gewesen, hätte er vermutlich gegrinst. Die Wut folgte kurz darauf, färbte Rons Gesicht dunkelrot, die Ohrenspitzen leuchtend. Und für einen kurzen Moment, in dem ihr Herz stehen blieb, überlegte sie, ihren Zauberstab zu ziehen, falls er wirklich vorhatte, Draco umzubringen. Aber dann seufzte er und der Ärger verließ ihn mit einem Atemzug. Er zuckte resigniert mit den Schultern und Hermine glaubte zu träumen, als er mit einem Nicken in Richtung Draco an ihnen vorbeilief, die Augen bereits auf den Kühlschrank gerichtet.

„Will jemand ein Sandwich? Ich dachte, ich übe mal, mit einer Hand eins zu machen. Fred wettet eine Galleone, dass ich mir einen Finger meiner guten Hand abschneide, aber Harry ist sich ziemlich sicher, dass ich es schaffe.“

„Ähm, nein. Danke.“ Hermine verspürte eine leichte Panik, hauptsächlich vor Verwirrung, weil sie plötzlich in einer Welt lebte, in der Ronald Weasley sie und Draco beim Küssen unterbrach und ihn nicht in die Luft sprengte. Oder ihn in ein Frettchen verwandelte (ein Zauber, den er zu Dracos Anfangszeiten sorgfältig gelernt hatte). Draco wirkte aufgebracht, wobei sie vermutete, dass das mehr mit ihrer Reaktion auf das Erwischtwerden als mit der eigentlichen Unterbrechung zu tun hatte. Sie konnte aber nicht anders. Sie schämte sich ja nicht für ihn. Und sie strengte sich auch nicht an, es vor den anderen zu verstecken. Sie verstand nur überhaupt nicht. Und wenn Hermine Granger etwas nicht verstand, verfiel sie leicht in Panik.

„Ich geh dann mal“, sagte Draco auf eine Art, die Hermine sagte, sie solle mit Ron sprechen, wenn es für sie so schlimm war. Sie ging sicher, dass er ihr Lächeln sah, bevor er ging, und fühlte sich erleichtert, als er es erwiderte, auch wenn es schwach war. Als die Tür sich hinter ihm schloss, wandte sie ihren besorgten Blick Ron zu. Vielleicht würde nun, wo Draco weg war, der Vortrag beginnen. Die Anschuldigungen und der Ärger. Der Schmerz. Aber er fuhr mit seiner Tätigkeit fort, balancierte das Erdnussbutterglas zwischen seinem bandagierten Stummel und seiner Brust, während er mit der guten Hand versuchte, den Deckel aufzuschrauben. Sie widerstand dem Drang, ihm zu helfen.

„So“, begann sie zögerlich. Er fluchte laut und ihre Angst war nun so groß wie ihre Erleichterung. Endlich. Hier war der Ron, den sie kannte! Er würde einen Anfall kriegen, sie konfrontieren, sie anschreien, bis sie ihn verbal übertraf, dann würde er drei bis fünf Tage in seinem Zimmer schmollen.

„Fred hatte Recht, dieser Mistkerl“, stöhnte er stattdessen und ließ das Glas auf den Tisch fallen. „Wobei wir rein technisch nichts über die nötigen Mittel der Sandwichzubereitung gesprochen haben. Nur über die Zubereitung.“

Hermine glaubte langsam, leicht unter Schock zu stehen, denn sie brauchte einen Moment, um seine Kommentare zu verstehen. Wie betäubt durchquerte sie den Raum und öffnete problemlos den Deckel. Ron starrte das Glas noch eine Sekunde länger wütend an, bevor er ein Messer nahm und es unbeholfen in die klebrige Masse steckte.

„So“, fing Hermine wieder an. „Willst du nicht… ich weiß nicht. Darüber reden.“

„Hm? Worüber?“ Er runzelte die Stirn, als das Glas durch die Messerbewegung weg rutschte. Hermine drückte eine Hand gegen das Glas und hielt es fest, während er arbeitete. Er warf ihr ein zerstreutes Lächeln zu und schlug mit dem Messer auf das Brot.

„Naja, über… über das, was du gerade gesehen hast. Zwischen Draco. Und mir. Was du gerade zwischen Draco und mir gesehen hast“, klärte sie und ihre Wangen glühten bei dem Blick, den er ihr zuwarf.

„Was gibt es da zu bereden? Ich meine, es ist irgendwie eklig.“ Er rümpfte die Nase, um die Aussage zu unterstreichen. Er blinzelte und hielt inne, als würde ihm plötzlich etwas einfallen. „Warte. Du dachtest, ich wüsste es nicht?“

„Naja… ja.“

Er schnaubte unschön und malträtierte schon wieder das Brot. „Bitte. Alle wissen es. Selbst Mum. Es könnte nicht offensichtlicher sein. Vor allem, seit du auch noch wie er riechst.“

„Ich rieche wie er?“

„Ja. Es ist nicht schlimm“, versicherte er ihr eilig. „Nur komisch, weißt du. Es war gewöhnungsbedürftig.“

Hermine runzelte die Stirn. Sie hatte bisher nie darüber nachgedacht, auch wenn sie es jetzt albern fand, dass sie nicht daran gedacht hatte. Sie teilte das Bett mit Draco, seine Kleidung, seinen Körper. Es ergab Sinn, dass sie wie er roch. Sie fragte sich, ob er auch nach ihr roch. Der Gedanke war interessant und sie hätte vielleicht Ron gefragt, aber er sprach bereits weiter.

„Es hat mich jedenfalls mehr verwirrt, warum ihr solange gebraucht habt, um soweit zu kommen. Ich meine, als er hier ankam, war er völlig hinüber und so ‚armer-kleiner-Todesser-ist-nun-gut’. Sieh es ein. Er war für dich unwiderstehlich.“ Er ließ zweimal das Messer fallen und fluchte, als seine Finger darum kämpften, es richtig zu halten. „Ich dachte, ihr wärt zusammen, wenn ihr von diesem Ausflug mit Harry zurückkommen würdet. Ach, verdammt. Soviel ist eine Galleone nicht wert. Ich werde Mum fragen.“

„Ausflug?“ Hermine runzelte die Stirn. „Was für ein Ausflug?“

Er versuchte (erfolglos), die klebrige Masse von den Fingern zu waschen. „Du weißt schon. Kurz nach Dracos Ankunft. Jeder war damals so gestresst. Ihr seid einfach abgehauen. Ohne mich, wenn ich das betonen darf. Aber keine Sorge“, fügte er hinzu und sah kurz auf. „Ich bin ganz dankbar dafür. Ich hätte den Mistkerl vermutlich umgebracht, wenn ich sieben Monate mit ihm allein verbringen müsste.“

„Sieben Monate“, flüsterte sie.

„Und immerhin habt ihr es geschafft, das Medaillon zu zerstören. Scheiße. Ich bin wie ein Zweijähriger. Kannst du mir bitte das Geschirrtuch geben? Hermine? Hermine.“

Sie blinzelte ihn langsam an. Kalte Angst wusch durch ihren Körper, betäubte sie auf diese vertraute Art, die sie vom Schlachtfeld her kannte. Die Erkenntnis, dass ihr Gedächtnis gelöscht worden war, war gar nicht so schockierend, merkte sie später. Die Leute im Orden ließen sich häufig den Verstand räumen, zu ihrer eigenen Sicherheit und der anderer. Zur Hölle, Shacklebolt hatte ihre Erinnerung gelöscht, nachdem sie ihre Eltern irgendwo nach Australien geschickt hatte. Aber das war ein einziges Stück Information. Ein Ort. Eine Erinnerung. Nicht sieben Monate. Sieben Monate und die Zerstörung eines Horkrux, der – soweit sie sich erinnern konnte – nie in ihrem Besitz gewesen war.

„Ron, wirst du bitte deinem dämlichen besten Freund sagen, dass er verloren hat, damit ich meinen Gewinn kriege?“

„Und würdest du bitte deinem Bruder sagen, dass es nicht nett ist, Wetten auf einen frischen Krüppel -“

„Hey!“

„- leid, Ron, verstümmelten Menschen abzuschließen, völlig unmoralisch ist und… und… Hermine? Was hast du?“

„Sie ist nur durchgedreht, weil sie dachte, die Bettgeschichte zwischen ihr und dem Frettchen wäre ja ach so geheim.“ Ron legte einen Arm um ihre Schulter und drückte ihren Körper an seinen. „Aber keine Sorge, Mine. Ich werde dich für diesen offensichtlichen Anfall von Geisteskrankheit nicht verurteilen.“

„Harry, kann ich bitte mit dir sprechen?“ Es war ein Wunder, dass ihre Stimme so ruhig war. Der Rest von ihr fühlte sich an, als hätten ihre Knochen die Koffer gepackt und ihren Körper als zitternde, ungestützte Form zurückgelassen.

„Sicher, Hermine.“

„Allein.“

Das erregte seine Aufmerksamkeit, während Fred taktvoll genug war, Rons auf sich zu lenken. Sie wartete nicht auf Harrys Antwort und sie konnte nicht sicher sein, dass er ihr folgte, bis sie seine Schritte hinter sich auf der Treppe hörte. Sie hatte ihn in sein Zimmer geführt, weil Draco und Teddy in ihrem warten würden. Harry hob eine Augenbraue, als sie die Tür magisch verschloss und schallsicher machte, blieb jedoch ansonsten klugerweise ruhig. Als sie fertig war, blieb sie eine Weile stehen, das Gesicht zur Tür, die Hände an das Holz gepresst, der zitternde Atem schmerzte in ihrer Kehle. Als sie sich dazu brachte, ihn anzusehen, sah er mehr als ein wenig verstört aus.

„Ich muss dir etwas sagen.“

Seine Stirn legte sich in Falten. „Okay.“

„Krieg keine Panik. Wenn wir ruhig bleiben, finden wir sicher eine Lösung.“ Sie atmete tief durch den Mund ein, und versuchte verzweifelt, die Kugel aus Panik in ihrem Hals zu verringern. „Harry. Ich denke, wir stehen unter einem Gedächtniszauber.“

„Was?“

„Ich weiß. Aber hör zu. Ron hat behauptet, du, ich und Draco wären vor all den Jahren, als Draco hier ankam, für sieben Monate weg gewesen. Aber ich erinnere mich nicht dran. An keine Sekunde. Und Draco hat auch nie was gesagt, also kann das nur heißen, dass, dass, warum schaust du mich so an?“

„Hermine -“

Und sie wusste es. Sie wusste, dass er es von Anfang an gewusst hatte. Kannte ihn zu lang, um nicht die subtilen Änderungen in seinem Gesicht zu bemerken: Schuld, Sorge, Angst, Sturheit. So hatte er sie auch angesehen, als er ihr hinterher erzählt hatte, dass er sich in der Vierten in das Bad der Vertrauensschüler geschlichen hatte, oder als er Draco in ihrem letzten Schuljahr nachspioniert hatte. Dieser Ich-weiß-es-war-falsch-aber-es-war-wichtig-für-das-Gesamtbild Blick. „Du hast meine Erinnerung gelöscht?“

Für einen Moment dachte sie, er würde lügen und es leugnen. Aber dann schluckte er, straffte die Schultern und richtete sich auf. Ein Soldat, bereit für den Kampf. Oder ein Mann, der sich auf den Sturm gefasst macht. „Ja.“

Schmerz durchbohrte sie. Sie stolperte unter seinem Gewicht, ihr Körper fiel gegen die ächzende Tür. „Warum?“ Sie zuckte zusammen, als er auf sie zutrat, aber er hielt nur einen Moment inne, lief dann weiter, bis seine Hände auf ihren Schultern lagen, warme, schwere Gewichte, so vertraut wie ihre eigenen Hände. Er lächelte sie an, wirkte aber irgendwie traurig.

„Weil du es so wolltest, Hermine.“

::

„Was ist passiert?“

„Ein Unterschlupf in South Wales wurde heute Nachmittag um 16 Uhr hochgenommen. Wir mussten die Bewohner aufteilen.“

„Merlin, Moody, sag dem Jungen halt alles!“

Moody zuckte nur mit den Schultern und sah Shacklebolt stirnrunzelnd an. „Die Leute werden fragen, warum der komplette Orden sich nur auf eine Handvoll Gebäude aufteilt, Kingsley.“ Er grunzte und setzte sich in den Küchenstuhl. „Ich würde auch gern wissen, was los ist. Der siebte Unterschlupf in einem Jahr. Danke, Molly.“

Mrs. Weasley nickte steif und setzte eine dampfende Tasse vor Shacklebolt ab. Ihr Gesicht war blass und dünn und Draco fand, dass sie inzwischen älter aussah als je zuvor, mit den grauen Haaren und den welken Händen voller Leberflecken. Die ältere Generation war auf dem absteigenden Ast, realisierte er mit einem schmerzhaften Stechen in seinem Unterleib. Bald würden sie diejenigen mit Falten und krummen Rücken sein.

„Das Merkwürdige ist“, fuhr Moody fort und ignorierte Shacklebolts strengen Blick, „dass er nie die Guten sendet. Meistens den Nachwuchs. Kaum ein würdiger Gegner für ein Haus voll mit Ordensmitgliedern, Hinterhalt oder nicht.“

„Wahrscheinlich ist es für sie nur eine Übung“, murmelte Shacklebolt düster.

Moody grunzte. „Nein. Er hat etwas vor.“

„Das denkst du über jeden.“

Aber Moody hörte nicht zu, seine Augen waren auf die Dunkelheit hinter dem Fester gerichtet, und die warme Küche fühlte sich plötzlich nicht mehr warm an.

::

„Ich will, dass du mir alles erzählst. Lass nichts aus.“

„Bist du sicher?“

Hermine schluckte. „Ja.“

Sie saßen beide, an unterschiedlichen Bettenden, ihr Rücken am Kopfteil, Harry ihr im Schneidersitz gegenüber. Der Abstand zwischen ihnen war größer als gewöhnlich. Aber an dieser Unterhaltung gab es nichts Gewöhnliches, also passte es vielleicht ganz gut, überlegte Hermine. Harry sagte lange nichts. Aber als er sprach, sah er ihr in die Augen und wankte nicht, nicht eine Sekunde.

„Es war kurz, nachdem Malfoy hier ankam. Wir waren uns alle nicht sicher. Und er hat immer wieder nach mir gefragt, aber Shacklebolt meinte, ich solle nicht mit ihm reden. Dass er nur versuchen würde, mich mit irgendeiner herzerweichenden Geschichte zu vergiften. Das ist Malfoys Sache, nicht? Er muss nicht lügen. Er weiß, wie er die Wahrheit benutzen kann.“ Seine Lippen formten ein ironisches Lächeln. Es erinnerte sie kurz, überraschend, an Sirius und seinen bitteren Humor.

„Ich bin zu ihm gegangen. Ich habe ihn gefragt, was er hier macht. Und er sagte mir die Wahrheit. Dass Voldemort ihn geschickt hat, um den Orden zu infiltrieren und ihn im entscheidenden Moment zu hintergehen. Und dann bat er mich, ihn umzubringen.“ Er hielt ihren Blick. „Ich hätte es getan. Wirklich. Für den Orden.“

„Was hat dich abgehalten?“ Aber es war zu leise und sie musste sich räuspern und noch einmal fragen.

Er grinste. „Du. Du kamst reingestürmt, völlig entrüstet und moralisch. Hast gesagt, ich könnte nicht einfach so jemanden umbringen. Es war falsch. Wobei es keine Rolle spielte, ob ich ihn tötete oder nicht.“

„Weil Shacklebolt sowieso seinen Tod verlangt hätte, sobald er wüsste, warum Draco hier war.“

Harry nickte. „Also haben wir ihn fortgeschleppt. Du und ich. Wir hatten einen Hinweis auf den Pokal und wussten sowieso nicht, wie wir das Medaillon zerstören sollten. Wir haben Ron zurückgelassen, weil er Malfoy umgebracht hätte. Wir waren sieben Monate weg, und am Ende wusste wir, dass Malfoy nur akzeptiert werden würde, wenn er daran glaubte, dass er selbst die Seite gewechselt hatte. Also wurde die Erinnerung gelöscht.“

„Du hast uns beide gelöscht? Bist du wahnsinnig? Du hättest ernsthaft Schaden anrichten können!“

„Ich habe deine Erinnerung gelöscht, weil du mich darum gebeten hast!“ Er schrie nicht, aber sie hörte die Frustration, oder vielleicht auch Verzweiflung.

„Warum um alles in der Welt sollte ich das tun?“

„Weil du nicht in Malfoy verliebt sein wolltest, wenn er sich nicht daran erinnerte, in dich verliebt zu sein!“ Auf seinen Ausbruch folgte eine erstaunte Stille und Hermine fragte sich, ob seine Aussage für ihn nicht genau so eine Überraschung war wie für sie, nachdem erstaunten Weiten seiner Augen zu urteilen. Er krümmte sich unbehaglich, dann streckte er seinen Arm aus. Nahm ihre Hand und hielt sie fest. „Ich habe deine Erinnerung gelöscht, weil du mich darum gebeten hast“, wiederholte er. „Aber ich habe nichts mit Draco zu tun. Das warst du.“

Es war wie ein Klatscher gegen die Brust. Nein. Ein Klatscher gegen den Kopf, die Arme, die Beine – jeden Zentimeter, den die verdammten Dinger erreichen konnten. Sie fühlte sich betäubt und elektrisiert und fror. Ihr Verstand, das einzige Etwas, auf das sie stolz war, auf das sie sich verlassen konnte, gehörte nicht länger ihr. Jemand war dahergekommen und hatte Teile davon gestohlen, dann den Rest durcheinander gebracht, bis nichts mehr einen Sinn gab. Sie zog ihre Hände aus Harrys Griff und sah ihn ernst an.

„Ich will mich erinnern. An alles.“

Harry schluckte und sie dachte, er würde sich weigern. Aber er nickte nur, zog seinen Zauberstab aus den Falten seines Pullovers. Sie schloss die Augen, als die kalte Spitze gegen ihre Stirn drückte. Eine Pause, dann hörte sie sein geflüstertes „Finite Incantatem.“

Eine Welle, als würde Wasser sanft über den Waldboden fließen. Druck auf die Vorderseite ihres Schädels. Die Welt leuchtete rot und orange hinter ihren Augenlidern. Und sie erinnerte sich.


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