
von Nitsrek
Jeder ist für sich selbst unsterblich; man weiß zwar, dass man sterben wird, aber man wird nie wissen, dass man tot ist. ~Samuel Butler
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„Als du aufgewacht bist, war es, als wäre nie etwas passiert.“ Harrys Lächeln fehlte der echte Humor. „Die letzten sieben Monate waren leer. Immer, wenn dich jemand darauf ansprach – oder ihn – seid ihr für einen Moment weggetreten und habt dann das Thema gewechselt.“
„Ich habe ihn nie gesehen. Draco. Ich war Ewigkeiten nicht mit ihm auf einer Mission.“
„Shacklebolts Idee.“
Hermine lachte – rau und bitter. „Er hat Draco schon immer gehasst.“
„Eigentlich war er nur besorgt, dass es irgendeinen Schaden verursachen würde, wenn ihr so früh nach den Zaubern zu oft zusammen seid.“ Am Ende des Satzes lag ein kleines Zögern und Hermine blickte ihn scharf an.
„Du denkst, mein Zauber hat Draco beschädigt? Ich haben diesen Zauber ein dutzend Mal gesprochen, Harry. Wenn etwas falsch lief, dann nicht meine Arbeit.“
„Du hast wahrscheinlich Recht“, sagte er und sie funkelte ihn an.
„Harry, ich…“ Und dann traf es sie. „Die Blut-Magie.“
„Was?“
„Als ich Draco mein Blut gab, entstand dadurch eine Verbindung zwischen uns.“
„Und weiter? Glaubst du, dass das Blut den Zauber durcheinander bringt?“
„Das ergibt einen Sinn. Blut-Magie ist sehr mächtig. Sie überschreibt die meisten anderen Zauber oder Flüche. Das solltest du besser als jeder andere wissen, Harry.“
„Meine Mutter…“
Zu jeder anderen Zeit hätte Hermine ihn vermutlich für sein schnelles Verständnis gelobt – eine nervige Angewohnheit, die sie nie losgeworden war. Aber ihr Verstand raste, arbeitete, schmerzte wegen der Erinnerungen, die auf sie einströmten, und plötzlich fühlte sie sich so langsam. Harrys Hand lag schwer auf ihren Schultern, bot aber nicht den gewohnten Trost.
„Bist du okay?“
Es schmerzte, zu nicken, stellte sie fest. „Kopfweh. Aber sonst okay.“
„Ich hole einen Schmerztrank.“
Er hielt an der Tür inne. Lief zurück zum Bett und bückte sich, bis er die verschlossene Truhe fand, die er dort aufbewahrte. Sie hatte den Inhalt nur ein paar Mal gesehen – ein paar von Sirius’ alten Briefen, alte Fotoalben. Aber was er daraus nahm war klein und nur in ein altes Taschentuch gewickelt. Sie wusste schon, was es war, bevor es in ihre Handfläche fiel. Malfoys Ring war genauso wie in seiner Erinnerung. Die Tür schloss sich leise, bevor die Tränen kamen.
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Niemand wusste genau, was passiert war. Einen Moment war Potter da, ausgelaugt und blass, und verlangte Kopfschmerz-Tränke von einer besorgten Molly. Dann war er weg. Verschwunden. Kein Apparier-Geräusch. Keine Blitze. Nichts.
Molly keuchte. Fred runzelte die Stirn. Teddy kicherte auf Dracos Schoß und klatschte vor kindischer Freude in die Hände. Draco stand auf, hob den Jungen hoch. Er lief an die Stelle, wo Potter gestanden hatte, dann blickte er in den langen Korridor. Granger stand dort, ein kleines Stirnrunzeln verzog ihre Augenbraue.
„Was -?“
Aber dann öffnete sich die Hintertür und die Welt gefror, als seine Augen die silberne Maske erkannten. Er zog seinen Zauberstab. Schrie einen Fluch. Drei Figuren mit Kapuzen stürmten in die Küche. Das Zerbersten von Fenstern hallte durch das Haus. Er hörte einen Schrei – Lavender? – und dann rannte er, hielt Teddy mit einem Arm an sich und feuerte Flüche mit dem Zauberstab über seine Schulter.
Granger hatte sich nicht bewegt, und er rannte sie gerade noch um, bevor der lila Lichtstrahl hinter ihr an der Wand explodierte.
„Granger, nimm Teddy!“ Er drückte ihr das Kind in die Arme und funkelte sie an, als sie ihn nur zögerlich nahm. Aber dann folgten mehr Schreie, und er drehte sich um und erkannte, dass die Todesser sie einkreisten. Er schaffte es, die ersten paar Zauber zu blocken, hätte den Mistkerl vielleicht sogar umhauen können. Aber dann kamen noch fünf weitere dazu, und Freds bewusstloser Körper wurde am Boden gefesselt. Er hörte Mrs. Weasleys Schreie, Moodys Flüche, Teddys Schluchzen hinter ihm. Er machte Rückwärtsschritte, trieb Hermine und den Jungen in eine Ecke. Aber es half nichts, und der nächste Fluch warf ihn in die Bewusstlosigkeit.
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Hermine hielt Teddy an sich, sein Körper zitterte in ihrem Griff. Oder vielleicht zitterte auch sie. Sie fühlte sich langsam und matt, aber ihr Kopf schmerzte nun nicht mehr so sehr und sie konnte denken. Und Denken war so wichtig. Weil sie gefangen waren. Das war’s. Schlimmst mögliches Szenario. Alarmstufe Rot. Die Todesser hatten gewonnen und sie saß wieder in den Kerkern von Malfoy Manor – nur diesmal zusammen mit zu vielen Menschen, die sie kannte. Ron saß links von ihr, seine gute Hand drückte ein Stück Stoff an eine Wunde in seinem Kopf. Lavender schluchzte in Nevilles Armen. Dean umklammerte Hannahs Hand. Mrs. Weasley war stumm, der Kopf des bewusstlosen Fred lag sanft in ihrem Schoß.
Draco war vor ungefähr einer Stunde wieder aufgewacht. Seitdem lief er auf und ab. Hermine überlegte geistesabwesend, dass sie ihn noch nie so wahnsinnig erlebt hatte. Er war wild, wechselte zwischen verwirrten, gemurmelten Selbstgesprächen, während er die feuchte Ziegelsteinmauer studierte und permanentem Fluchen während seinem Auf- und Ab-Laufen, so dass sie manchmal zusammenzuckte. Und die ganze Zeit beobachtete sie ihn, ihre Augen folgten seiner Reise vor und zurück, vor und zurück.
„Malfoy, Mann. Setz dich. Du machst dich nur unnötig fertig.“ Rons Stimme war heiser, sein Atem rasselte hörbar durch seine Brust. Draco ignorierte ihn, abgesehen von einem weiteren Schimpfwort.
„Was glaubt ihr, was sie mit uns machen?“, überlegte Hannah laut.
„Sei nicht naiv, Mädchen“, knurrte Moody.
Teddy schluchzte leise an ihrer Brust. Sie wiegte ihn langsam.
„Was ist mit Potter passiert?“, fragte Draco plötzlich. „Er ist einfach verschwunden.“
„Ich habe ihm einen Portschlüssel eingesetzt, der sich aktiviert, wenn sein Aufenthaltsort unter Beschuss steht“, antwortete Moody.
„Wo ist er jetzt?“, fragte Molly, hob aber ihren Blick nicht von Fred.
„An einem sicheren Ort. Hoffentlich bei Shacklebolt und den Anderen.“ Er war einen Moment ruhig. „Sie haben es von langer Hand geplant.“
„Was meinst du?“ Lavenders Gesicht war schmal und blass, und die verbleibende Farbe verschwand schnell.
„Das war kein Zufall. So viele von uns auf einem Haufen. Wir lagen falsch mit unserem Glauben, dass sie die Häuser nach dem Zufallsprinzip angreifen.“
„Sie haben uns zusammen getrieben. Uns auf einen Ort konzentriert, bevor sie richtig angreifen.“ Es war Draco, der sprach, und seine Stimme hallte in dem nachfolgenden Schweigen.
Es dauerte lange, bevor wieder jemand sprach. Ein Auror, den Hermine nicht kannte, brach die Stille. „Und was tun wir jetzt?“
Moodys magisches Auge fuhr herum, fixierte sich auf einen Punkt hoch über ihnen. „Wir warten“, sagte er nur, und die Stille kehrte zurück.
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Draco strengte seine Ohren an, um von oben irgendwelche Geräusche zu erkennen. Natürlich umsonst. Diese Kerker waren völlig schalldicht. Es wäre nicht angebracht, wenn die Schreie eines Gefangenen die Dinnergäster beim Nachttisch störten.
„Draco.“ Hermine wurde von der Dunkelheit verhüllt, die bis in sämtliche Ecken des Kerkers drang. Aber er konnte das Leuchten ihrer Augen ausmachen und Teddy, der sanft an ihrer Brust schlief. „Setz dich.“
„Ich bin nicht müde.“
„Du musst deine Stärke bewahren für den Fall, dass… einfach so.“
Er blieb noch eine Minute stehen, bevor er gehorchte. Die Mauer war kalt und feucht an seinem Rücken. Wasser tropfte irgendwo, traf auf den Steinboden und vermischte sich mit Nevilles Schnarchen. Hermine bewegte sich neben ihm und schlug mit dem Bein auf den Boden.
„Was tust du?“
„Eingeschlafen. Teddy saß eine ganze Stunden auf meinem Bein.“
„Gib ihn mir.“ Es dauerte einen Moment, bis sie den Körper des Jungen, schwer durch den Schlaf, von Hermines Schoß in Dracos Arme hoben. Teddy bewegte sich nicht, sein Kopf rollte gegen Dracos Brust. Er war klein in seinen Armen, die Schultern zu schmal, sein Gesicht entspannt im Schlaf. Draco spürte etwas Heißes in seiner Brust brennen, bevor es in seinen Hals aufstieg.
„Kinder haben einen natürlichen Verteidigungsmechanismus gegen Angst“, sagte Hermine und massierte ihr Bein.
„Lass mich das tun.“ Draco legte eine Hand auf ihr Bein und rieb, damit das Blut zirkulieren konnte. Sie lächelte ihn dankbar an, bevor sie fortfuhr.
„Sie schlafen, wenn sie Angst haben. Das schützt sie vor Dingen, die für sie wohl zu viel wären.“ Sie seufzte, und auch wenn es leise war, schien das Geräusch lange durch die Stille zu schweben. „Es wird alles gut werden. Harry ist entkommen. Er wird die restlichen Kräfte vereinen und sie werden kämpfen und gewinnen. So wird es am Ende sein.“
„Ich bewundere deinen Optimismus.“
„Kein Optimismus. Logik. Wenn alles vorbei ist, werde ich es dir erklären. Dann siehst du es ein.“ Ihre Stimme war so stark, so sicher, und seine Brust brannte mit der Sehnsucht nach dieser Willensstärke. Glauben zu können, dass etwas passieren würde, und diesen Glauben nie loslassen. Er spürte Teddys warmes Gewicht in seinen Armen, Hermines langes Bein unter seiner Hand. Er dachte an seinen Vater und wie er erlaubt hatte, dass sein Heim zu einem Spielplatz für Folter und Horror geworden war. Er wünschte sich die Stärke, tun zu können, was Lucius niemals konnte – seine Familie zu beschützen, koste es, was es wolle.
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Fred wachte nicht auf. Weder wenn sie ihn riefen, noch wenn sie ihn ohrfeigten. Nicht einmal, wenn sie das saure, abgestandene Wasser vom Boden in sein Gesicht spritzten. Molly hielt seinen Kopf im Schoß, murmelte tröstende Worte in sein Ohr und streichelte seine roten Haare.
Hermine dachte daran, wie sie miterlebt hatte, wie schlimmere Opfer auf wundersame Weise plötzlich geheilt waren. Und dass Freds weißes Gesicht oder die blauen Flecken unter seinen Augen nichts bedeuteten. Gar nichts.
Aber einmal sah sie, wie Moody ihn betrachtete. Zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, war sein magisches Auge ruhig. Es war auf Freds Brust fixiert, das flache Heben und Senken seiner Atmung. Es schien tiefer zu blicken und nur das zu sehen, was dahinter lag. Und als Moody den Blick abwandte, lag ein Schatten auf seinen Augen – ein Schatten, den sie schon in den Augen so vieler Anderer gesehen hatte.
Sie wusste, dass es Fred wieder gut gehen würde. Trotzdem neigte sie den Kopf und betete zu einem Gott, an den sie nicht mehr wirklich glauben konnte.
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Sie beschloss, den Obliviate zu entfernen. Seine Arme waren frei, Andromeda hatte Teddy vor zwanzig Minuten übernommen, und Draco döste an der Mauer. Sein Mund war zu einer festen Linie gezogen, seine Augen waren still hinter den Lidern. Sie hatte keinen Zauberstab, aber Moody hatte ihr bereits im ersten Jahr beigebracht, wie sie so leichte Zauber ohne Hilfe sprechen konnte. Und sie fragte sich immer wieder, ob sie nicht etwas Wichtiges gelöscht hatte. Etwas, das er vielleicht brauchte. Ihr Verstand wanderte zur Blut-Magie und den Ausdruck, den seine Augen manchmal annahmen – wild, verstört, wahnsinnig. Beschädigt.
„Finite Incantatem.“
Es war nicht das spektakuläre Ereignis, das sie erwartet hatte. Er keuchte oder schrie nicht, auch wachte er nicht ruckartig mit vorwurfsvollen Augen auf. Sie glaubte fast, dass es überhaupt nicht funktioniert hatte.
„Zauber auf eine schlafende Person sprechen.“ Seine Augen blieben geschlossen. „Eine Aktion, die eher zu einem Slytherin passen würde, meinst du nicht auch?“
„Egal“, murmelte sie. „Hat sowieso nicht funktioniert.“
„Sei nicht traurig. Ich bin sicher, dass du talentiert bist, was Magie ohne Zauberstab betrifft. Dein netter kleiner Erinnerungszauber funktioniert jedoch schon seit Monaten nicht mehr. Ich würde sogar behaupten, er ist inzwischen ganz weg.“ Seine Augen funkelten kalt in der Dunkelheit. Undeutbar.
„Wie lang schon“, fragte sie, ihre Stimme ein gebrochenes Flüstern.
„Eine Weile. Zuerst dachte ich, du würdest nur so tun, als hättest du es auch vergessen. Aber dann hab ich Hinweise fallen lassen, und damals, als du mich in der Küche erwischt hast, als ich gehen wollte… Ich habe realisiert, dass etwas passiert sein musste, nachdem du meine Erinnerungen gelöscht hattest.“
„Harry hat meine gelöscht. Ich habe ihn darum gebeten. Er hat den Zauber in der Nacht aufgehoben, als wir gefangen genommen wurden.“ Sie sagte nicht, was er vielleicht hören wollte – dass sie, wenn sie es eher gewusst oder sich erinnert hätte, den Zauber aufgehoben hätte. Ihm die gestohlenen Erinnerungen zurückgegeben hätte. So gut konnte sie nicht lügen. „Woran erinnerst du dich?“
„Nicht an alles. Die Hotelzimmer, die Manager, die Dinge, die wir gesehen haben… es ist alles verschwommen. Potter ist auch irgendwo da, aber es ist nicht deutlich.“
Sie schluckte, weil der Kloß in ihrem Hals sehr wehtat, dann blinzelte sie, weil es ihr die Tränen in die Augen trieb. „Bist du sauer?“
Sein Lachen war bitter, humorlos. „War ich. Ich war wütend.“
„War?“, flüsterte sie, weil sie sich an da Wort klammern musste.
Er seufzte, vielleicht hörte er die Bedrückung in ihrer Stimme. „Oh, Hermine“, sagte er mit leiser Stimme. „Du denkst, alles wäre so einfach. Schwarz und weiß, richtig und falsch.“ Und in seinen Worten lag so viel Mitleid, dass sie einfach verärgert sein musste.
„Es tut mir nicht leid“, sagte sie starrköpfig.
Er lachte wieder, diesmal nicht so derb. „Natürlich nicht. Stures Weibstück.“
Sie konnte in der Dunkelheit der Verliese wenig sehen, aber sie spürte, wie die Luft sich verlagerte, als er sich bewegte, und dann saß er neben ihr, berührte sie nicht, aber sie konnte seine Wärme spüren.
„Sind wir noch…?“ Aber sie hielt inne, weil es nie eine Bezeichnung für das gegeben hatte, was sie hatten, und auch wenn sie den Gedanken nicht ertragen konnte, dass er weg sein könnte, deckte der Begriff „Freund“ nicht ganz ab, was sie in ihm sah.“
„Ja“, sagte er nach nur einer kurzen Pause. Und dann nahm er ihre Hand. Es war nicht der Kontakt, nach dem sie sich sehnte, und sie musste dem Drang widerstehen, auf seinen Schoß zu klettern und sich an die vertraute Wärme zu klammern, wie ein hilfloses Kind. Aber seine Hand war warm in ihrer, und sein Daumen zeichnete Muster auf ihre Haut, und sie überlegte, dass das vielleicht reichte.
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Sie holten ihn – wie er bereits erwartet hatte – am vierten Tag ihrer Gefangenschaft (nach Moodys Schätzung). Hermine hatte protestieren wollen, als die maskierte Figur auf ihn deutete, aber Draco warf ihr einen Blick zu und sie verstummte, bevor ihr der Streit von den Lippen kam. Vielleicht glaubte sie, er hatte einen Plan und versuchte, ihr genau das wortlos mitzuteilen. Aber er war sich sicher, dass er in seinen Tod geführt wurde. Und er war sich fast sicher, dass dieses Wissen sie zum Schreien und Kämpfen bringen würde, und er konnte es nicht ertragen, ihren Tod mit anzusehen.
Er lief mit gebeugtem Kopf, zuckte leicht vor dem blendenden Tageslicht zurück, als sie die Kerker verließen. Er gestattete sich, die inzwischen unvertrauten Flure seiner Kindheit entlang geführt zu werden, eine Treppe hoch, durch einen weiteren Gang, in das Esszimmer, wo seine Tante Bella Hermine damals gefoltert hatte. Die Erinnerung kroch seine Wirbelsäule hoch, eine kitzelnde Vorankündigung von Schrecken, die ihn sicher erwarten würden.
Deshalb war er auch ehrlich überrascht und nicht im geringsten erschrocken, als er sich Bellatrix gegenüber fand, nicht Voldemort. Sie hatte sich seit ihrem letzten Treffen kaum geändert. Vielleicht ein paar zusätzliche graue Haare hier und da. Tiefgreifendere Verrücktheit wohnte ihren schwarzen Augen inne. Er dachte zurück an die Zeit, bevor die Schwester seiner Mutter wahnsinnig geworden war – bevor ihr einziges Kind, ein Squib, zu dem sie inzwischen nicht mehr stehen würde, ihr schreiend aus den Armen gerissen wurde, während sie weinte. Sein Mutter hatte ihm die vielen Geschichten ihrer glücklichen Kindheit erzählt, aber Draco sah die gesunde Frau nicht mehr, als dieses Monster vor ihm stand.
„Draco“, sagte sie, zu dünn, zu hoch.
Sie trug einen dunklen Umhang, feiner und sauberer als der, den er an ihr kannte. Ihre Haare waren wild, aber eher auf eine Art, die Macht ausstrahlte, nicht nie endenden Wahnsinn. Sie sah sich als Königin, realisierte er, und der Gedanke ließ ihn grinsen. Wut blitzte in ihrem Gesicht auf, manifestierte sich plötzlich, ohne Vorwarnung.
„Du wagst es, deiner Königin ins Gesicht zu lachen!“
„Meiner Königin?“ Sein Lachen ließ sich nicht zurückhalten. „Der Dunkle Lord wird dich töten, wenn er erst einmal an der Macht ist.“
„Lügen!“
„Wir wissen beide, dass unser Lord nicht teilt.“
Die Macht des Crucio traf ihn hart in der Brust und er fiel auf die Knie. Als es vorbei war, blieb er unten, denn es würde nichts helfen, wenn er seine Kraft in einer kindischen Darstellung von Sturheit zur vergeuden würde. Bellatrix wirkte nun ruhiger, wieder kontrollierter.
„Du dachtest immer, du wärst so klug. So wichtig.“ Ihre Lippen lächelten höhnisch. „Aber du bist nur ein verwöhnter kleiner Junge, der die Wahrheit nie erkannt hat.“
„Und was ist die Wahrheit, Tante?“
Sie lächelte, langsam, zufrieden, ihr Wissen süß in ihrem Mund, wie bei einem Kind mit einem Geheimnis. „Du warst nie der Favorit des Dunklen Lords. Er hat dich gehasst. Dich für die Schwäche deines Vaters verabscheut. Er dachte, er könnte dich brechen. Aber du warst… vielleicht etwas zäher, als er dir zugestanden hatte. Und dann starb deine Mutter. Und wir mussten einen neuen Weg finden, um dich zu halten. Dich zu zerstören.“
„Wovon sprichst du?“ Der Schmerz unter seinen Rippen, den der Cruciatus verursacht hatte, ließ ihn ungeduldig werden.
Bellas Belustigung verschwand nicht. „Dachtest du wirklich, der Dunkle Lord würde dir zutrauen, dass du unsere Feinde zu Fall bringst? Ein kleiner Junge ohne Familie und mit einem wertlosen Namen?“
„Wo ist die Schlange eigentlich? Hat sie es in deiner Nähe nicht mehr aushalten können?“
„Du wirst nicht so von unserem Lord sprechen!“ Die Worte waren geschrien, prallten gegen die Wände und Draco hörte ein paar der anwesenden Todesser zischen. Er rechnete mit einem Crucio, machte sich auf die kommende Welle aus Schmerz gefasst. Aber es kam nur Ruhe, dann das ungleichmäßige Klackern von Bellatrix’ Absätzen auf dem Steinboden. Sie umkreiste ihn, langsam, ihr Zauberstab hinterließ eine schwarze Nebelspur in der Luft.
„Unser Mächtiger Lord ist derzeit verhindert. Weißt du“, sagte sie, und in ihrer Stimme lag zu viel Freude, als dass Draco keine Panik hätte verspüren können, „während du und deine Freunde da unten in den Kerkern rumzitterten, sind Potter und seine oh-so-edlen Anhänger in die Schlacht gezogen. Der Dunkle Lord wird sie in den Überresten von Godric’s Hollow treffen.“
„Warum dort?“, fragte Draco, weil sein Verstand arbeitete und das konnte er sie nicht wissen lassen.
„Dort hat alles angefangen. Und dort soll es enden.“
„Unser Lord hatte schon immer einen Hang zum Theatralischen.“ Er erwartete Bestrafung, aber ihr entkam nur ein verrücktes Kichern.
„Was uns zurück zu unserem Hauptpunkt bringt – dir.“
„Mir?“
„Ja, Draky, du. Es wäre nicht ausreichend, dich nur zu töten. Das wäre keine angemessene Strafe für all deine Vergehen gegen den Dunklen Lord.“
„Ich war ihm immer loyal, bevor er mich rausgeworfen hat -“
„SEI NICHT FRECH, DRACO!“ Funken stoben aus der Spitze ihres Zauberstabs. Er zuckte nicht zusammen. „Dachtest du wirklich, du könntest den Dunklen Lord überlisten? Den mächtigsten Zauberer auf der Welt? Dummer Junge! Er wusste, dass du Zweifel an ihm hattest! Du warst nicht wirklich loyal! Du wärst letztendlich sowieso weggerannt, wie der Feigling, der du nun mal bist. Aber so konnten wir deine Feigheit wenigstens nutzen.“
„Wovon sprichst du? Ich habe euch nie genutzt! Ich habe seit jener Nacht nichts mehr von euch gehört oder gesehen!“
Sein Ausbruch schien ihre Wut zu stillen. Ihre Belustigung anzufachen, bis ihre Augen leuchteten und ihre Lippen so etwas Ähnliches wie ein Grinsen formten. „Nein, Draco. Aber wir haben von dir gehört und gesehen. Alles, was du getan und gesagt hast. Du hintergehst den Orden seit Jahren, und weißt es nicht einmal.“
„Du lügst.“
„Woher, glaubst du, kennen wir die Standorte der ganzen Unterschlupfe? Wie konnten wir unbemerkt an all den Schutzzaubern vorbei?“ Sie umkreiste ihn wieder, schnipste mit den Spitzen ihrer krummen Finger. „All diese Akten, diese Geheimnisse. Du warst immer nur ein Spion, Draco. Ein Verräter. Nur warst du zu dumm, um es zu merken.“
Er sprang auf die Beine, rannte auf sie zu, griff sie mit bloßen Händen an. Der Fluch, den sie auf ihn feuerte, schickte ihn, sich windend, auf den Boden, während sie lachte.
„Wenn ihr alles wisst, was ich weiß“, ächzte er, als sie aufhörte, und er sich auf seine Knie kämpfte, „warum lebe ich dann noch? Warum tötet ihr mich nicht?“
Er hatte einen wunden Punkt getroffen und wusste nicht, wie. Ihr Lächeln wankte, bekam Risse, wurde in einem Augenblick zu Wut. Ihre Pupillen waren groß und ihre Nasenlöcher bebten.
„Außer… Außer es funktioniert nicht mehr. Was auch immer ihr in meinen Kopf gesetzt habt. Weil…“ Und er erkannte es, plötzlich, strahlend. Die Blut-Magie. Hermines rechtmäßiger Besitz an ihm, die Schuld, in der er stand, die alle anderen Zauber übertrumpfte. Alles verblasste im Vergleich. Es gab nichts Stärkeres. Und ein Teil von ihm konnte nicht glauben, dass der Dunkle Lord es wieder nicht gesehen hatte. Diese mächtige, uralte Magie, die ihn schon einmal besiegt hatte.
„Unwichtig“, zischte Bellatrix und ihr Gesicht nahm wieder die vorherige Aufregung an. „Du bist nicht zur Befragung hier, Draco. Das hier ist meine Belohnung. Mein Geschenk vom Dunklen Lord, für meine unabänderliche Liebe und Loyalität. Er belohnt jene, die gut zu ihm waren, und ich war so gut.“
Draco zog eine Grimasse. Er konnte nicht getötet werden, das wusste er jetzt. Nur Hermines Tod oder die Begleichung seiner Schuld konnte ihn erlösen, und auch wenn die Zeit diese Verbindung schwächen könnte, dürfte er erst sterben, wenn seine Schuld beglichen war. Aber er würde Schmerzen spüren. Und er wusste, dass Bellatrix Schmerzen liebte. Es war etwas, wofür er noch nie eine Vorliebe hatte. Ein Kratzer am Arm von einem Hippogreif in der dritten Klasse hatte ihn genug erschüttert, um das verdammte Biest töten lassen zu wollen.
„Kriegen wir etwa Angst, Draky?“, neckte Bellatrix.
Er war kein Gryffindor, aber er hatte Würde, also biss er die Zähne zusammen und sagte, „Streng dich an.“
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„Wir müssen hier raus.“
Sie sagte es bereits das achte Mal, seit sie Draco verschleppt hatten. Sie wusste, dass ihre Unruhe an den Nerven zerrte. Sie konnte nicht aufhören. Sie hörten nichts. Keine Schreie, kein Weinen. Zwischendurch flackerte Moodys Auge in Richtung Zimmerdecke und sie wartete, angespannt. Aber auch wenn er etwas sah, sagte er nichts.
„Wir machen uns alle Sorgen, Hermine.“ Und vielleicht hatte Mrs. Weasley noch mehr sagen wollen, aber Hermine blickte sie an und sie verstummte, Mitleid schwer in ihrem Blick.
„Es muss einen Weg geben! Wir sind fast fünfzig Leute! Moody“, sie wirbelte zu dem alten Mann herum, „wie viele sind oben?“
„Dreißig. Vielleicht mehr. Sie halten nicht still.“
„Seht ihr! Wir können sie besiegen!“
„Ohne Zauberstäbe oder Magie?“, fragte Dean und die Stille, die ihre Antwort war, hallte lange Momente durch die Kerker.
„Wir überraschen sie“, murmelte sie, das Adrenalin trieb sie voran. „Wir warten, bis sie runter kommen, dann locken wir sie in einen Hinterhalt, nehmen uns ihre Stäbe und kämpfen uns frei!“
Aber in der Dunkelheit kam keine Antwort, und sie wollte sich nicht umdrehen und das Mitleid in ihren Augen sehen. Sie hatten aufgegeben. Für einen Moment hielten ihre Schritte inne. Sie sah Teddy an, der nur ein paar Meter entfernt saß, den Daumen im Mund. Der Blickkontakt brach nicht ab, als sie sich wieder in Bewegung setzte und sich hinter ihren Augen unzählige Pläne ausdachte.
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„Hast du schon genug, Draky?“ Bellatrix war über seinen Körper gebeugt und hätte er sich bewegen können, hätte er beim Geruch ihres faulen Atems gewürgt. Seine Muskeln waren unfähig, sich zu bewegen, seine Knochen wie Zement, seine Organe voller Sägemehl. Schmerz füllte jeden Zentimeter seines Körpers, übertönte alles außer dem Drang, sie aufzuhalten.
Bellatrix grinste. „Oder vielleicht brauchen wir nur ein neues Spiel? Ein paar zusätzlich Spielsachen vielleicht?“ Sie richtete sich auf, und die unsichtbare Klammer, die seinen Körper umgab, verschwand. Er hielt das keuchende, würgende Atmen nicht zurück, oder das leise, qualvolle Stöhnen, das ihm entkam. Bellatrix beobachtete ihn, und in ihren Augen lag ein wildes Leuchten. „Ich gebe zu, dass es einen Punkt im genialen Plan unseres Lords gibt, den ich nicht vorhergesehen hatte. Ich hätte nicht gedacht, dass selbst du dich so herabsetzen würdest. Zuerst wollte ich dafür deinen sofortigen Tod. Dafür, dass du dich mit diesem stinkenden, widerlichen Schlammblut! Aber wie immer hatte unser Lord eine Idee, wie wir das zu unserem Vorteil nutzen könnten.“ Terror packte ihn, mächtiger, verzehrender als der Schmerz. Bellatrix grinste, ihre gelben Zähne leuchteten im schwachen Licht des Raumes. „Weißt du, Draco, als du vor fünf Jahren hier vor uns standest, hast du behauptet, du hättest keine Schwäche. Jetzt hast du zwei.“ Ihr Blick verließ ihn nicht. „Bringt den Abschaum.“
Hermine wehrte sich nicht gegen die zwei Todesser, die es wagten, ihre ekelhaften Hände auf sein Eigentum zu legen. Sie lief mit erhobenem Kopf, und auch wenn die Angst für alle deutlich zu sehen war, ließ der Versuch, sie zu verstecken, seine Brust vor Stolz anschwellen. Aber alles brach in sich zusammen und wurde zu reiner, aufrichtiger Angst, als er bemerkte, dass sie nicht allein war, sondern Teddy in den Armen hielt.
Bellatrix kicherte, ihre Augen verließen ihn keine Sekunde, der Laut leise und faul in ihrer Kehle. Weil sie es wusste, und es gab keinen Sinn, seine Reaktion verstecken zu wollen, weil sie es wusste! Schon immer! Und er war ein verdammter Narr gewesen, zu glauben, dass er dieses Stück Himmel haben könnte und es nicht zerstören würde! Denn das passierte nun mal, wenn ein Malfoy etwas Gutes und Reines für sich nahm. Es starb. Sie brachten Unheil, deshalb hatte sich dieser Nachname auch vor all den Jahrhunderten entwickelt.
Hermines Blick traf seinen, ihr Griff um Teddy verstärkte sich. Er zappelte und sie runzelte die Stirn. „Nein, Teddy, du darfst die Augen nicht aufmachen. Wir spielen Verstecken, weißt du noch?“
Bellatrix lachte hoch und laut, und Teddy vergrub sein Gesicht noch tiefer an Hermines Hals. Verstecken! Perfekt! Ja, wir spielen alle gern Spielchen, nicht wahr? Und es wird noch lustiger, jetzt, wo die Ehrengäste eingetroffen sind! Bringt mir das Mädchen!“
Und er versuchte, sich an das Licht zu klammern, nicht von der unwiderstehlichen Dunkelheit verschluckt zu werden, aber sie überrollte ihn mit widerlichen Wellen, und im nächsten Moment landete Hermine neben ihm auf dem Fußboden. Er wusste nicht, ob sie verflucht oder geschlagen worden, oder wie lang er weg gewesen war. Er drehte den Kopf, und sie rückte zu ihm, bis ihr Mund nah an seinem Ohr war.
„… nur noch ein paar Minuten, ich verspreche dir, die anderen kommen und…“
Schritte, Schreie, die Hitze durch die Luft fliegender Flüche über seinem Körper. Moodys Rufe und Mrs. Weasleys Schreie – „-nie wieder meiner Familie wehtun!“
Das Gewicht eines anderen Körpers drückte an seine Brust und Hermines besorgte Augen blickten auf ihn herab. „Godric’s Hollow“, schaffte er und sie wiederholte es laut genug für die Anderen, gefolgt von mehrmaligem Krachen, als sie apparierten, dann Ruhe.
Er öffnete die Augen, sah Hermines Tränen und den ernsten Blick seiner Tante Andromeda. Sie blickten ihn nicht an, und es dauerte mehrere lange Momente, bis sie beide merkten, dass er wach war. Hermines Hand fiel auf sein Gesicht, streichelte seine Wange, und sie drückte einen Kuss auf seine Stirn. Er schaute nach rechts und sah Teddy, der zusammengerollt auf einem nahen Stuhl saß, abwartend, angespannt.
„Versuch nicht, zu sprechen“, flüsterte sie; hatte er das wohl versucht? Er hatte es nicht einmal bemerkt, wusste nicht, was er sagen sollte, hier auf seinem Totenbett. Vielleicht hätte er ja bemerkt, dass der Untergrund nun sehr viel weicher war, und die Decke sehr viel mehr nach der Zimmerdecke im alten Zimmer seiner Mutter aussah, nicht mehr nach zerstörtem Esszimmer, aber er hatte solche Schmerzen, überall, und war so müde.
„-etwas tun können!“
„… innere Blutungen… zu stark…“
„… weigere mich, das zuzulassen!“
Worte. Manche verstand er, andere waren gedämpft, als würden sie in weiter Ferne gesprochen werden. Nur Hermines Hand auf seiner Brust und ihre Augen, die ihn ansahen, waren real. Sie neigte sich zu ihm, flüsterte ihm ins Ohr, dass alles gut werden würde, und andere Sachen, die er sofort vergaß, nachdem sie sie gesagt hatte. Und dann lagen ihre Lippen auf seinen, weich, rein, schlicht. Füllten ihn mit Wärme. Und er war froh, dass sie in seinem letzten Moment bei ihm war, ihm mit diesem… Feuer füllte. Nicht Wärme. Brennende, schmerzende Flammen, die in seiner Brust loderten.
Sie keuchte und er wusste, dass sie es auch gespürt hatte. Er wollte sich entfernen, aber seine Arme waren bleischwer neben seinem Körper. Und dann wollte er sich gar nicht mehr bewegen. Etwas in ihm pulsierte, floss von ihr in ihn, und er erinnerte sich an Blut-Magie und dass man von dem Anderen Macht beziehen konnte, aber er war zu abwesend, um es überhaupt zu bemerken. Es gab nur Hermine und die Flammen. Das Feuer wuchs, ein Inferno tobte in ihm, übertönte alles andere, und es gab nur sie beide, allein, auf einem endlosen Ozean weißer Bewusstlosigkeit treibend.
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Es gab einen Fluss, an den sie früher immer mit ihren Eltern gegangen war. Sie machten ein Picknick und füllten ihre Plastik-Weingläser mit Traubensaft, und Hermine kicherte und schlürfte, als wäre es richtiger Alkohol. Dort lag sie nun, das hohe Gras wehte um sie, der blaue Himmel dehnte sich endlos, bis ihr Verstand sich unter all dem Ausmaß krümmte. Ihre Hand tastete, tastete, und da war er, seine Finger berührten ihre, sein Seufzen vermischte sich mit dem lauen Wind und dem Vogelgezwitscher in der Luft.
Er umfasste ihre Hand fester, rollte herum, bis er über ihr war; sein Gesicht umgeben von dem blauen Himmel und die Sonnenstrahlen in seinen Haare ließen ihn fast aussehen, als trüge er einen goldenen Heiligenschein. Der Gedanke brachte sie zum Kichern, dann Lachen, und dann lachten beide und genossen den Klang ihres Glücks. Sie überlegte, dass der Himmel vielleicht doch existierte, und dass es vielleicht das hier war – sie und Draco und die sonnigen Felder.
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