
von Hoppenstedt
Das erste Mal seit langem landeten die beiden Zauberer nicht auf einem Friedhof, einem ruinenbesetzten Platz oder in einem schaurigen Wald. Vielmehr herrschte dort, wo sie jetzt waren, völlige Einöde. Außer verdorrtem Gras und einigen abgestorbenen vereinzelten Bäumen war nichts zu sehen. Dennoch: An diesem Ort herrschte dunkle Magie.
Das erste Mal seit langem war Severus auch froh, dass er dank Ambers Apparierkünsten flach wie diese selbst im Dreck lag. Damit war zumindest ein kleines Maß an Tarnung gewahrt.
"Fulminant!", zischte er wütend durch zusammengebissene Zähne "An welchem heruntergekommenem Flecken Erde sind wir jetzt wieder gelandet?"
"Wir sollten uns verwandeln." flüsterte die Hexe leise und ignorierte damit geflissentlich Severus´ schlechte Laune.
Beide sahen sich kurz in die Augen - Augen einer kleinen Haselmaus und eines schwarzen Katers. Geschickt kletterte der possierliche Nager am nachtschwarzen Fell des größeren Tieres empor und hielt sich auf dessem Rücken sitzend fest, während der Kater auf Samtpfoten über das Gelände schlich.
Es war nicht schwer im Verlauf einiger Minuten die plötzlich auftauchenden Todesser wahrzunehmen, die gleich darauf wieder verschwanden. Eine Weile warteten beide Spione ab, bis sie sich sicher sein konnten, dass sie von keinem Nachzügler der schauerlichen Schar entdeckt werden würden.
Umsichtig bewegte sich der dunkle Kater näher bis zu der Stelle, an der sie die Todesser aus den Augen verloren hatten. Aber wie schon bei Voldemorts erstem Hauptquartier war auch diesmal nichts zu sehen. Auch war es zu gefährlich sich in dieser Situation in seine menschliche Gestalt zurück zu verwandeln, wenn die Anhänder Tom Riddles und vielleicht auch dieser selbst so nahe waren.
Lautlos suchte der Tränkemeister deshalb einen Baumstumpf in der Nähe auf und verbarg sich samt Maus dahinter. Zum Glück war es dem fabelhaften Okklumentiker und Legilimentiker auch in Animagusgestalt möglich, in Ambers Mäusegedanken einzutauchen und mit ihr über das weitere Vorgehen zu beraten.
"Was schlägst du vor?" fragte er spöttisch.
"Gegenfrage: Was suchst du in meinem Kopf?"
"Amber," stöhnte der dunkle Mann innerlich "können wir das bitte später diskutieren?"
"Nun gut. Aber wir werden es diskutieren!" stellte die Hexe fest. Irgendwie fand sie es immer noch befremdlich die dunkle Stimme ihres Freundes in ihrem Kopf zu hören und mit dieser auch noch zu sprechen! "Ich schlage vor, wir warten, bis sie wieder aus ihrem Versteck gekrochen kommen. Alle Auffälligkeiten werden notiert und dann versuchen wir in den hoffentlich leeren Bau hinein zu gelangen."
"Das halte ich auch für das Beste." konstatierte Severus.
"Du stimmst mir zu?" fragte Amber gespielt schockiert. "Mir? Das werde ich mir mit roter Tinte im Kalender notieren!"
Mit einem plötzlichen Seitensprung hatte der Kater die Maus im nächsten Moment von seinem Rücken geworfen, hielt sie zwischen seinen Pfoten gefangen und begann mit ihr nach typischer Katzenmanier zu spielen. Immer, wenn das kleine Tier zu entkommen versuchte, hielt er es am Schwanz fest oder er leckte ihm ausgiebig mit seiner rauhen Zunge über das braune Fell. Das Mäuschen schien alles andere als amused.
Das gemeine Spiel endete erst, als die Todesser erneut auf der Bühne erschienen. In dem kurzen Moment, in dem der Kater abgelenkt war, ergriff Amber die Flucht und nahm erneut ihren Platz auf seinem Rücken ein. Dafür würde sie sich noch zu rächen wissen. Ein paar Flöhe würden ihrem aufmüpfigen Haustier bestimmt Einhalt gebieten...
Gespannt warteten nun beide auf die Todesser. Jeder zählte für sich mit. Am Ende hatten genauso viele das Quartier verlassen, wie es betreten hatten. Möglicherweise versprach dieser Umstand den beiden Zauberer freie Bahn für ihre Nachforschungen. Nachdem sie noch die einzelnen Plopp-Geräusche der Apparierten abgewartet hatten, machte sich Severus erneut auf den Weg.
An der richtigen Stelle angekommen, verwandelte sich Severus in seine ursprüngliche Gestalt und Amber tat es ihm nach.
"Was glaubst du, wie man hineinkommt?" fragte die Hexe skeptisch.
"Ich habe so eine Idee. Er wird nicht noch einmal das Risiko eingehen, einen schwarzmagischen Zauber zu verwenden, weil der letzte, der sein Quartier hat auffliegen lassen, dieser Art von Magie offensichtlich mächtig ist."
"Vielleicht ist er Geheimniswahrer dieses Ortes?" wollte Amber hoffnungslos wissen.
"Ein Geheimniswahrer setzt Vertrauen voraus. Das hat er nicht. In niemanden. Außer vielleicht in seine Schlange, auf keinen Fall aber zu seinen Todessern. Und genau da liegt der Punkt: Diesen Schwachmaten muss ein einfacher Zugang ermöglicht werden. Und welcher wäre das?" dozierte der Tränkemeister lehrerhaft.
"Sie geben ihre vorhandenen zwei Gehirnzellen an der Tür ab?"
"Sie benutzen das hier." damit zeigte Severus auf seinen linken Unterarm, auf dem sich noch immer das dunkle Mal befand. Gebannt beobachtete ihn Amber, wie er langsam und hochkonzentriert seinen Arm über die besagte Stelle kreisen ließ und tatsächlich: Vor den beiden verdutzten Spionen tat sich der Eingang zu einem mittelalterlichen Burghof auf.
Sofort wieder in Tiergestalt betraten sie diesen und fanden sich vor einer verwitterten uralten Burg wieder. Die Mauern waren von abgestorbenen Pflanzen überzogen. Viele Fenster waren kaputt oder blind und starrten tot ins Leere. Die Luft anhaltend nahmen beide den erstbesten Zugang zum Inneren des Gemäuers und verharrten hinter der Tür einen Augenblick, um sich sowohl an die Dunkelheit als auch um ihre empfindlichen Tiernasen an den Geruch der Verwesung zu gewöhnen.
***
Seit mehreren Stunden befanden sich beide nun in dem Gebäude. Sie waren durch gefühlte hundert Gänge gestreift, hatten ebenso viele Räume erkundet, aber nichts entdeckt, was auch nur irgendwie wichtig gewesen wäre. Severus hatte vermutet, dass sich das, was sie suchten sicher in den Kellergewölben befinden würde. Aber dort war nichts außer einer im Gegensatz zu den anderen Räumlichkeiten sauberen Halle, die von unzähligen Fackeln erhellt wurde.
Schließlich stiegen sie sogar bis in die höchsten Türme empor, aber auch hier war keine Spur irgendeines besonderen Zaubers oder Gegenstandes zu finden. Dazu kam, dass ihnen die ganze Zeit über nicht eine Menschenseele begegnet war. Der Ort schien absolut tot. Wenn beide nicht die Todesser kommen und gehen gesehen hätten, sie hätten längst die Heimreise angetreten.
"Wir sollten zurück, Severus. Wir sind bereits seit vier Stunden hier und haben nichts gefunden."
"Nur noch ein paar Minuten." schallte es in Ambers Kopf wieder. "Ich bin mir sicher, wir finden etwas. Der Raum in den Kerkern sah aus, als würden dort Zeremonien abgehalten werden und ich will wissen, wofür!"
Währenddessen waren beide an eine weitere Tür gelangt, die ähnlich unscheinbar aussah wie alle anderen. Auch sie hing schief in den Angeln, auch sie bot einer Katze und einer Maus einen Spalt zum Durchschlüpfen. Der Raum dahinter war jedoch alles andere als trostlos und leer. Hier schien offensichtlich jemand zu recherchieren. Dutzende Bücher lagen im Raum verteilt. Hundert andere lagerten in großen Regalen an allen Seiten des Zimmers.
Neugierig sprang der Kater auf den großen viereckigen Tisch, der die Zimmermitte für sich beanspruchte und gewichtig erschien. Auch auf diesem waren dutzende Bücher verteilt, einige aufgeschlagen. Dazwischen lagen wild verstreut Pergamente, Federkiele und Tintenfässer. Beide Spione verschafften sich einen groben Überblick über die vorhandenen Bestände.
Zumeist handelte es sich dabei um schwarze Magie. Ein Buch jedoch schien den Tränkemeister besonders zu faszinieren. Gebannt starrten Katzenaugen eine ganze Weile lang auf dieselbe Seite. Amber wurde währenddessen unruhig. Sie spürte Gefahr nahen, konnte dieses Gefühl jedoch nicht genau begründen.
Severus schien jedoch so sehr mit seiner Lektüre beschäftigt, dass er sich momentan nicht um die Gedanken seiner Freundin bemühte. Erst ihr eindringliches Piepsen warnte ihn. Und sie sollte Recht behalten. Schritte waren plötzlich auf dem Gang zu hören. Dann aggressives Zischen. Der Slytherin wusste sofort, was das zu bedeuten hatte, kannte er doch den Klang der Parselsprache genau.
Sich panisch umblickend wurde beiden schnell und vernichtend bewusst, dass für eine mögliche Flucht nur die Tür infrage kam, die sich jeden Moment öffnen konnte. Sie saßen in der Falle.
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