Inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te. - Mäuse
von Hoppenstedt
Alte, morsche Bäume standen verstreut. Ein See lag spiegelglatt in der Düsternis. Kälte kroch pfeifend durch die Öde. Ein Ort, geschaffen durch dunkle Magie. Amber spürte dies deutlich, während sie einige Äste zur Seite bog und gespannt auf die Szene vor ihr blickte. Ihre dunklen Augen funkelten böse.
Dort stand Greyback, der Mann, den sie schon seit einigen Tagen observierte. Aber bisher war es ihr nicht gelungen, sein Geheimnis zu erkunden. Offensichtlich musste hier das streng abgeschottete Hauptquartier Voldemorts liegen. Zutritt hatten nur die engsten Vertrauten.
Und jetzt war es wieder geschehen! Verärgert verzog Amber das Gesicht und fluchte lautlos in die Dunkelheit. Der Werwolf war an eine bestimmte Stelle getreten und dann einfach weg! Ob der dunkle Lord der Geheimniswahrer des Ortes war? Das war unwahrscheinlich. Diese Todesser waren zu beschränkt, um ein solches Geheimnis zu hüten. Sie würden wahrscheinlich die Zettel mit der genauen Adresse verlieren.
Es musste also einen anderen Zauber geben, der das Geheimnis bewahrte. Wütend schlich Amber näher. Severus war seit vier Wochen verschwunden und sie hatte immer noch keinen Erfolg gehabt!
***
Kälte, Kälte, Durst,
Verzweiflung,
Sterben, Sterben, Sterben.
Tod.
Eine nackte Gestalt lag zusammengekrümmt in der Ecke des kalten Kerkers. Der Boden war feucht von Blut, Urin und brackigem Wasser. Es stank bestialisch. Keinen Milimeter rührte sich der ehemalige Zauberer.
Ehemalig?
Ja. Seine Folterer hatten den letzten Schritt getan. Sie hatten die schlimmste Bestrafung angewendet, die man einem Zauberer antun konnte. Seine Hände waren mit schwarzer Magie durchbohrt worden. Ein großes Loch klaffte in jedem Handteller. Durch diesen war sämtliche Magie aus dem schwachen Körper herausgezogen worden. Doch nicht nur Magie. Auch der brilliante und klare Verstand des Tränkemeisters war verschwunden.
Eine Umkehr war unmöglich. Der Fluch war endgültig.
***
An der Stelle angekommen, wo nur eine Minute zuvor Greyback verschwunden war, strich Amber über das verdorrte, tote Gras. Totes Gras. Toter Severus. Mit einer hektischen Bewegung strich sie sich über ihr angespanntes Gesicht, um diesen letzten schrecklichen Gedanken loszuwerden.
Sie war doch so nah dran!
***
Kaum spürbar senkte sich der geschundene Brustkorb des Zauberers. In seinem Kopf wirbelten Gedankenfetzen. Nichts Greifbares. Nichts Fassbares. Nur Sinnentleertes. Immer wieder sah er Dumbledore mit einem riesigen Zitronenbonbon als Kopf durch die große Halle hüpfen. Zwischendrin tauchte auch Lockhart mit einer Frisur aus weißen Mäusen auf.
***
Als sie ihre Hand vom Boden hochhob, spürte sie plötzlich eine leichte Vibration an den Fingerspitzen. Das war es! Ambers Herz klopfte bis zum Hals. Sie hatte den Eingang gefunden und sie wusste auch, wie sie ihn öffnen würde. Gelobet war die schwarze Magie! Zumindest dieses eine Mal würde sie Gutes leisten. Mit einer komplizierten Handbewegung Ambers tat sich ein winziges Loch im Boden auf, das sich schnell vergrößerte und schließlich zu einer Treppe wurde.
Langsam schritt die Hexe diese hinab. Immer darauf bedacht, den nächsten Todesser, der ihr begegnete, aus dem Weg zu fluchen. Aber niemand war zu sehen. An einer Weggabelung musste sie sich das erste Mal entscheiden. Wo sollte sie lang? Entweder sie ging nach rechts einen schmalen Gang entlang, der leicht bergan stieg. Oder sie wählte den linken Weg, der am Ende in einer weiter abwärts gehenden Treppe endete.
***
Jetzt sprangen die weißen Mäuse von der Frisur McGonagalls. Sie hatte sie zuvor zu einem Dutt gebunden gehabt. Nun rannten die flinken kleinen Tiere über seine Trankzutaten, sprangen in die Kessel, schwammen eingelegt in großen Einmachgläsern...
***
Amber konnte sich nicht entscheiden. Sie musste intuitiv wählen. Und sie entschied sich für links. Es erschien ihr logischer, einen Gefangenen im Keller einzusperren, als im Dach eines Hauses.
In diesem Moment drangen laute Stimmen an ihr Ohr. Sie waren ganz nah. Doch die Hexe zögerte keine Sekunde. Hoch lebe das Animagi-Dasein! Während Dolohow und Greyback blöde lachend die Treppe emportrabten, huschte eine kleine goldbraune Haselmaus an ihnen vorbei. Sein sensibles Näschen zeigte dem Tier, wo es entlang musste. Im Zweifelsfrei immer dem Verwesungsgestank nach...
***
Immer mehr Mäuse. Weiße Mäuse mit roten Augen. Kleine Mäuse. Große Mäuse. Mäuse mit Zitronenbonbons und ohne. Mäuse mit Masken. Mäuse mit den Gesichtern von Todessern. Mäuse mit Zauberstäben. Mit Folterinstrumenten. Mit Feuer. Mit Ketten. Mit riesigen Schwänzen...
***
Amber lief schnell auf ihren kleinen vier Füßen über endlose Treppen. Jagte lange Gänge entlang. Strich vorsichtig um Ecken. Hielt ab und zu an. Schnüffelte. Horchte. Dann rannte sie weiter. Bis sie in einem halbdunklen Flur ankam. Eine einzelne Fackel brannte hier und sorgte für gespenstische Schatten an den Wänden. Ein Todesser patroullierte. Doch nicht lange. Immer wieder stieg der bullige Mann die Treppe empor und blieb mehrere Minuten weg.
Wahrscheinlich hielt er den Gestank nicht aus. Vorsichtig drückte sich der kleine Nager in eine kleine Ritze in der Wand. Die Dunkelheit half dabei. Der unbekannte Todesser ging schnaufend an ihr vorbei und schien wieder einmal kurz Pause machen zu wollen. Das war Amber´s Chance!
Flink rannte sie den Gang entlang. Lief an jeder Tür mit geschickten Pfötchen empor und spähte durch das Türgitter. Vier von fünf Holzzugängen zu irgendwelchen Kerkerräumen schaffte sie so. Aber alle waren leer. Dann kam der dunkle Mann zurück.
Atemlos drückte sich die kleine Maus in eine Ecke und wartete zitternd ab.
***
Immer mehr Mäuse...
Immer mehr Zitronenbonbons...
Immer mehr Schmerzen...
Eine einzelne braune Maus mit braunen Knopfaugen.
***
Der Todesser verließ wieder einmal den Gang. Ohne zu zögern, hastete das Mäuschen an der letzten Tür empor und quetschte sich durch die Gitterstäbe. Der Gestank im Raum dahinter machte sie benommen und augenblicklich verwandelte sie sich zurück in ihre eigene Gestalt, um nicht als Animagus ohnmächtig zu werden.
Entsetzt sah sie sich um. Der Raum war duster, kalt und zugig. Sie stand in einer nassen Pfütze. Woraus sie bestand, wollte die Hexe gar nicht erst wissen. Dann erblickte sie in einer der dreckigen Ecken einen Körper.
Taumelnd hielt sie sich an einer Wand fest. Sie musste nicht genauer hinschauen. Vor ihr lag kein anderer als Severus Snape. Oder besser: Das, was von ihm übrig war.
Vorsichtig schritt sie an ihn heran und fühlte seinen Puls. Er lebte. Auch wenn das unmöglich schien. Aber darüber konnte sie sich jetzt keine Gedanken machen. Sie hatte nicht viel Zeit. Sie ließ den Tränkemeister auf eine Trage gleiten und riss sich mit einer schnellen Bewegung den Umhang von den Schultern, um ihn um den Körper des Verletzten zu wickeln.
Geschickt flößte sie ihm dann einen Zaubertrank ein. Dieser würde ihr die spätere Arbeit erleichtern. Mit einem einfachen Schlenker ihrer Hand waren Trage und Mann unsichtbar. Sie selbst stellte sich rechts von der Tür auf. Nun würde sie warten müssen.
Es dauerte auch nicht lange, bis Schritte vernommen werden konnten. Der Todesser. Langsam ging er den Gang entlang und blieb schließlich vor der Tür stehen. Amber atmete tief ein. Wenn er jetzt durch die Tür sah, würde er sehen, dass niemand mehr da war. Sie hoffte inständig, dass er nicht sofort Alarm auslösen, sondern zuvor die Zelle betreten würde.
Und sie hatte Glück: Ein Schlüssel wurde im Schloss gedreht und der breitschultrige Mann trat blöde gaffend in den Raum. Sofort traf ihn ein Fluch und er kippte bewegungsunfähig nach vorn. Jetzt durfte die Hexe keine Zeit verlieren. Vielleicht würde sie es schaffen, Severus hier heraus zu bringen, bevor jemand die Flucht bemerkte.
Wurde der bewusstlose Todesser vorher gefunden, gab es keine Chance mehr. Erneut als Maus rannte sie die Gänge entlang. So schnell hatte sie ihre vier Füßchen noch nie voreinander gesetzt.
Aber es gelang. Erleichtert atmete der kleine Nager schließlich die kühle Nachtluft ein. Noch einige wenige Meter flitzte sie durch die Dunkelheit, während die unsichtbare Trage hinter ihr herschwebte. Dann verwandelte sie sich zurück, berührte den leblosen Mann und apparierte mit ihm zum Grimmauldplatz Nr. 12.
"Ich hoffe inständig, dass ihr jetzt ruhiger schlafen könnt. Severus ist aus der Hölle heraus. Wenigstens das."
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Es ist wunderbar, wie furchtlos und entschlossen Dan sich jeder Aufgabe stellt. Manchmal drehten wir eine Szenenwiederholung nach der anderen, und jedes Mal spürte ich seine Entschlossenheit, es bei der nächsten Wiederholung des Takes noch besser zu machen. Das schätze ich so sehr an ihm: Er setzt wirklich alles daran, um seine beste Leistung zu zeigen.
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