
von Nitsrek
Die Vergangenheit liegt auf der Gegenwart wie der Körper eines toten Riesen. ~Nathaniel Hawthorne, The House of Seven Gables
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„Ist das die Wahrheit, Malfoy?“
„Die Wahrheit“, wiederholte Malfoy und dann verblasste sein Grinsen, wurde zu einem Ausdruck solcher Erschöpfung, dass Hermine sich plötzlich matt fühlte, als wäre der leichte Stoff des Tarnumhangs plötzlich aus Blei, Schwermetall auf ihren Schultern. Seine Augen wanderten an Harry vorbei an die Stelle, wo sie stand, dann an die Decke. Als sie sich wieder beruhigt hatten, lag steinerne Entschlossenheit darin. Der gleiche Ausdruck, der in Harrys Augen trat, wenn sie sich auf die Suche nach einem Horkrux machten. Dieser ‚Es wird dir nicht gefallen, aber das ist mir egal’-Blick, wenn er wusste, dass sie diskutieren würde. „Die Wahrheit ist, dass er will, dass du das glaubst.“
„Voldemort?“, fragte Harry und wenn Malfoy vor dem Namen zurück schreckte, verbarg er es gut.
„Ja.“
„Du sagst, er hat dich hierher geschickt?“
„Ja. Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen denkt er, ich könnte den Orden erfolgreich infiltrieren, bis zu dem Punkt, an dem mein Verrat verheerende Auswirkungen hätte.“ Ein Teil seines früheren höhnischen Lächelns kehrte flüchtig auf sein Gesicht zurück. „Ich gebe nicht vor, die Abläufe im Gehirn des Dunklen Lords zu verstehen. Aber ich bin mir sicher, dass irgendein Geniestreich hinter seinem scheinbar wahnsinnigen Plan steckt.“ Und die Art, wie er es sagte, klang fast nach Sarkasmus.
„Oder er schickt dich einfach in den Tod. Das macht er wohl ganz gern.“
Malfoys Grinsen verschwand, aber er erwiderte nichts, und Hermine fand nicht, dass er verärgert aussah. Das Schweigen breitete sich aus, dick, schwer, entzog ihr die Luft in nervösen, keuchenden Atemzügen, verstärkte den Laut, bis sie ihre Hand auf ihren Mund legte, um ihn zu dämpfen.
„Ich nehme an, du erhoffst dir, dass wir nachsichtig mit dir sind, weil du ehrlich warst.“ Harrys Kinn hob sich einen Zentimeter. „Damit liegst du falsch.“
Diesmal war das Lächeln fast ehrlich. „Ich sehe, dass du endlich erwachsen geworden bist, Potter. Bereit, zu tun, was nötig ist.“
„Für das Wohl aller.“ Und obwohl Malfoy die Bedeutung der Worte nicht kennen konnte, hatten sie eine ernüchternde Wirkung. Seine Augen fielen zu und Hermine glaubte, dass er Schmerzen litt. Harrys Gesicht blieb streng, ausdruckslos, so wie Snape es ihm beigebracht hatte. Aber sein Kiefer war angespannt, seine linke Hand zuckte. Zeichen des Zögerns. „Warum bist du noch hier, Malfoy? Solltest du jetzt nicht versuchen, zu fliehen? Weglaufen kannst du doch immerhin am besten.“
„Schwach, Potter.“ Ein Auge öffnete sich, fast träge, dann beide und das Grinsen war weg. „Töte mich.“
„Was?“
„Es ist der einzige Weg.“ Er zuckte die Schultern. „Das wissen wir beide. Du kannst mich jetzt nicht mehr gehen lassen. Ich werde nur zu ihm zurückgehen. Und hier kann ich nicht bleiben. Wer weiß, wie viel ich hören oder sehen werde? Ich bin eine Last. Eine gefährliche. Wenn du mich tötest, tust du allen einen Gefallen.“
Er war wahnsinnig. Denn nur ein Wahnsinniger konnte so schnippisch und trocken über seine eigene Hinrichtung sprechen. In seinen Augen lag kein Leuchten, das auf den durch Schmerzen verursachten Wahnsinn hätte hinweisen können, den sie schon so oft gesehen hatte. Keine Angst oder Erwartung. Nichts. Seine Augen waren zwei Spiegel. Zwei Kugeln aus glasigem Nichts.
„Du bluffst“, sagte Harry schließlich.
Malfoy hob seine Arme vom Bett und verzog das Gesicht bei der Anstrengung. Er öffnete seine Hände, ein Friedensangebot, oder vielleicht auch Aufgabe. Er hatte die Finger eines Klavierspielers, fand Hermine. Lang und dünn, frei von den Narben, die ihre eigenen Handflächen bedeckten.
„Wir sind allein hier, Potter. Du hast den einzigen Zauberstab. Nach den Worten dieser Weasley-Frau vorhin zu urteilen, rechnen alle damit, dass ich jeden Tag abkratzen könnte. Niemand würde es wissen.“ Wahnsinn. Der überzeugende, geübte Ton, das einnehmende Funkeln seiner Augen.
Die Stille war zu schwer, überschwemmte sie in Wellen. Anspannung tropfte von den Wänden, füllte ihren Kopf, bis sie nicht mehr denken konnte. Und dann bewegte sich Harry. Er machte die zwei Schritte auf Malfoys Bett zu und hob den Zauberstab, die hölzerne Spitze drückte in den bleichen Hals des Mannes. Malfoy legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen, und später würde Hermine denken, dass er noch nie so friedlich ausgesehen hatte.
„Harry, nein!“ Die Worte waren draußen, bevor sie sich bewusst dafür entschied, ihre Hand riss an dem schlüpfrigen Stoff des Umhangs, bis er zu ihren Füßen lag. Harry erstarrte, aber sein Zauberstab sank nicht und er drehte sich nicht zu ihr um. „Harry, das kannst du nicht tun! Das hier ist kein Schlachtfeld! Wenn du ihn jetzt umbringst, ist es Mord.“
Für eine kurze Sekunde dachte sie, er würde sie ignorieren und Malfoy trotzdem töten. Aber dann sank sein Arm, langsam, und er trat einen Schritt zurück. Noch einen. Und noch einen. Hermine packte ihn, sobald er in ihre Reichweite kam, hob den Umhang mit zitternden Händen auf und zog sie beide zur Tür. Sie schubste Harry hinaus, zuckte zusammen, als sein Arm die Tür erwischte, aber entschuldigte sich nicht. Sie blickte zurück auf Malfoy, aber er sah sie nicht an. Seine Augen waren geschlossen, die Brust fast tödlich ruhig, eine Imitation dessen, was hätte sein können.
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„Sie lassen ihn niemals bleiben. Egal ob er gesteht oder nicht.“
„Sie werden ihn nicht töten.“
„Nein. Aber sie werden ihn nach Azkaban stecken.“
„Gut, das verdient er auch.“
Harry sah sie an, das Glas machte eine Pause auf dem Weg zu seinen Lippen. „Das meinst du nicht ernst. Wir wissen beide, dass er kein supergenialer Bösewicht ist.“
„Er ist praktisch Voldemorts rechte Hand.“
„Was auch nicht mehr heißt, als dass er dem Schlangenmann den Arsch küssen und den Boden anbeten darf, auf dem er läuft.“
„Und neue Todesser ausbildet.“
„Nicht gerade das Verbrechen des Jahrhunderts, Hermine.“ Er zog eine Grimasse nach dem Schluck Wodka und setzte das Glas mit einem Klirren auf dem Tisch ab. „Schau. Du warst nicht auf dem Turm. Er wollte Dumbledore nicht umbringen. Und er hat sich damals im Manor geweigert, uns zu identifizieren. Ich denke nicht, dass er jemals dazu gehören wollte.“
„Er hätte gehen können. Nichts hat ihn aufgehalten. Und komm jetzt nicht mit dem Scheiß über seine Eltern. Wir mussten alle Opfer bringen, um das Richtige zu tun.“ Und sie konnte die Verbitterung nicht aus ihrer Stimme halten. Sie dachte an ihre Eltern, an die leeren Gesichter, als sie ihr für die Wegbeschreibung zum nächsten Flughafen dankten. Und sie dachte, dass das Leben für keinen von ihnen fair war, aber das hieß nicht, man konnte einfach herumlaufen und Leute für ihr Blut hassen. „Und er hat Menschen getötet.“
„Nur im Kampf.“ Er wollte sich noch einen einschenken, dann änderte er seine Meinung und trank aus der Flasche. „Wie wir auch.“
„Er ist nicht wie wir“, sagte Hermine, schob ihren Stuhl zurück und lief zur Tür. „Niemals.“
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„Ich habe nachgedacht.“
„Oh Gott.“
„Über Malfoy“, machte Harry deutlicher.
„Nicht schon wieder“, grummelte Ron und Hermine spürte für ihren neuen Exfreund eine Zuneigung, die ihr in letzter Zeit gefehlt hatte.
„Er ist im Moment verletzt, deswegen darf er bleiben. Aber bald wird Shacklebolt ihn loswerden wollen.“
„Viel Erfolg.“
Harry warf Ron einen Blick zu, ignorierte ihn aber ansonsten. „Ich denke, wir sollten ihn mitnehmen zu unserem nächsten… ihr wisst schon. Ausflug.“
„Ich denke wirklich nicht, dass wäre -“
„Auf keinen Fall wird dieser Mistkerl -!“
Harrys Seufzen beendete die plötzlichen Ausbrüche und Hermine kam nicht umhin, die subtilen Anzeichen von Erschöpfung auf seinem Gesicht zu sehen. Vielleicht sah Ron es auch, denn er ließ das Thema fallen, auch wenn er mit den Zähnen knirschte. Sie fragte sich, seit wann sie auf Zehenspitzen umeinander liefen, auf Eierschalen balancierten, um den zerbrechlichen Frieden zu wahren.
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Sie wusste nicht, warum sie angeboten hatte, Malfoy sein Abendessen zu bringen. Nur, dass Mrs. Weasley davon geeilt war, weil Fred und George eine weitere Stinkbombe neben dem erschreckenden Portrait von Mrs. Black gezündet hatten, und plötzlich hielt sie das Tablett in den Händen und wurde mit einem ermutigenden Klaps auf den Rücken die Treppen hochgeschickt. Sein Zimmer war furchtbar dunkel und sie fragte sich, ob er es wohl so mochte oder ob bisher einfach niemand daran gedacht hatte, die Vorhänge zu öffnen. Sie erwartete, dass er ihre Anwesenheit vollkommen ignorierte, mit dieser ‚So-weit-über-dir-stehend-um-dich-überhaupt-wahrzunehmen’-Einstellung, die sie so verabscheute. Aber sein Blick lag auf ihr, als sie den Raum betrat, als hätte er auf sie gewartet, und er starrte sie ohne Scham an, als sie mit dem Essen näher kam.
Es gab keinen Tisch und sie dachte, dass er wohl von seinem Schoß aus essen müsste. Sie konnte sich irgendwie nicht dazu bringen, das Tablett dort abzustellen, als wäre sie eine Heilerin, die sich um einen Invaliden kümmerte, also stellte sie es für ihn erreichbar auf den Nachttisch. Er fasste es nicht an. Blickte nicht einmal in die Richtung. Später würde sie überlegen, dass sie ihn wohl einfach zurückgelassen und nie wieder einen Gedanken daran verschwendet hätte, wenn er einfach angefangen hätte zu essen, ruhig, gehorsam, mit den fiesen Kommentaren ihrer Jugend. Aber sie fand, dass zu viele Konsequenzen durch dieses eine Treffen in Gang gesetzt wurden und dass es daher nicht plausibel war, so zu tun, als wäre nie etwas gewesen.
Sein Ausdruck war leer, aber sie überlegte, wie sie sich wohl fühlen würde, eingesperrt im Hauptquartier des Feindes, allein, den Tod abwartend.
„Es ist nicht vergiftet, weißt du. Falls dich das beschäftigt“, setzte sie hinzu, als er nicht reagierte. Keine Antwort. Das Schweigen war unangenehm, aber das war zu erwarten. Ihr Körper wollte gehen, den dunklen, verzehrenden Raum verlassen und die Existenz dieses Mannes vergessen. „Du könntest danke sagen. Wir müssten dich nicht verpflegen.“ Sie hatte nicht geplant, es zu sagen, und die Härte in ihrer Stimme machte es schwierig, sich nicht schuldig zu fühlen.
Malfoys Augenbraue hob sich zu einem perfekten Bogen und sie machte sich auf einen Strom aus Beleidigungen gefasst. „Danke. Ich verdiene eure Gastfreundschaft nicht. Am wenigsten deine.“
„Stimmt.“ Sie blinzelte zu viel. Und nickte übertrieben. Sie war sicher, dass ihre Verwunderung über ihr ganzes Gesicht geschrieben stand, schrie, aber sie hatte ihre Gefühle noch nie verbergen können und würde auch jetzt nicht damit anfangen. „Ja. Richtig. Bitte. Glaube ich.“
Sie wartete nicht auf seine Antwort. Hörte erst auf zu laufen, als sie in der Küche stand – der am weitesten entfernte Raum – und versprach sich, nie wieder an ihn zu denken. Aber sie sah weiterhin seine Augen in ihrem Kopf, so anders als die Augen, die sie kannte, und die Aufrichtigkeit seiner Aussage. Sie sah ihn blutend und kaputt auf dem Boden, seine Augen auf das Blut gerichtet, das von ihrem Kinn tropfte. Es war ein Rätsel. Und so sehr sie auch versuchte sich zu sträuben, es gab nichts, was sie mehr reizte als ein Rätsel.
Verdammte Neugier. Zur Hölle damit.
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„- können ihn doch nicht hier im Hauptquartier lassen! Keine Ahnung, was Snape sich gedacht -!“
„Dass wir verlieren. Haushoch. Und jede Unterstützung gebrauchen können.“
„Nicht von diesem lügenden Stück Abschaum -“
„- könnte der Faktor sein, der die Waage zu unseren Gunsten -“
„- können ihm nicht einmal einen Zahnstocher anvertrauen, geschweige denn das Leben von -“
„- denkst, ich weiß das nicht, Shacklebolt. Verdammt nochmal!“
„Alastor, Kingsley, bitte. Es gibt Leute, die versuchen zu schlafen.“
„Tut mir leid, Molly.“
Als er sprach, war Shacklebolts Stimme weicher. Kontrollierter. „Alastor, sei vernünftig. Wir können keinen bekannten Todesser beherbergen, noch dazu Voldemorts rechte Hand! Das ist zum momentanen Zeitpunkt ein Risiko, das ich nicht eingehen werde.“
Eine lange Pause. Dann, „Gut. Du hast Recht, denke ich. Er ist ein Risikofaktor.“
„Sehr gut.“ Hände klatschten zusammen, Stühle ramschten über den Boden. „Ich werde das nötige veranlassen.“
„Wo bringt ihr ihn hin? Azkaban?“
„Molly, meine Liebe. Azkaban ist schon lange nicht mehr sicher. Und wir haben keinen Platz in unseren Zellen, um Gefangene zu halten, die für uns keinen Nutzen haben.“
Mollys Schluchzen war ruhig und doch laut in der folgenden Stille. „Er ist nur ein Kind! Ein Kind, Shacklebolt. Ein Kind, das nicht wusste, was es tat. Gerade so alt wie mein eigener Sohn.“
„Ich verstehe. Aber wir müssen das tun. Für das Wohl aller.“
Schritte. Aktivierung des Flohnetzwerks. Eine sehr viel längere Pause, unterbrochen von den aufgebrachten Putzgeräuschen von Molly. Es dauerte lange, bis sie schließlich aufhörte, ihr Seufzen verklang in der Stille. In der Dunkelheit der Vorratskammer wandte Hermine ihren geschockten Blick Harry zu. Aber er sah sie nicht an. Er starrte auf den Zauberstab in seiner Hand, wirbelte ihn zwischen seinen Fingern, wie damals in Malfoys Zimmer. Sie legte ihre Hand um seine, stoppte die Bewegung, und ließ nicht los, bis er sie ansah.
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„Mrs. Weasley meinte, Sie wollten mit mir sprechen?“
„Miss Granger. Setzen Sie sich.“
Hermine versuchte unter dem Blick von Moodys magischem Auge nicht herumzuzappeln und setzte sich behutsam in den einzigen vorhandenen Stuhl . Sie fand es komisch, dass Moody einen Stuhl in seinem Schlafzimmer hatte, dann überlegte sie, ob er ihn extra für sie besorgt hatte. Er wartete, bis sie saß, bevor er sprach.
„Ich denke, ihre angeborene Neugier brennt darauf zu erfahren, was sie hierher bringt.“ Ein neckendes Glitzern, das Hermine vor zwei Jahren noch nicht erkannt hätte, lag in seinem Blick und sie lächelte schwach.
„Ich habe darüber nachgedacht.“
„Was halten Sie von Mr. Malfoy?“
„Malfoy?“ Die Frage war definitiv das letzte, womit sie gerechnet hatte, deshalb war sie einen Moment etwas überrumpelt. Sie hatte mit einer Mission gerechnet, vielleicht einem Botengang. Aber nicht damit. „Er ist… naja, er ist Malfoy!“ Denn ihr ganzes Leben lang hatte das als Erklärung gereicht. Ein ganzer Roman aus Adjektiven und Bedeutungen, die sie in diesem einen Namen bündelte.
Moody nickte aber, als würde er verstehen, also verdrängte sie ihre roten Wangen. Er lief einen Moment auf und ab, legte sein Gewicht auf sein gutes Bein. „Sie sind eine kluge Hexe, Miss Granger. Eine der besten. Deshalb – und wegen ihrer und Mr. Potters Angewohnheit, zu lauschen – nehme ich an, dass sie bereits wissen, dass in Bezug auf Mr. Malfoys Schicksal eine Entscheidung getroffen wurde.“
Diesmal hatte sie ihre Röte nicht unter Kontrolle und sie kämpfte gegen den Drang, ihren Kopf vor Scham zu neigen. „Ja, Sir.“ Und dann, bevor sie sich abhalten konnte, „Sie werden ihn kaltblütig und hinterrücks im Schlaf umbringen.“
Sein Grinsen war eine Grimasse seiner verstümmelten Lippen. „Sie sind nicht einverstanden. Das überrascht mich nicht. Die Jugend ist in solchen Aspekten des Lebens oft naiv -“
„Es ist nicht naiv, den Tod eines wehrlosen Kriegsgefangenen nicht zu billigen. Es gibt Gesetze, Alastor -“
„Manche sagen, dass Gesetze dazu da sind, sie in solchen Zeiten zu brechen. Jedenfalls“, fügte er hinzu, bevor sie eine Reihe empörter Antworten hervorsprudeln konnte, „bin ich Ihrer Meinung, Miss Granger.“
„… Oh.“ Ihre Verwirrung musste sichtbar sein, denn er lachte – ein raues, verbittertes Geräusch.
„Denken Sie nicht fälschlicher Weise, dass ich Mitgefühl mit ihm habe. Ich habe kein Auge für verlorene Fälle. Ganz im Gegensatz zu Ihnen.“ Ihr böser Blick ließ ihn wieder lachen, aber er fasste sich schnell. „Ich denke, dass Mr. Malfoy ganz nützlich für uns sein könnte. Und ich habe noch nie eine Gelegenheit verstreichen lassen.“
„Was ist mit ‚immer wachsam’?“ Und sollte er den Spott in ihrer Stimme bemerkt haben, ließ er es sich nicht anmerken.
„Ein Mann kann wachsam und klug zur gleichen Zeit sein, Miss Granger. Derzeit wird Mr. Malfoy von sieben verschiedenen Zaubern überwacht.“
Hermines Verstand huschte zurück zu jener Nacht, in der Harry seinen Zauberstab so fest in Dracos Brust gedrückt hat. Sie zwang sich, nicht zu erblassen. Sich nicht zu verraten. Zog die Okklumentik-Barrieren hoch, die sie für den Notfall geübt hatte, sollten sie gefangen und über Dumbledores Aufgabe befragt werden. Moody grinste.
„Entspannen Sie sich, Miss Granger. Würde ich Sie und Mr. Potter melden wollen, hätte ich das in jener Sekunde getan, als Sie sich in Mr. Malfoys Zimmer geschlichen haben.“
„Was wollen Sie also?“ Denn sie war nicht mehr naiv, folgte nicht mehr blind den Erwachsenen, Dumbledores Vertraute hin oder her.
„Ich glaube, Mr. Malfoy wäre durchaus bereit, mit uns zusammen zu arbeiten, sollte er einen… Anreiz haben.“
„Anreiz?“, wiederholte Hermine, zog das Wort in die Länge und schmeckte es zwischen ihren Zähnen.
„Etwas, dass seine derzeitigen, im Konflikt stehenden Denkansätze ändert. Er ist nicht mehr der voreingenommene Rassist Ihrer Schulzeit, Miss Granger. Die richtige Person könnte der letzte Schubser in die passende Richtung sein.“
„Und Sie denken, ich bin die richtige Person?“ Ihr Gesicht konnte nicht hübsch aussehen, wie sie es so ungläubig verzog, aber sie konnte einfach nicht anders. „Malfoy hasst mich. Ich spreche hier nicht über irgendeine alberne Rivalität oder einen Groll. Er hasst mich!“
„Deshalb wäre es so bedeutend, wenn Sie seine Meinung ändern könnten!“
„Und wie soll ich das Ihrer Meinung nach tun? Ihn mit Liebe und Zuneigung überschütten? Ihm meine tiefsten Hoffnungen und Geheimnisse erzählen? Oder vielleicht schlitze ich mir einfach die Handgelenke auf und erinnere ihn dran, dass mein Blut nicht annähernd so dreckig ist, wie er mich gerne glauben ließ.“
„Nichts so Dramatisches, Miss Granger.“ Und sein Tonfall verärgerte sie, denn wenn sie dramatisch war, dann war das wohl ihr gutes Recht. „Sie und Ihre kleinen Freunde haben in naher Zukunft einen Ausflug geplant, glaube ich.“
Sie blinzelte ihn an, ihr Gesicht wurde neutral. „Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.“
„Sicher. Aber nehmen wir mal an, hypothetisch, dass Sie eine Zeit lang weg wären. Sie könnten Malfoy mitnehmen. Nur, bis das Gröbste vorbei ist. Bis ich Shacklebolt überzeugt habe, ihn am Leben zu lassen. Sie könnten Malfoy überzeugen, dass mehr hinter Ihnen steckt als nur Ihr Blutstatus und ihr Schulhaus.“
Etwas an der Art, wie er das sagte, wie sein magisches Auge sich unauffällig veränderte, lag etwas, das Hermines Rücken steif werden ließ vor Misstrauen. Ihre Augen verengten sich. „Und wenn Sie überzeugen sagen…?“
„Sie sind eine kluge, attraktive junge Frau. Ich bin sicher, ich muss Ihnen nicht sagen, wie man diese Eigenschaften einsetzt, um einen Mann für sich zu gewinnen.“
Sie stand, konzentrierte sich auf ihre Wut, um ihre Empörung zu beherrschen. „Wie können Sie es wagen! Sie denken, ich werde mich für Malfoy verkaufen? Nein, Moment. Denken Sie, ich würde mich für irgendjemanden verkaufen?“
„Ich verlange nicht, dass Sie ihn verführen, damit er gehorsam ist! Ich sage nur, dass die Situation derzeit etwas feminines Feingefühl gebrauchen könnte.“
Sie atmete zu schwer – eine widerliche Angewohnheit, die sie nie losgeworden war und die sie nie unterdrücken konnte, wenn sie emotional war. „Ich werde so tun, als hätte diese Unterhaltung nie stattgefunden.“ Sie lief zur Tür, bevor er sie aufhalten konnte. Sie drehte sich nicht um, als er mit ihr sprach, konnte ihn einfach nicht ansehen.
„Denken Sie nach, Miss Granger. Wenn niemand etwas unternimmt, wird Malfoy sterben. Sie könnten sein Leben retten.“
Sie wusste, dass er Recht hatte, auch als die Tür vor seiner Nase zuknallte. Und sie wusste, dass er es wusste. Weil sie Hermine Granger war, und was wäre die Welt, wenn sie sich nicht um die verlorenen Fälle kümmern würde?
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„Gibt es einen bestimmten Grund, warum wir mitten in einem Wald stehen?“ Er schaffte es irgendwie, blasiert und aufgeblasen zu klingen – Percy Weasley, aber etwas aristokratischer. Als wären seine Arme nicht auf seinen Rücken gebunden und er ohne Zauberstab. Als hätten sie ihn nicht praktisch entführt und gezwungen.
„Wir suchen nach etwas“, antwortete Harry, als ihm klar wurde, dass Hermine nichts sagen würde.
„Und ihr habt mich mitgenommen, weil…?“
„Wir schaffen dich aus der Schusslinie, bis daheim wieder alles normal ist.“
„Mit aus der Schusslinie schaffen meinst du natürlich, dass ihr einen offiziellen Kriegsgefangenen entführt.“
„Wir haben einen Haufen Ärger verursacht, um dich dort unbemerkt rauszukriegen! Also könntest du dich zumindest hinsetzen, den Mund halten und vielleicht darüber nachdenken, was Harry aufs Spiel setzt, damit du am Leben bleibst!“ Sie wartete auf Wut, auf Beleidigungen über ihr Blut, ihre Haare, ihre Zähne. Aber er funkelte sie nur an und nach einem langen, angespannten Moment setzte er sich auf den dreckigen Boden und lehnte sich an den nächsten Baumstamm. Sie drehte sich um, zog ihren Zauberstab und errichtete die magischen Schutzbarrieren um ihr Zelt.
„Ihr hättet mich einfach umbringen sollen.“ Sie hörte es fast nicht, weil das Zelt zum dritten Mal zusammenfiel und Harry fluchte. Sie hielt inne, den Zauberstab erwartungsvoll in die Luft gerichtet. Wollte sich umdrehen, hielt sich aber ab. Atmete tief ein und zog einen Bogen mit dem Stab. „Cave Inimicum“, murmelte sie, bevor sie mit dem nächsten Zauber fortfuhr.
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„- denkst, es ist sicher, so nach draußen zu gehen -“
„- es nie finden, wenn wir nicht -“
„- einfach so nach Dublin und zeigst deine Narben und denkst, du wirst nicht -“
„- Verhüllungszauber benutzt -“
„- unvorhersehbar, abgesehen davon, dass wir keinen besonders mächtigen -“
„Ich weiß nicht, Hermine, okay? Ich habe keine Ahnung, was wir tun sollen! Ich weiß nicht, wo das Medaillon ist, aber dieser Kerl vielleicht schon, und ich habe keine verdammte Ahnung!“
Er atmete einen Moment schwer, seine Schultern hoben und senkten sich unter der Anstrengung. Als er sich neben sie setzte, nahm sie seine Hand und drückte sie. „Okay.“
„Okay?“
„Okay.“
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Sie endeten in einem Hotel, das verdächtig nach Bordell aussah und eindeutig nach Schweiß, Urin und schwach nach Sex roch. Aber die Zimmer waren günstig und der Besitzer war nicht die Sorte Mann, die zu viele Fragen stellte. Sie bekamen ein Zimmer mit nur zwei Betten und Hermine reinigte ihrs und Harrys dreimal auf magische Weise, bevor sie auch nur näher hinging. Einen Moment später fiel ihr ein, dass Dracos Zauberstab sicher im Grimmauld Platz versperrt war. Er blickte überrascht auf, als sie sein Bett mit einem Putzzauber bedachte, und sie fühlte sich fast selbstgefällig, als seine Augen sich weiteten, bis er ihr dankte und sie geschockt war.
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„- nicht ein, warum ich nicht mit dir kommen kann-“
„- dumm, zwei Leben aufs Spiel zu setzen-“
„Also bleibst du hier und ich gehe!“
„Du weißt nicht, wonach du suchst!“ Er seufzte und kniff seinen Nasenrücken mit Zeigefinger und Daumen. Der natürliche Drang, nachzugeben, aufzugeben und sich um seine Bedürfnisse zu kümmern (weil er so offensichtlich erschöpft war), wurde von der wachsenden Panik in ihrem Magen überwältigt.
„Harry, ich kann hier nicht allein mit Malfoy bleiben. Es geht einfach nicht“, flüsterte sie und zuckte bei dem Flehen in ihrer Stimme zusammen. Für eine gesegnete Sekunde glaubte sie, er würde nachgeben. Aber sein Ausdruck wurde hart und sie wusste schon bevor er sprach, dass sie verloren hatte.
„Ich muss das tun, Hermine. Nur ein paar Tage. Jemand muss hier bleiben und ich bewachen. Abgesehen davon hat Malfoy nicht einmal einen Zauberstab. Wie schlimm kann er da schon sein?“
Malfoy hob eine Augenbraue, als sie allein zurückkehrte, sagte aber nichts, sondern wandte sich wieder der intensiven Beobachtung der Zimmerdecke zu, als sie nichts erzählte. Er lag auf seinem Bett, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, die Haltung passend für jemanden, der es gewohnt war, in muffigen, schmutzigen Motelzimmern zu hausen, ganz im Gegensatz zu dem verwöhnten, reichen Jungen, der er wirklich war. Er schien nicht im Geringsten neugierig, warum Harry nicht da war. Der Anblick verärgerte sie und sie atmete durch ihre Zähne aus, bevor sie auf ihr eigenes Bett fiel und aus ihrer Tasche das erste Buch zog, das ihre Finger berührten. Sie schlief vor Malfoy ein, und als sie mitten in der Nacht aufwachte, starrte er immer noch, die Augen ohne Blinzeln auf die Decke über ihm gerichtet.
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Malfoy war stumm. Ein unheimliches, stummes Frettchen mit leeren, schimmernden Augen und leerer, schimmernder Haut.
Nicht, dass sie mit ihm sprechen wollte. Oder antworten würde, wenn er sie ansprach.
Aber trotzdem. Es war einfach komisch. Gar nichts zu sagen. Überhaupt nicht. Nie. Nicht ein einziges Wort in den ganzen drei Tagen seit Harry weg war. Nur höfliches Nicken und ablehnendes Knurren. Vielleicht hatte sein Gehirn abgeschaltet, während er dem Dunklen Lord gedient hat. Sie hatte von Gehirnwäsche gehört, aber hieß das, dass ein Mensch hinterher nur noch ein halbes Gehirn hatte? Oder vielleicht war er überhaupt nicht Draco Malfoy. Vielleicht war er ein Roboter, geschickt, um die menschliche Rasse auszurotten! Sie hatte irgendwo gelesen, dass Roboter keine Bauchnabel hatten, da sie ja nicht geboren worden sind. Sie hatte noch nie seinen Bauchnabel gesehen, oder doch?
Späte am Abend lag er ausgestreckt auf seinem Bett, das Shirt war über seinen Bauch nach oben gerutscht, während er geistesabwesend an seiner linken Hüfte kratzte. Ihre Augen wanderten über die straffe, blasse Haut, die strammen Muskeln, die Spur aus weißblonden Haaren, die in seiner Hose verschwand.
Die kratzende Hand hielt inne. Ihre Augen huschten zu seinen. Seine Augenbraue war fragend hochgezogen, aber sie glaubte, dass seine Wangen etwas röter waren als sonst und seine Brust schien sich schneller zu heben. Sie drehte sich auf dem Absatz um und blickte aus dem Fenster, drückte ihre Stirn gegen das Glas, um ihr warmes Gesicht zu kühlen.
Immerhin wusste sie jetzt definitiv, dass er tatsächlich menschlich war.
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„Willst du Schnippschnapp spielen?“
Sie hatte voll erwartet, dass Malfoy sie ignorierte, hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, von den Karten in ihren Fingern aufzublicken. Aber er hielt nur einen Moment inne, bevor er sagte, „Keine Ahnung, was das ist.“
„Ist ein Muggel-Spiel“, sagte sie und dachte, damit wäre die Unterhaltung beendet, bis er vom Bett rutschte und sich neben sie auf den Boden kniete. Für einen kurzen Moment hatte sie den Verdacht, dass er etwas vorhatte, sie in einem falschen Gefühl von Sicherheit wiegen wollte. Aber es war sehr viel wahrscheinlicher, dass er einfach genauso gelangweilt war wie sie, und ein Mensch konnte nur eine begrenzte Anzahl von stummen Tagen und Einsamkeit ertragen. Hermines persönliche Höchstgrenze lag bei drei Tagen.
„Jeder Spieler kriegt einen Stapel Karten. Abwechselnd wird jeweils eine Karte abgelegt, und wenn zwei gleiche Karten aufeinander liegen, muss man Schnippschnapp rufen und deine Hand darauf legen, bevor es der andere tut.
„Nun, das klingt ja unglaublich aufregend.“
Sie warf ihm bei seinem höhnischen Ton einen bösen Blick zu und mischte leicht aufgebracht die Karten. „Ich wollte deinen Kopf nicht mit zu komplizierten Sachen überfordern. Wir wissen beide, wie gut dein Verstand funktioniert, wenn er zu einer Entscheidung gezwungen wird.“ Vielleicht ging sie zu weit, und sie glaubte, er würde sie dafür anschnauzen. Aber er runzelte nur die Stirn, bevor er ihr die Karten wegnahm.
„Poker.“
„Was?“
„Lass uns Poker spielen.“ Seine Finger zuckten und die Karten bewegten sich mit ihnen, vor und zurück auf eine Art, die sie an Magie denken ließ, hätte sie nicht mit eigenen Augen gesehen, wie Moody seinen Zauberstab eingesperrt hatte. Die bleichen Finger hüpften und hoben sich, manipulierten die Karten, als wären sie nur Marionetten unter seiner Kontrolle.
„Ich weiß nicht, wie.“
„Hm?“
„Ich weiß nicht, wie man spielt.“
Sie glaubte, er würde sie verspotten oder eine ungehobelte Bemerkung darüber machen, dass die Alleswisserin nicht alles wusste. Aber er neigte nur den Kopf zur Seite, sein Gesicht ausdruckslos wie immer. Und als er sprach, erkannte sie ihn kaum, ohne den Hohn oder den aufziehenden Unterton. „Dann werde ich es dir wohl beibringen müssen“, sagte er, und auch wenn es nicht die intellektuelle Unterhaltung war, nach der sie sich so sehnte, war es doch ein Anfang.
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Hermine war nicht wirklich überrascht, die Botschaft zu erhalten – auch wenn die Postkarte, auf die gekritzelt worden war, sie erst erstaunt hatte. Sie kannte keinen Vernon Dursley und konnte sich nicht vorstellen, dass ihr der Mann aus Harrys Albtraum-Kindheit schreiben würde, selbst wenn sie sich einmal getroffen hatten. Es war eigentlich ziemlich peinlich, wie lang sie brauchte, um dahinter zu kommen. Aber ehrlich. Es waren schon fast fünf Tage rum und sie war fast verrückt vor Sorge. Und der Brief war wirklich ziemlich klug getarnt. Sie brauchte drei Anläufe mit ihrem Zauberstab, um den Code zu knacken.
Die Nachricht war nicht besonders aussagekräftig. Nur eine Notiz, dass er sich verspätete, sie solle sich keine Sorgen machen, und eine Hoteladresse irgendwo in Cork. Immerhin nervte Draco sie nicht zu sehr mit Fragen, warum sie so plötzlich aufbrachen. Sie apparierten zusammen zu der Adresse, Hermines Hand schwebte unbehaglich über Dracos Arm, bevor das Zögern in ihren Knochen sie zu sehr nervte und sie einfach seinen Ellbogen packte. Das Hotel unterschied sich nicht allzu sehr von dem vorherigen. Um ehrlich zu sein, sah die Ratte, die über Hermines Füße zum Schreibtisch krabbelte, merkwürdig vertraut aus. Sie kniff ihre Augen misstrauisch zusammen, bis sie bemerkte, dass Draco sie ebenso misstrauisch betrachtete, auf eine Art, die ihr sagte, dass er ihren Geisteszustand in Frage stellte.
Das Zimmer war kleiner als das letzte, aber das Badezimmer war merklich besser und das Wasser wurde nicht nach nur zehn Minuten kalt. Sie drehte die Hähne der Badewanne an und gab Seife hinzu, während sich die Wanne füllte.
„Du bist nicht sehr gut, weißt du?“
„In Bezug auf etwas Bestimmtes oder nur allgemein?“
Malfoy grinste, lehnte sich an die Badezimmertür. „Im Lügen. Als der Typ an der Rezeption dich komisch angeschaut hat, hast du sofort losgeplappert über eine Rucksacktour durch Irland. Das war verdächtig.“
„Das war wichtig. Wir wissen nicht, wie lang wir bleiben, aber wir haben kaum Gepäck dabei. Das mussten wir irgendwie begründen.“ Sie runzelte die Stirn bei dem Gedanken daran, ein Kissen in einen Koffer zu verwandeln und durch Irland zu ziehen. „Und ich versichere dir, dass ich eine begabte Okklumens bin.“
„Was gar nichts bedeutet, wenn dein Gegenüber ein Muggel ist.“
Er hatte Recht; sie hasste das. Seine Aussage hatte auch noch Sinn, was sie noch mehr hasste. Sie stellte sich auf und stemmte die Hände in die Hüften – nur um nicht ihren Zauberstab zu nehmen und ihn aus Frust stumm zu zaubern. „Was hätte ich denn deiner Meinung nach tun sollen, oh Meister der Lügen?“
„Meister der Lügen.“ Er zog den Begriff in die Länge, schmeckte ihn in seinem Mund. „Das gefällt mir irgendwie. Draco Malfoy, Meister der Lügen. Lass das auf meinen Grabstein schreiben.“
„Hörst du damit auf? Du stirbst nicht.“
Die Pause war unangenehm, auf diese schreckliche, Magen verkrampfende Art, noch verschlimmert durch die Tatsache, dass sie fast Fremde waren. Malfoy sah sie einen langen Moment nachdenklich an, bevor er nickte und das Badezimmer verließ und die Tür mit einem leisen Klicken schloss.
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Hermine warf ihre Arme um Harrys Hals und atmete seinen Duft ein – Schweiß und Junge und das Aftershave, das sie ihm letztes Weihnachten geschenkt hatte. Er ließ die Atemnot zu, hielt sie mehrere Sekunden fest, bevor er einen kleinen Schritt zurück machte. Seine Haare waren zerzaust und er hatte Augenringe. Er hatte eindeutig schon länger nicht mehr geschlafen, und die Stoppeln an seinem Kinn standen ihm nicht. Die Runzeln standen auf ihrer Stirn, bevor sie sich davon abhalten konnte. Harry hob seine Hände in die Luft.
„Ich weiß, ich weiß. Aber bevor du anfängst, mich zu bemuttern, willst du nicht zuerst hören, was ich herausgefunden habe?“ Er trat ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich. „Wo ist Malfoy?“
„Duschen.“ Harry legte ein Muffliato auf die Tür und zog Hermine zum Bett, wo sie sich einander gegenüber setzten. „Wusste dieser Mann, wo der Horkrux ist?“
„Nein. Aber er wusste, wo er war, und er kennt ein paar Leute, die uns vielleicht die nötigen Informationen beschaffen könnten.“ In seinen Augen lag eine fiebrige, ansteckende Aufregung und Hermine merkte, wie sie seine Hände nahm – weil jeder Hinweis, jede Andeutung, jede Information bei einer Aufgabe, deren Anführer vom Astronomieturm gestürzt war, hilfreich war. „Wir haben sie besucht – sie sind im Moment hier in Cork, aber nur vorläufig, wegen dem Krieg und so. Es sind Deserteure, Hermine. Ex-Todesser, die nicht mehr mitspielen wollen. Und sie wollen helfen. Zumindest, wenn ich erst ihr Vertrauen gewonnen habe -“
„Du hast dich aber doch nicht gezeigt! Harry, du kennst die Risiken! Wenn Voldemort-“
„Nein, habe ich nicht! Sie wissen nicht, dass ich es bin. Ich war die ganze Zeit eine andere Person.“
„Aber das ist immer noch riskant! Diese Zauber halten nur eine gewisse Zeit, und was ist, wenn einer von ihnen misstrauisch wird und versucht, den Zauber zu beenden, in der Vermutung, dass du einen benutzt?“
„Hermine, du machst dir viel zu viele Sorgen. Nichts ist passiert und nichts wird passieren. Sobald ich die Informationen habe-“
„Warte. Warte einfach mal und denke eine Sekunde nach.“ Hermine blinzelte, ihr Verstand versuchte, die gerade erhaltene Information zu verarbeiten. „Sag mir, dass du nicht vorhast, wieder hin zu gehen.“ Sie kannte ihn. Sie kannte die dünne Linie, die seine Lippen bildeten und dieses sture Leuchten in seinen Augen – hatte es oft genug an Ron gesehen, wenn er sich auf einen Streit gefasst machte. „Harry-“
„Nein, Hermine. Bitte?“ Er drehte seine Hand in ihrer, verflocht ihre Finger und drückte. „Schau, das ist die erste Spur seit Monaten. Und wir brauchen sie. Ich kann die Informationen kriegen und wir können das verdammte Ding ein für alle Mal zerstören. Willst du das nicht?“
„Ich will vor allem deine Sicherheit.“
„Aber das ist der Punkt, Hermine. Ich werde nie sicher sein. Nicht wirklich. Nicht, bis er tot ist. Deswegen muss ich das tun. Ich muss es schaffen.“ Sein Blick hielt ihrem stand, gefasst und ruhig, und alles, was sie an ihm liebte, schimmerte dort, vor ihren Augen. „Du verstehst das doch, oder? Sag mir, dass du mich verstehst.“
„Ich verstehe dich.“ Tat sie nicht. Nicht, wenn doch sie, Ron und der gesamte verdammte Orden für ihn kämpfen könnten. Sie hätte vielleicht noch etwas gesagt. Zum Beispiel, dass er waghalsig war, oder ob er ihr den Zauber zeigen wollte, mit dem er sich maskiert hatte, damit sie ihn verbessern konnte. Aber das Geräusch laufenden Wassers war schon lange weg, die Badezimmertür öffnete sich und enthüllte Malfoy, dessen nasse Haare auf sein weißes Hemd tropften. Er blinzelte, als er Harry sah, aber das war das einzige erkennbare Zeichen von Schock – wenn er überhaupt schockiert war. Hermine kehrte langsam zu ihrer Robotertheorie zurück.
„Malfoy.“
„Potter.“ Er neigte den Kopf, seine Augen huschten zu Granger, bevor er sie beide ignorierte. Er kletterte auf sein Bett, zog die Muggel-Zeitung hervor, die heute Morgen auf der Türschwelle gelegen hatte und widmete sich dem intensiven Studium der Sportseite – obwohl Hermine bezweifelte, dass er verstand oder sich dafür interessierte, was dort stand.
Sie sprachen noch etwas länger, aber mit Malfoy im Raum war es anders und Harry musste sowieso bald gehen. Sie brachte ihn zur Tür, dann auf den Gang, und legte ihre Arme eng um ihn, lehnte sich an die vertraute Wärme. Sie dachte an Hogwarts und die Sommertage, die sie am See verbracht hatten. Sie dachte an den Fuchsbau und wünschte sich plötzlich mit einer Verzweiflung, dass Ron bei ihnen wäre. Es wäre nicht so hart, wenn Harry sie beide zurücklassen würde.
„Ist er immer so?“, fragte Harry und für einen verwirrten Moment glaubte sie, er würde von Ron sprechen.
„Immer. Ich glaube nicht, dass er noch menschlich ist. Als hätte jemand die Menschenwürde aus ihm rausgesaugt, bis er nur noch ein… Anti-Mensch war.“
„Anti-Mensch?“, wiederholte er mit einem Grinsen.
„Oh, halt den Mund.“ Sie zog ihn wieder an sich, weigerte sich, ihn gehen zu lassen.
„Ich werde in einer Woche oder so zurück sein“, murmelte er in ihre Haare. „Versucht, euch nicht gegenseitig umzubringen, solange ich weg bin.“
„Sei nicht albern. Anti-Menschen sind viel zu niedergeschlagen um zu töten. Das würde zu viele Emotionen bedürfen.“
„Ah, natürlich. Wie dumm von mir.“ Er lächelte sie an, streichelte ihr Gesicht mit seinem Daumen. „Pass auf dich auf. Okay?“
„Wenn du das auch machst.“
„Einverstanden.“ Er küsste sie auf die Stirn, verweilte eine Sekunde länger als nötig. Dann war er weg
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„Weißt du, was ich nicht kapiere?“ Malfoy antwortete nicht, aber das war zu erwarten. Er hatte eine seiner stummen Launen, grunzte nur von Zeit zu Zeit und sah sie merkwürdig an, wenn sie ihn nervte oder etwas in seinen Augen Komisches sagte. Sie fuhr trotzdem fort. „Warum Voldemort immer darauf besteht, solche Sachen wie Trolle und Riesen und… andere große Sachen zu benutzen. Ich meine, was macht er, wenn sie sich gegen ihn wenden? Sie haben keine Magie, aber sie sind viel stärker und könnten… könnten ihn zerstören. Oder zerquetschen. Oder vielleicht steigt auch ein Riese versehentlich auf ihn drauf.“
Es folgte eine lange, lange Pause. „Du machst dir Sorgen, dass ein Riese vielleicht auf den Dunklen Lord tritt?“
Sie blickte von ihrem Platz am Fenster zu ihm. Er hatte sich nicht bewegt, lag immer noch auf seinem Rücken und starrte an die Decke. Aber die Abwesenheit war aus seinem Blick verschwunden und er runzelte inzwischen die Stirn. „Ich mache mir keine Sorgen. Ich finde nur, darüber sollte man nachdenken. Sollte ich jemals auf Massenmord und Weltherrschaft aus sein.“
„Du vergisst eine Sache.“ Seine Lippen zuckten ein wenig, als er ihren fragenden Blick traf. „Trolle und Riesen sind beschämend dumm. Wenn du mal darüber nachdenkst, wird dir auffallen, dass die meisten seiner Anhänger einen besonders niedrigen IQ haben. Wenn du etwas einsetzen willst, das größer ist als du, muss es zuerst dümmer sein. So kannst du diejenigen schrecklich behandeln und sie stehen dir trotzdem zur Verfügung.“
Hermine blickte ihr Spiegelbild im Fenster nachdenklich an. Sie dachte an Crabbe und Goyle – groß und träge, und immer beschämt, wenn Malfoy irgendwas Verächtliches über sie gesagt hatte. Und dennoch sind sie ihm gefolgt, haben verzweifelt auf seine Befehle gewartet. „Ich würde sie einfach nett behandeln. Dann würden sie mich mögen und auch tun, was ich sage.“
„Sie würden sich gegen dich verschwören. Dich als schwach einschätzen.“
„Hm.“ Sie schürzte ihre Lippen. „Ich könnte ein paar von ihnen einsperren. Ein Exempel statuieren. Aber natürlich nur die, die sich schlecht benehmen.“
Malfoy dachte einen Moment nach. „Hermine Grangers böser Plan zur Weltherrschaft. Auf poetische Art ironisch.“ Sie hätte etwas erwidert, aber er lächelte fast, beinahe, wenn auch kaum, aber doch merklich. Es war unmöglich, es genau zu sagen. Nur ein winziges Zucken seiner Lippen und ein Funkeln in seinen Augen. Nichts, wirklich. Es sorgte auf keinen Fall dafür, dass ihr die Luft wegblieb und ihre Augen - gierig nach dem seltenen Anblick - alles in sich aufnahmen.
„Man muss wahnsinnig sein, um Weltherrschaft zu planen“, sagte sie, um abzulenken, als er sie fragend ansah.
„Du hast seit langer Zeit nicht mehr alle Tassen im Schrank, Granger, irgendwo zwischen Potters siebtem oder achtem Beinahe-Tod und diesem ganzen Belfer-Müll.“
„Sei lieber nett zu mir. Oder du bist der Erste, der geht.“
„Ich zittere, Granger“, höhnte er.
„Das solltest du auch. Es wird ein schmerzhafter Tod. Mit Blut und Feuer und… schrecklichen Schmerzen.“
„Andererseits habe ich sowieso immer Angst vor dir. Wenn unsere Betten so nah beisammen stehen, befürchte ich immer, dass deine Haare nachts zu mir kriechen und mich im Schlaf erwürgen.“
Sie warf ihm einen drohenden Blick zu. „Blut und Feuer, Malfoy.“
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Malfoy weinte im Schlaf. Naja, wimmern wäre wohl die passendere Bezeichnung. Zuerst – als sie von dem Geräusch geweckt wurde – dachte sie, er würde sich über sie lustig machen, indem er sich auf diesen Haare-erwürgen-Scherz von vor ein paar Tagen bezog. Malfoy schlief nämlich nie. Roboter schliefen generell nicht. Aber trotzdem: Da lag er und schlief, auch wenn er definitiv nicht ruhte. Schweiß stand auf seiner Stirn, lief über sein Gesicht und vermischte sich mit den Tränen in seinen Augenwinkeln. er sprach auch, aber sie konnte nur zwischendurch Wörter erkennen, und die ergaben alle keinen Sinn. Sie setzte sich auf und überlegte, ihn zu wecken. Aber er war Draco Malfoy, nicht Ron oder Harry. Also legte sie sich wieder hin und schloss die Augen und gab vor, zu schlafen, als er hochschreckte und nur Sekunden später im Badezimmer verschwand.
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„Ich sehe mit meinem kleinen Auge etwas… Grünes. Und fleckig ist es auch.“
„Schimmel.“
„Hm. Okay… Ich sehe mit meinem kleinen Auge etwas Großes, Rundes, an manchen Stellen gepunktet -“
„Schimmel.“
„Ich sehe -“
„Schimmel. Und nur mal so geraten – Schimmel, Schimmel und Schimmel.“
„Ich kann auch nichts dafür, dass es hier nichts anderes gibt.“
„Warum spielen wir überhaupt dieses bescheuerte Spiel? Du bist nicht mehr fünf, auch wenn dein Intellekt das manchmal vermuten lässt.“ Sie wies nicht darauf hin, dass sie nicht allein spielte, da seine Rateversuche durchaus als Teilnahme galten. Sie ignorierte den Kommentar über ihr Gehirn, da ihr Verstand immer noch von seinem herzzerreißenden Schluchzen letzte Nacht brummte.
„Mir ist eben langweilig.“
„Ja, es muss echt hart sein, hier festzusitzen anstatt alle fünf Sekunden dein Leben aufs Spiel setzen zu müssen. Es ist ein Wunder, dass du und die Wunderknaben noch nicht tot seid.“
Das tat mehr weh, als es sollte. Mehr als es wehgetan hätte, wäre Harry nicht schon seit fast fünf Tagen wortlos verschwunden. Das Schweigen war unangenehm, aber das Brennen in ihrer Kehle und das panische Blinzeln ihrer Augen ersparte ihr das gewohnte Übelkeit erregende Gefühl. Sechs Minuten vergingen, markiert von der lauten Uhr, die an der sich schälenden Tapete hing. Dann sprach Malfoy wieder.
„Ich sehe mit meinem Auge etwas, das mit P anfängt.“
„Du musst ‚kleinem Auge’ sagen.“
Malfoy schnaubte. „An einem Malfoy ist nichts klein.“
„Aber du kannst nicht nur ‚meinem Auge’ sagen! Das ist dumm!“
„Ganz im Gegensatz zu dieser Unterhaltung?“ Aber dann dachte er einen Moment nach und sagte, „Ich sehe mit meinem bionischen Auge -“
„Bionisch?“
„Ja, Granger, bionisch -“
„Ich wusste, dass du ein Roboter bist.“
Und warum sah er sie eigentlich an, als wäre sie verrückt? Er war doch derjenige mit bionischen Augen.
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Es war komisch, in den Himmel hinauf zu blicken und festzustellen, dass man durch dicke, schwarze Haare blinzelte. Noch merkwürdiger war es aber, im Fenster ihr Spiegelbild zu sehen und blaue statt brauner Augen zu sehen. Am seltsamsten war es aber immer noch, ihren Begleiter anzuschauen und einen jungen Mann mit dunklem Haar zu entdecken, leichten Stoppeln und Lippen, die einfach dazu da waren, geküsst zu werden. Harrys Augen waren braun, aber seine gewohnte Augenfarbe schimmerte so stark durch, dass es eher ein helles Braun war. Sein Grinsen war wie immer spitzbübisch, und das gab ihr die Kraft, an dem Zauber vorbei auf den Jungen zu blicken, den sie kannte.
„Du siehst müde aus“, sagte sie, weil es stimmte und sie nicht anders konnte.
„Mir geht’s gut. Die Jungs bleiben gerne lang wach. Nachtschwärmer. Es ist schwierig, da mitzuhalten. Ich glaube aber, dass ich mich langsam daran gewöhne. Du weißt nicht, wie schlimm es war, heute vor zwölf Uhr aufzustehen.“
„Komm mit mir heim.“ Sein Grinsen verblasste, auch wenn das Leuchten in seinen Augen blieb. „Wir finden einen anderen Weg.“
„Welchen denn?“
„Ich könnte nachforschen. Mehr lesen.“
Seine Hand glitt über die groben Dellen im Metalltisch, nahm ihre und hielt sie fest. „Es gibt im Leben mehr als nur Bücher, Hermine“, sagte er, und was fiel ihm ein, sie so anzuschauen? Als wäre sie nur ein naives kleines Kind, das ziellos hinter ihm herräumte. Sie war es. Sie war diejenige, die Tag und Nacht auf dem Schlachtfeld stand. Sie war diejenige, die Freunde, die sie ihr ganzes Leben lang gekannt hatte, auf dem Boden liegen sah, oder wie sie zu Boden fielen und dabei jedes Licht in ihren Augen erlosch. Und es war vielleicht nicht sein Fehler, dass er im Grimmauld Platz bleiben musste, und vielleicht hasste er das ja auch. Aber das lag nur daran, dass er nichts anderes kannte. Den Geruch verbrannter Haut in der Luft noch nicht gerochen oder geschmeckt hatte. Die Schreie der Sterbenden nicht gehört hatte.
„Du bringst dich in unnötige Gefahr“, sagte sie stattdessen, zog ihre Hand zurück und legte sie ordentlich in den Schoß.
„Unnötig? Ich tue, was ich tun muss, um den Horkrux zu finden!“
„Nein, du tust das, weil du es gehasst hast, Tag und Nacht eingesperrt zu sein und nicht ertragen kannst, nicht an allem teilzuhaben. Aber genau das ist der Punkt, Harry. Du kannst nicht überall mitmischen.“
„Und warum zur Hölle nicht?“
„Wegen der Prophezeiung! Weil du unsere einzige Hoffnung bist, diese Schlange ein für alle Mal zu schlagen! Wenn du stirbst, lebt der Rest von uns in der Hölle, verdammt nochmal!“
Sie atmete zu schnell, zu heftig. Ihre Augen brannten, ihre Kehle ebenso. Harry starrte für einen langen, langen Moment auf den Tisch. Als er aufsah, lag Wut in seinen Augen, aber sie wurde überschattet von etwas anderem, etwas, das sie nicht erkannte.
„Ich brauche das hier, Hermine. Ich muss dieses Ding finden und zerstören. Dumbledore ist dafür gestorben. Bedeutet dir das denn gar nichts?“
Und sie antwortete nicht, weil sie nicht musste. Er wusste es. Er wusste, dass es ihr alles bedeutete. Ihnen beiden. Als er ging, hielt er sie fest, murmelte in ihr Ohr, dass alles okay sein würde und sie sich bald wiedersehen würden. Er gab ihr etwas Geld, neu umgewechselt von seinen Galleonen in Muggel-Geld. Er ließ sie mit dem Versprechen zurück, dass er vorsichtig sein und sie auf dem Laufenden halten würde. Aber das war ihr alles egal, denn er ging trotzdem.
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„Was für ein Name ist überhaupt Draco?“
„Ein eleganter und nobler. Ich bin der sechste Draco in einer langen Linie von Malfoys und -“
„Es ist trotzdem ein dummer Name. Warum bestehen die Leute immer darauf, ihre Kinder nach toten Leuten zu benennen?“
„Es ist ehrenvoll.“
„Es ist gruselig, sonst nichts. Und altmodisch. Wenn ich mal ein Baby habe, wird es einen schönen Namen bekommen. Ich will es ansehen und dabei nicht das Gefühl haben, dass es nur eine Erinnerung an jemand anderen ist. Ein Ersatz.“
Malfoy sagte lange Zeit nichts und sie glaubte, er gab ihr Zeit, um sich wieder zu sammeln. Sie weinte nicht aus einem besonderen Grund. So war sie nunmal nach Unmengen von Alkohol. Völlig emotional und aufgewühlt. Und vielleicht war es nicht die beste Idee gewesen, mehrere Flaschen Wein in das Hotelzimmer zu bestellen (alle teuer und von Harrys Geld bezahlt), nur um sie alle auf einmal mit einem Beinahe-Fremden zu leeren. Vor allem wenn besagter Fremder früher einmal ihr Feind gewesen war und – auch wenn fast drei Monate in einem gemeinsamen Hotelzimmer die restliche Feindseligkeit vertrieben hatten – Hermine ihr Verhältnis nicht wirklich als Freundschaft bezeichnet hätte.
Weggefährten. Kameraden. Inzwischen auch Saufkumpane. Aber nicht Freunde. Sicher niemand, dem sie ihr Herz ausschütten würde. Aber genau das hatte sie in der letzten Stunde getan und, warum stand sie eigentlich? Ach, ja. Badezimmer. Sie konnte in ihren alltäglichen Klamotten nicht schlafen, egal wie müde sie war, oder wie anstrengend es auch plötzlich war, den Schlafanzug anzuziehen. Zweimal kam Malfoy an die Tür um zu schauen, ob sie sich schon umgebracht hatte. Zweimal enttäuschte sie ihn. Als sie zum circa sechshundertsten Mal in fünf Minuten zu Boden rutschte, beschloss sie, auf die Schwerkraft zu hören und zu bleiben, wo sie war. Wer brauchte schon Betten? Vögel hatten keine Betten. Fische, Hippogreife und Meerjungfrauen auch nicht.
Am nächsten Morgen erwachte sie mit einem fürchterlichen Kater und dem muffeligen Gestank des Badezimmerbodens. Malfoy schwebte über ihr, dieses dumme Grinsen auf dem Gesicht, und wäre er ein anderer gewesen, hätte er sie letzte Nacht galant vom Boden aufgesammelt. Aber das hier war Malfoy, nicht Ron, nicht Harry, und was hatte sie eigentlich erwartet?
„Ich trinke nie wieder“, stöhnte sie, dann noch einmal, weil alles weh tat.
„Ach, ich weiß nicht. Die betrunkene Granger ist viel lustiger als die nüchterne.“ Sie dachte, irgendwo würde eine Beleidigung schlummern und wollte gerade böse gucken, als sie merkte, dass er schon wieder weg war. Ein ganzer Haufen Worte stieg an ihre Zungenspitze – arroganter, dummer, egoistischer, fauler kleiner Mistkerl. Dann entdeckte sie die Packung Muggel-Schmerzmittel neben sich, ein Glas Wasser geduldig daneben. Und sie fand, dass er doch gar nicht so übel war.
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