
von Nitsrek
"Perseus trug einen magischen Hut, damit die Monster, die er jagte, ihn nicht sehen konnten. Wir ziehen uns den magischen Hut über unsere Augen und Ohren, um uns weiszumachen, dass es keine Monster gibt." - Karl Marx
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„Er hat meiner Mutter gehört“, sagte Malfoy, auch wenn sie nicht gefragt hatte. Ihr Daumen fuhr über das glatte Silber, zog das eingravierte B mit dem Fingernagel nach. Die Kette, die den Ring um Malfoys Hals hielt, stieß bei der Bewegung leise zusammen.
„War er ihr Ehering?“
„Nein. Er stammt von den Blacks.“ Seine nackte Brust grummelte unter ihrem Kopf, als er sprach, und sie drehte ihr Gesicht in die Wärme, die er abstrahlte. Der Arm, der sie an ihn zog, verstärkte seinen Griff. „Sie sagte immer, ich sei mehr Black als Malfoy. Damit trieb sie meinen Vater in den Wahnsinn.“ Sein Gesicht drehte sich in ihre Haare, während er sprach, seine Worte kitzelten die wilden Strähnen.
„Er muss die Familie Black aber bewundert haben. Sonst hätte er deine Mutter nicht geheiratet.“
„Ich denke, er hat sie beneidet. Sie waren mächtiger und wohlhabender.“
„Aber was ist mit all den Blutsverrätern? Sirius und Andromeda?“ Und Regulus, aber davon sagte sie nichts, auch wenn das falsche Medaillon, für das Dumbledore gestorben war, vor ihrem inneren Auge aufblitzte.
„Jede Familie hat ein paar Blutsverräter, gelegentlich auch Squibs. Es kommt darauf an, wie gut man sie verbirgt.“
„Das ist furchtbar.“
„Nein, es ist furchtbar, dass du mich nicht schlafen lässt.“ Er drehte sich plötzlich um und nahm ihren Körper unter seinem gefangen. Der Ring streifte ihre Brust, bevor Malfoy ihn ungeduldig über seine Schulter warf. Sein Pony berührte ihre Stirn. „Ich bin erschöpft, Weib. Ich brauche Ruhe.“
„Komm schon. Wo ist die berühmte Malfoy-Ausdauer, von der alle Mädchen in der Schule gesprochen haben? Oder ist eine Gryffindor zuviel für dich?“
Sein Grinsen war ihre einzige Warnung, bevor er sich mit einer Serie kleiner, grober Bisse und langsamer, warmer Küsse auf ihren Hals stürzte. „Ich zeige dir Ausdauer“, murmelte er und ihr Lachen verwandelte sich schnell in Stöhnen.
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Hermine kaute nachdenklich auf ihrem Toast herum, die Augen auf Malfoy gerichtet (teils weil er ihr immer noch ein Rätsel war, aber hauptsächlich, weil sie wusste, dass es ihn nervte). Der Muskel in seinem Kiefer zuckte, aber er sagte nichts. Sie fand, dass er nach dem Sex immer geduldiger war und dachte mehrere alberne Momente darüber nach, dass er sie und ihre Freunde vielleicht nie gepiesackt hätte, wenn sie schon in Hogwarts mit ihm geschlafen hätte. Malfoy hob eine Augenbraue, als sie leise kicherte.
„Du bist echt komisch, weißt du das, Granger?“
Sie überlegte, ob sie erwähnen sollte, dass sie nicht der gruselige Roboter war. Aber diese Unterhaltung führte immer zu diesem Gesichtsausdruck, der verriet, dass er ihre geistige Gesundheit in Frage stellte, also fragte sie stattdessen, „Was wolltest du werden, als du noch klein warst?“
„Du meinst beruflich?“ Er zuckte die Schultern, Blick aus dem Fenster. „Quidditch-Spieler, glaube ich. Vielleicht wollte ich eine kurze Zeit Entdecker werden. Und du?“
„Naja, vor Hogwarts wollte ich Zahnärztin werden.“ Sie errötete, als er sie ansah. „Was? Mein Vater war mein Held!“
„Und nach Hogwarts?“
„Heilerin. Bevor Dumbledore starb, vereinbarte er mit Madam Pomfrey, dass ich während der siebten Klasse im Krankenflügel aushelfen könnte, bevor ich eine richtige Ausbildung absolviere.“
„Und wirst du das tun, wenn der Krieg vorbei ist?“ Er nahm das Frühstückstablett vom Bett und stellte es auf den Boden. Sie lächelte, als er sich auf sie legte, seinen Kopf an ihre Brust lehnte. Seine Hand glitt an ihrem Arm entlang, bis sie ihre fand.
„Ich denke nicht, dass das so einfach geht.“ Bei seinem fragenden Grunzen zuckte sie wieder mit den Schultern. „Die Welt wird uns nicht so schnell in Ruhe lassen. Wir sind das Goldene Trio. Die Helden, die den Dunklen Lord besiegen werden. Ich fürchte, diese Titel kommen mit einem Haufen Gepäck.“
„Es ist immer noch dein Leben.“
„Nicht wirklich. Genau so wenig, wie Harrys Leben ihm gehört. Er gehörte schon immer der Öffentlichkeit. Und ich und Ron in Zukunft auch. Ein geringes Opfer, wenn man bedenkt, was Harry schon alles für uns tun musste.“
Draco war lange Zeit ruhig, bevor seine Finger sich durch ihre woben. „Wunderjunge Potter“, murmelte er, aber sie fand, dass es nicht höhnisch klang.
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Nachts dachte sie an Sirius, seine lächelnden Augen und die Art, wie das Lächeln auch dann nicht verschwand, als er starb. Es verschwamm nur, bevor die Aufregung für immer hinter dem flüsternden Schleier verschwand. Sie standen sich nie nahe, abgesehen von ihrer gemeinsamen Sorge und dem Bedürfnis, auf Harry aufzupassen. Aber sie fand nun – zwei Wochen, nachdem Harry auf die Suche nach dem Horkrux aufgebrochen war – dass es schön wäre, zu wissen, dass auch jemand anders sich um ihn sorgt. Jemand anders würde auch die Tage (Stunden, Minuten) zählen und fast durchdrehen, wenn die Visionen von Harrys Tod oder Verletzungen an einem unerreichbaren Ort Überhand nahmen. Es wäre schön, wenn sie Draco und dieses neugefundene Etwas zwischen ihnen ohne Schuldgefühle genießen zu können (aber da Harrys Eltern tot waren, war sie diejenige, die sich sorgen musste).
Sie glaubte, dass es vielleicht anders wäre, wenn Ron hier wäre (auch wenn sie wusste, dass es nicht anders wäre, denn auch wenn Ron Harry liebte, hatte er ihr doch schon vor Jahren die Zügel in die Hand gegeben). Trotzdem. Sie wünschte, sie könnte ihm schreiben. Oder vielleicht Molly, die Harry auch liebte. So viele Menschen liebten ihn, bemerkte sie, und diesmal verspürte sie nicht diese stechende Eifersucht, die sie als Kind entdeckt hatte. Und sie sorgten sich um ihn und vermissten ihn, wenn er weg war. Aber sie verstanden es nicht, weil sie nicht das Gehirn des Trios waren, und nicht alles zusammenhalten mussten.
„Ich kann spüren, wie dein Gehirn arbeitet, Granger. Es hält mich wach.“
„Tut mir leid.“
Malfoy stöhnte und drehte sich zu ihr um. „Potter geht es gut. Der Junge wurde mit Felix Felicis in den Adern geboren.“
Sie fragte gar nicht erst, woher er wusste, was sie dachte. „Und wenn nicht?“
„Dann gehst du zum Orden zurück und kämpfst.“ Er seufzte, als ihr Körper sich anspannte. „Ich weiß, dass du ihn liebst, Hermine, aber er ist nicht die Antwort auf alles. Der Krieg geht auch ohne ihn weiter. So wie das Leben.“
„Er muss es sein“, flüsterte sie, denn das war der beruhigende Gedanke, wenn er ging. Er konnte einfach nicht sterben. „Es gab eine Prophezeiung -“
„Ich weiß von der Prophezeiung.“ Sie wollte ihn fragen, woher, aber dann fiel ihr Lucius’ Gesicht ein, als sie zerbrach, und wie sein Zauberstab sich in ihre Kehle bohrte. „Ein Haufen Mist, wenn du mich fragst. Wir haben alle das Recht, gegen Unterdrückung zu kämpfen. Vielleicht wäre es mit Potter leichter. Aber es wäre ohne ihn nicht unmöglich.“
Und in ihrem Hinterkopf hatte sie das immer gewusst. Eine logische Denkweise. Denn Harry war nur ein Mann, und letztendlich gewinnen würde eine ganze Armee.
Das hielt sie aber nicht davon ab, sich die restliche Nacht Sorgen zu machen.
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„Wie ist deine Mutter gestorben?“ Sie fragte sich schon eine ganze Weile und hatte sich darauf konzentriert, wie sie das Thema ansprechen sollte, dass es einfach von allein herausplatzte. Sie errötete aber nicht und gab auch nicht nach, und Draco wirkte nicht verärgert. Er betrachtete sie lange Zeit, seine Augen schätzten sie auf eine Art ab, die sie nervös zappeln ließ.
„Willst du das wirklich wissen?“, fragte er. Sie nickte, plötzlich unruhig, auch wenn sie den Grund nicht genau wusste.
Draco nickte einmal, wie für sich selbst. Er hielt ihren Blick und sagte, „Ich habe sie getötet.“
Hermine blinzelte. Hätte vielleicht gelacht, wenn da nicht die Tatsache gewesen wäre, dass Draco offensichtlich keine Witze machte. Hatte einen kurzen Moment Angst, dass ihre Roboter-Theorie in Wahrheit eine Psychopath-Theorie war, und er ihr nun sagen würde, dass das sein tiefstes, dunkelstes Geheimnis war. Ihre Hand kroch in Richtung Zauberstab. Seine Augen bemerkten die Bewegung. „Du… du hast sie getötet“, wiederholte sie und die Worte schmeckten sauer auf ihrer Zunge.
„Ja.“ Er bewegte sich nicht, als ihre Finger sich um das vertraute Holz legten, aber seine Schultern spannten sich an, die Muskeln klar erkennbar in seinem nackten Zustand. Sie bemerkte flüchtig, wie lächerlich diese Unterhaltung war, beide nackt. Aber so viel in ihrem Leben war lächerlich, und sie schaffte es nicht an der Panik vorbei, um belustigt zu sein.
„Warum?“ Das Wort kam langsam, fast schleppend. Dracos Gesicht veränderte sich nicht.
„Ich erzähl’s dir, wenn du aufhörst mich anzuschauen, als würde ich dich jede Sekunde anspringen.“ Eine Spur Verärgerung blitzte auf.
„Was erwartest du denn bitte, wenn du mir so etwas an den Kopf wirfst?“
„Ich erwarte ein wenig Vertrauen von deiner Seite!“
Ein angespannter Moment verging. Ihr Griff um den Zauberstab ließ nach. Komplett, so dass er in die Rille zwischen den Matratzen rollte. Draco entspannte sich etwas, auch wenn seine Augen ihre nicht verließen.
„Erzähl.“
„Während dem sechsten Schuljahr wurde meine Mutter krank. Damals war unser Geld fast komplett ausgegeben, dank dem Dunklen Lord. Wir konnten uns die Tränke, die ihr helfen würden, nicht leisten. Also bot uns der Dunkle Lord, als großzügiger Anführer, natürlich seine Hilfe an. Natürlich für einen gewissen Preis.“
„Deine Dienste.“
„Die hatte er bereits. Er wollte meine absolute Loyalität. Erst nach dem Tod meines Vaters erkannte ich, dass meine Mutter überhaupt nicht krank war. Sie wurde vergiftet. Schon jahrelang. Ihr Körper war schon nicht mehr wieder zu erkennen. An den meisten Tagen war sie nicht bei Verstand. Als ich die Ursache ihrer Leiden erkannte, litt sie bereits an Nierenversagen.“
Sein Blick war immer noch auf ihren gerichtet, wankte nicht eine Sekunde. Aber sie glaubte nicht, dass er sie noch sah. Etwas in ihrer Brust verkrampfte sich und schmerzte. Sie blinzelte gegen die Tränen an, die kein Recht hatten, da zu sein. „Er hatte sie benutzt, um mich zu bekommen. Wusste, dass ich ihn nur auf diese Weise nie hintergehen oder verlassen würde. Sie starb meinetwegen.“
„Das war nicht deine Schuld.“
„Natürlich war es das. Ich hätte es besser wissen sollen, als das Ausmaß meiner Gefühle für meine Familie so deutlich zu zeigen. Ich hätte mehr wie Theo sein sollen. Er hasste seine Eltern, der arme Kerl.“ Er lachte freudlos, das Geräusch entlockte Hermine eine Grimasse. „Sie bat mich darum. Ich meine, schon zuvor. Aber dieses Mal, ich weiß nicht. Ich konnte es ihr nicht abschlagen. Es war meine Schuld, dass sie krank war. Wie konnte ich sie nicht von ihrem Elend erlösen?“
Sein Lächeln war angestrengt, das Weiß seiner Augen rot durch die angesammelte Feuchtigkeit.
„Draco…“
Er schüttelte den Kopf, kniff sich in die Nase, während die ersten Tränen auf seine Wangen fielen. „Ich weiß, ich weiß. Tragisch, nicht wahr? Ich bin eine wandelnde Katastrophe.“
Er zuckte zurück, als sie ihn berührte, wandte den Kopf ab. Sie ließ sich nicht beirren. Ihr Zauberstab klapperte zu Boden, als sie sich auf seinen Schoß setzte, ihre Knie zu beiden Seiten seiner Taille. Sie küsste seine Stirn, seine Schläfe, seine Nasenspitze. Wanderte über seine Wangen und Ohren, bis seine Arme sich um sie schlossen, sie an ihn zogen, und er seine Lippen hob, um ihre zu nehmen. Es war sanft und liebevoll, mehr Trost als etwas anderes. Aber nach nur wenigen Momenten spürte sie, wie er unter ihr anschwoll, und sie konnte das Kreisen ihrer Hüfte nicht aufhalten. Er keuchte bei der ersten Berührung, seine Haut heiß und bereit für sie.
Sie wollte seinen Hals küssen, aber er hielt sie auf, hielt ihr Gesicht fest, so dass sie nur ihn und seine dunklen Augen sehen konnte. Sie waren stürmisch, wie immer in diesen Momenten. Aber darin lag noch etwas anderes, etwas, das ihre Brust anschwellen ließ, bis sie das Gefühl hatte, sie könnte platzen. Etwas, das sie nicht weiter untersuchen wollte, weil es nicht da sein konnte, nicht da sein sollte. Es hatte kein Recht, da zu sein.
„Hermine…“
„Nicht“, flüsterte sie, die Worte entkamen ihr, bevor sie sie stoppen konnte. Ihre Finge legten sich auf seine Lippen. „Bitte.“
Er nahm ihren Finger in den Mund, saugte an der Spitze und küsste sie. „Du bist so wunderschön“, murmelte er, und dann erhob sie sich über ihm, brachte sich in Position. Sie nahm ihn in sich auf, komplett, bis die Linien verwischten und sie nicht mehr wusste, wo sie aufhörte und er anfing.
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Hermine erschrak vor dem lauten Klopfen an der Schlafzimmertür. Draco war sofort wach, sein Körper schmolz näher an ihren. Seine Hand fuhr über ihren Schenkel, ihre Hüfte, zog Muster durch den dünnen Stoff ihres Nachthemds.
„Mm… Tür“, murmelte sie, während sie noch ihren Rücken gegen seine Brust drückte.
„Es ist nur wieder der verdammte Manager“, erwiderte Draco und bewegte seinen Mund über ihren Hals. „Wenn wir ihn ignorieren, haut er ab.“
„Hermine.“
Sie erstarrte. Spannte sich an. Wollte die Decke in dem Moment zurückreißen, als Draco sie unter sich gefangen nahm.
„Warte.“ Sein Mund war immer noch an ihrem Hals, seine Worte feucht an ihrem wilden Pulsschlag. Seine Hände packten ihre Schultern. „Hermine. Warte. Vielleicht ist es nicht er.“
„Und wahrscheinlich schon.“
„Jeder Todesser wüsste, wie man seine Stimme nachahmt, Hermine -“
„Malfoy, behandle mich nicht wie einen blutigen Anfänger! Ich kenne die Risiken! Aber ich habe meinen Zauberstab und wir sind zu zweit!“ Und außen könnten zehn warten. Wenn Draco daran dachte, sagte er nichts. Für einen kurzen Moment glaubte sie, er würde sie nicht loslassen. Aber dann verschwanden seine Hände und er stand auf, zog Boxershorts an. Sie wartete nicht, bis er fertig war, ihre Hand war am Türknauf, sobald sie dort war. Ihre Handflächen waren schwitzig und ihr Zauberstab zitterte in ihrem Griff.
Sie drehte den Knauf. Öffnete die Tür zentimeterweise, langsam. Spitzte in die Dunkelheit. Harrys müde Augen starrten zurück, vertraut trotz dem Maskierzauber. Sie bekämpfte den überwältigenden Drang, zu ihm zu rennen. Kämpfte gegen den natürlichen Instinkt, ihn nach Wunden abzusuchen.
„Wie nennt mich Grawp?“
Harry schwankte. Nur Dracos Hand auf ihrer Schulter hielt sie zurück, zur Hölle mit den Regeln. Aber dann schluckte er, sein Blick fokussierte sich auf sie. „Hermy. Er nannte dich Hermy“, sagte er und brach zusammen.
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Harry schlief drei Tage durch. Als er aufwachte, aß er eine Wochenration, Wasser rann aus seinen Mundwinkeln, während er versuchte, so viel Flüssigkeit wie möglich aufzunehmen. Nachdem er gebadet hatte und Hermine sich um die verkohlte Haut an seinem Bauch gekümmert hatte, zeigte er ihr die zerstörten und geschwärzten Überreste des Medaillons – diesmal das echte. Er lächelte sie an, das erste echte Lächeln in einer langen Zeit. Er hielt es an seine Brust, als wäre es eine Geliebte. Streichelte es, als könnte es die Toten zurückbringen.
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„Es geht im nicht besser.“
„Es geht ihm gut.“
„Er schläft nur noch. Er isst kaum, und badet auch nicht.“ Hermines Augen fuhren zu Dracos durchtränktem Hemd. Sie hätte gelacht, hätte sie nicht miterlebt, wie Draco vor nicht einmal fünf Minuten Harrys schwachen und nackten Körper vom Badezimmerboden hochgehoben hätte. Draco fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. Er sah sie nicht an, als er sprach. „Du musst ihn zurückbringen.“
„Du hast Recht.“ Draco blinzelte über die schnelle Einwilligung. „Ich bringe ihn morgen früh zurück. Molly kann sich besser um ihn kümmern als ich.“
„Genau.“
„Ich hinterlasse eine Notiz mit unserer nächsten Adresse, und er kann uns schreiben, wenn es ihm besser geht.“
Dracos Blick lastete nun schwer auf ihr. Sie ignorierte ihn, zog die Decke fest um Harrys bibbernden Körper.
„Er braucht dich, Granger.“
„Er ist erwachsen. Er hat die Anderen.“
„Sie brauchen dich. Der Orden braucht dich.“ Seine Stimme war sanft. Ungewohnt. Ihre Augen fielen auf einen Riss in Harrys abgelegtem Hemd. Sie schüttelte missbilligend den Kopf.
„Offensichtlich. Aber du kannst noch nicht zurück. Moody hat gesagt, er wird uns informieren, wenn du sicher bist.“ Sie musste einfach einen Nähzauber sprechen. Molly hatte es ihr vor Jahren beigebracht. Sie suchte in ihrer Tasche nach dem Notfall-Nähset und zog das zerrissene Hemd auf ihren Schoß. „Außerdem kann ich auch von hier aus recherchieren.“
„Und es macht dir nichts aus, deine Freunde in die Schlacht stürmen zu lassen, während du es dir hier mit mir gemütlich machst?“
„Das Leben hier ist wohl kaum gemütlich, Draco“, erwiderte sie steif.
„Wie willst du es vor ihnen rechtfertigen?“
Die Nadel stach in Hermines Daumen. Sie fluchte, dann noch einmal, als sich ein Tropfen Blut auf ihrer Haut sammelte. „Schau, was du gemacht hast.“ Und sie weinte nur, weil es wehtat und sie müde war, und Harry halbtot neben ihr lag. Das war alles. Sie kniff die Augen zu, und als sie sie wieder öffnete, kniete Draco vor ihr.
„Hermine“, sagte er und legte seine Hände auf ihre Knie. „Du wusstest, dass es nicht halten würde.“
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“
Seine Grinsen war eher ein Lächeln. „Du bist so stur, Liebes. Aber du kannst es nicht für immer ignorieren.“
„Du könntest fliehen.“ Sie schniefte und hasste ihre kleinlaute Stimme.
„Der Dunkle Lord kontrolliert all meine Konten und Immobilien.“
„Ich habe Geld. Genug für ein Jahr. Vielleicht auch zwei, wenn du sparsam bist.“
„Hermine -“
„Rons Bruder und seine Frau haben eine Hütte an der Küste. Die wird von allen möglichen Zaubern beschützt. Ich wette, die würden dich aufnehmen, wenn du mit ihnen sprichst. Da wärst du sicher. Zumindest eine Weile. Ich schreibe ihnen morgen -“
„Hermine. Hör auf.“
Und sie gehorchte. Weil auf seinen Augen ein Schatten lag, der schon so lange fort war, dass sie fast vergessen hatte, wie er aussah. Derselbe Ausdruck, den Harry manchmal hatte, wenn ein weiteres Familienmitglied fort war. Ein Ausdruck, den sie nach Percys Tod in Mr. Weasleys Augen gesehen hatte. Der Ausdruck, den Draco damals hatte, als er Harry bat, ihn zu töten. Und das machte ihr mehr Angst als die Todesser und Voldemort zusammen.
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Ihre Augen öffneten sich, als sie spürte, wie kühles Metall auf ihren Finger geschoben wurde. Sie starrte einen langen Moment schweigend auf den silbernen Ring. „Warum gibst du ihn mir?“
Draco lächelte, und zum ersten Mal seit Tagen erreichte das Lächeln seine Augen. „Ich sollte es meinem Erben geben, aber das ist im Augenblick relativ unwahrscheinlich.“
„Dann behalte ihn.“
„Ich will, dass du ihn trägst“, sagte er, und für ganze drei Sekunden war sie fast glücklich. „Da, wo ich hingehe, brauche ich ihn sowieso nicht.“
Der Ring seiner Mutter wog schwer an ihrer Hand. Er hielt sie die ganze Nacht wach.
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„Ich mache mir Sorgen um Malfoy.“ Die Worte waren rausgerutscht, bevor Hermine beschlossen hatte, sie zu sprechen. Aber Harry war zum ersten Mal seit Tagen bei klarem Verstand, und sie war diesen schrecklichen Knoten aus Angst leid, der in ihrer Kehle seine Zelte aufgeschlagen hatte. „Ich glaube…“ Sie schluckte. Blinzelte. Fing von vorne an. „Ich denke, er wird sich umbringen.“
Harry antwortete nicht sofort, aber sie hatte gelernt, geduldig zu sein. „Ja“, sagte er schließlich. „Ich weiß.“
„Du… Du weißt?“
Er nickte und die Bewegung schien ihm einen langen Moment die Luft zu rauben. „Er hat mit mir gesprochen. Letzte Nacht, während du Essen besorgt hast.“
„Was hat er gesagt?“
„Dass seine Zeit rum sei. Dass er müde sei. Verdammt, Hermine, wir sind alle müde. Ich bin so müde, dass ich manchmal nicht aufwachen will.“ Er seufzte tief, zittrig, und die Luft rasselte durch seine Brust. „Ich musste ihm etwas versprechen.“
„Was?“
Zum ersten Mal sah er sie an, und in seinem Blick lag zu viel Mitleid, zu viel Wissen. „Ich musste ihm versprechen, dass ich dich davon abhalten würde, ihn zu stoppen.“ Seine Hand fand ihre. „Er sagte, er wüsste, dass er mir nicht sagen muss, dass ich auf dich aufpassen soll, weil du das selbst kannst. Er sagte, er wüsste, dass du stark seist, aber er glaubte nicht, dass du stark genug wärst, ihn gehen zu lassen.“
Hermines Blick sank – über Harrys aufgeplatzte Lippen und die neuen Narben an Hals und Schultern. Über die Verbände, die sie angelegt hatte, zu dem flachen Heben und Senken seiner Brust. „Ich werde ihn nicht aufgeben.“
„Vielleicht ist das nicht deine Entscheidung, ’Mine.“
„Das ist nicht fair.“
Harrys Lächeln war zu verbittet. Sie fragte sich, wann er angefangen hatte, wie ein alter Mann auszusehen. Sie fragte sich, ob sie alle inzwischen so aussahen, und ob sich das wieder ändern ließ. „Das ist es nie.“
Er hielt sie an sich, bis die Tränen fielen, heiß und schwer an ihren Wangen. Und dann hielt er sie, bis sie versiegten.
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Sie fand Draco am Fenster. Dort verbrachte er die letzten Tage die meiste Zeit, die Augen überzogen von diesem weit entfernten Ausdruck, der sie schreien und kreischen wollen ließ, bis er zu ihr zurückkehrte. Er blinzelte nicht, als die Matratze sich unter ihrem Gewicht senkte. Antwortete nicht auf ihren leisen Gruß. Reagierte nicht, als sie die Arme um ihn legte und ihr Kinn auf seine Schulter stützte. So saßen sie eine Zeit lang, die Stille im Raum wurde nur durch das gelegentliche Vorbeifahren von Autos draußen unterbrochen, und das Geräusch von Wasser, als Harry in die Badewanne stieg. Draco entspannte sich minimal, bis es sich nicht mehr anfühlte, als würde sie eine Statue umarmen.
Sie drehte ihren Kopf und drückte einen Kuss auf die weiche Haut hinter seinem Ohr. „Du weißt, dass ich dich liebe, oder?“
Er seufzte, oder vielleicht war es auch ein leises Lachen. „Ich dachte, wir dürften das nicht aussprechen?“, fragte er, drehte sich aber langsam und küsste ihre Lippen – zum ersten Mal seit Langem. „Ich liebe dich auch.“
„Aber nicht genug, um bei mir zu bleiben.“
Er seufzte wieder, aber sie fand nicht, dass er wütend aussah. Er war in letzter Zeit nie wütend. Nur müde. Sein Blick wanderte zurück zum Fenster und erneut breitete sich Schweigen aus. Hermine drückte ihre Stirn an Dracos Rücken, und wenn er ihre feuchten Tränen bemerkte, sagte er nichts.
„Erinnerst du dich an unser erstes Treffen?“, flüsterte sie. „Du hast mich angeschaut, als wäre ich der Abschaum der Erde.“
„Ich war ehrlich gesagt fasziniert. Ich habe nie zuvor eine Muggel-Geborene gesehen. Die Beschreibung meines Vaters als blutsaugende Dämonen war nicht ganz zutreffend.“
„Ich habe dich so sehr gehasst. Wie kann Hass in Liebe umschlagen?“
„Bereust du es?“
Sie schluckte. „Es wäre so viel leichter, wenn ich dich noch hassen würde“, sagte sie nur. Aber sie wusste, dass das nicht stimmte, denn er war Malfoy, ein Teil ihrer Kindheit, von dem sie erwartet hatte, er würde immer da sein, wie ihre Zauberspruch-Bücher oder ihre Schuluniform, ganz unten in ihrem Koffer vergraben. „Ich will dich nicht gehen lassen.“
„Ich weiß.“ Seine Hand legte sich fester um ihre, bis es fast wehtat.
„Nicht nur, weil ich dich behalten will“, fuhr sie fort, als hätte er nichts gesagt. „Du hast so viel Potential, Draco. In dir steckt so viel Gutes, dass du noch nicht einmal entdeckt hast.“ Ihre Hand streichelte über seinen Rücken. Tastete das Bett ab. Fand den kühlen Griff ihres Zauberstabs und schloss sich fest darum. „Ich hoffe, das verstehst du. Und… und ich hoffe, dass du mir meinen Egoismus vielleicht eines Tages vergibst.“
„Du bist die am wenigsten egoistische Person, die ich kenne, du dumme Frau.“ Er wollte sich umdrehen, aber sie hielt ihn zurück, schüttelte langsam ihren Kopf an seinem Rücken. Weil er falsch lag und ein Blick in ihr Gesicht alles verraten würde. Sie wünschte sich plötzlich, sie hätte noch einmal in diese Augen sehen können. Nur um das Leuchten da zu sehen – das, das er nur für sie aufhob. Sie könnte es tun. Sie könnte ihn bitten, sich umzudrehen und ihn in sich aufnehmen. Aber ihr Zauberstab war bereits auf seinen Hinterkopf gerichtet, und sie weinte sehr, lautlose Tränen durchdrangen sein Hemd.
„Du wirst einen Mann finden. Wenn alles vorbei ist. Er wird gut zu dir sein und auf dich aufpassen. Du wirst dich verlieben und vergessen, dass es mich jemals gab.“ Aber seine Stimme war angestrengt und sie glaubte, dass er vielleicht auch weinte.
„Draco.“
„Ja?“
„Es tut mir so leid.“
„Was-?“
„Obliviate.“
Er wehrte sich nicht. Erstarrte nicht oder drehte sich anklagend zu ihr um. Sie entzog ihm die Erinnerungen mit geübter Leichtigkeit, durchsuchte sie, entzog jedes Detail, jeden unbedeutenden Blick oder jedes abwesende Lächeln. Jede Unterhaltung. Es dauerte nur Minuten. Hermine drückte ihre Stirn gegen Dracos Rücken, und sie schluchzte, der Zauberstab fiel auf die Matratze und rollte auf den Boden.
Erst lange Zeit später bewegte sie sich wieder. Draco wartete, geduldig, gehorsam. Abwesend. Er blinzelte nicht, als sie sich vor ihn kniete, auch wenn seine Augen auf sie gerichtet waren. Sein Kopf neigte sich unter ihrer sanften Berührung, seine Stirn legte sich an ihre. Sie hielt sein Gesicht, ihre Daumen streichelten die raue Haut unter seinen Augen.
„Draco, hör mir zu. Vor sieben Monaten hat Voldemort dich zu sich gerufen. Er zweifelte an deiner Loyalität. Er hat dich geschlagen, gefoltert.“ Sie hielt inne, ihre Stimme verfing sich an dem schmerzenden Kloß in ihrem Hals. Sie ließ eine Hand in die Wärme seiner Haare gleiten, bevor sie fortfuhr. „Er hätte dich getötet, wenn Snape dich nicht gerettet hätte. Er brachte dich zum Orden, und Harry hat dir einen Handel angeboten. Du durftest bleiben, solange du für uns arbeitest. Verstanden?“
Dracos Kopf kippte gegen ihren, er nickte einmal. Seine Augen wurden von Sekunde zu Sekunde klarer, das weiße Leuchten des Obliviate sank in seine Pupillen, als würde eine unsichtbare Kraft es anziehen. Hermine kniff ihre eigenen Augen zu, als Verwirrung auf sein Gesicht trat. Ihre Hand fand wieder ihren Zauberstab.
„Wenn du aufwachst, wirst du dich nicht an die letzten sieben Monate erinnern.“ Sie flüsterte nun, Befehle flossen über ihren zitternden Atem. Dann ein letzter. „Wir haben den Orden nie verlassen. Du hast mich nie dort getroffen. Ich war auch nicht da, als Harry in jener Nacht mit dir sprach.“
„Hermine…“
„Stupor.“
Er fiel zur Seite. Wäre vielleicht vom Bett gefallen, wenn sie nicht seinen Rücken nach hinten auf das Bett gedrückt hätte. Für jeden anderen sah er vielleicht aus, als würde er nur schlafen. Seine Augen huschten hinter den Lidern umher. Zum ersten Mal seit Wochen sah er friedlich aus.
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Hermine saß im Schneidersitz auf dem freien Bett, als Harry aus dem Badezimmer humpelte, komplett angezogen, das Handtuch um den Hals. Er warf ihr ein müdes Lächeln zu, seine Augen wanderten kurz zu Draco.
„Und ich hatte gedacht, Malfoy würde in meiner Gegenwart nie schlafen“, murmelte er, und in seiner Stimme lag ein amüsierter Unterton, als er seine dreckigen Klamotten durchwühlte.
„Ich musste ihn einschlafen lassen.“
„Hm?“
„Sonst hätte der Zauber nicht funktioniert.“
„Zauber?“ Er hielt inne und drehte sich beim Klang ihrer dumpfen Stimme um. „Was für ein Zauber?“ Die Haut zwischen seinen Augenbrauen legte sich in Falten. Er lief langsam zu ihr, kniete sich neben sie und sie fragte sich, wie sie wohl ausschauen musste, dass er sich plötzlich solche Sorgen machte. „Hermine, was für ein Zauber?“
Ein hysterisches Lachen drängte sich durch ihre verkniffenen Lippen. „Es ist ironisch. Er wird mir niemals vergeben, und dabei weiß er nicht einmal, dass er mich hasst. Aber er hat mich immer gehasst, oder?“
„Hermine, wovon sprichst du?“
Sie realisierte, dass sie sich schaukelte. Harrys Hände legten sich fest um ihre. Sie zwang sich, still zu halten, und zum ersten Mal verließ ihr Blick Draco und suchte Harrys. „Ich habe seine Erinnerungen gelöscht“, flüsterte sie, und der Schock ihrer Taten traf sie von Neuem. „Ich habe seine Erinnerungen weggenommen, also weiß er nicht mehr, dass er uns eigentlich hintergehen sollte. Shacklebolt kann ihn so nicht töten, und er wird nicht wissen, dass er sich selbst umbringen wollte.“
Harry blinzelte. Öffnete seinen Mund. Schloss ihn fest. Packte ihre Hände fest genug, dass es wehtat. „Hermine…“, flüsterte er, Mitleid in seiner Stimme.
„Er hatte wohl Recht“, murmelte sie und ihre Augen wanderten zurück zu der schlafenden Form. „Ich war wirklich nicht stark genug, ihn gehen zu lassen.“
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Sie erzählten nur Moody und Shacklebolt, was passiert war. Hermine wiederholte ihre Geschichte zweimal – einmal für die beiden, einmal für die Akten, sollte es je einen Prozess geben. Sie unterzeichnete Formulare, die den Orden von jeglicher Verantwortung für Dracos Zustand befreiten. Sie sah nicht zu, wie Moody Dracos leblosen Körper in einen freien Raum schaffte. Konnte es nicht ertragen, wie seine Augen sich zum ersten Mal öffneten, ohne sie zu kennen. Zumindest nicht über die kleine Nervensäge mit den buschigen Haaren hinaus, der er einmal aus Spaß in den Fluren von Hogwarts ein Bein gestellt hatte.
Sie sperrte sich drei Tage in ihr Zimmer ein und weigerte sich, auf Mollys Flehen, etwas zu essen, einzugehen. Und am vierten Tag, als Harry sie besuchte, bettelte sie ihn an, ihr die Erinnerungen zu nehmen. Er protestierte. Aber letztendlich stimmte er zu (Weil er sie liebte und sie nicht sehen konnte, auf den Knien, wie sie ihn anflehte, ihren Wunsch zu erfüllen).
Sie saß ihm gegenüber auf dem Bett. Nahm seine Hand und gab ihm Malfoys Ring. Schloss ihre Augen, als er seinen Zauberstab sanft an ihre Schläfe legte.
Sie spürte, wie der Zauber sie traf. Erinnerungen entglitten ihr, wie Wasser in den Händen, oder Sand in einem Stundenglas.
Erinnerungen flackerten ein letztes Mal vor ihren Augen auf – ob aus Hohn oder als Geschenk konnte sie nicht sagen. Sein Lächeln, die Hotels, das Kartenspiel, die Ratte, der Tarnumhang in jener Nacht im Grimmauld Platz.
Momente. Und alle verschwanden in diesem einen.
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